Kapitel III:
Ermittlungen, Lagerpläne, Statistiken
1. Die sowjetischen Ermittlungen und forensischen Untersuchungen
Mitte August 1944 eroberte die 65. Sowjetische Armee die Gegend um Treblinka. Der Militäruntersuchungsrichter der Militärstaatsanwaltschaft Oberleutnant der Justiz Jurowski machte sich, unterstützt von anderen Offizieren - Major Kononjuk, Major V.S. Apresjan, Oberleutnant F.A. Rodionov, Major M.E. Golovan sowie Leutnant N.V. Kadalo - flugs an die Arbeit und führte zwischen dem 15. und dem 23. August Untersuchungen auf dem Gelände der Lager Treblinka I und Treblinka II durch. Ferner befragte er Zeugen: Samuel Rajzman, Lucjan Puchała, Marianna Kobus, Stanisław Zdonek, Barbara Zemkiewicz, Józef Pukaszek, Stanisław Kon, Mieczysław Anyszkiewicz, Tadeusz Kann, Franciszek Wesolowski, Max Lewit und Kazimierz Skarzyński.[189]
Am 22. und 23. August begab sich die Untersuchungskommission in Begleitung örtlicher polnischer Beamter nach Treblinka I, um dort Nachforschungen an Ort und Stelle durchzuführen. Dabei wurden drei Massengräber und 13 Einzelgräber entdeckt. Die Exhumierung der Leichen ergab folgendes Bild:
Am 24. August 1944 erstellte eine aus den zuvor genannten sowjetischen Offizieren sowie Vertretern der örtlichen polnischen Behörden zusammengesetzte Kommission den ersten offiziellen Bericht über die Lager Treblinka I und II. Zu Treblinka II heißt es dort:[193]
»Das Lager Treblinka Nr. 2 war ein riesiges Todeskombinat. Aus allen von den Deutschen besetzten Ländern Europas brachte man die gesamte jüdische Bevölkerung zum Verbrennen hierher, ferner viele "untaugliche" Menschen anderer Nationalitäten. 13 Monate, vom Juli 1942 bis zum September 1943, war die Todesfabrik rund um die Uhr in Betrieb, in der die SS-Männer gnadenlos und eifrig Millionen von Menschen ausrotteten. Dieses teuflische Unternehmen hörte erst nach dem Häftlingsaufstand im Judenlager auf zu bestehen.
Dutzende von Zeugen bestätigen, gesehen zu haben, wie im Lager tagtäglich ein bis drei Judentransporte mit jeweils 60 Waggons eintrafen. Die Züge verließen das Lager entweder mit Sand beladen oder leer.
Am Leben gelassene Märtyrer des Lagers erzählen, man habe sie in Waggons eingeliefert, in denen sich je 150, 180, ja 200 Personen befanden. Unterwegs vergingen sie vor Hunger. Wasser gab es nicht. Sie tranken Urin. [...]
Beim Eisenbahnzweig Treblinka gab es im Lager etwas, das einem schönen Bahnhof glich; die Länge des Perrons war für 20 Waggons berechnet. Alle besonderen Gebäude, wo man die Menschen ermordete, waren sorgfältig als äußerlich schöne Einrichtungen getarnt. Die Alleen waren mit Sand bestreut und von Blumen, Beeten und Tannen umsäumt - all dies, um die "Passagiere" zu täuschen. [...]
Einige Personen, die dem Scheiterhaufen durch ein Wunder entronnen sind, haben die alptraumhaften Bilder des Verbrennens von Menschen nachgezeichnet:
Die ins Lager eingelieferten Juden wurden von der SS-Mannschaft in Empfang genommen. Die Männer wurden auf einen speziellen Platz geführt, die Frauen und Kinder jedoch in Baracken. Schöne und junge Jüdinnen nahmen die Deutschen für eine Nacht zu sich. Alle Männer, Frauen und Kinder hieß man sich entkleiden. Die Frauen wurden geschoren, ihre Haare schickte man als Rohstoff nach Deutschland. Die Kleider wurden sortiert und ebenfalls nach Deutschland geschickt. Man befahl den Opfern, Wertgegenstände - Gold, Papiergeld, Dokumente - mitzunehmen. Die Nackten wurden einzeln zur Kasse vorgelassen, und man forderte sie auf, alles abzugeben. Nachdem sie dies getan hatten, ließ man sie alle antreten und führte sie auf der sandbestreuten und blumenumrankten Allee ins "Bad", wobei man ihnen Seife, ein Handtuch und Wäsche gab. Nach dem Abgeben der Wertsachen, bereits auf dem Wege zum "Bad", wich der höfliche Umgangston der Grobheit. Man trieb die Gehenden mit Gerten an und schlug sie mit Stöcken.
Das "Bad" war ein Haus, welches aus 12 Kabinen von jeweils 6 × 6 m Größe bestand. In eine Kabine trieb man gleichzeitig 400 bis 500 Personen. Sie hatte zwei Türen, die sich hermetisch abschließen ließen. In der Ecke zwischen Decke und Wand waren zwei mit Schläuchen verbundene Öffnungen. Hinter dem "Bad" stand eine Maschine. Sie pumpte die Luft aus dem Raum. Die Leute erstickten in 6 bis 10 Minuten. Man öffnete die zweite Tür und brachte die Toten auf Schubkarren zu den speziellen Öfen.
In diesen verbrannte man bedeutende Gelehrte, Ärzte, Lehrer, Musiker, die Verwandten namhafter Persönlichkeiten. So wurden die Schwester des bekannten Psychiaters Sigmund Freud, der Bruder des französischen Ministers Sourez[?] und andere verbrannt. (Zeugenaussagen von Abe Kon, Hejnoch Brenner, Samuel Rajzman).
Ein ungeheures Gebiet auf dem Lager war mit Schlacke und Asche übersät. Die Chaussee, welche die beiden Lager verbindet und drei Kilometer lang ist, war mit Schlacke und Asche in Höhe von 7 - 10 cm übersät. In großen Schlackestücken konnte man von bloßem Auge das Vorhandensein von Kalk erkennen. Es ist bekannt, daß beim Verbrennen von Knochen Kalk entsteht. Im Lager gab es keine Produktionsstätten, doch Schlacke und Asche brachte man täglich tonnenweise aus dem Lager. Man lud diese Fracht aus den Waggons, und 20 bis 30 Bauernfuhrwerke verteilten sie und schütteten sie auf die Chaussee. (Zeugenaussagen von Lucjan Puchała, Kazimierz Skarziński, Stanisław Krym u.a.)
Die Aussagen der Zeugen, das Buch "Ein Jahr in Treblinka" [von Jankiel Wiernik], das Vorhandensein einer ungeheuren Menge von Asche und Schlacke, das Vorhandensein auf dem Gelände zerstreuter sowie in den Gruben ausgegrabener persönlicher Gebrauchsgegenstände und Dokumente erhärten, daß es im Lager Öfen gab, wo man Menschen verbrannte. Anfangs verscharrten die Deutschen die Leichen der Ermordeten. Nachdem Himmler das Lager besucht hatte, wurden die Leichen mit einem Bagger ausgegraben und verbrannt.
Gegenwärtig ist es schwierig, die Spuren und Geheimnisse dieses Menschenverbrennungsofens zu enthüllen, doch anhand der verfügbaren Daten kann man sich ihn vorstellen.
Der Ofen - das war ein großer, mit einem Bagger ausgehobener Graben von 250-300 m Länge, 20-25 m Breite und 5-6 m Tiefe. Auf dem Grund des Grabens wurden drei Reihen von jeweils anderthalb Meter hohen Eisenbetonpfählen eingerammt. Die Pfähle wurden durch Querbalken miteinander verbunden. Auf diese Querbalken legte man im Abstand von 5 bis 7 cm Schienen. Das war ein gigantischer Ofenrost. An die Ränder des Grabens wurde eine Schmalspurbahn herangeführt. (Zeugenaussagen von Abe Kon, Hejnoch Brenner, Samuel Rajzman sowie der Inhalt des Buchs "Ein Jahr in Treblinka").[...]
