FAZIT

Wir kommen zum Schluß unserer Studie über die »Reichskristallnacht«. Wer also steckte die Synagogen in Brand? War es Dr. Goebbels? Oder Himmler? Oder Heydrich? Vielleicht auch Adolf Hitler? War es ein Komplott der »Nazi-Verschwörer«? War es der Beginn der »Judenausrottung«?

Alle diese Fragen gelten heute als im bejahenden Sinn beantwortet, als »allgemein bekannte historische Tatsache«, die anzuzweifeln einem Deutschen verboten ist. Tatsächlich ist jedoch in der Frage der Urheberschaft der Kristallnacht bis zum heutigen Tag nicht das geringste bewiesen.

Zunächst einmal muß man sich darüber klar sein, daß das, was unter dem Namen »Kristallnacht« abgehandelt wird, ein Komplex von Ereignissen ist, in dem verschiedene Strömungen und Aktionen zusammenlaufen. Lediglich die verzerrte und sinnentstellende Berichterstattung unserer Zeitgeschichtsschreibung macht daraus in grob vereinfachendem Stil einen »nationalsozialistischen Judenpogrom«.

Diese Studie hat versucht, die einzelnen Fäden aufzuzeigen und zu entwirren. Zum Abschluß wollen wir uns vergegenwärtigen, in welchem Zusammenhang die Geschehnisse untereinander stehen.

Herschel Grünspan

Da ist zunächst einmal der »Fall Grünspan«. Nach Abwägung aller Fakten kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Grünspan von der LICA zu dem Mord an vom Rath angestiftet wurde. Daß er bei den Vernehmungen diese Tatsache nicht zugab, hatte einen guten Grund: Die LICA garantierte ihm ihren (sehr mächtigen!) Beistand nur unter der Bedingung des Schweigens. Er bekam gleich nach dem Mordanschlag den LICA-Anwalt Giafferi beigestellt und verlebte eine ruhige Zeit in einem französischen Gefängnis. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich, im Jahr 1940, wurde er zunächst nach Deutschland überstellt, aber der geplante Prozeß fand nicht statt. Wieweit auch hier die LICA und ihre Mitarbeiter in Deutschland die Hand im Spiel hatten, ist nicht festzustellen. Die Ursachen für den Abbruch der Prozeßvorbereitungen liegen völlig im dunkeln. Grünspan verschwand geheimnisvoll von der Bildfläche. Man mag mit gutem Recht vermuten, daß geheime Verbindungen zwischen der nationalsozialistischen Regierung und der »Reichsvereinigung der Juden« dieses Zauberkunststück fertigbrachten. Es ist heute kein Geheimnis mehr, daß in besonderen Fällen fast jeder jüdische Insasse eines Lagers oder Gefängnisses freikommen konnte - natürlich für eine entsprechende Gegenleistung der jüdischen Seite. Nach welchem Gesichtspunkt die Freizulassenden von den jüdischen Repräsentanten ausgewählt wurden, lag allein bei ihnen. Die Gründe für die Freilassung eines 17jährigen Mörders müssen sehr gewichtig gewesen sein. Grünspans Person allein wird das kaum rechtfertigen. Eine so mächtige Organisation wie die LICA indessen war auf jeden Fall imstande, der Forderung nach Freilassung des Grünspan entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Erst nach dem Krieg tauchte er - mit neuem Namen und neuen Papieren - wieder auf, und zwar in Paris, wo die LICA noch immer ihr Hauptquartier hatte.

Während Grünspan die Kriegsjahre sicher in französischer und deutscher Haft, oder frei an einem unbekannten Ort verbrachte, wanderte seine Familie nach Palästina aus. Wir erinnern uns, daß die Grünspan-Familie im Zusammenhang mit der polnischen Paßkrise aus Hannover ausgewiesen und nach Polen verbracht worden war. Sie blieb jedoch nicht lange in Bentschen, wo sie eine erste Unterkunft gefunden hatte. Durch die Hilfe einer jüdisch-amerikanischen Organisation bekamen die Eltern, ein Bruder und eine Schwester die Einwanderungspapiere für Palästina. Nun wissen wir ja, daß Einwanderungsgenehmigungen nur unter besonderen Voraussetzungen erteilt wurden. Der Antragsteller mußte entweder einen Mangelberuf ausüben - und als Mangelberuf kann man einen Flickschneider wohl kaum bezeichnen - oder aber pro Person mußten 1000,Palästina-Pfund »Vorzeigegeld«, d. h. in bar, vorhanden sein. Sollen wir wirklich glauben, daß Vater Grynszpan über die enorme Summe von 4000 englischen Pfund Sterling verfügte, denn das war der Gegenwert in europäischer Währung? Und das dazu noch in Devisen? War er nicht jahrelang arbeitslos und lebte von Sozialunterstützung? Wir dürfen also getrost annehmen, daß er keine 4000 englische Pfund besaß. Aber wie kam er dann nach Palästina? Zahlten vielleicht »Heinzelmännchen« das Vorzeigegeld für ihn? Und hießen die Heinzelmännchen etwa LICA? Irgend jemand muß jedenfalls dafür gesorgt haben, daß er mit seiner Familie nach Palästina einwandern konnte, entweder indem man ihm das nötige Geld gab oder ihm sonstwie half.

Das war also die Gegenleistung für das Schweigen des jugendlichen Mörders: er selbst wurde nicht bestraft, verlebte die Kriegsjahre in Sicherheit und bekam nach dem Krieg die Möglichkeit eines neuen Anfangs; seine Familie' konnte, obwohl völlig mittellos, nach Palästina auswandern und sich dort eine Existenz aufbauen.

