Das Loch in der Tür

Von Hans Pedersen

Einführung

Für politische und religiöse Erscheinungen spielt es eine Rolle, daß abnormes Verhalten übertragbar ist. Der deutsche Nervenarzt Kraepelin hat um die Jahrhundertwende einen Zustand beschrieben, den er »induziertes Irresein« nannte.[1] Dabei ruft eine psychotische Person, die als Induktor bezeichnet wird, eine ähnliche Krankheit bei sonst normalen Personen hervor. Die Krankheit umfaßt dabei immer mehr als eine Person: den Induktor und den oder die Induzierten. Die Entwicklung der Psychose beim Induktor ist abhängig von der Rückkopplung mit den induzierten Personen. Der Induktor ist dominierend, und die Induzierten folgen ihm wie ein Hund seinem Herrn. Ihr Verhalten wird erst wieder normal, wenn der Kontakt zum Induktor abgebrochen wird.

Eine Variante von Kraepelins »induziertem Irresein« soll im Folgenden beschrieben werden und umfaßt zwei Krankheitsbilder: 1) Die Krankheit des Induktors, die - nach dem ersten beschriebenen Fall - als Rachel-Hertz-Syndrom bezeichnet werden kann, und 2) die Krankheit auf Seite der Induzierten. Hierfür schlage ich die Bezeichnung »Syndrom erworbener Verhaltensdefekte« bzw. nach angelsächsischem Sprachgebrauch »Acquired Behavior Deficiency Syndrom« - abgekürzt ABDS - vor, um die Ähnlichkeit mit AIDS zu betonen.

Der Tatort: Fredericiagade Nr. 26 in Kopenhagen, das Wohnhaus der »Nähnadeljungfer« (Bildarchiv Stadtmuseum Kopenhagen)

Der Zustand kann von Neurosen, Psychopathien und von den psychotischen Zuständen als selbständige Krankheitsform abgegrenzt werden. Ganze Epidemien können entstehen. Erreger sind hier nicht wie gewöhnlich Viren oder Bakterien, sondern Ideen und Vorstellungen, aber ähnlich wie bei AIDS (Syndrom des erworbenen Immundefekts) ist die Voraussetzung für das Entstehen der Krankheit eine Blockierung - hier von neurologischen Funktionen höherer Ordnung.

Die Ähnlichkeit von ABDS und AIDS besteht darin, daß in beiden Fällen die Unterscheidung zwischen »fremd« und »eigen« verfälscht wird, so daß Außenstehende - Viren oder Nichtangehörige der Gruppe - die Kontrolle erlangen können. Wenn entartete Zellen nicht als solche erkannt werden, entsteht Krebs. Wenn AIDS die Immunabwehr blockiert hat, können Schmarotzer wie Viren, Pilze und Bakterien den Körper zerstören. Auch das hat eine Parallele bei ABDS.

Rachel-Hertz-Syndrom

Beim Rachel-Hertz-Syndrom besteht ein krankhafter Impuls, sich Aufmerksamkeit und Zuwendung zu verschaffen, indem der Kranke bewußt betrügerische Mittel anwendet.[2] Er weiß, daß er diese Mittel vor der Umgebung verbergen muß. Dagegen ist der Impuls, den Schwindel auszuführen, unbewußt und nicht dem Willen unterworfen. Die Reaktion der Umgebung kann aber das krankhafte Verhalten unterdrücken oder fördern - dann kann es soweit ausarten, daß der Kranke seine Umgebung völlig beherrscht.

Im Unterschied zu dem von Kraepelin beschriebenen Krankheitsbild ist der Induktor hier nicht von der gleichen Krankheit befallen, die er bei seinen Opfern hervorruft, er hat nicht die gleichen Wahnvorstellungen, die er bei den Induzierten hervorruft. Der Induktor blockiert die Abwehrmechanismen des Opfers. Durch Aufbau eines Tabus nimmt er dem Opfer die Fähigkeit, sich selbst kritisch zu betrachten und seinen Verstand zu gebrauchen.