Die Deutschen versuchten, die Spuren ihrer Untaten zu verwischen. Nach dem Judenaufstand zerstörten sie alle Lagergebäude, die nach dem Brand noch intakt waren. Jetzt werden auf dem Gelände des ehemaligen "Todeslagers" Hafer, Roggen und Lupinen angepflanzt. Übriggeblieben sind die Mauern des abgebrannten Wohnhauses und Viehstalls des Kolonisten Strebel, der auf dem Lagerterritorium angesiedelt wurde. Als Zeichen für das Vorhandensein des Lagers sind übriggeblieben: Stacheldrahtverhaue, Asche, Schlacke sowie eine Vielzahl von Gruben, wo Haushaltsgegenstände der verbrannten Juden verscharrt worden sind.«
Der Bericht endet mit sechs »Schlußfolgerungen«, von denen die wichtigste die erste ist:
»Anhand der vorläufigen Daten ist das Verbrennen von Menschen zweifelsfrei festgestellt worden. Das Ausmaß der Menschenausrottung war ungeheuerlich: ca. drei Millionen.«
Am 11. September wurde ein »Bericht der Frontinformation TASS« erstellt, der den Titel Das Todeslager in Tremblinka (sic) trug. Wir geben die bedeutsamsten Auszüge wieder:[194]
»Tremblinka! Bei diesem Wort erbeben die Menschen und blicken ängstlich zur Seite. Leute, die in der Nähe von Tremblinka lebten, konnten nachts nicht schlafen: Die Schreie der Männer, Frauen und Kinder, die man ermordete, zerrissen die Dunkelheit. Von dort drang Gestank her. Man verbrannte dort Menschen. [...]
Tremblinka - das ist dasselbe wie Majdanek. Es ist eine der zahlreichen Todesfabriken, mit denen die Deutschen die polnische Erde dicht übersäten.
Das "Tod-Lager",[195] wie die Deutschen es selbst offiziell nannten,[196] wurde irgendwann im Juni 1942 nahe bei Tremblinka errichtet. [...] Schon Anfang Juli traf der erste Transport ein, bis zum Bersten mit Menschen gefüllt - mit "lebendem Rohmaterial", wie man diese Todgeweihten offiziell nannte. Unter dem Klang eines flotten Marsches öffnete sich das Lagertor, und hinein ergoß sich der Strom lebender Menschen. Von diesem Zeitpunkt an riß dieser Strom zwei Jahre lang nicht ab. Das gefräßige Tor verschlang täglich bis zu einige tausend Menschen. [...[197]
Ein dicker Unterscharführer wies die Menschenkette ins "Bad" ein. Dieses war ein niedriger, viereckiger Raum ohne Fenster, mit schwerer Eingangstür. Ins "Bad" führte ein großer Schlauch, durch welchen Gas eindrang. Man trieb die Menschen gewaltsam ins "Bad", schloß die Tür mit einem eisernen Riegel dicht ab, der Unterscharführer gab ein Zeichen, und der "Bademeister" schaltete die Todesmaschinerie ein.
Anfangs hatte das "Bad" drei Abteilungen und konnte 1200 Menschen fassen. Diese Kapazität stellte die Deutschen aber nicht zufrieden, und sie errichteten rasch ein neues Gebäude, dreimal größer. Hier gab es 8 Kammern, und das Bad konnte gleichzeitig 4800 Menschen aufnehmen.
Nach zehn Minuten starben die im "Bad" befindlichen Personen unter grauenhaften Qualen. Dies registrierte der "Bademeister" durch ein Glasfensterchen an der Tür. Hier war jede Minute kostbar - Tausende anderer Menschen standen schließlich Schlange. Deswegen funktionierte das "Bad" mit deutscher Gründlichkeit. Diejenigen, welche keinen Platz hatten, schlug man tot oder warf sie lebend auf den Scheiterhaufen.
Die Leichen wurden von einem speziellen Kommando aus dem "Bad" geholt; man stapelte sie auf Schienen auf, die durch breite Gruben führten. In den Gruben brannte ein niemals erlöschendes Feuer. Dies war die letzte Etappe der "Verarbeitung". Man verbrannte die Leiche und brachte die Menschenasche zum Düngen von Äckern nach Deutschland. Man bestreute damit auch die Wege im Lager selbst. [...]
K. Egorov
1. Bjelorussische Front
12. September
Tass-Sonderkorrespondent.«
Am 15. September verfaßte eine polnisch-sowjetische Kommission, bestehend aus dem Sekretär der polnisch-sowjetischen Kommission zur Aufdeckung der deutschen Verbrechen Magister P. Sobolevski, dem Vertreter der Informations- und Propagandaabteilung einer polnischen Institution M. Chodzko sowie dem Vertreter des Kriegssowjets der 2. Bjelorussischen Front G.E. Levakov ein »Protokoll einer provisorischen Voruntersuchung und Erkundung im ehemaligen Konzentrationslager Tremblinka«, in dem die bisherigen Ermittlungen der sowjetischen Militärjustiz zusammengefaßt wurden und aus dem wir einige Abschnitte zitieren:[198]
»[...] Die Ortschaft Tremblinka liegt 7 km vom Verkehrsknotenpunkt Małkinia im Bezirk Sokolowski. Zum Ort, wo sich das Lager befand, legten die deutschen Räuber eine Eisenbahnlinie, um die Gefangenentransporte direkt und unbemerkt ins Konzentrationslager bringen zu können. [...].
Das Konzentrationslager Tremblinka bestand aus zwei Teilen, die anderthalb Kilometer voneinander entfernt waren. Der erste Teil wurde "Todeslager Nr. 2" genannt. Dieses Lager, auf dessen Gelände sich nun zwei abgebrannte Wirtschaftsgebäude befinden, zerfiel seinerseits in zwei Teile, wobei zu diesem Lager Nr. 2 ein Bahngleis führte. Hier wurde so etwas wie ein Bahnhof errichtet, um die eigentliche Aufgabe - die Vernichtung - zu maskieren. Ein dreifacher Stacheldrahtverhau wurde mit Baumästen getarnt. Deswegen meinten die hierher geschafften Menschen anfangs, sie befänden sich auf einem Durchgangspunkt auf der Reise nach Osten.
Im ersten Teil des Todeslagers Nr. 2 mußten sich die eingelieferten Häftlinge entkleiden. Man wies sie an, ihre Kleidung an einem bestimmten Orte zu deponieren, und dann zwang man die Nackten, mit erhobenen Armen in Richtung auf das sogenannte Bad zu rennen. Dieses war nur dem Schein nach eines; tatsächlich war es eine aus drei Räumen bestehende Gaskammer. Anfangs verwendete man hier die Methode, die Luft mittels eines kleinen Automotors aus dem Raum zu pumpen. Dann, als Folge der großen Zahl Todgeweihter, begann man chemische Stoffe zu verwenden. In diesem Raum konnten zugleich ca. 400 Personen untergebracht werden. Auf dem Dach dieses - hermetisch abschließbaren - Gebäudes gab es ein kleines Fenster, durch welches man den Todeskampf der Sterbenden beobachten konnten. [...] Bei dieser Kammer arbeiteten ungefähr 400 Juden, welche die Leichen der Erstickten heraustrugen und in zuvor vorbereitete und mit einem Bagger ausgehobene gewaltige Gräben warfen, die sich auf dem Gelände des Todeslagers Nr. 2 befanden.
Im Winter 1943 gingen die deutschen Mörder zum Ausgraben und Verbrennen der Leichen über. Zu diesem Zweck benutzten sie gleichfalls einen Bagger. Die hier vorgefundenen, hineingeworfenen zerfetzten Teile persönlicher Dokumente beweisen, daß hier Bürger Polens, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und anderer Staaten, Angehörige der Intelligenz sowie einfache Arbeiter getötet worden sind.
Der zweite Teil des Konzentrationslagers wurde "Lager Nr. 1" genannt und befand sich anderthalb Kilometer vom Todeslager entfernt. [...].
