KONFERENZ IM REICHSINNENMINISTERIUM, 16. DEZEMBER 1938

Mit der »Kristallnacht« und ihren Folgen befaßte sich eine Sitzung, die am 16. Dezember 1938 im Reichsinnenministerium stattfand. Ein Teilnehmer dieser Konferenz, der frühere Regierende Bürgermeister von Hamburg, Carl Vincent Krogmann, veröffentlichte in seinem Erinnerungsbuch »Es ging um Deutschlands Zukunft« das noch in seinem Besitz befindliche Protokoll dieser Besprechung[113]. Dieses Protokoll gibt einen Eindruck davon, wie die Judenfrage in höchsten Regierungskreisen behandelt wurde: mit viel Verständnis, größter Sachlichkeit und jenseits aller Polemik.

Herr Krogmann schreibt:

»Am 16. Dezember 1938 fand im Innenministerium eine Besprechung statt, an der zahlreiche Minister, viele Gauleiter, Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und auch ich zusammen mit dem Vertreter Hamburgs in Berlin, Senatssyndikus Eiffe, teilnahmen. Das von diesem angefertigte Protokoll lasse ich folgen.«

Das anschließende Protokoll erstreckt sich über mehrere Seiten. Wir wählen hier nur die Passagen aus, die für unser Thema von besonderem Interesse sind.

»Der Minister (Reichsinnenminister Dr. Wilhelm Frick) sprach dann über die Einzelheiten in der Nacht vom 9. zum 10. November. Jedermann wisse, daß infolge des Judenmordes in Paris eine ungeheure Empörung durch das deutsche Volk ging. Darüber könne kein Zweifel sein; ebensowenig könne aber kein Zweifel darüber sein, daß die Angriffe auf Juden und jüdisches Eigentum ungesetzlich gewesen seien. Niemand hat das Recht, sich durch Leidenschaft hinreißen zu lassen. Wenn man sich die Ereignisse jener Nacht vor Augen halte und nach allen Richtungen prüfe, könne man nur sagen, daß es Unsinn gewesen sei, ja Wahnsinn. Diese Aktion hat sich nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen das deutsche Volk selbst ausgewirkt. ... Er habe bereits im Jahre 1934, als Einzelaktionen sehr viel geringeren - Umfanges stattfanden, die Leiter dieser Aktionen mit ausdrücklicher Genehmigung des Führers als Rebellen gegen den Willen des Führers bezeichnet.

Wir wissen alle, daß die Ereignisse in der Nacht vom 9.110. XI. ernster waren, ja, es ist nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, daß es nicht zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen ist, denn es war unmöglich, dafür zu sorgen, daß das Verhalten der Polizei überall so war, daß Zusammenstöße vermieden wurden.«

Es ist doch interessant, daß auch der Innenminister nichts von dem angeblichen »Heydrich-Fernschreiben« wußte, mit dem die Polizei angewiesen wurde, die stattfindenden Demonstrationen nicht zu hindern. Indirekt gibt er zu, daß es Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten gegeben hat, und ist nur dankbar dafür, daß sie nicht schwerer ausfielen.

In dem Protokoll heißt es weiter:

»Welchen Zweck habe es denn, wenn man SA und HJ veranlasse, in unendlicher Mühe Stanniol zu sammeln, weil dieses zum Volksvermögen gehöre, wenn man gleichzeitig in einer Nacht Millionenwerte sinnlos vernichte.

Es käme jetzt alles darauf an, unser Ziel, nämlich die reinliche Scheidung des Deutschen von dem Juden, zu erreichen, ohne daß alle diese aus Unbesonnenheit entstandenen Schwierigkeiten auftreten. Es sind zunächst Verhandlungen mit ausländischen Staaten im Gange, welche eine Auswanderung im großen Stil ermöglichen sollen. Der Herr Reichsbankpräsident Dr. Schacht halte sich zu diesem Zweck zur Zeit in London auf.

Verhandlungen sind im Gange, durch zusätzlichen Export die Möglichkeit zu schaffen, den Hauptwiderstand der anderen Staaten zu beseitigen, der darin liegt, daß diese unter keinen Umständen den mittellosen Juden haben wollen.«

Über diese Verhandlungen und den Besuch Schachts in London werden wir weiter unten sprechen. Erhöhter Export war notwendig, damit Deutschland die Devisen bekam, die es den auswandernden Juden mitgeben mußte. In dem Protokoll heißt es weiter, Juden dürften keinen Aktienbesitz mehr haben,

»soweit sie durch diesen auf ein Wirtschaftsunternehmen Einfluß ausüben können. Wir müssen für den Export bis auf weiteres weitgehendste Ausnahmen zulassen. Die Art dieser Ausnahmen kann, wie auf der Hand liegt, nicht in Form von Verordnungen verkündet werden, vielmehr muß individuell vorgegangen werden. Er habe den Auftrag des Ministerpräsidenten, darauf hinzuweisen, daß grundsätzlich Exportinteressen vor Arisierungsinteressen zu gehen haben.

