Bücherschau

Holocaust-Literatur versus Holocaust-Wissenschaft.

Gedanken über Finkelstein, Goldhagen und den Holocaust-Revisionismus

Norman G. Finkelstein, Ruth Bettina Birn, A Nation on Trial: The Goldhagen Thesis and Historical Truth, Metropolitan Books, New York 1998. 148 p.; 22 cm.

Nach der Lektüre dieses Buches war ich beeindruckt von einer Differenzierung, auf der Finkelstein beharrt. Er macht nämlich einen Unterschied zwischen der von ihm so genannten »Holocaust-Wissenschaft«, die er als geschichtlich und multikausal bezeichnet, und der »Holocaust-Literatur«, die er als ungeschichtlich und monokausal bezeichnet.

A Nation on Trial

Es ist wichtig, sich Finkelsteins Differenzierung näher zu betrachten, da dies auch so manches bezüglich der Auseinandersetzung zwischen den Revisionisten und den Exterminationisten verständlich macht. Die Exterminationisten bestehen darauf, daß der Holocaust das am besten dokumentierte Ereignis der ganzen Geschichte sei. Ein Besuch in jedem Buchladen würde diese Behauptung anscheinend bestätigen - oder eben widerlegen. Denn sowohl in den großen als auch in den kleinen Läden, ja sogar in Souvenirläden, wie etwa dem des US-Holocaust Memorial Museums in Washington. findet man bestätigt, daß der überwiegende Teil der dort zum Holocaust angebotenen Literatur schlicht jener von Finkelstein so titulierten »unhistorischen Holocaust-Literatur« angehört. Nur wenige Bücher sind erhältlich, die Finkelsteins Definition von »Holocaust-Wissenschaft« entsprechen.

Nach Finkelstein entstand die »Holocaust-Literatur« anläßlich des israelisch-arabischen Krieges im Jahr 1967 (S. 62). Er zitiert dazu ein Werk von Geoff Eley mit dem Titel Holocaust History, das im Londoner Review of Book im Jahr 1982 besprochen wurde (S. 3-16). Demnach berichtet Eley:

»Ende der sechziger Jahre tauchte der Begriff „Holocaust" regelmäßig in Buchtiteln und Artikelüberschriften auf, neuerdings mit einem großen H und dem bestimmten Artikel versehen.« (S. 92f.)

Finkelstein führt dazu aus, mit »dem Holocaust« sei schlicht die »zionistische Version des Nazi-Holocaust gemeint.« (S. 94)

Finkelstein ordnet nur sehr wenige Titel der Holocaust-Wissenschaft zu. Darunter fallen seiner Ansicht nach Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden, Hanna Arends Eichmann in Jerusalem und Arno Mayers Der Krieg als Kreuzzug. Er meint, daß

»annähernd jede entwicklungsbedürftige Arbeit, die die Debatte umformen wollte [...] schließlich auf dem Index der unerwünschten Holocaust-Literatur gelandet sei.« (S. 89)

Es ist allerdings meiner Meinung nach unfair, die Werke der Holocaust-Wissenschaft auf jene von Finkelstein angeführten zu beschränken. Ich hätte Reitlingers Endlösung, van Pelts Auschwitz, 1270 to the Present sowie die Arbeiten von Jean-Claude Pressac und Christopher Browning ebenfalls in die Liste aufgenommen.

Nach Finkelsteins Auffassung bewegen sich die »Holocaust-Studien« im Grenzbereich zwischen Holocaust-Wissenschaft und Holocaust-Literatur (S. 88), tatsächlich ist es aber wohl zutreffender zu sagen, daß die »Holocaust-Studien« sowohl den historischen wie den unhistorischen Bereich umfassen.

Wenn wir ein Kontinuum entwerfen wollten, so würde ich die Holocaust-Literatur auf der äußersten linken plazieren, die Holocaust-Wissenschaft in der Mitte und den Holocaust-Revisionismus zur Rechten. Wenn man in diesen Begriffen denkt, wird das Dilemma der ehrlichen Holocaust-Forschung schnell deutlich.

Zur Linken tummeln sich jene, die, wie Finkelstein es ausdrückt, daran glauben, daß

»die Nazi-Vernichtung sowohl die Existenz Israels rechtfertige als auch alle Feindseligkeiten gegen Israel erklärt: Der jüdische Staat ist die einzige Versicherung gegen den nächsten Ausbruch eines mordenden Antisemitismus und umgekehrt steckt hinter jedem Angriff oder auch nur hinter jedem defensiven Manöver gegen den jüdischen Staat mordender Antisemitismus.« (S. 93f.)

Von diesem ideologischen bzw. politischen Standpunkt aus betrachtet gleicht also ein Angriff auf »den Holocaust« zugleich einem Angriff gegen Israel und die Juden im allgemeinen. In diese Kategorie unhistorischer politischer Betrachtungsweisen fällt selbstverständlich Elie Wiesel, der geschrieben hat, daß derjenige, der sich »weigert, mir zu glauben«, »jenen Glaubwürdigkeit verleiht, die den Holocaust leugnen.« (S. 91)

Im Zentrum dieses Kontinuums befinden sich die Werke der Holocaust-Forschung. Diese »Forscher« erscheinen aber hin- und hergerissen und ebenfalls unfähig zu sein, ihren Untersuchungsgegenstand objektiv zu behandeln. Jede neuere Arbeit der Holocaust-Forschung beschäftigt sich in gewisser Weise auch mit dem Holocaust-Revisionismus. Immer noch müssen auch diese »Wissenschaftler« die Ideologen berücksichtigen, die sie schnell verdammen, sobald jemand Zweifel an ihrer quasi-religiösen Version des Holocaust nährt.

Expertenstimmen

»Unter den Dutzenden von Rezensionen von Hitlers willigen Vollstreckern ragen Ruth Bettina Birn und Norman Finkelstein heraus dank der Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, mit der sie ihre Aufgabe wahrgenommen haben. Auch wenn ich nicht jeden Aspekt von Finkelsteins Schlußfolgerungen bezüglich der Politisierung der Holocaust-Geschichtsschreibung nachvollziehen kann, bin ich dankbar für diese mutigen, gewissenshaften und arbeitsintensiven Bemühungen der Autoren.«

- Christopher R. Browning
Autor von Fateful Months und Ordinary Men: Reserve Police
Battalion 101 and the Final Solution in Poland

»Kein ernsthafter Geschichtsstudent kann es sich leisten, diese wohldurchdachten und vernichtenden Betrachtungen über die Gefahren der Pseudowissenschaft zu ignorieren.«

- Arno Mayer
Autor von Why did the Heavens Not Darken?
(dt.: Der Krieg als Kreuzzug)

»Alle Leser von Goldhagens kontroversem Buch sollten diese so sehr benötigte Studie zur Kenntnis nehmen, die, ähnlich wie andere seriöse Historiker, Goldhagens Argumente überzeugend und normsetzend demontiert.«

- Eric Hobsbawm
Autor von The Age of Extremes

»Finkelstein und Birn liefern eine vernichtende Kritik an Daniel Goldhagens simplifizierender und irreführender Interpretation des Holocaust. Ihr Beitrag zu der Debatte ist in meinen Augen unentbehrlich.«

- Ian Kershaw
Autor von Hitler

»Sehr zu empfehlen für die vielen Leser von Goldhagens kontroversem Buch, besonders für jene, die von seinen Hypothesen fasziniert waren. Glücklicherweise ist in einer offenen Gesellschaft jede Wissenschaft der Öffentlichen Überprüfung unterworfen, und ohne die rigorose Kritik, wie sie von dieser wichtigen und mutigen Sammlung vorgebracht wird, kann es keinen Forschritt des geschichtlichen Wissens geben.«

- Volker R. Berghahn
J.P. Birkelund Professor für
europäische Geschichte, Brown University


Das von Frau Birn und Herrn Finkelstein vorgelegte Buch ist ein auf diesem Feld leider selten anzutreffendes Werk unentbehrlich kritischer Wissenschaft. Man wünscht sich, daß sich beide mit gleichem Elan auch jenen Werken widmen, die sich kritisch mit ihren eigenen grundlegenden Thesen beschäftigen.

- Ernst Gauss
Autor von Vorlesungen zur Zeitgeschichte
und Herausgeber von Grundlagen zur Zeitgeschichte

Unglücklicherweise scheinen diese »Wissenschaftler« zu glauben, sie müßten zwischen beiden gegnerischen Lagern entlangjonglieren. Dies hat seither zu vielen revisionistischen Kleinsiegen geführt, da man den Revisionisten immer wieder Grund und Boden hat überlassen müssen. Auch wenn dabei bestimmte Details geopfert werden mußten, so blieb die allgemeine Geschichte dennoch dieselbe, quasi als ein Tribut an jene Ideologen, die schnell zu den Mitteln von Angst und Einschüchterung greifen, wenn ihre Version nicht mehr gewürdigt wird.

So haben wir vor noch nicht allzu langer Zeit gesehen, wie Raul Hilberg sein Meisterwerk revidiert hat, indem er alle Hinweise auf einen Befehl Hitlers zur Durchführung der »Endlösung« gestrichen hat, die in früheren Ausgaben noch enthalten waren. Arno Mayer ging sogar noch viel weiter. Mayer wollte offenbar die revisionistischen Argumente ernsthaft aufgreifen. Man findet in seiner Bibliographie sogar Arthur R. Butz' Der Jahrhundertbetrug eingetragen. Mayers Kommentare, wie etwa, daß »mehr Juden durch „natürliche" als durch „unnatürliche" Ursachen getötet wurden« (S. 365), führten zur Verurteilung dieses Buches und letztlich dazu, daß nicht mehr aufgelegt wurde, wohingegen andere, minderwertigere Bücher der Holocaust-Literatur immer und immer wieder nachgedruckt werden.

Jean-Claude Pressac folgte Mayer in seiner Intention, die Revisionisten ernstzunehmen. Interessanterweise wird Pressac von Finkelstein noch nicht einmal erwähnt. Obwohl seine Bücher als definitive Erkenntnisse gepriesen wurden, werden sie der angelsächsischen Öffentlichkeit vorenthalten. Sein letztes Buch ist nur in stark überarbeiteter und gekürzter Form als Beitrag zum Sammelwerk von Gutman und Berenbaum, Anatomy of the Auschwitz Death Camp, erhältlich. Pressac gibt darin schockierenderweise zu, daß »mehr als 95% [des vom Lager Auschwitz bestellten Zyklon B] für Entlausungen verwendet wurde« (S. 215) Mit anderen Worten: 95% des Zyklon B wurden zur Lebenserhaltung der Häftlinge verwendet, während nur [statistisch nicht nachweisbare] 5% zur angeblichen Tötung verwendet wurden.

Vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichten Deborah Dwork und Robert van Pelt ihr Buch Auschwitz 1270 to the Present. Diese Buch verwendet erstaunlicherweise nicht nur die wohlbekannte Querschnittszeichnung einer Entlausungskammer (einschließlich der von Fritz Berg eingezeichneten Pfeile, was beweist, daß die Autoren die revisionistische Literatur kennen und damit arbeiten!). Sie geben außerdem zu, daß die »Gaskammer« im Stammlager Auschwitz I im wesentlichen eine »Nachkriegsrekonstruktion« ist. Auschwitz wird als »Erinnerungslager« bezeichnet, und van Pelt führt aus, »es gibt keinen Hinweis, der diese Wiederherstellung erklärt. Sie wurden damals nicht als solche ausgewiesen, und auch die Touristenführer schweigen darüber, wenn sie die Besucher zu dieser Stätte führen, von denen die Touristen annehmen, dies sie die Stelle, wo „es geschah".« (Dwork, van Pelt, S. 364)

Die nächste wichtige Stufe in der Auseinandersetzung mit den Revisionisten war Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker. Finkelstein führt aus:

»Goldhagens Buch ist der erste Raubzug der Holocaust-Ideologen auf dem Gebiet des Holocaust. [...] Was Hitlers willige Vollstrecker bloßlegt, ist die intellektuelle Dürftigkeit der Holocaust-Literatur: Da sie die Erkenntnisse der Holocaust-Wissenschaft ignorieren, erweisen sich die Behauptungen der Holocaust-Ideologen als unhaltbar, sobald man sie einem empirischen Test unterwirft.« (S. 91)

Goldhagen hat sich mit dem Revisionismus auseinandergesetzt, indem er keinen Fußbreit Boden aufzugeben bereit war. Damit rannte Goldhagen mit Volldampf in das Lager der Ideologen. Dementsprechend wurde sein Buch weltweit mit wundervollen Rezensionen bedacht, da es sich selbst als »Wissenschaft« präsentierte, tatsächlich aber bloß die unhistorischen Geschichten der Ideologen erweiterte.

Goldhagen wird in Bettina Birns und Norman Finkelsteins A Nation on Trial umfassend niedergemacht. Finkelstein erklärt:

»Goldhagens Buch ist als Wissenschaft wertlos.« (S. 4)

Aber was sagt uns das? Der Fehler in Goldhagens Buch liegt darin, daß er die Holocaust-Geschichte der Ideologen akzeptiert. Aber dieser Fehler zieht sich wie ein roter Faden auch durch alle Werke der Holocaust-Wissenschaft, die Finkelstein favorisiert. Während diese »entwicklungsbedürftigen« Arbeiten einige Elemente der Holocaust-Literatur entlarven, wissen ihre Autoren sehr wohl um die Schwierigkeit, das Ganze zu hinterfragen. Ihre Ansätze entlarven daher nur kleine Ausschnitte des Holocaust. Diese Autoren verdienen für ihre Mühen kleine Auszeichnungen, aber zugleich auch viel Kritik.

Die revisionistischen Historiker werden fortfahren, pointierte Fragen zum Holocaust zu stellen. Indem die Ideologen - darunter auch Goldhagen - sich weigern, auch nur einen Zoll nachzugeben, wird ihre Position zunehmend absurd und unversöhnbar mit der Wirklichkeit. Währenddessen versuchen die Holocaust-»Wissenschaftler« einen Drahtseilakt zwischen Wahrheit und Falschheit - eine unhaltbare Position.

Ohne dies zu beabsichtigen hat Finkelstein sowohl den Bankrott von Goldhagens Buch und die Mängel der Holocaust-Literatur aufgezeigt, als auch die Mängel der Holocaust-Wissenschaft. Solange die Historiker die Ereignisse des Holocaust nicht ohne Angst und Einschüchterung darlegen können und solange dieses Thema nicht von seinen politischen Verstrickungen befreit werden kann, wird die Wahrheit das alleinige Territorium der Revisionisten bleiben.

Richard A. Widmann


Ein Kommentar zu: A Nation on Trial: The Goldhagen Thesis and Historical Truth

Von Prof. Dr. Daniel Jonah Goldhagen

Norman G. Finkelstein und Ruth Bettina Birns offensichtlich unwissenschaftliches Buch basiert auf systematisch gefälschten Beweisen. Auch wenn sich das Buch selbst als ein Werk der Wissenschaft präsentiert, ist es dennoch nur ein schlecht verhülltes ideologisches Traktat, das überwiegend von Finkelstein stammt, dem wohlbekannten antizionistischen Agitator, dessen wilde Behauptungen und Erfindungen über die Holocaust-Studien - die sich direkt aus seiner ausdrücklich antizionistischen politischen Zielsetzung ableiten - für sich betrachtet bereits ausreichen, ihn als einen achtbaren Kommenator über die Holocaust-Forschung zu disqualifizieren.

Falsche Fragen

Die Exterminationisten fragen:

- »Warum mordeten die Täter?«
- »Wann entschied Hitler, die Juden zu vernichten?«

Die Revisionisten fragen:

- »Mordeten die „Täter"?«
- »Entschied Hitler, die Juden zu vernichten?«

Die Reaktion der Exterminationisten auf diese grundlegenderen Fragen:

»Unter KEINEN UMSTÄNDEN - ich wiederhole: KEINEN UMSTÄNDEN - haben Sie meine Erlaubnis, meine Antwort auf Goldhagen auf ihrer Website zu veröffentlichen. Ich hinterlege eine Kopie dieser E-mail bei meinem Anwalt.

Norman G. Finkelstein«

an VffG, 7.7.1998

  • Goldhagen drohte seinen Kritikern mit dem Gericht.
  • Goldhagens Kritiker drohen ihren Kritikern ebenfalls mit dem Gericht.

Die Unterschiede sind nur graduell.

Birns pauschale wissenschaftliche Vergehen wurden von mir in dem längeren Beitrag »The Fictions of Ruth Bettina Birn« (Die Fiktionen der R.B. Birn, German Politics and Society 15, 3, Herbst 1997) bloßgelegt, worin 30 Beispiele aus ihrem Artikel analysiert wurden, den sie im The Historical Journal veröffentlichte, auf dem der Beitrag für ihre Zusammenarbiet mit Finkelstein basiert. Mein Artikel beweist durch den Vergleich ihrer Darstellungen des Textes aus Hitlers willige Vollstrecker mit dem tatsächlichen Text, daß ihr Angriff auf mein Buch auf eklatanten, eindeutigen Beweisfälschungen basiert. Mein Artikel ist in einer Weise verfaßt, die es jedem einfach macht zu überprüfen, was ich geschrieben habe, indem man meinen Artikel, ihren Beitrag und mein Buch nimmt, um die relevanten Passagen zu vergleichen. Jeder faire Versuch, Birns Beitrag auf den Grund zu gehen, setzt voraus, daß dieser Vergleich angestellt wird. Zudem hat Birn den deutschem Publikum des Spiegel (10.11.1997) gegenüber äußerst dubiose Erklärungen und Andeutungen gemacht, die zu weiteren Gedanken Anlaß geben. Diese schließen ihre bizarre Erfindung ein, daß mein Buch geschrieben wurde, um als »Ikone« für die »reichen Geldgeber« der zweiten Generation zu dienen, womit sie sicher die zweite Generation nach dem Holocaust meint. Das sollte nicht überraschen, zumal ihr neuer Freund Finkelstein ist. Aber noch wagt sie nicht, das, was sie in Deutschland frei heraus sagte, auch in nordamerikanischen Veröffentlichungen zu sagen.

Finkelsteins Arbeit ist von Anfang bis Ende eine tendenziöse Folge von Erfindungen. In meinem Artikel, »Der neue Diskurs der Umgehung«, der in der Frankfurter Rundschau erschien (18.8.1997, Titel rückübersetzt), habe ich belegt, daß die in seinem Beitrag angeführten Beispiele, die für die stärksten gehalten werden, völlig irreführend und ohne Wert sind. Finkelsteins Schrift ist jene Art von durchsichtigen politischen Polemiken, die, wenn andere den Autor nicht zynischerweise zu einem Experten und Kämpfer für die Wahrheit aufgebauscht hätten, noch nicht einmal eine Antwort wert wären. Dieser Mann hat seine Karriere auf seinen Angriffen gegen die Legitimität Israels aufgebaut, einschließlich seines Vergleichs der Israel-Unterstützer mit der »Gestapo« (The Washington Report on Middle East Affairs). Nun plözlich wendet er sich den Holocaust-Studien zu, die er als zionistische Verschwörung erkannt haben will mit dem Zweck, den jüdischen Staat als eine »Bastion der westlichen Zivilisation zu feiern, die im Kampf steht gegen die arabischen Horden, die - allen Widerwärtigkeiten zum Trotze - zerschmettert werden« (New Left Review, Juli/August 1997, S. 84). Zusätzlich zu seinen dokumentierten Erfindungen über mein Buch soll nicht unerwähnt bleiben, daß Finkelstein niemals zuvor irgendetwas über den Holocaust oder die deutsche Geschichte geschrieben hat und kein Deutsch lesen kann - womit er sogar noch prahlt - was bedeutet, daß er viele der Quellen, über die er seine Expertenmeinung abläßt, noch nicht einmal lesen kann. Aber er gibt seine allgemeinen Ansichten zu den Holocaust-Studien wieder, die folgendes umfassen:

Finkelsteins Angriff auf meine Arbeit resultiert ausdrücklich und unerbittlich aus seiner Ideologie und hat keine Beziehung zum wirklichen Inhalt meines Buches. So erklärt er zum Beispiel, die »Holocaust-Studien-Industrie« sei ein »Zirkus«, von dem ich abgeblich ein Teil sei (The Observer, 18.1.1998). Finkelstein ging sogar so weit, mein Buch, ein wissenschaftliches Werk über den Holocaust, als »Schwindel« zu bezeichnen (Frankfurter Rundschau, 22.8.1997). Er hat erklärt, daß »es nicht die Spur eines wissenschaftlichen Beweises gibt, die Goldhagens Behauptungen stützt« (Frankfurter Rundschau, 22.8.1997), was dementsprechend zur Folge hätte, daß alle in meinem Buch enthaltenen Beweise betrügerisch wären, einschließlich den umfassenden Aussagen der Überlebenden und der Täter. Diese und andere wilden Denunziationen, wie etwa, mein Buch »stelle die völlig falschen Fragen« (Frankfurter Rundschau, 22.8.1997) (obwohl viele der darin gestellten Fragen auf dem Gebiet üblich sind: Ist es etwa falsch, zu fragen: »Warum mordeten die Täter?« oder »Wann entschied Hitler, die Juden zu vernichten?«), stammen von einem Mann, der über Nacht auf ein wissenschaftliches Gebiet voll mit wissenschaftlicher Literatur vorgestoßen ist - ganz zu schweigen von all den Dokumenten -, und der noch dazu nicht in der Lage ist, die meisten Quellen zu lesen, weil sie deutsch sind.

