Büchervernichter und ihre Opfer

Ein Bericht über eine proisraelische Hexenjagd aus erster Hand[1]

Von Victor Ostrovsky

Als Israels Mossad sich anschickte, mich zu "zerbrechen", fand es dafür willige Helfer in Amerika, wo ich wohne.

»Wir werden ihn auf andere Weise kleinkriegen, wir werden in wirtschaftlich brechen« sagte der Kopf des Mossad, Israels CIA, einem Knesset-Komitee, nach dem fehlgeschlagenen Versuch der israelischen Regierung, mein erstes Buch By Way of Deception[2] in den USA und Kanada zu verhindern. Diese vor einer Kamera gemachte Aussage wurde wahrscheinlich einem israelischen Journalisten zugespielt und in der Wochenendausgabe von Ma'ariv, Israels führender Tageszeitung, mit Erlaubnis der militärischen Zensur gedruckt worden. Seither hat der israelische Auslandsgeheimdienst eine Art Zermürbungskrieg gegen mich geführt mit Hilfe der enthusiastischen Unterstützung durch seinen Klüngel nordamerikanischer zionistischer Organisationen.

Als ein in Kanada geborener, in Israel aufgewachsener ehemaliger Mossad-Mitarbeiter habe ich die Möglichkeit einer ausgedehnten Verschwörung gegen mich jahrelang abgelehnt. Immerhin wurde mein Buch ja letztlich doch publiziert. Konnte ich dem Land, daß ich mit Abscheu verlassen hatte, um in mein Geburtsland zurückzukehren, überhaupt noch weiteren Schaden zufügen? Erst der Aufschlag auf den harten Boden der Wirklichkeit hat mich von dieser Naivität geheilt - und der Optimismus, daß eine Änderung der Lage in Kürze zu erwarten ist. Heute bin ich davon überzeugt, daß ich das Ziel einer breit angelegten Verabredung zwischen Teilen der israelischen Regierung und ihrer Handlagern, zumeist in der amerikanischen jüdischen Gemeinde, bin.

Nach der Veröffentlichung von By Way of Deception schrieb ich einen Spionageroman des Titels Lion of Judah,[3] wofür ich die Kenntnisse nutzte, die ich während meiner Tätigkeit beim Mossad erworben hatte. Das Buch beschreibt eine fiktive Mossad-Operation, die darauf abzielt, einen im Nahen Osten eingeleiteten Friedensprozeß zu vereiteln. (Das Buch wurde vor dem Beginn der tatsächlichen jahrelangen Geheimverhandlungen geschrieben, die zu dem Vertrag von Oslo führten.)

In diesem Buch enthüllte ich deutlich mehr über die Mossad-Techniken als in By Way of Deception. Aber ungeachtet der großen Publizität, die mein erstes Buch wegen des fehlgeschlagenen Unterdrückungsversuches Israels erhielt, wurde dieses Buch ignoriert.

Radio- und Fernsehinterviews, die von meinem Verleger angesetzt worden waren, wurden storniert, kaum daß sie gebucht worden waren. Eine Agentur in Toronto, die selten Probleme hatte, Vorträge vor Studenten oder anderen Gruppen zu organisieren, die heiß darauf waren, mich zu hören, mußte feststellen, daß die Veranstaltungen aufgehoben wurden, noch bevor ich erscheinen konnte. Tatsächlich wurden ein Termin immer dann gekündigt, sobald eine lokale Gruppe von B'nai B'rith Anti-Defamation League (ADL) Wind davon bekommen hatte, und sie erfuhren es immer irgendwie.

Je weniger ich allerdings Vorträge hielt, um so mehr hatte ich natürlich Zeit zu schreiben. 1995, als mein drittes Buch The Other Side of Deception[4] erschien, eine weitere nicht-fiktive Arbeit, wurden die Maßnahmen gegen mich verstärkt.

Um so mehr war ich überrascht, daß ich am 21.10.1995 vom Produzenten des kanadischen Senders CTV, Ron Fine, eingeladen wurde, als Gast in der Sendung »Canada AM« aufzutreten, einer weithin beachteten kanadischen Fassung der US-Version »Good Morning America.« Zeitgleich sollte aus Israel via Satellit der israelische Journalist Yosef Lapid, ehemals Leiter des israelischen Fernsehens, zugeschaltet werden.

