KAPITEL I:
Ein Überblick über die Geschichte des Lagers Stutthof

1. Die Periode vom September 1939 bis zum Februar 1942

Wie wir in einem früheren Buch[9] dargelegt haben, dienten die nationalsozialistischen Konzentrationslager während der Kriegszeit vorrangig zwei Zielen. Einerseits erfüllten sie durch die Aufnahme wirklicher oder potentieller Gegner des Nationalsozialismus eine sicherheitspolitische Funktion, andererseits kam ihnen zu einer Zeit, wo immer mehr Deutsche an die Front mußten und der Mangel an Arbeitskräften dem Reich aufs schwerste zu schaffen machte, eine zunehmende kriegswirtschaftliche Bedeutung zu.

Den Anstoß zur Errichtung von Stutthof gab der erstgenannte dieser beiden Gründe. Wir wollen die Entstehung dieses Lagers im folgenden kurz darstellen, wobei wir uns in erster Linie auf einen in der offiziellen Lagergeschichte wiedergegebenen Beitrag des polnischen Historikers Mirosław Glinski stützen[10].

Am 3. Juli 1939 hatte SS-Brigadeführer Johannes Schäfer, der Bevollmächtigte des Senats der Freien Stadt Danzig für politische Angelegenheiten, den sogenannten »SS-Wachtsturmbann« gegründet, dessen Führung dem SS-Obersturmbannführer Kurt Eimann anvertraut wurde und zu dessen Aufgabe u.a. die Einrichtung provisorischer Internierungslager für als aktive Gegner Deutschlands bekannte Polen gehörte, welche im Falle eines Kriegsausbruchs unverzüglich verhaftet werden sollten.

Noch im selben Monat wurde nordwestlich des Dorfes Stutthof (polnisch Sztutowo) unter der Leitung des SS-Obersturmführers Erich Gust mit dem Bau eines Lagers begonnen, bei welchem Sträflinge aus dem Danziger Gefängnis die Arbeitskräfte stellten. Am Nachmittag des 2. September, also am Tage nach dem Kriegsausbruch, traf ein Kontingent von etwa 200 im Raum Danzig festgenommenen Polen in Stutthof ein.

Sämtliche Internierungslager jener Region unterstanden dem SS-Sturmbannführer Max Pauly. Die zentrale Kommandantur befand sich anfänglich im Lager Neufahrwasser, das später, im April 1940, zum Nebenlager von Stutthof werden sollte. Letzteres trug zunächst die offizielle Bezeichnung »Zivilgefangenenlager«, doch wurde es im Schriftverkehr auch »Gefangenenlager« und »Gefangenen-Sammellager« genannt. Die Bevölkerung der angrenzenden Gegend sprach meist einfach vom »Waldlager«.

Nachdem der SS-Sturmbannführer Arthur Liebehenschel im Auftrag des Inspektorats im Januar 1940 Stutthof, Neufahrwasser sowie ein drittes Internierungslager, Grenzdorf, besucht hatte, erstattete er Glücks einen Bericht über seine Eindrücke. Glücks schlug dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler darauf vor, Stutthof in den Rang eines offiziellen Konzentrationslagers zu erheben, weil es günstig gelegen sei und gute Möglichkeiten für den Arbeitseinsatz von Häftlingen biete, doch Himmler lehnte den Vorschlag zunächst ab[11].

Ende Januar 1940 wies Stutthof rund 4500 Insassen auf[12]. Bei den Inhaftierten handelte es sich damals durchweg um männliche Polen, unter denen sich zahlreiche als politisch unzuverlässig geltende Priester, Lehrer und andere Angehörige der Intelligenz befanden. Ab Mitte desselben Jahres wurde auch eine geringe Zahl weiblicher Häftlinge in Stutthof eingeliefert und in der Baracke I untergebracht, welche nun die Bezeichnung »Frauenblock« erhielt.

Hier sind einige Ausführungen über den Ausbau des Lagers angebracht; wir stützen uns dabei auf einen Beitrag der polnischen Historikerin Ewa Ferenc[13].

Als Anfang September 1939 die ersten Häftlinge auf dem Lagergelände eintrafen, fanden sie dort bereits eine Anzahl von Zelten, eine Küche, einen Waschraum und eine Latrine vor. Die Häftlinge wurden zunächst ausschließlich zum Aufbau des Internierungslagers beim Roden des Waldes, der Planierung des Geländes usw. eingesetzt. Wie auch bei anderen Lagern war diese Aufbauphase für die daran Beteiligten besonders hart; als schwerste Arbeit galt die beim Waldkommando, das mit dem Fällen von Bäumen beauftragt war.

Für die Errichtung der Gebäude war das sogenannte Baubüro zuständig, das Anfang 1942 »SS-Neubauleitung Stutthof« und später einfach »Bauleitung« genannt wurde. Erster Chef der Bauleitung war der SS-Untersturmführer Otto Neubauer. Sie unterstand der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei in Danzig, welche ihrerseits der Bauinspektion Reich-Ost mit Sitz in Posen untergeordnet war; letztere wiederum war dem Chef des Amtes C (Amtsgruppe Haushalt und Bauten) des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) unter SS-Gruppenführer Hans Kammler unterstellt[14].

Bis Oktober 1941 gab es in Stutthof drei Häftlingsbaracken. Etwa gleichzeitig wurde die Kanalisationsanlage fertiggestellt, und in den Baracken wurden Waschräume eingerichtet; früher hatten sich die Häftlinge an im Freien liegenden Trögen gewaschen.

Eine weitere Baracke diente als Häftlingskrankenbau und enthielt u.a. eine chirurgische Abteilung, einen Verbandssaal und eine Apotheke. Ferner bestanden eine Küchenbaracke sowie eine Wäscherei. Als Kommandanturgebäude wurde ein ehemaliges, auf dem Lagergelände liegendes Altersheim genutzt.

Ab Anfang 1940 wurden Baracken für die Lagerwerkstätten gebaut; es gab schließlich eine Malerei, eine Möbelwerkstatt, eine Tischlerei, eine elektrotechnische Werkstatt und eine Schmiede. Außerhalb des Lagers hatten die Häftlinge Viehställe sowie ein Schlachthaus errichtet[15].

Von Anfang April bis Ende September 1941 wurde Stutthof in der KL-Nomenklatur aus nicht ersichtlichen Gründen als »Durchgangslager« eingestuft, obgleich sich seine Funktion gegenüber früher nicht geändert hatte[16]. Über diese Periode sind nur sehr wenige Dokumente erhalten.

Zu den politischen Häftlingen stießen ab 1941 die sogenannten »Erziehungshäftlinge«. Bei diesen handelte es sich um Staatsangehörige der besetzten Länder sowie in geringerem Umfang um Deutsche, welche ihre Arbeitsverträge gebrochen oder der Einberufung zum Arbeitsdienst keine Folge geleistet hatten. Am 28. Mai 1941 hatte Himmler in einem Rundschreiben an alle Dienststellen der Sipo (Sicherheitspolizei) die Errichtung von Arbeitserziehungslagern angeordnet, worauf der Sipo-Leiter von Danzig, Heinrich Willich, in einem Schreiben an Reinhard Heydrich, den Chef des RSHA (Reichssicherheitshauptamtes) der SS, die Umgestaltung Stutthofs in ein solches vorschlug. Am 9. August erklärte Heydrich sein Einverständnis[17].