Würde irgend jemand einem Buch über afro-amerikanische Studien Glaubhaftigkeit zugestehen, wenn sein Autor erklärt hat, die afro-amerikanischen Studien seien »überwiegen ein Propagandaunternehmen«, daß ihre »einzige Beziehung« zu »ernsthafter wissenschaftlicher Forschung eine inverse« sei, daß ein Professor, der auf diesem Gebiet ein Buch verfaßte, das auf einer enormen Menge neuer Untersuchungen basiert, dies tat, um dadurch eine »Ikone« für reiche Afro-Amerikaner zu schaffen? Falls nicht, und ich hoffe dies, dann sollte dies kein bißchen anders sein, wenn derartige Behauptungen bezüglich der Holocaust-Wissenschaft getätigt werden. Die Zeit, die führende deutsche liberale Wochenzeitung, prägte die definitive Äußerung über Finkelsteins Beitrag, den sie »infam« nannte, und sowohl die Zeit als auch die Süddeutsche Zeitung bezeichneten des Spiegels zynischen Mißbrauch von Finkelstein zur Attacke gegen mein Buch als »ekelhaft«.

Die systematische Beweisverfälschung, die, wie mein Artikel zeigt, den Kern von Finkelsteins und Birns Buch ausmacht, die durchsichige politische Absicht dahinter, der Autoren Erfindung von zionistischen und anderen Verschwörungen, die pauschale Behauptung, die »Holocaust-Studien« seien keine Wissenschaft, sondern Propaganda - all dies verdirbt den Eindruck, daß A Nation on Trial ein wissenschaftliches Werk ist.

 


Anmerkungen zu Daniel Goldhagens »Der Neue Diskurs der Umgehung«

Von Dr. Norman G. Finkelstein, 9. April 1998

Im März 1998 veröffentlichte der Verlag Metropolitan Books, eine Abteilung von Henry Holt, das Buch A Nation on Trial: The Goldhagen Thesis and Historical Truth [nachfolgend ANOT] mit zwei schon veröffentlichten Beiträgen von Ruth Bettina Birn und mir.[1] Aufgrund der Überprüfung von Goldhagens Wissenschaftlichkeit kamen sowohl Frau Birn als auch ich zu der Schlußfolgerung, daß Daniel Jonah Goldhagens Hitler's Willing Executioners [nachfolgend HWE][2] nicht den Mindestanforderungen an eine akademische Untersuchung genügte. In ihrem Essay dokumentiert Frau Birn, die als die anerkannte Autorität für jene Archive gilt, die Goldhagen für sein Buch benutzt hat, daß Goldhagen dieses Primärquellenmaterial systematisch entstellt. In meinem Beitrag belegte ich, daß Goldhagens Buch angefüllt ist mit groben Falschdarstellungen der Sekundärliteratur und inneren Widersprüchen.

Im Herbst 1997 veröffentlichte Goldhagen eine Erwiderung auf Birns ursprünglichen Artikel in German Politics and Society.[3] Obwohl er mehr als doppelt so lang war wie Birns Beitrag, hüllt er sich bezüglich Birns zentraler Kritik über die Archive in Schweigen.[4] Im März 1998 postete Goldhagen eine Erwiderung auf mein Essay mit dem Titel »The New Discourse of Avoidance« auf seiner Website.[5] Meine Kritik an Goldhagens Wissenschaftsstil umfaßt 87 Seiten. Die Punkte meines Textes, die er darin direkt anficht, summieren sich zusammen aber nur auf weniger als zwei Seiten. Goldhagen teilte [der US-Zeitschrift] Newsweek mit, er habe eine »Punkt-für-Punkt«-Widerlegung meines Essays vorbereitet.[6] Und sogar in den Beispielen, die er zitiert, setzt er sich nicht mit meinen Argumenten auseinander, sondern er verschleiert sie nur. Ich werde auf diese beweiskräftigen Fragen zurückkommen. Der Hauptanteil von Goldhagens Erwiderung besteht allerdings aus dem, was man tatsächliche einen Neuen Diskurs der Umgehung nennen könnte. Tatsächlich stellt Goldhagen einen verblüffenden Katalog von Behauptungen auf. Da sie Goldhagens wissenschaftliche Skurpel (bzw. seinen Mangel daran) beleuchten,[7] möchte ich diese zuerst behandeln. Meine Anmerkungen beziehen sich allerdings nur auf jene Punkte, die in bezug auf A Nation on Trial sachdienlich sind. Leser, die an meinen Ansichten über den israelisch-palästinensichen Konflikt interessiert sind, können sich anhand meiner veröffentlichten Arbeiten informieren.[8]

Norman G. Finkelstein

Norman G. Finkelstein

  1. Goldhagen behauptet, daß ich »die Vorstellung verhöhne, daß die Juden an dem gegen sie gerichteten deutschen Völkermord „unschuldig" sind.« Diese bemerkenswerte Behauptung ist es wert, kurz innezuhalten. Mit Billigung der weltweit führenden Autoritäten des Nazi-Holocaust (einschließlich Raul Hilberg und Christopher Browning), behauptet der Sohn von Überlebenden des Nazi-Holocaust -Goldhagen zufolge - daß die Juden es verdienten, zu sterben. Doch wenn man einmal Goldhagens Phantasiewelt verläßt, dann liest man in A Nation on Trial tatsächlich folgendes: »Es sollte im Zusammenhang des Nazi-Völkermordes klar sein, daß von jüdischer Schuld oder Unschuld keine Rede sein kann.« (ANOT: 95).[9]
  2. Goldhagen behauptet, daß ich »die Leute glauben machen würde, daß die Deutschen, die Juden folterten, quälten und ermordeten, keine Antisemiten waren.« Die relevante Passage in A Nation on Trial lautet: »Es muß hervorgehoben werden, daß Deutschlands antisemitische Gesetzgebung eine notwendige Voraussetzung des Völkermordes bildete.« (ANOT: 53).
  3. Goldhagen behauptet, daß ich alle »nichtdeutschen Forscher« über den Nazi-Holocaust als jüdische »Propagandisten« im Dienst einer »zionistischen Verschwörung« ablehnte. In meinem Beitrag unterscheide ich aber zwischen zwei Gruppen von Arbeiten über den Nazi-Holocaust: »Die Holocaust-Wissenschaft, die dazu tendiert, historisch und multikausal zu sein, und die Holocaust-Literatur, die dazu tendiert, unhistorisch und monokausal zu sein.« (ANOT: 88) Ich bewerte die erste als »solide wissenschaftliche Forschung«, die letze hingegen als »zumeist frei von wissenschaftlichem Interesse«. Ich stufe die Holocaust-Literatur zudem als Teil des zionistischen Paradigmas ein, das den Nazi-Völkermord als Höhepunkt des tausendjährigen nichtjüdischen Hasses auf die Juden ummünzen will. Schließlich mache ich auf die apologetische Auswirkung des zionistischen Diskurses aufmerksam. Der respektierte israelische Autor Boas Evron beobachte in ähnlicher Weise, daß dieses Paradigma »im voraus alle unmenschliche Behandlung von Nichtjuden entschuldigt, da der vorherrschende Mythos besagt, „alle Völker kollaborierten bei der Vernichtung der Juden mit den Nazis", folglich ist für die Juden in ihren Beziehungen zu anderen Völkern alles erlaubt.«[10] Und um dies einmal festzuhalten: die von mir in meinem Beitrag ausdrücklich verehrten Holocaust-Wissenschaftler sind alle Juden: Hannah Arendt, Raul Hilberg, Arno Mayer und Eva Reichmann. Ich beziehe mich weitaus mehr auf die anglo-amerikanischen denn auf die deutschen Historiker. Unter den am häufigsten von mir zitierten befindet sich der israelische Gelehrte David Bankier. Ich bedaure diese ethnische Auflistung, aber Goldhagens linkischen Anschuldigungen lassen mir keine Wahl. Es stimmt, daß ich Goldhagens Studie in der Kategorie der Holocaust-Literatur einordne. Es scheint, daß Goldhagen meine Bewertung seines Buches - »als Wissenschaft wertlos« - mit meiner Bewertung der akademischen Forschung zum Nazi-Holocaust als Ganzes vermengt.
  4. Goldhagen behauptet, daß mein Beitrag zu A Nation on Trial eine »aufpolierte«, »beschnittene« »vertuschende« Fassung meines Artikels aus New Left Review sei, die Henry Holt nun versuche »einer - wie man hofft - unkritischen Öffentlichkeit andrehen zu können.« Goldhagen ist scheinbar unvertraut mit der normalen wissenschaftlichen Praxis, Zeitschriftenbeiträge vor einer Buchveröffentlichung zu überarbeiten. Die ursprüngliche Fassung meines Artikels aus New Left Review kam nicht in den Genuß ausgiebiger Rezensionen durch Gleichgesinnte.[11] In Übereinstimmung mit der sich an diese Veröffentlichung anschließenden wissenschaftlichen Kritik empfand ich es als wertvoll, meine anfänglichen Formulierungen verschiedentlich zu modifizieren, zu verfeinern, zu schärfen, zu dämpfen und zu modulieren. Ich bin weiterhin dankbar für diese kollegialen Anregungen. Das abgeschlossene Produkt wurde wesentlich verbessert. Der mein Essay überspannende Rahmen jedoch blieb unverändert. Ich habe außerdem den wissenschaftlichen Apparat mit zusätzlichen Belegen verstärkt. Tatsächlich enthält die angeblich »aufpolierte« Holt-Fassung neues kontroverses Material.
  5. Goldhagen behauptet, »Finkelsteins Behauptungen, einschließlich der, ich würde denken, die Deutschen seien „verrückt" und „gestörte Perverse", sind wilde Erfindungen.« In Hitler's Willing Executioners, beschreibt Goldhagen den typischen Deutschen als »pathologisch krank [...] besessen von der Krankheit des Sadismus [...] krankhaft, tyrannisch, sadistisch« »psychopathisch« (HWE: 397, 450, einen »scharfsinnigen Tagebuchschreiber des Warschauer Ghettos« zitierend), besessen von »absolut phantastischen [...] Ansichten über einander, die normalerweise nur Verrückte haben [...] anfällig für wildes, „magisches Denken"« (HWE: 412), und so weiter. Die sinnträchtigste Analogie des Buches vergleicht den typischen Deutschen mit dem »verrückten« Captain Ahab (HWE: 398-9). In Goldhagens Augen stellen derartige Formulierungen die Menschlichkeit der normalen Deutschen wieder her.
  6. Goldhagen ist auch mit meiner Methodik nicht einverstanden. Tatsächlich ist mein Ansatz einfach der, Goldhagens Text auf seine innere Schlüssigkeit zu prüfen und seine Zitate aus der von ihm verwendeten zumeist englischsprachigen Sekundärliteratur zu kontrollieren.[12] Keiner der vielen prominenten Forscher, die das Holt-Buch gutgeheißen haben (z.B. auch Ian Kershaw), haben diese Methodik in Frage gestellt. Goldhagen ist der erste und bisher einzige. Einmal abgesehen davon, daß Goldhagen vielleicht nicht der beste zur Beurteilung in Sachen Methodik ist, wird eine solche Streitfrage am besten durch die konkrete Analyse gelöst. Bedauerlicherweise widmet Goldhagen nur einen kleinen Bruchteil seiner Erwiderung dafür, meine Ergebnisse direkt aufzugreifen. Ich möchte nun diese Widerlegung betrachten.
    1. Um seine Behauptung zu belegen, daß der Antisemitismus in Deutschlkand und Österreich bereits vorherrschend war, bevor Hitler an die Macht kam, zitiert Goldhagen die Erkenntnis des Historikers Peter Pulzer, daß es zwischen 1867 und 1914 zwölf Gerichtsverfahren wegen Ritualmorden gab. Allerdings stellt Goldhagen die Bedeutung von Pulzers Entdeckung auf den Kopf. Der Rest von Pulzers ursprünglichem Satz lautet nämlich: »wovon 11 Fälle zusammenbrachen, obwohl es Geschworengerichte waren.«. In seiner Erwiderung bestreitet Goldhagen nicht, den entscheidenden Vorbehalt in Pulzer Entdeckung unterdrückt zu haben, der seine These unterminiert. Er beschwert sich statt dessen, dieses Beispiel aufzubauschen. Mein Essay belegt allerdings nicht einen isolierten Fall, sondern ein Muster systematischer Fehldarstellungen in seinem ganzen Buch.
    2. Norman G. Finkelstein, Abbild und Realität des israelisch-arabischen Konfliktes