Der Induktor ruft eine emotionale Hemmung hervor, die ein rationales Hinterfragen des eigenen Verhaltens auf seiten der Induzierten blockiert - so ebnet sich der Induktor den Weg zur Ausnutzung des Opfers, dessen Verhalten für Nichterkrankte peinlich und lächerlich erscheinen kann.

Paranoide Vorstellungen bezüglich gewisser zeitgeschichtlicher Epochen kommen auf diese Weise zustande. Für ein gründliches Verständnis der Krankheit soll hier jedoch der namengebende Fall beschrieben werden, der einige Zeit zurückliegt und von daher weniger Gefahr bietet, bei eventuell induzierten Lesern die oben beschriebenen emotionalen Blockierungen auftreten zu lassen.

Das Krankheitsbild wurde zuerst in Dänemark bei einem jüdischen Mädchen namens Juliane Rachel Hertz beschrieben, die als »Nähnadel-Jungfer« bekannt wurde.[3] Kennzeichnend für die Erkrankung ist die hemmungslose Anwendung dauernder Täuschung und anhaltenden Schwindelns durch eine Person, die sich damit selbst in den Mittelpunkt bringen will, um die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Umgebung zu erlangen.

Rachel Hertz zeigte einen Zustand, der zumindest am Anfang Zweifel offenließ, ob Hysterie vorlag - in psychiatrischem Sprachgebrauch ein Zustand, bei dem der Patient unbewußt neurologische Symptome darbietet. Für den Arzt kann es schwierig sein, die Grenze zwischen Hysterie und bewußtem Schwindel zu ziehen, und die Schwindelnummern des Patienten können sehr glaubwürdig ausgeführt sein. Meistens hat der Patient Helfer bei den zur Täuschung notwendigen Handlungen.

Im Falle der »Nähnadel-Jungfer« zielten die Täuschungen vor allem auf einen dänischen Arzt ab, nämlich J.D. Herholdt, Professor der Inneren Medizin und von 1819 bis 1825 Chefarzt am Kgl. Frederiks Hospital in Kopenhagen. Daher wurde das Verhalten der Patientin durch körperliche Symptome und Selbstverletzungen geprägt.

Rachel Hertz entstammte einer jüdischen Familie. Der Vater ihrer Mutter war um 1750 aus Portugal nach Dänemark gekommen. 1752 heiratete er Rebekka Wessely. Ihre Tochter Esperance Warburg heiratete Levin Hertz, der ca. 1756 in Berlin geboren worden war.

Alle genannten Personen waren jüdischer Abstammung. Rachel Hertz war das vierte von sechs Kindern. Die Familie gehörte zu den wohlhabendsten in Kopenhagen und hatte keine Probleme, Rachels 31/2 Jahre dauernden Krankenhausaufenthalt und ihre spätere Pflegeanbringung zu bezahlen.

Professor J. D. Herholdt (1764-1836), Opfer und Held. (Medizinisch-historisches Museum, Kopenhagen)

Rachel Hertz war begabt und hatte eine lebhafte Phantasie. Sie hatte eine Neigung, andere zu ärgern und sich selbst herauszustellen. In den Jahren 1808 bis 1811 zeigte sie hysterische Symptome mit Schreien, Raserei- und Krampfanfällen. Prof. Herholdt war Hausarzt der Familie. Aber erst 1819 begann Rachel die Schwindelnummern, die ihr später die Bezeichnung »Nähnadel-Jungfer« einbrachten. Sie war damals 26 Jahre alt. Herholdt wurde gerufen, weil die Patientin starke Schmerzen im Unterleib hatte, sich erbrach und unaufhörlich wimmerte.

Unterhalb des Nabels fand Herholdt einen großen harten und schmerzhaften Knoten. Er nahm einen Einschnitt vor und entnahm einen schmalen und harten Fremdkörper, der sich als Nadel erwies. Rachel behauptete, daß sie die Nadel geschluckt habe, die dann selbst durch ihren Körper an diese Stelle gewandert sei, wo Herholdt sie gefunden hatte. Rachels Umgebung, darunter Prof. Herholdt, zweifelten nicht an dieser Erklärung, obwohl Rachel später überführt wurde. Bis 1826 mußte Herholdt mehrere Hundert Nadeln entfernen.