Die »Ligue internationale contre l'antisemitisme« - LICA

Die LICA hatte sich schon früher durch Aktionen hervorgetan, die dazu geeignet schienen, Deutschland zu schaden. Nach der Umwandlung der Propagandazentrale des Monsieur Lecache in eine »Internationale Liga gegen den Antisemitismus«, die LICA, war es zunächst zu mehreren Veranstaltungen gekommen, die das Augenmerk der Öffentlichkeit auf diese neue jüdische Vereinigung lenkten. Wir erinnern uns an die Riesenschau, die sie nach dem Reichstagsbrand 1933 aufzog: ein imaginäres Gerichtsverfahren gegen das nationalsozialistische Deutschland mit Moro Giafferi als Ankläger, dessen Rede in dem »Schuldspruch« gipfelte: »Göring, der Brandstifter bist du!«

Die LICA hatte auch die zweifelhafte Ehre, einen Aufruf Albert Einsteins zu veröffentlichen. Der Physiker war auf Besuch in den Vereinigten Staaten, als der Reichspräsident von Hindenburg am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler bestellte. Einstein beschloß daraufhin, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren, obwohl man ihn von Berlin aus geradezu beschwor, doch wiederzukommen. Er kam zwar nach Europa, blieb aber in Belgien, um seine persönlichen Angelegenheiten von dort aus zu erledigen. Dann schrieb er einen beleidigenden Brief an Max Planck, den Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften, und schiffte sich nach Amerika ein. Am 27. März 1933 legte sein Schiff zu einem Zwischenaufenthalt in Le Havre an. Eine Delegation der LICA kam an Bord, um den berühmten Physiker nach seiner Meinung über Deutschland zu befragen. Und er, der Deutschland vor Monaten verlassen hatte und daher aus eigener Anschauung über die Entwicklung nach dem 30. Januar überhaupt nichts sagen konnte, übergab der LICA einen Aufruf folgenden Inhalts:

»Die Tätlichkeiten brutaler Gewalt und Unterdrückung gegen alle freien Geister und gegen die Juden, diese Tätlichkeiten, die in Deutschland stattgefunden haben und noch stattfinden, haben glücklicherweise das Gewissen aller Länder geweckt, die der Humanität und den politischen Freiheiten treu bleiben.

Die Internationale Liga gegen den Antisemitismus hat sich das große Verdienst erworben, die Gerechtigkeit zu verteidigen, indem sie die Einigkeit der Völker herstellte, die nicht durch das Gift angesteckt sind.

Es steht zu hoffen, daß die Reaktion stark genug sein wird, um einen Rückfall Europas in längst verflossene Zeiten des Barbarentums zu verhüten. Mögen alle Freunde unserer so schwer bedrohten Zivilisation ihre Anstrengungen konzentrieren, um diese psychische Krankheit der Welt zu beseitigen. Ich bin mit Euch.«[147]

Die Formulierungen erinnern verdächtig an die Äußerungen Samuel Untermeyers, die dieser ein paar Monate später in Amsterdam und New York machte. Hier wie dort geht es nicht um konkrete Anschuldigungen, sondern es gibt nur eine pauschale Verurteilung Deutschlands, das die Inkarnation des Bösen und der Inhumanität darstellt. Auf der anderen Seite stehen die »Guten«, die Bewahrer der Kultur und Verteidiger der Gerechtigkeit. Solche Schwarz-Weiß-Malerei ist typisch für die dümmliche Arroganz einer bestimmten Kategorie von Gegnern Deutschlands. Diese Art der Deutschenhetze war - und ist auch heute - nur möglich, weil die Mehrzahl der Angesprochenen zu träge und uninteressiert ist, um nach der Substanz solcher wahllos aus der Luft gegriffenen Lügen und Beschuldigungen zu fragen. Im Fall Einstein kann man sich nur wundern, daß ein mathematisches Genie politisch so unbedarft sein kann, solchen Text, den man ihm offensichtlich vorgelegt hat, zu unterzeichnen.

Der nächste offizielle Auftritt der LICA fand 1936 beim Mord des David Frankfurter an dem Landesgruppenleiter der NSDAP in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, statt. Nicht nur die Versuche ihres Staranwalts Moro Giafferi, die Verteidigung des Mörders vor einem Schweizer Gerichtshof zu übernehmen, machten den Zusammenhang zwischen ihr und Frankfurter offensichtlich. Obwohl Frankfurter von einem Schweizer Gericht ordnungsgemäß zu 15 Jahren Strafhaft verurteilt wurde, entließ man ihn überraschenderweise 1945 aus der Haft. Er ging mit Hilfe seiner einflußreichen Freunde nach Israel. Welche Hoffnungen an die damalige Mordtat geknüpft wurden, können wir nur ahnen. Auswirkungen in der deutschen Öffentlichkeit hatte dieser Mord nicht.

Im allgemeinen jedoch fanden die Aktivitäten der LICA weniger in der Öffentlichkeit statt. Auch auf sie traf zu, was die Chronisten einer anderen jüdischen Organisation schrieben: »immer im Hintergrund, unzählige Drähte ziehend, immer neue Methoden der Untergrundarbeit organisierend, aber stets kämpfend.«[148]

Inszenierter Mord zum Zweck eines Pogroms?

Was war der Zweck des Mordanschlags auf vom Rath? Von Anfang an waren sich alle Beteiligten darin einig, daß das Attentat mit der Person des Legationssekretärs nichts zu tun hatte. Auch die Heldenpose des Grünspan klang unglaubwürdig. Die LICA, oder die Drahtzieher, müssen ein ganz anderes Ziel verfolgt haben. Der junge Diplomat spielte nur eine Statistenrolle, denn irgend jemand mußte ermordet werden. Nicht, weil man ein Opfer, sondern weil man einen Mörder brauchte! Und einen jüdischen obendrein!