Die vorgefundenen Gegenstände bezeugen, daß hier Männer, Frauen und Kinder sämtlicher Altersklassen interniert waren, in ganzen Familien. Die vorgefundenen Dinge, wie z.B. Geigenteile, Kinderspielzeuge, Geräte zum Ondulieren der Haare [Lockenwickler], Bücher und ähnliches beweisen, daß hierher viele kamen, die den Bestimmungsort ihrer Reise nicht ahnten. Fetzen von verbrannten und zerstörten Pässen erhärten, daß hier Bürger aus Polen, der UdSSR, der Tschechoslowakei und anderer von den Deutschen besetzten Ländern interniert waren.«
Am 24. September zeichnete die sowjetische Untersuchungskommission den ersten offiziellen Lagerplan von Treblinka.[199]
2. Die polnischen Ermittlungen und forensischen Untersuchungen
Nach dem Abschluß der zuvor geschilderten Untersuchungen ließ man die Angelegenheit Treblinka mehr als ein Jahr lang ruhen. Doch die Vorbereitungen für den Nürnberger Prozeß erweckten das Interesse der Jüdischen Zentralen Historischen Kommission sowie der polnischen Staatsanwaltschaft für das Lager aufs neue. Am 6. November 1945 führte letztere eine Inspektionsreise nach Treblinka durch, an der sich Rachel Auerbach und Józef Kermisz als Vertreter der erwähnten Jüdischen Kommission, Richter Zdzisław Łukaszkiewicz, Staatsanwalt J. Maciejewski, der Landvermesser K. Trautsolt, die Zeugen Samuel Rajzman, Tanhum Grinberg, Szimon Friedman und M. Mittelberg - allesamt Angehörige des Kreises ehemaliger Treblinka-Häftlinge -, J. Slebczak, Präsident des Bezirksrats von Siedlce, Major Jucharek aus dem benachbarten Dorf Wólka Okrąglik sowie schließlich der Photograph Jakob Byk beteiligten.[200] Im Januar 1946 schilderte R. Auerbach die Inspektion wie folgt:[201]
»Unser Wagen hielt an. Wir stiegen aus: Hier begann das Lagergelände. Unseren Messungen zufolge war es 15 Hektar groß. Eine gut gepflasterte Straße verläuft ungefähr anderthalb Kilometer längs der Eisenbahnlinie und endet dann jäh. Eine andere Straße zweigt von ihr ab und endet noch früher. Die Oberfläche beider Straßen ist mit einer unheimlichen Mischung aus Kohlen und Asche von den Scheiterhaufen bedeckt, auf welchen die Leichen der Insassen verbrannt wurden. Die zweite Straße führt in dieselbe Richtung wie die "Himmelsstraße", von der keine Spur mehr übriggeblieben ist. Kärgliche Reste des Betonfundaments eines Pferdestalls - dies ist alles, was heute von den Lagergebäuden, dem Stacheldraht, den Baracken, den Wachttürmen, den Gaskammern übriggeblieben ist. Der gesamte Rest wurde von menschlichen Aasgeiern aus den Nachbardörfern nach dem Eintreffen der Roten Armee weggeschleppt. Als die Deutschen noch hier waren, hatte man die ganze Gegend aufgepflügt und mit Lupinen besät. Und die Lupinen wuchsen tatsächlich und bedeckten die gesamte Fläche mit einer grünen Maske. Es machte den Anschein, als seien alle Spuren der Verbrechen verwischt worden. Doch seit dann, im Verlauf des letzten Jahres, haben die menschlichen Schakale und Hyänen die Begräbnisstätte heimgesucht, und unseren Augen bot sich folgendes Bild dar: Hie und da, wie Grasbüschel nahe dem Meeresstrand, halbbedeckt vom Flugsand, fanden sich immer noch Büschel welker Lupinen. Auf dem ganzen Gelände keine flache Stelle. Alles war aufgewühlt und aufgerissen, kleine Hügel und Löcher. Und auf ihnen, unter ihnen sowie zwischen ihnen allerlei Gegenstände. Aluminiumkessel und -pfannen, geschwärzte emaillierte Blechtöpfe, gezackt, durchlöchert. Kämme mit abgebrochenen Zacken, halbvermoderte Sohlen der Sommerschuhe von Damen, geborstene Spiegel, lederne Brieftaschen. All dies war nahe dem Bahngleis, wo der Stacheldraht des Lagers begonnen hatte.
Wir begannen unsere Tour an dem Ort, wo die Transporte entladen worden waren, und gingen längs der Straße, welche die hierher gebrachten Juden abgeschritten hatten. Was wir hier sahen, waren die Reste der "Werterfassung" von Treblinka. Relikte der riesenhaften Haufen jüdischen Eigentums, das verpackt und verschickt, verbrannt und entsorgt worden war, aber eben nicht vollständig. Es war nicht möglich, jede Spur dessen zu tilgen, was die Hunderttausende hier durchgeschleuster Menschen erfahren hatten. Hier war der greifbare Beweis, hier waren die corpora delicti.[...]
Doch die greifbaren Beweise waren nicht auf Gegenstände beschränkt. Als wir weiter auf das Gelände vorstießen, überschritten wir ein Feld, das mit menschlichen Knochen übersät war. Die Bomben hatten den Inhalt der entweihten Erde offenbart. Beinknochen, Rippen, Rückgratstücke, große und kleine Schädel, kurz und lang, rund und flach. Schädel! Wenn nur ein Ethnologe verfügbar gewesen wäre! Er hätte außerordentlich präzise antropologische Messungen bezüglich der rassischen Merkmale des jüdischen Volkes durchführen können.[...]
Wir standen nun an dem Orte, wo sich die Gaskammern befunden hatten, die gewaltigen Massengräber und Scheiterhaufen. An einigen Stellen verschmolz der Geruch des Todes immer noch mit demjenigen des Feuers. In der Tat: Hier und dort konnten wir kleine Haufen weißer Asche zusammem mit geschwärzten Knochen sehen, Haufen von Ruß. All dies war mehrere Meter tief im Boden vergraben gewesen, mit Sand und noch mehr Sand vermengt, doch die Explosionen hatten es wiederum an die Oberfläche gebracht. An einer Stelle hatte die gleichzeitige Detonation mehrerer Bomben einen mächtigen Krater erzeugt. Tief unten im Loch konnte man durch den Nebel verschwommen gewisse Umrisse erkennen.
"Das sind nicht bloß Knochen", erläuterte der Bezirksanwalt. "Hier liegen immer noch Stücke halbverwester Leichen, Stücke von Eingeweiden". Zu diesem Zeitpunkt kannten der Bezirksanwalt sowie der Richter jeden Zentimeter Erde. Sie hatten ihre Untersuchungen seit geraumer Zeit betrieben. Sie hatten sowohl jüdische als auch nichtjüdische Zeugen befragt, Messungen durchgeführt und kleinere Ausgrabungen vorgenommen.«
Richter Łukaszkiewicz hatte sich zwecks Durchführung einer offiziellen Untersuchung des Tatorts nach T
reblinka begeben. Wie er später darlegte, handelte er[202]»[...] auf Ersuchen des Staatsanwalts des Bezirksgerichtes in Siedlce vom 24. September 1945, ferner veranlaßt durch ein Schreiben der Hauptkommission zur Untersuchung der deutschen Mordtaten in Polen vom 18. September 1945.«
Nachdem Łukaszkiewicz die Besucher verabschiedet hatte, machte er sich mit einer Gruppe von Arbeitern ans Werk. Zwischen dem 9. und dem 13. November nahm er einen ausführlichen Augenschein auf dem Lagergelände sowie eine Reihe vo
n Ausgrabungen vor. Anschließend verfaßte er ein offizielles Protokoll, das wir angesichts seiner Bedeutung vollständig wiedergeben:[203]»Protokoll der Arbeiten, die auf dem Gelände des Todeslagers Treblinka durchgeführt worden sind, das den Gegenstand der gerichtlichen Untersuchung bildet.
