AUSWANDERUNG DER JUDEN - LÖSUNGSVERSUCHE

Das Haavara-Abkommen

Die Anfänge einer organisierten Auswanderung aus Deutschland wurden bereits im Mai 1933 gelegt. Damals entstand die »Haavara«, jene Organisation, die Tausenden von deutschen Juden einen geordneten Transfer (Haavara, sprich: ha'avará, ist hebräisch und heißt: Transfer) nach Palästina ermöglichte unter Mitnahme ihrer Habe und ihres Vermögens.

In seinen Grundzügen ist diese Art des Transfers bereits in Theodor Herzls Schrift »Der Judenstaat« enthalten. Herzl sah die Schwierigkeiten, die der Abzug einer größeren Zahl von Juden aus ihren Gastländern mit sich bringen würde, besonders wenn es sich, wie es bei den deutschen Juden der Fall war, um wirtschaftlich starke Gruppen handelte. Er schlug die Gründung einer »Jewish Company« vor, die die Aufgabe hätte, die Immobilien der abziehenden Juden zu liquidieren. Der auswandernde Jude bekommt nicht das Geld für seinen zurückgelassenen Besitz ausbezahlt, sondern erhält stattdessen »drüben«, also in Palästina, an das Herzl ja dachte, einen Gegenwert in Waren, Häusern, Land - je nach den Bedürfnissen des einzelnen und den Möglichkeiten der neuen Gemeinschaft[123].

Etwas Ähnliches, zeitentsprechend modifiziert, wurde im Jahr 1933 von deutscher und jüdischer Seite verwirklicht.

Auswandernde Juden zahlten ihre Vermögenswerte in Deutschland auf ein Sperrkonto und erhielten dafür in Palästina Waren, Haus- oder Landbesitz. Mit den auf dem Sperrkonto eingezahlten Reichsmarkbeträgen bezahlte die palästinische Vertragsfirma aus Deutschland importierte Waren.

Das erste Abkommen dieser Art wurde im Mai 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und der palästinischen Zitrus-Pflanzengesellschaft »Hanotea Ltd.« getroffen. Einer der ehemaligen Berater der Haavara, der jüdische Bankfachmann und Wirtschaftsexperte Dolf Michaelis, beschreibt es so:

»Das Abkommen mit diesem Ministerium sah vor, im Rahmen von einer Million Reichsmark Auswanderern oder solchen, die später auswandern wollten, die Genehmigung zu erteilen, durch Zahlung auf ein Sperrkonto der Hanotea - bis zu RM 40 000 im Einzelfall - sich eine Heimstätte in Palästina zu schaffen. Die Hanotea verpflichtete sich vertragsgemäß, dem Transferenten als Gegenwert ein Haus oder eine Zitruspflanzung zur Verfügung zu stellen, die er selbst bewirtschaften konnte; er konnte sie aber auch gemäß einem Sondervertrag durch die Hanotea bewirtschaften lassen.

Die Hanotea-Gesellschaft ihrerseits erwarb mit den auf ihr Sperrkonto eingezahlten Reichsmarkbeträgen Waren für ihren eigenen Bedarf, wie z. B. Röhren, landwirtschaftliche Maschinen, Pumpen, Düngemittel usw.«[124]

Das Abkommen wurde bald erweitert und auf andere Treuhandfirmen ausgedehnt. Seine offizielle »Geburtsurkunde« war der Runderlaß Nr. 54/33 des Reichswirtschaftsministeriums vom 28. Aug. 1933 an alle deutschen Devisenstellen:

»Um die Abwanderung deutscher Juden nach Palästina weiterhin durch Zuteilung der erforderlichen Beträge ohne übermäßige Inanspruchnahme der Devisenbestände der Reichsbank zu fördern und gleichzeitig die deutsche Ausfuhr nach Palästina zu steigern, ist mit den beteiligten jüdischen Stellen ein Abkommen auf folgender Grundlage abgeschlossen worden:

Auswanderern, denen die Auswanderungsberatungsstelle bestätigt, daß über den als Einreisegeld erforderlichen Mindestbetrag von LP 1 000,- hinaus weitere Beträge zur Gründung einer Existenz in Palästina erforderlich und angemessen sind, kann im Rahmen dieses Gutachtens für den RM 15 000,- übersteigenden Betrag die Genehmigung zur Einzahlung auf ein bei der Reichshauptbank errichtetes Sonderkonto I der Bank der Tempelgesellschaft zugunsten einer in Palästina zu errichtenden jüdischen Treuhandgesellschaft (bzw. bis zur Errichtung dieser Treuhandgesellschaft zugunsten der Anglo-Palestine Bank) erteilt werden. Das Sonderkonto I, für das zusammen mit dem weiter unten zu erwähnenden Sonderkonto II zunächst ein Gesamtbetrag von RM 3 Millionen vorgesehen ist, wird von der Tempelbank als Treuhandkonto für die genannte jüdische Treuhandgesellschaft geführt. Aus dem Konto werden deutsche Warenlieferungen nach Palästina bezahlt. Den Auswanderern wird der Gegenwert ihrer Einzahlungen nach Maßgabe der aus dem Absatz der deutschen Waren in Palästina zur Verfügung stehenden Beträge durch die palästinensische Treuhandgesellschaft nach der Reihenfolge und dem Verhältnis der Einzahlungen auf dem Sonderkonto I untereinander in Palästina-Pfunden ausgezahlt.

Zur Beratung der deutschen Juden in den sich auf diese Form des Kapitaltransfers nach Palästina beziehenden Fragen ist eine ›Palästina-Treuhandstelle zur Beratung deutscher Juden G. m. b. H.‹ mit dem Sitz in Berlin, Friedrichstraße 218, gegründet worden. Ich ersuche, bei der Erteilung der Genehmigungen auf diese Stelle ausdrücklich hinzuweisen.