1820 erlitt Rachels Mutter eine Apoplexie mit linksseitiger Lähmung. Rachel entwickelte mittlerweile eine »Lähmung« sowohl von Armen und Beinen, aber zu Neujahr 1820 verblieb nur eine »Lähmung« des rechten Armes.

Im Frühjahr 1821 nahm Rachel nochmals die Symptome aus der Zeit vor 1811 auf: sie konnte wieder kein Wasser lassen und mußte katheterisiert werden. Das wurde zweimal täglich von Herholdt durchgeführt. Die Flüssigkeitsmenge, die durch das Katheter in der Blase abgelassen wurde, überstieg bei weitem die Flüssigkeitsmenge, die Rachel einnahm. 1822 wurde Rachel in das Kgl. Frederiks Hospital eingewiesen, wo Herholdt in der Zwischenzeit medizinischer Chefarzt geworden war. Nach der Aufnahme wurde sie stumm und kommunizierte von da an, indem sie mit der linken Hand schrieb.

Entlarvung

1825 endete Herholdts Wirken am Kgl. Frederiks Hospital und Rachel kam nun in Pflege zur Schuhmacherfamilie Kuhn. Ihre Wirtsfamilie schöpfte Verdacht, daß sie simuliere, und bohrte deshalb ein Loch in die Tür ihres Zimmers, um Rachel beobachten zu können. Es zeigte sich, daß sich Rachel, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, im Bett aufsetzte, den »gelähmten« Arm bewegte oder im Zimmer herumging. Mit der rechten Hand kämmte sie ihr Haar und schrieb die Mitteilungen an die Tafel, die zur Verständigung mit Herholdt diente. Außerdem füllte sie Flüssigkeit und Luft durch das Katheter in die Blase.

Herholdt wurde darüber informiert und konnte selbst Rachel durch das Loch in der Tür beobachten. Rachel wurde mitgeteilt, daß sie entlarvt sei, und im Laufe weniger Tage waren ihre Körperfunktionen wieder in erträglicher Ordnung. Es wurde erwogen, ein Strafverfahren gegen sie einzuleiten, aber Königin Marie Sophie Frederikke legte Fürbitte für sie ein.

Nach der Entlarvung war klar, daß Rachel Mithelfer gehabt haben mußte. Es war auch klar, daß es Rachel durchaus bewußt gewesen war, daß sie ihre Umgebung hinters Licht führte.

Die »Symptome«, die Rachel entwickelt hatte, waren teils inspiriert durch die Apoplexie der Mutter mit anschließender echter Lähmung, teils waren sie darauf abgestimmt, wen sie beeindrucken sollten. Wenn eine medizinische Autorität wie Herholdt die Symptome als echt anerkannte, akzeptierte sie auch die Umgebung als echt. Wenig bekannt ist über die Helfer, die sich des Betrugs bewußt gewesen sein müssen.

Hätte niemand auf den Schwindel der Rachel Hertz reagiert, und wäre Rachel nicht Gegenstand des Interesses prominenter Personen gewesen, so wäre die Krankheit möglicherweise gar nicht zum Ausbruch gekommen. Hochstehende Personen legten regelmäßig Visiten ab: Prof. Justizrat Weedemann aus Kiel, Seine Exzellenz Geheimer Konferenzrat W.J.A. von Moltke, Bischof dr. theol. C.D. Kofoed, der Sekretär bei der russischen Legation, Louis de Bioloier sowie Prof. Dr. H. Chr. Örsted (Entdecker des Elektromagnetismus), um nur die prominentesten zu nennen.

