JUDEN UND IHRE WIRTSVÖLKER

Nach dem Verständnis der zeitgenössischen Literatur waren die Bestrebungen der Nationalsozialisten, die jüdische Bevölkerung zur Abwanderung aus Deutschland zu bewegen, eindeutig Unrecht. Ohne nähere Kenntnis soziologischer Zusammenhänge und Spannungen proklamiert man heute einseitig das Recht der Juden, in Deutschland ansässig zu sein. Und nicht nur das Recht der Juden, sondern auch jeder anderen Volksgruppe, die sich in unserem Vaterland niederlassen will. Es nimmt Wunder, daß auch Regierungsvertreter, die doch eigentlich dazu berufen sind, zum Wohle des Volkes, dem sie angehören, zu arbeiten, so wenig Verständnis für die Probleme aufbringen, die die Anwesenheit fremder Gruppen in einer Gesellschaft mit sich bringen.

Das Vorhandensein von Juden in irgendeinem Land führte - und dies seit über zweitausend Jahren - jedesmal zu erheblichen Schwierigkeiten. Antijudaismus ist so alt wie die jüdische Geschichte. Die Gründe dafür sind vielfältig. Juden begründen es damit, daß ihre Auserwählung die anderen Völker mit »Neid, Haß und Wut« erfüllt, weil diese nicht auserwählt wurden. »Zweifellos ist dies der älteste und stärkste Realgrund für den Antisemitismus, der bis heute anhält: der Glaube, daß Gott mit Abraham und dessen Nachkommen einen Bund geschlossen hat, daß Gott auf dem Sinai durch Moses den Bund erneuert hat, daß Israel dadurch das auserwählte Volk Gottes ist und daß es von Gott als Werkzeug zum Segen der Menschheit vorgesehen ist.«[115]

Für die Christen wiederum galten die Juden lange Zeit als »Gottesmörder«, weil sie Jesus Christus gekreuzigt haben. Sie haben die Offenbarung Gottes in diesem Jesus nicht angenommen und bleiben freiwillig in ihrer Verstockung. Dadurch sind sie Feinde Gottes, im Johannes-Evangelium heißt es sogar: ihr Vater ist der Teufel.

Es gibt noch eine Reihe anderer Begründungen philosophischer, soziologischer, wirtschaftlicher, rassentheoretischer Art. Im Rahmen dieser Studie ist es ausgeschlossen und vom Thema her auch überflüssig, auf das Problem des Antisemitismus näher einzugehen. Da es nach der »Kristallnacht« aber verstärkte Bestrebungen gab, die Juden aus Deutschland zu entfernen, wollen wir uns wenigstens kurz mit einem, dem soziologischen Aspekt der Judenfrage befassen.

Frau Dr. Eva Reichmann, eine in Berlin geborene und in London lebende jüdische Soziologin, hat in ihrem Buch »Flucht in den Haß« ausführlich die Frage untersucht, wie es überhaupt zu judenfeindlichen Einstellungen kommen konnte. Sie geht in ihrer Untersuchung davon aus, daß ein »objektiver Antisemitismus« von dem Wesen eines Volkskörpers her berechtigt und notwendig ist. Ihre Antwort lautet: Die Juden bleiben in jedem Volk eine eigene geschlossene Gruppe. Sie passen sich zwar an, leisten aber einer völligen Integrierung erheblichen Widerstand. Sie werden daher überall als Fremdkörper empfunden. Das Zusammenstoßen heterogener Gruppen verursacht aber ein objektives gesellschaftliches Problem. Je einheitlicher ein Volkskörper in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht ist, desto störender wird die Anwesenheit einer fremden Gruppe empfunden. Sie reizt zu psychischem und physischem Widerstand.

Daraus wird deutlich, daß es ein natürliches und legitimes Recht jeder Gruppe ist, sich gegen einen »Fremdkörper« zu wehren. »Es gibt ein Streben nach Homogenität der eigenen Gruppe, das als eine Elementar-Tatsache menschlicher Vergesellschaftung anerkannt werden muß; ihm gegenüber wird jede sichtbar in Erscheinung tretende Existenz einer andersartigen Gruppe als eine Herausforderung empfunden.«[116] Danach wäre die Ursache für jeden Antisemitismus, auch den religiös verbrämten, allein die Tatsache, daß die Juden als in sich geschlossene fremde Gruppe existieren. »Die objektiven Spannungen haben die Tendenz, sich mit einem Nachlassen der Gruppenunterschiede zu vermindern, und hören langsam auf, von sich aus das gesellschaftliche Gleichgewicht zu stören. Völlig verschwinden aber könnten sie nur bei einem Verschwinden des jüdischen Gruppencharakters, also bei einem Aufhören der jüdischen Existenz. Die Existenz einer objektiven Judenfrage ist mit der Existenz von jüdischen Gruppen, das heißt mit der Existenz von Juden untrennbar verbunden.«[117]

Frau Reichmann ist nicht die einzige Jüdin, die das Problem so klar erkannt hat. Das Wissen um die Unmöglichkeit, Juden in einen fremden Staat zu integrieren, war der Motor des im 19. Jahrhundert aufflammenden Staats-Zionismus, also der jüdischen Bestrebungen, die Juden aus ihren Gastländern zu entfernen und in einem eigenen Staat zusammenzufassen. Man sollte die Schriften der drei großen Vorkämpfer dieser Idee, des deutschen Sozialisten Moses Hess (1812-1875), des russischen Arztes Leo Pinsker (1821-1892) und des Wiener Journalisten Theodor Herzl (1869-1904), ausführlich studieren, um zu erkennen, daß die nationalsozialistischen Bestrebungen einer »Lösung der Judenfrage« im Grunde nur die Antwort auf die zionistischen Forderungen waren.

