DAS »MÜLLER-FERNSCHREIBEN« UND WEITERE »DOKUMENTE«

»Doppelt hält besser« - müssen sich die Leute der Fälscherzentrale gedacht haben; sie präsentierten noch eine weitere Fassung des Heydrich-Fernschreibens, im Text, allerdings nur in Kleinigkeiten, etwas abweichend von der obengenannten. Das ist nun also - wenn man den Inhalt der Schallermeier-Erklärung hinzurechnet - die dritte Version.

Diese dritte Textfassung ist besonders interessant, weniger wegen ihres Inhaltes, der sich mit dem von uns zitierten deckt, als wegen der »Gesellschaft«, in der sie sich befindet. Die dritte »Heydrich-Fernschreiben-Version« taucht nämlich zusammen mit drei weiteren »Dokumenten« auf, von denen wir uns zwei näher ansehen wollen.

Das erste ist ein in der einschlägigen Literatur ebenfalls mit Begeisterung zitiertes weiteres »Fernschreiben«. Als sein Absender fungiert SS-Standartenführer Heinrich Müller, jener Müller von der Gestapo in Berlin, an den die Empfangsbestätigung des »Heydrich-FS« geschickt werden sollte. Er hat sein FS angeblich am 9. Nov. 38 um 23.55 Uhr aufgegeben, also 1V2 Stunden vor dem »HeydrichFS«. Der Inhalt entspricht weitgehend dem FS aus München. Auch das Müller-FS richtet sich an alle Stapostellen, und auch bei diesem Schrieb haben die Verfasser übersehen, daß Heinrich Müller am 9. November 1938 absolut keine Weisungsbefugnis über sämtliche Stapostellen im Reich hatte. Anders als Heydrich beruft er sich in seinem Rundschreiben nicht einmal auf einen Befehl des Reichsführers-SS, sondern handelt in eigener Machtvollkommenheit. Im übrigen sind seine Anordnungen reichlich verschwommen. Ohne diese näher zu spezifizieren, fordert er »sofortige Maßnahmen«, »schärfste Maßnahmen«, »entsprechende Maßnahmen« und »schnellste Maßnahmen«. Was darunter zu verstehen gewesen wäre, hätte sich jeder Beamte selbst ausdenken dürfen.

Der Text lautet:

Berlin Nr. 234 404 9.11.2355

An alle Stapo Stellen und Stapoleitstellen - An Leiter oder Stellvertreter

Dieses FS ist sofort auf dem schnellsten Wege vorzulegen.

1.Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesonders gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, daß Plünderungen und sonstige besondere Ausschreitungen unterbunden werden können.

2.Sofern sich in Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch eine sofortige Massnahme sicherzustellen.

3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.

4. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Massnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Massnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen.

Zusatz für Stapo Köln:
In der Synagoge Köln befindet sich besonders wichtiges Material. Dies ist durch schnellste Massnahme im Benehmen mit SD sofort sicherzustellen.

Gestapo II Müller
Dieses FS ist geheim.

Was für ein eigenartiges, verklausuliertes und geschwollenes Deutsch der Herr Müller doch gesprochen haben soll! Da kann man sich nur wundern.

Wenn wir uns nur die auffallendsten »Stilblüten« ansehen, merken wir, wie sehr es nach einer schlechten Übersetzung klingt:

»... sofort auf dem schnellsten Wege« ist eine unsinnige Verdoppelung, genauso wie »besondere Ausschreitungen«; als ob Ausschreitungen nicht immer etwas Besonderes wären.

Einigemal ist das Verb an den Anfang des Satzes gestellt - eine Eigenschaft der englischen Sprache:

»... es ist vorzubereiten ... es sind auszuwählen ... können herangezogen werden Verfügungstruppen«.

In dem kurzen Text mit vier Abschnitten werden viermal »Maßnahmen« verlangt, und viermal ist etwas »sicherzustellen«.

Und was soll das bedeuten:

»Festnahme von etwa 20-30000 Juden im Reiche?« Selbstverständlich konnte die Deutsche Polizei nur »im Reiche« Festnahmen durchführen.

