DAS ›ANDERE‹ HEYDRICH-FERNSCHREIBEN

Bei der Besprechung der eidesstattlichen Erklärung von Schallermeier, die auf das Fernschreiben Bezug nimmt, das Heydrich am 10. November um 01.20 Uhr an alle Polizeidienststellen senden ließ, wurde bereits erwähnt, daß dieses Fernschreiben in sehr veränderter Gestalt im Ablauf des Nürnberger Prozesses noch eine Rolle spielte. Sein Text hatte inzwischen eine solche Wandlung erfahren, daß es – in bezug auf die »Reichskristallnacht« – zu einem der wichtigsten Belastungsdokumente gegen die »Angeklagten« werden konnte.

Was die Anklage präsentierte, war jedoch nicht etwa ein echtes Fernschreiben, sondern dessen angebliche maschinenschriftliche Abschrift, auf weißem Schreibmaschinenpapier, ohne Briefkopf, ohne jede Beglaubigung, ohne handschriftlichen Vermerk, ohne Unterschrift. Der einzige Anschein der Echtheit ist auf der ersten Seite rechts oben ein roter Stempel: »Geheim!« in deutscher Schrift (Fraktur).

Anschließend folgt die Wiedergabe dieses »Fernschreibens«. Rechtschreibung, Zeichensetzung, Einfügungen oder Weglassen der Zwischenräume, Aufteilung der Absätze und Seiten entsprechen völlig dem Original. Das Wort »Abschrift« in der Überschrift gehört zum Dokument, bezieht sich also nicht auf die hier gebotene Abschrift. Das »Fernschreiben« umfaßt 3 1/2 Seiten, die einzelnen Seiten werden in Klammern angegeben.

Der Text lautet:

(Seite 1)

Abschrift des Blitzfernschreibens aus München

vom 10. 11. 38

1 Uhr 20.

An alle

Staatspolizeileit – und Staatspolizeistellen

An alle

SD-Oberabschnitte und SD-Unterabschnitte

Dringend! Sofort dem Leiter oder
seinem Stellvertreter vorlegen

Betrifft:
Maßnahmen gegen Juden in der
heutigen Nacht.

Aufgrund des Attentats gegen den Leg. Sekretär vom Rath in Paris sind im Laufe der heutigen Nacht – 9. auf 10. 11. 1938 – im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten.Für die Behandlung dieser Vorgänge ergehen die folgenden Anordnungen:

  1. Die Leiter der Staatspolizeistellen oder ihre Stellvertreter
    haben sofort nach Eingang dieses Fernschreibens mit den
    für ihren Bezirk zuständigen politischen Leitungen –
    Gauleitung oder Kreisleitung – fernmündlich Verbin -
    dung aufzunehmen und eine Besprechung über die Durchführung der Demonstrationen zu vereinbaren,zu
    der der zuständige Inspekteur oder Kommandeur der
    Ordnungspolizei zuzuziehen ist.In dieser

(Seite 2)

Besprechung ist der politischen Leitung mitzuteilen,dass
die Deutsche Polizei vom Reichsführer SS und Chef der
Deutschen Polizei die folgenden Weisungen erhalten hat,
denen die Massnahmen der politischen Leitung zweck -
mässig anzupassen wären:

  1. Es dürfen nur solche Massnahmen getroffen werden,
    die keine Gefährdung Deutschen Lebens oder Eigen -
    tums mit sich bringen (z. B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung vorhan-
    den ist).
  2. Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur
    zerstört,nicht geplündert werden. Die Polizei ist ange -
    wiesen,die Durchführung dieser Anordnung zu über -
    wachen und Plünderer festzunehmen.
  3. In Geschäftsstrassen ist besonders darauf zu achten,
    dass nichtjüdische Geschäfte unbedingt gegen Schä -
    den gesichert werden.
  4. Ausländische Staatsangehörige dürfen – auch wenn
    sie Juden sind – nicht belästigt werden.