Für die Bank der Tempelgesellschaft ist bei der Reichshauptbank ferner ein Sonderkonto II eingerichtet worden. Auf Antrag können die Devisenbewirtschaftungsstellen deutschen Staatsangehörigen jüdischen Volkstums, die zur Zeit noch nicht auswandern, sich aber gleichwohl schon jetzt eine Heimstätte in Palästina schaffen wollen, die Genehmigung zur Einzahlung von Beträgen bis zu höchstens RM 50000,- je Person auf diesem Konto (ebenfalls zugunsten einer in Palästina zu errichtenden jüdischen deutschen Treuhandgesellschaft bzw. bis zur Errichtung dieser Treuhandgesellschaft zugunsten der Anglo-Palestine Bank Ltd.) erteilen.«[125]

In den folgenden Jahren blieb das Prinzip das gleiche, jedoch die zum Transfer genehmigten Summen wurden beträchtlich erhöht, oder die Limitierung wurde aufgehoben. Im Jahr 1936 übernahm die Jewish Agency die Haavara und löste die einzelnen Treuhandfirmen ab. Dieses Abkommen hatte eine Laufzeit von über acht Jahren. Auch nach Kriegsausbruch waren die deutschen Behörden bereit, den Haavara-Transfer fortzusetzen, da sie den Standpunkt einnahmen, daß das dem Völkerbund unterstehende Mandatsland Palästina nicht im Krieg mit Deutschland sein könne. Erst die Einbeziehung von Palästina in die Kriegsorganisation des Britischen Empire machte den direkten Transfer nach dorthin unmöglich. Weiterhin konnten jedoch deutsche Juden über eine Zweigstelle der Haavara in London, der »Intria«, unter Einschaltung neutraler Länder ihren Vermögenstransfer nach Palästina bewerkstelligen. Erst im Dezember 1941, als Amerika in den Krieg eintrat, war die Verbindung abgebrochen.

Die Treuhandkonten der Haavara in Deutschland lagen bei den beiden jüdischen Privatbanken M. M. Warburg, Hamburg und A. E. Wassermann, Berlin. Bei Kriegsausbruch wurden die Banken unter deutsche Treuhandverwaltung gestellt. Die darauf noch vorhandenen nicht mehr transferierten Beträge wurden als »Eigentum feindlicher Ausländer« behandelt und nicht beschlagnahmt. Nach Kriegsende standen sie den Einzahlern wieder zur Verfügung.

Zur Erlangung eines Einwanderungs-Zertifikats nach Palästina war ein Mindestkapital von 1000,- Palästina-Pfund (LP) notwendig. Diese Summe entsprach dem englischen Pfund Sterling. Der Gegenwert in Reichsmark stieg durch die Reichsmarkentwertung von 1933 bis 1939 von 12 500 RM bis auf 40 000 RM an. Die Kaufkraft eines Palästina-Pfundes war aber wesentlich größer als der deutsche Gegenwert. Das durchschnittliche Monatseinkommen eines jüdischen Arbeiters betrug 1933 6,- bis 7,- LP; ein als ausreichend erachtetes Monatseinkommen lag bei 4,- LP. Eintausend Palästina-Pfund waren also ein ganz erheblicher Betrag, und es ist verständlich, daß Juden mit einem solchen Vermögen als »Kapitalisten« (so die offizielle Bezeichnung) galten. Die Kapitalisten bildeten eine eigene Einwanderer-Kategorie, »A l«; für sie gab es keine Einwanderungsbeschränkung.

Durch die Haavara wurde jedoch nicht nur den vermögenden Juden die Auswanderung ermöglicht, sondern auch den minderbemittelten. Da die in Deutschland eingezahlten Summen bei weitem den Warenbedarf des kleinen Jischuw in Palästina überstiegen, wurden aus den angesammelten Beträgen langfristige Kredite an die auswanderungswilligen Juden gegeben, die die Mittel dazu nicht besaßen. Die Rückzahlung erfolgte später in Palästina. Praktisch war durch die Haavara jedem Juden die Auswanderung möglich, sofern er nach Palästina wollte.

Mit anderen Ländern gab es zwar ähnliche TransferAbsprachen, aber die Vorteile, die die Haavara anbot, galten da nicht.

Warenlieferungen über die Haavara erfolgten indessen nicht nur nach Palästina, sondern auch in die angrenzenden Länder, nach Ägypten, Syrien und den Irak. Auch dieser Export konnte mit der »Haavara-Mark« bezahlt werden, was einen erheblichen Devisenverlust für Deutschland darstellte. Die dazu erforderlichen Sondergenehmigungen wurden anstandslos von der deutschen Regierung erteilt.

Die Haavara transferierte außer dem Vermögen der Auswanderer auch Renten und Pensionen, Schul- und Unterhaltsgelder. Es wurden z. B. die Pensionen von entlassenen jüdischen Beamten durch die deutschen Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden regelmäßig überwiesen. »So haben jüdische Staats- und Kommunalbeamte, die auf Grund der Rassengesetze zwangspensioniert wurden, und beamtete Funktionäre jüdischer Gemeinden und Institutionen nach Palästina auswandern und dort ein Existenzminimum in palästinensischer Währung erhalten können. Etwa 600 solcher Rentner bezogen über die Haavara ihre Pension aus Deutschland.«[126] Jüdische Kriegsrentner des Ersten Weltkrieges erhielten fast ausnahmslos ihre Bezüge per Post direkt zugestellt.

Es waren jedoch nicht nur die nach Palästina auswandernden Juden, für die das Haavara-Abkommen Vorteile bot. Ganz erheblich profitierte davon auch der Jischuw, die jüdischen Siedlungen in Palästina.

In der in Anm. 124 genannten Studie über die Haavara, die vom damaligen Direktor der Gesellschaft veranlaßt wurde und die ehemalige Mitarbeiter erstellt haben, heißt es dazu:

»Die durch den deutschen Kapitalzufluß ermöglichte wirtschaftliche Betätigung und die Transaktionen der Haavara für den privaten und Öffentlichen Sektor waren von größter Bedeutung für den Aufbau des Landes. Viele neue Industrie- und Handelsbetriebe sind damals im jüdischen Palästina entstanden, und eine Reihe von Gesellschaften, die heute noch für die Wirtschaft des Staates Israel erhebliche Bedeutung haben, verdanken der Haavara ihre Gründung. Dazu gehört z. B. eine der lebenswichtigsten Einrichtungen Israels, die das ganze Land mit Wasser versorgende Gesellschaft ›Mekoroth‹.

In den Jahren 1933-1940 wurde das jüdische Siedlungswerk an Umfang und Produktion verdoppelt. Das war allein möglich durch die Siedlungskredite, die im Rahmen des Haavara-Abkommens entstanden waren.«[127]

Über die Hälfte aller sogenannten Kapitalisten, die in den Jahren 1933-1940 nach Palästina eingewandert sind, kamen aus Deutschland. Der dadurch erfolgte Kapitalzufluß betrug etwa 20 Millionen Palästina-Pfund (= 20 Millionen Pfund Sterling). Dieses Geld kam allein der jüdischen Gemeinschaft zugute, die im Jahr 1941 auf 500 000 Seelen angewachsen war.

