UMFANG DER ANGERICHTETEN SCHÄDEN

In allen zeitgenössischen Publikationen kann man es nachlesen: in der »Kristallnacht« wurden ›sämtliche‹ Synagogen in Deutschland in Brand gesteckt, ›alle‹ Juden waren von den Überfällen betroffen, ›überall‹ wurden die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen. Diese pauschalisierenden Behauptungen können ohne Widerspruch auch die Öffentlichen Medien passieren - eine genaue Aufstellung der Schäden gibt es bis heute nicht!

In der Literatur werden drei verschiedene »Schadensmeldungen« zitiert:

  1. ein angeblicher Bericht Heydrichs an Hermann Göring vom 11. Nov. 1938
  2. Teile eines weitgehend zerstörten Protokolls einer Sitzung im Reichsluftfahrtministerium am 12. Nov. 1938
  3. ein Bericht des Obersten Parteigerichts an Göring vom 13. Febr. 1939.

In jedem dieser Schriftstücke wird auf die angerichteten Schäden Bezug genommen und es werden Zahlen angegeben. Diese Zahlen differieren, einmal werden mehr zerstörte Synagogen genannt, ein anderes Mal eine größere Anzahl demolierter Geschäfte, dann wieder eine höhere Zahl der Todesopfer. Die Zeitgeschichtsschreibung wertet nun die drei verschiedenen Berichte so aus, daß die jeweils höchste Zahl die ›richtige‹ ist und für eine spätere Zitierung herangezogen wird. An der fragwürdigen Methode solch ›historischer‹ Forschungsarbeit scheint sich niemand zu stoßen.

Bericht ›Heydrichs‹ an Hermann Göring vom 11. November 1938

Bei diesem Bericht handelt es sich um ein Schreiben auf dem Briefpapier des Chefs der Sicherheitspolizei an den Ministerpräsidenten Generalfeldmarschall Göring. Das Original dieses Dokuments ist nicht aufzuspüren. Nach der in den IMT-Bänden gegebenen Darstellung lag in Nürnberg lediglich eine auf einer englischen Schreibmaschine gefertigte »Abschrift« vor, ohne jede Beglaubigung, mit Ausnahme eines Vermerks am untersten Rand des als Seite 3 bezeichneten Blattes (bei dem es sich tatsächlich um Seite 2 handelt!):

»A CERTIFIED TRUE VOPY«

zu deutsch: Eine beglaubigte Abschrift - vorausgesetzt, daß VOPY ein Tippfehler ist und COPY heißen soll. Worin die »Beglaubigung« besteht, ist nicht ersichtlich. Wir können also auch nicht sagen, ob der angeführte Inhalt dem des tatsächlichen Schreibens an Göring entspricht - falls ein solches überhaupt existiert.

Der Inhalt dieses Schreibens lautet zusammengefaßt: Nach den bisher vorliegenden Meldungen seien folgende Schäden entstanden:

815

zerstörte Geschäfte

29

in Brand gesteckte oder sonstwie zerstörte Warenhäuser

171

in Brand gesetzte oder zerstörte Wohnhäuser

191

in Brand gesteckte Synagogen

76

demolierte Synagogen

20 000

Juden festgenommen

36

Todesfälle

36

Schwerverletzte

Unterzeichnet ist der Bericht mit »Heyer«, ohne weitere Dienstrangbezeichnung.

An diesem Schreiben ist einiges sehr merkwürdig. Die Art der Abschrift läßt erkennen, daß es sich um eine wortgetreue Kopie handeln soll. Trotzdem kann einiges nicht stimmen. So hat ein Schreiben Heydrichs an Göring im November 1938 nicht aussehen können!

Der »Kopf« dieses Briefes lautet wie folgt:

Chef der Sicherheitspolizei

II B 4 - 5716/38g

Berlin SW, d.11.11.38
Prinz-Albrechtstr. 8
Fernsprecher:A 2 Flora 0040
Geheim:

Bitte in der Antwort vorstehendes Geschaeftszeichen und Datum angeben.

