Für Sie gelesen

in: The Washington Report On Middle East Affairs, Juni/Juli 1997, S. 37, 62

Vom Holocaust Museum ausgeladen:
Schriftsteller spricht beim Nationalen Presseclub

Von Richard H. Curtiss

»Das Holocaust Museum macht eine wundervolle Arbeit. Aber ich finde es abstoßend, daß das Holocaust Museum über eine Sache nicht spricht, nämlich über Völkermord, wenn er von Juden begangen wird.«

John Sack, Autor von Auge um Auge,[1] 13. Februar 1997

Dem US-Schriftsteller John Sack zuzuhören ist wie wenn man in Tausendundeine Nacht liest. Jedes unwahrscheinliche Abenteuer scheint zu einer noch erstaunlicheren Geschichte zu führen. Aber während die Arabischen Nächte ein Märchen ist, das in Bagdad zur Zeit des Kalifen Abbasid handelt, sind John Sacks Geschichten wahr. Sie ereignen sich seit einem halben Jahrhundert an so verschiedenen Plätzen wie Kalifornien, Polen, Deutschland und Israel. Und während die verschiedensten Ausgaben der Arabischen Nächte in jedem Buchladen zu haben sind, ist John Sacks Buch Auge um Auge, das 1993 veröffentlicht wurde, weniger als vier Jahre danach vergriffen.

Der 66-jährige jüdische Autor, der zur Zeit in Idaho lebt, wurde von Michael Berenbaum, bis neulich Direktor des Forschungsinstitutes des Holocaust Museums in Washington, DC, eingeladen, um vor einem ausgesuchten Publikum seine Geschichte zu erzählen, der zufolge etwa 60.000 bis 80.000 deutsche Gefangene im Anschluß an den europäischen Holocaust des Zweiten Weltkrieges vornehmlich in den Händen jüdischer Wachmannschaften starben. Kurz vor dieser Rede wurde die Veranstaltung allerdings von dem neuen Museumsdirektor Dr. Walter Reich gestrichen.

Da diese Ausladung nach Sacks Angaben vorsätzlich erfolgte, habe er für 300 Dollar einen Raum angemietet, um diese Rede am 13.2.97 vor Journalisten im Nationalen Presseclub in Washington, DC, zu halten. Sacks Mißgeschick mit den Zensoren des öffentlichen US Holocaust Museums fand ihren Anfang im April 1976 in Kalifornien, als er die Tochter einer jüdischen Holocaust-Überlebenden namens Lola Potak traf. Die Tochter berichtete, wie ihre Mutter Mutter und Schwester in den Nazi-Konzentrationslagern verloren hatte und wie einer ihrer Brüder von den Nazis im Januar 1945 gehängt worden war.

Kurz darauf, als die Häftlinge im Winter 1944/45 wegen der herannahenden Alliierten von einem Lager ins nächste marschiert seien, sei Lola Potak, die damals nur 65 Pfund wog, die Flucht gelungen. Nachdem das Gebiet, in dem sie sich versteckt hatte, von den Russen überrannt worden sei, habe sie sich freiwillig bei der polnischen Geheimpolizei gemeldet, um gegen ihre deutschen Unterdrücker zu arbeiten. Sie wurde schließlich Kommandantin eines Lagers für deutsche Gefangene in Gleiwitz, Schlesien. Wie Sack erfuhr, war dies eines von 1255 derartiger Lager, die errichtet wurden, nachdem die Sowjets Osteuropa besetzt hatten. Die nächsten 21/2 Jahre verbrachte Sack damit, Lola und andere frühere Wächter, zu denen er durch sie Kontakt erhielt, über ihre Erfahrungen in russischen und polnischen Lagern zu befragen.