Den Erziehungshäftlingen war im Vergleich zu den politischen Gefangenen ein glimpfliches Los beschieden, kamen sie doch in aller Regel nach 56 Tagen frei, worauf ihnen eine Arbeitsstelle zugewiesen wurde. Mit der Umgestaltung des Lagers trafen erstmals auch Nichtpolen in größerer Zahl in Stutthof ein. So wurden ab September 1941 Franzosen eingeliefert, als erster ein Jean Maurisse, der als Fremdarbeiter in Elbing (polnisch Elbląg) bei der Firma E. Schichau tätig gewesen war und nach seiner Freilassung aus Stutthof dorthin zurückkehrte[18]. Auch die Anwesenheit italienischer Erziehungshäftlinge läßt sich - allerdings erst ab 1943 - nachweisen[19].

Von den 1939 nach Kriegsausbruch internierten polnischen politischen Häftlingen wurden in den Jahren 1940 und 1941 rund 2000 auf freien Fuß gesetzt[20]. Daß die Lagerstärke ab Frühling 1940 erheblich sank, ist teils auf diese Freilassungen, teils auf Überstellungen zurückzuführen. Ins Gewicht fielen dabei namentlich zwei große Transporte, die bereits im April 1940 nach Sachsenhausen abgegangen waren: Am 9. jenes Monats wurden 1000 und am 19. weitere 800 Stutthof-Häftlinge in jenes KL überstellt[21]. Andererseits aber erfolgten keine Transporte aus offiziell als solche anerkannten Konzentrationslagern in Internierungs-, Durchgangs- oder Arbeitserziehungslager. Am 10. Dezember 1941 wies Stutthof daher nur noch 1024 Häftlinge - darunter 100 Frauen - auf, von denen über ein Drittel in den Nebenlagern Elbing und Grenzdorf einsaßen[22].

Am 23. November 1941 besuchte Himmler Stutthof[23] und beschloß anschließend, ihm den Status eines regulären Konzentrationslagers zuzubilligen. Den Ausschlag dafür gaben wirtschaftliche Erwägungen; dies geht aus folgendem, am 19. Dezember 1941 an den Leiter des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes Oswald Pohl adressierten Brief Himmlers hervor:[24]

»Mein lieber Pohl!

Ich war kürzlich gelegentlich meines Besuches im Gau Danzig-Westpreußen im Lager Stutthof. Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß Stutthof von größter Bedeutung für die spätere Besiedlung des Gaues Danzig-Westpreußen ist. Stutthof hat alle Möglichkeiten für Werkstätten, Schreinerei, Schlosserei usw. Ich glaube, daß wir Stutthof doch ausbauen und verwenden müßten. Der Ausbau müßte meines Erachtens folgende Dinge berücksichtigen:

1) Die Einrichtung von Bauschreinerei und Bauschlosserei für die Siedlungstätigkeit in Westpreußen.

2) Vollste Ausnutzung der Schneider-, Schreiner- und sonstigen Werkstätten für uns. Es werden dort eine große Menge von Aufträgen für die Wehrmacht ausgeführt.

3) Einrichtung einer Autoreparatur-Werkstatt für den dortigen SS-Oberabschnitt.

4) Kauf einer Ziegelei am Haff, die sehr günstig liegt, die Kleinbahn und Kanal hat und die uns zurzeit dort angeboten wird.

5) Stutthof muß außerdem in der Richtung ausgebaut werden, daß es in einem Lager später 20.000 Russen aufnehmen kann, mit denen wir dann den Siedlungsaufbau des Gaues Danzig-Westpreußen vollziehen können.

Ich übersende anliegend eine Aufstellung über die Bodenbeschaffenheit, die in Stutthof gemacht wurde. Von Interesse könnte einesteils der Faulschlamm zur Düngung der Wiesen sein, wenn es sich lohnt, ihn in der Tiefe von 10-12 m abzubauen, und andererseits die allerdings in 100 m Tiefe liegende weiße, weiche, mittelharte und harte Kreide sein. Wenn ich mich nicht irre, ist im Gau Danzig-Westpreußen an Zement und Kalk ein großer Mangel. Aus Kreide ließe sich beides gewinnen.

Stutthof müßte nun von Ihnen und SS-Brigadeführer Glücks als anerkanntes Konzentrationslager mit Wirtschaftsbetrieb übernommen werden.

Heil Hitler!

Ihr H. Himmler.«

KL-Inspektor Richard Glücks gab am 7. Januar 1942 bekannt, daß Stutthof nunmehr als staatliches Konzentrationslager anzusehen sei[25].

Dieser Beschluß fand in einem vom 20. Februar 1942 stammenden Rundschreiben des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD seinen Widerhall:[26]

»Das bisherige SS-Sonderlager Stutthof ist auf Anordnung des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei mit sofortiger Wirkung als staatliches Konzentrationslager mit der Bezeichnung „Konzentrationslager Stutthof" übernommen worden. Als Lagerkommandant ist der bisherige Kommandant des Sonderlagers Stutthof, SS-Hauptsturmführer der Waffen-SS Pauly, vom Inspekteur der Konzentrationslager eingesetzt worden.«

Mit seiner Erhebung in den Rang eines »staatlichen Konzentrationslagers« wurde Stutthof dem in Oranienburg stationierten Inspektorat der Konzentrationslager unterstellt[27]. Lagerkommandant war, wie im Rundschreiben erwähnt, weiterhin Max Pauly. Ende August 1942 wurde er aus Stutthof ins KL Neuengamme abberufen, das er bis Kriegsende leitete. Wegen seiner Tätigkeit in diesem Lager wurde er 1946 bei einem von den britischen Besatzern in Hamburg durchgeführten Prozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet[28]. Paulys Nachfolger in Stutthof war der SS-Sturmbannführer Paul Werner Hoppe, der wegen einer Verwundung an der Ostfront nicht mehr kriegstauglich war und in den KL-Dienst zurückberufen wurde, dem er bereits von 1937 bis 1941 als Angehöriger der Lagermannschaft von Dachau angehört hatte. Hoppe war bis Kriegsende Kommandant von Stutthof, verließ das Lager aber Anfang April 1945, worauf es inoffiziell vom SS-Hauptsturmführer Paul Ehle geführt wurde. Bei einem Prozeß in Bochum wurde Hoppe 1957 zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; nach Verbüßung von siebeneinhalb Jahren kam er dann frei.[28] Über das Schicksal Ehles in der Nachkriegszeit liegen uns keinerlei Informationen vor.

Das KL Stutthof war wie folgt organisiert[29]:

Lagerkommandant

Abteilungen I-VI

SS-Totenkopfsturmbann

Die sechs Abteilungen waren die folgenden:

Abteilung I - Kommandantur: Diese bildete den Stab des Lagerkommandanten und unterstand dem Adjutanten des letzteren. Zur Abteilung I gehörten: Der Sicherheitsdienst, der die Ordnung im Lager überwachte; der Nachrichtendienst, der für die Verbindung zwischen dem Lager und den höheren Dienststellen zuständig war; die Fahrbereitschaft, die den Transport besorgte, das Waffenlager, die Kantinen (es gab zwei, eine für die Lagerbesatzung und eine für die Häftlinge) sowie das SS-Gericht, das kleinere Verstöße gegen die Lagerordnung aburteilte (schwere Fälle wurden an das SS-Gericht Danzig überwiesen).

Abteilung II - Politische Abteilung: Sie legte anhand der Transportlisten die Lagerpersonalakten an, in der die Kategorie des betreffenden Häftlings (politischer Häftling, Schutzhäftling, Krimineller etc.) eingetragen wurde. Bei Todesfällen unterrichtete sie die Angehörigen des Verstorbenen sowie die Stelle, die dessen Einlieferung veranlaßt hatte. Die politische Abteilung leitete auch die Verhöre von Häftlingen.