Denn das Spiel, das man spielte, hieß: »Fang den Dieb!« Da wurde quasi auf offener Bühne ein Mord inszeniert. Das Opfer: ein deutscher Diplomat - der Mörder: ein Jude. Und der läuft nicht etwa fort, versucht, sich zu verstecken, nein, er legt es geradezu darauf an, gefaßt zu werden. Der Mörder war es, auf den es den Hintermännern ankam! Man brauchte einen Juden als Mörder, man erwartete, daß daraufhin eine spontane Reaktion in Deutschland erfolgen werde - man hoffte auf einen Pogrom!

Ist das zu kühn kombiniert? Ein Mord - und weniger als ein Mord - hatte in Osteuropa schon oft dazu geführt, daß die Bevölkerung gegen die Juden aufstand, ein Pogrom ausbrach. In Prag war ein Priester von einem Juden lediglich mit Sand beworfen worden; das hatte genügt, um ein Blutbad anzurichten, dem über viertausend Juden zum Opfer fielen. Als der russische Zar Alexander 11. im Mai 1881 bei einem Bombenanschlag ums Leben kam, befand sich unter den an Ort und Stelle Verhafteten auch eine Jüdin. Ob sie an dem Attentat beteiligt war oder nicht, wurde gar nicht erst untersucht: Ein Judenmassaker brach aus und kostete Tausende das Leben. Die Inszenierung eines Mordes hatte sich als bewährtes Mittel erwiesen, um einen Judenpogrom auszulösen.

Bleibt die Frage zu beantworten: Warum wollte man unbedingt einen Judenpogrom in Deutschland haben? Wollte man die Juden in Deutschland in Schwierigkeiten bringen? Diese Frage erinnert an den von Jabotinsky gepriesenen »günstigen Sturm«. Bernhard Lecache, der Chef der LICA, und Wladimir Jabotinsky, Gründer der Revisionistischen Partei, stammten nicht nur beide aus Odessa, sondern arbeiteten seit Gründung der Jabotinsky-Partei im Jahr 1925 in Paris eng zusammen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der »günstige Sturm«, also eine künstlich geschaffene Notlage, die die jüdische Bevölkerung aus ihrem derzeitigen Gastland fort und nach Palästina treibt, auch ein Motiv für Lecache darstellte, der sich mit Jabotinskys Ideen weitgehend identifizierte. Und umgekehrt mag solche Motivierung einen Grund für Jabotinsky abgegeben haben, seine zahlreichen Verbindungen zu jüdischen Gemeinden in Deutschland für notwendige Kontakte zur Verfügung zu stellen. Aber das allein hätte als Grund für einen Pogrom wohl doch nicht ausgereicht.

Was wäre jedoch geschehen, wenn sich die deutsche Bevölkerung so leicht hätte aufputschen und zu Gewalttaten hinreißen lassen wie etwa die Polen und Russen? Dort gab es noch bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein grausame und blutige Judenpogrome, wobei sich die jeweilige Regierung weitgehend passiv verhielt und oft erst nach Tagen einschritt, wenn die Mordleidenschaft der antisemitischen Aufrührer bereits im Abklingen war. Allerdings war in diesen Ländern ein Judenpogrom so etwas wie ein Aderlaß: Die aufgestaute Erregung und Unzufriedenheit der Bevölkerung, die tatsächlich gegen die Regierung gerichtet war, fand in den Juden einen Sündenbock, und das Volk reagierte so seine »staatsgefährdenden« Emotionen ab.

In Deutschland hätte ein staatlich geduldeter oder gar organisierter Judenpogrom eine völlig andere Wirkung gehabt. Wenn die nationalsozialistische Führung - wie man uns weismachen will - tatsächlich die Brandstifter und Schlägerbanden ausgeschickt hätte, die an den Krawalle n in der Novembernacht beteiligt waren, hätte das erstens andere Ausmaße angenommen, und zweitens hätte sie nicht mit der Zustimmung und Mitwirkung der Bevölkerung rechnen können, wie das in Polen und Rußland möglich ist. Die überwiegende Mehrzahl der Deutschen hätte einen staatlichen Pogrom nicht unterstützt, sondern sich entschieden gegen die Regierung gestellt. Die deutsche Führung hätte mit einem Schlag ihr wertvollstes Kapital verspielt: die Liebe und Verehrung, die der Person Adolf Hitlers entgegengebracht wurde. Innere Unruhen wären höchstwahrscheinlich die Folge gewesen. Die unbekannten Provokateure, die sich nach Kräften bemühten, antisemitische Übergriffe zu fördern, fanden tatsächlich nur ein sehr geringes Echo bei der Bevölkerung. Einige wüste Antisemiten, einige Schlägertypen, Straßenpöbel und Asoziale, dazu der eine oder andere aufgehetzte SA-Trupp - das war das ganze Aufgebot. Ein Pogrom mit Hunderten oder vielleicht Tausenden von Toten ließ sich damit nicht veranstalten. Die maßgebenden Leute der deutschen Führung hätten das auch gewußt, sie hätten niemals mit einer unkontrollierten Mordlust deutscher Bevölkerungskreise gerechnet. Daß man damit rechnete, beweist eine bemerkenswerte Unkenntnis des deutschen Charakters und eine Fehleinschätzung der innerdeutschen sozialen Strukturierung.

Der den November-Ereignissen zugrunde liegende Plan war meiner Meinung nach gewesen, die Ausschreitungen ein solches Ausmaß annehmen zu lassen, daß die Bevölkerung aufgrund dieser Vorfälle gegen die Regierung aufgewiegelt werden konnte. Damit wäre die mit Ungeduld erwartete Gelegenheit für jene Kreise gekommen, die sich heute mit einem pervers anmutenden Stolz zum Landesverrat bekennen, den sie während der Regierungszeit Adolf Hitlers betrieben haben. Für diese Leute war 1938 ein Krisenjahr. Die Eingliederung der Ostmark in das Deutsche Reich, das Münchner Abkommen waren Ereignisse, die sie in höchstem Maße beunruhigten, trugen doch solche außenpolitischen Erfolge Hitlers zur Steigerung seiner Popularität bei der deutschen Bevölkerung bei und stärkten außerdem sein Ansehen im Ausland.