Vom 9. bis zum 13. November 1945 hat der Untersuchungsrichter von Siedlce, Z. Łukaszkiewicz, zusammen mit dem Staatsanwalt des Bezirksgerichts von Siedlce, J. Maciejewski, auf den Lagergelände die folgenden Arbeiten aus
geführt:9. November 1945
Es wurde mit den Ausgrabungen auf dem Gelände begonnen, unter Einsatz von 20 Arbeitern, welche von der Gemeindeverwaltung zur Verrichtung von Straßenarbeiten aufgeboten worden waren. Die Ausgrabungen begannen an dem vom Zeugen Rajzman am 6. November bezeichneten Ort, dort, wo das sogenannte "Lazarett" gestanden hatte und sich laut dem Zeugen ein Massengrab befinden soll. Da an besagter Stelle ein 4 bis 5 m tiefer Bombenkrater vorhanden ist - zwei Bomben liegen noch in geringer Entfernung von diesem Krater -, wurde mit den Grabungen in diesem Krater angefangen. Im Verlauf dieser Arbeit wurden zahlreiche polnische, ferner russische, deutsche, österreichische und tschechische Münzen sowie Bruchstücke verschiedener Arten von Gefäßen vorgefunden. Am Ende der Arbeiten, ca. um 15 Uhr, stießen wir in 6 m Tiefe auf eine zuvor noch nicht entdeckte Schicht. Es wurden keine menschlichen Überreste entdeckt.
10. November 1945
Es wurde mit der Arbeit fortgefahren, wobei 36 zu Straßenarbeiten abkommandierte Arbeiter eingesetzt wurden. In 6 m Tiefe beginnt eine bisher noch von niemandem entdeckte Schicht. Sie besteht teils aus allerlei Küchengeschirr und verschiedenartigen Haushaltgegenständen; ferner gibt es dort Kleiderfetzen. In 7 m Tiefe gelangten wir auf dem Grund der Grube an - einer Schicht gelben Sandes, der nicht mit Kies vermischt ist. Durch Erweiterung der Ausgrabungen gelang es, die Form der Grube zu ermitteln. Sie weist schiefe Wände auf, und der Grund mißt ca. 1,5 m [sic!]. Vermutlich ist die Grube mit einem Bagger ausgehoben worden. Im Verlauf der Ausgrabungen wurden zahlreiche mehr oder weniger stark beschädigte polnische Dokumente vorgefunden, ferner ein stark beschädigter Personalausweis eines deutschen Juden sowie noch mehr Münzen: Polnische, deutsche, russische, belgische und sogar amerikanische. Nachdem wir die Gewißheit erlangt hatten, daß diese mit Bruchstücken der erwähnten Behälter angefüllte Grube in nord-südlicher Richtung auf dem Grund des Lagergeländes verläuft - auf dem Grund hatte man noch 2 m weiter gegraben [in nördlicher Richtung] -, wurden die Arbeiten an diesem Ort eingestellt.
11. November 1945
Es wurde eine Reihe von Probegrabungen an der Stelle durchgeführt, wo sich die [Gas-]Kammern befunden haben müssen, um eventuell ihre Grundmauern zu finden. Es wurden 10 - 15 m lange und 1,5 m tiefe Gruben ausgehoben. Dabei traten unverletzte Erdschichten zutage.
Im größten der durch die Detonationen erzeugten Krater (zahlreiche Splitter bezeugen, daß diese Detonationen durch Bomben ausgelöst wurden), der 6 m tief ist und einen Durchmesser von rund 25 m aufweist - seine Wände lassen das Vorhandensein einer großen Menge von Asche sowie menschlichen Überresten erkennen -, wurde noch weiter gegraben, um die Tiefe der Gruben in diesem Lagerteil zu ermitteln. Bei den Ausgrabungen fand man zahlreiche menschliche Überreste, teilweise noch im Verwesungszustand.[204] Das Gelände besteht aus mit Sand durchsetzter Asche, ist von dunkelgrauer Farbe und granulöser Form. Während der Ausgrabungen gab das Gelände einen intensiven Verbrennungs- und Fäulnisgeruch von sich. In 7,5 m Tiefe stieß man auf Grund, der aus Schichten unvermischten Sandes bestand. An diesem Punkt wurden die Grabungen hier eingestellt.
13. November 1945
Mit Hilfe von 30 zu Straßenarbeiten eingesetzten Arbeitern wurde mit dem Öffnen einer Grube begonnen - einer Schuttablage im nordöstlichen Lagerteil. An dieser Stelle wurde, wie die aus den nahegelegenen Weilern stammenden Arbeiter erklärten, bisher eine sehr große Zahl von Dokumenten vorgefunden. Man begann an jener Stelle mit der Arbeit, wo die Leute [jener Gegend] auf der Suche nach Gold eine drei Meter tiefe Grube ausgehoben hatten. Im Verlauf der Grabarbeiten wurden ständig Bruchstücke von allerlei Küchengefäßen sowie eine große Zahl von Lumpen vorgefunden. Außer den bisher entdeckten Münzen wurden noch griechische, slowakische und französische entdeckt, ebenso Dokumente in hebräischer und polnischer Sprache sowie Reste eines sowjetischen Passes. In 5 m Tiefe wurde die Arbeit wegen der sich stetig verschlechternden Witterungsverhältnisse eingestellt.
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Der Untersuchungsrichter |
Der Staatsanwalt |
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Łukaszkiewicz |
Maciejewski |
Entscheid:
Der Untersuchungsrichter von Siedlce fällt am 13. November 1945 in Anbetracht der Tatsache, daß, wie aus den bisher untersuchten Zeugenaussagen und den Ergebnissen der an Ort und Stelle durchgeführten Arbeiten zu schließen ist, mit großer Wahrscheinlichkeit heute auf dem Gelände des ehemaligen Lagers keine Massengräber mehr zu finden sind, unter Berücksichtigung des fortgeschrittenen Herbstes, der gegenwärtigen Regenfälle und der Notwendigkeit eines raschen Abschlusses der gerichtlichen Voruntersuchungen, den Entscheid, angesichts all dieser Fakten die Arbeiten auf dem Territorium des früheren Todeslagers Treblinka einzustellen.
