BESPRECHUNG AM 12. NOVEMBER 1938 IM REICHSLUFTFAHRTMINISTERIUM

Einen Monat vor der Konferenz bei Dr. Frick hatte bereits Hermann Göring auf Anweisung Adolf Hitlers eine Besprechung im Reichsluftfahrtministerium angesetzt, an welcher Vertreter sämtlicher Ministerien und Ressorts, die mit der Judenfrage zu tun hatten, teilnahmen. Ein bestätigtes Protokoll dieser Sitzung ist leider nicht erhalten geblieben. Immerhin präsentierte man beim Nürnberger Prozeß Teile der Kopie einer unvollständigen stenographischen Niederschrift (es fehlen 3 der 7 Teile des Protokolls), die jedoch in wesentlichen Abschnitten zerstört war.

Der eigentliche Zweck dieser Konferenz war die Beratung über eine zentrale Zusammenfassung aller mit der Judenfrage zusammenhängenden Probleme. Diese waren in erster Linie wirtschaftlicher Art, weshalb auch der Beauftragte für den Vierjahresplan, Generalfeldmarschall Hermann Göring, sich dieser Fragen annehmen sollte. Es ging weder damals noch später in irgendeiner Besprechung um die Vernichtung der Juden, sondern lediglich um die immer dringender werdende Auswanderung der Juden im großen Stil. Das bedeutete aber vorherige Übergabe der von Juden innegehabten Wirtschaftspositionen in deutsche Hände.

Es gab allerdings eine ernste Schwierigkeit: Selbst die Juden, die zur Auswanderung bereit waren, konnten oft nicht fort, da sie nicht wußten, wohin. Sofern sie nicht nach Palästina gingen, das für wohlhabende Juden keinen Einwanderungsstop kannte, waren ihnen die Tore der übrigen Länder weitgehend verschlossen. Die heutige absurde Einstellung: als Deutschland keine Juden bei sich haben wollte, war dies verbrecherischer Antisemitismus und Rassismus, als jedoch die anderen Länder keine Juden wollten, war es nicht einmal der Erwähnung wert, zeugt tatsächlich von einer Schizophrenie im Denken der gegenwärtigen Historiker.

Jedenfalls bemühte man sich 1938 deutscherseits darum, die Barrieren und Hindernisse gegen eine jüdische Auswanderung aus dem Reich zu überwinden. Die Aufnahme von Juden in anderen Ländern - sofern diese überhaupt dazu bereit waren - wurde nicht nur zahlenmäßig beschränkt, sondern auch von Mindestquoten an Devisen abhängig gemacht, die die Juden bei der Einreise vorzuweisen hatten.

Das Problem war also ein zweifaches: einmal die Herauslösung der Juden aus der deutschen Wirtschaft, in der sie - trotz ihrer geringen Anzahl - eine finanziell bedeutende Rolle spielten, und zweitens, Länder ausfindig zu machen, die einer Einwanderung von Juden zustimmten, und zwar zu Bedingungen, die überhaupt im Bereich des Möglichen lagen.

Um die innerdeutschen Probleme zu vereinfachen, sollten alle Aktionen konsolidiert und aufeinander abgestimmt werden. Das war der Sinn der Sitzung im Reichsluftfahrtministerium am 12. November 1938. Die Bruchteile des Protokolls, das in den IMT-Bänden zitiert wird[114], lassen nicht erkennen, ob es zu entsprechenden Beschlüssen und Maßnahmen gekommen ist. Dagegen werden in den IMTBänden ausführlich Passagen zitiert, in denen sich einzelne Teilnehmer der Konferenz zur »Kristallnacht« und ihren Folgen äußern. Wenn man der Veröffentlichung glauben darf, geschah das zeitweise in einem recht rüden Ton, so daß man sich an heutige Bundestagsdebatten erinnert fühlt. Im Laufe dieser Besprechung stellte dann Hermann Göring auch an Heydrich die bewußte Frage nach dem Ausmaß der Zerstörung, die wir bereits behandelt haben. Ohne auf den angeblichen Bericht des ominösen »Herrn Heyer« vom Vortag einzugehen, gibt Heydrich an, es seien insgesamt 177 Synagogen demoliert oder zerstört worden, außerdem seien 7500 Geschäfte beschädigt, und es habe 35 Tote gegeben.


Anmerkungen

  1. IMT Bd. XXVIII, S. 499-540, PS-1816

Zum nächsten Kapitel
Zum vorherigen Kapitel
Zurück zum Feuerzeichen-Inhaltsverzeichnis