Alle Juden bekämen schon in nächster Zeit ihre Pässe zurück, soweit nicht besondere Gründe für die Zurückhaltung vorliegen. Die Judenpässe sind mit einem ›J‹ bezeichnet. Diese Maßnahme habe besonders das Ausland gewünscht, da man dort zu wissen wünsche, welche Emigranten Juden seien.«

Dieser Kennzeichnung der Pässe waren monatelange Verhandlungen zwischen Deutschland und der Schweiz vorausgegangen. Der Chef der Schweizer Polizei, Dr. Heinrich Rothmund, bestand mit Nachdruck auf dieser Markierung der jüdischen Pässe, um die Einwanderung deutscher Juden in die Schweiz kontrollieren bzw. abstoppen zu können. Falls Deutschland sich zu der Kennzeichnung nicht bereitfinden sollte, wurde erwogen, für alle Deutschen den Visumzwang einzuführen, wobei das Visum nur bei Vorlage eines »Ariernachweises« erteilt werden sollte. Am 29. September 1938 wurde ein Abkommen unterzeichnet, in welchem sich Deutschland einverstanden erklärte, den Forderungen der Schweizer Behörden nachzukommen. Die deutsche Regierung schlug als Kennzeichen einen kleinen Kreis, ca. 2 cm Durchmesser, mit einem J in der Mitte vor, stellte es aber der Schweiz anheim, andere Vorschläge zu machen. Am 30. Oktober 1938 gab die Schweizer Polizeibehörde bekannt, daß das von ihr gewünschte Zeichen ein drei Zentimeter hohes rotes J ohne Kreis sein werde, versehen mit dem handschriftlichen Eintrag des Datums der Anbringung. Auch wo das J einzustempeln sei, nämlich auf der ersten Seite links oben, wurde von der Schweiz bestimmt. -

Im weiteren Verlauf der Besprechung ging Innenminister Dr. Frick auf die unerfreulichen Begleiterscheinungen ein, die die »Arisierung« der Geschäfte gelegentlich mit sich gebracht hatte, und verurteilte diese streng.

»Leider seien auch Erpressungsversuche vorgekommen, in der Form, daß Juden gezwungen wurden, ihr Vermögen zu einem Bruchteil des Wertes abzutreten; Grundbesitz teilweise gegen Übernahme der Notariatsgebühr. Alle diese Handlungen werden nachgeprüft und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen. Es ist selbstverständlich, daß derartige Verkäufe rechtlich ungültig sind und rückgängig gemacht werden. Ebenso sei vorgesehen, denjenigen Deutschen, welche sich durch jüdisches Vermögen, Geschäfte oder sonstige Vermögensteile bereichert haben, eine Auflage zu machen. Solche Abgaben fließen ausschließlich dem Reich zu. Er bitte darum, dafür zu sorgen, daß dies geschieht. Wenn Schwierigkeiten auftreten oder wenn die staatlichen Stellen sich nicht durchsetzen können, erbitte er Bericht. In diesem Fall würde der Ministerpräsident gemeinsam mit dem Stellvertreter des Führers durchgreifen, und zwar, wie er besonders betonte, ohne Ansehen der Person.

Zur Lösung der Judenfrage sei vordringlich die Auswanderung. Es werden Beratungsstellen eingerichtet, auch jüdische Beratungsstellen, die nicht behindert werden dürfen. Ferner sind Einrichtungen geplant, welche Umschulung für Juden bezwecken, um auch dadurch die Auswanderung zu erleichtern. Der Führer wünsche ausdrücklich, daß die Auswanderung mit allen Mitteln gefördert wird und daß nicht Schwierigkeiten gemacht werden, wenn Juden herauswollen, sondern Schwierigkeiten behoben werden. Ferner sind Maßnahmen geplant, die bezwecken, auch die mittellosen Juden herauszubringen....

Nach wie vor sind jüdische Hausbesitzer unter ganz bestimmten Voraussetzungen zugelassen. Da beabsichtigt sei, die Juden, solange sie noch in Deutschland leben, in gewissen Straßen zusammenzulegen, ohne dabei ein Getto zu schaffen, sei nichts dagegen einzuwenden, wenn diese Häuser bis auf weiteres in jüdischem Besitz bleiben.«

Durch die Entlassung jüdischer Angestellter und Stillegung jüdischer Betriebe werde es in einiger Zeit immer mehr arbeitslose Juden geben. Für die Beschäftigung dieser Menschen müsse gesorgt werden. Gedacht ist u. a.

