Einführung

1. KL Stutthof

Am 2. September 1939, also am Tage nach dem Beginn des Polenfeldzugs, wurde unweit des 36 km östlich von Danzig gelegenen Dorfes Stutthof in Westpreußen ein Internierungslager für polnische Gefangene eröffnet. Anfang 1942 erhielt es die Bezeichnung »Konzentrationslager Stutthof«. In den sechseinhalb Jahren seiner Existenz nahm es Häftlinge aus zahlreichen Staaten auf, ferner eine Anzahl sowjetischer Kriegsgefangener.

1944 wuchs die vorher verhältnismäßig geringe Lagerstärke durch großenteils über Auschwitz erfolgte Massentransporte von jüdischen Häftlingen aus dem Baltikum, Ungarn und Polen sprunghaft an. Zuvor hatte es im Lager nur wenige Juden gegeben. Im Januar 1945 wurde mit der Räumung von Stutthof begonnen. Dieses wurde - als letztes nationalsozialistisches KL - am 9. Mai 1945 von der Roten Armee befreit, die dort allerdings nur noch etwa 150 Häftlinge vorfand; die übrigen waren zuvor evakuiert worden.

2. Stutthof in der polnischen und westlichen Geschichtsschreibung

Eine Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebende Literatur über das Lager Stutthof existiert praktisch nur in Polen, wo eine größere Anzahl von Büchern und Artikeln zu diesem Thema erschienen ist. Wir werden im folgenden immer wieder auf diese polnische Literatur zurückgreifen, verweisen aber bereits jetzt darauf, daß sie durchweg propagandistisch gefärbt und in entscheidenden Punkten ganz unzuverlässig ist.

Als offizielle Lagergeschichte gilt der 1988 erschienene Sammelband Stutthof - hitlerowski obóz koncentracyjny[1], der seit 1996 auch in deutscher Übersetzung vorliegt.[2] Ferner gibt die Gedenkstätte Stutthof in unregelmäßigen Abständen eine Zeitschrift mit dem Namen Stutthof. Zeszyty Muzeum (Stutthof. Hefte des Museums, künftig als SZM abgekürzt) heraus, die sich freilich nur teilweise mit den Ereignissen im Lager befaßt.

In der polnischen Geschichtsschreibung wird die These verfochten, Stutthof sei im Jahre 1944 zu einem behelfsmäßigen Vernichtungslager für Juden geworden. Eine Zusammenfassung der offiziellen Version lieferte im Jahre 1967 das Bulletin des in Warschau ansässigen Jüdischen Historischen Instituts: [3]

»Im Frühling und Sommer des Jahres 1944 änderte sich der Charakter Stutthofs grundsätzlich; es war nun nicht mehr bloßes Konzentrationslager, sondern gleichzeitig Vernichtungslager für Zehntausende von Juden, insbesondere jüdische Frauen. [...] Die siegreiche Offensive der Sowjetarmee zwang die Hitlerleute zur Evakuierung der Konzentrationslager und Gefängnisse auf dem Territorium Litauens, Lettlands und Estlands. Im Zusammenhang damit wurden im Jahre 1944 verschiedene Konzentrationslager wie das KL Riga-Kaiserwald, das KL Kaunas-Prosidniszki und einige andere aufgelöst. Dies führte zu einer massenhaften Überstellung von Häftlingen russischer, weißrussischer, lettischer und litauischer Nationalität, aber auch von vielen tausend lettischen und litauischen Juden nach Stutthof. Außerdem überstieg die Liquidierung der ungarischen Juden, die damals in Auschwitz vor sich ging, die Kapazität jenes Lagers. Tausende ungarischer Juden wurden nun nach Stutthof und in seine Nebenlager geschickt.«

Laut der polnischen Fachliteratur sind zahlreiche - mehrheitlich jüdische - Stutthof-Häftlinge ab Juni oder Juli des Jahres 1944 durch Giftgas ermordet worden. In mehreren „Holocaust"-Standardwerken der westlichen Welt, namentlich dem von E. Kogon, H. Langbein. A. Rückerl u.a. herausgegebenen Sammelband Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas[4] sowie der Enzyklopädie des Holocaust[5], wird diese Behauptung aufgegriffen.

Allerdings gibt es auch unter den Vertretern der These von einer systematischen Judenvernichtung im Dritten Reich solche, die nichts von Menschenvergasungen im KL Stutthof wissen. In Raul Hilbergs 1300-seitigem Standardwerk über den „Holocaust"[6], in dem Stutthof insgesamt nur viermal kurz erwähnt wird, fehlt jeglicher Hinweis auf eine Menschentötungsgaskammer in jenem Lager. Auch Gerald Reitlinger, Autor eines weiteren „Holocaust"-Klassikers[7], behauptet nirgends, in Stutthof seien Menschen vergast worden.