Es nimmt nicht wunder, daß Dr. Ludwig Pinner, ein Direktions-Mitglied der Haavara-Gesellschaft, in seinem 1972 erschienenen Aufsatz »Die Bedeutung der Einwanderung aus Deutschland für das jüdische Palästina« nicht müde wird, über die unschätzbaren Vorteile dieses Abkommens zu reden. Es ist klar erwiesen, daß die Haavara dadurch, daß sie den Juden aus Deutschland die Einwanderung ermöglichte, den Grund legte für den späteren Staat Israel. Ohne das deutsche Kapital, ohne das Fachwissen, die Initiative und die Energie der Juden aus Deutschland hätte es keinen Staat Israel gegeben. Sie erst haben auch die Einwanderung ärmerer Juden aus anderen Teilen der Welt, durch den Ausbau der Siedlungen und der Industrie, ermöglicht.

Dr. Pinner schreibt:

»Die deutsche Einwanderergruppe hat die wirtschaftliche Struktur und das gesellschaftliche Gepräge des Jischuw tiefgreifend verändert und einen ausschlaggebenden Beitrag zu seiner Entwicklung geleistet. Palästina war bis in den Anfang der dreißiger Jahre im wesentlichen ein Agrarland auf primitiver Entwicklungsstufe. Durch die Einwanderung aus Deutschland setzte ein rascher industrieller Aufschwung ein, und Hunderte von Fabrikationsbetrieben und Werkstätten wurden ins Leben gerufen. Noch wichtiger vielleicht als die Ausdehnung der industriellen Erzeugung war die Hebung des fachlichen Niveaus.

Die Betätigung der deutschen Juden als Industrielle und Investoren war ausschlaggebend für die Entwicklung, die die Wirtschaft des Jischuw aus dem vorindustriellen und vorkapitalistischen Stadium herausführte. Die Transaktionen der Haavara und die den deutschen Juden geläufigen Formen der Geldinvestierung bewirkten die Entstehung eines kapitalistischen Anlagemarktes, der langfristige Finanzierung für den Wohnungsbau, für Kolonisation und Industrie ermöglichte und die Voraussetzung dafür schuf, Ersparnisse und Geldreserven für den Aufbau des Landes fruchtbar zu machen. Die an Wertpapieranlagen gewöhnten Einwanderer aus Deutschland schufen erstmalig die Möglichkeit eines modernen Finanzmarktes. Aus dem damals gegründeten Clearinghaus entwickelte sich später die Tel-Aviver Börse.

Der Einfluß der deutschen Einwanderergruppe auf die Entwicklung des jüdischen Palästina fand seinen Ausdruck jedoch nicht nur in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sphäre; er war auch bedeutungsvoll im kulturellen Bereich, auf wissenschaftlichem und künstlerischem Gebiet. Die moderne Ausstattung der Krankenhäuser, die die Haavara ermöglicht hatte, machten Palästina zu einem medizinischen Zentrum ersten Ranges. Von besonderer Bedeutung war es für die Entwicklung des Hochschulwesens, daß Wissenschaftler von Rang in den Stab der jungen Lehr- und Forschungsstätten eintraten. Auf künstlerischem Gebiet ist vor allem der Beitrag der deutschen Einwanderer zum Musikleben hervorzuheben. Das von Bronislaw Hubermann ins Leben gerufene Philharmonische Orchester, das heute internationalen Ruf genießt, wurde bei seiner Gründung (1936) fast ausschließlich mit Künstlern besetzt, die aus Deutschland gekommen waren.«

Dr. Pinner schließt diesen Abschnitt mit der Versicherung:

»Der Einsatz dieser Menschen in Forschungs- und Lehrstätten, in Wirtschaft und Verwaltung, im Öffentlichen Leben und in der Verteidigungsorganisation war von unermeßlicher Bedeutung für die Vorbereitung des Jischuw auf die schicksalhaften Aufgaben, die ihm bevorstanden.«[128]

Wohl selten hat ein einzelnes Abkommen mehr zur Entstehung eines Staates beigetragen, als die Haavara zur Gründung Israels.

Wer mit dem »Geist der Zeit« vertraut ist, wird sich nicht wundern, daß in heutigen Geschichtsdarstellungen über den Staat Israel die Haavara nicht einmal erwähnt wird. Wenn man das täte, müßte man ja zugeben, daß das nationalsozialistische Deutschland, das doch angeblich die Juden »ausgerottet« hat, in Wirklichkeit durch dieses großzügige Auswanderungsabkommen erst den Grundstein für den heutigen Staat Israel gelegt hat.

Was Herzl erträumt hatte, ist durch die Haavara Wirklichkeit geworden: die gesamte legale Einwanderung von Juden aus Deutschland ging in einem organisierten Rahmen vor sich, wobei die Haavara die Rolle der von Herzl vorgeschlagenen »Jewish Company« übernahm und für die Abwicklung des Vermögenstransfers sorgte.

Für Deutschland hatte das Haavara-Abkommen allerdings eine Kehrseite. Im Rahmen dieses Transfers wurden deutsche Waren nach Palästina exportiert, die uns jedoch keine Devisen einbrachten, sondern aus den Sperrmarkkonten in Deutschland bezahlt wurden. Zu einer Zeit, in der Devisen nicht frei gehandelt wurden und der deutsche Export mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, stellte diese Art der Ausfuhr eine beträchtliche Belastung für den Devisenhaushalt dar. Daher wurden auch immer wieder Einwände gegen das Haavara-Abkommen laut.

Darüber hinaus meldete das Auswärtige Amt auch politische Bedenken an. Der deutsche Generalkonsul in Jerusalern, Hans Döhle, betonte in einer Studie vom 22. März 1937, daß die deutsche Regierung durch das Haavara-Abkommen »all die Gesichtspunkte, welche in anderen Ländern für die Wahrung des deutschen Interesses maßgebend sind, zurückgestellt« hat hinter »der Förderung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland und der Seßhaftmachung der ausgewanderten Juden in Palästina«. Die Stärkung der jüdischen Wirtschaft, die wir »durch die Erleichterung der Verpflanzungsmöglichkeit deutsch-jüdischer Industrieunternehmungen nach Palästina erst ermöglicht haben«, muß sich auf dem Weltmarkt gegen uns auswirken. Döhle betont, »die Gegnerschaft der palästinischen Juden dem Deutschtum gegenüber tritt bei jeder Gelegenheit in Erscheinung[129]« .

