EINE NEUE »DOKUMENTATION«?

Zum Abschluß dieses Kapitels soll noch auf eine neue »Dokumentation« hingewiesen sein, die vor einiger Zeit herausgekommen ist. Anscheinend ist es nun auch jüdischen Stellen aufgefallen, daß man mit den 177 von Heydrich angegebenen zerstörten Synagogen eigentlich ziemlich dumm dasteht, wenn man doch immer wieder betont, daß »sämtliche« Synagogen in Brand gesteckt wurden. Es wurde also an der Zeit, diese Zahl etwas »aufzubessern«. Diese Aufgabe übernahm Herr Adolf Diamant, Frankfurt/ Main. Er veröffentlichte – rechtzeitig zum 40jährigen Gedenktag der »Kristallnacht« – eine 225 Seiten starke »Dokumentation«: »Zerstörte Synagogen vom November 1938 – Eine Bestandsaufnahme«. In der ersten Auflage dieses Werkes brachte es Herr Diamant auf die stattliche Zahl von 1200 zerstörten Synagogen und Betstuben (also Privaträume, die auch als Versammlungsraum für eine kleine Gemeinde benutzt wurden). Wie mir der Autor mitteilte, war diese 1. Auflage sofort nach Erscheinen vergriffen, eine zweite jedoch für 1979 geplant. In dieser 2. Auflage, die sechs Monate später erschien, konnte man nunmehr lesen, daß tatsächlich 1800 Synagogen (und Betstuben) von den Nazis in jener Nacht zerstört worden seien. – Es ist zu vermuten, daß eine mögliche 3. Auflage die Zahl dann auf 2400 erhöhen wird.

Keine Aufklärung gibt Herr Diamant zu der Frage, wie sich seine Behauptungen mit den Tatsachen vereinbaren lassen: Im Jahr 1933 gab es in Deutschland 1571 Synagogen und Betstuben, davon waren im Jahr 1938 noch rund 1420 in Gebrauch. Durch Auswanderung und Umzug von kleinen Gemeinden in größere Städte hatten sich zahlreiche Synagogen von selbst aufgelöst, waren für Privatzwecke benutzt oder verkauft worden.

Bei näherer Durchsicht der von Herrn Diamant veröffentlichten Liste macht man erstaunliche Entdeckungen.

  1. Er führt jeden Raum auf, der einmal als Synagoge benutzt wurde. Das sieht dann so aus, daß für jeden wirklichen Synagogenbau gleich zwei Zahlen gerechnet werden, da üblicherweise die Wochentagsgebete nicht in der großen Synagoge, sondern in einem anschließenden, kleinen Zimmer verrichtet werden.
    Auch jeder Versammlungsraum in einer Schule, einem Altersheim oder Krankenhaus und in den unzähligen jüdischen Vereinigungen zählt bei ihm als »Synagoge«.
  2. In seiner Aufstellung finden sich auch »Synagogen«, die 1938 längst keine mehr waren. Ein Vergleich eines Teils seiner »Dokumentation« mit einem Jahrbuch aus dem Jahr 1933 ergab, daß von etwa 200 von Herrn Diamant genannten Synagogen schon im Jahr 1933 46 nicht mehr als Synagoge bestanden, weil entweder keine Juden mehr in der Gemeinde wohnten oder die Synagoge aus anderen Gründen aufgelöst worden war.
  3. Sein Vermerk hinter den einzelnen »Synagogen«: ›demoliert‹, ›verbrannt‹, ›abgerissen‹, ›verkauft‹, ›zweckentfremdet‹ usw. sagt nichts darüber aus, wann diese Synagoge aufgehört hat, als solche zu existieren oder zu funktionieren.
    Der Titel seiner »Dokumentation« lautet zwar: »Zerstörte Synagogen vom November 1938«, aber diese Überschrift wird von ihm selbst Lügen gestraft, wenn er z.B. angibt: ›vor Nov. 1938 demoliert‹; ›1936 verbrannt‹; ›ab 1934 Wohnhaus‹ usw.
    Es ist auch nicht auszuschließen, daß sich unter den von ihm genannten »zerstörten« Synagogen solche befinden, die durch Kriegseinwirkungen beschädigt wurden.

Seine gesamte Dokumentation erweckt den Anschein, als handele es sich um eine Aufstellung aller früher einmal in Deutschland vorhanden gewesenen jüdischen Gebetsstätten, die heute – da die jüdische Gemeinde in Deutschland auf ein Zehntel zusammengeschrumpft ist – natürlich nicht mehr benutzt werden. Einen Zusammenhang mit den Ereignissen der »Kristallnacht« können wir jedenfalls nicht sehen.

Diese »Dokumentation« hat offenbar auch bei denjenigen, die sie eigentlich angehen sollte, mehr berechtigte Skepsis als Beifall gefunden. Trotz der Wichtigkeit der von Herrn Diamant aufgestellten Behauptungen hat sich in der ganzen Bundesrepublik kein einziger der zahlreichen jüdischen Verlage bereitgefunden, die Arbeit zu veröffentlichen. Sie erschien im Selbstverlag mit finanzieller Beteiligung des – Senats von Berlin (und zweier jüdischer Gemeinden).


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