Rachel wurde nicht als psychisch abweichend eingeschätzt. Sie war nicht »wahnsinnig« nach dem damaligen ärtzlichen Wissensstand. Ihr Fall war aus medizinischer Sicht interessant, und Herholdt konnte die Patientin in die höchsten Gesellschaftsschichten einführen. Rachel war begabt und nahm u.a. Übersetzungen aus lateinischen medizinhistorischen Werken für Herholdt vor. Die Arbeit mit diesen Werken hat Rachel zweifellos einige Ideen für »Symptome« gegeben und ihr das theoretische Wissen verschafft, das nötig war, um einen Arzt jahrelang irrezuführen. Umgekehrt hat Herholdts gründliche und ausdauernde Untersuchung dazu beigetragen, ihr Interesse an der Sache aufrechtzuerhalten.

Der Fall zeigt auch, daß der Induktor seine Ideen für Schwindelnummern aus seiner Umgebung aufgreift und der Erwartung seiner Zielperson(en) anpaßt.

Ohne die Möglichkeit zu Schwindelnummern - wenn die Umgebung auf das Phänomen aufmerksam ist - kann der Kranke durchaus ein normales Dasein führen und sich einfügen.

Am 8. Mai 1829 brachte Rachel Hertz die Tochter Juliane Krüger zur Welt. Der Vater war laut Kirchenbuch der Trinitatus-Gemeinde in Kopenhagen ein Bürochef Krüger. Rachel befand sich nun ganz außerhalb des jüdischen Milieus und zog 1834 mit der Tochter zum Försterhaus Svendstedille auf Seeland. Sie starb 1841, nachdem sie zuletzt ein völlig normales Leben geführt hatte. Von ihren dortigen Wirtsleuten wurde Rachel Hertz liebe- und verständnisvoll behandelt. Aber aufgrund deren Erwartungshaltung - sie kannten natürlich die Vorgeschichte - war eine Entfaltung des Triebes zum Täuschen nicht mehr möglich. Heutzutage würden gewisse Kreise diese Erwartungshaltung als »Antisemitismus« anprangern.

Die »Nähnadel-Jungfer« ist das erste gutdokumentierte Beispiel dieser Form von Geisteskrankheit in der Medizingeschichte. Nicht die körperlichen Symptome charakterisieren den Zustand, sondern die Neigung und die Fähigkeit, die Umgebung zu täuschen. Es geht nicht um Betrug im gewöhnlichen strafrechtlichen Sinn. Es handelt sich um eine Verhaltensstörung, die als endogen betrachtet werden muß. Das heißt, sie kommt von innen, ist angeboren. Der Kranke - der Induktor - muß, um einen emotionalen Gewinn zu erlangen, andere Menschen beeinflussen und täuschen. Dabei bedient er sich angeborener Auslösemechanismen beim Opfer, die nicht pathologischer Natur sind, sondern z.B. bei der Einordnung und Rollenzuteilung in einer sozialen Gemeinschaft wirken. Hierzu gehört, anderen Mitgliedern der Gemeinschaft im Falle von Schwäche oder Krankheit Hilfe zu leisten, Schutz zu gewähren, Mitleid zu bezeugen und zu trösten. Der Kranke bewirkt durch seine Simulation, daß diese Mechanismen beim Opfer - dem Induzierten - »falschen Alarm« auslösen und damit der Situation nicht angemessene Reaktionen. Dieser Zustand allein kann noch nicht als krankhaft betrachtet werden. Jeder Säugling versucht auf diese Weise, vor allem seine Mutter »abzurichten«. Fällt die Mutter darauf zu arg herein und reagiert mit unangemessener Zuwendung, ist die Entwicklung zum Tyrannen vorprogrammiert.

Krankhaft wird das Verhalten, wenn der Induktor sein Opfer durch Entwicklung neuer Symptome - Toben, Schreien, hysterische Anfälle - und durch Erregung von Schuldgefühlen daran hindert, rational zu handeln. Wenn jeder Versuch des Opfers, seine Rolle rational zu beurteilen, mit heftigen Reaktionen des Induktors »bestraft« wird, hört das Opfer schließlich auf, dem Induktor überhaupt noch Widerstand entgegenzusetzen. Statt rational zu denken, läßt es sich über Schuldkomplexe usw. steuern. Erst wenn das Opfer in Gegenwart anderer mit der Wahrheit konfrontiert wird, »wagt« es wieder, selbständig rational zu denken.