  1. Unter der Voraussetzung, dass die unter 1) angegebenen
    Richtlinien eingehalten werden,sind die stattfindenden
    Demonstrationen von der Polizei nicht zu verhindern,
    sondern nur auf die Einhaltung der Richtlinien zu über -
    wachen.
  2. Sofort nach Eingang dieses Fernschreibens ist in allen
    Synagogen und Geschäftsräumen der Jüdischen Kultus -
    gemeinden das vorhandene Archivmaterial polizeilich zu
    beschlagnahmen, damit es nicht im Zuge der Demonstra -
    tionen zerstört
  3. (Seite 3)

    wird. Es kommt dabei auf das historisch wertvolle Mate -
    rial an, nicht auf neuere Steuerlisten usw. Das Archivma -
    terial ist an die zuständigen SD-Dienststellen abzugeben.

  4. Die Leitung der sicherheitspolizeilichen Massnahmen
    hinsichtlich der Demonstrationen gegen Juden liegt bei
    den Staatspolizeistellen,soweit nicht die Inspekteure der
    Sicherheitspolizei Weisungen erteilen.Zur Durchfüh -
    rung der sicherheitspolizeilichen Massnahmen können
    Beamte der Kriminalpolizei sowie Angehörige des SD,
    der Verfügungstruppen und der allgemeinen SS zugezo -
    gen werden.
  5. Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Ver -
    wendung der eingesetzten Beamten hierfür zuläßt,sind in
    allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlha -
    bende – festzunehmen,als in den vorhandenen Hafträu -
    men untergebracht werden können.Es sind zunächst nur
    gesunde männliche Juden nicht zu hohen Alters festzu -
    nehmen. Nach Durchführung der Festnahme ist unver -
    züglich mit den zuständigen Konzentrationslagern wegen
    schnellster Unterbringung der Juden in den Lagern Ver -
    bindung aufzunehmen. Es ist besonders darauf zu ach -
    ten,dass die aufgrund dieser Weisung festgenommenen
    Juden nicht misshandelt werden.
  6. Der Inhalt dieses Befehls ist an die zuständigen Inspek -
    teure und Kommandeure der Ordnungspolizei und an
    die SD-Oberabschnitte und SD-Unterabschnitte weiter -
    zugeben mit dem Zusatz, dass der Reichsführer SS und
    Chef

(Seite 4)

der Deutschen Polizei diese polizeiliche Massnahme ange -
ordnet hat. Der Chef der Ordnungspolizei hat für die Ord -
nungspolizei einschliesslich der Feuerlöschpolizei entspre -
chende Weisungen erteilt.In der Durchführung der ange -
ordneten Massnahmen ist engstes Einvernehmen zwischen
der Sicherheitspolizei und der Ordnungspolizei zu wahren.
Der Empfang dieses Fernschreibens ist von den Stapoleitern
oder deren Stellvertretern durch FS an das Geheime Staat -
spolizeiamt – z-H. SS-Standartenführer Müller – zu bestä -
tigen.

gez. Heydrich,
SS-Gruppenführer.

Äußere Form des »Fernschreibens«

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, daß diese »Abschrift des Fernschreibens« nicht mehr viel Ähnlichkeit mit jenem Text hat, den nach Schallermeiers eidesstattlicher Erklärung Heydrich in der Nacht 9./10. November an die Polizeidienststellen sandte.

Aber beschäftigen wir uns zunächst einmal mit der äußeren Form dieses seltsamen »Fernschreibens«.

Da diese Blätter im Nürnberger Prozeß als Ersatz des echten Fernschreibens vorgelegen haben, hätten sie die Einzelheiten des Originals sowohl in der Form als auch in der Schreibweise wiedergeben müssen. Für ein Fernschreiben (Abkürzung: FS) gelten bestimmte Kennzeichen, es gibt FS-Nummern, eine bestimmte Art der Zeitangabe und Schreibweise. Ein Fernschreiber hat nur große Buchstaben (Druckbuchstaben), es gibt auf ihm kein ß und keine Umlaute (ä, Ö, ü); Der Text wird üblicherweise durchgehend, jedenfalls nicht in Briefform geschrieben. – Dies alles hätte eine genaue Abschrift aufweisen müssen.