Ein weiterer Nachteil der deutschen Wareneinfuhr nach Palästina war, daß sich dadurch Großbritannien benachteiligt fühlte und in seiner Presse Angriffe gegen Deutschland startete. In England wurde nicht das Positive der deutschen Hilfeleistung den Juden gegenüber gesehen, sondern allein die unliebsame deutsche Konkurrenz im Warenverkehr.

Nach der Studie Döhles sieht die Negativbilanz des Haavara-Abkommens wie folgt aus:

  1. Devisenverlust durch Warenausfuhr ohne Devisenerlös.
  2. Durch Aufbau der jüdischen Wirtschaft Stärkung des antideutschen jüdischen Einflusses in Palästina.
  3. Lenkung der deutschen Einfuhr nach Palästina durch die Jewish Agency ohne Berücksichtigung der deutsehen Verkaufsinteressen.
  4. Verärgerung der im Lande ansässigen arabischen und deutschen Kaufleute, die nur noch über die Jewish Agency mit Deutschland Geschäfte abschließen können.
  5. Verärgerung der britischen Mandatsmacht, die ihre Vorrangstellung durch die deutschen Konkurrenten gefährdet sieht.

Trotz all dieser Bedenken entschied Adolf Hitler wiederholt, daß die Auswanderung der Juden mit allen Mitteln zu fördern sei und eine Aufhebung des Haavara-Abkommens nicht in Frage komme. Die Folge dieser Führerentscheidungen war, daß die Haavara bis ins Jahr 1941 hinein in Kraft blieb.

Die Konferenz von Evian und das »Zwischenstaatliche Komitee«

Im Sommer 1938 tagte auf die Initiative des amerikanischen Präsidenten Roosevelt hin im französischen Kurort Evian-les-Bains am Genfer See eine internationale Flüchtlingskonferenz. Vertreter von 32 Staaten trafen sich vom 6.-15. Juli im Hotel Royal zu geheimen Besprechungen, in denen über Hilfsmöglichkeiten für die aus Deutschland auswandernden Juden beraten werden sollte.

Die Vertreter aller 32 Staaten waren sich einig: Die Judenauswanderung sei eine unerhörte Grausamkeit der deutschen Regierung, das Leid der Juden sei unermeßlich, die qualvolle Dringlichkeit der Lage erfordere sofortige internationale Zusammenarbeit. Jeder einzelne Abgesandte stand auf und hielt eine flammende Rede gegen den in Deutschland herrschenden Antisemitismus, jeder einzelne war voll Verständnis und Sympathie für die armen Juden, und jeder einzelne betonte, daß speziell sein Land - leider nicht in der Lage sei, ihnen durch Aufnahme einer größeren Zahl von Einwanderern zu helfen.

Deutschland hatte sich an dieser Konferenz weder als Teilnehmer noch als Zuschauer beteiligt. Es sah offensichtlich voraus, daß für dieses internationale Unternehmen keine Erfolgschancen bestanden.

Nach zehn Tagen brachen die Abgesandten der 32 Nationen ihre Zelte in den verschiedenen Luxushotels des Badeortes am Genfer See wieder ab und reisten nach Hause. Übrig blieb George Rublee und das »Zwischenstaatliche Komitee der Evian-Konferenz«.

Zur Gründung dieses Komitees hatten sich die Teilnehmer letztlich entschlossen, einmal um ihre Spesen zu rechtfertigen und zweitens, um den Anschein zu erwecken, daß sie weiterhin um das Schicksal der Juden aus Deutschland besorgt seien. Zum Direktor wurde der amerikanische Rechtsanwalt George Rublee gewählt, ein Mann von über 70 Jahren, mit einem ungewöhnlichen Durchsetzungsvermögen, tiefem humanitärem Engagement und der »Fähigkeit, schwierige Probleme mit sanfter Hand« zu lösen - wie es in einer Personenbeschreibung der »Washington Post« vom 11. August 1938 hieß.

Rublee blieb bis Ende 1-ebruar 1939 auf diesem Posten. In den sieben Monaten. seiner Tätigkeit hatte er sich nicht zuletzt mit der Gleichgültigkeit der übrigen Komitee-Angehörigen herumzuschlagen. Etwa 25 Jahre später veröffentlichte er einen Bericht über diese seine Arbeit in dem er sagt:

»Ich stellte bald fest, daß weder in britischen Regierungskreisen, noch im Diplomatischen Corps besonderes Interesse an meiner Arbeit bestand. Der amerikanische Botschafter, Joseph P. Kennedy (Vater des späteren Präsidenten John F. Kennedy) zeigte nur geringes Interesse und ließ mir nie wesentliche Unterstützung angedeihen. Ich vermutete ... daß auch Präsident Roosevelt kein sonderliches Interesse zeigte. Ich vermute, daß der Präsident gedacht haben mag, daß irgendeine Geste nötig sei, um die durch die Judenverfolgungen erzeugte Empörung zu besänftigen.«[130]

Wenn man heute die Evian-Konferenz irgendwo erwähnt findet, geschieht es regelmäßig mit der Bemerkung, daß keinerlei Wirkung von ihr ausgegangen sei und auch die Bemühungen des »Zwischenstaatlichen Komitees« im Sande verlaufen wären. Von jüdischer Seite wird an dieser internationalen Konferenz die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der Judenverfolgung demonstriert. Die ehemaligen Teilnehmerstaaten betonen die Hilflosigkeit freiheitlicher Demokratien im Angesicht der Brutalität der »braunen Diktatur«.

Damit wird der Sachverhalt ins völlige Gegenteil verkehrt. Zwar waren es tatsächlich nicht die »freiheitlichen Demokratien« und ihre internationalen Konferenzen, die irgendeinen realitätsbezogenen Hilfsplan aufstellten. Jedoch die deutsche Regierung, die »brutale braune Diktatur«, unterzeichnete im Februar 1939 nach knapp vierwöchentlichen Verhandlungen mit George Rublee ein Geheimabkommen, das in eingeweihten Kreisen als »sensationell, ganz außergewöhnlich, liberaler und großzügiger, als man erwartet hatte« bezeichnet wurde.