Zerstörender Haß

Das Ergebnis war ein Beitrag in der Zeitschrift California mit dem Titel »Lolas Rache und Lolas Wiedergutmachung«. Darin beschrieb Sack, wie Lola, die zuerst an nichts anderes als Rache denken konnte, eines Tages einen Wachmann unter ihrem Kommando zur Rede stellte, der einen deutschen Gefangenen schlug. »Wenn du sie verachtest, warum willst du dann so sein wie sie?«, frug sie. Seither verlangte sie von ihren Wachleuten, daß sie die deutschen Gefangenen wie Menschen behandelten. »Vielleicht lernen die Menschen, daß dein Haß auf deinen Nachbarn wahrscheinlich nicht ihn, mit Sicherheit aber dich zerstören wird«, meinte Lola. Sacks Beitrag wurde als bester Artikel des Jahres ausgezeichnet. Infolge dessen schloß er mit Lola einen Vertrag, dem zufolge sie beide an einem Buch arbeiten wollten, das über die Lager für deutsche Gefangene berichtet, die von jüdischen Holocaust-Überlebenden betrieben wurden. Nachdem er einige Verlage kontaktiert hatte, wurde seine Idee vom Verlag Henry Holt aufgegriffen.

Zu Sacks Ärger verweigerten dann aber sowohl Lola als auch andere Wächter, die ihm Lola vorgestellt hatte, ihre Geschichten zu verwenden. Als Sack darauf verwies, daß man einen Vertrag abgeschlossen habe, drohten sie ihn »zu verklagen, zu ermorden und die jüdische Mafia einzuschalten«, wie Sack berichtete.

Sack, der fließend deutsch liest und spricht, beschloß daher, zwar die Zusammenarbeit mit diesen anfänglichen Mitarbeitern aufzugeben, nicht aber sein Buchprojekt. Im April 1989 besuchte er das deutsche Bundesarchiv in einer Festung oberhalb des Rheines. Darin fand er fünf Zeugenberichte von Deutschen, die in Lolas Gefängnis eingesperrt waren. Er suchte die fünf Gefangenen auf, fand drei weitere Wachen, die unter Lola gedient hatten, und besuchte das Gefängnis.

»Lola hat also die Wahrheit erzählt, aber sie hat nicht die ganze Wahrheit erzählt«, berichtete Sack den Zuhörern im Presseclub. Er erläuterte, daß er erfuhr, daß

»sich unter den Gefangenen in Lolas Lager 20 deutsche Soldaten befanden. Aber es gab auch 1.000 Zivilisten [...] Diese wurden gefoltert. Einer war ein 14-jähriger Junge, der eingesperrt wurde, weil er eine Pfadfinderuniform getragen hatte. Sie gossen ihm Benzin über die Haare und zündeten ihn an. Er wurde verrückt. Die Deutschen, die in dem Lager starben, wurden in Massengräbern auf dem katholischen Friedhof beerdigt.

Die Wahrheit ist, daß die Gefangenen in Lolas Gefängnis schlimmer dran waren als Lola in Auschwitz. Den Wachen in Auschwitz war es zum Beispiel nicht erlaubt, Gefangene zu vergewaltigen. In Lolas Gefängnis taten sie dies.«

Sack zufolge wurden die Gefängnisse vom polnischen Staatssicherheitsdienst geleitet. Die Deutschen nannten ihn die »polnische Gestapo«.

»Fast alle Direktoren des Sicherheitsdienstes waren Juden. Von den Offiziere waren 3/4 Juden und 1/4 Katholiken.«, sagt Sack.

Sack suchte anschließend nach den Lageroffizieren und fand einige in Israel und einen in New Jersey. Dieser bestätigte, daß zwischen 60.000 und 80.000 Deutsche in den Lagern starben. In einem Lager starben 48 von 50 Babies.

»Von Gleiwitz gingen wir westwärts nach Breslau und von da nach Prag«, berichtete ihm ein anderer Wachmann, der beschreibt, wie die Deutschen im Rücken der alliierten Streitkräfte inhaftiert wurden.

»In diesen Lagern starben mehr Deutsche als bei den Luftangriffen auf Dresden und Hiroshima«, berichtet Sack.