Unsinnig ist der Hinweis auf »besonders wichtiges Material« in der Synagoge Köln. Erstens gab es keine »Synagoge Köln«, sondern dort standen drei Synagogen und zweitens war in keiner dieser Synagogen »wichtiges Material«. Selbst der spätere Rabbiner der Synagogengemeinde Köln, Dr. Zvi Asaria, der 1959 ein umfangreiches Werk über »Die Juden in Köln« herausgegeben hat, wundert sich über diese Bemerkung und kann sie nicht erklären.

Heinrich Müller, der angebliche Verfasser dieses hanebüchenen Unsinns, war bereits jahrelang Abteilungsleiter bei der Polizei und hatte den Rang eines Oberregierungsrats. Will man uns wirklich weismachen, daß man solche Dummköpfe und sprachlich völlig ungeschulte Menschen zu Oberregierungsräten gemacht hätte?

Der bereits erwähnte Rabbiner von Köln, Dr. Asaria, druckt in seinem Buch unter zahllosen anderen Dokumenten auch das »Müller-Fernschreiben« ab (mit einigen Druckfehlern allerdings) und schreibt dazu: »So sah das Dokument aus, das der Behauptung, es habe sich in den vielen Städten um spontane Volkserhebungen und Racheakte gegen das Attentat des Juden Grünspan auf den Botschaftsrat von (sic!) Rath in Paris gehandelt, ein Ende setzt.«[95]

Um genau zu wissen, wie das Dokument nun wirklich aussah, sollte man sich das Original ansehen - zumindest das ›Original‹, das beim Nürnberger Prozeß vorgelegen hat. Denn auch in diesem Fall ist ein deutsches Fernschreiben nicht aufzufinden. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, München, erteilte die Auskunft, daß der Verbleib der Originaldokumente, die für den Nürnberger Prozeß von Bedeutung waren, in keinem einzigen Fall mehr festzustellen sei. Die meisten Papiere seien vermutlich an deutsche Dienststellen zurückgegeben worden; ein Teil werde wahrscheinlich in Washington sein, ein anderer Teil möglicherweise in Nürnberg. Höchstwahrscheinlich seien auch Papiere bereits vernichtet worden, da viele sich in einem sehr schlechten Zustand befunden hätten und sie auch eigentlich überflüssig seien, da man doch die »beglaubigten Abschriften« aus den Prozeßakten besitze. Was in den IMT-Bänden gedruckt sei, entspreche jedenfalls hundertprozentig den Originaltexten.

Nun gut, wenn das so ist, sehen wir uns das »Müller-Fernschreiben« im IMT-Band XXV, Seite 377-378 einmal ganz genau an.

Es gehört zu dem amerikanischen Anklagedokument 374-PS. Das Dokument 374-PS ist, wie bei allen Nürnberger Dokumenten üblich, mit einer kurzen vorangestellten Inhaltsangabe versehen, aus der man entnehmen kann, was zu diesem Dokument 374-PS alles gehört. Der Inhaltsvermerk lautet:

»Geheimes Fernschreiben von Gestapo II Müller an alle Stapo-Stellen und Stapo-Leitstellen vom 9. November 1938 über geplante Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen deren Synagogen; geheimes Blitztelegramm vom 10. November 1938 an alle Stapo-Leit- und Stapostellen über Maßnahmen gegen Juden in derselben Nacht und weitere Befehle über Aktionen gegen die Juden (Beweisstück US-729).«

In der anschließenden »Beschreibung der hier zugrundegelegten Urkunden« - auch diese ist bei allen vorgelegten Anklagedokumenten üblich - heißt es:

»Vervielfältigung - unvollständige Wiedergabe: An Stelle* in englischer Sprache Inhaltsangabe der folgenden fortlaufend abgedruckten Seiten - Unterschrift und Eintragungen im Beglaubigungsvermerk Tinte.«

Die Urkunde, d. h. das amerikanische Beweisstück 729, das in die Nürnberger Akten mit der Nummer 374-PS aufgenommen wurde, wird also beschrieben als:

