AUSMASS UND WIRKUNG DER ZERSTÖRUNGSAKTIONEN

Es wurde bereits mehrmals darauf hingewiesen, daß die heute zu lesenden Berichte über die »Kristallnacht« weitgehend übertrieben sind und jedenfalls fälschlicherweise den Eindruck entstehen lassen, es habe sich damals um eine Aktion gehandelt, die alle Kreise der jüdischen Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen oder auch nur berührt hätte. Tatsächlich kam es jedoch nur vereinzelt zu diesen Übergriffen, nur wenige Ortschaften und Städte waren überhaupt davon betroffen. Und selbst in Großstädten, wie z. B. Berlin, in denen zahlreiche Geschäfte demoliert und auch Synagogen in Brand gesteckt worden waren, hatten große Teile der Bevölkerung noch am Morgen des 10. November keine Ahnung von den nächtlichen Vorkommnissen. Der Rektor der jüdischen Mittelschule in der Oranienburger Straße, Heinemann Stern, berichtet, daß er die übrigen Kollegen, also das ausschließlich jüdische Lehrpersonal, erst in der Pause von den Vorfällen informieren konnte. Ihm war die brennende Synagoge bei der Vorbeifahrt mit der S-Bahn aufgefallen. Auch die Schüler dieser Schule waren vollzählig erschienen und hatten keine Kenntnis von den nächtlichen Ereignissen[100]. Ein Beweis dafür, daß die meisten jüdischen Familien überhaupt nicht betroffen waren.

Wo Zerstörungsaktionen stattfanden, gab es nicht selten eine Schlägerei zwischen den Akteuren und der Bevölkerung bzw. der Polizei oder auch Parteiführern. So sahen sich z. B. zwei SA-Männer, die Fensterscheiben an einem jüdischen Wohnhaus eingeworfen hatten, plötzlich von 20-25 Männern aus der Nachbarschaft umzingelt, die sich auf sie stürzten und sie erbarmungslos verprügelten[101].

Soweit die Bevölkerung Augenzeuge wurde oder auch nachträglich von den Demolierungen erfuhr, war die Verurteilung der Rowdies einhellig. Niemand brachte für solche Aktionen Verständnis auf. Wenn man heute immer wieder in sogenannten »Augenzeugenberichten« liest, daß die Menschen damals eingeschüchtert und verängstigt waren und nur stumm dastanden und zuschauten, so traf das ganz sicher nicht oder höchstens auf wenige Ausnahmen zu, Menschen, die von ihrem Naturell her leicht zu erschrecken waren. Es gibt genug Zeugnisse dafür, daß sich sowohl die Nachbarn als auch die jüdische Bevölkerung selbst ganz energisch zur Wehr setzten und durchaus nicht unter dem Eindruck standen, diese Ausschreitungen wären »von oben« befohlen worden und sie hätten sie stillschweigend zu erdulden.

Es stimmt auch nicht, daß die jüdische Bevölkerung über Nacht das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren habe, wie so oft behauptet wird. Ein 13jähriges Mädchen z. B., das von einem SA-Mann, der sich als Kriminalbeamter ausgegeben hatte, sexuell belästigt worden war, hatte die Geistesgegenwart, aus dem Haus zu laufen und bei einem uniformierten Schutzmann um Hilfe zu bitten. Der SA-Mann wurde daraufhin verhaftet. Im anschließenden Prozeß glaubte man hundertprozentig der Darstellung des Mädchens und wies die Einlassungen des SA-Mannes zurück. Er wurde verurteilt und aus der SA ausgeschlossen[102].

In einem anderen Fall erschien am Morgen des 10. November der 73jährige Vorsteher einer Synagogengemeinde bei der Polizei und verlangte eine amtliche Besichtigung der demolierten Synagoge und ein polizeiliches Protokoll. Zwei Kriminalbeamte begleiteten ihn in die Synagoge, stellten die Beschädigungen fest und nahmen ein Protokoll auf[103].

Soweit die Beteiligten bekannt waren, wurden sie später angezeigt. Bei schweren Ausschreitungen trat außer dem Zivilgericht auch das Oberste Parteigericht in Aktion; die Täter wurden aus der Partei bzw. der SA ausgestoßen oder - bei geringeren Vergehen - degradiert. Innerhalb der Partei gab es Bestrebungen, die Gerichtsverhandlungen nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen; man schämte sich dieser unwürdigen Mitglieder.

Trotzdem - und das muß noch einmal betont werden - handelte es sich nur um Einzelfälle. Die Zahl der tatsächlich Beteiligten ist zwar nicht mit Sicherheit festzustellen, aber auf jeden Fall weit niedriger, als man den pauschalisierenden Darstellungen nach vermuten kann. Schätzungen bewegen sich zwischen insgesamt 5000 bis 7000 Demonstranten, das sind also im Höchstfall 0,001% der deutschen Gesamtbevölkerung. Selbst wenn man davon ausgehen wollte, daß sämtliche Akteure der SA angehört haben - was auf keinen Fall stimmt - auch dann wäre der Prozentsatz bei einem geschätzten Mitgliederstand von 5 Millionen nur 0,14%.

Diese Zahlenvergleiche sollen helfen, die Vorgänge der »Reichskristallnacht« in ihren wirklichen Ausmaßen zu sehen. Es geht dabei nicht um eine Abschwächung oder Verniedlichung der Ereignisse. Daß diese antijüdischen Ausschreitungen überhaupt stattgefunden haben, ist bedauernswert und auf jeden Fall zu verurteilen. Aber der Umfang der Aktionen wie auch deren Bedeutung blieb weit hinter dem zurück, was man heute daraus macht.


Anmerkungen

  1. Heinemann Stern, Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen, Düsseldorf 1970, S. 299.
  2. Urteil des Obersten Parteigerichts vom 20. 1. 1939.
  3. Urteil des Obersten Parteigerichts vom 20. 1. 1939.
  4. Johann Dietrich von Pezold, Judenverfolgung in Münden 1933-1945. Eine Dokumentation aus dem Archiv der Stadt Münden, Münden 1978, Dokument Nr. 17.

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