NACHTRAG

Die derzeitige politische Lage in der BRD macht es der Autorin von "Feuerzeichen" leider unmöglich, zur Zeit eine Neubearbeitung des Textes vorzunehmen. Frau Weckert hat jedoch nach Erscheinen ihres Buches mehrfach Vorträge über die darin behandelten Themen gehalten. Die Manuskripte einiger dieser Referate liegen uns vor. Wir haben aus diesen Manuskripten uns wichtig erscheinende Ergänzungen herausgezogen und veröffentlichen sie anschließend.

1. Welche Rolle spielte die SA während der "Kristallnacht"?

An den Ausschreitungen waren durchwegs Männer beteiligt, die in Gerichtsverfahren nach 1945 von Zeugen als "SA-Männer in Zivil" bezeichnet wurden, und das obwohl die Zeugen in der Regel aussagten, daß ihnen die Männer persönlich unbekannt gewesen seien. Kein Richter stellte jemals die Frage, woher der Zeuge dann gewußt habe, daß es sich dabei um SA-Männer gehandelt hat, wenn er die Leute doch gar nicht kannte.

Tatsächlich trafen bei einigen SA-Einheiten Befehle ein, wonach, Synagogen und anderes jüdisches Eigentum zu demolieren bzw. in Brand zu stecken seien. Ob es sich dabei um die Privatinitiative einzelner SA-Führer, um Mißverständnisse oder um die Befolgung gefälschter Befehle handelte, ist bis heute nie untersucht worden. Belege für solche gefälschten Befehle gibt es in der Tat. Ich habe nach der Veröffentlichung meines Buches eine Reihe von Zuschriften ehemaliger SA-Führer bekommen, die mir Einzelheiten dazu mitteilten. Es scheint, daß in einigen SA-Dienststellen in jener Nacht ein Durcheinander von Parolen, Gerüchten und angeblichen Befehlen geherrscht hat. Ein Durcheinander, das bewußt von den Leuten geschaffen worden war, die die eigentliche Verantwortung für die Übergriffe trugen.

Ursache für die Befolgung solcher Befehle war vor allem die antijüdische Einstellung, die in der damaligen Zeit, nicht nur unter den SA-Männern, herrschte, und die ihren Ursprung in der allgemeinen Politik hatte. Und nur in dieser Beziehung kann man wohl die nationalsozialistische Führung mit der Verantwortung belasten. Denn Befehle zur Zerstörung jüdischen Eigentums wären nicht befolgt worden, wenn es nicht eine allgemeine antijüdische Strömung im Land gegeben hätte und die Akteure nicht hätten annehmen müssen, daß solche Aktionen "von oben" gedeckt seien.

Man darf aber auch nicht übersehen, daß die Randalierer sich in vielen Fällen aus Straßenpöbel zusammensetzten, die einfach aus Lust an der Gewalt Fensterscheiben einwarfen und Geschäfte plünderten. Dafür gibt es mehr als genug Beweise. Außerdem tauchten an vielen Stellen geheimnisvolle unbekannte Provokateure auf, die die Bevölkerung zu Gewalttaten gegen Juden aufstachelten. Auch diese Tatsache wurde in späteren Gerichtsverfahren festgestellt - allerdings ohne daß auch nur ein Richter weiter nach diesen Provokateuren geforscht hätte. Es ist also eine Lüge, wenn pauschal behauptet wird - wie es heute geschieht - daß es die SA war, die überall gewütet hat. Sondern es waren einzelne SA-Männer und SA-Einheiten, die sich an Ausschreitungen beteiligt haben, die von anderen Elementen gesteuert und getragen wurden.

Eines der Hauptbelastungsdokumente gegen die SA ist der "Bericht der SA Brigade 50 (Starkenburg), Darmstadt, an die SA-Gruppe Kurpfalz, Mannheim" vom 11. November 1938. Hierbei handelt es sich um eine Vollzugsmeldung, mit der nicht nur der Befehlsempfang zur Zerstörung von Synagogen, sondern auch diese Zerstörungen selbst gemeldet wurde.

Dieser Bericht ist auf einem Kopfbogen der SA-Brigade geschrieben und mit entsprechenden Stempeln versehen. Er lag im Nürnberger Prozeß als Originaldokument vor. Aber während des Prozesses wurde das Dokument Wort für Wort durch die Aussage des SA-Obergruppenführers Max Jüttner widerlegt. Das Protokoll seiner Vernehmung vor dem alliierten Gerichtshof ist so interessant, daß ich es hier auszugsweise wiedergeben möchte (IMT XXI, S. 156-160).