  1. Vervielfältigung,
  2. unvollständige Wiedergabe.

Die unvollständige Wiedergabe wird dahingehend erläutert, daß sich im Dokument ein Sternchen (*) befindet. Dieses * ersetzt eine Inhaltsangabe in englischer Sprache. Dieses * ist tatsächlich über dem Text des »Müller-Fernschreibens« angebracht. Da es sicher nicht die bei der Gestapo geübte Praxis war, ihre Fernschreiben zu Beginn mit einer Inhaltsangabe in englischer Sprache zu versehen, ist schon dieses * ein schlüssiger Beweis dafür, daß das »Müller-Fernschreiben«, so wie es in Nürnberg vorlag, alles mögliche gewesen sein mag, aber nicht das Original-Fernschreiben. Dieses Fernschreiben mit der Inhaltsangabe in englischer Sprache ist jedoch die »Urkunde«, die das Beweisstück US-729 = Anklagedokument 374-PS ausmacht.

Ein unbefangener Bürger mag der Meinung sein, daß Beweisstücke in einem Gerichtsverfahren Dokumente sind, die in irgendeiner Weise, jedoch unzweifelhaft die Schuld des oder der Angeklagten »beweisen«. Im Normalfall stellt man sich darunter Originalschriftstücke vor, die ein Beleg für die Untat sind, deren der oder die Angeklagten beschuldigt werden. Im Nürnberger Prozeß waren die vorgelegten Beweisstücke in den seltensten Fällen irgendwelche Originalunterlagen. In der überwiegenden Mehrzahl handelte es sich um nicht beglaubigte Abschriften oder zweifelhafte »Kopien«, in den meisten Fällen sogar um Schriftstücke, die eindeutig erst von einer der alliierten Siegermächte angefertigt worden waren. Mit anderen Worten: die vorgelegten »Beweise« waren gar keine, sie hatten nicht den geringsten Wert.

In unserem Fall des Dokumentes 374-PS haben wir es, wie bereits gesagt, mit einer Sammlung von Schriftstücken zu tun, die alle in irgendeinem Zusammenhang mit »Maßnahmen gegen Juden« stehen. Drei dieser Dokumente, nämlich das »Müller-Fernschreiben«, ein weiterer Text des »Heydrich-Fernschreibens« und ein Polizeifunkspruch, haben mit den Ereignissen des 9./10. November 1938 zu tun. Als viertes Dokument gehört zu dieser Akte erstaunlicherweise ein Rundschreiben der NSDAP, Gau KoblenzTrier, vom 7. Juni 1933. Was die amerikanische Anklagebehörde bewogen hat, diese vier Schriftstücke gekoppelt als ein Anklagedokument, vorzulegen, ist nicht ersichtlich. Der einzige Zusammenhang, der zwischen ihnen besteht, ist der, daß alle vier Dokumente auf dem gleichen Formular geschrieben wurden und eine gemeinsame Signatur tragen: DE 411/DIS 202. Diese Signatur bezieht sich also nicht auf die Verwendung als US-Beweisstück, denn da bekam die Akte die Nummer 729; sie bezieht sich auch nicht auf die Einreihung dieses Beweisstückes in die Nürnberger Dokumente, denn dafür lautete die Nummer 374PS. Die obengenannte Doppelsignatur DE 411/DIS 202 hat eine andere Bedeutung.

Wer sie ausgegeben hat, verrät der Kopf des Formulars, auf dem sich die vier Schreiben befinden. Er lautet:

RESTRICTED

SUPREME HEADQUATERS*

ALLIED EXPEDITIONARY FORCE

PSYCHOLOGICAL WAR FARE DIVISION

INTELLIGENCE SECTION

Reference: DE 411/DIS 202

Disseminated by PWD on 14. 5. 45.

The following material has been released by SHAFF* authorities for

BACKGROUND INFORMATION

For use of particular items apply to Intelligence Section, PWD.