Neurotische Personen können ihre Umgebung vollkommen terrorisieren, weil die meisten Menschen die emotionale Belastung nicht ertragen können, wenn ein Neurotiker nicht seinen Willen bekommt. Der Induktor von ABDS leidet jedoch nicht an einer Neurose, wie die sehr schmerzhaften Selbstverletzungen im Fall Rachel Hertz zeigen. Dies belegt, daß es sich um eine selbständige Krankheitseinheit handelt. Kern der Krankheit des Induktors ist der Drang zur Täuschung. Eines der Mittel hierzu können Selbstverletzungen sein. Im Gegensatz zu den - oft sehr schweren - Selbstverletzungen von Schizophrenen sind die eines Induktors in der Regel wenig gefährlich - und erfolgen unter dem Aspekt der Zweckmäßigkeit. Die Selbstverletzungen beim ABDS-Induktor haben eine Parallele mit dem »pseudo-tentamen suicidi«, einem Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Patienten mit dieser Diagnose haben einen Selbstmordversuch gemacht - nicht mit dem Ziel, sich umzubringen, sondern um damit an ihre Umgebung zu appellieren. Der Versuch ist bewußt darauf ausgerichtet, daß er mißlingen soll.

In der praktischen Diagnose werden auch Züge von verwandten klinischen Bildern gefunden und es werden daher beim Rachel-Hertz-Syndrom sowohl neurotische, psychotische, psychopathische und hysterische Komponenten angetroffen. Es ist aber zu betonen, daß der Induktor eben nicht selbst an die beim Opfer hervorgerufenen Wahnvorstellungen glaubt. Zwar ist es nicht ausgeschlossen, daß er an anderen Wahnvorstellungen leidet, aber er ist sich der Täuschung und des Betruges bewußt und verhält sich sehr rational und umsichtig, um eine Aufdeckung der Täuschung zu verhindern. In den Fällen, wo er auf Helfer zurückgreift, ist wahrscheinlich, daß diese bestochen werden.

Der Induktor handelt als Triebtäter, und selbst die Erwartung der Konsequenzen einer Entlarvung kann ihn nicht von seinem Verhalten abbringen. Erst wenn er der Möglichkeit zur Täuschung beraubt wird, kann eine Heilung erfolgen.

Syndrom erworbener Verhaltensdefekte (ABDS)

Auf Seiten des Opfers wird meistens ein Netz emotionaler Verstrickungen und Blockierungen gesponnen, so daß sich das Opfer nicht von alleine befreien kann. Die Wahnvorstellungen haben eine andere Genese als psychogen verursachte Wahnvorstellungen. Gemeinsam ist natürlich die enorme psychische Belastung, wie etwa bei Kriegspsychosen, aber die Fähigkeit zu normalem und rationalem Verhalten in anderen Lebensbereichen ist nicht eingeschränkt. Die ABDS-Psychose ist sozusagen nur gegenüber dem Induktor (und ggf. Mitinduzierten) wirksam.

Kraepelins Krankheitsbild »induziertes Irresein« ist auch in der älteren psychiatrischen Theorie unter den französischen Bezeichnungen »folie à deux« bzw. »folie à trois« usw. bekannt. Die Diagnose »induzierte Psychose« beinhaltet, wie bereits genannt, daß der Induktor und der Induzierte gemeinsam der gleichen Wahnvorstellung nachhängen, und daß bei den Induzierten pathologische Mechanismen wirken: ihr fallen im allgemeinen Randgruppen des Normspektrums zum Opfer.

Hier liegt der Unterschied zu ABDS, bei dem der Induktor normale Verhaltensmechanismen normaler Menschen ausnutzt. Die Induzierten gehören bei ABDS - wie der Fall Herholdt zeigt - nicht zu Randgruppen mit Defekten. Herholdt hebt sich nur positiv hervor: überdurchschnittliche Intelligenz ist anzunehmen, sowie ein starkes soziales Engagement.