      Norman G. Finkelstein, Abbild und Realität des israelisch-arabischen Konfliktes, Verso 1995

    3. Im Textteil seines Buches stellt Goldhagen seine wissenschaftliche Behauptung auf, die antisemitische Bittschrift-Kampagne in Bayern in der Mitte des 19. Jahrhundert sei spontan und auf breiter Basis erfolgt. In den Endnoten dagegen bietet Goldhagen glaubhafte Beweise dafür an, daß die Kampagne sorgfältig aufgebaut worden war und daß viele deutsche Unterzeichner keine antisemitischen Gefühle hegten. Goldhagen führt in seiner Erwiderung aus, er habe die ganze Skala der Beweise »offen diskutiert«. Aber das hatte ich gar nicht bestritten. Mein Punkt war, daß Goldhagens eigene kritische Beweise, die seine Behauptungen im Textteil in Zweifel ziehen, am Ende seines Buches vergraben sind.
    4. Die zentrale These von Goldhagens Buch ist, daß die gewöhnlichen Deutschen nicht weniger antisemitisch waren als Nazi-Parteimitglieder. Demgemäß berichtet Goldhagen zum Beispiel, daß unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung »Deutsche Schilder aufstellten « mit antisemitischen Verboten. Wenn man sich den zitierten Quellen zuwendet, erfährt man, daß diese Kampagne nicht von gewöhnlichen Deutschen organisiert wurde, sondern von »lokalen Hitzköpfen der Nazi-Bewegung.« In seiner Erwiderung bestreitet Goldhagen nicht, daß er diese Quelle ausdrücklich falsch dargestellt hat. Statt dessen behauptet er, sein allgemeiner Kontext schließe die Nazis mit ein. Aber sein allgemeiner Kontext schließt eben auch die gewöhnlichen Deutschen mit ein (vgl. seine Anspielung auf »Deutsche innerhalb und außerhalb der Regierung« und auf einen »gesellschaftsweiten Angriff« auf die Juden). Sein konkreter Bezug ist aber überhaupt nicht zweideutig: er ist total falsch. Dieses Beispiel verdeutlicht eine von Goldhagens Techniken, um die Nazifizierung des gewöhnlichen Deutschen zu »beweisen«: wo das Quellenmaterial »Nazis« erwähnt, berichtet er von »Deutschen«.
    5. Norman G. Finkelstein, </I>Palästinas Aufstieg und Fall

      Norman G. Finkelstein, Palästinas Aufstieg und Fall, University of Minnesota 1996

    6. Goldhagen zufolge unterrichtete Hitler das deutsche Volk umfassend und unablässig über seine Völkermordpläne. Ich habe belegt, daß es bis 1939 keinen Beweis gibt, der diese Behauptung abstützt. Anschließend zitierte ich Max Domarus, die Autorität, die die Reden und Verkündigungen Hitlers zusammengefaßt hat. Er schrieb, daß Hitler noch nicht einmal während der Kriegsjahre ausdrücklich eine Politik des Völkermordes verkündet habe. Domarus berichtet hingegen, daß Hitler »seine Anmerkungen über ein Massaker an Juden auf Drohungen in seiner Außenpolitik beschränkte.« Im Gegensatz dazu behauptet Goldhagen, Hitler habe den Völkermord an den Juden »viele Male ausdrücklich angekündigt«. Goldhagen stimmt daher nicht mit dem überein, was er selbst in seiner Erwiderung eine »andere Interpretation« Domarus' nennt. Allerdings untermauern die Quellen, die Goldhagen zur Stützung seiner eigenen Interpretation heranzieht - nämlich die Domarus-Sammlung - Domarus' Interpretation. Goldhagens entgegengesetzte Behauptung ist, daß die gewöhnlichen Deutschen den Völkermord guthießen. In seiner Erwiderung fügt Goldhagen seine beiden Behauptung zusammen, indem er etwa ausführt: wenn die gewöhnlichen Deutschen gegen die Endlösung waren, warum hat Hitler sie dann »immer wieder angekündigt und hervorgehoben«? Aber Goldhagens Quelle - Domarus - belegt eben, daß Hitlers Öffentliche Verkündigungen tatsächlich undeutlich und indirekt waren. Tatsächlich weiß doch jeder Schuljunge, daß die Endlösung offiziell von Geheimnissen umgeben war. Um seine Argumentation aufrecht zu erhalten, stellt Goldhagen Domarus' Erkenntisse falsch dar - genau wie ich es in meinem Essay dargestellt habe.

Mit diesen vier Beispielen erschöpft sich Goldhagens Widerlegung. Wie oben angemerkt, umfassen die von ihm aufgegriffenen Punkte zusammen nur zwei Prozent meines Beitrages. Bezeichnenderweise übergeht Goldhagen die zahlreichen inneren Widersprüche, die ich im Buch belegt habe, mit Schweigen. Sein Schweigen ist, wenn auch bedauerlich, so doch verständlich. Denn die Leser könnten sonst schnell feststellen, wer die Warheit sagt. Goldhagen meint, daß »man nichts in Finkelsteins Beitrag glauben schenken kann, bevor man seinen Text mit meinem Originaltext ver-glichen hat.« Ich stimme damit absolut überein. Tatsächlich möchte ich die Leser drängen, genau dies zu tun.

(Zuerst publiziert auf http://www.normanfinkelstein.com/)


Anmerkungen

[1]Ruth Bettina Birns Essay, »Revising the Holocaust« erschien erstmalig in leicht gekürzter Form in The Historical Journal, 40(1) (1997). Eine gekürzte Fassung meines Essays »Daniel Jonah Goldhagen's 'Crazy' Thesis«, erschien erstmalig in New Left Review, Juli/August 1997.
[2]New York 1996.
[3]Daniel Jonah Goldhagen, »The Fictions of Ruth Bettina Birn«, in German Politics and Society, Bd. 15, Nummer 3, Herbst 1997.
[4]Vgl. Birns anstehende Erwiderung in German Politics and Society.
[5]Vgl. http://www.Goldhagen.com.
[6]Laura Shapiro, »A Battle Over the Holocaust«, 23.3.1998, S. 66.
[7]Ich werde Goldhagens wissenschaftlichen Stil hier beiseite lassen, den er verwechselt Beleidigungen mit rationalen Argumenten - er denunziert mich verschiedentlich als »einen notorischen antizionistischen Ideologen«, »der Anfänger Finkelstein«, »der antizionistische Kreuzritter und Verschwörungstheoretiker«, etc. etc. Ich wäre aber nachlässig, wenn ich Goldhagens neueste Beleidigung meiner Mitautorin Ruth Bettina Birn hinnähme, sie sei eine Antisemitin (vgl.. »A Comment by Daniel Jonah Goldhagen on A Nation on Trial: The Goldhagen Thesis and Historical Truth«, auf Goldhagens Website gepostet [dt. vgl. oben]). Frau Birn ist nicht nur eine international anerkannte Wissenschaftlerin, sondern verfügt zudem über eine einzigartige moralische Glaubwürdihkeit. Sie ist eine Deutsche, die ihr Lebenswerk der Verfolgung von Nazi-Kriegsverbrechern in Kanada gewidmet hat. Indem sie sich entschied, als Chefhistorikerin der kanadischen Kriegsverbrechenseinheit zu dienen, hat Frau Birn eine seltene persönliche Integrität bewiesen. Leider erlaubt Goldhagen auf seiner Website keinen Dialog. Beleidigungen werden einem ins Gesicht geworfen, aber das elementare Recht zu antworten wird einem verwehrt.
[8]Vgl. Norman G. Finkelstein, Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict (Verso 1995) und The Rise and Fall of Palestine (University of Minnesota 1996). Um meine Wissenschaftlichkeit zu diskreditieren, meint Goldhagen, daß »Finkelsteins veröffentlichte Arbeiten sich auf das „Gebiet" des Antizionismus bezogen haben«," und gibt dann eine unsignierte Meldung aus einem Handelsblatt wieder. Erlauben Sie mir daher, eine unterschriebene Rezension von William Quandt zu zitieren, einem älteren Kollegen an der Brookings Institution und ehemaligen Mitglied des National Security Council, die in Foreign Affairs veröffentlicht wurde:
»Die Anzeichen für einen Krieg zwischen Israel und den arabischen Nationen mögen schwinden, aber der Krieg der Historiker wütet weiterhin. Seit einigen Jahren schon zerlegen die Revisionisten israelische und arabische Mythen, die in den prägenden Konfliktjahren gebildet wurden. Nun werden die Revisionisten durch dieses Buch selbst dafür angegriffen, nicht weit genug zu gehen. Finkelstein kann schon einen Sieg für sich verbuchen. Zusammen mit wenigen anderen gewissenhaften Forschern hat er vorgeführt, daß Joan Peters' Buch From Time Immemorial, das behauptete, daß die Palästinenser erst vor kurzem in Palästina siedelten, auf falscher Gelehrsamkeit basiert. Dieser Meilenstein setzende Beitrag ist in dieser Sammlung enthalten und ist zugleich sein bester Teil. Kontroverser noch ist, daß Finkelstein mit Benny Morris aneinandergerät, dem Autor eines wichtigen Berichts über die Ursprünge des Exodus der palästinensischen Flüchtlinge. Er lobt Morris' empirische Forschung sehr, verwirft aber die Schlußfolgerung, daß sich der Exodus aus dem Krieg ergab statt aufgrund eines umfassenden Planes. All dies muß für den Leser verwirrend sein, der neu auf dem Gebeit der Geschichtsschreibung über den arabisch-israelischen Konflikt ist, aber für diejenigen, die sich mit den Debatten und der Literatur auskennen, wird dieses wohldokumentierte Buch garantiert anregen und provozieren. Es wird eine Pflichtlektüre sein im anhaltenden Krieg der Historiker.« (May/June 1996)
[9]Im ursprünglichen New Left Review-Artikel - der unaufpolierten Fassung, wie Goldhagen sagen würde - führte ich in ähnlicher Weise aus, »im Kontext des Nazi-Holocaust gab es in jeder Hinicht wenn schon keine absolute Schuld der Nichtjuden, so doch eine absolute jüdische Unschuld.« (S. 85; Hervorhebung im Original).
[10]Boas Evron, Jewish State or Israeli Nation?, Indiana University Press 1995, S. 227.
[11]Man erlaube mir, diese Gelegenheit aufzugreifen, um New Left Review für die Veröffentlichung meines Artikels zu danken. Kein Organ des Mainstream wollte dies in Erwägung ziehen.
[12]In dieser Hinsicht ist mein Mangel an professioneller Fachkenntnis auf diesem Fachgebiet kein Passivposten. Für die von mir durchgeführte Analyse reicht der normale Verstand völlig aus.