Was in Nürnberg als »Abschrift des Blitzfernschreibens« vorlag, ist also keinesfalls die genaue Kopie des FS, sondern höchstens dessen Text.

Weiterhin ergeben sich folgende Fragen:

  1. Das Dokument trägt in deutscher Schrift den Stempel »Geheim!«. Damit soll die »Abschrift« als ein Schreiben ausgewiesen werden, das in einem deutschen Büro gefertigt und anschließend mit diesem Stempel versehen wurde. Das trifft jedoch offensichtlich nicht zu. Die angewandte Schreibweise entspricht in keiner Weise der in einem deutschen Büro üblichen:

  1. Anstatt des in der deutschen Schrift verwandten ß wurde durchwegs ss benutzt, mit Ausnahme des ersten Wortes »Maßnahmen« unter »Betrifft«, wo das ß geschrieben wurde; daß das ß absichtlich in ss aufgelöst wurde wegen der FS-Vorlage, ist nicht anzunehmen, da dann auch alle Umlaute hätten aufgelöst werden müssen. Das ist aber nicht der Fall.
  2. Punkt und Komma werden im Deutschen an das vorangegangene Wort ohne Zwischenraum angefügt, anschließend wird jedoch ein Zwischenraum eingehalten; das wurde in dem FS nicht beachtet.
  3. Ein Teilungsstrich zur Silbentrennung gehört an die vorangegangene Silbe ohne Zwischenraum, auch das wurde nicht beachtet.

Die in Deutschland übliche Rechtschreibung und Zeichensetzung sind einer geschulten Sekretärin sozusagen »in Fleisch und Blut« übergegangen, sie wendet sie an, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Es ist daher ausgeschlossen, daß die »Abschrift des Blitzfernschreibens« mit der unregelmäßig und meistens in unüblicher Form angewandten Zeichensetzung in einem deutschen Sekretariat angefertigt wurde.

  1. Wenn die Abschrift jedoch gar kein deutsches Dokument vortäuschen sollte, hätte man sie korrekterweise als alliiertes Dokument kennzeichnen müssen, und der deutsche Originalstempel »Geheim!« hätte nicht verwandt werden dürfen.
  2. Schließlich die Kernfrage wie bei allen Dokumenten: Wo ist das Original, von dem diese Abschrift gefertigt wurde? Weder wird das in den IMT-Bänden nachgewiesen, noch wird der Fundort der »Abschrift« angegeben.

Inhalt des »Fernschreibens«

Der Inhalt zeigt – wie bereits gesagt – kaum noch Ähnlichkeiten mit dem, was uns Schallermeier über diese Anweisung berichtete. Es wird trotzdem interessant und aufschlußreich sein, ihn einmal näher anzusehen und zu prüfen, inwieweit dieser Text überhaupt eine logische Grundlage hat.

Die klare Anweisung von Himmler lautete, daß Polizei und SS die Unruhen schnellstens abzustoppen oder zu unterbinden hätten und darüber hinaus die jüdische Bevölkerung und ihr Eigentum schützen sollten. Der in der »Abschrift« gebotene Text läßt wegen seiner widersprüchlichen und unklaren Formulierungen vermuten, daß man den echten Text zur Grundlage genommen und ihn dahingehend gefälscht hat, daß die Anweisungen nunmehr das genaue Gegenteil aussagen. Ein Meisterwerk ist diese Fälschung nicht geworden.

Beginnen wir mit Punkt 1). Da heißt es, die Leiter der Staatspolizeistellen sollen die Leiter der Ordnungspolizei sowie die Gau- bzw. Kreisleiter anrufen und mit ihnen eine Besprechung vereinbaren. In dieser Besprechung soll man sich über die Durchführung von Demonstrationen gegen Juden einigen.