Einer der Landesverräter zum Beispiel war Hauptmann a. d. Fritz Wiedemann, der pers6nliche Adjutant des Führers. Er unterhielt hinter dessen Rücken Kontakte mit den Briten und trieb Landesverrat, indem er vertrauliche Berichte, Gespräche, Pläne, zu denen er durch seine Vertrauensstellung leicht Zugang hatte, an England weitergab. Durch gefälschte Berichte und lügenhafte Situationsschilderungen versuchte er in England den Eindruck zu erwekken, in Deutschland herrsche ein »vollkommenes Durcheinander«, Autorität und Prestige des Führers seien nicht nur im ganzen deutschen Volk zerstört, sondern auch bei seinen engsten Mitarbeitern. Es ist interessant, daß er bereits am 30. Juni 1938 in einem Geheimbericht, der über seinen Verbindungsmann, Staatssekretär Sir Robert Vansittart, dem englischen Premierminister Chamberlain zugeleitet wurde, die Behauptung aufstellte, auf Anregung Hitlers habe Goebbels die ihm untergebenen Parteiorganisationen instruiert, »daß wieder einmal mit Judenmißhandlungen begonnen werden sollte«. Geradezu gespenstisch, wie Wiedemann die November-Ereignisse voraussagen kann! Etwas später heißt es dann im gleichen Bericht, eine Anzahl höchstgestellter Beobachter sei der Ansicht, »daß irgendein politischer Rückschlag für das Nazi-System und für den Führer selbst - solange es nicht das deutsche Volk treffe - den größten Einfluß haben würde und die Krise beschleunigen könnte«[149]. Wenn der geplante politische Rückschlag nicht zu Lasten des deutschen Volkes gehen sollte, hatte man sich mit den Juden allerdings ein sehr passendes Objekt ausgesucht.

Es liegt auf der Hand, daß die Landesverrat treibenden Kreise in Deutschland zahlreiche Kontakte zu deutschfeindlichen Organisationen unterhielten und ausländische Verbindungen nutzten, um Hilfe bei ihren Umsturzplänen zu bekommen. Für England sind die vielfältigen Verbindungen inzwischen durch zahlreiche Veröffentlichungen nachgewiesen. Ähnliche Kontakte zwischen der LICA und deutschen Verschwörerkreisen sind zumindest nicht auszuschließen. Aber unabhängig davon, wurden die Prognosen der Verschwörer »unter der Hand« weitergegeben und haben sicher auch jüdische Kreise erreicht. An einem Umsturz in Deutschland mußte nicht zuletzt den Juden gelegen sein.

Aber es waren nicht nur die deutschen Landesverräter, die auf einen Sturz Hitlers hinarbeiteten, denen ein Pogrom und die damit verbundenen Unruhen ganz in ihren Plan gepaßt hätten. Nach den vorliegenden Zeugnissen ist es auch denkbar, daß bestimmte Kreise der Zionisten, die die deutschen Juden mit allen Mitteln zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen suchten, judenfeindliche Maßnahmen in Deutschland insgeheim begrüßt hätten. Darüber hinaus arbeitete auch das Weltjudentum, das durch die Jewish Agency im Völkerbund vertreten war, auf eine Änderung der politischen Lage in Deutschland hin. Ein Pogrom wäre Wasser auf die Mühlen Nahum Goldmanns gewesen. Hat er als Repräsentant der Jewish Agency doch wiederholt behauptet, daß die jüdische Bevölkerung Deutschlands unter dem »Nazi-Terror« schrecklich zu leiden habe.

Außerdem war da noch die Sache mit dem Teilungsplan Palästinas, ein Plan, der gerade Anfang November 1938 vom britischen Kabinett abgelehnt werden sollte. Während die Revisionisten unter Jabotinsky gegen diesen Plan waren, denn sie beanspruchten das ganze Palästina für einen zukünftigen jüdischen Staat, galt der Teilungsplan der Peel-Kommission den gemäßigten Zionisten als letzte Möglichkeit, ihren Anspruch auf Palästina wenigstens teilweise zu verwirklichen. Mußten die Briten nicht einlenken, wenn sie quasi mit eigenen Augen sehen konnten, wie barbarisch die Juden in Deutschland behandelt wurden?

Die Tatsache, daß deutsche Juden die Leidtragenden der Ausschreitungen sein würden, mag das Gewissen der dafür Verantwortlichen nicht sonderlich beschwert haben. Hier ging es um größere Dinge. Nahum Goldmann z. B. vertrat offen den Standpunkt, daß die Interessen der in Deutschland lebenden Juden denjenigen des Weltjudentums unterzuordnen seien. Schon 1934 äußerte er in einem Gespräch mit Mussolini: »Unsere Politik kann nicht die Zukunft unseres Volkes preisgeben, um einige kleine Verbesserungen für einen Teil der heutigen jüdischen Generation zu erkaufen.«[150] Die Zukunft des jüdischen Volkes aber lag in Palästina. Die Sicherung des Anspruches auf diesen Landstreifen war für das jüdische Volk jedenfalls wichtiger als mögliche Drangsale, die deutsche Juden zu erleiden hätten.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, daß verschiedenen Gruppen an antisemitischen Unruhen in Deutschland aus politischen Gründen gelegen war. Sie alle bezweckten damit das eine: Deutschland zu schaden, möglicherweise den Sturz der deutschen Regierung herbeizuführen und das nationalsozialistische Reich zu zerstören.