Abteilung III - Schutzhaftlager: Dem Schutzhaftlagerführer unterstanden die verschiedenen Abteilungen des Lagers: Das Männerlager, das Frauenlager sowie die später eingerichteten Lagerkomplexe (das Sonderlager, das Germanenlager und das Judenlager, auf die wir noch eingehen werden). Ihm stand ein Rapportführer zur Seite, der zur Feststellung der Lagerstärke zweimal täglich Appelle durchführte. Eine Unterabteilung war der Arbeitseinsatz, der dem Arbeitseinsatzführer unterstellt war. Er legte eine Häftlingskartei nach Berufen an, um eine möglichst effiziente Beschäftigung der Lagerinsassen zu gewährleisten.

Abteilung IV - Wirtschaft und Verwaltung: Diese Abteilung war für die Kasse, die Auszahlung des Soldes an die Mannschaft, den Einkauf der benötigten Nahrungsmittel und Kleider usw. zuständig.

Abteilung V - Lagerarzt: Der 1. Lagerarzt war für die medizinische Versorgung verantwortlich. Unter seiner Obhut standen das Häftlings- sowie das Truppenrevier - »Revier« war Lagerjargon für »Krankenhaus« -, die Apotheke sowie das Krematorium. Er mußte bei Exekutionen sowie beim Vollzug der Prügelstrafe zugegen sein.

Abteilung VI - Schulung: Sie schulte die Lagermannschaft politisch und beruflich und führte auch kulturelle Veranstaltungen durch[30].

Beim SS-Totenkopfsturmbann KL Stutthof handelte es sich um die Lagerwachmannschaft. Neben Reichsdeutschen gehörte dieser ein hoher Prozentsatz an Volksdeutschen aus Osteuropa an; auch Nichtdeutsche (Ukrainer, Letten, Litauer) taten in ihr Dienst. In den sechseinhalb Jahren der Existenz des Lagers waren dort rund 2500 Wachleute eingesetzt, darunter eine Anzahl von Frauen[31].

2. Die Periode vom März 1942 bis zum Juni 1944

Am 19. Dezember 1941 hatte Heinrich Himmler angeordnet, das Lager Stutthof so auszubauen, daß es 20.000 Russen (d.h. sowjetische Kriegsgefangene) aufnehmen konnte. Als Folge dieses Entscheids stellte der SS-Unterscharführer Johann Pauls dem Reichsführer-SS einen Erweiterungsplan des Lagers zu, den Himmler am 3. März 1942 guthieß. Er sah u.a. die Errichtung von Unterkünften für 20.000 Häftlinge westlich und nördlich der bereits bestehenden, nun als »Altes Lager« bezeichneten Baulichkeiten vor. Zur Ermöglichung der geplanten Erweiterung wurden die im April 1942 im Himmler-Brief erwähnte Ziegelei sowie das - ebenfalls südöstlich des Lagers gelegene - Gut Werdershof vom Amt II des SS-WVHA (Haushalt und Bauten) gepachtet[32], wo im folgenden Jahr das »Germanenlager« errichtet werden sollte.

Nördlich des Alten Lagers wurden als erster Teil des nun entstehenden »Neuen Lagers« 30 Baracken gebaut, von denen 20 - mit den Nummern I bis XX bezeichnete - für die Häftlinge bestimmt waren, einschließlich der Lagerkantine, der Küche und der Quarantänebaracke für an ansteckenden Krankheiten Leidende. In den übrigen Baracken wurden Werkstätten der DAW (Deutsche Ausrüstungs-Werke) untergebracht: Kürschnerei, Schneiderei, Weberei, Schusterei und eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder.

Die ersten Häftlinge wurden im Juli 1943 in das Neue Lager verlegt. Die Frauen blieben im Alten Lager.

Nach Fertigstellung der Baracken begann der Bau der Straßen, der Kanalisation und der Wasserleitung für das Neue Lager. Parallel dazu setzte westlich des Alten Lagers die Errichtung einer Kaserne für die Wachmannshaft ein, die am 28. März 1943 dort einzog.

Im Oktober 1943 wurde nördöstlich des Neuen Lagers mit dem Bau zweier Fabrikhallen für die DAW begonnen, die ein Jahr später in Betrieb genommen werden konnten. In der ersten wurden von der Firma Focke-Wulf Flugzeugteile hergestellt, in der zweiten, der »DAW-Maschinenhalle«, Motoren und Maschinenteile repariert.

Grundsätzlich zerfiel die Arbeit der Häftlinge in zwei Kategorien: Aufbau und Instandhaltung des Lagers selbst sowie Arbeit für Firmen. An letztere wurden die Häftlinge gegen Entgelt ausgeliehen. Wie eben erwähnt, hatten einige Unternehmen wie die DAW oder Focke-Wulf im Lager selbst Niederlassungen gegründet. Ansonsten waren die für Firmen eingesetzten Häftlinge in »Nebenlagern« oder »Außenkommandos« eingesetzt, wobei die Grenze zwischen ersteren und letzteren natürlich fließend verlief. In der polnischen Geschichtsschreibung wird von insgesamt 60 Nebenlagern und Außenstellen ausgegangen[33]. Dazu gehörte z.B. die »Außenstelle Elbing«, wo zwischen 200 und 500 Häftlinge für diverse Unternehmen »u.a. für die Firma Holzmann beim Aufbau der Werft, in des Sperrholzfabrik, bei der Stadtreinigung, bei der Kanalisation der Stadt und in einigen kleineren Betrieben« sowie im Hausbau tätig waren[34].

Andere Häftlinge wurden an in der Umgebung von Stutthof lebende Bauern vermietet[35].

Wie der SS-Hauptsturmführer Theodor Traugott Meyer, der in Stutthof Schutzhaftlagerführer gewesen war, in seinen im August 1947 in polnischer Haft entstandenen Aufzeichnungen darlegte, war die Abstellung von 3000 jüdischen Frauen zur Erntehilfe auf persönliche Intervention des Lagerkommandanten Hoppe erfolgt[36].

All dies beweist, wie bedeutsam das Lager Stutthof in wirtschaftlicher Hinsicht war[37].

Viele Häftlinge wurden aus dem Lager entlassen. Laut der offiziellen Lagergeschichte betrug die Gesamtzahl der Entlassenen 5.000[38]. Zu gewissen Zeiten gab es fast täglich Entlassungen, zumindest bis Ende August 1944 (am 29. August wurden über 40 Häftlinge auf freien Fuß gesetzt[39]). Es kam nicht selten vor, daß die Zahl der an einem einzigen Tag Freigelassenen über 50 lag, z.B. am 28. August 1942 (58 Entlassene) oder am 18. Dezember 1942 (51 Entlassene)[40].

In manchen Fällen handelte es sich bei den an einem bestimmten Tage Entlassenen durchweg um Erziehungshäftlinge. Ein Beispiel dafür liefert die Liste vom 6. Mai 1943, auf der 30 freizulassende Häftlinge dieser Kategorie, aber auch zwei nach Auschwitz bzw. Sachsenhausen zu überstellende (ein staatenloser Asozialer und ein polnischer Schutzhäftling) aufgeführt sind[41]. Hingegen befanden sich unter den am 28. August 1942 auf freien Fuß gesetzten Insassen neben 23 »Arbeitsscheuen« (was sicher ein Synonym für »Erziehungshäftlinge« war) auch 21 Schutzhäftlinge, d.h. politische Gefangene. Die Mehrzahl der Entlassenen waren Polen.

Man beachte übrigens, daß zwei dieser Freilassungen - jene vom Juli und August 1944 - zu einem Zeitpunkt erfolgten, wo der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge im Lager eine große Zahl von Häftlingen in der Gaskammer ermordet wurde. Dies bedeutet, daß die Deutschen dieser offiziellen Geschichtsschreibung nach Zeugen des Massenmordes freiließen, damit diese überall herumerzählen konnten, was sie miterlebt hatten! Da die Gaskammer unmittelbar am Rand des alten Lagers gelegen und von diesem aus ohne weiteres sichtbar war[42], bestand keine Aussicht auf Vertuschung von Morden.