Und das Abkommen war wirklich sensationell:

Gegen den Willen von Chaim Weizmann, dem Präsidenten der Jewish Agency, gegen den Widerstand englischer, französischer und amerikanischer Juden wurde für die auswandernde jüdische Bevölkerung ein Hilfsprogramm aufgestellt, das die Umsiedlung von mehr als 400000 Juden finanziell sichergestellt hätte.

Ohne Vermögensverlust, falls erforderlich, nach einer von der deutschen Regierung geförderten Ausbildung zu bestimmten im Einwandererland bevorzugten Facharbeitern hätten die jüdischen Familien Deutschland verlassen und in einem Land ihrer Wahl eine neue Heimat finden können. Auch die - aus anderen als kriminellen Gründen -in Lagern festgehaltenen Juden sollten die Auswanderungsgenehmigung erhalten.

Außer der in Etappen zu erfolgenden Freistellung der jüdischen Vermögen und der Umschulung gingen die deutschen Behörden sogar noch weiter, um Juden die Aufnahme in einem anderen Land zu erleichtern: eventuelle Eintragungen im Strafregister sollten getilgt werden, soweit das möglich und zu verantworten war.

Den Juden über 45 Jahren blieb es freigestellt, ob sie ebenfalls auswandern oder in Deutschland bleiben wollten. Ihnen wurde garantiert, daß sie in Deutschland in Ruhe leben, volle Bewegungsfreiheit genießen und arbeiten könnten, wo sie wollten. Die Älteren, nicht mehr Arbeitsfähigen sollten in ein Sozialprogramm eingegliedert werden, das ihnen einen sorglosen Lebensabend ermöglichte.

Mit Inkrafttreten dieses Programms sollten Restriktionen gegen Juden (Reisebeschränkungen, Berufsverbote) weitgehend aufgehoben werden[131].

Auf dieses Abkommen und die Bemühungen, die ihm vorausgingen, werden wir weiter unten noch einmal eingehen. Befassen wir uns zunächst mit einem Finanzierungsplan, den Dr. Hjalmar Schacht nach den Ereignissen der »Kristallnacht« auf Wunsch und Veranlassung Adolf Hitlers ausarbeitete und mit welchem er nach London fuhr.

Der Schacht-Plan

Nach den Vorstellungen von Dr. Schacht sollte das Vermögen der in Deutschland lebenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit zusammengefaßt und von einem Komitee, bestehend aus Deutschen, Juden und ausländischen Finanzleuten, treuhänderisch verwaltet werden. Das gesamte jüdische Vermögen - von der Reichsbank im November 1938 auf 6 Milliarden Reichsmark geschätzt (eine Schätzung, die, wie sich später ergab, um über 50% zu niedrig war) - sollte nun als Sicherheit für eine Sofortanleihe in Devisen im Gegenwert von 1,5 Milliarden Reichsmark dienen. Mit dieser Summe hätte die Auswanderung finanziert werden können. Schacht war sicher, daß die vermögenden ausländischen Juden bedenkenlos diese Anleihe zeichnen würden, um ihren Glaubensgenossen in Deutschland zu helfen.

Dr. Schacht begab sich also Anfang Dezember 1938 nach London, um seine Vorschläge dort mit verschiedenen Persönlichkeiten zu erörtern. Er verhandelte mit dem Gouverneur der Bank von England, Montague Norman, mit dem er persönlich befreundet war; ferner mit Lord Winterton, Großsiegelbewahrer und Vorsitzender des Evian-Komitees; mit Sir Frederick Leith-Ross, dem wirtschaftlichen Hauptberater der englischen Regierung; außerdem mit Lord Bearstedt vom Bankhaus Samuel & Samuel, und schließlich auch mit George Rublee, der den Sitz des »Zwischenstaatlichen Komitees« nach London verlegt hatte.

Im Laufe der Besprechungen meinte Lord Bearstedt, daß man diese ganze Frage nicht ohne Beteiligung der Juden selbst verhandeln könne, und schlug vor, daß er zunächst Rücksprache mit Dr. Chaim Weizmann, dem Präsidenten der Jewish Agency, nehmen wolle.

Schacht berichtet dazu:

»Am zweiten Tag ist Lord Bearstedt zurückgekommen und hat mir wiederum in Gegenwart von Montague Norman erklärt: ›Es tut mir leid, Chaim Weizmann ist absolut gegen diesen Plan.‹ Darauf habe ich gefragt: ›Können Sie mir irgendeine Begründung für diese Ablehnung geben?‹ Seine Antwort war: ›Das kann ich leider nicht‹, was heißen sollte, ›das darf ich leider nicht‹. Das hat er mir natürlich nicht gesagt. Er sagte nur: ›Ich kann Ihnen den Grund nicht nennen, aber die Judenschaft würde das nicht akzeptieren.‹«[132]

Das ist zunächst frappierend. Warum wollte die Judenschaft »das nicht akzeptieren«? Warum wollte Weizmann nichts dazu beitragen, daß die Juden aus Deutschland auswandern konnten?

Dazu Dr. Schacht:

»Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Weizmann sich gesagt hat: ›Mein Ziel, Zion wieder zu errichten, einen jüdischen Staat zu gründen, werde ich nur durchsetzen, wenn ich große Opfer geschehen lasse, die der Sache einen Aufschwung geben.‹ Ich glaube, er hat die Idee gehabt, Opfer zu schaffen.«

Nun, so wie Schacht das schildert, hat es sich nicht zugetragen. Erstens einmal wurde nicht der Plan an sich abgelehnt, sondern nur die von Schacht vorgeschlagene Art der Finanzierung durch eine Privatvereinigung vermögender Juden; und zweitens traf nicht Weizmann diese Entscheidung, zumindest nicht allein.

Schacht hielt sich vom 14. bis 17. Dezember 1938 in London auf. Dann reiste er ab und nahm - wie er im Jahre 1970 dem Journalisten Vogel gegenüber behauptete - den Eindruck mit sich, der Plan sei gescheitert.