Den obigen Beitrag von Norman G. Finkelstein dürfen wir eigentlich nicht im Internet veröffentlichen, da uns dies Dr. Finkelstein mit Email vom 7.7.98 ausdrücklich verboten hat. Aber ich tue grundsätzlich das Gegenteil dessen, was Zensoren mir aufzwingen wollen. Rutsch mir also kreuzweise den Buckel rauf und wieder runter. J.)


»Die beste, detaillierteste Kritik an Daniel Goldhagen«[1]

Von Richard S. Levy

Ich beschränke meine Anmerkungen auf den ersten Teil von Hitlers willige Vollstrecker, wo Goldhagen seine Ansicht von einer für Deutschland typischen Klasse von Antisemitismus preisgibt, die seiner Auffassung nach wesentlich für die Durchführung der Endlösung war. Ich mache dies aus zwei Gründen. Erstens habe ich auf dem Gebiet des Quellenmateials des neunzehnten Jahrhunderts gearbeitet. Zweitens glaube ich, daß sein falsches Verständnis des deutschen Antisemitismus' vor Hitler entscheidend für seine Argumentation ist und daß die vielen Kritiker seines Buches diesem Aspekt nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Das Argument wird auf ärgerliche Weise vorgestellt. Behauptungen, die niemals sachgemäß bewiesen werden - einige davon sind eindeutig unbeweisbar - werden im Laufe nur weniger Seiten zu Axiomen, aufgrund derer dann unvertretbare Schlußfolgerungen gezogen werden können. Ein Beispiel für eine solche Kette:

»Es keine kein Zweifel bestehenen, daß Konservative und völkische Nationalisten in Deutschland, die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellten, seit Anbeginn des neunzehnten Jahrhunderts durchgehend antisemitisch waren. Die Beweise dafür sind überwältigend, wie es die Literatur dieses Zeitraumes überzeugend vorführt.« (S. 56)

Wenige Seiten später:

»Daß die Deutschen grundlegend antisemitisch waren, ist [...] weniger erstaunlich als die Tatsache, wie die Juden in ihren Vorstellungen und Gefühlen eine zentrale Rolle in Kultur und Politk spielten. Womöglich das schlagendste Merkmal der Diskussion über die Stellung der Juden in Deutschland war die zwanghafte Aufmerksamkeit, die diesem Thema gewidmet wurde, die Lawine der diesem Thema gewidmeten Worte, die darin investierte Leidenschaft.« (S. 63)

Schließlich:

»Und diese Anschuldigungen wurden, wie oben diskutiert, mit einer ungeheuerlichen Frequenz und Besessenheit von der ganzen deutschen Gesellschaft erhoben, und sie waren derart weit verbreitet, daß sie zunehmend sogar von denen für wahr gehalten wurden, die einst die Verbündeten der Juden waren.« [die er, zufälligerweise, kaum bespricht, mit Ausnahme dessen, daß er „beweist", daß auch sie Antisemiten waren.] (S. 68)

Die Richtigkeit dieser Behauptungen ist äußerst anfechtbar. Goldhagen setzt regelmäßig als gegeben voraus, was er zuerst hätte beweisen müssen. Wann, falls überhaupt jemals, stellten die Konservativen und völkischen Nationalisten die überwiegende Mehrheit in Deutschland? Ich wüßte nicht, was ich tun könnte, um eine derartige Behauptung zu beweisen (und würde sie daher nicht aufstellen). Zugegeben, es gab damals viel mehr Veröffentlichungen über die Judenfrage, als man erwarten würde, wenn man bedenkt, wie klein und unbedeutend der jüdische Bevölkerungsanteil im deutschsprachigen Teil Europas war. Wer schrieb sie? Wer las sie? Lasen die Arbeiter und Bauern - die, so denke ich, eindeutig die Mehrheit der Bevölkerung bildeten - Wilhelm Marr oder Eugen Duehring? Und auf welcher Basis kann man sagen, derartige Schriften stellen »eine Lawine der Besessenheit« dar? Nachdem er sich selbst durch ständige Wiederholungen überzeugt hat, behauptet Goldhagen, daß im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts über die Judenfrage leidenschaftlicher geschrieben wurde als über den Kulturkampf, die »Rote Gefahr«, Weltpolitik, Seeherrschaft? Wie mißt man »Leidenschaft«?

Mich überzeugt das nicht. Die Juden mögen für bestimmte Deutsche in bestimmten Epochen interessanter gewesen sein als man sich leicht erklären kann (in den 1840ern, den 1880ern und 1890ern). Aber es dürfte einleuchtend sein, daß sie für die meisten Deutschen meistens recht uninteressant waren. Die Antisemiten in das Zentrum der deutschen Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts zu rücken, ist eine äußerst unprodukive Strategie. In kann dafür auch keine Berechtigung erkennen.

Goldhagens Umgang mit Daten ist ebenso problematisch. Er baut auf eine außerordentlich dürre Faktenbasis ungeheure Verallgemeinerungen auf, und selbst diese dürre Basis wird manchmal noch verdreht, um seinen besonderen Zwecken dienlich zu sein. Seine Behandlung des Antisemitismus' im Kaiserreich stützt sich vor allem auf die unveröffentlichte Heidelberger Doktorarbeit von Klemens Felden aus dem Jahr 1963. Feldens bereits vage »Inhaltsanalyse« von 51 prominenten antisemitischen Schreibern und Veröffentlichungen des Zeitraumes 1861-1895 unterwirft Goldhagen seiner eigenen Analyse. Er fand heraus, daß 28 der 51 Autoren eine Lösung für die Judenfrage vorschlugen. Von diesen, sagt er, sprachen sich 19 für eine physische Vernichtung der Juden aus. Im Kaiserreich war jedoch trotz Goldhagens Rückschlüssen selten die Rede davon, die Juden umzubringen (das war in Österreich und Frankreich weitaus üblicher). Dies sollte weder übersehen noch trivialisiert werden, denn dies mag die wahren bewußten wie unbewußten Wünsche der Antisemiten bloßgelegen. Aber dieses Beispiel belegt Goldhagens Übertreibung, sein Ziehen von Rückschlüssen aufgrund unklarer Tatsachen. Ich kenne keinen Fall, bei dem vor dem Jahr 1914 die systematische Lösung der Judenfrage durch Völkermord vorgeschlagen wurde. Seltene Drohungen körperlicher Gewalt erschienen in Form von „Witzen", Phantasien oder schlecht verhüllten Wünschen; sie tauchten gewöhnlich in Anmerkungen in Klammern auf, und in fast allen Fällen wurden sie abgelehnt, ausgegrenzt und allgemeiner Öffentlicher Mißbilligung unterworfen. Goldhagen zitiert (mit fehlerhafter Zuweisung) nur eine solche Anmerkung in Klammern in seinem Haupttext. Er spielt zudem, dieses Mal in den Fußnoten, wo er häufig seine am wenigsten beweisbaren Behauptungen aufstellt, auf den verrückten Fürst Pückler an, einem nachweislich irren Aristokraten, der mörderische Ratespiele mit imaginären Juden als seinen Opfern durchführte. Vielleicht war dies ein böses Omen hinsichtlich des Holocaust, wie Goldhagen, der seinen Vater zitiert, glauben will. Aber was sagt uns dies über den zwanghaften eliminierenden und mörderischen Antisemitismus, den Goldhagen schon überall präsent sieht, lange bevor Hitler kam und ihn auslöste? Warum findet er es nicht erwähnenswert, daß Pückler vor Gericht gestellt und wegen Aufstachelung zum Haß (so glaube ich) verurteilt wurde, und daß er als eine Störung des seriösen antisemitischen Treibens von annähernd allen antisemitischen Politikern und Publizisten abgelehnt wurde? Statt dessen wird dieser Geisteskranke als Zeuge für die wahren, aber noch unbewußten Wünsche »vieler Deutscher« zum Judenmord benutzt. Das ist willkürlich und zudem unfundiert.

Wo die Daten nicht existieren oder für eine Verallgemeinerung nichts hergeben, liest Goldhagen vergnügt Gedanken, Gefühle und »kognitive Landkarten«. So erwähnt zum Beispiel Felden, daß von seinen 51 Untersuchungsobjekten fast die Hälfte (23) überhaupt keine programmatische Lösung für das Judenproblem vorschlugen. Goldhagen weigert sich, diese Tatsache als Beweis gegen seine These vom allesbeherrschenden, zwanghaften und eliminatorischen Antisemitismus anzuerkennen. Nein er führt Pragmatismus, ethische Hemmung und beschränktes Vorstellungsvermögen in der Vor-Holocaust-Ära als Gründe für das Fehlen einer programmatischen Lösung an, schlußfolgert dann aber, daß viele wollten, was sie »nicht auszusprechen wagten.« Sogar die Abwesenheit von Beweisen wird hier Teil seiner Argumentation.

