Aktion Troja

Von Siegfried Verbeke

Vorstehend abgedrucktes Schreiben wurde im Frühjahr 1996 an 30.000 herausgehobene Personen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik Deutschland, österreichs und der Schweiz versandt. Zusätzlich erhielten die Adressaten eine Bestellpostkarte, mit der sie ein Paket mit zwei revisionistischen Büchern und einem exterminationistischen Taschenbuch zu einem Sonderpreis bestellen konnten. Dieses Paket beinhaltete: 1 × Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994; 1 × Herbert Verbeke (Hg.), Auschwitz: Nackte Fakten, Vrij Historisch Onderzoek, Berchem 1995; 1 × Till Bastian, Auschwitz und die "Auschwitzlüge", Beck, München 1994.

Sinn dieses Unternehmens, das von einer Reihe treuer Spender unterstützt wurde, war, den Eliten des deutschen Sprachraumes Kenntnisse über die Problematik des historischen Revisionismus zu vermitteln und für eine Verbreitung oder doch zumindest Bekanntwerden der wichtigsten revisionistischen Bücher zu sorgen.

Noch bis etwa 10 Monate nach Beginn dieser Aktion trudelten vereinzelte Antwortschreiben und Bestellungen ein, so daß wir erst jetzt in der Lage sind, ein Fazit zu ziehen.

Als selbstgestecktes Ziel hatten wir uns gesetzt, daß etwa 1% aller Angeschriebenen dieses Sonderangebot nutzen. Tatsächlich wurden die Erwartungen um etwa das Dreifache übertroffen. Einen recht ansehnlichen Teil dieser Besteller dürfen wir inzwischen auch als Abonnenten unserer Zeitschrift begrüßen.

In der Tabelle haben wir die Besteller unseres Bücherpaketes nach Berufsgruppen aufgeteilt, wobei in einigen Grenzfällen Doppelzählungen vorgekommen sind. Besonders auffallend und erfreulich ist der hohe Anteil an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, die zusammen etwas mehr als ein Fünftel der Besteller ausmachen. Das ist wenig überraschend, liegt doch, wie im Anschreiben auch angemerkt, einer der Diskussionsschwerpunkte des historischen Revisionismus in diesen Bereichen. Hier wird sicherlich die eine und andere Verbindung noch zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit führen. Erfreulich war auch die positive Resonanz aus der Wirtschaft, deren Führer offenbar die Bedeutung des Themas zunehmend erkennen.

Erstaunlich hoch war die Anzahl der Psychologen und Pädagogen, wobei bei näherer Analyse ein sogenannter de Boor-Effekt zu vermuten ist. Prof. Wolfgang de Boor hatte einst in einem Leserbrief die historischen Revisionisten als geisteskrank bezeichnet und ihre Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik vorgeschlagen (FAZ, 8.5.1995) – und zwar ohne von deren Thesen Kenntnisse zu besitzen oder nach entsprechender Einladung erwerben zu wollen. Aus dem Berufsprofil der Psychologen geht hervor, daß diese Besteller wohl weniger ein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den revisionistischen Thesen haben, als daß sie sich vielmehr durch das Studium dieser Literatur Hinweise zur Erhärtung der de-Boor’schen oder ähnlicher Thesen erhoffen.

Während etwa 80% nach Bezug der Bücher nicht weiter reagierten, teilten sich die übrigen 20% etwa im Verhältnis 1:2 in positive und negative Resonanz. Dieses Ergebnis hat uns überrascht, hatten wir doch mit weitaus mehr Ablehnung gerechnet. Nur etwa 4% aller Besteller sandten uns meist innerhalb kürzester Zeit die Bücher zurück mit seltsamen Bemerkung wie etwa, man habe Aufklärung statt weitere Verschleierung erwartet. Da in dem Anschreiben nicht verkündet wurde, man wolle mit den Büchern zur Aufklärung beitragen, sondern man erwarte gerade von den Bestellern als Leistungsträgern der Gesellschaft, daß diese anhand des Materials die Spreu vom Weizen trennten, läßt uns dieser Vorwurf kalt.