Der Untersuchungsrichter
Łukaszkiewicz.«
Nach Abschluß seiner Voruntersuchungen, am 29. Dezember 1945, erstellte Łukaszkiewicz ein Protokoll mit 14 Absätzen, das - wie be
reits erwähnt - als Dokument URSS-344 von den Sowjets beim Nürnberger Prozeß vorgelegt wurde. Im dritten Absatz, der den Titel »Jetziger Zustand des Lagerterrains« trägt, führte er folgendes aus (das streckenweise holprige Deutsch geht zu Lasten des sowjetischen Übersetzers):[205]»Mit Hilfe eines sachverständigen Landvermessers und Zeugen habe ich genau das Terrain besichtigt. Laut Anmessung beträgt die Lageroberfläche 13.45 ha. und hatte eine Form eines unregelmäßigen Vierecks. Es bestehen keine Reste von Einrichtungen des ehemaligen Todeslagers mehr. Das Einzige, was von den Gebäuden übrig geblieben ist, sind: ein Graben mit emporragenden Resten von angebrannten Holzstangen, der in den Keller führt, Mauersteine von Fundamenten des Wirtschaftsgebäudes und die Brunnenstelle. Hie und da findet man Spuren von den abgebrannten Holzstangen des Zaunes und Reste von Stacheldraht. Auch sind einige Abschnitte von gepflasterten Wegen geblieben. Es gibt jedoch noch andere Spuren, die auf das Bestehen und Funktionieren des Lagers hinweisen. Im nord-westlichen Teil des Terrains ist die Oberfläche von ca. 2 ha. von einer Mischung aus Asche und Sand bedeckt. In dieser Mischung findet man unzählige menschliche Beine, öfters noch mit Geweberesten bedeckt, die sich im Zersetzungszustande befinden. Während der Beschau, die ich mit Hilfe eines gerichtlich-medizinischen Sachverständigen gemacht habe, wurde festgestellt, daß die Asche ohne jeden Zweifel menschlichen Abstammes [sic] sind. (Reste von angebrannten menschlichen Beinen). Die Untersuchung von menschlicher Schädeln konnte keine Spur von Verletzung feststellen. In einer Entfernung von einigen 100 m riecht es jetzt noch unangenehm nach Verbrennung und Verwesung. In süd-westlicher Richtung ist ein Teil des Lagerterrains von Aluminium - Emaille - Glas und Porzellanschalen - Küchengeräten - Handkoffer - Rucksäcken - Kleidungsstücke, etc. bedeckt. Auf dem Terrain befinden sich unzählige Löcher und Trichter.«
Łukaszkiewicz resümierte die einen Monat zuvor durchgeführten Untersuch
ungen an Ort und Stelle wie folgt:[206]»Während der Terrainarbeiten fand ich keine Massengräber, was im Zusammenhang mit den Aussagen von den Zeugen Romanowski und Wiernik zu dem Schluß führt, daß fast alle Leichen der Opfer verbrannt wurden, destomehr, da das Lager zeitig liquidiert wurde und die Mörder viel Zeit hatten. Der Boden des Lagers wurde geackert und besät. Es wurden dort Ukrainer angesiedelt, die bevor [sic] der Ankunft der Roten Armee geflüchtet sind (Zeugen Kucharek und Lopuszyński).«
Am 9. und 10. August 1946 suchte Łukaszkiewicz zusammen mit dem Landvermesser Trautsolt und dem Gerichtsarzt Wakulicz in der Gegend des Lagers Treblinka I nach Massengräbern. Im Wald beim Dorfe Maliszewa, ca. 500 m südlich des Lagers, wurden insgesamt 41 Massengräber vorgefunden, von denen 40 geschändet worden waren; um sie herum waren viele Leichen zerstreut. Ein Grab war nur teilweise geschändet worden, und aus ihm konnten 10 Leichname geborgen werden. Der Gerichtsarzt untersuchte 112 Schädel und stellte fest, daß nur in zwei Fällen ein Schuß in den Kopf die Todesursache gewesen war. Die Gesamtfläche der Gräber belief sich auf 1.607 m2. Zur Zahl der vorgefundenen Leichen schrieb Łukaszkiewicz:[207]
»Aufgrund der Zerstörung der Gräber ist es nicht möglich, die Leichen zu zählen, die sich darin befunden haben. Der ärztliche Sachverständige Mieczysław Piotrowski versichert jedoch, ein Grab von 2 × 1 × 1 m (ohne Berücksichtigtung der oberen Erdschicht, welche die Leichname bedeckt) enthalte wenigstens 6 nackte Leichen. In Kenntnis der Ausmaße aller 41 Gräber, und unter der Annahme, daß die Leichenschichten nur bis in 1,5 m Tiefe reichten (die Tiefe der Gräber beträgt bis zu 3 m), kann man berechnen, daß dort wenigstens 6500 Menschen lagen.«
Bei diesem Anlaß zeichnete der Landvermesser Trautsolt eine Karte des Geländes von Treblinka I, auf welcher er die genaue Position der Gräber angab.[208] Von diesen waren 17 in nord-südlicher Richtung aneinandergereiht; ihre Gesamtlänge belief sich auf ca. 510 m.
Dieser Bericht fordert folgende Überlegungen heraus:
Die naheliegendste Vermutung wäre, daß die Leichen von den örtlichen Behörden ausgegraben und auf den Friedhöfen der nahen Dörfer beigesetzt wurden, möglicherweise auch in der Nähe des Lagers, wo es heute noch einen Friedhof gibt. In diesem Fall wäre es freilich eigenartig gewesen, daß Łukaszkiewicz nichts davon erfahren hatte. Doch gibt es noch eine andere, beunruhigendere Erklärung, auf die wir später zurückkommen werden: Die angebliche Schändung wurde vermutlich vorgenommen, um die Opferzahl von Treblinka I aufbauschen zu können. Wenn man als Vergleichspunkt die drei von den Sowjets im August 1944 vorgefundenen Massengräber annimmt, so hätten die 41 Gräber bei gleicher Belegdichte höchstens 3000 Leichen fassen können. Andererseits hatte Łukaszkiewicz in seinem Bericht vom 29. Dezember 1945 unvorsichtigerweise geschrieben, daß[209]
»in diesem Lager [Treblinka I] ca. 50.000 Polen und Juden umgebracht wurden.«
Es stellt sich noch eine weitere Frage: Wer waren die in Treblinka I Gestorbenen? Man weiß mit Sicherheit, daß in jenem Lager im Herbst 1943 eine Typhusepidemie wütete. In der Tat ist eine Liste mit den Namen von 148 Häftlingen erhalten, die vom 12. November bis zum 20. Dezember 1943 größtenteils dieser Krankheit erlegen waren.[210] Die Seuche war einige Monate zuvor ausgebrochen, weswegen am 20. September aus dem KL Lublin (Majdanek) ein Waggon mit 11 Tonnen Chlorkalk nach Treblinka I geschickt wurde, der offensichtlich auf die Leichenschichten gestreut werden sollte.[211]
Da in Treblinka I zeit seiner Existenz rund 10.000 Häftlinge interniert waren,[212] wird man davon ausgehen können, daß die von den Sowjets und Polen entdeckten Massengräber die Leichen aller - oder beinahe aller - dort Verstorbenen enthielten. Weitere Gräber oder Spuren von Massenverbrennungen wurden nämlich nicht vorgefunden.
In ihrem zuvor zitierten Bericht sprach Rachel Auerbach großspurig von »greifbaren Beweisen« und »corpora delicti«. Doch in Wirklichkeit haben weder die Sowjets noch die Polen auch nur den geringsten Beweis dafür entdeckt, daß es sich bei Treblinka II um ein Vernichtungslager gehandelt hat. Die Sowjets sahen sich in ihrem - in Absatz 1 dieses Kapitels zitierten - Bericht vom 24. August 1944 zu folgendem Eingeständnis genötigt:
»Gegenwärtig ist es schwierig, die Spuren und Geheimnisse dieses Menschenverbrennungsofens zu enthüllen, doch anhand der verfügbaren Daten kann man sich ihn vorstellen.«
Auch die von Łukaszkiewicz vorgenommenen Untersuchungen erwiesen sich in dieser zentralen Frage al
s völliger Fehlschlag. Er ließ an einem ganz bestimmten Punkt des Lagers graben, an dem sich laut dem Zeugen S. Rajzman ein Massengrab befand, entdeckte jedoch nichts dergleichen. Er ließ 10-15 m lange und 1,5 m tiefe Gräben an den Stellen ausheben, wo gemäß den Zeugen die beiden angeblichen Vergasungsgebäude gestanden hatten, stieß jedoch lediglich auf »Schichten unverletzter Erde«. Er fand zwar Schädel vor, jedoch ohne Schußwunden. Alle von ihm ermittelten Indizien (Münzen, Dokumente, Lumpen, Gefäße, Resten verschiedener Gegenstände) belegen lediglich, daß es an jenem Ort ein Lager gab, und die menschlichen Überreste sowie die Asche beweisen nur, daß im Lager Leichen begraben oder eingeäschert wurden. Nichts erbrachte auch nur die Spur eines Beweises für einen Massenmord, geschweige denn für einen solchen an vielen hunderttausend Menschen.Besondere Aufmerksamkeit unter den vorgefundenen Objekten verdienen die Schädel sowie die im Verwesungszustand befindlichen menschlichen Körperteile. Von wem stammten sie? Wenn wir uns an die offizielle Geschichtsschreibung halten, bleibt diese Frage unbeantwortet. Laut dieser war nämlich am 2. August 1943, dem Tag des Häftlingsaufstandes, die Verbrennung der aus den Massengräbern geborgenen Leichen bereits abgeschlossen. Beim Aufstand sollen wenigstens 300 bis 400 Gefangene innerhalb des Lagers oder in Nähe der Drahtzäune getötet worden sein,[213] und in den folgenden drei Wochen wurden angeblich noch mehr als 30.000 Juden aus dem Ghetto von Białystok vergast, deren Leichen weder die Sowjets noch die Polen vorfanden. Wenn es sie gab, müssen sie also verbrannt worden sein. Dasselbe gilt für die Leichen der beim Aufstand ums Leben Gekommenen. Die im Lager überlebenden Häftlinge wurden nicht etwa an Ort und Stelle getötet, sondern am 20. Dezember 1943 in fünf Waggons nach Sobibór überstellt, wie sich einem entsprechenden Wehrmachts-Frachtbrief entnehmen läßt.[214] Wenn man im November 1945 verwesende Leichenteile fand, so läßt sich dieser Fund zudem schlecht mit der These vereinbaren, die betreffenden Opfer seien mehr als zwei Jahre vorher ermordet worden. Höchst problematisch mutet schließlich an, daß man keine einzige vollständige Leiche aufgefunden hat.