Ein weiterer Unterschied zwischen Kraepelins »induziertem Irresein« und dem Fall Rachel Hertz liegt - wie bereits festgestellt - darin, daß diese als Induktor keine Wahnvorstellungen hat. Es ist Herholdt, dessen Bild der Situation von Wahnvorstellungen geprägt ist. Seine Beurteilung des Zustandes der Patientin ist verkehrt und irrational. Natürlich kann man nicht jede Fehldiagnose eines Arztes als Wahnvorstellung bezeichnen. Die Berechtigung hierzu im Fall Rachel Hertz gründet auf der Blockierung, die bei Herholdt bezüglich einer rationalen Bearbeitung des klinischen Befundes eingetreten war. Schon der Unterschied zwischen eingenommener und ausgeschiedener Flüssigkeitsmenge hätte Herholdt zum Nachdenken bringen müssen.

Erst als Herholdt durch das Loch in der Tür blickte, kam ihm der Gedanke, daß er zum Narren gehalten worden war. Er hatte nicht einmal erwogen, daß Rachel sich selbst Nadeln und andere Gegenstände unter die Haut einführte. Das Krankhafte solchen Verhaltens wird klar, wenn man die Schmerzen berücksichtigt, die das hervorgerufen haben muß.

Herholdt kann in gewissem Umfang entschuldigt werden, wenn man die mangelhaften Anatomie- und Physiologie-Kenntnisse der damaligen Ärzte berücksichtigt. Zurück bleibt aber, daß auch Herholdt ein über das normale Arzt/Patientenverhältnis hinausgehendes emotionelles Bedürfnis gehabt haben muß, um unbewußt an dem Schwindel mitzuwirken. Die intensive und zeitraubende Behandlung von Rachel Hertz zeigt ein tiefgehendes Engagement. Herholdt war sich aber zu keiner Zeit vor der Entlarvung bewußt, daß es sich um Betrug handelte.

Man muß auch berücksichtigen, daß die damaligen Ärzte von der Theorie her kein solches Verhalten bei einem Patienten erwarteten. Selbst heutige Ärzte können in Schwierigkeiten geraten und lassen sich hinters Licht führen, wenn ihnen ihre Erwartungshaltung zum Verhängnis wird und sie dem Patienten zu unkritisch gegenüberstehen. Im Falle Rachel Hertz waren es nüchterne Nicht-Ärzte, die Verdacht schöpften und die unumstößlichen Beweise für den Schwindel erbrachten. Herholdt beschreibt seinen Eindruck, als er durch das Loch in der Tür blickte, folgendermaßen:

»Oh Mensch! dachte ich, was bist du? Gibt es wirklich Irresein, das nicht auf der Verwirrung des Verstandes beruht? Ich ging stumm und gekränkt von dannen.«

Die Reaktionen nach Rachels Entlarvung waren Verurteilung und Verärgerung. Selbst die Ärztewelt - wie auch Herholdts Reaktion zeigt - hatte es schwer sich vorzustellen, daß eine Person »wahnsinnig« sein konnte, die anspruchsvolle intellektuelle Arbeit ausführen konnte - wie z.B. Übersetzungen aus dem Lateinischen - und ansonsten keine Anzeichen intellekueller Fehlleistungen zeigte.

Herholdt wurde - wie dem Chirugen Prof. C.C. Withusen - beim Blick durch das Loch in der Tür klar, daß Rachels Verhalten Ausdruck für einen krankhaften Geisteszustand war. Er wurde im Laufe von Sekunden von seinen eigenen Wahnvorstellungen geheilt. Die emotionale Bindung an den Patienten, die Voraussetzung war für die Aufrechterhaltung des »induzierten« Zustandes beim Arzt - der in diesem Fall selbst Patient war - wurde abgebrochen und durch ein normales Arzt/Patientenverhältnis ersetzt.

Schon durch den plötzlichen Kontakt mit einem Nichterkrankten oder einer zufälligen Entlarvung des Induktors kann eine »Wunderheilung« durch sofortige Aufhebung der Blockierung erfolgen.

Natürlich können nicht nur Ärzte Opfer dieser Form von Psychose werden.