»Mittwoch, 14. August 1946. Der Zeuge Jüttner im Zeugenstand.

RA Böhm: Herr Zeuge! Wir sind gestern in Ihrer Vernehmung stehengeblieben bei der Behandlung der Judenfrage innerhalb der SA. Ich möchte Sie nun fragen, wie ist die Beteiligung von SA-Angehörigen an Aktionen gegen die Juden im November 1938 zu erklären?

Jüttner: Die Teilnahme von SA-Angehörigen an dieser Aktion waren unverantwortliche Handlungen von einzelnen, die im krassen Widerspruch standen zu den Anordnungen der Führung des Stabschefs Lutze. Stabschef Lutze war in München im Saal des Alten Rathauses. Er hat dort im Anschluß an die Rede von Dr. Goebbels sofort den Chef der Verwaltungsamtes, Obergruppenführer Matthes, beauftragt, in das Hotel Rheinhof [richtig: Rheinischer Hof, I.W.] zu gehen, wohin sich ein Teil der anwesenden SA-Führer bereits zurückgezogen hatte, um diesen SA-Führern ein strengstes Verbot zu übermitteln, an irgendwelchen Aktionen gegen die Juden teilzunehmen. Etwa eine Stunde später, als er die Nachricht hörte, daß die Synagoge in München in Brand gesteckt worden sei, hat Lutze in meiner Gegenwart den noch anwesenden SA-Führern im Rathaussaal zu München dieses Verbot wiederholt und befohlen, daß es sofort an die Einheiten durchgegeben werde. Das ist auch geschehen und wird dadurch bestätigt, daß vielerorts überhaupt keine Aktionen durchgeführt worden sind und zahlreiche SA-Männer den Erhalt des Befehls auf ihren Eid nehmen.

...

RA Böhm: Schön. Nun hat aber die Anklagebehörde in diesem Prozeß unter der Nummer 1721-PS[1] ein Dokument vorgelegt. Das ist eine Meldung, eine Vollzugsmeldung der Brigade 50 an die Gruppe Kurpfalz. Ich möchte Ihnen dieses Dokument zunächst zeigen, und Sie dann fragen, ob Sie hierzu Erhebungen gepflogen haben.

Jüttner: Wir haben Erhebungen gepflogen nach der Aktion. Aus dem Bereich der Gruppe Kurpfalz sind uns solche Handlungen und Untaten, wie sie in der Meldung verzeichnet sind, nicht mitgeteilt worden. Ich halte es auch für ausgeschlossen, daß das, was hier wiedergegeben ist, den Tatsachen entspricht.

RA Böhm: Ich muß nun eine Reihe von Fragen an Sie stellen, die sich erübrigt hätten, wenn die Zeugen Lucke und Fust hier hätten vernommen werden können.[2] Lucke ist nämlich derjenige, der diese Vollzugsmeldung erstellt hat, und Fust derjenige, an den sie gegangen sein soll. Ich frage Sie nun, ist es üblich, daß bei der Erstellung von Vollzugsmeldungen der Befehl, über den der Vollzug zu melden ist, in der Vollzugsmeldung wiederholt wird im SA-Dienst?

Jüttner: In meiner ganzen Amtstätigkeit als Chef der Hauptamtsführung der Obersten SA-Führung und als ständiger Vertreter des Stabschefs der SA habe ich niemals die Wahrnehmung gemacht, daß in einer Vollzugsmeldung der gegebene Befehl - wie es hier in dieser angeblichen Meldung geschehen ist - im Wortlaut wiederholt wird. Im übrigen möchte ich sagen, daß der Führer dieser Gruppe - das war der Obergruppenführer Fust - als er diesen hier wiedergegebenen Befehl gegeben haben soll, sich in München befand, im Alten Rathaussaal und dann im Hotel Rheinhof [richtig: Hotel Rheinischer Hof, I.W.]. Er hat dieses Verbot von Staatschef Lutze empfangen und hat in Gegenwart von Obergruppenführer Matthes dieses Verbot an seine Gruppe telefonisch weitergeleitet. Fust ist ein ganz besonders rechtlich denkender Mensch. Als er nach Mannheim zurückkam, hat er sich, wie ich weiß, davon überzeugt, daß die Durchgabe seines Befehls erfolgt war und daß seiner Anordnung entsprechend SA-Männer zur Bewachung jüdischer Einrichtungen zur Verfügung gestellt worden sind. Auch der Leiter der Führungsabteilung dieser Gruppe Kurpfalz, ein gewisser SA-Führer Zimmermann, bestätigt, daß der Gruppenführer genau das Gegenteil von dem befohlen hat, was hier in diesem Dokument als Gruppenbefehl angegeben ist, und daß auch er SA als Posten vor jüdischen Einrichtungen gesehen hat; und SA-Männer dieser Gruppe in Internierungslagern, die Einheiten in der Gruppe geführt haben, bekunden, daß sie niemals einen Befehl erhalten haben wie den, der hier angeblich von der Gruppe erteilt worden sein soll.