Von wem stammten also die Schädel und Leichenteile? Waren sie vielleicht den Massengräbern von Treblinka I entnommen worden? Sollte es sich um die Überreste von Opfern der Typhusepidemie handeln, die Ende 1943 in jenem Lager gewütet hatte? Diese Hypothese scheint um so plausibler, als keiner der Schädel Schußverletzungen aufwies. Sie könnte auch eine Erklärung für den merkwürdigen Umstand liefern, daß Treblinka II bombardiert wurde: Die Bomben zerstörten nicht nur die beiden von den Deutschen höchstwahrscheinlich intakt zurückgelassenen Gebäude,[215] sondern zerstreuten die verwesten Leichenteile über eine weite Fläche und erhöhten so den schauerlichen Effekt des "Vernichtungslagers". In der Tat wurden die vorgefundenen Leichenteile in der Propaganda denn auch weidlich ausgeschlachtet.
Bei seinem vom 9. bis zum 13. November 1945 vorgenommenen Augenschein auf dem Gelände des Lagers wurde Łukaszkiewicz vom vereidigten Landvermesser K. Trautsolt begleitet, der mit Hilfe von Zeugen einen genauen Plan Treblinkas im damaligen Zustand ze
ichnete.[216] Der Plan, der freilich die Himmelsrichtungen verschoben wiedergibt,[217] zeigt ein unregelmäßiges Viereck, dessen Seiten folgende Länge aufweisen:Auf dem Plan sind auch die Ruinen eingezeichnet, die in der Lagerzone existierten: Ein verbrannter Keller (»piwnica spalona«), mit dem Buchstaben "e" gekennzeichnet, sowie das zerstörte Haus eines Siedlers (»dom burzony kolonisty«), mit dem Buchstaben "l" markiert.
Auf einer anderen, topographisch identischen Karte fügte Landvermesser Trautsolt anhand von Zeugenaussagen die laut diesen früher auf dem Lagergelände vorhandenen Einrichtungen hinzu. Łukaszkiewicz hat zwei Versionen dieser Karte publiziert, von denen die erste recht dürftig,[218] die zweite hingegen genauer ist.[219] Auf letzterer ist die (angebliche) Leichenverbrennungszone genau angegeben. Der Form nach ist sie ein unregelmäßiges Viereck. Nimmt man die Länge der Seiten des Lagers zum Maßstab, so läßt sich berechnen, wie lang die Seiten der Verbrennungszone gewesen sein müssen:
Die Gesamtfläche des Lagers beträgt ca. 14.500 m2. Es handelte sich um das angebliche Todeslager oder Lager II, in dem sich die beiden Vergasungsanlagen befunden haben sollen.
Hinsichtlich der Form und der Größe des Lagers entspricht dieser Plan recht genau den im Mai und November 1944 über Treblinka hergestellten Luftaufnahmen. Hingegen stimmen die Ergebnisse der forensischen Untersuchungen bedeutend weniger mit dem überein, was diese Luftphotos erkennen lassen.
Jene vom 15. Mai 1944 zeigt im nordwestlichen Lagersektor fünf Gebäude in einer trapezförmigen Zone von rund 60 m × 100 m Größe.[220] Im Süden und Osten wird sie durch einen Hain, im Westen durch die ehemals zum Lager führende Straße sowie durch den damals existiertenden Zaun begrenzt. Ganz offenkundig haben diese Gebäude nichts mit dem "Bauernhaus" zu tun, das die SS nach der Liquidierung des Lagers gebaut haben und in dem sie zwecks Bewachung der Zone einen Ukrainer zurückgelassen haben soll.[221]
Auf der Luftaufnahme vom November 1944 sieht man nur noch zwei Gebäude; die drei anderen sind augenscheinlich zerstört worden.[222]
Das Lager Treblinka I wurde am 23. Juli 1944 geräumt,[223] und die deutschen Truppen zogen sich Ende Juli aus der Gegend um Treblinka zurück. Als die Sowjets im August dort einrückten, müssen sie also die beiden Gebäude noch intakt vorgefunden haben, doch wie bereits festgestellt schrieben sie im Bericht vom 15. September 1944, auf dem Lagergelände stünden nur noch »zwei abgebrannte Wirtschaftsgebäude«. Im November 1945, als Łukaszkiewicz zur Inspektionstour nach Treblinka kam, existierten die zwei Gebäude nicht mehr. Somit müssen sie von den Sowjets oder den Polen zwischen September 1944 und November 1945 zerstört worden sein. Weshalb?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden auch die anderen drei Häuser von den Sowjets oder Polen zerstört. Die SS hätte nämlich, wenn schon, alle fünf zerstört, statt zwei davon stehen zu lassen. Wozu hätte sie dies tun sollen? Um einen einsamen Ukrainer im Feindesland zurückzulassen? Worin hätte dessen Aufgabe bloß bestehen können? Die Geschichte ist oberfaul.
Doch nicht genug der Merkwürdigkeiten. Łukaszkiewicz fand auf dem Lagergelände mehrere Bombenkrater und sogar zwei nicht explodierte Bomben vor. Der größte Krat
er war 6 m tief und besaß einen Durchmesser von ca. 25 m. Also muß das Lager bombardiert worden sein, und zwar gewiß nicht durch ein Versehen. Die Deutschen, die laut offizieller Geschichtsschreibung sämtliche Spuren ihrer Missetaten verwischt hatten, indem sie die Baracken demontierten, die gemauerten Bauwerke abrissen, das Terrain einebneten, pflügten und mit Lupinen bepflanzten, hätten kein Interesse an einer Bombardierung des Lages gehabt, denn erstens gab es nichts mehr zu zerstören, und zweitens hätten die durch die Bomben erzeugten Krater die Spuren der angeblichen Massenmorde sichtbar gemacht. Aus einem im November 1944 aufgenommenen Luftbild des Lagers Treblinka II geht zudem hervor, daß das Lager zu jenem Zeitpunkt, also nach der Einnahme des Gebietes durch die Rote Armee, noch nicht bombardiert worden war.[215]Also muß das Bombardement seitens der Sowjets erfolgt sein. Doch war das Lager Treblinka bereits im November 1943 liquidiert worden, und in seiner unmittelbaren Nähe gab es keine militärischen Ziele. Treblinka I, das im Mai 1944 noch in Betrieb war, wurde nicht bombardiert. Warum haben die Sowjets also Bomben auf Treblinka II abgeworfen? Vielleicht, um die vielen von der SS zurückgelassenen Spuren, die sich keinesfalls mit der Massenvernichtungsthese vereinbaren ließen, zu verwischen und falsche Spuren zu legen, welche diese These zu erhärten schienen?[224]
Was Form und Größe des Lagers anbelangt, so wird man die oben erwähnten Pläne als zuverlässig betrachten dürfen, da sie erstens von einem professionellen Landvermesser anhand von Messungen an Ort und Stelle gezeichnet wurden und zweitens gut mit den Luftaufnahmen übereinstimmen. Man kann sie also als Maßstab bei Vergleichen mit sämtlichen Plänen nehmen, die zuvor und später von Ex-Häftlingen des Lagers oder anhand von deren Beschreibungen gezeichnet wurden. Mit einer Ausnahme, auf die wir noch zu sprechen kommen, weist das Lager stets die Form eines unregelmäßigen Vierecks auf.