Das FS wurde um 01.20 Uhr aufgegeben und ist zur gleichen Zeit bei den Empfängern eingegangen. Jetzt sollte eine Reihe von Leuten (Stapoleiter, Kommandeure oder Ordnungspolizei, Gau- und Kreisleiter) geweckt und zu einer Besprechung gerufen werden. Die betreffenden Herren mußten wiederum zuerst ihre Fahrer wecken lassen, um zu dem Treffen fahren zu können. Das alles hätte eine geraume Zeit gedauert, so daß solch eine Zusammenkunft kaum vor 01.50 Uhr hätte stattfinden können. Dann hätte man zusammengesessen, die einzelnen Punkte des »Fernschreibens« besprochen, Maßnahmen beraten, die praktische Durchführung erwogen – kurz, eine weitere halbe Stunde wäre darüber hingegangen, ehe überhaupt die Pläne für antijüdische Demonstrationen ausgearbeitet worden wären. 1nzwischen wäre es etwa 02.20 Uhr, also fast halb drei Uhr morgens gewesen. Erst jetzt hätte man darangehen können, weitere Befehle auszugeben, wiederum andere Leute – die Mitwirkenden der Aktionen – zu wecken und zu informieren. – Wären die Demonstrationen auf diese Art und Weise zustandegekommen, dann hätten sie frühestens um 03.00 Uhr, wahrscheinlich aber erst wesentlich später, stattfinden können.

Aber so war es nicht! Das, was als »Kristallnacht« in die Geschichte einging, fand tatsächlich in der Nacht vom 9. zum 10. November statt – also Stunden, bevor das angebliche Fernschreiben mit den Anordnungen zu Demonstrationen hätte wirksam werden können, ja, ehe es überhaupt versandt worden wäre!

Außer dem zeitlichen Problem beschert uns Punkt 1) noch ein weiteres: Die Stapoleiter hätten die Gauleiter zu der Besprechung bitten sollen – das war in der Nacht vom 9. zum 10. November schlechterdings unmöglich. Die Gauleiter waren in dieser Nacht nämlich in München oder mit dem Zug unterwegs nach Hause, aber nicht in ihren Wohnungen oder Dienststellen und also dort auch nicht telefonisch zu erreichen. Heydrich hätte diese unsinnige Anordnung sicher nicht gegeben.

Schon in Punkt 1) ist das »Fernschreiben« also unsinnig und entspricht nicht den tatsächlichen Gegebenheiten und Vorgängen der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. –

Auch die weiteren Punkte zeichnen sich nicht durch übertriebene Klarheit der Anordnung aus.

Während es unter 1) heißt, die Polizei soll mit den politischen Leitern die Durchführung von Demonstrationen vereinbaren, soll nach Punkt 3) die Polizei diese Aktionen nicht mehr durchführen, sondern sie nur nicht hindern.

Punkt 1b) fordert: »Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört … werden«, aber auch das ist offensichtlich kein Befehl an die Polizei, denn diese soll die Zerstörungen nur »überwachen«. Wer die Zerstörungen durchführen soll, wird nicht gesagt.

Punkt 2) ist besonders »klar«: »Unter der Voraussetzung, daß die unter 1) angegebenen Richtlinien eingehalten werden, sind die stattfindenden Demonstrationen von der Polizei … auf die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen.« Auf die Einhaltung der Richtlinien hat die Polizei also nur zu achten, wenn die Richtlinien eingehalten werden???

Punkt 4) erklärt, daß die Leitung aller antijüdischen Maßnahmen bei den Staatspolizeistellen liegt. Hier wird also allein Himmler belastet – von dem Reichspropagandaleiter Dr. Goebbels kein Wort. Das ist sehr interessant! Es wurde bereits erwähnt, daß in der abgewandelten Version des Fernschreibens die Stellen entfernt worden sind, die Dr. Goebbels in der Schallermeier-Erklärung belasteten und die von uns bereits als Einschub erkannt worden sind. Auch das spricht dafür, daß das Original-Fernschreiben von Heydrich den Fälschern vorlag und abgeändert wurde. An die Schallermeier-Erklärung hat offensichtlich niemand gedacht, oder sie war den »Bearbeitern« nicht bekannt. Jetzt ist es also Himmler und die SS allein, die die Verantwortung für die »Kristallnacht« tragen – eine Version, die den tatsächlichen Vorgängen völlig widerspricht. Soweit sich uniformierte Gruppen an den Krawallen beteiligt hatten, gehörten sie der SA an und nicht der SS.