Die größten Schwierigkeiten mit Hitlers willige Vollstrecker habe ich nicht mit seinen polemischen Exzessen, seiner vorsätzlichen Unausgewogenheit, den vielen faktischen Fehlern oder den Abfälligkeiten gegen angesehene Forscher. Dies alles sind verschlimmernde Umstände, Ergebnis eines ärgerlichen persönlichen Stils, angefüllt mit schlampigen Recherchen. (Ich bin mir sicher, daß er auch mich nicht sehr mögen wird.) Am problematischsten finde ich Goldhagens fließende, unendlich dehnbare Definition von Antisemitismus.

Zu Beginn seines Buches führt er eine leicht modifizierte Version der klinischen Definition des Antisemitismus nach Ackermann/Jahoda an:

»[...] negative Ansichten und Gefühle über Juden als solche.« (S. 34)

Goldhagen lameniert darüber, daß dieses Phänomen »typischerweise in undifferenzierter Art behandelt wurde«, und fährt dann fort, indem er eine Anzahl rühriger Unterscheidungen trifft. Er bietet dem Leser drei Dimensionen und zwei Kontinua an; er versichert uns, daß der Antisemitismus alle 20-50 Jahre entweder latent oder offen ist, aber das er niemals verschwindet »weder zu- noch abnehmend«. Selbst wenn es keinen Beweis für Antisemitismus gibt, ist er dennoch da, nur auf geeignete soziale oder politische Bedingungen wartend, um erneut entfesselt zu werden. (S .39) Er ermahnt dazu, daß »jedes analytische Schema [des Antisemitismus'] zwischen der handelnden und der kognitiven Dimension unterscheiden muß« (S. 485, Anm. 21), eine Position, die ich seit vielen Jahren vertrete. Allerdings gibt er diese wichtige Unterscheidung sowie auch noch andere, die er uns einzuschärfen versucht, bald selbst auf.

Goldhagen begeht genau das Verbrechen, vor dem er warnt. Er benutzt den Begriff »Antisemitismus« in seiner weitesten, völlig undifferenzierten Definition, umfaßt Gefühle und Handlungen, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden, als eine Anklage gegen die Deutschen (bis 1945, aber nicht danach; er sagte vor nicht allzu langer Zeit, sie »haben sich selbst geheilt«). Nur wenn der deutsche Antisemitismus permanent ist, alles durchdringend in seiner latenten wie manifesten Form und überall zu finden, als eine Sache des Snobismus bis zum völkermordernden Impuls, dann kann man Vorwürfe von der Art in Umlauf setzten, auf denen dieses Buch beruht. In einem beileibe nicht entscheidenden, aber dennoch illustrativen Beispiel teilt uns Goldhagen mit, daß der Reichstag bereits 1893 eine antisemitische Mehrheit hatte. Wenn der Antisemitismus tatsächlich ein derart amorphes und omnipräsentes Phänome war, mag man den Reichstag tatsächlich antisemitisch nennen. Aber nach einer weniger universalistischen Definition des Antisemitismus' gab es im Reichstag 1893 16 Abgeordnete von Parteien, die sich selbst als antisemitisch bezeichneten, und vielleicht ein Dutzend weitere Gleichgesinnte, die mit antisemitischen Parolen kämpften, aber schließlich den Konservativen beitraten. Nach einer Schätzung von Theodor Fritsch, einem ausgezeichneten Antisemiten, erhielten sie vielleicht 400.000 Stimmen. Das läuft auf etwa 6% der Reichstagssitze und etwa 5% der Stimmen hinaus.

Mit derartig flexiblen Definitionen arbeitend gibt es wenig, was Goldhagen bezüglich der Tiefe, Ausbreitung und wachsenden Gefährlichkeit des deutschen Antisemitismus' nicht „beweisen" kann. Seine »konservativ« geschätzten 100.000 Vollstrecker waren nur Stellvertreter für Millionen weiterer Deutscher. Aber eine derartige Definition ist ebenfalls selbstzerstörend. Würde nicht annähernd jeder in Europa - oder wo auch immer der Ursprung der Europäer zu suchen ist - als Antisemit gelten, wenn es bereits Antisemitismus ist, einfach nur »negative Ansichten und Emotionen über Juden als solche« zu haben? Würden nicht sogar, seien wir einmal ganz ehrlich, die meisten Juden von dieser alles abdeckenden Definition erfaßt werden? Würde der französische, rumänische oder ungarische Antisemitismus so viel anders aussehen als die deutsche Variante?

Für Goldhagen ist es absolut unerläßlich, den Unterschied zwischen willentlichen Handlungen gegen Juden und der Einnahme eines negativen Einstellung ihnen gegenüber zu unterscheiden. Man kann zugestehen, daß die Zahl der Deutschen, die die Juden mochten, respektierten und schätzen, schon lange vor der Sanktionierung ihrer Verfolgung durch das Dritte Reich gering war. Aber die Deutschen deshalb als Antisemiten zu bezeichnen, also als Personen, die Handlungen ergreifen wollten gegen daß, was in ihrer Vorstellung eine ungeheuer gefährlich jüdische Macht war und die deshalb dachten, es sei richtig und gut, Juden zu töten, ist ungerechtfertigt. Goldhagen muß in großem Umfang aus voruteilsbeladenen Deutschen Henker oder Möchtegern-Henker machen. Auch das ist selbstzerstörerisch, wenn das Ziel lautet, den Holocaust zu verstehen.

Indem er auf die Universalität des eliminatiorischen Antisemitismus besteht, kann Goldhagen zeigen, daß die Entwicklung hin zur Endlösung eine unausweichliche war anstatt eine von vielen Möglichkeiten. Zu verneinen, daß die Variationen unter den Antisemiten und ihre Lösungsvorschläge (von der angeblichen Allgegenwart des Antisemitismus unter den Deutschen ganz zu schweigen) alle Möglichkeiten offenließen, bedeutet, es gäbe keine andere Möglichkeit, die erwogen werden muß. Die Endlösung erhält somit die Aura der Schicksalhaftigkeit, entzogen der menschenlichen Willensfreiheit. Sie wird ein Mysterium eines monströsen germanischen Teuflisch-Unvermeidbaren, voraussagbar von einem frühen Zeitpunkt an, und grundsätzlich unergründlich.

Ich denke, es ist interessant, daß die Nazis weit weniger vom Tiefgang des deutschen Antisemitismus überzeugt waren als Goldhagen. Mit Hitler an vorderster Front der Kläger hörten sie nie auf, über die mangelnde Ernsthaftigkeit des gewöhnlichen Deutschen zu jammern, wenn die Judenfrage behandelt wurde. Sie erkannten, was Goldhagen nicht erkennt. Vorurteile reichten nicht aus, um die Judenfragen zu „lösen". Sie ließen sich nicht in jene Art konsistenter, ideologisch fundierter Handlungen umsetzen, die für den Völkermord an den Juden nötig waren. Zweifellos war die Gleichgültigkeit der großen Mehrheit der Deutschen gegenüber dem Schicksal der Juden nützlich für die Endlösung, und die Nazi-Führung rechnete korrekterweise mit nur geringem Widerstand im Volk gegen ihre eskalierende Unterdrückung. Dies ist eine enorme Schuld, die es zu tragen gilt. Ich kann nicht erkennen, warum Goldhagen diese Last noch zu erhöhen wünscht.

[1]Laut David Irving, der diesen Beitrag zuerst veröffentlichte
unter http://www.fpp.co.uk

 


Fetisch Holocaust: Zwei Schritt vorwärts, ein Schritt zurück

Richard Chaim Schneider, Fetisch Holocaust. Die Judenvernichtung - verdrängt und vermarktet, Kindler Verlag, München 1997, 287 S., 36,- DM, (zu beziehen über den Buchdienst des Verlages der Freunde, Postfach 35 02 64, D-10211 Berlin)

Richard Chaim Schneider hat ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, das sich dem Subtext widmet, der heute unter nahezu jeder Diskussion liegt, die in Deutschland um Geschichte, Gegenwart und Zukunft geführt wird: der Vermarktung und Instrumentalisierung jenes Geschehens, das, mit dem griechischen Namen für Ganzbrandopfer ausgestattet, ein zentrales Geschehen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges bezeichnen soll. »Geld verdienen mit dem Holocaust« ist das Thema, das er kritisch wie selbstkritisch verfolgt: »Uri Avneri nannte Elie Wiesel einmal spöttisch einen „Holocausierer". Sind wir das nicht alle?« fragt er, sich auf die in Deutschland lebenden Juden und deren Verhältnis zu den Deutschen beziehend. (S. 163 )

Schneider hat ein höchst interessantes und lesenswertes Buch geschrieben, das sich von dem Bücherberg unterscheidet, der inzwischen über das Verhältnis von Deutschen und Juden, deutschen Juden, jüdischen Deutschen, deutschen Israelis, israelischen Deutsch-Patrioten und dergleichen Verfasstheiten vorliegt. Man muß Schneider nicht immer zustimmen, man wird es oft nicht. Aber es geschieht etwas Seltsames beim Lesen dieser Zeilen: Man hat den Eindruck, als träfe Schneider selbst dann noch, wenn er sichtbar daneben haut. Schneider skizziert Lea Rosh und meint: »Soviel Chuzpe bei einer Frau, die in einem Zeit-Gespräch auf die Frage, ob sie sich als Jüdin empfinde, antwortete: „Viele halten mich dafür, auch wegen des Namens. Ja, inzwischen ja. Und das liegt vor allem an dem Holocaust-Denkmal." Das Denkmal als Billet d'entrée in das Judentum. Eine feine Sache...« (S. 164)

Schade nur, und insofern bleibt Schneiders Buch noch immer an der Oberfläche, daß er die Konsequenzen der Vermarktung, des Warencharakters der Artikel »Erinnerung«, »Gedenken« usw. nicht bedenkt, zu analysieren unterläßt und also unterschätzt. Er stellt die Befangenheit der Erzählung als Bestandteil einer Industrie fest, unterdrückt aber die naheliegende Frage, inwiefern es sich selbst um ein Produkt, um ein Hergestelltes - und nicht etwa um einen Ausgangspunkt aller Reflexion - handeln könne. Wahrscheinlich muß man etwas von Dramaturgie verstehen, um die Künstlichkeiten, die literarischen Stilmittel in den Erzählungen Elie Wiesels und so vieler anderer zu bemerken. (Wiesel, das sei gerechterweise gesagt, hat sein Die Nacht zu begraben, Elischa selbst als Erzählung mit autobiografischem Charakter bezeichnet, und lediglich von Krematorien gesprochen, nicht aber von jenen Einrichtungen, die erst in der deutschen Übersetzung von Curt Meyer-Clason[1] auftauchen.)[2] Daß Schneider ausgerechnet eine derartige Passage, die alle Ausdrucksmittel grober Dichtung vereinigt, an Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker lobt, ist auffällig. Zudem Schneider selbst als Dramaturg und Regisseur tätig war, ihm also der Kitsch in die Nase stechen müßte.[3] Sollte es sich um die Folge jener Art von Befangenheit handeln, die er selbst einräumt, der er aber gleichwohl nicht zu entrinnen versteht? »Wie schon bei der Serie „Holocaust"«, meint Schneider, sich auf Megakitsch beziehend, »wird auch im Fall Goldhagen einmal mehr sichtbar, daß die Emotionalisierung eines Themas erst die Begreifbarkeit auch der monströsesten Inhalte ermöglicht.« (S. 36f.) Wirklich? Soll das, was da im Zuschauer vorgeht, ernsthaft »begreifen« genannt werden? Und nicht eher Akzeptanz des Monströsen - und Herunterschlucken des Unwahren, Aneignung der Illusion, wenn nicht gar der Lüge? Haben wir es hier nicht eher mit einer klassischen Versteifung, einer Ausschaltung logischer Verstandesarbeit mittels überwältigender Sinneseindrücke zu tun, welche ein Bert Brecht selbst auf dem Theater als überzogen befand und zurückzudrängen (bzw. kokett zu integrieren) trachtete.