Theodor Herzl schreibt in seinem 1896 erschienenen »Judenstaat«:

»Die Judenfrage besteht. Es wäre töricht, sie zu leugnen ... Die Judenfrage besteht überall dort, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. ... Ich glaube den Antisemitismus, der eine vielfach komplizierte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Haß und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit - aber auch, was darin vermeintliche Notwehr ist ...

In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich, stündlich und muß weiter wachsen, weil die Ursachen fortbestehen und nicht behoben werden können.

Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene Verlust unserer Assimilierbarkeit, die causa proxima unsere Überproduktion an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluß nach unten haben und keinen Aufstieg nach oben - nämlich keinen gesunden Abfluß und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu Umstürzlern proletarisiert, bilden die Unteroffiziere aller revolutionären Parteien, und gleichzeitig wächst nach oben unsere furchtbare Geldmacht.

Wird man nicht sagen, daß ich den Antisemiten Waffen liefere? Warum? Weil ich das Wahre zugebe? Weil ich nicht behaupte, daß wir lauter vortreffliche Menschen unter uns haben?«[118]

Nach Herzls Meinung ist die Judenfrage weder eine soziale noch eine religiöse.

»Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen. ... Wir sind ein Volk, ein Volk.

Der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis, folglich wird er entstehen.«[119]

Seine Forderung lautet daher:

»Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.«[120]

Es ist Herzl völlig klar, daß eine Auswanderung der Juden aus den derzeitigen Gastländern nicht ohne Schwierigkeiten auf beiden Seiten abgehen kann. Er meint jedoch, daß das Feuer der zionistischen Idee verborgene Kraftreserven bei den Juden wecken wird, die sie befähigen, den inneren Widerstand, ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen, zu überwinden.

»Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem andern zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt.«[121]

Auf die zurückbleibenden Gastländer Bezug nehmend, sagt er:

»Hinter den abziehenden Juden entstehen keine wirtschaftlichen Störungen, keine Krisen und Verfolgungen, sondern es beginnt eine Periode der Wohlfahrt für die verlassenen Länder. Es tritt eine innere Wanderung der christlichen Staatsbürger in die aufgegebenen Positionen der Juden ein. Der Abfluß ist ein allmählicher, ohne jede Erschütterung, und schon sein Beginn ist das Ende des Antisemitismus. Die Juden scheiden als geachtete Freunde, und wenn einzelne dann zurückkommen, wird man sie in den zivilisierten Ländern genauso wohlwollend aufnehmen und behandeln wie andere fremde Staatsangehörige. Diese Wanderung ist auch keine Flucht, sondern ein geordneter Zug unter der Kontrolle der Öffentlichen Meinung. Die Bewegung ist nicht nur mit vollkommen gesetzlichen Mitteln einzuleiten, sie kann überhaupt nur durchgeführt werden unter freundlicher Mitwirkung der beteiligten Regierungen, die davon wesentliche Vorteile haben.«[122]

Niemand, der diese Worte Theodor Herzls liest, kann die Ähnlichkeit leugnen zwischen diesen Ideen und den tatsächlich durchgeführten Maßnahmen zur Lösung der Judenfrage in den ersten Jahren des Dritten Reiches.

Es gab zwischen 1933 und 1942 die vielfältigsten Bestrebungen, das jüdische Problem zu einer vernünftigen und tragbaren Lösung zu führen. Deutsche Regierungsstellen, Parteidienststellen und die SS waren daran genauso beteiligt wie internationale zionistisch-jüdische Kreise, jüdische Siedler in Palästina und die Jewish Agency (Zionistische Weltorganisation).

Man muß es immer wieder betonen: Der Kampf gegen das Judentum galt nicht dem einzelnen jüdischen Menschen, sondern allein dem unheilvollen, Deutschland zerstörenden Einfluß international verflochtener jüdischer Kreise. Das rührte auf der anderen Seite auch nicht an die Integrität einzelner jüdischer Persönlichkeiten, die für ihr Volk eintraten und für dieses eine Heimat und ein Heimatland suchten. Aus dieser beiden gemeinsamen Motivation heraus stimmten nationalsozialistische und zionistische Kreise im Grundsätzlichen überein.