Den Anstieg der Lagerstärke nach dem Entscheid zum Ausbau belegt folgende Statistik:

31. 07. 1942: 2283 Häftlinge, davon 163 Frauen;

31. 12. 1942: 1855 Häftlinge, davon 332 Frauen;

31. 03. 1943: 3590 Häftlinge, davon 285 Frauen;

Ende 1943: Ca. 6000 Häftlinge[43].

Mit der Ernennung Stutthofs zum regulären Konzentrationslager gingen nunmehr nicht nur Transporte in andere KLs ab, sondern es trafen auch solche ein. Die Zahl der aus Stutthof Überstellten wird in einer aus dem Jahre 1990 stammenden polnischen Studie mit 24.624 beziffert[44]. Auf den Umfang der aus anderen Lagern nach Stutthof überstellten Transporte gehen wir in einem späteren Kapitel ein.

Die 1942 einsetzenden Transporte nach Stutthof - der erste traf mit 114 Häftlingen am 14. April 1942 aus Buchenwald ein[44] - zogen eine Internationalisierung des Lagers nach sich. Zwar stellten die Polen bis Mitte 1944 weiterhin die größte Häftlingsgruppe, doch wuchs die Zahl der Insassen aus anderen Ländern, insbesondere der Sowjetunion und Deutschland, stetig an. Aus der UdSSR wurden neben Kriegsgefangenen auch viele Widerstandskämpfer bzw. der Unterstützung des Widerstandes Verdächtigte eingeliefert. Unter den deutschen Neuankömmlingen waren die Kriminellen bedeutend zahlreicher als die Politischen; so trafen aus dem als Lager für unverbesserliche Schwerverbrecher eingestuften Mauthausen zahlreiche solche Delinquenten ein. Die von der SS hartnäckig gepflegte Unsitte, gewöhnliche Verbrecher zu Kapos und damit zu Vorgesetzten anderer Gefangener zu machen, dürfte der Hauptgrund für die in den Aussagen ehemaliger Stutthof-Häftlinge wortreich - und meist zweifellos mit dramatischen Ausschmückungen - geschilderten Schikanen und Quälereien gewesen sein[45].

Privilegiert behandelt wurden in Stutthof zwei kleinere Gefangenengruppen. Bei der ersten handelte es sich um die sogenannten »Ehrenhäftlinge«, worunter man wegen politischer Unzuverlässigkeit internierte Intellektuelle und Diplomaten aus den Baltenstaaten Lettland und Litauen verstand. Sie wohnten von den anderen Gefangenen getrennt und mußten nicht arbeiten[46]. Dasselbe traf auf eine Gruppe von 282 (nach anderen Quellen 273) norwegischen Polizisten zu, die im Dezember 1943 bzw. im Januar 1944 nach Stutthof gebracht wurden, weil sie sich geweigert hatten, eine Loyalitätserklärung gegenüber der nationalsozialistischen Regierung Vidkun Quislings zu unterzeichnen. Die Norweger wurden im 1943 ursprünglich zur Unterbringung straffällig gewordener SS-Männer errichteten sogenannten Germanenlager südöstlich des Alten Lagers einquartiert[47]. Manche von ihnen übernahmen freiwillig leichte Arbeiten als Gärtner und Postboten. Regulär zur Arbeit herangezogen wurden die rund 150 dänischen Kommunisten, die bereits zuvor, im Oktober 1943, im Lager eingetroffen waren, doch scheinen sie aufgrund ihrer nordischen Abstammung ebenfalls bevorzugt behandelt worden zu sein[48].

Wie in anderen Lagern stellten auch in Stutthof Krankheiten die größte Plage und die Hauptursache der hohen Sterblichkeit dar. Besonders verheerend wirkte sich das Fleckfieber aus, das erstmals im Frühling 1942 auftrat. Eine Epidemie brach im April 1943 aus und hielt bis zum Juni an[49]. Von den über 1100 in jenem Zeitraum gestorbenen Häftlingen sind zweifellos die meisten dem Fleckfieber erlegen[50].

3. Die Periode vom Juni 1944 bis zum Januar 1945

Ab Mitte 1944 änderten sich die Verhältnisse in Stutthof grundlegend. Zwischen dem 29. Juni und dem 28. Oktober trafen neben einigen Transporten von Nichtjuden zahlreiche Massentransporte mit - in ihrer überwältigenden Mehrheit weiblichen - jüdischen Häftlingen ein. Aufschluß darüber vermittelt folgende Tabelle[51]:

Datum

Herkunftsort

Anzahl

29. 06. 1944

KL Auschwitz

2.502

12. 07. 1944

Sipo Kowno (Kaunas)

282

13. 07. 1944

Sipo Kowno

3.098

13. 07. 1944

Sipo Kowno

233

16. 07. 1944

Sipo Kowno

1.172

17. 07. 1944

Sipo Kowno

1.208

19. 07. 1944

Sipo Kowno

1.097

19. 07. 1944

Sipo Kowno

1.072

20. 07. 1944

KL Auschwitz

2.500

25. 07. 1944

Sipo Kowno

182

25. 07. 1944

Sipo Kowno

1.321

04. 08. 1944

Sipo Kowno

793

09. 08. 1944

Sipo Riga

6.382

09. 08. 1944

Sipo Riga

450

14. 08. 1944

KL Auschwitz

2.800

16. 08. 1944

KL Auschwitz

2.800

23. 08. 1944

Sipo Riga

2.079

23. 08. 1944

Sipo Riga

2.329

28. 08. 1944

KL Auschwitz

2.800

31. 08. 1944

KL Auschwitz

8

03. 09. 1944

KL Auschwitz

2.405

10. 09. 1944

KL Auschwitz

668

10. 09. 1944

KL Auschwitz

1.082

27. 09. 1944

KL Auschwitz

4.501

01. 10. 1944

Sipo Riga

3.155

14. 10. 1944

Sipo Riga

190

28. 10. 1944

KL Auschwitz

1.500

 

Insgesamt:

48.609

Auf die einzelnen Monate verteilt stellte sich der Zustrom wie folgt dar:

Juni: 2.502

August: 20.441

Oktober: 4.845

Juli: 12.165

September: 8.656

 

Die Transporte aus dem lettischen Riga sowie dem litauischen Kaunas - Kowno ist der russische Name - waren die Folge der durch das Vorrücken der Roten Armee ausgelösten Evakuierung der baltischen Lager. Unter den aus dem Baltikum nach Stutthof Überstellten befanden sich auch deutsche Juden. Die meisten von ihnen waren 1939 oder 1940 nach Riga deportiert worden. In einem Sammelband, der zahlreiche Berichte ehemaliger Häftlinge enthält[52], kommen folgende aus dem Baltikum nach Stutthof überstellte deutsch-jüdische Frauen und Männer zu Wort:

Ferner gibt der Sammelband die Berichte zweier litauischer Jüdinnen wieder. Maria Rolnikaite sowie die zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung in Stutthof zwölfjährige Schoschana Rabinovici wurden beide nach der Liquidierung des Wilnaer Ghettos ins nördliche Nachbarland Lettland verschleppt, wo sie ins Lager Kaiserwald kamen; von dort aus überstellte man sie im Sommer 1944 nach Stutthof.

