DIE ROLLE DER SA

Die SA war die revolutionäre Kampfgruppe der nationalsozialistischen Bewegung. Sie stammte aus einer Zeit, in der die Versammlungsfreiheit gegen andere politische Gruppen mit Fäusten erkämpft werden mußte. In den zwanziger und dreißiger Jahren hatte eine vorher nicht gekannte Brutalisierung des politischen Kampfes eingesetzt, die von kommunistischen Banden ausging. Politische Gegner wurden nicht totgeredet, sondern totgeschlagen. Bei dieser Methode versagten die bürgerlichen Parteien vollkommen, mußten versagen. Erst der Nationalsozialismus, der »auf die Straße« ging, wie Dr. Goebbels es nannte, und sich mit diesen Kampfmethoden der Kommune einließ, konnte ihr die Stirn bieten und sie schließlich besiegen.

Die damalige »Kampftruppe« war die SA, lauter kräftige, junge, meist arbeitslose Männer, die im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren Fäusten die Bewegung »durchboxten« und dafür auch den höchsten Blutzoll zu entrichten hatten. Schmerz und Wut über die verlorenen Kameraden stachelten den Kampfgeist der SA weiter an.

Nachdem Adolf Hitler Reichskanzler geworden war, war die nationalsozialistische Revolution abgeschlossen. Beim Aufbau des Staates galten andere Gesetze als auf dem Weg zur Macht. Für viele SA-Männer mag das nicht einsichtig gewesen sein. »Feinde« gab es nach ihrer Meinung innerhalb Deutschlands noch genug, eine andere Kampfmethode als die direkte hatten sie nicht gelernt, wollten sie auch nicht kennen. Aus Rücksichtnahme auf die alten Kampfgenossen, die der nationalsozialistischen Bewegung den Durchbruch erkämpft hatten, unterließ Hitler es zunächst, die SA völlig auszuschalten. Erst nach der Röhm-Affäre erlitt die SA das Schicksal, das allen revolutionären Truppen zuteil wird, wenn die Idee, für die sie gestritten haben, sich durchgesetzt hat: ihre Dienste wurden nicht mehr benötigt. Die meisten SA-Männer fanden einen vernünftigen Ausgleich für ihre Kraftreserven durch Eintritt in einen der zahlreichen SA-Sportverbände. Aber weiterhin blieb die SA ein Sammelbecken für Leute, denen körperliche Kraftakte mehr lagen als geistige Anstrengungen.

Aus diesem Grunde war auch gerade die SA der richtige Empfängerkreis für irgendwelche Gewaltaufrufe gegen die jüdische Bevölkerung.

Nach allen vorliegenden Zeugnissen wurden in jener Nacht vom 9./10. November 1938 die Befehle - Aktionsverbote genauso wie die Aufforderungen zu Demonstrationen - telefonisch erteilt. Es war daher ein leichtes für die Provokateure, sich in diese Befehlsgebung einzuschalten und unter der Vorspiegelung, sie sprächen im Auftrag einer höheren Partei- oder SA-Dienststelle, Befehle zu Brandstiftungen und Demolierungen zu geben. In einzelnen Fällen mag auch ein ›übereifriger‹ SA-Gruppenführer selbst das Signal zu Zerstörungsaktionen gegeben haben, sei es, daß die Anweisung Lutzes nicht bis zu ihm durchgedrungen war, sei es, daß er sie ignorierte.

Von drei der insgesamt 28 SA-Gruppen liegen Berichte vor, wonach sie sich an Zerstörungsaktionen beteiligt haben. Eine Anzahl einzelner SA- und SS-Männer wurde später vom Obersten Parteigericht zur Rechenschaft gezogen. Bei den Gerichtsverhandlungen wurde regelmäßig auch die Frage untersucht, wie es zur Ausgabe dieser Demonstrationsbefehle gekommen war, die den tatsächlich erlassenen Weisungen zuwidergelaufen waren. Das Oberste Parteigericht stellte in seinem Urteil grundsätzlich fest, daß es in all den Fällen, wo es zu Ausschreitungen gekommen war, irgendwo in der Befehlskette ein Mißverständnis gegeben hat. Die durch spätere Gerichtsverhandlungen (nach 1945) erwiesene Tatsache, daß Befehle von Leuten ausgegeben wurden, die sich fälschlicherweise als Sprecher einer Partei- oder SA-Dienststelle ausgaben, wurde damals in München nicht untersucht.

