Was geschah den 75.000 aus Frankreich deportierten Juden?

Von Carl O. Nordling

Während des Zweiten Weltkrieges wurden etwa 75.000 Juden verschiedener Nationalität von den Deutschen aus Frankreich deportiert. Ihre Namen und Geburtsdaten sind bekannt und wurden von Serge Klarsfeld publiziert.[1] Darin wird die Zahl der bekannten Überlebenden mit 2.566 angegeben, eine Zahl, die vom Ministerium der Kriegsveteranen ermittelt wurde, bei dem sich alle aus Frankreich deportierten Juden 1945 melden sollten. Allerdings meint Serge Klarsfeld, daß sich

»zum Beispiel polnische oder staatenlose Juden, die zuvor in Belgien gelebt hatten und später aus Frankreich, wo sie Asyl erhalten hatten, deportiert wurden, nach ihrer Befreiung nicht bei den französischen Behörden zurückgemeldet hätten.«

Dennoch schätzt er, daß die Gesamtzahl der 1945 Überlebenden 2.600 nicht überschritt. Für jeden Zugtransport gibt Klarsfeld die eintätowierten Nummern derer an, die bei Ankunft in Auschwitz registriert wurden. Die anderen werden unter der Überschrift »Anzahl der bei Ankunft Vergasten« aufgeführt (Tabelle III).

In diesem Beitrag wird untersucht, wie sich die Überlebensraten der verschiedenen Gruppen von Deportierten zum Fehlen von Registriernummern und ihrer Nationalität verhalten.

Dazu scheint es zunächst vorteilhaft zu sein, die Deportationen in Bezug auf die deutschen Kriegsführungs- und Arbeitskräftepolitik im allgemeinen zu betrachten.

Die Deportationen aus Frankreich begannen zwei Monate nach der berühmten Konferenz über die Endlösung, die am Wannsee im Januar 1942 abgehalten wurde.[2] In dieser Phase des Krieges gab es noch keinen offenkundigen Mangel an Arbeitskräften, der es hätte nötig erschienen lassen, die angeblich kurz zuvor gefallene Entscheidung bezüglich der Vernichtung bestimmter Menschengruppen zu lockern. Im März 1942 führte Hitler aus, daß die deutsche Armee den härtesten Winter durchstanden habe und daß er die endgültige Zerstörung des bolschewistischen Ungeheuers erwarte. Sicherlich war die am Wannsee gefallene bzw. besprochene Entscheidung immer noch gültig, als der erste Konvoi mit 1.112 männlichen Juden Frankreich in Richtung Auschwitz verließ. Wir stellen fest, daß jeder einzelne dieser 1.112 Deportierten bei seiner Ankunft in Auschwitz mit seiner persönlichen Häftlingsnummer tätowiert, d.h. registriert wurde, und zwar mit den Nummern 27.533 bis 28.644. Serge Klarsfeld klassifiziert sie daher als »zum Arbeitseinsatz am Ankunftsort selektiert«. Es ist in der Tat wahrscheinlich, daß sie für den Arbeitseinsatz eingeteilt wurden, da sie alle im Alter zwischen 18 und 60 Jahre waren.

Ob aber nun Arbeit oder nicht Arbeit: Diese Numerierung macht deutlich, daß es nicht vorgeschrieben war, die Mehrheit der Deportierten jedes Transportes bei Ankunft zu vergasen. Nach diesem ersten Transport dauerte es zwei Monate, bis die Deportationen aus Frankreich wieder aufgenommen wurden. Vom 5. bis zum 28. Juni wurden in vier Transporten etwa 4.000 Juden aus Frankreich deportiert. Wiederum erhielten alle Deportierten ihre Registriernummern eintätowiert, inklusive 66 Frauen des Transportes Nr. 3. Nach einer 16-tägigen Pause begann am 17. Juli die bis zum 30. September 1942 andauernde systematische Deportation. In diesen 11 Wochen wurden etwa 33.000 Juden beiderlei Geschlechts aus Frankreich verschickt. Aus den ersten acht Zügen wurden lediglich 8% der Häftlinge in Auschwitz keine Häftlingsnummer zugewiesen. Ab dem 3. August allerdings kehrte sich die Praxis mehr oder weniger um. Insgesamt wurden von den 33.000 nur etwa 37% registriert. In seiner Tabelle III stellte Serge Klarsfeld fest, daß der Rest – etwa 20.800 Männer und Frauen »bei Ankunft vergast« wurden. Allerdings heißt es in einer Fußnote derselben Tabelle III, daß während eines Teils des behandelten Zeitraumes