Überraschend und nicht leicht zu erklären ist die Tatsache, daß sich unter den aus den beiden Baltenstaaten nach Stutthof deportierten Jüdinnen auch ungarische befanden. Von den 793 mit dem Transport vom 4. August aus Kaunas eingetroffenen jüdischen Frauen stammten über 90% aus Ungarn, und auch die am 9. August bzw. am 1. Oktober aus Riga angekommenen Transporte brachten eine Anzahl Ungarinnen nach Stutthof. Auf diesen Sachverhalt wird bezeichnenderweise weder in der polnischen noch in der westlichen Geschichtsschreibung auch nur mit einem Wort hingewiesen. Wir vermuten, daß diese ungarischen Jüdinnen im Frühjahr oder Frühsommer 1944 zunächst nach Auschwitz deportiert, anschließend ins Baltikum geschickt und dort bei kriegswirtschaftlich wichtigen Arbeiten - wahrscheinlich für die Organisation Todt - eingesetzt worden sind, ehe der Vormarsch der sowjetischen Armee zur Überstellung der im Baltikum befindlichen Häftlinge nach Stutthof führte.

Von den großen Transporten aus Auschwitz liegen uns in drei Fällen (14., 16. sowie 28. August) mehr oder weniger vollständige Namenslisten der deportierten Juden mit jeweiliger Angabe der Nationalität vor[54]. Über 99% der Angehörigen der beiden ersten Transporte waren ungarische Jüdinnen. Der Rest verteilte sich auf vereinzelte Deutsche, Slowakinnen, Tschechinnen, Rumäninnen und Angehörige anderer Nationalitäten; mit Häftlingsnummer 67.852 wurde am 16. August auch eine US-Amerikanerin namens Magdalena Huppert eingeliefert. Hingegen setzte sich der Transport vom 28. 8. zu über 98% aus Polinnen zusammen, die größtenteils aus Lodz stammten und von da aus nach Auschwitz deportiert worden waren. Laut D. Drywa befanden sich unter den 1944 aus Auschwitz nach Stutthof Überstellten 10.602 ungarische sowie 11.464 Lodzer Jüdinnen und Juden[55].

Es sagt alles über die Zuverlässigkeit von Danuta Czechs Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945 aus, daß von den Transporten von Auschwitz nach Stutthof nur zwei überhaupt der Erwähnung für würdig befunden werden. Daß Frau Czech über die restlichen nicht Bescheid wußte, ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn bis auf eine Ausnahme hatte K. Dunin-Wąsowicz bereits 1967, also 22 Jahre vor dem Erscheinen der zweiten Kalendarium-Ausgabe, sämtliche Überstellungen gewissenhaft vermerkt. Zudem stellt D. Czech im Zusammenhang mit den beiden von ihr verzeichneten Transporten bewußt falsche Behauptungen auf[56].

Wie die Lagerführung auf die unablässig eintreffenden Massentransporte reagierte, schildert SS-Hauptsturmführer Theodor Traugott Meyer, Schutzhaftlagerführer in Stutthof, in seinen vor seiner Hinrichtung in einem polnischen Gefängnis verfaßten Aufzeichnungen:[57]

»Als nun im Osten die Lager Lublin, Riga und Außenlager geräumt wurden, wurde Stutthof als Auffanglager bestimmt. Selbst aus Auschwitz trafen Transporte mit Tausenden Judenfrauen ein. Letztere meistens in einem Zustand, der alles bisher Gesehene übertraf. Ohne ausreichende Bekleidung und Verpflegung wurden sie auf Transport geschickt. Nun sollten sie im Lager, das selbst knapp bei Bedürfnissen war, aufgenommen werden. Fernschreiben, Funksprüche gingen zwischen Berlin und Stutthof hin und her, um den Herren in Berlin das Unmögliche klarzumachen, daß Stutthof nicht mehr aufnahmefähig war. Der Lagerkommandant selbst fuhr nach Berlin zur Besprechung, um zu verhindern, daß noch mehr Häftlinge nach Stutthof kommen, aber ohne Erfolg. Berlin versprach nur, selbst Sorge tragen zu wollen, daß die Häftlinge in Arbeiter abgestellt werden[[58]]. Ein Vertreter erschien und nahm Verbindung mit der Industrie auf. Kommandos wurden nach Königsberg, Elbing, Danzig, Gotenhafen, Stolp. Bromberg, Stettin und in die nähere und weitere Umgebung abgestellt. Neue Massen kamen an. Die verschiedenen Dienststellen der Geheimen Staatspolizei räumten ihre Lager und Ghettos und wiesen die Häftlinge ohne Anfrage in Stutthof ein. Fleckfieberverseuchte Häftlinge verbreiteten die Krankheit im Lager, und diese Seuche fand unter den dicht gedrängten Massen zahlreiche Opfer. Wo und wie war eine Besserung zu erreichen? Immer neue Transporte kamen an. Konnte man die Annahme verweigern. Nein! Wenn die Häftlinge mit dem Transport ankamen, mußten sie übernommen werden.«

Wir sehen nicht den geringste Grund, den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu bezweifeln[59].

Um die vielen Neuankömmlinge wenigstens notdürftig unterbringen zu können, wurde im Juli 1944 im westlichen Lagerteil ein »Sonderlager« aus dem Boden gestampft, das neben mehreren Häftlingsbaracken auch eine Wirtschaftsbaracke umfaßte. Hier wurden u.a. Deutsche einquartiert, die man als Geiseln festgenommen hatte, weil Angehörige von ihnen der antinationalsozialistischen Widerstandsbewegung angehörten; eine davon war Fey von Hassell, Tochter des Diplomaten Ulrich von Hassell[60]. Parallel dazu wurden nördlich des Neuen Lagers 10 Baracken errichtet, welche mit XXI bis XXX numeriert und insgesamt als »Judenlager« bezeichnet wurden, obschon nur sechs der zehn Baracken für Juden bestimmt waren; weitere zwei dienten zur Aufnahme von Frauen, die nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands nach Stutthof deportiert worden waren, und die restlichen beiden als Effektenkammern[61].

Ende August 1944 belief sich die Lagerstärke einschließlich der Außenstellen auf rund 60.000[62]; sie hatte sich also binnen acht Monaten verzehnfacht! Am 28. Oktober traf der letzte Großtransport aus Auschwitz ein, und in den darauffolgenden Monaten kamen nur noch vereinzelte Häftlingsgruppen nach Stutthof; als letzter Gefangener wurde mit Nr. 105.302 der Pole Jan Zielina am 17. Januar 1945 aus Auschwitz eingeliefert[63]. Daß ab November 1944 immer noch Transporte von Stutthof abgingen, war ein Grund für die nun wieder sinkende Lagerstärke. Ein zweiter Grund war die Fleckfieberepidemie, die im Spätsommer 1944 zum dritten Male aufflammte und gegen Ende des Jahres verheerende Ausmaße annahm. Die üblen hygienischen Zustände in den immer noch überfüllten Unterkünften trugen selbstverständlich zur Ausbreitung der tödlichen Seuche bei. Wie unvollkommen deren Bekämpfung verlief, zeigt u.a. die vom 24. November 1944 stammende Bescheinigung einer Überstellung nach Flossenbürg:[64]

»Folgende Häftlinge werden am 24.11. 1944 vom Konzentrationslager Stutthof zum K.L. Flossenbürg überstellt:

216 Männer (Juden)

284 Frauen (Juden).

Es wird darauf hingewiesen, daß diese Häftlinge aus einem Lager stammen, wo z.Zt. Typhus, Paratyphus, Diptherie und Scharlach herrschen. Die Quarantäne ist daher nachzuholen bzw. sind diese Häftlinge in geschlossenen Gruppen zur Arbeit einzusetzen.

Die Häftlinge wurden vor dem Abtransport gebadet und entlaust. Wegen der hier unzulänglichen Entlausungsanlage kann keine Garantie für Läusefreiheit übernommen werden.