Hinsichtlich der im Lager vorhandenen Gebäude und sonstigen Einrichtungen sind wir hingegen ganz auf die Zeugenaussagen angewiesen, da kein einziger deutscher Lagerplan erhalten geblieben ist. Besonders aufschlußreich sind hier weniger die Unterschiede zwischen den von ehemaligen Insassen erstellten Plänen, als vielmehr die graphische Entstehung des sogenannten "Lagers II", also des angeblichen Vernichtungslagers.
Auf jenem Plan, der dem Bericht vom 15. November 1942 beigefügt war,[225] wird das ganze Lager von den beiden Ausrottungseinrichtungen beherrscht, als ob das "Lager I", der administrative Sektor mit Unterkünften, Küchen, Speichern etc. überhaupt nicht existierte. Die beiden Dampf-Hinrichtungsanlagen mit drei bzw. zehn Kammern, die dann von J. Wiernik auf der in seiner Schrift von 1944 veröffentlichten Karte in Motorabgas-Hinrichtungsanlagen verwandelt wurden,[226] erschienen dann in sämtlichen späteren Plänen mit der gleicher Form und an der gleichen Stelle.[227] Anfangs wurde das "Lager I" also gar nicht dargestellt, und "Lager II" bestand ausschließlich aus den beiden Todeshäusern.
Der erste offizielle Plan von Treblinka wurde von der sowjetischen Untersuchungskommission am 24. September 1944 erstellt. Sie weist die Gestalt eines unregelmäßigen Viereckes auf, das der wirklichen Form des Lagers nur in groben Zügen entspricht. Auf diesem Plan besitzt "Lager I" eine klar umrissene Struktur, die später von den Zeichnern vieler anderer Pläne übernommen wurde. "Lager II" wird aber weiterhin von den beiden Ausrottungseinrichtungen (diesmal mit Luftabsaugkammern) dominiert, die "Bad Nr. 1" und "Bad Nr. 2" genannt werden und den Dampf-Hinrichtungsanlagen des Plans vom 15. November 1942 entsprechen. Die Sowjets haben zwei weitere, später immer wiederkehrende Anlagen hinzugefügt: die Ausziehbaracke (60 m×12 m) sowie den stacheldrahtumrankten Pfad, der zur Hinrichtungsanlage führt und später "Schlauch" getauft wurde. Auf seinem im Jahre 1945 gezeichneten Plan übernahm J. Wiernik die sowjetische Darstellung des "Lagers I" und bereicherte das "Lager II" durch zwei Verbrennungsroste, zwei Wachttürme, einen Galgen, etliche Werkstätten (für Schreiner, Schuster, Metallarbeiter), Unterkünfte für die Wachmannschaft, Häftlingsküchen, Häftlingsbaracken, ein Laboratorium, Frauenunterkünfte, eine Wäscherei sowie Häftlingsduschen.[228] Auf diesem Plan sind die Massengräber noch nicht einzeln dargestellt. Dies geschah erst, als der erste Staatsanwalt A. Spieß beim Düsseldorfer Treblinka-Prozeß von 1964/1965 einen offiziellen Lagerplan anfertigen ließ, auf welchem glücklich vier »Leichengruben« prangten.[229]
Der Weg zu diesem "offiziellen" Plan war freilich arg gewunden. Einige in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstandene Pläne lassen recht erhebliche Abweichungen auch von den zuvor geschilderten Vorlagen erkennen. 1946 zeichnete Arie (Aleksander) Kudlik einen Plan, auf welchem im "Lager II" lediglich die zweite der beiden Ausrottungsanlagen zu sehen ist, dafür aber fünf als »Krematorien« bezeichnete Kreise.[230] Noch stärker weicht der von den Zeugen Laks und Płatkiewicz erstellte Plan von den bekannteren unter den Vorbildern ab.[231] N. Blumental, der diese Zeichnung 1946 publizierte, schilderte ihre Entstehung wie folgt:[232]
»Die Kopie des Plans "Todeslager Treblinka" mitsamt diesbezüglicher Erläuterung wurde der Jüdischen Zentralen Historischen Kommission von Moszek Laks übermittelt, den man in Treblinka "Mietek" nannte. Er traf am 22. September 1942 aus Suchedniów (Bezirk Kielce) im Lager ein. Laut Aussage des Zeugen wurde der Plan von ihm sowie Herrn Płatkiewicz während seines Lageraufenthalts angefertigt. Der Zeuge nahm am Aufstand teil und floh dann mit dem Plan in die Wälder. Vom 2. August 1943 bis zum 17. Januar 1945 hielt sich Herr Laks verborgen. Seine Glaubwürdigkeit wird bestätigt durch: Maniek Płatkiewicz, welcher sich am Treblinka-Aufstand beteiligte. Sie zeichneten den Plan während ihres Aufenthalts in Treblinka beim Kartoffelschälen im Keller. Die Zeugen haben das in Treblinka erstellte Original vorgelegt, anhand dessen eine entsprechende Kopie angefertigt wurde.«
Falls dies stimmt, müßte der Plan der genaueste sämtlicher von den Zeugen gezeichneten sein, da er nicht auf bloßer Erinnerung, sondern auf direkter Beobachtung des Lagers fußt. Tatsächlich stellt er als einziger die Form der einzelnen Gebäude und Einrichtungen dar, die von 1 bis 53 numeriert sind und diverse Unternumerierungen aufweisen. Die Bildlegende erläutert diese Gebäude und Einrichtungen, wobei ab und zu kurze Anekdoten aus der Lagergeschichte eingeflochten werden. Die beiden Verfasser erwähnen Installationen, die auf den anderen Plänen fehlen, beispielsweise das Sportfeld für die ukrainischen Wachmannschaften (17), den Erholungsraum mit Sonnenschirmen und Stühlen für die SS-Männer (10), einen stets einsatzbereiten gepanzerten Wagen (12), den Fahrradparkplatz (11), die Tankstelle (15), das Vordach zum Schutz der Brennölbehälter (16), die Gemüsegärten (4), das Löschbecken (39), den Manövrierplatz für die Lastwagen (44), die Kohlenvorräte (45), einen falschen Bahnhof, bestehend aus einer Baracke mit der Aufschrift »Obermajdanki«, einer Uhr und einem Plakat mit der Aufschrift »Bahnhof Wołkowysk-Białystok« (49), Schalterhalle, Zugfahrplan, Türen für die Wartesäle erster, zweiter und dritter Klasse samt Buffet, alles Bluff (50/1-6), vier Plakate mit Angabe des Kleidungstyps, den die Juden beim Entkleiden dort ablegen mußten (Wolle, Seide etc.), sowie schließlich einige Statuen: Jene eines in den Kampf ziehenden ukrainischen Sturmtrupps (21), jene eines seine Tiere weidenden Hirten (32), jene von Juden, die mit Schaufeln und Hacken unter der Aufschrift »Zum Ghetto« zur Arbeit ziehen (36). In der Bildlegende erscheint auch ein ausdrücklicher Hinweis auf die Massentötungen - »Straße zum Todeslager« -, doch ist das Seltsamste, daß eben dieses "Todeslager", das "Lager II", auf dem Plan überhaupt nicht erscheint, als handle es sich um ein nebensächliches Detail. Vermutlich wußten die beiden Zeichner zum damaligen Zeitpunkt noch nicht, wieviele Ausrottungsanlagen sie hätten darstellen sollen und wie.
Diesen Mangel behob Samuel Willenberg mehr als vierzig Jahre später, indem er in seinen Erinnerungen an Treblinka einen Plan des Lagers veröffentlichte,[233] auf welchem dieses die vom Landvermesser Trautsolt gezeichnete Form aufweist und die Gebäude entsprechend der von Laks und Płatkiewicz angewandten Technik dargestellt werden. Natürlich besitzt das "Lager II" jene Einrichtungen, die sich laut der offiziellen Version dort befunden haben sollen, d.h. die beiden angeblichen Tötungsanlagen, drei Massengräber, einen Verbrennungsrost sowie eine Baracke für die jüdischen Häftlinge.[234]
Wie wir im letzten Kapitel dieses Buchs sehen werden, enthielt "Lager II" aller Wahrscheinlichkeit nach Einrichtungen ganz anderer Art.