Aufruf zum Mord

Lapid hatte sich seinen 14-minütigen Auftritt im nordamerikanischen Fernsehen dadurch erarbeitet, daß er während der israelischen Fernsehsendung »Popolitica« offen an den Mossad appelliert hatte, mich in Kanada ausfindig zu machen und mich wegen der von mir geschriebenen Bücher zu töten. Er wiederholte diesen Appell in der Tel Aviver Tageszeitung Ma'ariv und der Überschrift »By Virtue of Murder« (vgl. Anhang).

Wie auf ein Stichwort wartend wiederholte er diese Aufforderung zum Mord während der oben erwähnten kanadischen Fernsehsendung in meiner Anwesenheit, aber diesmal mit einer Wendung. Da mich der Mossad in Kanada nicht töten könne, ohne einen diplomatischen Eklat zu provozieren, meinte er:

»Ich hoffe daß es in Kanada einen anständigen Juden gibt, der diese Arbeit für uns erledigt.«

Meine Reaktion war Entsetzen gemischt mit Erleichterung. Ab nun würde es für die Torhüter der Medien schwierig sein zu behaupten, es gebe keine »häßlichen Israelis«, die in jeder Hinsicht genauso bösartig und fanatisch sind wie die iranischen Ajatollahs, die dazu aufgerufen hatten, daß in Großbritannien ein britischer Muslim den Autor Salman Rushdie ermorden möge.

Zusammen mit den Produzenten dieser Sendung hatte ein großer Prozentsatz der kanadischen Zuschauer soeben selbst gesehen, wie ein ehemaliges israelisches Regierungsmitglied kanadische Juden dazu aufforderte, mich auf kanadischem Boden wegen der von mir geschriebenen Bücher zu ermorden. Zu meinem Erstaunen aber gab es in den kanadischen Medien keinen erkennbaren Willen, diese Geschichte weiter zu verfolgen, da es sich diesmal nicht um eine iranische, sondern um eine israelische Anstiftung zum Mord an einem Autor handelte. Ich habe mich nie in meinem Leben einsamer und isolierter gefühlt als damals.

Meine Laune verbesserte sich, als ein Reporter von USA Today das Band dieser »Canada AM«-Sendung bekam und außer sich geriet. »Ich werde darüber einen Bericht schreiben«, erklärte er und interviewte mich über eine Stunde lang. Als ich noch in seinem Büro war, rief ihn sein Herausgeber an und befahl ihm, den Artikel zu vernichten. »Das ist kein Bericht«, sagte der Herausgeber. Die Stille um mich herum wuchs.

Ein Jahr später wurde Israels Premierminister Yitzhak Rabin von einem rechten Fanatiker ermordet: Er erhielt seine Legitimation für den Mord von einem extremistischen Rabbi und seinen Marschbefehl von Leuten wie Lapid. Wenn ich nach Lapids Regeln entsprechend der Kategorie D getötet werden soll (vgl. den anschließenden Artikel Lapids), so mußte in den Augen von Yigal Amir, Rabins Mörder, auch Rabin sterben. Ich habe keinen Zweifel, daß all diejenigen, die sich wie Lapid ihre eigenen Regeln machen, wer zu leben habe und wer sterben solle, Mittäter beim Mord an Rabin sind.

Ein Radio-Moderator namens Tim Kern von einer Radiostation in Denver, Colorado, bat eines Tages um ein Interview. Einige Tage später sandte er mir eine Akte, die er vom Mountain state regional office of the Anti-Defamation
League of B'nai B'rith
erhalten hatte. ADL empfahl in ihrem Schreiben dem Sender, das Interview fallen zu lassen, und behauptete, ich sei ein unglaubwürdiges Subjekt. Diese Formulierung wurde gegenüber allen möglichen Radio- und Fernsehsendern in den USA und Kanada wiederholt. Ironischerweise wurde wortgetreu die gleiche Formulierung von angeblich unabhängigen jüdischen Organisationen aus den ganzen Vereinigten Staaten immer wieder vorgebracht in ihren Versuchen, mich zum Schweigen zu bringen.

Die gleichen Leute, die sonst jeden loben, der Mißstände im CIA oder in bewaffneten US-Einheiten enthüllt, waren nun eifrig damit beschäftigt, meine Kritik an einem ausländischen Geheimdienst abzumildern, der wahrlich nicht die amerikanischen Interessen im Augen hat, um es milde auszudrücken. Die Amerikaner, die mich einen Verräter Israels nennen, weil ich die Aktivitäten des Mossad zur Unterminierung des Nahost-Friedensprozesses enthülle, preisen Jonathan Pollard als einen Held, der als US-Verräter die US-Regierung für Israel ausspionierte.