Wie auch immer: Schneiders Buch reicht über seine Gegenstände und Anlässe weit hinaus und wäre insbesondere jenem Berliner Staatsanwalt zu empfehlen, der anläßlich Eduard Peter Kochs Kritik am Massaker Baruch Goldsteins in Hebron/El Chalil einen Prozeß »wegen Herabwürdigung einer Religion« veranstalten möchte:

»Bevor der Arzt Baruch Goldstein seine Siedlung Kiryat Arba in Richtung Hebron verließ, heftete er sich einen gelben Stern an die Brust.« (Schneider, S. 173)

Andreas Röhler


Anmerkungen

[1]Hans Wahls weist in Sachen Übersetzungskünstler auf folgendes hin: In der Übersetzung eines Buches von John Toland (Bastei Lübbe) berichtet der Verfasser auf Seite 953: »Himmler hielt am 26. Januar 1944 seine dritte Ansprache, diesmal vor 260 hohen Heeres- und Marineoffizieren im Posener Stadttheater. In seiner kühlen, sterilen Art legte er dar, wie er von Hitler den Ausrottungsbefehl erhalten habe. „Ich versichere Ihnen, die jüdische Frage ist gelöst. Sechs Millionen Juden wurden getötet."« - Der unterstrichene Satz fehlt im Original.
[2]Robert Faurisson hatte diesen Fall untersucht und einen bemerkenswerten Aufsatz dazu verfasst, den in Sleipnir zu veröffentlichen ich bislang wegen der von Faurisson gezogenen Schlußfolgerungen, bzw. wegen der anhaltenden BRD-Justiz-Mißbrauchspraxis, nicht gewagt habe.
[3]Ein abschließende Feststellung über den Wahrheitsgehalt eines derart kitschig gesäuerten Berichtes ist damit selbstverständlich nicht getroffen. Es ist durchaus denkbar, daß der Berichterstatter ein verhinderter Künstler war und unglücklicherweise meinte, mit einem schmucklosen Bericht - ohne Essig - das Publikum nicht erreichen zu können.


Viel »Holocaust« aber keine Geschichte: Das Versagen des Rabbi Berenbaum

Michael Berenbaum, Abraham J. Peck (Hg.), The Holocaust and History. The Known, the Unknown, the Disputed, and the Reexamined, Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 1998, XV + 836 S.

Michael Berenbaum

M. Berenbaum ist Theologe und Rabbiner. Sein persönliches Drama ergibt sich daraus, daß er sich seit vielen Jahren als Historiker auszugeben wünscht, sich nun aber nach der Publikation dieses Buches als das wiederfindet, was er nie aufgehört hat zu sein: schlicht und einfacher ein Theologe. Es ist noch nicht allzu lange her (1993 bis Anfang 1994), da hat er versucht, den Revisionisten auf deren Revier zu antworten, d.h. auf der Basis materieller, technischer und wissenschaftlicher Argumente, oder kurz: auf der Ebene historischer Forschung. Aber in seinem 1998er Buch findet sich davon nichts mehr. Wir finden uns darin zurückversetzt in das »Holocaust«-Dogma, inmitten von Erklärungen ohne substantielle Beweise in einer quasi immateriellen Welt. Nichts ist mehr »umstritten« (disputed) oder wird »überprüft« (reexamined), außer einiger theologischer Punkte, wie etwa die Frage, ob die »Intentionalisten« oder die »Funktionalisten« mit ihrer Interpretation des deutschen »Völkermordes« an den Juden recht haben. Die vorliegende Arbeit zeigt uns keine Fotografie, kein Modell, keine Zeichnung und kein Dokument. Nur auf der Schutzhülle befindet sich eine Fotografie, und zwar ein Haufen Schuhe. Dieses Bild konnte man bereits im Jahr 1993 in Washingtoner Holocaust Museum mit dem Untertitel »We are the shoes, we are the last witnesses« sehen. (»Wir sind die Schuhe, wir sind die letzten Zeugen.«)

Warum M. Berenbaum die Geschichtsschreibung schließlich aufgegeben hat

In den Achzigern und frühen Neunzigern wollten einige Verfechter der »Holocaust«-Behauptung den Ansatz einer wissenschaftlichen und historischen Beweisführung annehmen, und sei es nur, um sich an den Revisionisten zu rächen. Dies traf auf Pierre Vidal-Naquet, Georges Wellers, Adalbert Rückerl, Hermann Langbein, Eugen Kogon und Serge Klarsfeld zu (mit der Hilfe des mental beeinträchtigten Jean-Claude Pressac). Sogar M. Berenbaum engagierte sich zu diesem Zwecke, und zwar erstmalig 1993 in seinem Führer für das Museum mit dem Titel The World Must Know. The History of the Holocaust as Told in the United States Holocaust Memorial Museum (Die Welt muß es erfahren. Die Geschichte des Holocaust, wie dargestellt im..., Little, Brown & Co., Boston 1993, XVI - 240 S.), dann in dem von ihm Anfang 1994 zusammen mit Yisrael Gutman herausgegebenen, die Beiträge von 25 Autoren umfassende Buch Anatomy of the Auschwitz Death Camp, wie auch das vorliegende Buch veröffentlicht in Zusammenarbeit mit dem United States Holocaust Memorial Museum (Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 1994, XVI - 638 S.)

Im August 1994 unterbrach ein Ereignis M. Berenbaums Leben. Er erlaubte mir, ihn in Anwesenheit zweier anderer Museumsangestellter in seinem Büro im US-Holocaust-Museum zu besuchen. Da ich seine arrogante Verhaltensweise bemerkt hatte, entschied ich mich, ihn nicht zu schonen. Ich legte ihm vor seinen zwei Kollegen Stück für Stück dar, daß

das Museum bar jeglichen wissenschaftlichen und beweiskräftigen Wertes ist, woraufhin er sehr wütend wurde. Er schloß mit der Erklärung, das Museum enthalte deshalb keine echte Darstellung einer Gaskammer, weil »die Entscheidung getroffen wurde, die Gaskammern nicht körperlich darzustellen.« (Die im Museum gezeigte Tür ist die einer Entlausungskammer und das ausgestellte Modell eine absonderliche Farce.)

Dieses Gespräch trug wahrscheinlich zu Berenbaums neuerlicher Entscheidung bei, das wissenschaftliche und historische Terrain wieder den Revisionisten zu überlassen. Es ist ebenso wahrscheinlich, daß die von antirevisionistischen Autoren wie Eric Conan, Jacques Baynac und Robert van Pelt verfaßten Schriften der Jahre 1995/96 ihn davon überzeugten, daß die Sache des »Holocaust« mit seinem behaupteten Völkermord und den Gaskammern vom wissenschaftlichen und historischen Standpunkt aus betrachten absolut nicht mehr zu verteidigen ist. Der Leser sei nur daran erinnert, daß E. Conan zögernd eingestanden hat, daß meine Entdeckung der späten siebziger Jahre richtig war: die angebliche Gaskammer im Stammlager Auschwitz I, seit 1948 von Millionen von Touristen besucht, ist nichts anderes als ein Schwindel und nicht etwa eine »Rekonstruktion« (»Auschwitz: la mémoire du mal« (Auschwitz: Die Erinnerung an das Böse), L'Express (Paris), 19.-25.1.1995, bes. S. 68). 1996 schloß sich Robert van Pelt, 1994 ein Mitarbeiter von Berenbaums Sammelwerk, der Position von E. Conan an, ja er betonte sie sogar in seinem Buch Auschwitz. 1270 to the Present (zus. mit Deborah Dwork, Yale University Press, New Haven und London 1996, 433 S., vgl. auch S. 363f., 367ff.). J. Baynac jedoch setzte dem Ganzen die Krone auf, als er, obwohl ein schlimmer Antirevisionist, nicht umhin kam wahrzunehmen, daß es überhaupt keine Beweise gibt, mit denen sich die Existenz der Gaskammern beweisen ließe. (Le Nouveau Quotidien (Lausanne, Schweiz), 2. & 3.9.1996, S. 16 bzw. 14).

Der Sieg von Elie Wiesel und Claude Lanzmann

Bezüglich des »Holocaust« oder der »Shoah« haben Elie Wiesel und Claude Lanzmann die wissenschaftliche historische Methode schon immer gemieden wie die Pest. (Ehre wem Ehre gebührt.) Der erste schrieb: »Es ist besser, wenn die Gaskammern dem indiskreten Blick verschlossen bleiben. Und dem Vorstellungsvermögen.« (»Les chambres à gaz, il vaut mieux qu'elles restent fermées au regard indiscret. Et à L'imagination«, Tous les Fleuves vont à la mer... Mémoires, éditions du Seuil, Paris 1994, S. 97.) Und Claude Lanzmann hat ausgeführt, daß er, wenn er geeignete Archivbilder für seinen Film Shoah gefunden hätte, er sie »zerstört hätte« (David Szerman, »Shoah«, Le Chroniqueur - eine Veröffentlichung für die französische jüdische Gemeinde - 30.6.1993, S. 38; vgl. auch Le Monde, 3.3.1994, S. 1, 3). Der Historiker Daniel Jonah Goldhagen ist auf seine Weise ihren Empfehlungen gefolgt. Seine 1996er Arbeit ist eine Art moralische oder philosophische Dissertation, in der der Autor vorsätzlich jene Regeln mißachtet, die einzuhalten jeder normale Historiker anstreben sollte: die Fakten festzustellen, bevor man irgendwelche Kommentare abgibt (Hitler's Willing Executioners, Little, Brown & Co., Abacus, Boston 1997 [1996], XIV - 634 S.)