»die Selektion der meisten einsatzfähigen Männer [zur Arbeit] vor der Ankunft in Auschwitz stattfand.«

So geschah es, daß eine Gruppe von 3.056 Deportierten, die 1942 nach Auschwitz kam, erst am 1. April 1944 registriert wurde (Nr. 176.512 bis 179.567). Diese 3.056 Juden überlebten also mit anderen Worten 18 Monate an einem anderen Verbringungsort, bevor sie schließlich als Auschwitz-Häftlinge registriert wurden. Offensichtlich sind wir nicht in der Lage festzustellen, wie viele Häftlinge es insgesamt gibt, die ohne Registriernummer einen Monat, zwei oder gar 30 Monate überlebten und die schließlich ohne Nummer verstarben oder freigelassen wurden.

Anfang Oktober 1942 wurden den Deutschen die inhaftierten Juden offenbar knapp. Es wäre nötig gewesen, die französischen Juden verstärkt zu deportieren, um den enggesetzten Rüstungsplan einzuhalten. Laval jedoch weigerte sich, und die Deutschen fügten sich dem. Folglich verlangsamte sich der ganze Deportationsvorgang. Während der ganzen restlichen Kriegszeit wurden weniger Juden aus Frankreich deportiert als im Zeitraum vom März bis Oktober 1942.

Carl O. Nordling

Carl. O. Nordling, geboren 1919 in Helsinki, Finnland als "Finnlandschwede". Teilnehmer im finnisch-sowjetischen Krieg, seit 1944 in Schweden ansässig. Ausbildung zum Stadtplaner, 1948 kurzzeitig stellv. Professor für Stadtplanung, Spezialist für General- und Regionalplanungen (u.a. demographische Prognosen). Seit seiner Pensionierung als freier Forscher tätig.

Zu dieser Zeit hatte sich die Arbeitskräftesituation in Deutschland nicht merklich verändert. Nach dem Juli 1942 war nichts geschehen, was die Verschwendung von Arbeitskräften gerechtfertigt hätte. Die Vernunft hätte immer noch dazu angehalten, alle arbeitsfähigen Männer und Frauen auszubeuten, seien sie nun letztendlich für eine Vernichtung vorgesehen oder nicht. Nur 4.000 der während des "Booms" deportierten 33.000 Juden hatten ein Alter, das unterhalb oder oberhalb der Grenze lag, die man als Voraussetzung für den Arbeitseinsatz ansehen würde. In Anbetracht dessen erscheint es als höchst unwahrscheinlich, daß die Deutschen plötzlich anfangen sollten, die nach Auschwitz deportierten Juden bei ihrer Ankunft zu vergasen. Und wenn die Numerierung der Inhaftierten ihre Selektion für den Arbeitseinsatz bedeutete, würden wir 88% numerierte erwarten (29.000 von 33.000) anstatt 37%. Bestimmt kann es andere Gründe für das Auslassen der Registrierung geben als eine drohende Vergasung.

Von Anfang Oktober 1942 bis zum Ende der Besetzung Frankreichs gab es durchschnittliche weniger als zwei Transporte monatlich. Zur gleichen Zeit aber verschlechterte sich die Arbeitskräftesituation in Deutschland dramatisch und wurde spätestens im Januar 1943 kritisch, als der Verlust der gesamten 6. Armee in Stalingrad deutlich wurde. Am 28. Januar verkündete Hitler den Arbeitsdienst für alle deutschen Männer und Frauen in bestimmtem Alter. Einen Monat später kündigte er die »totale Mobilmachung« aller Arbeitskräfte in den besetzten Ländern mit Ausnahme von Dänemark an. Dieser offiziell verkündete Arbeitskräftemangel wäre Grund genug gewesen, jeden rigorosen Befehl zur sofortigen Vernichtung von Menschen, wie er auf der Wannsee-Konferenz gefaßt worden sein mag, zu lindern. Wenn die Registriernummern nur jenen gegeben wurden, die zum Arbeitseinsatz bestimmt waren, so würden wir einen größeren Anteil registrierter Gefangener nach dem Januar 1943 erwarten. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil: Für Februar und März 1943 stellen wir einen äußerst niedrigen Anteil registrierter Deportierter fest (10%). Dies sollte mit dem Anteil von 93% registrierten Gefangenen im Frühjahr zuvor verglichen werden, als die Arbeitskräftesituation noch nicht als besorgniserregend empfunden wurde.