In einem Versuch, den Teufelskreis zu durchbrechen, entschied ich mich, Yosef Lapid bei einem kanadischen Gericht wegen Anstiftung zum Mord und »Canada AM« wegen der öffentlichen Verbreitung dieses Aufrufes anzuzeigen. Ich nahm an, daß es mir durch die Erringung öffentlicher Aufmerksamkeit gelingen könnte zu zeigen, wie bestimmte US-amerikanische und kanadische Organisationen, bei denen es sich tatsächlich um Agenten Israels handelt, die Wahrheit unterdrücken, und zwar durch Einschüchterung und, wenn nötig, ökonomische und auch terroristische Gewalt.

Nachdem ich eine saftige Summe vorausgezahlt und die Vorbereitungen für das Verfahren abgeschlossen hatte, teilte mir mein Anwalt Paul B. Kane von der Kanzlei Perley-Robertson, Panet, Hill und McDougall in Ottawa, Kanada, mit, daß er den Fall nicht weiter übernehmen könne. Er erklärte dies damit, daß die Sicherheit seiner Mannschaft gefährdet sein könnte, wenn er den Fall weiterführe.

Als nächstes teilte mir HarperCollins, mein Verleger, mit, daß er den ausstehenden Rest meines Vorschusses von etwa $46,000 für Werbemaßnahmen einbehalten werde. Als ich darauf hinwies, daß ich niemals zu etwas Derartigem mein Einverständnis gegeben hätte und daß sie kein Recht dazu hätten, antworteten sie knapp: »Verklagen Sie uns!«.

Etwa zeitgleich wurde meiner Tochter, einer TV-Produzentin, eine Anstellung verweigert, die ihr bei einer Fernsehstation in Vancouver angeboten worden war: Die Zentrale in Toronto hatte zwischenzeitlich von ihrer Verwandtschaft zu mir erfahren.

Sodann entschied mein kanadischer Verleger Stoddart, meinen neuesten Spionageroman Dominion of Treason nicht zu drucken und daß er zudem alles für mich bestimmte Geld zurückhalten werde, das aus dem Verkauf der Bücher By Way of Deception und Lion of Judah hereinkäme.

Unterdessen hatte ich meinem Agenten in Toronto ein neues (fünftes) Buchprojekt über die amerikanische Militia Bewegung vorgeschlagen. I schlug vor, die Anhänger der Bewegung über deren Beweggründe zu interviewen, und dann diese Bewegung von Seiten ihrer Mitglieder zu beschreiben anstatt sie einfach nur als Feinde zu bezeichnen und die Türe zuzuschlagen. Ich glaube, daß das wachsende Mißverständnis und Mißtrauen innerhalb der USA, und besonders zwischen verschiedenen Regionen wie etwa der Ostküste einerseits und dem Mittleren und Äußersten Westen andererseits, das Schicksal geradezu herausfordern.

Mein Agent war von diesem vorgeschlagenen Projekt begeistert. Wir nannten es »Wir, das Volk« (We the People). Einige Monate lang berichtete er mir, wie dieses angekündigte Buch in den Literaturzirkeln New Yorks aufgenommen werde. Dann verschwand er von der Bildfläche, und es war mir bis heute nicht möglich, noch einmal Kontakt zu ihm aufzunehmen. Ich weiß, daß er in seinem Büro ist und arbeitet, aber er ruft mich nicht mehr zurück.

1996 entzündete ein neuer in New York ansässiger Agent ein Licht am Ende des sehr langen, dunklen Tunnels. Regnery Inc., ein in Washington ansässiger Verleger, unterzeichnete mit mir einen Vertrag für einen ironischen Spionageführer namens The Spy Game. Freilich hatten sie einige Vorschläge, wie man den Führer etwas ernsthafter machen könnte, um zu vermeiden, daß der Leser glaubt, Spionage sei eine Sache zum Lachen.