Auf einen solchen eklatanten Fall weist ein Dokument, das vom US-Ankläger in Nürnberg vorgelegt wurde: Bericht der SA Brigade 50 (Starkenburg), Darmstadt, an die SA-Gruppe Kurpfalz, Mannheim, vom 11. November 1938. Dieser Bericht ist unterschrieben von Brigadeführer Lucke und beginnt wie folgt:

»Am 10. 11. 1938, 3 Uhr, erreichte mich folgender Befehl: ›Auf Befehl des Gruppenführers sind sofort innerhalb der Brigade 50 sämtliche jüdischen Synagogen zu sprengen oder in Brand zu setzen.

Nebenhäuser, die von arischer Bevölkerung bewohnt werden, dürfen nicht beschädigt werden. Die Aktion ist in Zivil auszuführen. Meutereien oder Plünderungen sind zu unterbinden. Vollzugsmeldung bis 8.30 Uhr an Brigadeführer oder Dienststelle.‹

Die Standartenführer wurden von mir sofort alarmiert und genauestens instruiert und mit dem Vollzug sofort begonnen. Ich melde hiermit, es wurden zerstört ...«

Dann folgt eine Aufstellung der Synagogen, die im Bereich der Brigade 50 in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 demoliert wurden.

In Nürnberg lag der Originalbericht vor, unterschrieben von Lucke. Da das das erste echte Dokument ist, dem wir bis jetzt im Zusammenhang mit der »Kristallnacht« begegnet sind, verdient es eine Hervorhebung. Der US-Ankläger gab keine Erläuterung, wie er an dieses Dokument gekommen ist. Es wäre natürlich interessant zu erfahren, wer diesen Brief acht Jahre lang so sorgfältig aufbewahrte und ihn dann im richtigen Moment den richtigen Leuten aushändigte. Die Annahme, daß dies Papier aus den 1100 Tonnen Akten, die allein von den US-Streitkräften erbeutet wurden, herausgefischt wurde, ist zu unwahrscheinlich, um ernst genommen zu werden.

Wer also sorgte dafür, daß dieser Bericht nicht vernichtet wurde? War es vielleicht der gleiche Mann, der auch den darin zitierten »Befehl des Gruppenführers« übermittelte?

Um den obenerwähnten Bericht Luckes und die damit in Zusammenhang stehenden antijüdischen Aktionen ging es in sechs verschiedenen Gerichtsprozessen vor den Landgerichten Darmstadt und Wiesbaden in den Jahren 1946 bis 1952. Wenn wir uns nach den ergangenen Gerichtsurteilen ein Bild der Vorgänge in der SA-Gruppe Kurpfalz und den ihr unterstellten Brigaden machen wollen, geschah folgendes:

Wir erinnern uns, daß beim Kameradschaftsessen im Alten Rathaus zu München in jener Nacht auch der Stabschef der SA, Victor Lutze, zugegen war. Nachdem Dr. Goebbels von einzelnen Ausschreitungen in Hessen und Magdeburg gesprochen hatte, rief Lutze seine anwesenden SA-Führer zusammen und erteilte ihnen den Befehl, »sofort ihren .Dienststellen fernmündlich durchzugeben, daß sich die SA an Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen nicht zu beteiligen habe und an den Stellen, an denen schon Ausschreitungen vorgekommen seien, Posten zur Verhinderung weiterer Plünderungen« zu beziehen[98].

Zu den SA-Führern, die diese Instruktionen von Lutze, bekamen, gehörte auch der Gruppenführer der SAGruppe Kurpfalz, Herbert Fust, der ebenfalls in München war. Wie die anderen SA-Führer eilte er unmittelbar nach Erhalt der Anweisung ans Telefon und gab diesen Befehl an seine Dienststelle in Mannheim durch.