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß das KL Stutthof beim Nürnberger Prozeß nicht zur Sprache kam.

Sämtliche in der offiziellen westlichen „Holocaust"-Literatur aufgestellten Behauptungen über Vergasungen in Stutthof beruhen auf zweierlei Quellen: Der einschlägigen polnischen Fachliteratur sowie Gerichtsurteilen bei BRD-Prozessen, die ausschließlich auf Zeugenaussagen fußen. Kein westlicher „Holocaust"-Gelehrter hat sich ernsthaft mit Stutthof beschäftigt. Dies dürfte zumindest teilweise daran liegen, daß das Lager im Zusammenhang mit der sogenannten „Endlösung der Judenfrage" erst ab Mitte 1944 eine Rolle spielt.

Von den Revisionisten hat sich bisher als einziger der amerikanische Historiker Mark Weber mit Stutthof auseinandergesetzt. Sein im Jahre 1997 im Journal of Historical Review erschienener Beitrag stützt sich zwar nicht auf Originaldokumente, sondern lediglich auf die spärliche in westlichen Sprachen verfügbare Literatur, ist aber dennoch von sehr gutem Niveau. Weber erwähnt die 1944 erfolgten umfangreichen Deportationen baltischer, polnischer und ungarischer Juden nach Stutthof und bemerkt dazu: [8]

»Diese Überstellungen nach Stutthof können nur schwer oder überhaupt nicht mit einer deutschen Politik zur Vernichtung der europäischen Juden in Einklang gebracht werden. Hätte es solch eine Ausrottungspolitik gegeben, wäre nicht einzusehen, weshalb Juden aus dem Baltikum - die angeblich alle zur Vernichtung bestimmt waren - nicht etwa an Ort und Stelle getötet, sondern mittels des überlasteten deutschen Transportsystems evakuiert wurden. Die Tatsache, daß viele der von den Deutschen aus dem Baltikum nach Stutthof gebrachten Juden arbeitsuntaugliche Kinder waren, paßt besonders schlecht zu einer Ausrottungspolitik.«

3. Vom Ziel der vorliegenden Studie

Ausgangspunkt für unsere Studie bildete ein Ende Juni und Anfang Juli 1997 erfolgter Besuch in Stutthof, bei dem wir sowohl eine erhebliche Zahl von im Archiv befindlichen Dokumenten eingesehen als auch einen Augenschein des Lagers vorgenommen haben. Bei einer im März 1999 durchgeführten Reise nach Polen haben wir zusätzliches wichtiges Material über dieses KL erworben. Da dessen Geschichte bis zum Jahre 1944, dem Zeitpunkt der großen Judendeportationen, weitgehend unstrittig ist, lag es nahe, den Schwerpunkt unserer Untersuchungen auf drei Punkte zu legen:

Die Klärung dieser drei - eng miteinander verknüpften - Fragen bildet das eigentliche Ziel unserer Studie. Daß sie dem Leser zugleich einen Überblick über die Geschichte eines im Westen praktisch nur dem Namen nach bekannten Lagers bietet, mag man ihr als zusätzliches Verdienst anrechnen.

28. April 1999
Jürgen Graf
Carlo Mattogno


Anmerkungen

[1]Interpress, Warschau.
[2]Stutthof. Das Konzentrationslager, Wydawnictwo Marpress, Danzig 1996. Wir zitieren die offizielle Lagergeschichte stets nach dieser deutschen Übersetzung und nicht nach dem polnischen Original.
[3]Krzysztof Dunin-Wąsowicz, »Żydowscy Więźniowie KL Stutthof«, in: Biułetyn Żydowskiego Instytutu Historycznego, Warschau 1967, Nr. 63, S. 10.
[4]Erschienen 1983 beim Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
[5]Eberhard Jäckel, Peter Longerich, Julius H. Schoeps u.a., Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, 3 Bände, Argon Verlag, Berlin 1993.
[6]Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bände, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1997. Hilberg unterscheidet drei Typen von NS-Konzentrationslagern: »Todeslager« (Auschwitz, Treblinka, Belzec, Sobibor, Kulmhof und Lublin), »Lager mit Tötungsoperationen« (Poniatowa, Trawniki, Semlin) sowie »Lager mit Todesopfern im Bereich von einigen zehntausend oder darunter«. In die dritte Kategorie reiht er neben Bergen-Belsen, Buchenwald, Mauthausen und Dachau auch Stutthof ein (ebenda, S. 1299). Somit schließt Hilberg ausdrücklich aus, daß Stutthof ein - wenn auch nur »behelfsmäßiges« - Vernichtungslager war.
[7]Gerald Reitlinger, Die Endlösung, Colloquium Verlag, Berlin 1983.
[8]Mark Weber, »An important but little-known Wartime Camp: Stutthof«, in: Journal of Historical Review, Band 16, Nr. 5, September/Oktober 1997, S. 2.

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