Als ich aber gerade den ersten Entwurf abschließen wollte, brannte mein Haus bis auf die Grundmauern ab. Laut Bericht der Feuerwehr war es Brandstiftung. Da wir einige Wochen zuvor ausgezogen waren und ich nur noch ein Zimmer zum Schreiben benutzte, wurde niemand verletzt. Abgesehen vom Haus selbst ging glücklicherweise wenig verloren - nur mein Computer und einige Kisten mit Dokumenten.

Als ich so die Asche von dem, was einmal mein Schlafzimmer war, durchsiebte, wurde mir klar, daß mir die Dinge langsam aus den Händen gleiten. Seit Binyamin Netanyahu vom Likud-Block Premierminister Israels ist, sind die israelischen Botschafter sowohl in den USA als auch in Kanada frühere Mossad-Offiziere. Ich konnte zwar weder die Brandstifter identifizieren, noch irgendeine bestimmte Organisation dafür verantwortlich machen, aber mir war klar, daß diejenigen, die sich dafür stark gemacht hatten, mich »wirtschaftlich« zu zerbrechen, zunehmend aggressiver werden und immer mehr riskieren.

Nach einigen Tagen der inneren Einkehr wurde mir klar, daß ich meiner Frau, die bisher mit mir durch Dick und Dünn gegangen war, nicht weiter erlauben könnte, in vorderster Front zu stehen. Dies war meine Schlacht, meine Wahl. Wohl wissend, daß sie mich nicht verlassen würde, wie es sonst fast jeder getan hatte, sagte ich ihr, daß ich nun alleine sein müßte, um die Dinge für mich selbst in Ordnung zu bringen.

Unsere Trennung hielt einige Wochen an. Aber uns wurde beiden klar, daß wir es so nicht aushielten.

Ich verschwendete also keine Zeit mehr, schrieb The Spy Game um, da ich meine Notizen bezüglich Regnery's Änderungsvorschläge bei mir hatte. Die Arbeit an dem Buch schritt gut voran. Ein Großteil des Lektorats war bereits abgeschlossen. Der Verleger erbat durch seinen Projektleiter noch ein zusätzliches Kapitel über Spionage im Internet und einiges biographische Material über mich. Ich stellte dies zusammen, und der Verleger drückte in einem Schreiben seine Zufriedenheit aus.

Am 9. Juli 1997 faxte mir die Werbeabteilung von Regnery eine Kopie der Katalogseite mit meinem Buch zu, das demnach im Oktober erscheinen sollte. Einen Tag später, am 10. Juli 1997, erhielt ich einen Brief von Regnery, worin ich informiert wurde, daß mein Verleger entschieden habe, mein Buch solle nicht publiziert werden. Ich fühlte mich, als sei ich von einem Güterzug angefahren worden.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, daß die Kräfte des Rassismus, des Fanatismus und der Apartheid siegen könnten, sogar hier in Nordamerika. Indem ich schließlich nach Hilfe rufe, befürchte ich plötzlich, daß ich womöglich nur in den Wind rufe.

Allen, die glauben, daß dies hier nicht geschehen könne, sage ich: gebt acht.

Es ist ungeheuer befriedigend, gegen Gewalt und Tyrannei aufzustehen und die Stimme zu erheben. Aber zu gegebener Zeit muß man dafür auch einen Preis bezahlen.

Und wenn dieser Tag kommt und Dir die Rechnung präsentiert wird, wirst Du herausfinden, daß Deine Freunde, die Dich alle mögen, es schließlich vorziehen, Dich aus der Ferne zu mögen. Ich frage mich nun, ob die Tausenden, die mich damals anriefen und mir schrieben, immer noch meinen, ich sei ein Prophet oder ein Held, oder ob sie mich lediglich für einen Verrückten halten?


»By Virtue of Murder (Mord als Tugend) [5]

Meir Shnitser verteidigt in einem in dieser Zeitung abgedruckten Artikel den gefährlichen Verräter Victor Ostrovsky, den Ex-Mossad Mann, der von seiner kanadischen Zuflucht aus zu 90% hinterhältige, haßerfüllte Lügen gegen Israel und seine Sicherheitsdienste veröffentlicht, vermischt mit 10% Wahrheit, was das Ganze noch schlimmer macht. Wer weiß besser als ich, der ich der leitende Direktor der israelischen Rundfunkbehörde war, daß es, wie Shnitser es sagte, von Anbeginn an unsauber ist, im Fernsehen zum Mord aufzurufen?

