ANTIJÜDISCHE AUSSCHREITUNGEN

Wenn wir die Vorkommnisse dieser Nacht im einzelnen betrachten, läßt sich zunächst ein einheitliches Schema feststellen: Am Beginn stand regelmäßig ein Anruf einer unbekannten Person bei einem Partei- oder SA-Führer, beim Kreisleiter, Ortsgruppenleiter oder anderen führenden Persönlichkeiten. Die Anrufer meldeten sich mit »Gauleitung«, »Gaupropagandaleitung« oder ähnlich. Dann wurde gefragt, ob denn an diesem betreffenden Ort etwa noch alles ruhig sei, ob man noch nichts davon gehört habe, daß die ›Juden rausgehauen‹ werden sollten oder so ähnlich, in diesem Jargon. Wenn die Anrufsempfänger ganz verdattert fragten, was denn eigentlich los sei, wurden sie aufgeklärt, daß es in dieser Nacht ›gegen die Juden‹ gehe, und sie ihr Teil dazu beitragen müßten.

Natürlich haben sich nicht alle so Angesprochenen düpieren lassen. Der Kreisleiter von Landsberg, von Moltke, z. B. bekam auch so einen Anruf. Als er erstaunt fragte, wer denn am Telefon sei, bekam er die Antwort: »Die Gauleitung München«. - »Wer von der Gauleitung?« - »Die Gauleitung, das muß Ihnen genügen!« - Nun, es genügte ihm nicht, er ging wieder schlafen und in seinem Bezirk blieb alles ruhig[83].

Andere Parteiführer verließen jedoch ihr Bett, zogen sich an und versuchten herauszufinden, was da eigentlich gespielt wurde. In vielen Fällen merkten sie tatsächlich sehr bald, daß Unruhen im Gange waren, irgendwo splitterte Glas, Gemurmel, Gejohle, Menschen standen und starrten. Wenn sie dann herumfragten, stellte sich schnell heraus, daß irgendwelche Unbekannten erschienen waren und mit den Demolierungen begonnen hatten. Zeugenberichte sprechen von kleinen Trupps, die mit Brechwerkzeugen die Schaufenster einschlugen:

»Das nächste Fenster sinkt in Trümmer. Vor ihm stehen fünf Burschen ... Sie rammen, sie stoßen, sie arbeiten wie Präzisionsmaschinen. Keiner gönnt den Umstehenden einen Blick. Weder Haß ist in ihren Gesichtern, noch Empörung, weder Aufruhr noch Zorn. Sie führen nicht an, sie führen nur aus ... Die Menge steht und schweigt.«[84]

Es konnte nicht ausbleiben, daß bald Teile der Bevölkerung mithielten. »Die primitive Lust des Pöbels am Krawall« (Graml) hatte sie ergriffen. »Wenn der Ortsgruppenleiter eingriff, hatten die Provokateure im allgemeinen ihr Ziel schon erreicht und die Ausschreitungen in Gang gebracht, der Widerstand der Örtlichen Funktionäre vermochte daran nichts mehr zu ändern.«[85]

Sicher beteiligen sich an einem Pogrom nur bestimmte Elemente, die auch sonst zu Gewaltaktionen neigen. Auch politisch motivierte Terrorakte werden nicht von der ganzen Bevölkerung unterstützt. Andererseits wohnt gerade Gewaltaktionen, die kollektiv veranstaltet werden, ein Element inne, das auch auf andere Menschen übergreift, die normalerweise nicht zu Gewalttaten neigen. Es ist wie ein hypnotischer Zwang, der die Menschen veranlaßt, sich einmal »abzureagieren«. Nicht alle Menschen, selbstverständlich. Im Vergleich zu wirklichen Pogromen, z. B. in Rußland, war die »Kristallnacht« tatsächlich eher eine gutmütige Angelegenheit. - Vielleicht sollte sie aber gar nicht so ablaufen? Hat man gehofft, die Deutschen würden von einem »Blutrausch« erfaßt werden und ein Massaker anrichten?