Im Dezember 1938 hatte er über diese Besprechungen jedoch eine andere Meinung. In einem Telegramm des deutschen Botschafters von Dirksen in London vom 16. 12. 1938 an das Auswärtige Amt in Berlin heißt es:

»Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der sich drei Tage in London als Gast von Mr. Montague Norman aufgehalten hat, wird am Sonnabend früh die Rückreise nach Berlin wieder antreten. Über das Ergebnis seiner Besprechungen hat er mir folgendes mitgeteilt:

1. Hinsichtlich der Frage der Abwanderung der Juden aus Deutschland hat er eine längere Besprechung mit Lord Winterton, dem Vorsitzenden der Evian-Konferenz, Mr. Rublee, dem Vorsitzenden des zwischenstaatlichen Flüchtlings-Ausschusses, und mit dem wirtschaftlichen Hauptberater der englischen Regierung, Sir Frederick Leith-Ross, gehabt. Er hat hierbei den Plan entwickelt, daß innerhalb einiger Jahre 150000 Juden aus Deutschland abtransportiert und im Ausland angesiedelt werden sollten; die finanziellen Mittel in Höhe von anderthalb Milliarden Mark würden von einem ausländischen Konsortium aufzubringen und deutscherseits durch zusätzliche Ausfuhr zu verzinsen und zu amortisieren sein. Dieser Plan wurde von den Herren Winterton, Rublee und Leith-Ross als Diskussionsbasis a enommen. Der Fortgang der Besprechungen soll verabredet werden, sobald Herr Schacht in Berlin Bericht erstattet hat und die Richtlinien für die weiteren Verhandlungen unsererseits festgelegt sind.«[133]

In London führte George Rublee inzwischen die Verhandlungen weiter. Zur Frage der Finanzierung schrieb er am 18. Dez. 38 nach Washington:

»Wir haben hier mit prominenten jüdischen Führern private Besprechungen geführt und ebenfalls die Meinungen jüdischer Führer aus Paris eingeholt. Es hat sich herausgestellt, daß die Juden den Plan, ein privates Komitee zu gründen, kategorisch ablehnen. Sie sind der Meinung, daß dadurch der Idee, als gebe es so etwas wie ein ›Weltjudentum‹, tatsächlich eine gewisse Glaubwürdigkeit verliehen würde. Ihrer Meinung nach soll die Finanzierung der Anleihe ausschließlich durch die Regierungen der im Zwischenstaatlichen Komitee vertretenen Länder übernommen werden.«[134]

Als Antwort darauf erhielt Rublee ein Telegramm von Unterstaatssekretâr Sumner Welles aus Washington. Dieser betonte, daß in Amerika niemand Chancen sehe, den Plan der Anleihe, so wie er von Schacht vorgeschlagen sei, durchzuführen. Im übrigen komme der ganze Vorschlag der Zahlung eines Lösegeldes gleich, das Deutschland für die Freilassung von Geiseln fordere.

Rublee ließ sich jedoch nicht so leicht entmutigen und berief für den 20. Dezember 1938 eine Sitzung nach Paris ein, an der Finanzexperten aus Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien teilnahmen. Auch bei dieser Tagung wurde festgestellt, daß es für Privatleute unmöglich sei, die geforderte Summe von 1,5 Milliarden Reichsmark in Devisen aufzubringen. Dafür komme nur ein internationales Gremium in Frage. Besonderen Anstoß nahm man auf dieser Sitzung an der Forderung Schachts, daß auch die Zinsen, die Deutschland für die Anleihe zu zahlen bereit war, durch eine zusätzliche Devisenanleihe bevorschußt werden müßten. Schließlich trennte man sich mit der Absprache, daß Deutschland aufgefordert würde, sich zu verpflichten, die Zinsen in Devisen selbst zu zahlen. Das wäre u. a. auch ein Anreiz für die ausländischen Unternehmer, auf den Boykott zu verzichten.

Für uns beachtenswert dabei ist, daß dieser Boykott, 1933 von einem Weltjudentum ausgerufen, das es angeblich gar nicht gab, durch all die Jahre hindurch treu beobachtet worden ist und jetzt wiederum als Druckmittel benutzt werden soll.

Nach den Weihnachtsfeiertagen wurde Rublee zu Besprechungen nach Berlin eingeladen. Diese Einladung ist ein deutlicher Beweis für die Wandlung in der deutschen Judenpolitik nach der »Kristallnacht«. Vor jener Novembernacht war man den Bestrebungen des »Evian-Komitees« eher mit skeptischer Zurückhaltung begegnet und weigerte sich wiederholt, Herrn Rublee offiziell in Berlin zu empfangen. Die Judenfrage war eine innerdeutsche Angelegenheit, man hatte nicht die Absicht, sich da von internationaler Seite hineinreden zu lassen.

Diese Auffassung wurde im übrigen noch im Oktober 1938 von Vertretern Frankreichs im Namen der Konferenzteilnehmer von Evian vertreten: »Keiner dieser Staaten bestreitet der deutschen Regierung das uneingeschränkte Recht, hinsichtlich bestimmter Staatsangehöriger Maßnahmen zu ergreifen, die lediglich auf der Ausübung ihrer Souveränität beruhen.« Die gleiche Versicherung gab im Auftrag dieser Versammlung der britische Botschafter ab: »Das Komitee enthält sich strikt jeder Kritik und jeden Versuches der Einmischung, soweit es sich um das Recht der Deutschen Regierung auf innenpolitische Maßnahmen in bezug auf die politischen und religiösen Überzeugungen beziehungsweise die rassische Zugehörigkeit ihrer Staatsbürger handelt.«[135]

Erst die Ereignisse der »Kristallnacht« brachten eine radikale Änderung der deutschen Haltung. Die Verhandlungen mit Rublee wurden von deutscher Seite so forciert, daß ein erfolgreicher Abschluß innerhalb eines Monats erreicht werden konnte - ein Tempo, das selbst Rublee verblüffte.

Das Rublee-Wohlthat-Abkommen

Rublee kam Anfang Januar 1939 nach Berlin und nahm seine Gespräche auf; zunächst mit Schacht, dann - nach dessen Abberufung als Reichsbankpräsident - auf Veranlassung von Hermann Göring mit dessen Ministerialdirektor Helmut Wohlthat. Nach knapp vier Wochen konnten beide das Abkommen unterzeichnen, von dem wir oben bereits sprachen und dessen Inhalt Rublee in seinem schon erwähnten Bericht später wie folgt skizzierte:

»Es lebten etwa 600 000 Juden in Deutschland ... man ging davon aus, daß 150 000 von ihnen arbeitsfähige, junge Leute waren, die von uns im Laufe von fünf Jahren ordnungsgemäß aus Deutschland abtransportiert werden sollten - das hieß, es mußten jährlich 30 000 in anderen Teilen der Welt untergebracht werden. Man nahm an, daß diesen 150 000 zur gegebenen Zeit weitere 250 000 Familienangehörige folgen würden, so daß schließlich 400 000 Deutschland verlassen haben würden. Bei den restlichen 200 000 handelte es sich um alte (über 45 Jahre alt), kranke oder aus anderen Gründen nicht ausreisefähige Juden. Sie sollten in Deutschland bleiben, und es war sichergestellt, daß sie anständig behandelt werden würden....