Schnellbrief:

An

den Herrn Ministerpraesidenten
Generalfeldmarschall Goering

z. Hd. von Ministerialdirektor Dr. Gritzbach

Berlin W 8         
Leipziger Str. 3

Dazu ist folgendes zu sagen:

  1. Aus diesem Briefkopf ist ersichtlich, daß es sich um einen alten, im November 1938 nicht mehr benutzten Briefbogen gehandelt haben muß. Rechts, unter der Adresse, ist eine Telefonnummer angegeben, die es nur bis März 1937 gab, die also im November 1938 schon seit anderthalb Jahren nicht mehr galt. In jenem Jahr erfolgte eine Umstellung der Berliner Telefonämter. Die namentliche Bezeichnung der Ämter wurde aufgegeben, und alle Teilnehmer bekamen eine sechsstellige Nummer. Die Dienststelle Heydrichs erhielt den Anschluß Nr. 120040. Es ist selbstverständlich, daß die amtlichen Briefbögen von da an auch die neue Telefonnummer nannten. Selbst wenn man annehmen wollte, daß - vielleicht aus Sparsamkeitsgründen - zunächst noch die alten Briefbögen aufgebraucht worden seien, so wären die alten Telefonnummern zumindest durchgestrichen und die neuen durch einen Stempelaufdruck angegeben worden. Aber anderthalb Jahre nach der Umstellung kann man wohl davon ausgehen, daß neue Briefbögen in Gebrauch waren.
    Außerdem sehen die Briefformulare, die Heydrich im November 1938 benutzte, tatsächlich anders aus.
  2. Im Jahr 1938 war die Sicherheitspolizei keine selbständige Dienststelle, sondern es gab nur ein »Hauptamt Sicherheitspolizei«. Dieses unterstand dem »Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern«. Die Briefbögen, die Heydrich zu jener Zeit benutzte, trugen diese Bezeichnung im Kopf. Mit »Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD« firmierte Heydrich erst nach Gründung des Reichssicherheitshauptamtes am 27. Sept. 1939.
  3. Die angegebene Anschrift Hermann Görings stimmt nicht. Sein Amtssitz war das Reichsluftfahrtministerium in der Leipziger Straße 7, nicht Leipziger Straße 3. In der Leipziger Straße 3 befand sich das Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten unter Reichsminister Hanns Kerrl. - Sicherlich hätte die Deutsche Reichspost den Brief auch mit der falschen Hausnummer zugestellt, aber hätte eine Sekretärin diesen Fehler gemacht?
  4. Das Unglaubwürdigste an diesem Schreiben ist jedoch die Unterschrift »Heyer«. Briefe, die nicht vom Amtsleiter persönlich unterzeichnet wurden, in diesem Fall also Heydrich, hat üblicherweise der Stellvertreter abgezeichnet, das wäre Dr. Best gewesen. Nur die Unterschrift »Heyer«, ohne Vermerk »im Auftrag«, ohne Dienstrangbezeichnung und selbst ohne den Hinweis »gez.«, der aussagt, daß es sich um eine Unterschrift handelt, ist schlichtweg falsch.

Das mit der Unterschrift fiel natürlich auch den Herren Historikern auf. Dieses Schreiben wird durchwegs als Bericht ›Heydrichs‹ an Göring zitiert, die Unterschrift in ›Heydrich‹ gefälscht[89]. In einer Veröffentlichung der »Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg« heißt es, noch rätselhafter, »K. Heydrich«[90].

Eine Organisation, von der man annehmen sollte, daß sie in besonderem Maße der Wahrheit verpflichtet ist, der »Evangelische Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau«, hat es sogar fertiggebracht, einen Faksimile-Abdruck des ›Heydrich‹-Briefes zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck mußte der Brief allerdings vorher neu geschrieben werden, ein Abdruck des den IMT-Akten beigegebenen Dokumentes ist das nicht[91].