Dieser Tatbestand wurde von einem bundesdeutschen Gericht ermittelt. In seiner Urteilsbegründung in einem Verfahren gegen Herbert Fust betonte es ausdrücklich, daß es die Überzeugung gewonnen habe, der Stabschef der SA, Victor Lutze, habe diesen Befehl zur Verhinderung antijüdischer Aktionen tatsächlich an die anwesenden SA-Führer gegeben. Die Versicherung von Fust, daß er - genau wie die anderen SA-Führer - die gleiche Anweisung nach Mannheim telefonisch durchgegeben habe, war nicht zu widerlegen. Das Gericht glaubte ihm und sprach ihn von der Anklage der Anstiftung zur Brandstiftung und zum Landfriedensbruch frei.[99]

Soweit wäre also alles klar: Stabschef Lutze erteilt ausdrückliches Aktionsverbot für die SA, die in München anwesenden SA-Führer geben diesen Befehl an die Dienststellen weiter. Selbstverständlich konnte sich der ehemalige Gruppenführer Fust im Jahre 1952, also 14 Jahre später, nicht mehr erinnern, mit wem er in jener Nacht in Mannheim am Telefon gesprochen hatte. Mit solch überphänomenalem Gedächtnis, das ihnen erlaubt, sogar die kleinsten Einzelheiten noch nach über 30 Jahren genauestens zu schildern, sind leider nur gewisse Belastungszeugen in NS-Prozessen begabt.

Aber in Mannheim geschah etwas Geheimnisvolles: Der Befehl von Fust kam an, wurde telefonisch bestätigt - und verschwand dann! Dafür tauchte ein anderer Befehl auf und wurde als »Anweisung aus München« ausgegeben: Jener oben zitierte Befehl zur Zerstörung der Synagogen! Wer diesen »Brandbefehl« in Mannheim angenommen hatte, konnte nicht festgestellt werden. Entgegen dem üblichen Brauch, bei einem Telefonat genaue Zeit, Anrufer und Empfänger der telefonischen Botschaft aufzuschreiben, lag da in Mannheim in der Dienstelle der SA-Gruppe nur ein anonymer Zettel. Es ist fraglich, ob es sich überhaupt um einen telefonisch erhaltenen Befehl handelte. Vielleicht wurde dieser Befehl gar nicht fernmündlich durchgegeben? Vielleicht tauschte man einfach die Anweisung des Gruppenführers Fust gegen den »Brandbefehl« aus? - Aber wer ist jener unbekannte »man«? Logischerweise kann das nur jener Mann getan haben, der in jener Nacht Telefondienst hatte, der einzige Zeuge also für den ganz anders lautenden Befehl des Gruppenführers Fust. Nach diesem Mann zu fahnden, wurde leider von den bundesdeutschen Gerichten versäumt.

Stellvertreter des Gruppenführers Fust war als rangältester SA-Führer Brigadeführer Lucke von der Brigade 50 in Darmstadt. Die Pflicht des Diensthabenden wäre es gewesen, diesem sofort von dem erhaltenen Befehl Mitteilung zu machen. Das unterließ er jedoch wohlweislich. Vielleicht hätte Lucke genauer nachgeforscht, von wem dieser absurde Befehl zur Synagogenzerstörung gekommen war? Vielleicht hätte er sogar in München zurückgefragt (ein Vorgehen, das bei anderen SA-Gruppen nach Erhalt des gleichen Befehls praktiziert wurde). Das konnte man nicht riskieren. Lucke wurde also erst informiert, nachdem die ganze Aktion schon seit Stunden lief, um 03.00 Uhr frühmorgens. Es ist nur zu verständlich, daß er dann nicht mehr auf die Idee kam, noch rückzufragen, da doch schon alles im Gange war.

