CUI BONO?

Selbstverständlich hat sich Dr. Goebbels im Laufe der folgenden Zeit immer wieder gefragt, ob die Krawalle tatsächlich spontan aus der deutschen Bevölkerung hervorgebrochen sind, ob nicht vielleicht andere Mächte, Drahtzieher, dahinterstecken. Vor allem, als der gleichzeitige Ablauf der Demonstrationen bekannt wurde, mußten ihm zumindest Zweifel kommen und sich ihm die Vermutung aufdrängen, daß das Ganze organisiert war. Die Frage war jedoch: von wem? Etwa von fanatischen Judengegnern? Oder gar von den Juden selber?

Bestimmte jüdisch-zionistische Kreise kämpften gerade im Jahr 1938 mit allen Mitteln darum, daß möglichst viele Juden aus Deutschland nach dem damaligen Palästina einwanderten, um die Stellung der dortigen jüdischen Gemeinden zu verstärken und die wirtschaftliche Grundlage des »Jischuw« (Gesamtheit der jüdischen Gemeinden in Palästina) zu verbessern.

In einem Sammelband von Jabotinsky, der 1938 in Wien erschien und den Titel »Der Judenstaat« trägt, benutzt dieser den Ausdruck »günstiger Sturrn« für Ereignisse, die den Juden das Leben in ihren derzeitigen Gastländern so unerträglich machen, daß sie - von den Geschehnissen getrieben - die Auswanderung nach Palästina wählen. »Dieser noch so furchterregende ›Sturm‹ treibt das jüdische Schiff in die Richtung, in welcher wir es selber lenken möchten.«[110] Er meint zwar weiter, daß die Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland - welche genau, schreibt er nicht - eher die Wirkung eines Taifuns haben, aber so unwillkommen ist ihm auch das nicht, wenn es nur die Juden nach Palästina treibt. Aus dem gleichen Grund begrüßt er auch, daß die Tore anderer Länder vor den aus Deutschland kommenden Juden verschlossen bleiben: »Statt der offenen Türen werden vor den Verbannten des neuen Dritten Reiches wie vor Flüchtlingen aus einer zernierten Stadt eiserne Ketten sichtbar sein. Als erste werden wir - Zionisten mit dem Ziele des Judenstaates - mit zusammengebissenen Zähnen darüber froh sein: eben im Interesse des Zionismus.«[111]

Aus solchem Kreis, mit diesem Ideengut versehen, könnten die Drahtzieher der »Kristallnacht« gekommen sein. Vielleicht wollten sie nur ein bißchen »Sturm« machen?

In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Dr. Hjalmar Schacht 1970, rückblickend ins Jahr 1938, den englischen Zionistenführer Weizmann beurteilte: »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Weizmann sich gesagt hat: ›Mein Ziel, Zion wieder zu erreichen, einen jüdischen Staat zu gründen, werde ich nur durchsetzen, wenn ich große Opfer geschehen lasse, die der Sache einen Aufschwung geben.‹ Ich glaube, er hat die Idee gehegt, Opfer zu schaffen.«[112]

Gerade Anfang November 1938 müssen die antijüdischen Demonstrationen besonders jenen Zionisten, die die oben zitierte Denkweise Jabotinskys teilten, sehr zupaß gekommen sein. Um das zu verstehen, müssen wir uns kurz mit der Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Palästina beschäftigen.

Die Masseneinwanderung der Juden nach Palästina begann in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Die im Lande ansässigen Araber hatten zunächst nicht die geringsten Einwände gegen eine jüdische Besiedlung, im Gegenteil, sie waren Nutznießer der Vorteile, die sich daraus ergaben. Das Land hatte weitgehend türkischen »Efendis« gehört, die sich aber um die Nutzbarmachung und Bebauung kaum gekümmert hatten. Als die jüdischen Siedler ins Land kamen und den Efendis das Land abkauften, wurden Sümpfe trockengelegt, Pflanzungen angelegt, Siedlungen gebaut und die Anfänge einer Industrie geschaffen. Die arabische Bevölkerung Palästinas arbeitete gemeinsam mit den Juden in den landwirtschaftlichen Siedlungen und profitierte von dem wirtschaftlichen Aufschwung, der sich anbahnte.

Im Laufe der Jahre erkannten die damaligen Großmächte die Bedeutung Palästinas für die Weltpolitik und begannen sich für die dortigen Vorgänge zu interessieren. Während des 1. Weltkrieges besetzten britische Truppen Palästina, das damals zur Türkei, einer Feindmacht, gehörte. Das heutige Syrien wurde von französischen Truppen besetzt. Um die Unterstützung der einheimischen Bevölkerung zu gewinnen, versprach Großbritannien sowohl den Juden als auch den Arabern, sie bei der Errichtung eines Nationalstaates zu unterstützen. Dieses doppelte Versprechen, 1917 an die Juden, 1919 an die Araber gegeben, ist die Hauptursache für die späteren Unruhen und Kriege, die sich auf diesem Landstrich abspielten.