Die ganze Art der Zuweisung von Registriernummern in Auschwitz im Jahre 1942 und 1943 spricht sehr gegen die Theorie, daß das Fehlen einer solchen Nummer die Vergasung bei Ankunft bedeutete. Möglicherweise wurden die nicht numerierten Ankömmlinge einfach nur in eines der kleineren Arbeitslager geschickt, die dem Lager Auschwitz untergeordnet waren, oder in einigen Fällen vielleicht in eines jener »Schutzhaftlager«, in das auch Viktor Frankl von Auschwitz aus nach einer jener »Selektionen« geschickt wurde. (Frankl berichtet, daß seine Kameraden im nachgetrauert hätten, da sie dachten, er würde in die Gaskammer geschickt werden.)[3]

Es ist zumindest bekannt, daß einige Auschwitz-Häftlinge in derartige untergeordnete Arbeitslager verlegt wurden, nachdem sie einige Tage oder Wochen in Auschwitz waren. Aber diese Nebenlager konnten schwerlich nur mit jenen wenigen Häftlingen aufgefüllt wurden, die gelegentlich von Auschwitz verlegt wurden. Es wäre bestimmt zweckmäßig gewesen, die Häftlinge direkt dorthin zu schicken, nachdem sie im Bahnhof von Auschwitz einer summarischen Auswahl unterworfen worden sind.

Die Unhaltbarkeit der Theorie, daß das Fehlen einer Registriernummer gleichbedeutend mit sofortiger Vergasung war, wird auch von Klarsfeld in seinem Buch zugegeben:

»Laut Auschwitz-Kalender wurde aus Transport Nr. 71 keine Frau für den Arbeitseinsatz selektiert [d.h. keine erhielt eine Nummer], was darauf hinweist, daß alle Frauen vergast wurden. Trotzdem aber haben wir 70 überlebende Frauen aus diesem Transport festgestellt, einschließlich Simone Jacob, spätere Veil.«[4]

Nationalitäten

Nun werfen wir einen Blick auf die Staatsangehörigkeit der Juden, die während der verschiedenen Stufen aus Frankreich deportiert wurden.

Tabelle 1: Schicksal der aus Frankreich in deutsche Konzentrationslager deportierten Juden

Gruppen-Nr.

Geschlecht

Spalte 1:
Anzahl
Deportierter

Spalte 2:
Anzahl nicht Registrierter

Spalte 3:
Anzahl
Registrierter

Spalte 4:
bekannte
Überlebende

Spalte 5:
Spalte 4 in % von Spalte 3

Spalte 6:
Spalte 4 in % von Spalte 1

I (27.3.1942
bis
31.7.1942)

männlich
weiblich
Summe

9.583
3.366
12.949

628
22
650

8.955
3.344
12.299

337
7
344

3,8
0,2
2,8

3,5
0,2
2,7

II (3.8.1942
bis
25.3.1943)

männlich
weiblich
Summe

20.716
18.154
38.870

14.569
15.022
29.591

6.147
3.132
9.279

545
25
570

8,9
0,8
6,1

2,6
0,14
1,5

III (23.6.1943
bis
17.8.1944)

männlich
weiblich
Summe

12.851
11.050
23.901

7.836
8.889
16.725

5.015
2.161
7.167

771
881
1.652

15,4
40,8
23,0

6,0
8,0
6,9

I, II und III
Gesamt-
summe

männlich
weiblich
Summe

43.150
32.570
75.720

23.033
32.933
46.966

20.117
8.637
28.754

1.653
913
2.566

8,2
10,6
8,9

3,8
2,8
3,4

Wie aus Tabelle 1 ersichtlich ist, erfolgte nach den ersten 13 Transporten mit seinen etwa 13.000 Deportierten eine bemerkenswerte Änderung der Registrierungspraxis. Wurden vorher fast alle Deportierten registriert, so war es ab da nur noch eine Minderheit der nach Auschwitz Verschleppten. Auch später scheint es noch eine Änderung in der Behandlung der Gefangenen gegeben zu haben. Nach einer dreimonatigen Unterbrechung der Deportationen im Frühling 1943 stellen wir eine deutliche Zunahme der bekannten Überlebenden fest, und zwar von 1,5% auf nunmehr 6,9% der Deportierten. Allerdings ist dies nicht unbedingt gleichbedeutend mit der Zunahme der tatsächlichen Überlebensrate. Wie Klarsfeld betont, gab es sicherlich polnische und andere Überlebende, die sich nach der Befreiung nicht beim französischen Ministerium für Kriegsveteranen meldeten. Es ist daher möglich, daß die Änderung in der scheinbaren Überlebensrate mit diesem Phänomen etwas zu tun hat.