Der Zustand des ABDS war in der psychiatrischen Literatur bisher unbekannt, jedenfalls wurde ihm keine Beachtung geschenkt. Es gibt aber in der angelsächsischen Literatur einen Begriff, der damit zusammenhängt: »Holocaust Survivor Syndrom« (HSS).[4] Es handelt sich dabei um ein Krankheitsbild mit massiven - induzierten - Wahnvorstellungen, das ausschließlich bei jüdischen Personen auftritt. Andere Menschengruppen, die von Krieg, Internierung oder Katastrophen betroffen waren, weisen diese pathologische Reaktion nicht auf.

Die vom HSS betroffenen Juden tauschen ihre wirklichen Erlebnisse mit solchen aus verbreiteten Klischees aus - und zwar unabhängig davon, ob sie während des Zweiten Weltkrieges in Lagern waren oder nicht.

Sie berichten teilweise von Verfolgungsschicksalen, die sie gar nicht erlebt haben, und erzählen Geschichten, die allein schon durch ihre inneren Widersprüche, ihren phantastischen Aufbau und ihre technisch-naturwissenschaftlichen Unmöglichkeiten auffallen.

Die Absicht der Täuschung ist zwar erkennbar, tritt aber mehr in den Hintergrund, weil sie zusätzlich durch eine andere Psychoseform überlagert ist, nämlich die des »Verfolgt-Seins«. Das »Verfolgt-Sein« entspringt wahrscheinlich einem Kompensationsmechanismus, um die inneren Spannungen erträglich zu machen, die sich aus dem Widerspruch zwischen Ehrgeiz und der Fähigkeit, dessen Forderungen zu erfüllen, ergeben. Die gleiche Disharmonie ist auch in den USA bei der Mischung zwischen Schwarzen und Weißen zu beobachten und führt zu erheblichen kriminellen und psychiatrischen Problemen.[5]

Kennzeichnend für das HSS ist eine gegenseitige Induktion, so daß kein Unterschied mehr zwischen Induktor und Induziertem besteht. Alle Induktoren sind zugleich induziert. Außerdem ist eine nicht unwesentliche Anzahl der Induktoren bzw. Induzierten selbst nicht normalen, sondern hochgradig pathologischen Persönlichkeitstypen zuzurechnen. Die Wirkungen können verheerend sein. Die Gruppe von HSS-Betroffenen schließlich kann bei normalen Nichtjuden ABDS hervorrufen.

Epidemiologie

Das epidemiologische Risiko ist für ABDS wesentlich höher zu beurteilen als bei der Kraepelin-Psychose - eine ganze Bevölkerung kann befallen werden. Die Wahnvorstellungen können induziert werden, ohne daß die Opfer krankhaft oder abnorm zu sein brauchen. Es liegt eine Blockierung der normalen neurologischen Mechanismen höherer Ordnung vor. Etwas populär formuliert handelt es sich um »geistiges AIDS«. Auch im weiteren Sinn ist die Parallelität gegeben. Solange ein emotionaler Kontakt zum Erreger besteht, ist die Erkrankung unheilbar. Dieser emotionale Kontakt zum Erreger kann aber - im Gegensatz zur momentan unauflösbaren Bindung der HIV-Erreger zum menschlichen Körper - leichter beseitigt werden.

Solange nur ein einzelner Kranker durch Schwindel seine Umgebung zu Wahnvorstellungen bringt, ist die Bedeutung des Falles begrenzt. Im Falle Rachel Hertz war es ein eng begrenzter Personenkreis, der unter ABDS litt. Die jüngste Geschichte zeigt aber, daß breite Bevölkerungsschichten in einem Zustand von Wahnvorstellungen gehalten werden können, indem ihre Fähigkeit, rational zu reagieren, durch eine gefühlsbetonte Reaktion, ein gesellschaftliches Tabu, blockiert wird. Daß der oder die Tabu-Errichter kranke Induktoren sind, ist den Opfern gar nicht klar.