In London sollte von jüdischer Seite eine Vereinigung gegründet werden, die Vertreter mit dem Auftrag nach Deutschland entsenden sollte, dafür zu sorgen, daß die Auswanderung ordnungsgemäß durchgeführt wurde. Die Juden sollten also selbst diejenigen auswählen, die ausreisen durften. Es gab Bestimmungen, nach denen die Reisebeschränkungen für Juden in Deutschland sofort gelockert werden sollten und die Juden Berufe ausüben durften, die ihnen bisher verschlossen waren.

Das Abkommen war liberaler und großzügiger, als man es für möglich gehalten hatte.«[136]

In einem Gespräch mit den Journalisten Rolf Vogel hat Helmut Wohlthat 1974 erklärt, daß dieses Abkommen offiziell zwar nie als solches bezeichnet wurde, daß es sich aber nichtsdestoweniger um einen abgeschlossenen Vertrag gehandelt hat.

»Dann stellten wir eine Art Memorandum auf, das Herr Rublee und ich abstimmten.

Das Memorandum hat Herr Rublee mir dann in Form eines Briefes übersandt. Dieses Memorandum war eine völlig klare Regelung für die Behandlung der Auswanderer aus Deutschland....

Dieser Briefwechsel mit Herrn Rublee war praktisch eine Vertragsbasis.«

Als Wohlthat von Vogel gefragt wurde, ob nicht irgendwelche Ministerien oder sogar Himmler Einspruch gegen diese Regelung erhoben hätten, verneinte er mit Bestimmtheit.

»Mir gegenüber wurde einmal erwähnt, daß dieses Papier, das ich mit Mr. Rublee ausgearbeitet hatte, natürlich auch Gegenstand von Beratungen der Geheimen Staatspolizei gewesen sei. Hier möchte ich aber auch betonen, daß ich vor der Bestätigung des Papiers, das mir Mr. Rublee zur Abzeichnung zugeschickt hatte, bei Göring Vortrag gehalten habe mit dem Bemerken, daß ich nur mit seiner Zustimmung unterzeichnen werde und daß ich das nur bestätigen würde, wenn ich sicher sein könnte, daß der Inhalt dieses Papiers auch ausgeführt würde. Göring ist dann noch einmal zu Hitler gegangen und hat sich selbst die oberste Zustimmung geholt. Dann erst habe ich Mr. Rublee den Inhalt des Papiers bestätigt.«[137]

Es besteht demnach kein Zweifel, daß das ganze Abkommen mit ausdrücklicher Genehmigung der obersten Reichsregierung erfolgte. Hier haben wir einen ausführlichen Plan, wie die tatsächliche »Endlösung« aussehen sollte.

Auch die finanzielle Seite fand schließlich eine zufriedenstellende Regelung. In England wurde eine Gesellschaft mit einem Kapital von 1 Million Dollar gegründet, deren Direktor Paul van Zeeland, Ministerpräsident von Belgien, war.

Unterredungen, die der amerikanische Vertreter des Evian-Komitees, Taylor, in Amerika hatte, führten schließlich ebenfalls zum Erfolg, und so konnte Helmuth Wohlthat am 29. April 1939 in einem Aktenvermerk feststellen:

»Mr. Taylor hat aus New York telefoniert und als Ergebnis seiner Verhandlungen, die teilweise recht schwierig waren, festgestellt, daß die amerikanischen jüdischen Bankiers sich bereit erklärt haben die genügenden Mittel aufzubringen und die Durchführung jedes einzelnen Siedlungsprojektes zu garantieren. Die Herren Taylor, Sir Herbert Emerson und Pell sind nunmehr davon überzeugt, daß die Finanzierung der Auswanderung gesichert ist.«[138]

George Rublee sagt in seinem Bericht weiter:

»Die Deutschen erfüllten alle ihre Verpflichtungen, und bis zum August wurde auch von jüdischer Seite das Erforderliche getan. Dann kam der Krieg und brachte alles zum Erliegen.

Vielleicht hätte, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, die Judenverfolgung in Deutschland aufgehört. - . . In den Monaten zwischen meiner Abreise aus Deutschland und dem Ausbruch des Krieges kam es kaum noch, wenn überhaupt, zu Judenverfolgungen in Deutschland. Einige reisten aus, und die übrigen hatten es in Deutschland leichter. Ich erhielt eine ganze Anzahl von Briefen aus Deutschland, in denen ... mir (Juden) ... ihren Dank für das, was ich für sie getan hatte, zum Ausdruck brachten.«[139]

»Vielleicht hätte, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, die Judenverfolgung in Deutschland aufgehört« sagte Mr. Rublee. Aber wollte man das jüdischerseits überhaupt? Ein Abflauen der wirklichen - oder angeblichen - Judenverfolgung in Deutschland hätte zumindest die amerikanischen Juden um ihren wirksamsten Zündstoff im Kampf gegen das Deutsche Reich gebracht. Damit wäre die ›moralische‹ Begründung ihrer Kriegshetze gegen Deutschland entfallen. Aber der Krieg war zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache.

Eine andere bedenkenswerte Frage ist, ob nicht sogar die drohende Ausschaltung des jüdischen Einflusses in Deutschland - denn dazu wäre es mit der Abwanderung der Juden schließlich gekommen - mit ein Grund oder vielleicht sogar der Hauptgrund für den Ausbruch des Weltkrieges gewesen ist? Oder sollten wir im Ernst annehmen, daß eine Großmacht ihre Machtposition in einem der wichtigsten Staaten der Erde kampflos aufgibt?