Berufgruppenverteilung von Bestellern der Aktion Troja

Kunst

7,4%

Geschichte

8,5%

Militär

0,8%

Psychologie & Pädagogik

8,3%

Medien

11,6%

Justiz

5,3%

Naturwissenschaften

13,2%

Sprachwissenschaften

4,7%

Politik

4,9%

Ingenieure

5,8%

Philosophie

3,3%

ohne Angabe

7,1%

Medizin

7,8%

Wirtschaft

11,3%

Summe

100%

Aus der Reihe der Zuschriften werden wir in der nächsten Ausgabe dieser Zeitschrift eine Auswahl wiedergeben. Hier sei nur kurz auf die Zuschrift von Markus Tiedemann eingegangen. Tiedemann ist studentische Hilfskraft bei Dr. phil. Ekkehard Martens, Professor für Philosophiedidaktik an der Uni Hamburg . Er bedankte sich für das »Rundschreiben über revisionistische Geschichtsfälschung« (von Fälschung steht in dem Schreiben freilich nichts), bat um kostenlose Zusendung des Paketes und bot als Gegenleistung die Zusendung eines von ihm im Druck befindlichen Buches des Titels In Auschwitz wurde niemand vergast! an (Verlag an der Ruhr, Mülheim 1996; vgl. FAZ, 15.1.1997). Daneben übersandte er den Entwurf eines Schreibens, das wohl zur Vorstellung des Buches bei Lehrern gedacht war. Es erschien letztlich stark überarbeitet als Vorwort im genannten Buch. Das Buch haben wir in dieser Ausgabe unserer Zeitschrift rezensiert. Hier sei dieses geplante Rundschreiben auszugsweise in originaler Schreibweise vorgestellt:

»Zur Entstehung:

Nach dem mörderischen Brandanschlag auf ein, von ausländischen Mitbürgern bewohntes Haus in Möllen, habe ich in Zusammenarbeit mit dem Jugendzentrum der Stadt begonnen, die Arbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen aufzunehmen . Diese ersten Kontakte mit rechtsradikalen Jugendlichen entstanden aus dem eher ohnmächtigen Gefühl heraus, etwas tun zu müssen . Die, von mir eher unpräzise vorbereiteten Begegnungen hatten drei wichtige Erfahrungen zur Folge :

Zum einen empfand ich die Bildungslücke vieler Jugendlicher bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus schlicht erschreckend . Der Mangel an Wissen verkörpert zugleich eine nicht vorhandene Immunität gegen rechte Propaganda.

Zum anderen empfand ich den Umfang und die Professionalität mit der revisionistische Kreise in der jugendlichen Szene aktiv sind, schlicht als beängstigend .

Die dritte Erfahrung war besonders alarmierend . Es handelte sich um die an mir selbst und an den tätigen Pädagogen festgestellte Unfähigkeit, revisionistische Lügenkomplexe kompetent widerlegen zu können .

Seither habe ich damit begonnen , aus der Fachliteratur unmißverständliche Quellen und Argumente zusammenzutragen , mit denen es ein Leichtes ist , revisionistische Behauptungen zum Einsturz zu bringen .

Die so herangewachsene Zusammenstellung hat sich in vielen Diskussionsrunden und Informationsveranstaltungen in Schulen und Jugendeinrichtungen bewährt.

Von Erziehern und Lehrern wurde die Idee an mich herangetragen , diese Sammlung als Informationsfibel für Eltern , Lehrer und Pädagogen zusammenzufassen.