Der SS-Standortarzt.«

Am 29. Dezember sah sich Hoppe genötigt, mittels Sonderbefehl eine teilweise Lagersperre zu verhängen:[65]

»Im Zuge der Fleckfieberbekämpfung wird das Betreten und Verlassen des neuen Frauenlagers I, II und III wegen Gefahr der Fleckfieberverschleppung ab sofort gesperrt.«

Das Wüten der Seuche und die sich vor dem Hintergrund des deutschen Zusammenbruchs allgemein verschlechternden Bedingungen ließen die letzte Phase in der Existenz von Stutthof zu seiner schlimmsten werden - genau wie dies in Bergen-Belsen, Dachau und anderen Lagern der Fall war.

Am 24. Januar 1945, dem Tag vor der ersten Evakuierungswelle, vermeldete die Stärkemeldung einen Bestand von 28.390 weiblichen und 18.115 männlichen Häftlingen (einschließlich der Nebenlager). Darunter befanden sich 25.775 Jüdinnen und 2.898 Juden[66].

4. Evakuierung und Ende

Die tragischen letzten Monate des Lagers Stutthof sind sehr lückenhaft dokumentiert, und in der polnischen Literatur werden wie üblich Fakten und Greuelpropaganda kunterbunt miteinander vermischt[67]. Aus diesen Gründen scheint es uns nicht möglich, die Zahl der Opfer, welche die Evakuierung des Lagers gefordert hat, auch nur annähernd zu ermitteln, und wir enthalten uns jeglicher Schätzungen.

Das Los der Stutthof-Häftlinge unterschied sich damals nur wenig oder überhaupt nicht von dem von Millionen deutscher Zivilisten, die in jenem strengsten Winter der Kriegszeit unter kaum vorstellbaren Bedingungen vor der anrückenden Roten Armee flüchteten und dabei erschreckend hohe Verluste zu erleiden hatten. Der US-Historiker Mark Weber trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt:[68]

»Die Stutthof-Häftlinge waren beileibe nicht die einzigen, welche diese fürchterliche Katastrophe über sich ergehen lassen mußten. Zur gleichen Zeit kämpften sich Hunderttausende von deutschen Zivilisten, meist Frauen und Kinder, sowie Zivilisten anderer Nationalitäten langsam durch Schnee und Eiseskälte nach Westen. Viele dieser Menschen fanden bei der winterlichen Flucht ebenfalls den Tod.«

In ihrem interessanten Buch Rejs Śmierci (Die Seefahrt des Todes) zitiert die polnische Historikerin Elżbieta Grot einen nicht namentlich genannten norwegischen Häftling, der uns folgendes Stimmungsbild der damals in Westpreußen herrschenden Zustände vermittelt:[69]

»Eine mehrere Meilen lange Schlange von Flüchtlingen aus Ostpreußen, bestehend aus schreckerfüllten Familien, die ihre Heimaterde und ihr Gut in Panik im Stich gelassen hatten, war für uns das anschauliche Bild eines Volkes, das sich in voller Auflösung befand. Am Wegesrand liegende tote Pferde, verzweifelte alte Menschen, weinende Frauen und, was für uns die schlimmste Erfahrung war, hungernde Kleinkinder, die oft barfuß durch den Schnee liefen und ihre Mutter oder ihren Vater suchten, welche den Versuch unternahmen, sich zum anderen Ufer der Weichsel durchzuschlagen. [...] Am Mittag kam zu uns ein Küster mit der Bitte, wir möchten ihm bei der Bestattung der Gestorbenen helfen, und entschuldigte sich damit, daß ihm keine Hilfskräfte zur Verfügung stünden.«

Im Rahmen dieser ein riesiges Gebiet erfassenden Tragödie ist auch die Tragödie der bei der Evakuierung ums Leben gekommenen Stutthof-Häftlinge zu sehen. Der Beschluß zur Räumung des Lagers scheint nach dem Einsetzen der großen Winteroffensive der Roten Armee am 12. Januar 1945 von Fritz Katzmann, dem höheren SS- und Polizeiführer von Danzig, gefällt worden zu sein. Ab dem 20. wurde die gesamte Arbeit im Lager auf die bevorstehende Evakuierung ausgerichtet, und am 25. sowie am 26. wurden rund 11.500 Häftlinge aus Stutthof hinausgeführt. Sie sollten zu Fuß in das 140 km weiter westlich gelegene Lauenburg gebracht und dort in einer Unteroffiziersschule der Waffen-SS interniert werden. Die Strecke sollte in sieben Tagen zurückgelegt werden, und zwar auf Nebenstraßen, weil die Hauptstraßen von deutschen Flüchtlingstrecks und deutschen Truppen begangen wurden. Nachts sollten die Häftlinge in Dörfern untergebracht werden.

Vor allem aufgrund des heftigen Schneewehens und des schlechten Straßenzustands verlief die Evakuierungsaktion nicht nach Plan. Viele Häftlinge starben unterwegs, andere flüchteten, ein erheblicher Teil wurde von den vorrückenden sowjetischen Truppen eingeholt und befreit. Der größte Teil der Evakuierten wurde vor dem Erreichen von Lauenburg von der Wehrmacht angehalten und beim Bau von Schützengräben eingesetzt. Anfang März, nach dem Einsetzen einer weiteren sowjetischen Offensive, wurden die Marschfähigen Richtung Gotenhafen und Putzig geführt, wo sie auf Schiffen nach Deutschland verbracht werden sollten, doch kam es nicht mehr soweit, da die Kolonnen unterwegs von den Sowjets abgefangen wurden[70]. Den - auf unüberprüfbaren Schätzungen beruhenden - polnischen Quellen zufolge sind von den 11.500 am 25. und 26. Januar Evakuierten rund 5000 umgekommen[71].

Am 30. Januar zählte Stutthof immer noch 33.948 Insassen, davon ca. ein Drittel im Stammlager[72]. Etwa gleichzeitig begann sich das Lager mit deutschen Flüchtlingen zu füllen, die hier eine provisorische Unterkunft vorfanden. Das Neue Lager sowie ein Teil des Alten Lagers wurde von ihnen übernommen. Viele dieser deutschen Zivilisten sind später über See nach Westen gebracht worden. Am 25. März und noch mehrfach danach griffen sowjetische Bomber das Lager an; dabei gerieten mehrere von Jüdinnen bewohnte Frauenbaracken im Alten Lager in Brand[73].

Zu jener Zeit war ein großer Teil der Häftlinge in Danzig und Gotenhafen - so der damalige Name für Gdingen - bei Arbeiten auf der Werft sowie in verschiedenen Betrieben eingesetzt. Ab März wurden diese Städte von der sowjetischen Luftwaffe aufs schwerste bombardiert, wobei neben deutschen Zivilisten auch viele Gefangene den Tod fanden[74].

Anstatt, wie es die Vernunft geboten hätte, die verbliebenen Häftlinge einfach den Sowjets zu überlassen, deren Eintreffen nur noch eine Frage der Zeit war, führte man in den letzen Kriegswochen noch mehrere wahnwitzige Evakuierungen auf dem Seeweg durch, die für einen großen Teil der Betroffenen tragisch endeten. Am 25. März ging ein Schiffstransport mit über 600 Häftlingen der Außenstelle Gotenhafen nach Kiel, wo die Insassen in Nebenlagern des KL Neugamme interniert wurden. Zwei große Seetransporte mit insgesamt etwa 4400 Häftlingen gingen am 25. sowie am 27. April ab. Der erste führte über Hela nach Neustadt, wo die Häftlinge nach dem Einzug der britischen Truppen in Krankenhäusern untergebracht wurden; ein Teil wurde später vom Schwedischen Roten Kreuz zur Pflege nach Schweden überstellt. Der zweite Transport lief nach längerer Irrfahrt in Flensburg ein; dort wurden die Häftlinge auf das Schiff Rheinfels verladen. Am 9. Mai wurde dieses von Vertretern des Schwedischen Roten Kreuzes betreten, welche beschlossen, die völlig entkräfteten Insassen zur Behandlung nach Schweden zu bringen. - Ein großer Teil der auf dem Seeweg Evakuierten starb vor Kriegsende an Hunger, Erschöpfung oder Krankheit; eine unbekannte Zahl wurde bei britischen Bombenangriffen auf die Evakuierungsschiffe getötet[75].