Nicht zu ermessen ist der Schaden, wenn eine Gruppe krankhafter aber schlauer Schwindler Wahnvorstellungen hervorruft, um ihre Opfer erpressen zu können - und wenn dabei zielgerichtet die Abwehrmechanismen der Gesellschaft ausgeschaltet werden - wenn bei Journalisten, Richtern, sogar Universitätsgelehrten oder Ärzten die Wahnvorstellungen induziert und sogar Nobelpreise an solche Induktoren vergeben werden.

Hat die Gruppe von Induktoren auf diese Weise ihre totalitäre Herrschaft gefestigt, so getraut sich niemand mehr zu sehen, daß »der Kaiser keine Kleider anhat«. Dann wird sogar jeder Gesunde ausgeschaltet: durch induzierte Polizisten, die den Nicht-Induzierten verfolgen, durch induzierte Arbeitgeber, die ihm kündigen und seine Existenz vernichten, durch induzierte Richter, die ihn verurteilen und ins Gefängnis stecken, durch induzierte Medien, die gegen ihn hetzen und zu Übergriffen gegen ihn auffordern... Dann kann sich die Wahnvorstellung weltumgreifend ausbreiten. Kein von der Krankheit Befallener sieht überhaupt noch die Abstrusität, zu der sie führt. Ärzte, die den Zustand als krankhaft erkennen, werden als »unwürdig« ausgeschaltet - es wird z.B. das Ruhen ihrer Approbation angeordnet. Das einzige Heilmittel dagegen ist der Blick »durch das Loch in der Tür«.

Wenn ein neues Zeitalter angebrochen ist, werden sich die

Ärzte wundern, in welchem Ausmaß im 20. Jahrhundert die Bevölkerungen über alle Grenzen hinweg und bis in die höchsten Gesellschaftsschichten von einer Form der ABDS ergriffen werden konnten, während die wenigen Nichterkrankten sozial geächtet waren.

Noch wird man eingesperrt, wenn man »durch das Loch in der Tür« blickt - aber es ist der einzige Weg zu Gesundheit, Freiheit und Wahrheit

Wir empfehlen als "Loch" zu verwenden: Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte. Ein Handbuch über strittige Fragen des 20. Jahrhunderts. Grabert, Tübingen 1994; dieses (gegen DM 70 in bar oder Scheck) und andere "Löcher" sind erhältlich bei: Stiftung Vrij Historisch Onderzoek, Postbus 46, B-2600 Berchem 1, Flandern (Belgien).


Anmerkungen

[1]Emil Kraepelin, Psychatrie, Leipzig 61899.
[2]Hans Pedersen, Postbox 99, DK-6340 Kruså, unveröffentlicht.
[3]Alle nachfolgenden Informationen über diesen Fall entstammen: J.D. Herholdt, Auszüge aus den über die Krankheit der Rachel Hertz während der Jahre 1807-1826 geführten Tagebücher, Kopenhagen 1826. Unter »Vorerinnerung« lesen wir darin: »Ich wünsche, daß der Inhalt dieser Schrift denkenden Ärzten und Philosophen Veranlaßung gebe, [...] das unsichtbare Band zu erforschen, welches unseren Körper an unsere geistige Natur knüpfe.
[...]
das mannigfache Ungemach, das diese Kranke mir verursacht hat [...] Möge ihr trauriges Beispiel anderen Irrenden eine abschreckende Warnung seyn, der Stimme der Wahrheit [...] nicht zu trotzen!«
Eine neuere Bearbeitung des Falles erschien von Henrik Dam, "Synålejomfruen", Medicinisk Forum (Landemærket 25, DK-1119 Kopenhagen), 39. Jg., Nr. 3, 1986, S. 84-92, dem auch die Bilder dieses Beitrages entnommen wurden.
[4]Die Polish Historical Society hat diesbezüglich über eine Konferenz polnischer und ukrainischer Ärzte im polnischen Konsulat von New York am 24.1.1993 berichtet, Press release, 25.1.1993, 91 Strawberry Hill Ave., USA-Stamford, CT 06902.
[5]Dept. of Justice, FBI Report, Vol. 25, No. 2, 1954, zit. nach H.E. Garrett, Race and Psychology, The Mankind Quarterly, Vol. 1, No. 1, 1960.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(2) (1997), S. 79-83.
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