Ich habe Ostrovsky in einem Telefoninterview von "Popolitika" gesagt, daß ich hoffe, der Mossad würde ihn eliminieren. Meir Shnitser, der immer bereit ist, für die Redefreiheit zu kämpfen, für das Recht der Palästinenser, die Zerstörung des Staates Israel zu predigen, will mir mein Recht vorenthalten, meine Meinung in der Öffentlichkeit zu sagen. Ja, ich glaube, daß Victor Ostrovsky eliminiert werden sollte. Nicht wegen seiner Meinung, sondern wegen seiner Tätigkeiten. Nicht, weil er ein Feind Israels ist, sondern weil er ein Verräter ist. Und nicht, weil dies eine süße Rache wäre, sondern weil der Mossad aus Eigeninteresse nicht dulden kann, daß jemand, der aus freier Entscheidung sein Agent war, aus dem Verkauf von Staatsgeheimnisse Profit schlägt, auch wenn das meiste von dem, was er sagt, Lügen sind.

Selbstverständlich wäre es vorzuziehen, Ostrovsky zu entführen, so wie Eichmann oder Vanunu entführt wurden. Ihn zu entführen und vor Gericht zu stellen und gemäß den Gesetzen zu bestrafen. Man kann den Tisch auch herumdrehen. In den frühen Fünfzigern fanden israelische Sicherheitsdienste heraus, daß eine jugoslawische Christin, die mit den Nazis kollaboriert hatte, einen Juden geheiratet hatte und mit ihm nach Israel gekommen war, um vor der "Ozna", Titos Geheimpolizei, zu flüchten.

Jugoslawien und Israel hatten kein Auslieferungsabkommen. Deshalb entführte der israelische Sicherheitsdienst kurzerhand die Frau aus ihrem Haus in Israel und schmuggelte sie auf ein jugoslawisches Schiff, das gerade - ob per Zufall oder geplant - im Hafen von Haifa vor Anker lag. Sie wurde in Jugoslawien vor Gericht gestellt und für schuldig befunden, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Aber man kann nicht immer entführen. Ostrovsky könnte man heute nicht von Ottawa entführen. Und selbst wenn dies gelänge, wäre es die Sache nicht Wert, damit die diplomatischen Beziehungen zwischen Kanada und Israel zu stören.

Aber es gibt immer Wege, ihn loszuwerden. Wie die deutschen Wissenschaftler, die Ägypten halfen, eliminiert wurden. Wie der kanadische Ballistikexperte Gerald Bull, der versucht hatte, für Saddam Hussein eine Superkanone zu bauen, ermordet wurde. Wie die Mörder unserer Athleten von München mit der Genehmigung der damaligen Premierministerin Golda Meir ermordet wurden. Wie ein israelischen Kommando noch vor der Errichtung des Staates Israel Nazis eliminierte, die sich in Deutschland und Österreich versteckten.

Selbstverständlich ist es nicht zulässig, einer öffentlichen Institution die Durchführung von Morden ohne bestimmte Kriterien, ohne ein durchdachtes System und ohne die Ermächtigung seitens eines mit Sicherheitsfragen betrauten ministeriellen Entscheidungsträgers zu erlauben. Ein Mann, der vor Gericht gestellt werden kann, sollte nicht eliminiert werden.

Auch sollte ein Mann nicht eliminiert werden, bevor die Sicherheitsdienste jenseits aller Zweifel festgestellt haben, daß der Mann in einem der folgenden Punkte schuldig ist:

  1. Kollaboration beim Völkermord am jüdischen Volk.
  2. Ein terroristischer Anschlag gegen Israelis, der viele Tote forderte.
  3. Kollaboration mit dem Feind bei der Herstellung von Waffen, die die Existenz des Staates Israel gefährden.
  4. Verrat, der dem Staat Israel schadet.

Ostrovsky gehört zu der letzten Kategorie.

Mitte der fünfziger Jahre wurde bekannt, daß Andrea Artukovich in Los Angeles lebt. Als ehemaliger Innenminister der Nazi-Marionettenregierung Kroatiens war er persönlich verantwortlich für die Eliminierung des kroatischen Judentums.

Während des Höhepunktes des Kalten Krieges war die US-Regierung nicht willens, ihn an die kommunistische Regierung Jugoslawiens auszuliefern. Als jugoslawischer Emigrant fühlte ich mich tief verletzt, daß ein derartiger Kriegsverbrecher frei herumlief. Der Gedanke, daß Artukovich den Rest seines Lebens in Amerika verbringen würde, während Zehntausende Juden in den Vernichtungslagern begraben lagen, die er errichten ließ, war für mich unerträglich.