Am 9. Mai 1945 rückte die Rote Armee in Stutthof ein, wo sie neben rund 20.000 deutschen Zivilisten nur noch etwa 150 meist kranke Häftlinge vorfand. Einige Tage zuvor war der inoffiziell als letzter Lagerkommandant amtierende Paul Ehle geflüchtet. Das Konzentrationslager Stutthof hatte genau so lange existiert, wie der Zweite Weltkrieg gedauert hatte; am Tage nach seinem Beginn wurde es eröffnet, am Tage nach seinem Ende von den sowjetischen Truppen eingenommen.

1946 und 1947 wurden in Polen vier Prozesse gegen insgesamt 80 Angehörige des Lagerpersonals durchgeführt. Dabei wurden 21 Todesurteile verhängt und bis auf eines vollstreckt. Weitere fünf Lagerfunktionäre, darunter der zweite Kommandant P.W. Hoppe, wurden bei drei Prozessen in der BRD (1955, 1957 und 1964) vor Gericht gestellt, vier davon zu Haftstrafen von bis zu neun Jahren verurteilt[76]. Aussagekräftige Unterlagen über diese Prozesse liegen uns nicht vor, weswegen wir nicht auf sie eingehen können.

Für manche der von der Roten Armee befreiten Häftlinge war die Freude von kurzer Dauer. Unter der Anklage der Zusammenarbeit mit den Deutschen oder wegen ihrer Zugehörigkeit zu nationalistischen polnischen Bewegungen wie der Armija Krajowa (Heimatarmee) oder der Pfadfinderorganisation Szare Szeregi (Grauen Reihen) wurden sie gleich wieder festgenommen und verschwanden in sowjetischen Konzentrationslagern - teils für lange Jahre. Drei Beispiele waren Marian Pawlaczyk, Jan Będzińsky und Mieczysław Goncarzewski, die erst nach Stalins Tod im Jahre 1953 aus dem Archipel Gulag freikamen. Bei den nach ihrer Befreiung aus Stutthof durchgeführten Verhören durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD hatte sich gezeigt, daß sie gut über die Struktur des Lagers Bescheid wußten. Dies wurde ihnen zum Verhängnis, bewies es doch in den Augen des NKWD, daß sie mit den Deutschen kollaboriert hatten[77].


Anmerkungen

[9]

Jürgen Graf und Carlo Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische Studie, Castle Hill Publisher, Hastings 1998.

[10]

Mirosław Glinski, »Organisation und Struktur des Lagers Stutthof«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 76-98.

[11]

Ebenda, S. 76ff.

[12]

Obozy hitlerowskie na ziemiach polskich 1939-1945, Państwowe Wydawnictowo Naukowe, Warschau 1979, S. 493.

[13]

Ewa Ferenc, »Bau und Erweiterung des Konzentrationslages Stutthof (2. September 1939 - 31. Dezember 1944)«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 99-108.

[14]

M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 98. Zur Organisation der SS-Bauleitungen siehe auch Carlo Mattogno, La „Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz", Edizioni di Ar, Padua 1998.

[15]

E. Ferenc, »Bau und Erweiterung...«, aaO. (Anm. 13), S. 99-102.

[16]

M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 79.

[17]

Ebenda, S. 80f.

[18]

Marek Orski, Des Français à Stutthof, Muzeum Stutthof w Sztutowie, Danzig 1995, S. 9, 10.

[19]

Marek Orski, Gli Italiani a Stutthof, Muzeum Stutthof w Sztutowie, Danzig 1996, S. 8.

[20]

Obozy hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 498.

[21]

Danuta Drywa, »Ruch transportów między KL Stutthof a innymi obozami«, in: SZM, Nr. 9, 1990, S. 27.

[22]

Obozy Hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 498, 504.

[23]

Vom Himmler-Besuch ist ein Fotoalbum erhalten geblieben, das im Archiv aufbewahrt wird.

[24]

Archiwum Muzeum Stutthof (künftig als AMS abgekürzt), 1-1A-2.

[25]

M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 85.

[26]

AMS, 1-1A-7.

[27]

Das Inspektorat der Konzentrationslager unter Richard Glücks umfaßte vier Abteilungen, die als Amtsgruppe D dem Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA) der SS in Berlin unterstellt waren. Die Abteilung D I (Konzentrationslager), die den Betrieb aller KLs leitete, die Abteilung D II (Häftlingseinsatz), welche die Häftlingsarbeit koordinierte und Überstellungen anordnete, die Abteilung D III (Lagerhygiene und Sanitätspersonal) sowie die Abteilung D IV (Verwaltung), die für Finanzierung und Ausrüstung der Konzentrationslager zuständig war.

[28]

Janina Grabowska, »Die Verantwortung für die im KL Stutthof begangenen Verbrechen. Die Prozesse«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 294.

[29]

M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 88 ff.

[30]

Zu diesen gehörten u.a. Theateraufführungen. Beispielsweise wurde am 16. Februar 1944 im Kameradschaftsheim des Lagers von der Landesbühne Danzig-Westpreußen ein Lustspiel dargeboten. AMS, 1-1B-3.

[31]

1944, als die großen Judentransporte eintrafen, veranstaltete die Lagerführung einen Schnellkurs für Aufseherinnen, dessen Absolventinnen dann im Judenlager sowie den Außenstellen Dienst taten. M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 92.

[32]

E. Ferenc, »Bau und Erweiterung...«, aaO. (Anm. 13), S. 103f.

[33]

Obozy hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 502-506.

[34]

Marek Orski, »Die Arbeit«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager..., aaO. (Anm. 2), S. 207f.

[35]

Vgl. hierzu den Bericht von Gerda Gottschalk bei: Hermann Kuhn (Hg.), Stutthof. Ein Konzentrationslager vor den Toren Danzigs, Edition Temmen, Bremen 1995, S. 138f.

[36]

Ebenda, S. 190.

[37]

Vgl. Kapitel IV, Abschnitt 1.

[38]

Janina Grabowska, »Die Häftlinge«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 120.

[39]

AMS, I-II-6, Kopie nur teilweise lesbar.

[40]

AMS, I-II-6, S. 27f. und 69f.

[41]

Vgl. Dokument 1.

[42]

Siehe Dokument 2.

[43]

Obozy hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 498.

[44]

Danuta Drywa, »Ruch transportów...«, aaO. (Anm. 21), S. 31.

[45]

Die Terrorisierung der politischen durch die kriminellen Häftlinge war eine in vielen Lagern auftretende Erscheinung. Sie wird in seriösen Werken der KL-Erinnerungsliteratur wie z.B. Paul Rassiniers Le Mensonge d'Ulysse (Nachdruck: La Vielle Taupe, Paris 1980) oder Benedikt Kautskys Teufel und Verdammte (Büchergilde Gutenberg, Zürich 1946) eingehend geschildert.

[46]

M. Orski, »Stutthof als internationales Lager«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 145.

[47]

Ebenda, S. 148; M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 93.

[48]

M. Orski, »Stutthof als internationales Lager«, aaO. (Anm. 46), S. 145.

[49]

Zu den Fleckfieberepidemien siehe Elżbieta Grot, »Indirekte Extermination«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 195, 196. Leider wird in der polnischen Literatur nicht zwischen Typhus und Fleckfieber unterschieden. Es handelt sich dabei um zwei verschiedene Krankheiten mit lediglich teilweise ähnlichen Symptomen. Wir konnten daher nicht entscheiden, was jeweils gemeint war.