»Und obwohl die Anzahl der Deutschen, die in den Lagern starb, nur ein Prozent derjenigen ist, die im Holocaust starben, meinte ein deutscher Überlebender, daß es für die Opfer ein weiterer Holocaust war.«

Sack hört auch von Solomon Morel, angeblich Lola Potaks Freund und Kommandant eines anderen Gefangenenlagers in Polen. Der betrunkene Morel ließ eine Gruppe deutscher Gefangener antreten und bedrohte sie, daß er sie umbringen werde, wenn sie nicht das Horst-Wessel-Lied singen würden. Als die Gefangenen dann unter Zwang sangen, fing er an, sie mit einem Holzstuhl zu erschlagen.

Der Autor hat die Geschichte von Morel als separaten Artikel zur Publikation vorbereitet.

»GQ zahlte 15.000 Dollar dafür und veröffentlichte es dann doch nicht«, sagte Sack. »Mother Jones meldete sich nie wieder und New Yorker weigerte sich, den Beitrag überhaupt anzuschauen.«

The Village Voice allerdings veröffentlichte den Beitrag über Solomon Morel im Jahr 1993, und im gleichen Jahr publizierte der Verlag Basic Book nach langer Verzögerung endlich das Buch, An Eye for an Eye: The Untold Story of Jewish Revenge Against Germans in 1945. [Auge um Auge. Die unbekannte Geschichte jüdischer Rache an Deutschen 1945]. Tatsächlich wurde das Buch hektisch veröffentlicht, um während der Fernsehsendung »60 Minutes« von CBS über Morels Geschichte vorgestellt werden zu können.

Mit der Veröffentlichung seines Buches hörte der Ärger für John Sack aber beileibe nicht auf. Einige Rezensoren bezweifelten die Echtheit der geschilderten Geschichte. Eine Überschrift lautete »Die große Lüge, Fortsetzung«. Ein anderer Rezensent nannte das Buch ein »falsches Zeugnis« und ein weiterer spekulierte, daß »nichts davon jemals geschehen« sei. Obwohl die Geschichte von Morel in Zeitungen in Tel Aviv abgedruckt wurde, »wurde sie in den USA außer von CBS nur in der New York Times gebracht«, sagte Sack.

Der US-Schriftsteller besteht darauf, daß aus seinen Forschungsergebnissen Lehren zu ziehen seien.

»Wie können wir anderen Völkern wie den Deutschen, den Serben und den Hutus sagen, was ihr macht ist falsch, wenn wir es selber machen und dann vertuschen?«, fragt er. »Wie konnten die Deutschen das tun? Bis wir das herausgefunden haben, werden diese Holocausts weitergehen. Wenn wir hassen und uns davon leiten lassen, dann haben wir später noch mehr Haß. Man muß kein Deutscher sein, um so zu werden. Wir haben es alle in uns, was uns zu Nazis machen kann. Haß ist wie ein Muskel. Je mehr wir ihn trainieren, um so größer wird er«, führt Sack aus.

Sacks Glaube an seine Mission wird durch die Widmung seines Buches prägnant ausgedrückt:

»Für alle, die starben, und für alle, die aufgrund dieser Geschichte leben mögen.«

New Republic nahm eine Anzeige für dieses Buch an, weigerte sich jedoch, sie ein zweites Mal abzudrucken. Statt dessen äußerte sich der Feuilletonredakteur dieser Zeitschrift Leon Wieseltier - einem Artikel der Washington Post zufolge - kurz nach Erscheinen des Buches, dies sei »eines der dümmsten Bücher, die ich jemals gelesen habe, und ich beschloß offen, dem Buch so viel Schaden zuzufügen wie ich nur könnte.« Weder die Washington Post noch die New York Times rezensierten das Buch bei seinem Erscheinen. Der Unwille, auch nur von der Existenz des Buches Notiz zu nehmen, führte dazu, daß die Zeitschrift New York im Mai 1994 einen Artikel mit der Überschrift »Das Buch, das sie nicht zu rezensieren wagen« publizierte. Der Artikel berichtete, daß zwei führende Wissenschaftler, Istvan Deak und Arno Mayer, verifiziert hatten, daß die Art von Verbrechen, wie sie von John Sack in seinem Buch geschildert wird, tatsächlich stattgefunden hat.