Zielgruppe :

LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialpädgogInnen, Eltern, Interessierte

Zur Konzeption :

Ich erhoffe mir, daß in meiner Arbeit revisionistische Lügen wie in einem Lexikon nachgeschlagen werden können . Folgende drei Informationen sollen jeweils geleistet werden :

  1. Knappe Information über die Herkunft und Zielsetzung einer revisionistischen Argumentation .
  2. Information über die im jeweiligen Fall genutzten Bildungslücken und / oder Vorurteile .
  3. Das zur Verfügung stellen unmißverständlicher, historischer Quellen , die die aufgetretene Lüge als eine solche entlarven .

Anwendung : Den Gebrauch meiner Arbeit erhoffe ich mir wie folgt. Gesetzt den Fall, eine derartige Informationsschrift ist an Schulen und Jugendeinrichtungen vorhanden, dann wäre es für jeden Pädagogen, jede Pädagogin ein Leichtes , umgehend auf revisionistische Äußerungen zu reagieren . Es bliebe dem Deutschleher oder der Erzieherin im Jugendzentrum erspart , die Antwort zunächst schuldig zu bleiben und sich auf die anstrengende Suche in historischer Fachliteratur zu begeben, die in der Praxis dann meist ganz unterbleibt .

Mit einer derartigen Fibel wäre es möglich innerhalb weniger Minuten ( Nach dem Gang ins Büro oder in die Lehrerbibliothek ) eine unmißverständliche Widerlegung rechtsextremer Äußerungen zu leisten . Den historischen Quellen sind selbstverständlich genaue Angaben beigefügt , so daß eine Überprüfung durch die Jugendlichen ebenso möglich wie erwünscht ist .

Pädagogische Motivation :

Die Haltung vieler Wissenschaftler und Pädagogen, nämlich rechtsradikale Thesen schlicht als indiskutabel zu übergehen, mag ethisch nicht zu beanstanden sein ; pädagogisch sehe ich in diesem Verhalten jedoch eine große Gefahr . Dort wo keine Antwort erfolgt, wächst der Eindruck , daß diese nicht möglich ist .

Auch halte ich es für eine ungenutzte Gelegenheit dem rechtsextremen und faschistischen Denken nicht entgegenzutreten , obwohl man es gerade hier an seiner Wurzel treffen kann . Mit Sicherheit wird kein überzeugter Revisionist durch eine Schrift wie die meine bekehrt werden , aber es dürfte ihm schwer fallen, seine Ansichten zu verbreiten.

Ich hoffe , daß ich Ihnen mit meinen Angaben eine Hilfe sein kann und würde mich sehr freuen wieder von Ihnen zu hören .

Mit freundlichen Grüßen .

[gez. Markus Tiedemann]«

Man hat es hier also mit einem weiteren Beispiel eines antifaschistischen, volkspädagogischen Ansatzes in der Geschichtswissenschaft zu tun. Dem Autor ist offenbar nicht daran gelegen, Thesen zu wägen und zu Erkenntnissen zu kommen. Sein erster Punkt lautet nämlich, »über die Herkunft und Zielsetzung revisionistischer Argumentation« aufzuklären. Seine Voreingenommenheit diesbezüglich legt er offen, indem er jene bekämpfte Auffassungen bereits im voraus als »Lügen« und »Fälschungen« vorverurteilt – die Vokabeln "Irrtum" und "Fehler" oder "möglich" und "wahrscheinlich" scheint er nicht zu kennen. Seinen eigenen politischen Extremismus offenbart er, wenn er den Trägern revisionistischer Auffassungen ohne Kenntnis ihrer Persönlichkeit die Eigenschaften »rechtsradikal«, »rechtsextrem« bzw. »faschistisch« anhängt, sie also ihrer Menschlichkeit beraubt. Seine Triebfeder schließlich ist nicht die Verringerung menschlicher Zweifel, sondern der Schrecken von Mölln (das er noch nicht einmal korrekt zu schreiben weiß). Somit hat sein Projekt viel mit Politik zu tun, aber bestimmt nichts mit Wissenschaft.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(2) (1997), S. 109ff.


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