Zu deutsch:

Nur für den Dienstgebrauch

Oberstes Hauptquartier

Alliiertes Expeditionskorps

Abteilung für Psychologische Kriegsführung

Nachrichtendienst

Bezug: DE 411/DIS 202

Verbreitet durch PWD (Abt. für psychologische Kriegsführung) am 14.5. 45

Das folgende Material wurde mit Genehmigung von SHAEF freigegeben als

HINTERGRUNDINFORMATION

Bei Bedarf von speziellem Material wende man sich an den Nachrichtendienst der Abteilung für psychologische Kriegsführung

[* Der englische Text wurde dem IMT-Band XXV entnommen, er weist zwei Druckfehler auf. Es muß heißen:

  1. Headquarters
  2. nicht SHAFF, sondern SHAEF (Abkürzung für Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force)]

Die »Abteilung für psychologische Kriegsführung« war die Feindpropaganda-Abteilung. Sie befaßte sich während des Krieges - aber auch schon Jahre vorher und ebenfalls noch nach Beendigung des Krieges - mit der Produktion von Lügen, gefälschten Meldungen und Dokumenten, Falschdarstellungen tatsächlicher Ereignisse und ähnlichem. Während des Krieges hatte sie die Aufgabe, die Moral der Gegner (also der Deutschen) zu untergraben, ihr Vertrauen in die eigene Führung zu erschüttern, zum Widerstand gegen die Regierung aufzuhetzen. Professor Dr. Friedrich Grimm überlieferte ein Gespräch mit einem der führenden Mitarbeiter dieser Abteilung, das nach dem Waffenstillstand 1945 stattfand. Als Professor Grimm meinte, daß es aber nun an der Zeit sei, im Dienste des Friedens und des Zusammenlebens der Völker diese Hetzpropaganda einzustellen, bekam er die Antwort: »Nein, nun fangen wir erst richtig an! Wir werden diese Greuelpropaganda fortsetzen, wir werden sie steigern, bis niemand mehr ein gutes Wort von den Deutschen annehmen wird, bis alles zerstört sein wird, was Sie in anderen Ländern an Sympathien gehabt haben, und bis die Deutschen selbst so durcheinander geraten sein werden, daß sie nicht mehr wissen, was sie tun!«[96]

Eine Voraussage, die bis auf das letzte i-Tüpfelchen eingetroffen ist!

Der Aufforderung des Alliierten Nachrichtendienstes, Abteilung für psychologische Kriegsführung, sich bei Bedarf weiteres Material von dieser Stelle zu besorgen, ist man - wie bei Durchsicht der IMT-Akten leicht festzustellen ist - weitgehendst nachgekommen. Eines dieser Beweisstücke ist das vierte Dokument, das sich in unserer Nürnberger Akte 374-PS befindet, das Rundschreiben der NSDAP, Gau Koblenz Trier vom 7. Juni 1933. Dieses Kuriosum wäre freilich auch ohne den vorgedruckten Kopf der Abteilung für psychologische Kriegsführung als Elaborat dieser Fälscherzentrale zu erkennen. Verfasser ist angeblich ein Gaupropagandaleiter, was zu beachten ist. Denn zumindest die deutsche Sprache pflegten Gaupropagandaleiter einwandfrei zu beherrschen, sie war ja sozusagen ihr »Machtinstrument«.

Der Text dieses ominösen Rundschreibens lautete wie folgt (die Schreibweise entspricht genau dem Original):

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter Partei

GAU KOBLENZ TRIER

Abtlg. Propaganda                                                                Koblenz, den 7. Juni 33

An alle Kreisleitungen

Betr.:Liste M. 18, Judenbekämpfung Nr. 2
Es geht Ihnen in den nächsten Tagen eine gesammelte Liste der Orte Ihres Kreises zu, in welcher Sie die jüdischen Geschäfte und Firmen Ihres Kreises aufgezeichnet finden. Sie wollen in Ihrem ganzen Kreisgebiet sofort nachkontrollieren ob die angegebenen Adressen stimmen, oder einzelne vergessen sind. Es ist der grösste Wert auf Genauigkeit zu legen, da die Listen in Druck gegeben werden.