Gegenwärtig sind zumindest in einem Staat, nämlich in Israel, die oben zitierten soziologischen Erkenntnisse von Frau Dr. Reichmann berücksichtigt worden. Was man dem nationalsozialistischen Deutschland als größtes Unrecht ankreidet, nehmen die Juden mit größter Selbstverständlichkeit für sich in Anspruch.

Nachdem der Staat Israel am 15. Mai 1948 gegründet worden war, proklamierte David Ben Gurion das »Land Israel« zum Eigentum des jüdischen Volkes. In diesem Land, das zum »Staat Israel« ausgerufen wurde, beanspruchten die Juden Selbständigkeit und nationale Hoheitsrechte. Der Staat Israel wurde zum Heimatland aller Juden erklärt. Er war bereit, Juden aus der ganzen Welt aufzunehmen. »Dieser Staat wird seine Tore für jeden Juden weit Öffnen und dem jüdischen Volk die Stellung einer gleichberechtigten Nation unter den Völkern verleihen« (Unabhängigkeitserklärung). Jeder Jude war und ist in Israel willkommen. Für Nichtjuden dagegen ist eine Einreise nur als Tourist möglich. Das heißt: Israel treibt die gleiche Nationalitätenpolitik, die man dem nationalsozialistischen Deutschland vorwirft.

In Israel sind etwa 15 Prozent der Einwohner Nichtjuden, die meisten davon Araber. Alle Nichtjuden werden lediglich als Religionsgemeinschaften anerkannt, einen politischen Einfluß gesteht man ihnen nicht zu. Unter den 120 Mitgliedern der Knesset (des israelischen Parlaments) gibt es allerdings vier Vertreter der arabischen Minderheit; nach dem Verhältniswahlrecht, das in Israel gilt, müßten es jedoch 18 sein. Die 0,6% nicht-arabischen Einwohner Israels - vorwiegend europäische christliche Gemeinschaften, die noch von der Mandatszeit her im Land ansässig sind - haben überhaupt keine politische Vertretung. (Man denke einmal an den Einfluß, den jüdische Bürger in der Bundesrepublik beanspruchen, obwohl hier sogar nur 0,05% der Bevölkerung Juden sind!) Die gesamte Regierungsgewalt liegt allein in den Händen der Juden. Daß ein Nichtjude etwa Minister würde, ist von der Verfassung her gar nicht möglich.

Zwei der, ach so berüchtigten, »Nürnberger Gesetze« sind in Israel Staatsgesetz.

Vom »Gesetz über das Reichsbürgerrecht« hat Israel die Unterscheidung zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit übernommen. Während auch die nicht-jüdischen Einwohner Israels die israelische Staatsangehörigkeit annehmen können, erstreckt sich die Volkszugehörigkeit nur auf Juden und wird durch ein »J« im Personalausweis kenntlich gemacht. Dieses »J« sichert ihnen eine bevorzugte Behandlung bei der Arbeitssuche, auf Behörden und dergleichen.

Das Nürnberger »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« entsprach schon bei seiner Verkündigung analogen jüdischen Religionsvorschriften, wonach einem Juden die Eheschließung mit einem Nichtjuden verboten ist. Auch das ist jetzt selbstverständlich Staatsgesetz in Israel. Kein Jude kann einen Nichtjuden heiraten. Derartige etwa im Ausland geschlossene Ehen sind ungültig, daraus entstammende Kinder gelten als unehelich.

Jeder freiheitsliebende Mensch, der sein eigenes Volk und Vaterland liebt, muß und wird es begrüßen, daß sich die Juden, die sich einem Volk zugehörig fühlen, zu einem eigenen Staat zusammenschließen. Die Anstrengungen der ersten jüdischen Siedler, die das Sumpfland Palästinas austrockneten, die Wüste bewässerten, Felder und Äcker entsteinten und aus dem heruntergekommenen Land teilweise ein blühendes Paradies machten, sind in höchstem Maß bewunderungswürdig. Niemand wird ihnen das Recht auf ihr Land streitig machen. Niemand wird ihnen untersagen, in ihrem Staat eigene Gesetze aufzustellen und, wenn sie es wünschen, ihr Land gegen nichtjüdische Einwanderung zu sperren. Aber dann sollen doch nicht ausgerechnet Sprecher jüdischer Gruppen auf das nationalsozialistische Deutschland mit Fingern zeigen und ihm zum Vorwurf machen, eine Nationalitätenpolitik betrieben zu haben, die in Israel an der Tagesordnung ist.


Anmerkungen

  1. Julius H. Schoeps, Neonazismus und Wurzeln des Antisemitismus, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 19. Jahrg., Heft 73, 1980, S. 21.
  2. Eva G. Reichmann, Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe, Frankfurt, 1969, S. 30.
  3. Reichmann, aaO, S. 35.
  4. Theodor Herzl, Der Judenstaat, 12. Aufl., Jerusalem 1970, S. 11, 23f., 78.
  5. Herzl, aaO, S. 11, 7.
  6. Herzl, aaO, S. 25.
  7. Herzl, aaO, S. 16.
  8. Herzl, aaO, S. 16f

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