RA Böhm: Hat es im Sprachgebrauch der SA die Bezeichnung "jüdische Synagogen" gegeben?

Jüttner: Das gab es nicht. Wenn man von jüdischen Kirchen sprach, sprach man von Synagogen. Der Begriff "jüdisch" war damit einbezogen, genau wie bei der Moschee der Begriff "mohammedanisch" davon untrennbar ist. So sagt man auch bei Synagogen, jedenfalls in unserem Sprachgebrauch, nicht jüdische Synagogen sondern Synagogen schlechthin.

RA Böhm: In dem Befehl wird weiterhin von einer arischen Bevölkerung gesprochen. War das in diesem Zusammenhang möglich oder üblich?

Jüttner: Auch das ist völlig abwegig. Wenn der Befehl gegeben worden wäre, dann hätte man nicht gesagt: Nebenhäuser, die von arischer Bevölkerung bewohnt werden, sondern man hätte zweifellos gesagt, Nebenhäuser, die von Deutschen oder deutschen Volksgenossen bewohnt sind; aber "arische Bevölkerung" würde in diesem Zusammenhang nie angewandt worden sein.

RA Böhm: Klingt es wahrscheinlich oder glaubhaft, daß man im Jahre 1938, in einer Zeit, in der die nationalsozialistische Macht doch hundertprozentig konsolidiert war, befohlen hätte: Meutereien und Plünderungen sind zu unterbinden?

Jüttner: Das spricht ganz deutlich gegen die Echtheit dieser hier vorgelegten Meldung. Ein Anlaß, Plünderungen wie Meutereien in einem solchen Zusammenhang zu erwähnen, wäre unerklärlich; und es lag auch gar keine Veranlassung vor, das hier anzuführen.

RA Böhm: Wäre es möglich gewesen, daß die Gruppe in einem Befehl an die Brigade Vollzugsmeldung an den Brigadeführer befohlen hätte?

Jüttner: Das wäre absolut sinnlos gewesen. Die Brigade kann doch an sich selbst nicht Vollzugsmeldung erteilen.

RA Böhm: Es ist das aber in dem Befehl oder in der Wiederholung des Befehls zum Ausdruck gebracht.

Jüttner: Ja, das spricht gegen die Echtheit dieser hier wiedergegebenen Meldung.

RA Böhm: Und was entnehmen Sie aus der Formulierung dieses Befehls aus diesem Grunde?

Jüttner: Ich entnehme daraus, kurz gesagt, daß dieser Befehl niemals erteilt worden ist, und daß derjenige, der ihn erfunden hat, von der Befehlssprache der SA keine Ahnung hatte.

RA Böhm: War es üblich und entspricht es der Befehlsweitergabe in der SA, daß Befehle auf dem Dienstwege nicht weitergegeben wurden, sondern in der hier angegebenen Weise verfahren worden wäre, wonach die Standartenführer alarmiert worden wären, wonach diese genauestens instruiert worden wären, und daß in diesem Zusammenhang der Vollzugsbeginn gemeldet worden wäre.

Jüttner: Abgesehen davon, daß eine Vollzugsmeldung in der hier vorgelegten Form niemals so erstattet worden wäre, war es bei uns üblich, daß Befehle auf dem Dienstwege weitergegeben wurden; dann begann der Vollzug. Den Vollzugsbeginn besonders zu betonen oder zu melden, ist absolut abwegig, weil jeder Befehl den Vollzug von vornherein bedingt. Eine Meldung hätte nur dann erfolgen müssen, wenn dem Vollzug sich irgendwelche Schwierigkeiten entgegengestellt hätten.

RA Böhm: Und was schließen Sie nun aus der Gesamtheit dieser unwahrscheinlichen und zum Teil unmöglichen Fassung der Photokopie vom 11. November 1938?