»an größere jüdische Betriebe, welche besondere Aufgaben zugewiesen bekommen. Solche Betriebe dürfen unter keinen Umständen diffamiert werden. Der Führer selbst hat angeordnet, daß in München eine jüdische GmbH zwecks Schaffung jüdischen Wohnraumes gegründet wird. Selbstverständlich wird dies eine jüdische Firma sein. Es darf jetzt nicht so weit gehen, daß auch diese nicht mehr geduldet werden.

Der Minister kam dann auf den Judenbann zu sprechen und gab vertraulich bekannt, daß der Führer mit der für Berlin angeordneten Maßnahme nicht einverstanden sei. Es sei nichts dagegen einzuwenden, daß an gewissen Tagen, wie z. B. dem Tag der nationalen Solidarität, schon aus Gründen der Sicherheit den Juden sozusagen Hausarrest auferlegt würde. Aber die dauernde Sperrung ganzer Straßenzüge sei nicht zu billigen. Der Führer habe angeordnet, daß diese Maßnahme sistiert würde....

Die beabsichtigte Verordnung über Kennzeichnung der Juden (es war beabsichtigt, den Juden aufzuerlegen, den Judenstern sichtbar zu tragen), wird ebenfalls nicht erlassen. Schilder mit der Aufschrift ›Juden sind unerwünscht‹ haben keineswegs überall zu hängen. Das RWM (Reichswirtschaftsministerium) wird noch anordnen, wo solche Schilder anzubringen sind. In Frage kommen nur besondere Lokale, in denen Partei oder Wehrmacht vornehmlich verkehrt, oder einzelne große Gasthöfe. Alle anderen Schilder dieser Art werden beseitigt. ...

Die Juden können selbstverständlich überall in deutschen Geschäften einkaufen.... Der Führer hat dies ausdrücklich und unmißverständlich entschieden. Er erwähnte dies besonders, weil leider die DAF (Deutsche Arbeitsfront) an einzelnen Stellen die Inhaber deutscher Geschäfte angeprangert hätte, die an Juden verkauften....

Der Minister sprach dann über die Öffentliche Fürsorge. Es ist zunächst die jüdische Wohlfahrtshilfe in Anspruch zu nehmen. Darum dürfen diese und ihre Geschäftsstellen auch nicht behindert werden, wie es an vielen Orten geschehen ist. Wir brauchen diese jüdischen Wohlfahrtsstellen, insbesondere zur Auswanderung. Wenn die jüdischen Wohlfahrtsstellen nicht helfen können, muß die Öffentliche Fürsorge eintreten.«

So weit die wesentlichen Teile des Protokolls der Sitzung im Reichsinnenministerium am 16. Dezember 1938.

Die »Kristallnacht« bedeutete eine Wende in der deutschen »Judenpolitik«. Von den antijüdischen Demonstrationen in jener Nacht ging eine solche Schockwirkung aus, daß sie Adolf Hitler veranlaßten, unmittelbar danach energische Schritte zu unternehmen, um die jüdische Frage endlich einer Lösung zuzuführen. Und »Lösung«, das hieß »Auswanderung«.

Bis zum November 1938 wurde die Judenpolitik quasi »nebenher« betrieben. Verschiedene Ressorts in unterschiedlichen Organisationen und Ämtern hatten Aufgaben, die sich mit dem einen oder anderen Aspekt der jüdischen Frage befaßten. Das wurde nach der »Kristallnacht« schlagartig anders. Der Führer beauftragte Hermann Göring, die verschiedenen Referate zusammenzufassen und die Abwicklung der Auswanderung zu vereinfachen.

Die »Reichszentrale für die jüdische Auswanderung« wurde gegründet. Ihr stand als Gesprächspartner auf jüdischer Seite die »Reichsvereinigung der Juden«, ebenfalls eine Neugründung, gegenüber. Die »Reichsvereinigung« beriet und half den Juden in allen Auswanderungsfragen, soweit die internen jüdischen Belange betroffen waren. Die »Reichszentrale« ebnete die Schwierigkeiten in bezug auf Transportmöglichkeiten, Gepäck- und Devisentransfer; sie finanzierte Ausbildungs- und Umschulungslager, um den Auswanderern den Zugang zu Berufen zu ermöglichen, die in den Einwanderungsländern gefragt waren.


Anmerkungen

  1. Carl Vincent Krogmann, Es ging um Deutschlands Zukunft 1932-1939. Erlebtes täglich diktiert von dem früheren Regierenden Bürgermeister von Hamburg, Leoni 1976, S. 341-346.

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