NACH DER »REICHSKRISTALLNACHT«

Dr. Goebbels war noch in der Nacht von München nach Berlin zurückgefahren. Als Gauleiter von Berlin trieb es ihn natürlich nach Hause. Auf dem Weg zum Münchener Hauptbahnhof fuhr er an der brennenden Synagoge vorbei. - Hören wir dazu die Schilderung seines Begleiters Dr. Naumann, damaliger Chef des Ministeramtes:

»Dr. Goebbels war entsetzt, was aus seiner Bemerkung hervorgeht: ›Das verstehen also die Münchener unter Nationalsozialismus! Sie sind und bleiben eine NS-Hago.‹ [104]

Zum Zeitpunkt unserer Abfahrt aus München war der ganze Umfang der Aktion nicht bekannt. Unterwegs auf den Hauptstationen erhielt der Pressereferent die neuesten Meldungen. Bis wir in Berlin waren, wußten wir von einem erheblichen Umfang der Ausschreitungen einschließlich derer in der Reichshauptstadt.

Als wir morgens in Berlin ankamen, begrüßte uns Görlitzer (der stellvertretende Gauleiter von Berlin) auf dem Bahnhof und berichtete von den Ereignissen der letzten Nacht. Der Doktor war auf das äußerste empört und machte aus seinem Unwillen kein Hehl, was um so unangenehmer war, als inzwischen viele Mitreisende ihn erkannt und sich in seiner Nähe angesammelt hatten. Es gelang mir mit Mühe, die beiden miteinander diskutierenden Herren zu bewegen, ihre laute Besprechung im Auto fortzusetzen.«[105]

In Berlin angekommen, eilte Dr. Goebbels in das Propagandaministerium und erließ unverzüglich einen Aufruf an die Bevölkerung:

»Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte vorgenommen.

Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.«'[106]

Es konnte nicht ausbleiben, daß sich gewisse Organe der Auslandspresse geradezu begeistert auf die Ereignisse der »Pogromnacht«, wie sie es nannten, stürzten und die phantastischsten Berichte veröffentlichten. Was die Korrespondenten dieser Zeitungen in Deutschland gesehen haben, wird ein ewiges Geheimnis bleiben, was sie beschrieben haben, grenzt an Wahnvorstellungen: »Horden, die pfeifend und johlend von einem Geschäft zum andern zogen«; »Getöse der aufgebrochenen Rolläden, krachenden Spiegel und umgestürzten Möbel, in das sich kreischender Jubel mischte«; »alle Synagogen in Deutschland ohne Ausnahme in Brand gesteckt« usw. usf.

Dr. Goebbels, der am 12. November 1938 im »Völkischen Beobachter« einen Artikel »Der Fall Grünspan« veröffentlichte, prangerte besonders die heuchlerische Presse Nordamerikas an. Tatsächlich hatten gerade die USA am wenigsten Anlaß, sich mit antisemitischen Vorfällen in anderen Ländern zu beschäftigen. Das Jahr 1938 bescherte den Vereinigten Staaten die höchsten Arbeitslosenzahlen.

Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Bankrott ging eine gewaltige Judenhetze.

»Man warf den Juden vor, Amerikas Niedergang verschuldet zu haben. Die antisemitische Strömung ging von den Landgebieten des Südens aus, deren Bewohner sich von den Städten, besonders von New York, wirtschaftlich unterjocht fühlten. Da die Juden in den Städten und hier wiederum im Finanzwesen eine besondere Rolle spielten, gaben sie einen willkommenen Sündenbock ab. Man schob ihnen die Schuld an dem wirtschaftlichen Unglück zu, das die Städte angeblich über die ländlichen Gebiete gebracht hatten.«[107]

Die Einwanderung für Juden wurde erschwert, sie wurden gesellschaftlich diffamiert, bestimmte Clubs und Vereine verweigerten ihnen die Aufnahme, eine Anzahl Urlaubsorte und Bäder waren für Juden gesperrt, das Schild »Not for Jews« - »Juden unerwünscht« - hing an unzähligen Orten, aus bestimmten Berufen und Erwerbszweigen wurden Juden ausgeschlossen.