Betr:Judenbekämpfung
Die Kreisleitung bestimmt einen Ausschuss, welcher über das ganze Kreisgebiet die Orte zu leiten und überwachen hat. Die Stärke des Ausschusses bestimmt der Kreisleiter. Genannte Ausschüsse haben Sie sofort der Gau-Propagandaleitung mitzuteilen. Die Gaupropagandaleitung wird sich dann mit diesen Ausschüssen über Sie in Verbindung setzen.

Vorläufige Aufgabe der Ausschüsse:
Der Ausschuss bildet in allen Ortsgruppen und Stützpunkten Unterausschüsse, deren Namen nur dem Kreisausschuss bekannt sein darf. Die Mitglieder der Unterausschüsse werden dem Kreisausschuss den Namen derjenigen Parteigenossen und sonstiger Deutscher in der Hauptsache Beamten melden, welche bei Juden kaufen. Der Kreisausschuss vervielfältigt Schreiben, deren Inhalt so ist, dass er die fehlenden Volksgenossen auf das Schändliche ihrer Tat hinweist, sie aufmerksam macht auf die Schande der sie preisgegeben würden, wenn in der Öffentlichkeit gegen sie vorgegangen würde. Dieses Schreiben muss so abgestellt sein, dass nur die Adressen des Betreffenden, das Geschäft und die Zeit in welcher er seine Einkäufe tätigte, eingesetzt werden muss. Die Schreiben tragen keine Unterschrift und werden an verschiedenen Poststellen aufgegeben. Im weiteren haben die Ausschüsse, sich sofort Verkäuferinnen aus jüdischen Geschäften sicher zu stellen, welche ihnen dann sehr leicht diejenigen Leute nennen können, die in jüdischen Geschäften kaufen. Dieses setzt aber einige Geschicklichkeit voraus und hat äusserst geheim zu geschehen. Die Namen der Verkäuferinnen dürfen in keinem Fall genannt werden. Es ist mit dem Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand in Verbindung zu treten, dass er die Mittel zu dieser Aktion bereit stellt und sich verpflichtet die Verkäuferinnen ohne dass ihnen die Namen genannt werden, sondern nur die Zahl derselben, bei einer evtl. Entlassung in anderen gleichwertigen Geschäften unterzubringen hat.

Die Kreisleitungen machen in allen Mitgliederversammlungen oder auch Öffentlichen Versammlungen darauf aufmerksam, dass der Jude in allen Ländern wieder von neuem einen ganz gemeinen Kampf welcher Deutschland ganz gewaltig schädigt, führt. Es ist der Masse klar zu machen, dass kein Deutscher bei Juden kaufen darf. Auch ist von der Parteigenossenschaft zu verlangen, dass sie dieses immer und immer wieder ihren Freunden und Bekannten vorhält. Die Parteigenossenschaft muss im Interesse der Nation soweit gehen, dass sie den besten Bekannten die Freundschaft kündigt, wenn sie weiterhin beim Juden kaufen. Es muss soweit kommen, darauf ist ausdrücklich hinzuweisen, dass kein Deutscher wenn es nicht irgend sein muss, mit einem Juden spricht.

Deutsche Mädchen welche mit Juden verkehren, sind vorläufig auf das Schändliche ihrer Handlung aufmerksam zu machen. Ein Mitglied unserer Organisation darf auf keinen Fall sich mit einer solchen Person einlassen.

            Heil Hitler!

                Bang

Gau-Propagandaleiter

Man weiß tatsächlich nicht, soll man sich über die Unverschämtheit solcher falschen »Rundbriefe« ärgern oder über die Dummheit der Fälscher lachen, die nicht einmal fähig waren, ein anständiges Deutsch zu schreiben sowie stilistische und grammatikalische Regeln zu beachten.

