ZUR ZERSTÖRUNG DER SYNAGOGEN

Allgemein wird die Zerstörung der Synagogen schwerer bewertet als die der Geschäfte und Wohnhäuser. Man geht dabei davon aus, daß Gotteshäuser grundsätzlich vor jedem Angriff sicher sein sollten und nur gänzlich kulturlose Banditen sich an solchem Heiligtum vergreifen. Dieser Anschauung liegt der christliche Begriff des Gotteshauses zugrunde. Das Wort »Kirche« leitet sich ab aus dem griechischen »kyriakon« = »dem Herrn gehörig«. Auf diesen Anspruch, ein Gott gehörender Ort zu sein, gründet sich die Heiligkeit und Weihe einer christlichen Kirche. In der katholischen Kirche ist das noch gesteigert durch den Glauben, daß Gott persönlich im Sakrament des Altars im Kirchenraum anwesend ist.

Eine Synagoge ist jedoch in dieser Hinsicht mit einem christlichen Gotteshaus nicht zu vergleichen. Die Synagoge ist ein Lehr- und Bethaus, die »Schul«, wie es im Jiddischen heißt. Das einzige Gotteshaus im christlichen Sinn, das die Juden jemals besaßen, war der Tempel in Jerusalem. In ihm war die »Schechina« = die »Herrlichkeit Gottes« anwesend. Seit seiner Zerstörung im Jahr 70 n. d. Z. hatten die Juden kein Heiligtum mehr. Die Heiligkeit des Tempels wurde dann später auf die christlichen Gotteshäuser übertragen.

Synagogen gab es auch schon zur Zeit des Tempels außerhalb Jerusalems. Sie waren Versammlungsraum und Lehrstätten, reine Profanbauten. Selbstverständlich schmückt man auch diesen Raum besonders aus, schon um der Thora-Rollen willen, die dort aufbewahrt werden. Die Thora, die Heilige Schrift der Juden, wird bis heute in Rollenform - nicht in Buchform - geschrieben und beim Gottesdienst aus dieser Rolle verlesen. Später ist man dann in Europa, und noch mehr in Amerika, dazu übergegangen, die Synagogenbauten mehr und mehr den christlichen Kirchenbauten anzupassen. Aber das ändert nichts an der Grundtatsache, daß es sich bei einer Synagoge nicht um ein ›jüdisches Gotteshaus‹ handelt, sondern um eine Einrichtung ähnlich einem Gemeindesaal oder einer Schule. In kleineren jüdischen Gemeinden gibt es häufig keinen eigenen Synagogenbau, sondern als Gebets- und Versammlungsraum dient jedes beliebige Wohnzimmer, das tagsüber von der Familie benutzt wird.

Selbstverständlich wohnt auch einem profanen Betraum eine gewisse Weihe inne, und viele nichtgläubige Menschen werden die »Heiligkeit« der Kirchen in keinem anderen Sinn definieren. Trotzdem ist in unserem seit über anderthalb Jahrtausenden christlich geprägten Empfinden eine Kirchenschändung eine besonders ruchlose Tat.

Für die Juden selbst war die Zerstörung der Schriftrollen weitaus schmerzlicher und eine wirkliche Entweihung. Denn eine Thora-Rolle ist so heilig wie das auf ihr geschriebene Wort Gottes. Das heißt, das eigentlich Heilige ist der Gottesname, der in der Heiligen Schrift enthalten ist, das geheimnisvolle Tetragramm, die vier Buchstaben JHWH, mit dem in der hebräischen Bibel der Gottesname umschrieben ist, ein Name, der wegen seiner Heiligkeit von einem Juden niemals ausgesprochen werden darf. - Thora-Rollen, die unbrauchbar geworden sind, dürfen weder vernichtet noch anderweitig beseitigt werden. Sie werden in einem abgelegenen Raum aufbewahrt oder in einem vor der Zerstörung durch Nässe und Würmer sicheren unterirdischen Verschlag »begraben«. -

Die aus den Schränken genommenen Thora-Rollen, in den Schmutz geworfen, zerrissen oder angebrannt, waren am Morgen des 10. November 1938 für jeden frommen Juden ein fürchterlicher Anblick.

Folgerichtig ist dann auch am Eingang der jüdischen Gedenkstätte Yad Waschem in Jerusalem eine halbverbrannte und zerrissene Thora-Rolle ausgestellt als Sinnbild der dem Volk Israel zugefügten Unbill und Schmach.

Die Vernichtung der heiligen Schriften ist das Äußerste, was man nach der Meinung eines Juden seinem Feind antun kann. Diese Einstellung wird auch im Talmud deutlich, wo ein Rabbi Tarphon zitiert wird, der sagt, er wolle lieber seine Söhne verlieren als nicht jede Gelegenheit zu ergreifen, die heiligen Schriften der Nichtjuden zu verbrennen[94]. Diese Einstellung eines jüdischen Gelehrten ist selbstverständlich keine Entschuldigung für diejenigen, die die sinnlosen Zerstörungsaktionen durchgeführt haben.


Anmerkungen

94. Talmud, Traktat Schabbat 116a


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