Die Interessen der deutschen Führung

Ganz offensichtlich gibt es nur eine Gruppe, der an inneren Unruhen absolut nichts gelegen sein konnte, sondern die im Gegenteil strikt darauf bedacht sein mußte, daß im Innern des Reiches Ruhe und Ordnung herrschten - nämlich die deutsche Führung. Sowohl der Reichskanzler Adolf Hitler als auch sein Reichspropagandaminister Dr. Goebbels und der Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, würden es als einen persönlichen Tort empfunden haben, wenn es in Deutschland zu Krawallen gekommen wäre. Sie hätten das Gefühl haben müssen, in ihrer Aufgabe versagt zu haben. Denn die vordringliche Aufgabe der Führung des Deutschen Reiches lag nicht darin, antisemitische Unruhen zu schüren, sondern die innere Einigkeit des deutschen Volkes herzustellen und sein Ansehen im Ausland zu stärken. Diese Tatsache, die sich durch die gesamte Politik der Friedensjahre einwandfrei belegen läßt, scheint heute völlig aus dem Öffentlichen Bewußtsein verschwunden zu sein. Sämtliche Maßnahmen, die im Dritten Reich gegen Juden getroffen worden sind, betrafen immer nur ihre Ausgliederung aus dem deutschen Volkskörper. Diese Feststellung ist keine generelle moralische Rechtfertigung für die damals erlassenen gesetzlichen Verfügungen. Niemand kann so blind oder verbohrt sein zu leugnen, daß vielen tausend Juden durch die erzwungene Auswanderung aus Deutschland bitteres Unrecht geschehen ist. Leider gibt es aber auch keinen anderen Staat auf der Erde, dessen Politik moralischen Maßstäben standhält. Aber diese gesetzlichen Maßnahmen waren doch etwas wesentlich anderes als antisemitische Krawalle, wie sie in r Kristallnacht vorgekommen sind. Warum man sich ausgerechnet einen der intelligentesten Führer der NSDAP, Dr. Joseph Goebbels, als Initiator dieser Veranstaltung ausgedacht hat, bleibt unerfindlich. Sicher hätte er nicht mit solch primitiven Mitteln versucht, die Juden zu Märtyrern zu machen. Ihm hätten wohl andere Möglichkeiten zur Verfügung gestanden, wenn er es tatsächlich darauf angelegt hätte, antisemitische Umtriebe zu veranstalten.

Und in einem solchen Fall wären die Juden Deutschlands wohl in ihrer Mehrzahl davon betroffen worden und nicht nur eineinhalb Prozent der jüdischen Bevölkerung, wie es am 9./10. November 1938 der Fall war. Denn höher ist die Zahl der durch die Kristallnacht geschädigten Juden nicht gewesen, eher noch niedriger.

Wenn tatsächlich Adolf Hitler oder Dr. Goebbels oder Himmler die antisemitischen Ausschreitungen gewollt hätten, wäre es dann nicht völlig unverständlich, daß sie, unmittelbar nachdem sie Kenntnis davon hatten, strikte Befehle erließen, diese Ausschreitungen sofort abzustoppen? Denn - um es noch einmal in Erinnerung zu rufen -als während des Kameradschaftsessens im Alten Rathaus in München die ersten Nachrichten über die Unruhen in Hessen ankamen, veranlaßte Dr. Goebbels nach einer für ihn typischen »Gemütsentladung« seine Gauleiterkollegen, in ihren Heimatdienststellen anzurufen und dort für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das gleiche gilt für die SA; auch Stabschef Lutze erteilte Befehle, sich unter keinen Umständen an antijüdischen Aktionen zu beteiligen. Nach Mitternacht erfuhr Adolf Hitler von den Vorkommnissen. Jetzt erging von höchster Stelle der Befehl, diesen »Wahnsinn« sofort zu unterbinden. Himmler ließ durch Fernschreiben SS und Deutsche Polizei anweisen, für den Schutz der jüdischen Bevölkerung zu sorgen. Gleichzeitig gab der »Stellvertreter des Führers« eine Anordnung über Fernschreiben an alle Gauleitungen: Brandlegungen dürfen auf gar keinen Fall und unter gar keinen Umständen erfolgen! - Alle diese Befehle sind überliefert, liegen uns schriftlich vor. In den Fällen, wo Schaufensterscheiben zerstört worden waren, standen SA-Männer Wache, um das Geschäft vor Plünderern zu schützen. Soweit Plünderungen vorkamen, wurden sie unnachsichtig verfolgt. - Wie lassen sich diese nicht wegzuleugnenden Tatsachen mit der These vereinbaren, die gleichen Führungskreise hätten die Übergriffe erst organisiert? Das ist jenseits jeder vernünftigen Logik und läßt sich daher überhaupt nicht diskutieren.

Im Gegenteil: Ohne die schnelle und geistesgegenwärtige Reaktion der deutschen Führung wäre das Unheil möglicherweise weit größer gewesen. Nur weil an zahlreichen Orten Parteiführer, SS und Polizei auftraten, um die von den Provokateuren aufgehetzten Menschen zu beruhigen und notfalls Juden in Schutzhaft zu nehmen, gelang es, die Krawalle verhältnismäßig schnell einzudämmen. Als der Morgen des 10. November anbrach, war der ganze Spuk vorbei. Die Menschen kamen wieder zur Besinnung. Selbst Leute, die in der Nacht die »günstige Gelegenheit« ergriffen und Schaufenster geplündert hatten, brachten, in den meisten Fällen freiwillig, ohne die offizielle Aufforderung abzuwarten, die Sachen wieder zurück, oder übergaben sie der Polizei. Der Aufruf von Dr. Goebbels, von allen »Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum sofort abzusehen«, verfehlte nicht seine Wirkung und machte allen die Haltung der Regierung klar.