Protokoll einer Sitzung im Reichsluftfahrtministerium am 12. November 1938

Am 12. Nov. 1938 berief der Beauftragte des Vierjahresplanes, Hermann Göring, eine Konferenz ein, zu der Vertreter aller Ministerien und Ressorts, die mit der Auswanderung der Juden zu tun hatten, geladen waren. Über diese Sitzung werden wir noch weiter unten sprechen. Hier interessiert nur die Antwort Heydrichs auf die Frage von Hermann Göring: Wie viele Synagogen sind tatsächlich niedergebrannt? Unverständlicherweise fragt Göring das, obwohl er doch den Bericht von ›Heydrich‹ einen Tag vorher bekommen haben müßte! Heydrichs Antwort lautet:

»Es sind im ganzen 101 Synagogen durch Brand zerstört, 76 Synagogen demoliert, 7500 zerstörte Geschäfte im Reich.«[92]

Bemerkenswert ist an dieser Antwort Heydrichs, außer dem schlechten Deutsch, daß aus den 191 verbrannten Synagogen (so der Bericht vom 11. Nov. 38) über Nacht nur 101 geworden sind. Insgesamt spricht Heydrich also hier von 177 zerstörten Synagogen, während am 11. Nov. eine Gesamtzahl von 267 genannt wurde. Andererseits wird die Anzahl der demolierten Geschäfte hier mit 7500 wesentlich höher angegeben, als in dem Brief vom 11. 11. 38.

Die Synagogenanzahl ließe sich vielleicht durch einen Tippfehler in dem Schreiben vom 11. Nov. erklären: 191 anstatt 101, so daß also die am 12. Nov. von Heydrich genannte Zahl die richtige wäre. Auch die zu diesem Zeitpunkt bekannte höhere Zahl der demolierten Geschäfte ist logisch zu erklären, da Schadensmeldungen höchstwahrscheinlich noch im Laufe des Vortages eingegangen sind - immer vorausgesetzt, daß es sich bei dem Bericht ›Heydrichs‹ vom 11. Nov. um ein Original handelt.

Bericht des Obersten Parteigerichts an Göring vom 13. Febr. 1939

Für die Anzahl der Todesfälle beziehen sich die Zeitgeschichtsschreiber auf diesen Bericht des Obersten Parteigerichts, das Ende November 1938 die Untersuchungen wegen der stattgefundenen Ausschreitungen in der »Kristallnacht« aufgenommen hatte. Es kam zu dem Ergebnis, daß sich insgesamt 91 Fälle von Tötungen im Zusammenhang mit den Vorkommnissen jener Nacht ereignet haben sollen.

Leider konnte ich auch diesen Originalbericht nicht einsehen, da er sich im »Berlin Document Center« befindet, das zur Zeit nur Alliierten zugänglich ist. Eine Mikrofilm-Wiedergabe des Dokuments befindet sich im Institut für Zeitgeschichte, München, und konnte von mir angesehen werden. Auf meine Bitte um Überlassung einer Ablichtung bekam ich vom Institut für Zeitgeschichte die Nachricht, daß das wegen der schlechten Filmqualität nicht möglich sei; der Text sei nur über das Mikrofilmlesegerät zu ›entziffern‹. Eine nähere Untersuchung auf die Echtheit dieses Dokuments war deshalb nicht möglich.

Zusammenfassung

Die nachfolgende, in allem fragwürdige Aufstellung ist also alles, was wir an Zahlenmaterial besitzen:

844

oder

7500

 zerstörte Geschäfte und Warenhäuser,

171

 demolierte Wohnhäuser,

177

oder

267

 zerstörte Synagogen,

36

oder

91

 Todesfälle.

Die behauptete Zahl der inhaftierten Juden schwankt in den einzelnen Publikationen zwischen 10000 und 35000. Allgemein wird aber zugegeben, daß die meisten Inhaftierten bereits am nächsten Tag wieder freikamen.

Die obengenannten Zahlen, unsicher genug, wie sie sind, bilden die einzige vorhandene Unterlage zur Feststellung der angerichteten Schäden. Ein äußerst merkwürdiger Punkt: Die von Heydrich genannten Zahlen wurden bis heute von keiner jüdischen Seite angegriffen oder ›richtiggestellt‹. Bei der offensichtlichen Neigung, den durch die Nationalsozialisten entstandenen Schaden in möglichst hohen Ziffern auszudrücken, ist das immerhin bemerkenswert. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat nach dem Krieg keine Aufstellung der durch die ›Kristallnacht‹ entstandenen Zerstörungen präsentiert. Und das war sehr klug von ihm: So sind weiterhin allen Spekulationen Tür und Tor geöffnet, und man kann ungeniert behaupten, daß »sämtliche« Synagogen in Deutschland zerstört wurden und die jüdische Bevölkerung allgemein ihre Existenzgrundlage verloren hatte.