Nein, so dankbar wie die Juden in Deutschland waren die Juden in den Vereinigten Staaten Mr. Rublee für seine Bemühungen gewiß nicht. Der Gentleman Rublee drückt es sehr vornehm aus: »Die Juden in Amerika waren nicht sehr glücklich, denn es bestand bei ihnen eine Abneigung gegen jede Regelung mit Deutschland.«[140] Ein Beispiel für diese »Abneigung« gibt der amerikanische Unterstaatssekretär Sumner Welles in seinem Buch »My Mission to Europe«. Er erzählt darin, daß er am 17. November 1938 einen Anruf des britischen Botschafters in Washington erhielt. Dieser teilte ihm im Auftrag seiner Regierung mit, daß das britische Parlament beschlossen habe, die Hälfte der jährlichen Einwanderungsquote allein für Juden aus Deutschland zu reservieren. Offensichtlich erwartete er einen entsprechenden Gegenvorschlag von den Vereinigten Staaten. Mr. Welles mußte ihm antworten, daß er sich das aus dem Kopf schlagen solle. Erstens sei es nicht seine, Welles', Angelegenheit, über Einwanderungsquoten, zu entscheiden und zweitens habe der amerikanische Präsident gerade zwei Tage vorher anläßlich einer Pressekonferenz am 15. November ausdrücklich betont, daß eine Erhöhung der Einwanderungsquote für Immigranten aus Deutschland nicht beabsichtigt sei. Welles fügt hinzu, daß sein persönlicher Eindruck der gewesen sei, hinter dieser Entscheidung hätten die einflußreichen jüdischen Führer Amerikas gestanden, die strikt gegen ein Anwachsen der jüdischen Einwanderung aus Deutschland seien[141].

Dieses Kapitel des Rublee-Wohlthat-Abkommens verdient noch einen kleinen Nachtrag. In seinem Interview, das Schacht im Januar 1970 dem Journalisten Rolf Vogel gab, fällt auf, daß er seine eigene Rolle in dieser Angelegenheit immer wieder betont, als wäre das alles allein seine Idee gewesen, die Bemühungen Rublees dagegen stark herunterspielt oder ganz unter den Tisch fallen läßt. Darin drückte sich wohl sein unumwundener Ärger über die Abberufung als Reichsbankpräsident aus, die gerade in die Zeit dieser Verhandlungen fiel. Indirekt waren seine Gespräche mit Rublee die Veranlassung dazu. Schacht selbst sagt allerdings darüber sehr souverän: »Ich bin dann, weil ich den Krieg Hitlers nicht finanzieren wollte, aus meinem Amt als Reichsbankpräsident hinausgeworfen worden.«[142] Daß ihm gerade am 7. Januar 1939 einfiel, er wolle »den Krieg Hitlers nicht finanzieren«, klingt schon etwas seltsam. Rublee hat es dann auch anders in Erinnerung.

Über seinen Aufenthalt und seine Gespräche in Berlin berichtet er:

»Ich sollte mit Dr. Schacht verhandeln. Es kam zu drei oder vier Besprechungen mit ihm ... Wir dachten bereits, gute Fortschritte zu erzielen, und hofften auf das Zustandekommen eines Abkommens, als sich ein merkwürdiger Vorfall ereignete.

Nach der letzten Zusammenkunft bat Schacht Pell (einen Mitarbeiter Rublees), einen Augenblick dazubleiben. Wir warteten, bis Pell herauskam, und auf der Rückfahrt sagte Pell, Schacht habe ihn in eine Fensternische gezogen und ihm mit leiser Stimme unter Berufung auf einen Bericht der Gestapo gesagt: ›Mr. Rublee und Sie hätten erklärt, ich sei gegenüber dem Regime nicht loyal. Kann dies dementiert werden?‹ Wir hatten nichts Derartiges erklärt, aber wir wußten, daß sich in unseren Hotelzimmern wahrscheinlich Abhörgeräte befanden und daß wir beobachtet wurden. Wir wären natürlich gern bereit gewesen, jederzeit zu erklären, nichts Derartiges über ihn gesagt zu haben - und daß wir davon überhaupt nichts wußten.

Wir waren überrascht. Am nächsten Morgen, bevor ich aufgestanden war, ließ Dr. Schacht anrufen, er könne mich nicht mehr sehen. Wir riefen im Ministerium an und stellten fest, daß er das Ministerium verlassen hatte und niemand wußte, wo er sich befand. Man habe uns nichts weiter zu sagen.«

Mr. Rublee bemühte sich dann sofort um einen Empfang bei Hermann Göring, der ihn auch am gleichen Tag noch rufen ließ und ihm seinen Ministerialdirektor Wohlthat als neuen Verhandlungspartner vorstellte.

Auch in einem anderen Land wäre wohl ein Reichsbankpräsident nicht länger im Amt geblieben, wenn man ihm defätistische oder zumindest illoyale Äußerungen gegenüber ausländischen Staatsangehörigen nachweisen könnte. Mit »Hitlers Krieg« hatte das absolut nichts zu tun.


Anmerkungen

  1. Vgl Herzl, aaO, S. 30, 31.
  2. Werner Feilchenfeld/Dolf Michaelis/Ludwig Pinner, Haavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933-1939, Tübingen 1972, S. 24.
  3. Der Runderlaß Nr. 54/33 vom 28. 8. 1933 wird zitiert in: Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, aaO, S. 26f.
  4. Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, aaO, S. 49.
  5. Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, aaO, S. 56, 58, 59, 105, 108.
  6. Feilchenfeld/Michaelis/Pinner, aaO, S. 99-102, 106f.
  7. Zitiert in: Vogel, Ein Stempel hat gefehlt, S. Ilüff.
  8. Vogel, aaO, S. 230.
  9. Der vollständige Text des Geheimabkommens ist im Anhang abgedruckt. Er findet sich auch bei Vogel, aaO, S. 247-251 mit folgender Quellenangabe: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Inland 11 A/B 83/-.
  10. Dieses und das folgende Zitat siehe: Vogel, aaO, S. 211.
  11. Zitiert in: Vogel, aaO, S. 214.
  12. Yad Washem Studies on the European Jewish Catastrophe and Resistance, Bd. 11, Jerusalem 1958, S. 74f.
  13. Vogel, Ein Stempel hat gefehlt, S. 193, 190.
  14. Vogel, aaO, S. 239f.
  15. Vogel, aaO, S. 245f.
  16. Vogel, aaO, S. 270.
  17. Vogel, aaO, S. 241f.
  18. Vogel, aaO, S. 241.
  19. Yad Washem Studies, Bd. 11, S. 75, Anm. 62.
  20. Vogel, aaO, S. 212

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