Laut dem, was die Encyclopaedia Judaica über Auschwitz und dessen Insassen berichtet, haben etwa 15% der registrierten Häftlinge sowohl Auschwitz, die Evakuierung und die abschließenden Inhaftierungen in westlichen Lagern überlebt. Demnach würden wir erwarten, daß etwa 15% der 28.754 registrierten aus Frankreich deportierten Juden überlebt haben. Aber wir finden statt dessen nur 8,9 %. Tatsächlich haben wir zudem Grund zu der Annahme, daß die unregistrierten Häftlinge mehr oder weniger genauso behandelt wurden wie die registrierten, so daß erstere genauso gut überleben konnten. Wenn alle überlebenden Häftlinge registriert waren, so würde dies z.B. bedeuten, daß 40,8% aller tätowierten Frauen des Transportes Nr. 23 überlebt hätten (Gruppe III, Tabelle 1). Eine derart hohe Überlebensrate wurde bisher nicht von Auschwitz berichtet. Wir müssen daher notwendigerweise nach einer anderen Erklärung suchen, eine Erklärung, die sowohl das Auftreten von Überlebenden unter den unregistrierten Häftlingen als auch unter den mit der bekannten Tätowierung erklärt.

Wir haben bereits angeführt, daß Klarsfeld es für wahrscheinlich hält, daß sich polnische Juden nach der Befreiung anders verhalten haben als französische Juden. Immerhin befanden sich unter den 75.720 aus Frankreich deportierten Juden 52.000 ausländische Juden. Nur etwa 24.000 von Ihnen waren französische Bürger. Wenn aus beiden Gruppen 15% überlebten (was durchaus wahrscheinlich ist), so wären dies jeweils 7.800 bzw. 3.600 Überlebende. Was würden sie nach der Befreiung getan haben? In vielen Fällen werden die ausländischen Juden nicht mehr erwartet haben, in Frankreich ein Zuhause zu finden. Sie werden womöglich viel über Beschlagnahmungen von jüdischem Eigentum gehört haben. Auch werden sie nicht erwartet haben, in Frankreich Freunde oder Verwandte zu finden – diese Menschen werden zumeist ebenfalls deportiert worden sein. Und schließlich war Frankreich jenes Land, in dem sie Zuflucht gesucht hatten und das sie dann an den Feind ausgeliefert hatte. Nach alledem, was passiert war, gab es sicherlich bessere Länder als Frankreich. Es erscheint daher vernünftig anzunehmen, daß um die 90% der überlebenden ausländischen Juden in andere Länder gingen. Wir können daher kaum erwarten, daß mehr als 10% der tatsächlich überlebenden ausländischen Juden bekannt sind, d.h., daß sie den französischen Behörden und somit Serge Klarsfeld bekannt sind.

Tabelle 2: Aus Frankreich deportierte Juden nach Nationalität und bekanntem Überleben

Gruppen-Nr.

Spalte1:

Spalte 2:

Spalte 3:

Spalte 4:

Spalte 5:

Spalte 6:

 

Anzahl
Deportierter

davon französisch

% angenommene
Rückmeldung

ausländisch

% angenommene
Rückmeldung

gemeldete Überlebende (franz. & ausl.)

I (27.3.1942
bis
31.7.1942)

12.949

1.000

10,1

11.949

2,03

344

II (3.8.1942
bis
25.3.1943)

38.870

6.600

4,4

32.270

0,87

570

III (23.6.1943
bis
17.8.1944)

23.901

16.400

9,2

7.501

1,85

1.652

I, II und III
Gesamt-
summe

75.720

24.000

7,5

51.720

1,5

2.566

Anmerkung: Die hypothetischen Prozentsätze der Spalten 3 und 5 wurden dergestalt gewählt, daß sich die feststehenden Zahlen in Spalte 6 ergeben. Dabei wurde angenommen, daß sich 7,5% der französischen und 1,5% der ausländischen Deportierten bei den französischen Behörden zurückgemeldet haben und daß das gleiche Verhältnis (5:1) für alle drei in der Tabelle angeführten Untergruppen zutrifft. Das tatsächliche Verhältnis französisch : ausländisch war im Falle der ersten Gruppe 4:1 (nicht feststellbar für die Gruppen II und III).