Diese günstige Position nutzte schon Nahum Goldmann, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, aus, als er 1952 von der Bundesrepublik zum Wiederaufbau der in der »Kristallnacht« zerstörten Synagogen und anderer jüdischer Einrichtungen die Summe von 500 Millionen Dollar verlangte. Auf den bescheidenen Einwand des damaligen Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt Hallstein, man müsse doch eine juristische Grundlage für die Forderung nach einer solchen Summe haben, antwortete Goldmann souverän:

»Finden Sie eine juristische Grundlage oder nicht, was ich will, ist die Summe, nicht die Grundlage.«[93]

Nachdem sich auch noch Adenauer eingeschaltet hatte, der die Berechtigung dieser halben Milliarde Dollar nicht einzusehen schien, lautete die Antwort Goldmanns:

»Fünfhundert Millionen sind eine glatte runde Summe, gegen die niemand etwas einwenden wird.«

Überflüssig zu sagen, daß diese »Beweisführung« Adenauer überzeugte. -

Bei dieser Vorliebe der Juden für »glatte, runde Summen« brauchen wir uns über die sechs-Millionen Ziffer nicht mehr zu wundern.

Nehmen wir also an, daß - wie Heydrich am 12. Nov. 38 angab - 177 Synagogen zerstört wurden! Waren das wirklich ›sämtliche‹ oder auch nur ›die Mehrzahl‹ der in Deutschland befindlichen Synagogen?

Im Jahr 1938 gab es in Deutschland noch etwa 1420 Synagogen. 177 von diesen 1420 sind weder ›sämtliche‹, noch ›die Mehrzahl‹ noch auch nur ein beträchtlicher Teil der jüdischen Gebetsstätten. Es sind rund 12%.

Es ist keine Frage, daß auch die Zerstörung nur einer einzigen Synagoge eine Schande gewesen wäre. Aber um das Ausmaß der damaligen Aktionen zu beurteilen, ist es wohl doch ein wesentlicher Unterschied, ob man sagt: »In jener Nacht wurden in Deutschland sämtliche Synagogen in Brand gesteckt« - oder ob es heißt: »Von den 1420 in Deutschland bestehenden Synagogen fielen in jener Nacht 177 den antijüdischen Aktionen zum Opfer.«

Ähnlich ist das Zahlenverhältnis auch bei den demolierten jüdischen Geschäften. Die von Heydrich genannte Zahl von 7500 bezieht sich auf eine Gesamtanzahl von etwa 100000 jüdischen Geschäften und Warenhäusern im Deutschland des Jahres 1938.


Anmerkungen

  1. Reitlinger, Die Endlösung, S. 17; Graml, Der 9. November 1938, S. 49; Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, S. 316; Deschner, Reinhard Heydrich, S. 170; Uwe Dietrich Adam, Judenpolitik im Dritten Reich, Düsseldorf 1972, S. 207; Gideon Hausner, Die Vernichtung der Juden. Das größte Verbrechen der Geschichte, München 1979, S. 45; Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, hrsg. v. Walter Hofer, Frankfurt 1957, S. 293; Max Oppenheimer/Horst Stuckmann/Rudi Schneider, Als die Synagogen brannten. Zur Funktion des Antisemitismus gestern und heute, Frankfurt/M. 1978, S. 106f.
  2. Peter Freimark/Wolfgang Kopitzsch, Der 9./10. November 1938 in Deutschland. Dokumentation zur »Kristallnacht«, Hamburg 1978, S. 50.
  3. Die Reichskristallnacht, S. 44.
  4. IMT Bd. XXVIII, S. 499-540, PS-1816.
  5. Nahum Goldmann, Das jüdische Paradox. Zionismus und Judentum nach Hitler, Köln/Frankfurt/M. 1978, S. 181, 182.

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