Die Einstellung derjenigen Kreise der Nationalsozialisten, die die Juden als »Störenfried« im deutschen Volkskörper empfanden, hatte in dieser Nacht eine Bestätigung gefunden. Ein Jude hatte einen deutschen Diplomaten ermordet, die deutsche Bevölkerung hatte sich daraufhin zu Tätlichkeiten gegen ihre jüdischen Mitbürger hinreißen lassen - so lautete die offizielle Version. Daß das Ganze ein abgekartetes Spiel war, eine großaufgezogene Aktion deutschfeindlicher Gruppen - der Mord sowohl als auch die von den Provokateuren initiierten Krawalle - durchschaute damals niemand.

Verstärkte Bemühungen um die Auswanderung der Juden

Die Folge in Deutschland war jedenfalls, daß die Anstrengungen, die Juden zur Auswanderung zu bewegen, intensiviert wurden. Adolf Hitler beauftragte Hermann Göring, die bis dahin auf verschiedene Ämter verteilten Ressorts zur Judenauswanderung zusammenzufassen. Die »Reichszentrale für die jüdische Auswanderung« wurde gegründet. Ihre Hauptaufgabe war, den jüdischen Bürgern, die sich zur Auswanderung entschlossen hatten, weitestgehend Unterstützung zu gewähren und die Abwicklung der notwendigen Formalitäten zu erleichtern. U. a. wurden sie z. B. von der Zahlung der »Reichsfluchtsteuer« befreit -eine Abgabe, die damals jeder Deutsche zu entrichten hatte, der ins Ausland übersiedelte. Die Aufrechterhaltung ihrer persönlichen finanziellen Ansprüche wurde gewährleistet, d. h. eventuelle Renten, Pensionen oder andere Bezüge wurden ihnen an ihren zukünftigen Aufenthaltsort überwiesen. In Deutschland wurden auf Kosten der Regierung und mit tatkräftiger Unterstützung der SS Umschulungslager eingerichtet, in denen die auswanderungswilligen Juden einen anderen Beruf erlernen konnten, der ihnen die Eingewöhnung in ihrem neuen Land erleichtern sollte. Zumeist handelte es sich da um ein Handwerk oder die Landwirtschaft. Die Transferierung ihres Vermögens wurde großzügig gehandhabt - ein Vorteil, den sie gegenüber deutschen Auswanderern hatten, da diesen die Mitnahme ihres Vermögens durch gesetzliche Bestimmungen unmöglich gemacht war. Den minderbemittelten Juden wurden durch die Reichszentrale die zur Auswanderung erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Als entsprechende Organisation auf jüdischer Seite wurde die »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland« ins Leben gerufen. Ihre Aufgabe war es, die Juden in Auswanderungsfragen zu beraten und ihre Rechte gegenüber der »Reichszentrale« wahrzunehmen.

Der Zusammenhang zwischen der Kristallnacht und der Förderung der jüdischen Auswanderung durch Schaffung dieser beiden Organisationen wurde in der ersten Sitzung der Reichszentrale für die jüdische Auswanderung, am 11. Febr. 1939 ausdrücklich festgestellt.

»Nach einem kurzen Rückblick auf die Ereignisse am 9./10. Nov. 1938 und die insbesondere durch diese Entwicklung geschaffene Notwendigkeit zur einheitlichen Bearbeitung der Judenauswanderungsfrage legte SS-Gruppenführer Heydrich die Aufgabe der Reichszentrale im einzelnen dar und ging zunächst auf den Rublee-Plan ein. Dieser solle ... eine Grundlage für eine organisierte jüdische Massenauswanderung bilden«[151].

»Endlösung« heißt Auswanderung oder Umsiedlung

Die Folgen des »Novemberpogroms«, wie die Kristallnacht in der deutschfeindlichen Presse genannt wurde, sahen also völlig anders aus als ursprünglich geplant. Die »Endlösung der Judenfrage«, nämlich eine endgültige Lösung, wurde jetzt angestrebt. Sie scheiterte jedoch an der Unwilligkeit anderer Länder, Juden als Einwanderer aufzunehmen. Nach Palästina stand der Weg zwar offen, vor allen Dingen durch das Haavara-Abkommen, das jedem Juden die Auswanderung und den Transfer seiner Güter ermöglichte. Aber nicht alle jüdischen Bürger Deutschlands wollten nach Palästina. Eine der großen - und, wie sich zeigen sollte, unlösbaren - Aufgaben sowohl der »Reichszentrale« als auch der »Reichsvereinigung der Juden« bestand darin, aufnahmewillige Länder ausfindig zu machen.

Im Sommer 1940 mußte Heydrich, dem die »Reichszentrale für die jüdische Auswanderung« unterstand, kapitulieren. Er schreibt am 24. Juni 1940 an Ribbentrop:

»Der Herr Generalfeldmarschall Göring hat mich im Januar 1939 ... mit der Durchführung der jüdischen Auswanderung aus dem gesamten Reichsgebiet beauftragt. In der Folgezeit gelang es, trotz großer Schwierigkeiten, selbst auch während des Krieges, die jüdische Auswanderung erfolgreich fortzusetzen. Seit Übernahme der Aufgabe durch meine Dienststelle am 1. Januar 1939 sind bisher insgesamt über 200 000 Juden aus dem Reichsgebiet ausgewandert. Das Gesamtproblem kann aber jetzt durch Auswanderung nicht mehr gelöst werden. Eine territoriale Endlösung wird daher notwendig.«[152]