Wenn es unter 4) dann weiter heißt, daß die Leitung der Aktionen nur insoweit bei den Staatspolizeistellen liegt, als nicht die Inspekteure der Sicherheitspolizei Weisungen erteilen, ist das wiederum unsinnig, da auch die Sicherheitspolizei eine Abteilung der Staatspolizei war und demnach zu den zuerst genannten »Staatspolizeistellen« gehörte.

Bei Punkt 5) wissen die armen Stapoleiter wieder nicht, was sie nun eigentlich tun sollen: Zuerst heißt es, sie sollen nur wohlhabende Juden verhaften (die in der Regel älter zu sein pflegen), im nächsten Satz sollen es jedoch nur männliche, gesunde und nicht zu alte sein. Nach der Festnahme sollen die Stapoleiter dann mit den »zuständigen« Konzentrationslagern Verbindung aufnehmen. Das liest sich so, als hätte jede Stadt, jeder Ort in Deutschland ein »zuständiges« Konzentrationslager gehabt, was nicht im geringsten der Wirklichkeit entspricht.

Der 6. Punkt ist eine sinnlose Wiederholung des unter 1) bereits Gesagten. Das »Fernschreiben« ist an die Stapoleiter und außerdem an die SD-Ober- und Unterabschnitte gegangen. Diese Dienststellen hätten das FS also automatisch erhalten. Zu der unter Punkt 1) angeordneten Besprechung sollten die Kommandeure und Inspekteure der Ordnungspolizei hinzugezogen werden. – Der Punkt 6) verlangt nun, daß diese Führungskreise noch einmal extra von dem FS informiert werden. Sollten sie sich also selbst darüber Bericht erstatten?

Im letzten Abschnitt des Fernschreibens heißt es dann, daß der Empfang dieser Rundsendung – die von Heydrich in München ausging – nach Berlin bestätigt werden soll – wieder ein deutlicher Hinweis, daß der Text zusammenphantasiert wurde ohne Bezug auf die Gegebenheiten der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. – Und warum sollte eine Bestätigung eigentlich an Herrn Müller gehen? Heinrich Müller war zu jener Zeit nur ein kleiner Beamter, unbedeutender Abteilungsleiter in der Polizeiverwaltung. Sein »Aufstieg« zum Amtschef im Reichssicherheitshauptamt, Amt IV, fand erst nach der Gründung dieses Amtes, zum 1. Oktober 1939 statt.

Die Unterschrift »Heydrich, SS-Gruppenführer« paßt zum übrigen Stil dieses »Meisterwerks«. Wenn Heydrich einen Befehl an die Staatspolizei gibt, der sicherheitspolizeiliche Maßnahmen betrifft, dann tut er das nicht als »SS-Gruppenführer«, sondern als »Chef der Sicherheitspolizei«. So sind auch alle seine unverfälschten Fernschreiben unterzeichnet: Chef der Sicherheitspolizei – Heydrich.

Um den ursprünglichen Text des FS herzustellen, müßte man sich aufs Raten verlegen. Das hat keinen Sinn. Ganz klar ist jedenfalls, daß der Führer – vor Zeugen – völlig gegenteilige Anweisungen gegeben hat und daß Himmler niemals die eindeutigen Anordnungen Hitlers in ihr Gegenteil verkehrt an Heydrich weitergegeben hätte. Von diesem angeblichen Fernschreiben, das ja an Hunderte von Polizeidienststellen gegangen ist, wurde bisher auch nicht ein einziges Original vorgelegt. Soll man wirklich annehmen, daß diese alle verlorengegangen sind? Oder gehören die Fernschreiben mit dem echten, unverfälschten Text zu jenen Papieren, die man in Nürnberg einfach »verschwinden« ließ?

Auf jeden Fall beweist die »Abschrift« dieses angeblichen Fernschreibens nur das eine, daß es sich dabei um eine Fälschung handelt, die man durch den deutschen Stempelaufdruck »Geheim« als echtes Dokument ausweisen wollte.


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