Graml verweist die Teilnahme an Krawallen durch Leute, die politisch absolut keine Motivationen hatten, in den »Bereich des Allzumenschlichen«.

»Die hinter dem eigentlichen Pogrom zusammenströmenden Massen kamen nicht, um irgendwelche politischen Meinungen und Abneigungen zu praktizieren, sie kamen zum Teil nur, um eine Sensation zu sehen ... Eine Stimmung griff um sich, gesteigert von der düsteren Szenerie, die Brandstiftung und Gewalttat geschaffen hatten, die alle Merkmale einer Massenpsychose aufwies. Auch Menschen, die ganz zufällig in die Ansammlung gezogen wurden, konnten sich dieser Atmosphäre nicht entziehen, sie steckten sich an ...«[86]

Graml meint weiter, daß jedoch auch - gerade bei der Beteiligung durch die einfache, arbeitende Bevölkerung, klassenkämpferische Motive wirksam geworden wären. »So muß die Teilnahme der Bevölkerung am Pogrom zum Teil als ... Aufstand gegen den Besitz, gegen Handel und Kapital, gegen alles, was mit dem Begriff ›Ausbeutung‹ zu umschreiben ist, verstanden werden.« Denn als Ausbeuter, als asozialer Unternehmertyp, sei der Bevölkerung der jüdische Geschäftsmann vielfach erschienen.

Auf dem Land, so meint Graml, verhielt es sich ähnlich. »Die Beteiligung vieler Bauern an dem Pogrom hatte verwandte Gründe. Niemals hätten die Bauern mobilisiert werden können, wären ihnen nicht die Juden als die Gruppe gewiesen worden, der sie die wirtschaftliche Misere in den letzten Jahren der Weimarer Republik verdankten. Und die persönlichen Erfahrungen vieler Bauern schienen für diese These zu sprechen: sie waren in den Jahren der Depression an die Viehhändler, an private Geldgeber, an Kreditinstitute in drückendsten Formen verschuldet gewesen, mancher hatte seinen Hof verloren.«

Viehhandel und Kreditwesen hatten jedoch vielfach in jüdischen Händen gelegen, so daß die geschädigten Bauern hier die Schuldigen gesucht haben.

Trotz der scheinbaren Sachlichkeit dieser psychologischen Begründung ist die Darstellung Gramls überzeichnet: Weder war ein »Pogrom« im Gange, getragen von »zusammenströmenden Massen«, noch hatte die ganze Aktion einen solch großen Umfang. - Wir wollen hier nicht versuchen, etwas zu beschönigen. Die Ereignisse der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 gereichen den Beteiligten nicht zur Ehre. Es war eine würdelose und tragische Nacht, jene »Reichskristallnacht«. Aber die Ereignisse werden nicht wahrer und die Untaten nicht verabscheuungswürdiger ' wenn man sie in gespenstisch-skurrilen Szenen schildert, die Dantes »Inferno« entnommen zu sein scheinen, wie es Herr Graml in seiner wissenschaftlich sein wollenden Studie tut:

»Jeder einzelne Jude wurde geschlagen und gejagt, ausgeplündert, beschimpft und erniedrigt. Verwandte und Freunde hatten den Tod unter den Knüppeln der SA gefunden, viele waren in die Gefängnisse und Konzentrationslager abtransportiert worden ...

Die SA riß die Juden aus ihren Betten, prügelte sie noch in den Wohnungen erbarmungslos und mit wohltrainierter Raffinesse, sie hetzte gewarnte Juden durch die Straßen der Städte halb zu Tode und holte sie aus Verstecken, aus Asylen, die ihnen von Nachbarn und Freunden gewährt worden waren.