[50]

Zur Sterblichkeit siehe Kapitel III, Abschnitt 5. E. Grot spricht von lediglich 849 Toten zwischen dem 1. April und dem 12. Juni, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß sie die Außenstationen und Nebenlager nicht berücksichtigt hat. Im Totenregister ist nach ihren Angaben für jene Periode lediglich in 12 Fällen »Typhus« als Todesursache vermerkt, was E. Grot dazu veranlaßt, von einer Fälschung der Statistik durch die Lagerbehörden zu sprechen. Es ist allerdings nicht einzusehen, weshalb letztere hätte versuchen sollen, die Fleckfieberepidemie, um die ohnehin jedermann wußte, durch gefälschte Statistiken zu vertuschen. Vermutlich wurde bei den meisten Fleckfieberopfern die unmittelbare Todesursache eingetragen; »Herzschwäche«, »allgemeine Auszehrung« und dergleichen sind in der Tat Folgen der Seuche.

[51]

AMS, I-IIB-8, S. 1. Mit Ausnahme des Transports vom 28. 10. 1944 ist diese Tabelle bereits 1967 von K. Dunin-Wąsowicz veröffentlicht worden (»Żydowscy Więźniowie«, aaO. (Anm. 3), S. 11f.).

[52]

H. Kuhn (Hg.), Stutthof, Ein Konzentrationslager..., aaO. (Anm. 35), S. 129 ff.

[53]

45 Jahre nach ihrer Befreiung aus Stutthof veröffentlichte Trudi Birger unter dem Titel Im Angesicht des Feuers (Piper Verlag, München/Zürich 1990) einen Schmarren, der zu den erbärmlichsten Erzeugnissen der umfangreichen über die Konzentrationslager grassierenden Subliteratur gehört.

[54]

Die Liste vom 14. 8. reicht von 1 bis 2780, enthält also bis auf die letzten 20 alle Namen der mit jenem Transport Überstellten. Die Liste vom 16. 8. reicht bis 2330; in einer Anzahl von Fällen sind die Namen und/oder die Nationalität nicht zu erkennen, da die betreffenden Blätter beschädigt sind. Die Liste vom 28. 8. reicht von 1 bis 2715, so daß hier die letzten 85 Namen fehlen.

[55]

D. Drywa, »Ruch transportów...«, aaO. (Anm. 21), S. 17.

[56]

D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 882, 885. In diesem Zusammenhang verweisen wir auch darauf, daß D. Czech lügenhaft behauptet, am 12. Januar 1944 habe man »annähernd 1000 jüdische Häftlinge, Männer und Frauen« von Stutthof nach Auschwitz überstellt, von denen aber nur 120 Männer und 134 Frauen ins Lager eingewiesen worden seien; die anderen habe man »in den Gaskammern getötet« (ebenda, S. 705). Demgegenüber hält D. Drywa klar fest, daß am betreffenden Tag ein Transport mit 255 jüdischen Häftlingen von Stutthof nach Auschwitz abging (»Ruch transportów...«, aaO. (Anm. 21), S. 29; die Differenz zwischen 254 und 255 erklärt sich vermutlich mit dem Tod eines Häftlings während der Fahrt). Die über 700 Vergasten sind also, um mit George Orwell zu sprechen, „non existing persons".

[57]

Abschrift im Archiv des Museums Stutthof, zitiert nach H. Kuhn (Hg.), Stutthof. Ein Konzentrationslager..., aaO. (Anm. 35), S. 189, 190.

[58]

So im Text.

[59]

Theodor Traugott Meyer hat in seinem in polnischer Gefangenschaft niedergeschriebenen Bericht die ihm vorgeworfene Schikanierung der Häftlinge nachdrücklich bestritten und darauf beharrt, daß er letzteren nach Möglichkeit geholfen habe. So habe er dafür gesorgt, daß möglichst viele Gefangene die Schwerstarbeiterzulage bekamen, auch solche, die keinen Anspruch darauf hatten. Er fährt fort: »Der Einbau von Badegelegenheiten wurde für jeden Unterkunftsblock genehmigt. Die sanitären Anlagen waren gut. Die Lagerkapelle spielte sonntags. Veranstaltungen wurden durchgeführt. Und das hatte ich genehmigt, weil ich Lust am Schikanieren der Häftlinge hatte? [...] Wurden Häftlinge bei der Aufnahme mißhandelt? Nein. Während der Großzugänge machte ich des öfteren Kontrollen und sah keinen Akt der Mißhandlung.« Wir geben diese Ausführungen Meyers wieder, da wir der Ansicht sind, daß auch der Unterlegene das Recht hat, gehört zu werden.

[60]

Fey von Hassells Bericht über ihre Zeit in Stutthof wird bei H. Kuhn (Hg), Stutthof. Ein Konzentrationslager..., aaO. (Anm. 35), S. 176ff., auszugsweise wiedergegeben.

[61]

M. Glinski, »Organisation...«, aaO. (Anm. 10), S. 93; E. Ferenc, »Bau und Erweiterung...«, aaO. (Anm. 13), S. 107.

[62]

Obozy Hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 499.

[63]

Elżbieta Grot, Rejs Śmierci. Ewakuacja morska Więźniów KL Stutthof, Muzeum Stutthof w Sztutowie, Danzig 1993, S. 13.

[64]

AMS, 1-11C-4, S. 159.

[65]

AMS, 1-1B-3, S. 275.

[66]

Stärkemeldung vom 24. Januar 1945, AMS, abgelichtet bei M. Orski, Ostatnie dni Obozu Stutthof, Wydawnicto Marpress, Danzig 1995, unnumerierte Seite im Dokumententeil.

[67]

Beispielsweise behauptet J. Grabowska, die SS habe im Judenlager marschunfähige Frauen lebend in ihren Baracken verbrannt (»Die letzten Tage des Lagerbestehens. Die Befreiung«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 292). Als Quelle wird die Aussage des Kapos Alfred Nicolaysen vor der sowjetischen Untersuchungskommission angegeben. Wie uns die Autorin auf der folgenden Seite desselben Buchs mitteilt, wurde Nicolaysen bei einem 1947 in Danzig durchgeführten Prozeß gegen 25 Angehörige des Lagerpersonals zum Tode verurteilt, doch dann als Einziger der 14 mit der Höchststrafe Bedachten begnadigt - vermutlich als Gegenleistung für seine Untermauerung des klassischen Greuelmärchens von den durch die SS bei lebendigem Leibe verbrannten Juden.

[68]

M. Weber, aaO. (Anm. 8), S. 3f.

[69]

E. Grot, Rejs Śmierci..., aaO. (Anm. 63), S. 15.

[70]

M. Orski, Ostatnie Dni..., aaO. (Anm. 66), S. 8 ff; J. Grabowska, »Die Evakuierung des Stammlagers zu Lande«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 267 ff.

[71]

J. Grabowska, »Die Evakuierung...«, aaO. (Anm. 70), S. 275.

[72]

M. Orksi, Ostatnie Dni..., aaO. (Anm. 66), S. 14.

[73]

Ebenda, S. 19. Bei diesen Angriffen kamen vermutlich jene Jüdinnen ums Leben, von denen die sowjetische Kommission später behauptete, die SS habe sie lebendig verbrannt. Vgl. Anmerkung 67.

[74]

Ebenda, S. 21.

[75]

Eine ausführliche Darstellung der Evakuierungen auf dem Seewege findet man bei E. Grot, Rejs Śmierci..., aaO. (Anm. 63).

[76]

D. Drywa, »Die Verantwortung...«, aaO. (Anm. 28).

[77]

M. Orski, Ostatnie dni..., aaO. (Anm. 66), S. 36 ff.


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