Vom Inhalt brauchen wir gar nicht zu reden. Er entspricht dem, was - von der Kampfzeit an - bei den Gegnern des Nationalsozialismus üblich war: Die Nationalsozialisten sind der ›Abschaum‹ der Menschheit, und es gibt keine Gemeinheit, die ihnen nicht zuzutrauen ist. Wenn man z. B. einmal Gelegenheit hat, in eines der Braunbücher der damaligen Zeit zu sehen, lernt man diese Kampfweise der Lügen und Verleumdungen schnell kennen. Das berüchtigte erste »Braunbuch« von Willi Münzenberg zum Reichstagsbrand kann man fast als Vorgänger der IMT-Akten bezeichnen. Es ist mit zahlreichen Dokumenten, Fotos und Namenslisten Verfolgter ausgestattet. Eine wissenschaftliche Forschung hat inzwischen nachgewiesen, daß es sich bei all diesen Dokumenten um Fälschungen handelt. Die Fälschung des Braunbuches wird auch im »Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert« betont, zu dessen Herausgebern der stellvertretende Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Dr. Thilo Vogelsang, gehörte. Unbeschadet dieser wissenschaftlichen Aussage halten gewisse Kreise noch heute an dieser Dokumentation fest, und ein Nachdruck dieses Pamphlets erschien vor einiger Zeit in einem westdeutschen kommunistischen Verlag. Hier findet man zahlreiche Dokumente, die sprachlich und inhaltlich dem angeblichen Rundschreiben der NSDAP, Gau Koblenz-Trier, vom 7. Juni 1933 ähneln.

Befassen wir uns also kurz mit der äußeren Form. Zunächst wieder einmal der Briefkopf:

Die Kopfbogen der NSDAP trugen den Aufdruck »Nationalsozialistische (Hoheitszeichen) Deutsche Arbeiterpartei« - nicht »Arbeiter Partei«.

Anstatt »GAU KOBLENZ TRIER« hätte auf dem Briefbogen stehen müssen: »Gauleitung Koblenz-Trier«.

In einem Gau gab es keine »Abtlg. Propaganda«, sondern nur eine »Gaupropagandaleitung«.

Rundschreiben wären adressiert gewesen an eine bestimmte Person, also z. B. »z. Hd. des Kreisleiters«. Der war ja mit der Anrede »Sie« und »Ihnen« auch gemeint.

Die ganze Aufmachung des Briefkopfes ist also Unsinn und beweist bereits eindeutig die Fälschung.

Und dann der Text (wir weisen hier wieder nur auf einige besonders hervorstechende Dinge hin; jeder aufmerksame Leser wird selbst noch weitere Ungereimtheiten entdecken):

Die Gauleitung kündigt eine »gesammelte Liste« an. Abgesehen davon, daß es so etwas in der deutschen Sprache nicht gibt, wäre der Arbeitsablauf wohl eher umgekehrt gewesen: nicht der Gau hätte dem Kreis die Adressen bestimmter Geschäfte angegeben, sondern der Kreis hätte dem Gau eine solche Liste aufstellen müssen.

Was ist wohl ein »Ausschuß, welcher über das ganze Kreisgebiet die Orte zu leiten und überwachen hat«?

Oder »Unterausschüsse, deren Namen nur dem Kreisausschuß bekannt sein darf«? Hatten sie eigene Namen, diese Unterausschüsse? Und diese Namen »darf« bekannt sein? »Parteigenossen und sonstige Deutsche« - ja, so stellte man sich das gern vor. Oder, im letzten Abschnitt, »Masse« und »Parteigenossenschaft« - lauter Ausdrücke, die völlig ungebräuchlich waren. Man sprach im Dritten Reich nicht von »Masse« und die Partei war keine Genossenschaft.

Und wo waren denn die »fehlenden Volksgenossen« - waren sie gerade abwesend? Aber da sie etwas Schändliches taten, haben sie sich wohl eher »verfehlt«?

Ein Schreiben kann man nur unter Schwierigkeiten »abstellen«, da es schlecht »steht«, also ist es auch nicht »abgestellt«, sondern »abgefaßt«.

Die Ausschüsse haben sich »Verkäuferinnen ... sicher zu stellen« - letzteres scheint ein Lieblingsausdruck unserer Textfabrikanten zu sein! Aber man meinte doch sicherlich, daß sie sich der Verkäuferinnen versichern sollten?