Eine gnadenlose Jagd auf alles Jüdische hetzte durch die Straßen, überall wurde geprügelt, überall floß Blut. War irgendwo die Polizei schneller gewesen, hatte sie die männlichen Juden schon verhaftet und in ein Gefängnis abtransportiert, da konnte es geschehen, daß die SA auch in das Gefängnis einbrach, sich gewaltsam Eingang in die Zellen verschaffte und auch dort eine wüste Prügelorgie feierte.

Und es wurde nicht nur geschlagen und geplündert, es wurde auch vergewaltigt und gemordet. Die SA warf Juden ins Wasser und ertränkte sie; sie schlug so lange auf ihr Opfer ein, bis es tot war; sie schoß und stach nieder, von Haß fortgerissen oder aus sadistischer Veranlagung, immer aber verführt von den Rachegesängen ihrer Führer.«[87]

Nein, Herr Graml, so war es gewiß nicht! Solche Szenen haben sich höchstens in Ihrer Phantasie abgespielt. Daß einzelne Ausschreitungen vorgekommen sind, ist schlimm genug. Aber es bedeutet keine Hilfe für die Betroffenen, wenn nachträglich das geschehene Unrecht ins Unglaubwürdige verzerrt und gerade dadurch in Frage gestellt wird. Nach 1945 wurde eine Anzahl von Gerichtsverfahren durchgeführt zur Feststellung und Bestrafung derjenigen, die sich damals an den Ausschreitungen beteiligt hatten. Obwohl es sich in den meisten Fällen um Ereignisse handelte, die sich in kleinen Ortschaften abgespielt haben, fällt auf, daß überall, in jedem einzelnen Fall, der vor Gericht verhandelt wurde, immer wieder gleichlautende Zeugenaussagen zu Protokoll gegeben wurden: Unbekannte, Ortsfremde sind gekommen und waren entweder die Anführer oder Anstifter zu den Krawallen[88].

Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Einmal konnte der Name eines ehemaligen SA-Mannes genannt werden, der jedoch schon 1934 wegen seines schlechten Rufes mit dem Ziel seines Ausschlusses aus der SA beurlaubt worden war. Er war dann im November 1938 einer der Anführer. - In einem anderen Fall spielt ein »umherziehender SS-Sturm« eine Rolle. Das Kommando hatte - ein Geisteskranker. - Aber der übereinstimmende Tenor der allermeisten Gerichtsurteile lautete: Es war nicht möglich, die eigentlichen Haupttäter festzustellen, da es sich um Personen gehandelt hatte, die den Zeugen nicht bekannt gewesen waren.

Selbstverständlich soll hier nicht behauptet werden, daß kein einziger Parteiführer oder SA-Mann sich aus eigenem Antrieb an den Krawallen beteiligt hätte. Das wäre Unsinn. Es gab sicher eine Menge, die eine antijüdische Einstellung hatten und sie in dieser Nacht durch Teilnahme an den Ausschreitungen unter Beweis stellten. Aber es geht hier nicht um die Teilnehmer, sondern um die eigentlichen Anführer und Initiatoren der antijüdischen Demonstrationen. Alle Hinweise deuten auf Fremdsteuerung durch eine zentrale Stelle, die ihre Provokateure gezielt eingesetzt hat, und zwar nach einem einheitlichen Schema, da anders die zeitlich und organisatorisch übereinstimmend verlaufenden Aktionen nicht zu erklären sind.


Anmerkungen

  1. Persönliche Mitteilung an die Autorin vom 17. 3. 1979.
  2. Ruth Andreas-Friedrich, Schauplatz Berlin. Ein Tagebuch aufgezeichnet 1938-1945, Hamburg 1964, S. 25f.
  3. Graml, Der 9. November 1938, S. 34.
  4. Diese und die folgenden Zitate s. Graml, aaO, S. 44-45.
  5. Graml, aaO, S. 47f.
  6. Gerichtsurteile aus den Jahren 1946 bis 1950 der Landgerichte Wiesbaden, Gießen und Darmstadt, zitiert in: Moritz/Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 100, 124, 130-132, 137, 149, 157.

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