DIE NACHT IN DER FÜHRERWOHNUNG

Über das, was sich in der Privatwohnung Adolf Hitlers am Prinzregentenplatz in München abgespielt hat, berichtet ausführlich und ohne die geringste Unsicherheit des Sich-nicht-mehr-erinnern-Könnens der damalige Luftwaffen-Adjutant des Führers, Oberst Nicolaus von Below. Nach seiner Schilderung haben sich die Dinge wie folgt zugetragen[77]:

Nach dem Abendessen im Alten Rathaus begab sich Hitler in seine Wohnung und zog sich in seine Privaträume zurück. Die Adjutanten Oberst von Below und SS-Obergruppenführer Schaub verblieben im Vorzimmer und warteten auf die Ausfahrt zur mitternächtlichen Vereidigung an der Feldherrnhalle. Zu diesem Zeitpunkt war nichts von irgendwelchen Unruhen oder gar Synagogenbränden bekannt. Alles blieb ruhig, bis man zur Feldherrnhalle fuhr.

Nach dieser Feierstunde, gegen 01.00 Uhr morgens, kehrte der Führer mit seiner Begleitung in die Privatwohnung zurück. Außer den beiden Adjutanten von Below und Schaub waren jetzt auch die Chef-Ordonnanz Heinz Linge und Professor Dr. Karl Brandt anwesend. Während die Herren warteten, ob Hitler noch weitere Befehle hätte oder ob sie sich entfernen könnten, kam ein Anruf vom Hotel »Vier Jahreszeiten«. Herr von Below, der am Telefon war, erhielt die Nachricht, daß eine Synagoge in der Nähe des Hotels in Brand geraten sei und Funkenflug befürchtet werde. Die Herren möchten kommen und ihre Zimmer räumen, da Brandgefahr bestehe. Nach kurzer Zeit kam ein weiterer Anruf vom Hotel und machte die Angelegenheit sehr dringend. Jetzt wurde auch mitgeteilt, daß Unruhen in der Stadt im Gange seien, Schaufenster eingeschlagen und Läden geplündert würden.

Schaub ging zum Führer und machte ihm von diesen Vorkommnissen Meldung. Der Führer befahl sofort den Münchener Polizeipräsidenten, Herrn von Eberstein, in seine Wohnung. Dieser kam umgehend und erhielt den Befehl, unverzüglich gegen die Plünderer und Brandstifter vorzugehen und dafür zu sorgen, daß »der Wahnsinn unterbliebe«. Hitler war von diesen Vorkommnissen völlig überrascht und außerordentlich aufgebracht. Schaub mußte weitere Telefonverbindungen herstellen. Der Führer ließ sich berichten und gab überall die gleichen Anordnungen, daß schärfstens gegen die Unruhestifter vorgegangen werden müsse und die Polizei für Ruhe und Ordnung zu sorgen habe. Zu diesem Zeitpunkt hat auch Himmler offensichtlich seine Anweisungen bekommen.

Eines der Telefonate wurde mit dem Stab des Stellvertreters des Führers geführt. Von da erging um 02.56 Uhr ein Fernschreiben an alle Gauleitungen. Der Text dieses Fernschreibens ist erhalten, da es am nächsten Morgen noch einmal schriftlich wiederholt wurde. Die Anweisung lautete: [vgl. Abbildung, d. Webm.]

Zum Vergrößern Bild anklicken (Quelle: Bundesarchiv Koblenz AZ: NS 6/231)

Die »allerhöchste Stelle«, auf die hier Bezug genommen wird, war der Führer Adolf Hitler. Dieses Rundschreiben wurde lediglich durch Zufall entdeckt. Man darf wohl annehmen, daß es in den bis jetzt beschlagnahmten oder jedenfalls nicht katalogisierten Akten noch zahlreiche weitere Rundschreiben dieser Art gibt.

Wenn hier nur von Brandlegungen an jüdischen Geschäften die Rede ist, dann ergibt sich daraus klar, daß Hitler den Münchener Synagogenbrand zu diesem Zeitpunkt noch für einen Einzelfall hielt und Meldungen weiterer Synagogenbrände bis dahin nicht eingetroffen waren. Immerhin wurden durch die Formel »Geschäfte oder dergleichen« auch Synagogen und andere Gebäude in die Anweisung einbezogen.