»Territoriale Endlösung« heißt es ganz deutlich, mit anderen Worten: ein geeignetes Territorium mußte gefunden werden, wo die Juden siedeln konnten. Das Wort »Endlösung« hat niemals einen anderen Sinn gehabt. Eine Zeit lang geisterte das sogenannte »Madagaskar-Projekt« durch die Pläne der Auswanderungsbehörde. Die in französischer Hand befindliche Insel Madagaskar sollte von Frankreich für die Ansiedlung von Juden zur Verfügung gestellt werden. Der Plan zerschlug sich jedoch. Auf der sogenannten »Wannsee-Konferenz« am 20. Jan. 1942 in Berlin wurde Madagaskar schon nicht mehr erwähnt und statt dessen eine »Evakuierung der Juden nach dem Osten« erwogen. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß die Problematik des angeblichen Protokolls dieser Konferenz bis heute nicht geklärt ist[153]. Wilhelm Stäglich (»Der Auschwitz-Mythos«) weist überzeugend nach, daß zumindest »Teilabschnitte des ›Protokolls‹ für Nürnberger Gerichtszwecke und für die spätere Geschichtsschreibung erst nachträglich eingefügt, weggelassen oder verändert wurden«[154]. Jedenfalls bietet auch die Niederschrift, die uns als »Protokoll der Wannsee-Konferenz« präsentiert wird, keinen Hinweis darauf, daß mit dem Wort »Endlösung« etwas anderes als Auswanderung oder Evakuierung gemeint gewesen sei. Das ergibt sich außerdem eindeutig aus einem Schreiben, das noch nach dieser Besprechung abgefaßt wurde. In diesem Brief teilt Legationsrat Rademacher vom Auswärtigen Amt dem Gesandten Bielfeld vom Frankreich-Referat der gleichen Dienststelle folgendes mit:

»Im August 1940 übergab ich Ihnen für Ihre Akten den von meinem Referat entworfenen Plan zur Endlösung der Judenfrage, wozu die Insel Madagaskar von Frankreich im Friedensvertrag gefordert, die praktische Durchführung der Aufgabe aber dem Reichssicherheitshauptamt übertragen werden sollte. Gemäß diesem Plan ist Gruppenführer Heydrich vom Führer beauftragt worden, die Lösung der Judenfrage in Europa durchzuführen. Der Krieg gegen die Sowjetunion hat inzwischen die Möglichkeit gegeben, andere Territorien für die Endlösung zur Verfügung zu stellen. Demgemäß hat der Führer entschieden, daß die Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach dem Osten abgeschoben werden sollen. Madagaskar braucht mithin nicht mehr für die Endlösung vorgesehen zu werden.«[155]

Auch hier wieder die gleiche klare Definition: Endlösung bedeutet eine endgültige Lösung der Juden aus den europäischen Völkern und ihre Gesamtansiedlung in einem geschlossenen Gebiet. Niemals und unter keinen Umständen hat »Endlösung« Ausrottung oder Völkermord geheißen.

Der erste große Plan einer Gesamtlösung war das Rublee-Wohlthat-Abkommen, über das bereits ausführlich gesprochen worden ist. Die sich an die Kristallnacht anschließenden Konferenzen hatten ebenfalls nur den Sinn, Möglichkeiten für eine verstärkte Auswanderung der Juden aufzuspüren. Die von außen inszenierte Kristallnacht hat wie ein Katalysator gewirkt und die ganze Judenfrage in eine Entwicklung getrieben, die sie möglicherweise ohne den Mord an vom Rath und die darauffolgenden antijüdischen Ausschreitungen nicht genommen hätte.

Was die Hintermänner, die das Attentat planten und die Ausschreitungen provozierten, bezweckt hatten, nämlich innerdeutsche Unruhen hervorzurufen, trat nicht ein. Die Auswirkungen der »Reichskristallnacht«, nach dem Krieg in der Öffentlichen Meinungsmache ins Maßlose gesteigert, waren tatsächlich in der deutschen Öffentlichkeit schon wenige Tage später vergessen.

»Reichskristallnacht« und kein Ende?

Die Kristallnacht belastet bis heute die Gewissen vieler Deutschen. Nicht, weil sie sich etwa an den Ausschreitungen beteiligt oder diese gutgeheißen hätten. Aber eine 35jährige Zweckpropagnda hat ihnen eingeredet, daß durch die Duldung der Ausschreitungen das ganze Volk schuldig geworden sei. Sie hätten es gesehen und gehört, wie dem Nachbarn die Scheiben eingeschlagen wurden, und sie hätten nichts dagegen unternommen. Sie seien an den Glasscherben auf den Straßen vorübergegangen, hätten die jüdischen Geschäftsinhaber die Glassplitter zusammenkehren sehen und hätten trotzdem nicht gegen die »Nazis« revoltiert und sabotiert. Ihr Schweigen sei eine Zustimmung, zumindest aber Duldung des Unrechts gewesen, das den jüdischen Mitbürgern angetan worden sei.

Dieser Schuldspruch über ein ganzes Volk ist um so infamer, als es keinerlei Beweise dafür gibt, daß Ausschreitungen von der nationalsozialistischen Führung geplant und organisiert worden waren. Dagegen haben wir in diesem Buch die Hinweise zusammengestellt, daß es Gegner des nationalsozialistischen Deutschland waren, die bewußt einen Mord provoziert und durch Aussendung von Provokateuren, das Gesindel und Mob der Großstädte zu den Übergriffen angestiftet haben. Die unbekannten Drahtzieher sitzen weiter im Verborgenen.

Die Macht des Wortes ist ungeheuer. Es gab wohl noch nie einen Zeitabschnitt in der Geschichte, in dem die Lüge, der Mißbrauch des Wortes so vollständig zur moralischen Vernichtung eines Volkes eingesetzt worden ist wie in unserem Jahrhundert. Solange Menschen meinen, sich durch Haßgeschrei und Lügenpropaganda für erlittenes Unrecht rächen zu können, ist ein Zusammenleben der Völker nicht möglich. Einige haben die Zwecklosigkeit solcher Taktik bereits erkannt. Sie klagen darüber, daß die Deutschen ihre Vergangenheit nicht zur Kenntnis nehmen wollen, nicht zu den Untaten stehen, die man ihnen doch nun jahrzehntelang täglich vorgehalten hat. Sie ahnen wohl, daß auch Lügen sich im Laufe der Jahre abnutzen, ihre Wirkung verlieren. Man kann die historische Wahrheit nicht auf die Dauer unterdrücken. Und zur historischen Wahrheit unseres Jahrhunderts gehört, daß es in ihm zwei schreckliche Kriege gegeben hat, in welche fast alle europäischen Völker und Amerika verwickelt waren und in denen alle Beteiligten schuldig geworden sind.