Jüttner: Ich glaube schon zum Ausdruck gebracht zu haben, daß dieser Urkunde hier selbst gegen ihre Echtheit spricht, daß es sich um eine Fälschung handelt. Wenn ich sie mir näher ansehe, komme ich zu dem Ergebnis, daß auch zeitlich die Durchführung...«

An dieser Stelle wurde dem Zeugen von dem Vorsitzenden das Wort abgeschnitten, mit dem Hinweis, er habe sich jetzt zehn Minuten lang zu dem Dokument geäußert, und das reiche nun.[3]

Wenn man die Aussage Jüttners richtig versteht, dann hat es die in dem Bericht erwähnten Synagogenbrände und -zerstörungen im Bereich der SA-Gruppe Kurpfalz überhaupt nicht gegeben. Es wurden demnach Taten angeklagt, die nie begangen worden sind.

Gegen SA-Gruppenführer Fust, der den Befehl zur Zerstörung von Synagogen gegeben haben soll, wurde 6 Jahre später ein Verfahren durchgeführt, in dem er freigesprochen wurde, da er nachweisen konnte, daß SA-Führer Lutze ein striktes Verbot zu den antijüdischen Aktionen erteilt hatte und er dieses Verbot telefonisch von München aus an seine Heimatdienststelle weitergegeben hatte.[4]

2. Die "Judenvermögensabgabe"

Am 12. November 1938, drei Tage nach den skandalösen Ereignissen der "Kristallnacht", erließ der nationalsozialistische Staat mehrere Verordnungen zuungunsten der betroffenen jüdischen Bevölkerung.

Die "Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes" vom 12. November 1938 (RGBl. I,1581), die die Inhaber der zerstörten Geschäfte und Wohnungen verpflichtete, die Schäden auf eigene Rechnung beseitigen zu lassen, war allerdings ein zweischneidiges Schwert. In vielen Fällen waren die Juden, die eigentlich getroffen werden sollten, nicht die Inhaber, sondern nur Mieter der Geschäftsräume und Wohnungen. Dann mußte also u.U. der nichtjüdische deutsche Besitzer die Schäden bezahlen. Waren allerdings die Juden selbst die Eigentümer, wurden sie doppelt getroffen, weil ihre Versicherungsansprüche zugunsten des Staates eingezogen wurden.

Die berüchtigste der neuen Vorschriften war die "Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit" vom 12. November 1938 (RGBl. I,1579), offiziell "Judenvermögensabgabe" genannt. Mit dieser Verordnung wurde den "Juden deutscher Staatsangehörigkeit in ihrer Gesamtheit ... die Zahlung einer Kontribution von einer Milliarde Reichsmark an das Deutsche Reich auferlegt".

Diese Verordnungen sind sicher kein Ruhmesblatt für die deutsche Justiz. Und es nimmt nicht wunder, daß alle Publikationen, die sich mit der nationalsozialistischen Judenpolitik befassen, vor allem diese "Sühnemaßnahmen" (wie es damals hieß) mit Abscheu hervorheben. Die Empörung ist wohl zu verstehen, weniger allerdings die Leichtfertigkeit, mit der von einzelnen Autoren Gesetzestexte verbogen, falsch ausgelegt und in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Als Kommentar dazu liest man in der Regel, daß diese Verordnung die Juden insgesamt an den Bettelstab brachte, sie zumindest aber zu Sozialhilfsempfängern herabwürdigte. "Wirtschaftlicher Ruin, Verlust der Existenzgrundlage, maßlose materielle Schädigung" seien die Folgen gewesen[5]. Viele hätten ihre letzten Einrichtungsgegenstände verkaufen müssen, um die Vermögensabgabe leisten zu können. Außerdem hätte das Reich die erstatteten Versicherungsgelder in Höhe von 225 Millionen RM praktisch als zusätzliche Kontribution kassiert[6]. Andere sprechen von einer "Goldmilliarde", "womit den armen Menschen auch das letzte an Materiellem weggenommen wurde".[7]

Diese Darstellung entspricht nicht den Tatsachen. Und sie beruht auch nicht auf dem Unwissen der Autoren solcher historischen Bücher, sondern ist eindeutig Geschichtsfälschung. In vielen Fällen werden die Gesetzestexte absichtlich nur auszugsweise zitiert und alles ausgelassen, was der tendenziösen Darstellung des betreffenden Autors widerspricht.[8]

Das Gesamtvermögen der in Deutschland lebenden Juden wurde damals offiziell mit 9 Milliarden RM angesetzt, so daß also ca. ein Zehntel des Vermögens eingezogen werden sollte. Tatsächlich betrug das Vermögen aber einerseits 10 bis 12 Milliarden RM[9] und andererseits wurde die veranschlagte Summe von 1 Milliarde nie erreicht.