Die Feuerwehren erhielten den Befehl, die Synagogenbrände zu löschen und die benachbarten Häuser vor einem Übergreifen des Feuers zu schützen.

Nachdem also schon vor Mitternacht die Parteidienststellen durch die Gauleiter, die SA-Einheiten durch Lutze benachrichtigt und gewarnt worden waren, hatten jetzt auch SS und Polizei ihre eindeutigen Befehle. Daß sie ausgeführt wurden, steht außer Zweifel, dafür gibt es Beweise genug.

Polizisten schlugen sich mit Plünderern herum, politische Führer in Uniform versuchten eine randalierende Menge zu zerstreuen[78], Feuerwehren waren unterwegs und löschten mit sämtlichen Rohren[79]. Wo jüdische Wohnungen gestürmt und Hausrat auf die Straße geworfen worden war, trugen Polizisten ihn wieder zurück in die Häuser[80]. Soweit Synagogen nicht gelöscht werden konnten, halfen SSAngehörige den Juden, die Kultgegenstände zu bergen[81]. Zahlreiche Juden wurden - auf ihren eigenen Wunsch - in Schutzhaft genommen[82].

Aber nicht überall konnten Überfälle und Brandstiftungen verhindert werden. Partei- und Staatsorgane waren viel zu überrascht, als daß sie - mitten in der Nacht - sofort hätten mobilisiert werden können. Außerdem war der Umfang der Demonstrationen ja von Anfang an gar nicht bekannt. Bei der Beurteilung der Maßnahmen, die zur Verhinderung weiterer Ausschreitungen getroffen wurden, müssen wir uns klar machen, daß ja der Umfang, den die Aktion im Laufe der Nacht annehmen würde, gar nicht vorausgesehen werden konnte. Es begann mit einzelnen Schaufenstern, die eingeworfen wurden, eine Synagoge brannte - lauter Vorkommnisse, die zwar späterer Nachforschung bedurften, aber an sich durchaus singuläre Ereignisse darstellten, die keinen wesentlichen Anlaß zur Beunruhigung boten. Die ersten Meldungen gingen an die Örtlichen Polizeibehörden; erst als eine Häufung der Meldungen auftrat, wurden die übergeordneten Dienststellen benachrichtigt. Daß es sich um großangelegte Aktionen handelte, die zudem von einer zentralen Stelle gesteuert wurden, diese Erkenntnisse konnten erst im Laufe der nächsten Tage gewonnen werden, als ein Überblick über die entstandenen Schäden möglich war. Und da war es bereits zu spät. Hätte irgendeine deutsche Dienststelle eine Ahnung von den bevorstehenden Ereignissen gehabt, dann wären selbstverständlich entsprechende Abwehrmaßnahmen getroffen worden. Aber der gesamte deutsche Staats- und Verwaltungsapparat sowie die politische Leitung wurden durch die fremdgesteuerten Demonstrationen überrumpelt und - vor allem durch die Schnelligkeit der Durchführung - praktisch ausgeschaltet.


Anmerkungen

  1. Folgende Ausführungen basieren auf Mitteilungen Herrn von Belows an die Autorin vom 14. Oktober 1978.
  2. Graml, Der 9. November 1938, S. 33; Moritz/Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 107.
  3. Jude. Materialien zum 40. Jahrestag der Synagogenzerstörungen in Hessen. Hrsg. v. d. Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main u. dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen, Frankfurt 1978, S. 14; Hans Franke, Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn vom Mittelalter bis zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050-1945), Heilbronn 1963, S. 126.
  4. Moritz/Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 193.
  5. Die Reichskristallnacht. Eine Arbeitshilfe für Unterricht und Gemeindearbeit, Hrsg. Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau, Frankfurt 1978, S. 46.
  6. Kennzeichen J. Bilder, Dokumente, Berichte zur Geschichte der Verbrechen des Hitlerfaschismus an den deutschen Juden 1933-1945, Frankfurt/M. 1979, S. 114; Die Reichskristallnacht, S. 45

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