Und was ist mit den französischen Überlebenden? Was würden sie nach dem Krieg getan haben? Einige der deportierten französischen Staatsbürger waren tatsächlich Kinder ausländischer Eltern. Ihre formale Staatsbürgerschaft beruht auf der Tatsache, daß sie in Frankreich geboren wurden. Wenn solche Kinder die Deportation überlebt hatten, wären sie natürlich mit ihren Eltern gegangen (so diese noch lebten). Auch viele erwachsene französische Juden werden sich nach dem Krieg nach einer neuen Heimat umgeschaut haben, zumal auch sie von der französischen Regierung betrogen worden waren, und einige unter ihnen werden deshalb sicherlich verbittert gewesen sein. Abgesehen davon waren viele französische Juden keine geborenen Franzosen, sondern sie waren lediglich früh genug immigriert, um noch vor der deutschen Besetzung die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Sie hatten bereits einmal ihre Nationalität gewechselt, warum nicht auch ein zweites Mal? In Anbetracht all dieser Umstände erscheint es begründet anzunehmen, daß sich lediglich etwa die Hälfte der französischen Überlebenden 1945 beim Minister für Kriegsveteranen meldete.

Wenn wir also annehmen, daß etwa 15% aller Deportierten überlebte, so sollten wir 7,5% der französischen und 1,5% der ausländischen deportierten Juden unter den offiziell bekannten Überlebenden wiederfinden. Dies entspräche 1.800 französischen und 776 ausländischen Juden, oder zusammen 2.576. Im Klarsfeld-Buch wird von 2.566 berichtet.

Diese fast exakte Übereinstimmung zwischen der erwarteten und der dokumentierten Zahl ist freilich rein zufällig. Sobald wir die Prozentsätze der bekannten Überlebenden auf die drei Hauptperioden aufteilen, ergibt sich ein weitaus uneinheitlicheres Bild, vgl. Tabelle 2. Die Mitglieder der frühen und der späten Transporte hatten offenbar eine wesentlich höhere Überlebenschance als jene, die zwischen August 1942 und März 1943 deportiert wurden. Noch haben wir keine Erklärung für diese Unregelmäßigkeiten.[5] Alles, was wir bisher sagen können, ist, daß sich sehr wenige Häftlinge, die nach Sobibor und Majdanek verschickt wurden, als Überlebende zurückmeldeten, aber dies erklärt nicht den ganzen Unterschied. Einige wenige Auschwitz-Transporte hatten eine ähnlich niedrige Anzahl überlebender Häftlinge (etwa 0,5%). Andererseits kann man unsere Annahme überprüfen, daß französische Juden fünfmal mehr dazu neigten, sich nach dem Kriege als Überlebende zu melden, als ausländische Juden. Zufällig bestehen nämlich die ersten sieben der frühen 13 Transporte (Gruppe 1) ausschließlich aus ausländischen Juden, und von diesen meldeten sich nach dem Kriege 2,15% als Überlebende zurück. Demnach müssen sich 8,7% der französischen Deportierten von Gruppe I als Überlebende gemeldet haben, um auf die Gesamtzahl von 344 bekannten Überlebenden zu gelangen. Entsprechend hat die höhere Wahrscheinlichkeit, sich zurückzumelden, bei den französischen Juden eher bei dem Faktor 4 als bei 5 gegenüber den ausländischen Juden gelegen. Ungeachtet der exakten Zahl wird also unsere generelle Annahme bezüglich der höheren Meldewahrscheinlichkeit bestätigt.

Schlußfolgerung

Die allgemeine Schlußfolgerung geht nun dahin, daß annähernd alles gegen die Theorie spricht, viele (oder auch nur einige) der aus Frankreich nach Auschwitz Deportierten seien bei ihrer Ankunft hingerichtet worden. Die niedrige Ziffer der bekannten Überlebenden hängt wahrscheinlich zuvorderst damit zusammen, daß sich ein großer Teil der Überlebenden nach der Befreiung in einem anderen Land niederließ als in Frankreich. Die allgemeine Sterberate unter den aus Frankreich deportierten Juden war aller Wahrscheinlichkeit nach die gleiche wie die der anderen Auschwitz-Häftlinge – die wahrlich sehr hoch war. Die verschiedenen Ursachen für diese hohe Todesrate freilich – einschließlich Hinrichtungen – können nicht mit solchen statistischen Methoden eruiert werden, wie sie in diesem Beitrag angewendet wurden.


Anmerkungen
[1]S. Klarsfeld, Le Mémorial de la Déportation des Juifs de France, Paris 1978.
[2]Vgl. diesbezüglich auch W. von Xanten »Die Wannsee-Konferenz«, VffG 1(2) (1997), S. 60-68.
[3]V. Frankl, Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, 1946.
[4]Simone Veil wurde später französische Justizministerin und war seit 1979 die erste Präsidentin des Europa-Parlaments.
[5]In jener Zeit wüteten in Auschwitz fürchterliche Fleckfieber-Epidemien. Anm. d. Übersetzers.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(4) (1997), S. 248-251.


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