Die einzelnen Juden wurden aufgrund einer Vermögensanmeldung veranlagt, zu der sie bereits zum 26. April 1938 verpflichtet waren, jedoch unter Berücksichtigung aller Verbindlichkeiten und Änderungen, die sich bis zum November ergeben hatten (DVO zur Judenvermögensabgabe vom 21. November 1938, § 3, Abs. 2).

Die zu überweisende Summe betrug 20 % des angegebenen Vermögens. Dabei wurde der Gesamtwert des Vermögens auf volle 1000 RM nach unten abgerundet (a.a.O., § 3, Abs. 5). Die Abgabe war in vier Teilbeträgen bis zum August 1939 zu entrichten (a.a.O., § 4, Abs. 1.2).

Nicht von der Abgabe betroffen waren Inhaber von Vermögen bis 5000 RM und natürlich alle mittellosen Juden (a.a.O., § 3, Abs. 4). 5000 RM hören sich zwar jetzt nicht bedeutend an, aber die Summe entspricht heute immerhin einem Kapital von über 50 000 DM.

Die Entschädigungen, die die Versicherungen geleistet hatten, mußten zwar an das zuständige Finanzamt überwiesen werden, wurden aber voll auf die Vermögensabgabe angerechnet (a.a.O., § 7). In vielen Fällen machten sie bereits den Betrag aus, der zu zahlen gewesen wäre, so daß keine Extrabelastung entstand. Allerdings wurden sie ungerechterweise auch dann voll einbehalten, wenn sie die 20prozentige Kontribution überstiegen.

Der Zweck dieser Verordnungen war, den Juden das Leben in Deutschland so schwierig und unangenehm zu machen, daß sie sich zur Auswanderung entschlossen. Er bestand aber nicht darin, wie viele Autoren meinen, die jüdischen Bürger durch gesetzliche Bestimmungen völlig auszunehmen und sie zu Sozialfällen zu machen. Dann wären die verarmten Juden letzten Endes ja dem Staat zur Last gefallen. Was man wollte, war, die Juden mit aller Macht aus Deutschland vertreiben. Aber ein völlig mittelloser Jude hätte eine Auswanderung gar nicht bewerkstelligen können - und hätte auch gar kein Interesse mehr daran gehabt.


Anmerkungen zum Nachtrag

  1. abgedruckt in IMT XXVII, 485ff.
  2. Der Verteidiger, Dr. Böhm, hatte beantragt, den SA-Gruppenführer Fust, der den Befehl zur Zerstörung von Synagogen gegeben haben soll, sowie den Brigadeführer Lucke, dessen Unterschrift auf der Meldung steht, als Zeugen vernehmen zu lassen. Er nannte ihre Adressen, bzw. die Internierungslager in Deutschland, in denen sie gefangengehalten wurden. Der Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, man könne die Zeugen nicht aufspüren. (IMT XX, 27ff.; XXII, 153.169)
  3. Jüttner wurde auch an den nächsten Verhandlungstagen wiederholt noch zu dem Dokument 1721-PS befragt und konnte einen weiteren Fälschungsnachweis bezüglich eines handschriftlichen Vermerks auf der Vollzugsmeldung erbringen (insgesamt s. IMT XXI, 156-161. 220-227. 255-257; XXII, 169-172).
  4. Urteil LG Wiesbaden 25.7.1952 (2 KLs 38/51), abgedruckt in: Klaus Moritz/Ernst Noam, NS-Verbrechen vor Gericht. 1945-1955. Dokumente aus hessischen Justizakten, (Justiz und Judenverfolgung, Bd. 2), Wiesbaden 1978, S. 211-216
  5. Walter Hofer (Hrsg.): Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt/M. 1957, S. 273
  6. Avraham Barkai: Vom Boykott zur „Entjudung". Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933-1943, Frankfurt/M, 1988, S. 151
  7. Herbert Lewin in: „Jude. Materialien zum 40. Jahrestag der Synagogenzerstörungen in Hessen", Frankfurt/M. 1978, S. 1
  8. z.B. Wolfgang Scheffler: Judenverfolgung im Dritten Reich, Berlin 1964, S. 31, 76; Hofer a.a.O., S. 294f.
  9. Barkai a.a.O., S. 116

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