Des Rabbis Zorn und seine Warnung

Für sein letztes Buch hat M. Berenbaum 54 Autoren unter seinem Banner versammelt, wovon die überwiegende Mehrheit Juden sind, und alle, einschließlich Raul Hilberg, achten das religiöse Dogma des »Holocaust« bis aufs letzte Wort. Ich persönlich glaube, daß Raul Hilberg die Gabe einer »bemerkenswerten kabbalistischen Mentalität« besitzt, wie Arthur Butz es ausgedrückt hat. (The Hoax of the 20th Century, Institute for Historical Review, Torrance, Calif., 1987 [1976], S. 7) M. Berenbaum hat es sogar geschafft, Yehuda Bauer in seinem Lager zu versammeln. Der letztere hat beizeiten einmal unter Anfällen von Unabhängigkeit gelitten. So verwarf er 1992 plötzlich die Wichtigkeit der Wannsee-Konferenz, indem er erklärte:

»Es war ein Treffen, aber wohl kaum eine Konferenz. [...] wenig von dem, was dort gesagt wurde, wurde im Detail umgesetzt [...]. Die Öffentlichkeit wiederholt immer wieder die dumme Geschichte, in Wannsee sei die Vernichtung der Juden beschlossen worden. Wannsee war nur ein Schritt in der Entfaltung des Massenmordprozesses.« Wannsee's importance rejected«, The Canadian Jewish News, 30.1.1992)

Diesmal wird diese Versammlung in dem Buch, in dem derselbe Y. Bauer Mitautor ist, als »ereignisreiche Konferenz« bezeichnet (S. 155).

In The Holocaust and History versteigt sich Y. Bauer sogar dazu, Arno Mayer zu verfluchen, jenen Professor der Princeton University, der 1988 ein Buch veröffentlichte, in dem er aus seinem Wunsch kein Geheimnis machte, den »Holocaust« in die Sphäre der Geschichte zurückzuversetzen. Das Buch mit dem Titel Why Did the Heavens not Darken? trug den Untertitel The »Final Solution« in History (Pantheon Books, New York 1988, XVIII - 413 S.), was in der Vorstellung des Autors soviel bedeutete wie: »In die Geschichte und nicht etwa in die Legende oder den bloßen Glauben.« In diesem Buch, das verdient erwähnt zu werden, beging A. Mayer die schwere Sünde, sich am Dogma zu vergreifen, besonders durch seine Behandlung der Themen »Gaskammern« von Auschwitz und der »Einsatzgruppen«. Y. Bauer fertigt ihn mit wenigen Worten ab, indem er von einem »unsinnigen«, »anmaßenden« Buch spricht, einer »subtilen Form der Holocaust-Leugnung«. Er meint sogar, A. Mayer würde sich »offen der wohlbekannten Dokumentenlage widersetzen.« (S. 15)

Franciszek Piper spricht eine Warnung an all jene aus, die sich versucht sehen könnten, sich dort zu engagieren... wo er sich in der jüngeren Vergangenheit selbst engagiert hat: nämlich in der rationalen Analyse der Fakten und Techniken bezüglich der angeblichen Vernichtung der Juden. Genau unter diesem Gesichtspunkt sollte man die folgenden Worte aus der Feder des polnischen Spezialisten des Lagers Auschwitz lesen:

»Die anstehende Arbeit bedarf der sensiblen Aufmerksamkeit für die Tragödie der Opfer und verbietet die Reduzierung des Völkermords auf den technologischen Prozeß.« (S. 384)

Seines Meisters Stimme (die von Rabbi Berenbaum) ist deutlich zwischen den Zeilen zu hören.

Die Bedeutung des Buchtitels

Indem er für sein neues Buch den Titel The Holocaust and History (Holocaust und Geschichte) wählte, hatte der Herausgeber natürlich im Sinn, er sei dahingehend zu verstehen, daß der Holocaust ein geschichtliches Ereignis sei, aber so geschah es, daß der Satz, für den er sich entschied, sogar von seinem Standpunkt aus betrachtet recht verunglückt ist wegen der unfreiwillig entlarvenden Wirkung. Schon das Wort »und« zeigt, ohne daß dies beabsichtigt war, daß der »Holocaust« ein Sache ist, die Geschichte aber eine ganz andere Sache. Der »Holocaust« ist eine Fiktion, ein Dogma, eine Religion. Die Geschichte dagegen ist eine Sache von Fakten, Vernunft und Wissenschaft, jedenfalls sollte sie es sein.

Dieses Flickwerk von Beiträgen von 55 Autoren (R. Hilbergs Beitrag stammt aus dem Jahr 1993) ist bloß ein Sortiment von Essays, die viel »Holocaust«, aber keine Geschichte enthalten. Bezüglich des zuvor erwähnten Buches mit 23 Koautoren, das Berenbaum 1994 veröffentlicht hat, habe ich gelegentlich ausgeführt, daß die Anatomy of the Auschwitz Death Camp (Die Anatomie des Todeslagers Auschwitz) eher eine Cacophony on the Auschwitz »Death Camp« ist. Bezüglich dieses neuen Buches, das vier Jahre später veröffentlicht wurde und 55 Beiträge enthält, werde ich bestimmt nicht von einer Kakophonie sprechen: Die Mitglieder dieses Ensembles sind im Gleichklang; alle spielen das gleiche Stück; wir befinden uns in einer Synagoge; Chor und Orchester gehorchen genau und strikt dem Taktstock von Rabbi Berenbaum. All das muß man in einer derartigen Besetzung erwarten: eine religiöse Versammlung, eine Zeremonie, die Feier des Gottesdienstes, aber ein Kongreß von Historikern oder eine historische Arbeit ist das bestimmt nicht.

Prof. a.D. Dr. Robert Faurisson,
12.8.1998


Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

Claus Nordbruch, Sind Gedanken noch frei? Zensur in Deutschland. Mit einem Nachwort von Prof. Klaus Hornung. Universitas, München 1998, 311 S., DM 38,-

Die Frage, ob in Deutschland Gedanken noch frei sind, ist positiv zu beantworten - solange man sie nicht äußert; so könnte das desillusionierende wie herausfordernde Resümee des Buches lauten, das inzwischen auch jenseits der Grenzen Deutschlands großes Aufsehen erregt.

Der deutsch-südafrikanische Autor, von Hause aus Germanist und Historiker, beschreibt auf seine ihm eigene, unkonventionelle Art, wie die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland systematisch unterlaufen und zu großen Teilen abgeschafft worden ist. Es ist ein provokatives Buch, das keine Tabus kennt, aber es ist auch alles andere als einseitig. Dr. Claus Nordbruch ist es zunächst vollkommen gleichgültig, welche politische Auffassung jemand vertritt. Ob konservativ oder progressiv, marxistisch oder nationalistisch, anarchistisch oder monarchistisch, steht für den Autoren nicht zur Debatte, solange die jeweilige Meinungsäußerung auf friedlichem, gewaltlosen Wege stattfindet. Jeder Vertreter dieser politischen Überzeugungen und Anschauungen habe das Recht, so Nordbuch, sich seine Meinung zu bilden und zu äußern. Erst recht in einem pluralistischen politischen System, von dem seine Repräsentanten nicht oft genug darauf hinweisen könnten, daß es sich obendrein um die freiheitlichste Staatsordnung handele, die je auf deutschem Boden existiert habe.

Der Autor führt seine Leser in die bislang unentdeckte Welt der Gesinnungsverbote, der Zensur, der Bücherverbrennungen und Existenzvernichtungen. Er dokumentiert das fragwürdige Auftreten der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und vergißt bei allem Ernst nicht, in bildhafter Sprache die Lächerlichkeit von verschiedenen Erscheinungsformen der Zensur und ihrer Hüter bloßzulegen.

Prof. Dr. Klaus Hornung bekennt in seinem Nachwort zu Sind Gedanken noch frei?:

»Claus Nordbruch belegt mit einer Fülle von Beispielen, wie weit wir schon auf dem Weg in einen „antifaschistischen" Gesinnungsstaat vorangekommen sind, wie Diffamierung Argumente ersetzt und die Unterdrückung von Meinungen außerhalb eines bestimmten Bogens linker oder doch linksliberaler Dogmen und scheinbarer Selbstverständlichkeiten sich in den letzten Jahren tintenfleckartig ausgebreitet haben.«

In der Nummer 1(2) (1997) dieser Zeitschrift habe ich kurz auf das Buch von Jürgen Schwab Die Meinungsdiktatur hingewiesen, das sich sehr ausführlich mit der Geschichte der Zensur in Deutschland und den heute anzutreffenden verschiedenen Zensurformen beschäftigt. Ein Mangel dieses Buches ist, daß es sich den immer mehr um sich greifenden Buchbeschlagnahmungen kaum zuwandte. Dieses Manko wird nun durch das hier besprochene Buch ausgeglichen, das sich nach einer kurzen Einführung der Zensur in Deutschland unter anderen Herrschaftsformen ausgiebig den Zuständen in der Bundesrepublik widmet. Vom Kampf gegen radikale politische Parteien über die Exzesse staatlicher Repressionen im Zuge des RAF-Terrors bis hin zu den in den neunziger Jahren allgemein zunehmenden Zensurmaßnahmen gegen Zeitungen und Verleger findet der Leser alle Bereiche abgedeckt. Sogar die Zensurversuche gegen Politiker - etwa die Fälle Jenninger und Heitmann - sowie die zensierenden Auswüchse der Political Correctness werden eingehend behandelt. Der Autor hat eine Unmenge an Material über sehr viele Bereiche gesammelt, die er versucht, möglichst alle dem Leser nahezubringen. Leider ist die Liste der Zensurmaßnahmen in der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile so lang geworden, daß hierzu die 311 Seiten nicht ausreichen (45 Seiten umfaßt allein der Quellennachweis). So kommt es vor, daß Claus Nordbruch seinen Lesern ein Stakkato von Fällen entgegenschleudert, für die leider nicht immer Belegquellen angegeben werden, so daß diese langen Listen demokratiefeindlicher Vorfälle zwar beeindrucken, aber stellenweise etwas in der Luft hängen. Es bleibt daher festzustellen, daß die Zensur in Deutschland mittlerweile zu einer derart vielköpfigen Hydra angewachsen ist, daß dickleibige Doktorarbeiten geschrieben werden müßten, um das Thema umfassend abzuhandeln. Aber dennoch: Claus Nordbruchs Buch stellt dasjenige von Jürgen Schwab in den Schatten, da es nicht nur flüssiger geschrieben ist, sondern zudem auch sehr ausgewogen über die Zensur gegen alle politischen Spektren berichtet.

Michael Gärtner


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(4) (1998), S. 311-323.
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