Die »gleichwertigen Geschäfte«, in denen die entlassenen Verkäuferinnen untergebracht werden sollen, beziehen sich offensichtlich auf den Umsatz? Oder hat man etwa von der Branche her »gleichartig« gemeint?

Mit solchem Verlangen war im übrigen der »Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand« völlig überfordert. Er war keine Interessenvertretung von Angestellten, unterhielt also auch kein Arbeitsvermittlungsbüro, sondern war ein Interessenverband kleiner und mittlerer Gewerbetreibender, der sich für seine Mitglieder um Einfluß bei den Innungen und Kammern des mittelständischen Gewerbes bemühte. Im Sommer 1933 steckte er zudem in einer personellen Krise und hätte derartige »Verpflichtungen« gar nicht übernehmen können. Auch die kühne grammatikalische Konstruktion »Es ist mit dem Kampfbund ... in Verbindung zu treten, daß er ... sich verpflichtet die Verkäuferinnen ... in anderen gleichwertigen Geschäften unterzubringen hat«, hätte ihn kaum dazu verleiten können.

Alles in allem: man kann sich über den Gaupropagandaleiter Bang nur wundern! Und dies noch mehr, wenn man erfährt, daß er gar nie existiert hat! Der Gaupropagandaleiter in Koblenz-Trier von 1932 bis 1937 hieß Willi Michels! - Wie kam man aber auf den Namen Bang? Nun, es gab einen Parteigenossen mit diesem Namen in der Gauleitung Koblenz-Trier, aber er war nicht der Gaupropagandaleiter, sondern Leiter der Deutschen Arbeitsfront. Da hat ein Spitzel offensichtlich schlecht recherchiert, und man ist dieser falschen Information aufgesessen.

Dieser Rundbrief vom 7. Juni 1933 ist also eines der Dokumente aus der Fälscherzentrale der alliierten Abteilung für psychologische Kriegsführung, ebenso wie das Müller- und das Heydrich-Fernschreiben. Bereits am 14. Mai 1945, 6 Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes, wurden diese »Hintergrundinformationen« freigegeben. Während die echten, gefundenen und beschlagnahmten Papiere und Dokumente zunächst einfach gesammelt und unsortiert in Kisten gelagert wurden - es dauerte oft monatelang, bis sie überhaupt einmal durchgesehen und grob vorsortiert werden konnten - wanderten diese »Hintergrundinformationen« der Abteilung für psychologische Kriegsführung unverzüglich in die Sammelzentralen und konnten dort registriert werden. Die größte Dokumentensammelzentrale für die Amerikaner befand sich in Paris und unterstand dem amerikanischen Oberst Robert G. Storey. Die von ihm gesichteten und als US-Beweisstücke nach Nürnberg geschickten Dokumente versah er mit seinem Zeichen: PS, das hieß: Paris Storey[97]. Alle wichtigen Nürnberger Anklagedokumente tragen diese Zeichen: die laufende Nummer und dahinter PS, auch unser obengenanntes Dokument 374-PS. Die Übersicht über die von Paris gelieferten Dokumente wurde der amerikanischen Anklagebehörde dadurch ermöglicht, daß der gleiche Oberst Robert G. Storey, der die Dokumentenzentrale in Paris verwaltet hatte, einer der US-Ankläger in Nürnberg war.

Als der Nürnberger Prozeß begann, hatte man alles fein beieinander: rechtmäßige Handlungen, die nachträglich zu Straftaten erklärt worden waren; erfundene Verbrechen; extra dafür konstruierte, funkelnagelneue Gesetze und auch die selbstfabrizierten Beweise - alles lag säuberlich geordnet in Tausenden von Akten auf dem Tisch der Ankläger. »The Hoax of the Twentieth Century«, wie ein amerikanischer Professor es nannte - der Betrug des Jahrhunderts ...


Anmerkungen

  1. Zvi Asaria, Die Juden in Köln. Von den alten Zeiten bis zur Gegenwart, Köln 1959, S. 351f.
  2. Grimm, Politische Justiz, S. 148.
  3. Auskunft vom Institut für Zeitgeschichte, München

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