In einem Runderlaß des Auswärtigen Amtes, Berlin, vom 25. Januar 1939 über das Thema »Die Judenfrage als Faktor der Außenpolitik im Jahre 1938«, der an die ausländischen deutschen Vertretungen versandt wurde, hieß es:

»Presse und amtliche Berichterstattungen aus Nordamerika melden laufend von antijüdischen Kundgebungen der Bevölkerung. Es ist vielleicht symptomatisch für die innenpolitische Entwicklung der USA, daß die Hörerschar des bekannten antijüdisch eingestellten Radiopriesters Coughlin auf über 20 Millionen angewachsen ist.«[108]

Über die Auswirkung der »Kristallnacht« in Amerika schickte der polnische Botschafter in Washington, Jerzy Potocki, im Januar 1939 einen Bericht an seine Regierung in Warschau. Darin heißt es:

»Die Stimmung, die augenblicklich in den Vereinigten Staaten herrscht, zeichnet sich durch einen immer zunehmenden Haß gegen den Faschismus aus, besonders gegen die Person des Kanzlers Hitler und überhaupt gegen alles, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt. Die Propaganda ist vor allem in jüdischen Händen, ihnen gehört fast zu 100 Prozent das Radio, der Film, die Presse und Zeitschriften. Obgleich diese Propaganda sehr grob gehandhabt wird und Deutschland so schlecht wie möglich hinstellt - man nutzt vor allem die religiösen Verfolgungen und die Konzentrationslager aus -, wirkt sie doch so gründlich, da das hiesige Publikum vollständig unwissend ist und keine Ahnung hat von der Lage in Europa. Augenblicklich halten die meisten Amerikaner den Kanzler Hitler und den Nationalsozialismus für das größte Übel und die größte Gefahr, die über der Welt schweben...

Ferner ist es das brutale Vorgehen gegen die Juden in Deutschland und das Emigrantenproblem, die den herrschenden Haß immer neu schüren gegen alles, was irgendwie mit dem deutschen Nationalsozialismus zusammenhängt. An dieser Aktion haben die einzelnen jüdischen Intellektuellen teilgenommen, z. B. Bernard Baruch; der Gouverneur des Staates New York, Lehmann; der neuernannte Richter des Obersten Gerichts, Felix Frankfurter; der Schatzsekretär Morgenthau und andere, die mit dem Präsidenten Roosevelt persönlich befreundet sind. Sie wollen, daß der Präsident zum Vorkämpfer der Menschenrechte wird, der Religions- und Wortfreiheit, und er soll in Zukunft die Unruhestifter bestrafen. Diese Gruppe von Leuten, die die höchsten Stellungen in der amerikanischen Regierung einnehmen und die sich zu den Vertretern des ›wahren Amerikanismus‹ und als ›Verteidiger der Demokratie‹ hinstellen möchten, sind im Grunde doch durch unzerreißbare Bande mit dem internationalen Judentum verbunden. Für diese jüdische Internationale, die vor allem die Interessen ihrer Rasse im Auge hat, war das Herausstellen des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf diesen ›idealen‹ Posten .eines Verteidigers der Menschenrechte ein genialer Schachzug. Sie haben auf diese Weise einen sehr gefährlichen Herd für Haß und Feindseligkeit auf dieser Halbkugel geschaffen und haben die Welt in zwei feindliche Lager geteilt. Das ganze Problem wird auf sehr wirksame Art bearbeitet: Roosevelt sind die Grundlagen in die Hand gegeben worden, um die Außenpolitik Amerikas zu beleben und auf diesem Wege zugleich die kolossalen militärischen Vorräte zu schaffen für den künftigen Krieg, dem die Juden mit vollem Bewußtsein zustreben. Innenpolitisch ist es sehr bequem, die Aufmerksamkeit des Publikums von dem in Amerika immer zunehmenden Antisemitismus abzulenken, indem man von der Notwendigkeit spricht, Glauben und individuelle Freiheit vor den Angriffen des Faschismus zu verteidigen«.[109]


Anmerkungen

  1. Mit NS-Hago meinte Dr. Goebbels die »Nationalsozialistische Handels- und Gewerbe-Organisation« als Inbegriff des im Dritten Reich organisierten Spießbürgertums. Die Bemerkung Dr. Goebbels' zeigt deutlich, daß er auf keinen Fall der Initiator dieser Ausschreitungen war, dann hätte er nicht so entsetzt reagieren können. Andererseits war er aber wohl zuerst der Meinung, irgendeine vielleicht lokale Parteiorganisation stecke dahinter.
  2. Persönliche Mitteilung Dr. Naumanns an die Autorin vom 24. 1. 79 und 27. 3. 1979.
  3. DNB-Text vom 10. 11. 1938.
  4. Abba Eban, Dies ist mein Volk. Die Geschichte der Juden, Zürich 1970, S. 385.
  5. IMT Bd. XXXII, S. 234-245.
  6. Deutsches Weißbuch Nr. 3, 1940, Dok. Nr. 6

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