In Mannheim wurde als erster der SA-Oberführer Fritsch benachrichtigt. Er meldete sich auf der Dienststelle und ihm wurde - als einzigem! - die Niederschrift des »Befehls aus München« gezeigt. Fritsch war so konsterniert, daß er gar nicht auf die Idee kam, näher nachzuforschen. Er war überzeugt, der Befehl sei vom Gruppenführer gekommen, da nur er der Gruppe Befehle erteilen konnte, wie er später vor Gericht sagte. Fritsch war dann der einzige Zeuge, der von der Existenz dieses Zettels mit dem Befehl zur Synagogenzerstörung wußte. Außer ihm - und dem Diensthabenden natürlich - hat niemand diesen schriftlichen Befehl gesehen. Er verschwand spurlos, nachdem er die beabsichtigte Wirkung gehabt hatte. Die übrigen Zeugen im Verfahren gegen Fust bekundeten nur, daß sie »davon gehört« hätten.

Fritsch war dem Problem dieser Anweisung gegenüber ziemlich hilflos und bat zunächst den Kreisleiter und den stellvertretenden Kreisleiter in die SA-Dienststelle, um sich mit ihnen zu besprechen.

Inzwischen telefonierte der Diensthabende lustig weiter in der Gegend herum. Sein nächstes Opfer war Brigadeführer Kraft, Führer der Brigade 150 in Mainz. Auch dieser glaubte an die Authentizität der Anweisung und gab sie an seine Standartenführer weiter. Dann wurden weitere SA-Brigaden informiert - immer unter Bezugnahme auf den »Befehl aus München« - und erst ganz zum Schluß wurde auch Lucke, Führer der Brigade 50 in Darmstadt, jene Anweisung mitgeteilt, die er dann in seinem Bericht zitiert. Wer also war jener unbekannte Befehlsempfänger am Telefon der Mannheimer SA-Gruppe? Von wem bekam er die Anweisung zur Synagogenzerstörung? Hat er vielleicht dafür gesorgt, daß der Bericht von Lucke - der Originalbericht - aufbewahrt blieb und in Nürnberg vorgelegt werden konnte?

Wir können diese Fragen nicht beantworten, wir wissen nur, daß die SA-Gruppe Kurpfalz in Mannheim in jener Nacht nicht die einzige Dienststelle war, die einen anonymen »Befehl aus München« erhielt, der zu antijüdischen Aktionen aufforderte. Wir erwähnten bereits den Anruf beim Kreisleiter von Landsberg/L. und den Anruf beim Kreisleiter von Hanau, angeblich vom »Gaupropagandaamt«. Ein später nicht zu ermittelnder Anrufer alarmierte - angeblich im Auftrag des Sturmbannes 111/25 - den SS-Sturm 10/25 in Geldern. Kurz: Zu den anonymen Provokateuren des Vortages, die zu Ausschreitungen aufforderten, kamen nun also anonyme Anrufer, die bei Partei- und SA-Dienststellen »Befehle von oben« vortäuschen sollten, um die Aktion zum Gelingen zu bringen.

Es mag verwundern, daß auf anonyme Befehle und Aufforderungen hin solche Ausschreitungen stattfinden konnten. Aber »anonym« bedeutet ja lediglich, daß die Anrufer unbekannt waren und man in allen Fällen, wo man es nachprüfen konnte, auch bei den am Telefon vorgeblich genannten Dienststellen nichts von ihnen gewußt hat. Die Befehlsempfänger glaubten in jedem einzelnen Fall eine ordnungsgemäße Anweisung zu bekommen, nach der sie sich richteten. Von wem diese Befehle ausgingen, können wir heute nur aufgrund folgerichtiger Überlegungen schließen, da eine objektive Forschung sich bisher diesem Abschnitt unserer Geschichte verweigert hat. Ganz offensichtlich sollten »Befehle von oben« vorgetäuscht werden, also ist die logische Folgerung, daß es sich um »Befehle von oben« eben nicht gehandelt hat! Die Gründe und Gegenbeweise sind bereits ausführlich erläutert worden.


Anmerkungen

  1. Moritz/Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 213.
  2. Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 25. Juli 1952, zitiert in: Moritz/ Noam, aaO, S. 212ff.

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