Das Abwälzen der »Urschuld« nur auf einen einzigen Beteiligten, nämlich Deutschland, ist nicht nur in höchstem Maße unmoralisch, sondern stellt in Wahrheit ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« dar. Das deutsche Volk wird als ein Volk von unkultivierten Barbaren und mordlüsternen Ungeheuern hingestellt. Kein Verbrechen, das im Laufe der Weltgeschichte jemals auf unserem Planeten begangen wurde, wäre so ungeheuerlich gewesen wie der »Völkermord«, den die Nationalsozialisten an den Juden begangen hätten. Daß Deutschland über 10 Millionen Tote zu beklagen hat, daß der Krieg uns aufgezwungen wurde, daß diese Mordmaschinerie, einmal in Gang gesetzt, uns Deutsche genauso verschlungen hat wie die Angehörigen der anderen Völker - solche Sicht der Dinge ist unseren ehemaligen Kriegsfeinden fremd. Das wirklich Tragische ist jedoch, daß inzwischen eine ganze Generation junger Deutscher in diesem Irrglauben aufgezogen wurde, daß man ihnen ihre eigene Volksgeschichte verfälscht und ihre Eltern und Großeltern zu Bestien erklärt hat und daß es weiterhin zahllose Deutsche gibt, die diese Lügenpropaganda verbreiten.

Das deutsche Volk ist Hauptträger der europäischen Kultur und Wissenschaft. Ein Europa ohne Deutschland gibt es nicht. Wie jedes andere Volk haben wir ein Recht auf die Anerkennung und Achtung unserer gesamten Geschichte, Es ist an der Zeit, endlich Schluß zu machen mit der einseitigen Verurteilung angeblicher Nazi-Verbrechen. Es ist Zeit, aufzuhören, einen Abschnitt unserer Geschichte gleichzusetzen mit organisiertem Verbrechertum, Inhumanität und Barbarei. Und es ist vor allen Dingen an der Zeit, nicht stets nur ein Volk als Opfer aller Untaten hinzustellen und so zu tun, als sei alles Leid der Welt nichts im Vergleich zu dem, was die Juden von den Nationalsozialisten zu erdulden gehabt haben. Eine Eingliederung in die Völkergemeinschaft ist nur für die Völker möglich, die nicht auf bestimmte Prioritäten bestehen, und seien es die Prioritäten des Leidens. Die Juden Deutschlands und Europas haben durch den Krieg nicht mehr gelitten als alle anderen Bewohner der europäischen Staaten. Sie waren so wenig Opfer eines geplanten Genocids wie andere Völker. Sie hatten weder ein besonderes Schicksal, noch steht ihnen eine Sonderstellung unter den Völkern zu. Und erst wenn die Deutschen sich wieder auf ihren eigenen Wert besinnen und aufhören, die unberechtigten Forderungen des jüdischen Volkes zu erfüllen, wenn sie damit Schluß machen, sich in nicht endenwollender mea-culpa-Gebärde an die Brust zu schlagen, wird eine Symbiose zwischen beiden Völkern möglich sein.

im Zusammenleben der Völker bahnen sich schon seit Anfang dieses Jahrhunderts ungeheure Veränderungen an. Die Entwicklung der Atomwissenschaft wird uns alle über kurz oder lang vor bis jetzt noch völlig ungeahnte Probleme stellen. Wir werden die Zukunft nur bestehen können, wenn wir uns zu gemeinsamem Handeln entschließen. Solche Gemeinschaft kann nur aus gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Vertrauen wachsen. Haß, Lügenpropaganda, Verdrehung der Wahrheit, der Wunsch, ein Volk bis zum Letzten zu demütigen, sind keine Bausteine für diese Zukunft. Wer darauf besteht, diese Mittel weiter zu benutzen, wird sich eines Tages isoliert sehen, ausgeschlossen aus einer Gemeinschaft, die allein imstande sein wird, die Aufgaben zu bewältigen, die unausweichlich auf uns zukommen; Aufgaben, vor denen der einzelne versagen muß, die nur durch die Gesamtheit der europäischen Völker gelöst werden können.


Anmerkungen

  1. Text entnommen aus: Willi Münzenberg, Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror, Paris 1933, S. 242.
  2. Jon und David Kimche, Des Zornes und des Herzens wegen. Die illegale Wanderung eines Volkes, Berlin 1956, S. 72.
  3. Annelies von Ribbentrop, Die Kriegsschuld des Widerstandes. Aus britischen Geheimdokumenten 1938/39, Leoni 1974, S. 112f.
  4. Vogel, Ein Stempel hat gefehlt, S. 154.
  5. Vogel, aaO, S. 292.
  6. Vogel, aaO, S. 312f.
  7. Vgl. dazu die ausführliche Analyse des sogenannten Protokolls der Wannsee-Konferenz in: Wilhelm Stäglich, Der Auschwitz-Mythos. Legende oder Wirklichkeit? Eine kritische Bestandsaufnahme, Tübingen 1979, S. 38-65.
  8. Stäglich, Der Auschwitz-Mythos, S. 56.
  9. Vogel, Ein Stempel hat gefehlt, S. 334f

Zum nächsten Kapitel
Zum vorherigen Kapitel
Zurück zum Feuerzeichen-Inhaltsverzeichnis