Als ich noch ein mittelloser junger Reporter bei der Zeitung Ma'ariv war, bot ich dem mir vorgesetzten Redakteur Shmuel Shnitser einen Deal an. Wenn mir Ma'ariv die Reise in die USA inklusive der Spesen, die ich bis zur Tötung von Artukovich brauchte, bezahlen würde, hätte Ma'ariv eine Exklusivstory, ob ich nun geschnappt würde oder nicht.

Shnitser sagte, er würde seine Freunde um Rat fragen. Einige Tage später teilte er mir mit, daß mein Angebot abgelehnt worden sei. Grund dafür war, daß Ma'ariv nirgendwo in der Welt mehr einen Reporter hinschicken könnte, wenn herauskäme, daß man einen Reporter mit einer Mordmisson geschickt habe.

Ich bedaure diese Entscheidung bis heute.

Meir Shnitser würde dies nie verstehen.«


Anmerkungen

[1]Zuerst publiziert in: The Washington Report On Middle East Affairs, Oktober/November 1997, S. 37, 84f.
[2]St. Martin's Press, New York 1990; Arrow, London 1991; dt: Der Mossad: Ein Agent enthüllt Aktionen und Methoden des israelischen Geheimdienstes, 1. Auflage Hoffmann & Campe, Hamburg 1991. Das Buch wurde bis 1992 zwölfmal aufgelegt und erschien seither im Droemer-Knaur Taschenbuch-Verlag (München) bis 1996 in acht Auflagen sowie bei diversen Buchclubs als Lizenzausgabe. Daraus ergibt sich, daß sich der deutsche Medienmarkt entweder nicht im primären Visier bestimmter Lobby-Gruppen befindet oder daß er weniger von der Political Correctness terrorisiert wird wie der nordamerikanische. Auch der Fall des zweiten Buches von James Bacque, Verschwiegene Schuld (Ullstein, Berlin 1995), das in Deutschland ohne Verzögerung erscheinen konnte, in den USA jedoch durch Widerstände stark verzögert wurde (J. Bacque, Crimes and Mercies, Little, Brown & Co., Toronto 1996), weist darauf hin. Der Fall des Buches Der erzwungene Krieg von Prof. David Leslie Hoggan (Grabert, Tübingen 1961), das aufgrund eines weit ausgedehnten Intrigenspiels erst fast 30 Jahre später in englischer Sprache erscheinen konnte (The forced war: when peaceful revision, Institute for Historical Review, Costa Mesa, CA 1989; vgl. Deutschland in Geschichte und Gegenwart, 27(3) (1979), S. 5ff.), rundet das Bild ab. Ein Gegenbeispiel ist freilich John Sacks Auge um Auge, das in den USA zwar kontrovers diskutiert, aber nicht verzögert wurde, während es in Deutschland vom Piper-Verlag vor Auslieferung eingestampft wurde und erst ein Jahr später im Kabel-Verlag (Hamburg) erscheinen konnte. Laut Aussage von Sack scheint nun aber sein amerikanischer Verlag eine Art Blockadepolitik gegen Neuauflagen des Buches zu machen, vgl. den Beitrag in diesem Heft. Alle diese Fälle der "Zensur der Marktes" betreffen Publikationen von Verbrechen an Deutschen oder Verbrechen bzw. Vergehen der Alliierten an Deutschen (darunter auch Juden), was darauf hinweist, daß es weltweit politisch unerwünscht ist, das Kainsmal der Deutschen in differenzierterem Licht erscheinen zu lassen.
[3]St. Martin's Press, New York 1993; dt.: Im Dienste des Mossad, Hoffmann & Campe, Hamburg 1992.
[4]HarperCollins, New York 1994; dt.: Geheimakte Mossad: die schmutzigen Geschäfte des israelischen Geheimdienstes, Bertelsmann 1994, später auch als Taschenbuchausgabe im Goldmann-Verlag, München.
[5]The Washington Report On Middle East Affairs, p. 85. Übersetzung eines 1995 erschienen Artikels in der Tel Aviver Tageszeitung Ma'ariv von Yosef Lapid, einem früheren Leiter des israelischen Fernsehens.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geshichtsforschung 2(1) (1998), S. 45-48.


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