Nach dem 1. Weltkrieg übertrug der Völkerbund Großbritannien das Mandat über Palästina mit der Maßgabe, für die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in diesem Land zu sorgen. Es kam bald zu erheblichen Schwierigkeiten zwischen der englischen Mandatsregierung und den Einwohnern Palästinas, wobei - getreu dem englischen Prinzip »teile und herrsche« - abwechselnd einmal die Juden, ein anderes Mal die Araber begünstigt wurden. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich auch zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen eine feindselige Stimmung entwickelte: der jüdisch-arabische Konflikt begann. Jüdische Einwanderungswellen, arabische Aufstände, Beschränkung der jüdischen Einwanderung durch die Briten - in diesem Teufelskreis bewegte sich die Palästina-Politik während der nächsten Jahre.

Mit dem Ergebnis ihrer doppelseitigen Politik konfrontiert, mußten die Briten schließlich zugeben, daß ihr Auftrag, Palästina als Mandat zu verwalten, gescheitert war. Im Sommer 1937 erarbeitete eine spezielle Kommission unter Leitung von Lord Peel einen Teilungsvorschlag für das Land mit dem Ziel, daß Juden und Araber je einen bestimmten Teil des Landes in ihre eigene Verwaltung übernehmen sollten. Die Vertreter der jüdischen Seite, die Zionistische Organisation unter Weizmann und Ben Gurion, stimmten diesem Vorschlag - wenngleich mit erheblichen Vorbehalten - zu. Sie sahen darin die Möglichkeit, ein eigenes Gebiet zu besitzen, das eines Tages Staatshoheit haben würde und in dem es keine Einwanderungsbeschränkung für Juden mehr geben konnte. Die Araber jedoch lehnten den Vorschlag brüsk ab.

Erneute Unruhen und Aufstände waren die Folge. In Europa begannen sich die Engländer auf den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vorzubereiten, Palästina schien ihnen die Bedeutung eines strategischen Knotenpunktes zu besitzen. Sie brauchten jetzt unter allen Umständen Ruhe in diesem Land. Mit der Einsetzung eines neuen Hochkommissars, Sir Harold MacMichaels, im März 1938 versuchte man dieses Ziel zu erreichen. MacMichaels griff hart durch: zwei britische Divisionen sorgten für die Niederschlagung der Aufstände. Gleichzeitig versprach er den Arabern, die er für den gewichtigeren Bevölkerungsteil hielt, für einen Stop der jüdischen Einwanderung zu sorgen sowie dafür, daß die britische Regierung den Teilungsplan wieder aufgeben werde.

Mit diesen Vorschlägen fuhr er Anfang Oktober 1938 nach London. Nach einigen Beratungen stimmte die britische Regierung seinen Vorschlägen zu. Für die Juden schien das das Ende jeder Hoffnung zu bedeuten. Gerade jetzt, wo sie ein Einwanderungsland dringender als vorher brauchten, sollte Palästina für sie geschlossen werden. Fieberhafte Beratungen auf jüdischer Seite begannen, wie man diesen verhängnisvollen Entschluß der britischen Regierung aufhalten könnte. Die Veröffentlichung der Regierungsentscheidung sollte am 8. November 1938 erfolgen. Es ist zumindest nicht auszuschließen, daß gewisse Kreise meinten, die englische Regierung könnte sich noch eines Besseren besinnen, wenn sie plötzlich - sozusagen vor der eignen Haustür - einen antijüdischen Pogrom erleben würde. Der Mordanschlag auf vom Rath am 7., das Einsetzen der Provokateure am 8., die Brandstiftungen am 9. Nov. - das alles würde sehr gut in dieses Schema passen.

Diese Hoffnung - wenn sie jemals bestanden hatte - trog: die Briten sahen sich das Spektakel ungerührt an, verschoben ihre Entscheidung um einen Tag und veröffentlichten am 10. November ihren Beschluß, daß der Teilungsplan endgültig aufgegeben sei. Eine Einwanderungsbeschränkung, die einem Einwanderungsstop gleichkam, wurde zunächst nur intern beschlossen. Die Veröffentlichung erfolgte im Britischen Weißbuch März 1939.


Anmerkungen

  1. Vladimir Jabotinsky, Der Judenstaat, Wien 1938, S. 133.
  2. Jabotinsky, aaO, S. 135.
  3. Gespräch mit dem Journalisten und Buchautor Rolf Vogel am 16. 1. 1970; zitiert in: Rolf Vogel, Ein Stempel hat gefehlt. Dokumente zur Emigration deutscher Juden, München 1977, S. 211.

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