Schließlich druckte die liberale Zeitschrift The Nation einen Beitrag über das Buch von dem Historiker Jon Wiener. Darin allerdings waren Äußerungen von Deak und Mayer enthalten, die deren Zitate im Magazin New York widerrufen oder dementieren. Wieners eigene Schlußfolgerung war, daß Sack »die Geschichte verzerrt und sensationalisiert«. Wiener fügte hinzu, obwohl Sack »das Verdienst zusteht, eine wichtige Angelegenheit aufgespürt und daran gearbeitet zu haben«, sei »sein Mangel an Fähigkeiten als Historiker lähmend.« Daniel Jonah Goldhagen von der Harvard University, Autor des hochgejubelten Buches Hitlers willige Vollstrecker,[2] schrieb in der extrem zionistischen New Republic griff Sack persönlich an, indem er ihm »grobe Auslassungen oder schieres Verschweigen ausschlaggebender Zahlen [...] Romanhaftigkeit [und] Sorglosigkeit im Umgang mit harten Fakten« vorwarf.

Havard Cromson nahm anschließend eine Anzeige an, in der Sack Harvards Goldhagen zu einer Debatte herausforderte, eine Herausforderung, die nicht angenommen wurde. Sacks Interesse, im Holocaust Museum zu sprechen, ergab sich, weil Goldhagen seinerseits eingeladen worden war, im April 1996 dort zu sprechen. Goldhagens These ist, daß das deutsche Volk willige am Holocaust beteiligt war und daß dieses Verbrechen in der deutschen Geschichte und Kultur wurzeln.

»Ich sage im wesentlichen das genaue Gegenteil von Goldhagen - daß man kein Deutscher sein muß, um so etwas zu tun«, sagt Sack. »Wenn ich sehe, wie sich die ganze Öffentlichkeit um jemanden reißt, der 100 Prozent falsch liegt, dann möchte ich reden.«

In Beantwortung einer Frage führte Sack im Nationalen Presseclub aus, daß Basic Books 17.000 Exemplare seines Buches druckte, daß es aber beim Verlag nicht mehr erhältlich sei. Sack hält dies nicht für eine Art von Zensur, beschuldigt aber den Buchhandel der Extravaganzen. Er versuche nun aber immerhin, das Copyright des Buches von Basic Books zurückzukaufen. Wenn er zu dem Schluß kommt, daß der Verlag das Buch vorsätzlich vom Markt fernhält, verspricht Sack, er werde das letzte Wort haben.

»Wenn ich die Rechte nicht zurückbekommen kann, werde ich es im Internet frei veröffentlichen,« sagte er dem Publikum im nationalen Presseclub. Glücklicherweise sind die Leser, die Sack auf seiner fortgesetzten Saga folgen wollen, nicht auf die Mainstream Medien angewiesen. Sie können sich im Internet bei Amazon.com, einem Online Buchladen, eine aktuelle Liste der Werke von Sack, ob noch erhältlich oder nicht, herunterladen: Die Adresse lautet:

http://www.amazon.com.


Anmerkungen

[1]John Sack, Auge um Auge, Kabel Verlag, Hamburg 1995; vgl. Österreichische Historiker-Arbeitgemeinschaft für Kärnten und Steiermark (Hg.), Völkermord der Tito-Partisanen 1944-1948, 2. Auflage, Oswald Hartmann Verlag, Sersheim 1993; S. Jendryschik, Zgoda. Eine Station auf dem schlesischen Leidensweg, Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1997.
[2]dt. bei Siedler, Berlin 1996; vgl. die Kritiken von Ruth Bettina Birn, »Revising the Holocaust«, The Historical Journal, 40(1) (1997), S. 195-215; Norman Finkelstein, »Daniel Jonah Goldhagen's Crazy' Thesis_ A Critique of Hitler's Willing Executioners«, new left review, Juli 1997, S. 39-87.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(1) (1998), S. 52ff.


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