5. Die Opferzahl von Treblinka: Entstehung der offizellen Ziffer
Wir haben im vorhergehenden Kapitel gesehen, daß der Bericht vom 15. November 1942 von zwei Millionen bereits zu jenem Zeitpunkt in Treblinka Ermordeten sprach. In seiner 1944 verfaßten Schrift gab J. Wiernik keine genaue Zahl an, sondern sprach lediglich von »Millionen Menschen«.[235] Am 24. August 1944 legte die sowjetische Untersuchungskommission die Opferzahl auf drei Millionen fest.[236] S. Rajzman hat als erster Zeuge die Anzahl der Opfer nach Herkunftsländern untergliedert. Anläßlich seiner Befragung vom 26. September 1944 sagte er folgendes aus (die sprachlichen Unsauberkeiten gehen auch hier zu Lasten des sowjetischen Übersetzers):[237]
»Täglich trafen im Lager 3-4 Transporte ein. Es waren natürlich Tage, an welchen 1-2 Transporte eintrafen, jedoch war das eine Ausnahme, aber keine Regel. In jedem Transport trafen 6-7.000 Menschen jüdischer Nationalität ein. Unsere illegale Gruppe, wie ich bereits aussagte, führte sorgfältig Buch über alle im Lager eingetroffenen Kontingente. In das Lager wurden Juden aus verschiedenen Ländern Europas gebracht. Aus Deutschland selbst trafen 120.000 ein, darunter:
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Österreich |
40.000 |
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[Ferner:] |
|
|
Polen |
1.500.000 |
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Tschechoslowakei |
100.000 |
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Rußland |
1.000.000 |
|
Bulgarien und Griechenland |
15.000 |
Somit wurden in das Lager - seitdem Buch geführt wurde, und zwar vom 1.10.1940 - 2.8.1943[sic!] - insgesamt 2.775.000 Männer, Frauen, alte Leute und Kinder jüdischer Nationalität gebracht.«
Wassili Grossmann übernahm selbstverständlich die sowjetische Dreimillionenziffer.[238] Im Dezember 1945 unternahm Łukaszkiewicz den Versuch einer ersten detaillierten Bilanz der vermeintlichen Treblinka-Opfer und führte dabei jene Methode ein, die im folgenden zur Standardprozedur der offiziellen Geschichtsschreibung werden sollte:[239]
»Es ist klar, daß eine genaue Angabe der Zahl der Opfer bis jetzt noch unmöglich ist. Man soll in Acht nehmen [sic], daß das Lager in Treblinka von Herbst 1943 nicht mehr tätig war, und daß die Mörder genug Zeit hatten, um alle Spuren zu verwischen. Das Richtigste meiner Meinung nach wäre, die Transportzahl möglichst genau festzustellen. Zählungen, die sich auf den Inhalt der Kammer basiert hätten, wären ungenau, denn es ist ja unbekannt, wie oft sie gefüllt waren und in welchem Grade. In der Feststellung von Zahlentransporten habe ich mich auf die Aussagen von Zeugen, insbesondere Eisenbahnern, und Dokumente der Station Treblinka berufen. In der Zeitspanne vom August 1942 bis Mitte Dezember 1942 waren die Transporte äußerst zahlreich. In dieser Periode nehme ich an, sehr vorsichtig gerechnet, täglich ein Transport [sic]. (Jüdische Zeugen geben meistens 3 Transporte täglich an, die polnischen Eisenbahner 2). Nachher, im Zeitraum von Mitte Januar bis Mitte Mai 1943 war die Durchschnittszahl ein Transport wöchentlich (Zeugen: Reisman [sic] und Abe Kohn [sic] geben sogar 3 Transporte wöchentlich an.) Die Zahl der Waggons in einem Transport wurde auf 50 festgestellt. (Aus den Dokumenten folgt, daß viele Transporte aus 50 Waggons bestanden.) Die Zahl der Tage im Monat - 30; Zahl der Wochen im Monat - 4. Auf diese Weise bekommen wir vom 1. August 1942 bis 15. Mai 1943 die allgemeine Zahl von 7.500 Waggons.«
Der Verfasser zitiert anschließend einige deutsche Eisenbahndokumente, auf die wir später zurückkommen werden und aus denen hervorgeht, daß vom 17. bis zum 23. August 1942 266 Waggons aus Białystok nach Treblinka abgingen. Er fährt fort:
»Insgesamt 266 Waggons. Im Durchschnitt nehme ich 100 Passagiere im Waggon an. Die meisten Zeugen geben jedoch die Zahl von 200 an. So müssen wir ohne jede Übertreibung die Zahl der Opfer auf 781.000 feststellen. Zur Illustration füge ich hinzu, daß ich auf Grund von sachlichen Dokumenten: Telegrammen, Fahrplänen, Transportscheinen u.s.w., imstande bin, mit voller Genauigkeit die Beförderung von über 2.000 Waggons mit Juden festzustellen, obwohl die erwähnten Dokumente nur einen kleinen Bruchteil von Eisenbahndokumenten vorstellen [sic], denn die meisten sind verlorengegangen. Dies beweist meiner Meinung nach, daß obenerwähnte Rechnung sehr vorsichtig ist.«
Die Berechnungen des polnischen Richters stimmen freilich nicht ganz. Er geht von einem Transport pro Tag während 5 Monaten (150 Tagen) im Zeitraum vom 1. August bis Ende Dezember 1942 aus und setzt für die viereinhalbmonatige Periode (165 Tage) vom 1. Januar bis zum 15. Mai einen Transport pro Woche an. Dies entspricht (150×1×50=) 7.500 Waggons für August-Dezember 1942 sowie (4,5×1×50=) 225 Waggons für Januar-Mai 1943. Fügt man die 266 Waggons für den August 1943 hinzu, kommt man auf insgesamt (7.500+225+266=) 7.991 Waggons und damit auf 799.100 Opfer.
Auch entspricht seine Behauptung, wonach zusätzliche 2000 Waggons dokumentierbar seien, nicht der Realität. In der zweiten seiner beiden 1946 verfaßten Schriften erwähnt er die in seinem Besitz befindlichen Eisenbahndokumente, nämlich:
Ferner:
Aus diesen Unterlagen gehen insgesamt 809 Waggons hervor. Zwei Daten sind unsicher: Die Fahrplananordnung Nr. 548 vom 3. August 1942, in welcher ein Zug pro Tag mit 58 Waggons angekündigt wird, sowie die Fahrplananordnung Nr. 552 vom 1. Februar 1943, in der von 6 Transporten mit zusammen 12.000 Personen die Rede ist, doch ohne Angabe der Anzahl Waggons. Unter Annahme der von Łukaszkiewicz angesetzten Belegdichte entsprächen diese 6 Transporte also 120 Waggons mit je 100 Insassen, so daß die Gesamtzahl der Waggons nicht 2000, sondern 929 betrüge.
In der erwähnten Schrift greift der Verfasser seine vorher zitierten Opferzahlen auf, nimmt jedoch einige Veränderungen vor. Für den Zeitraum vom 1. August bis zum 15. Dezember 1942 geht er von 135 Transporten aus, was einem Transport pro Tag während 135 Tagen entspricht. Für die Periode vom 15. Januar 1943 (zwischen dem 16. Dezember 1942 und dem 14. Januar 1943 trafen also ihm zufolge keine Transporte ein) bis zum 15. Mai 1943 setzt er 16 Transporte an, also während 16 Wochen einen wöchentlich. Er fügt die im August 1943 angelangten Transporte hinzu, die laut ihm folgendes Bild ergaben:
|
17. und 18. August: |
2 Züge mit jeweils 39 Waggons |
= 78 Waggons |
|
18. August: |
1 Zug mit |
= 35 Waggons |
|
21.-23. August: |
5 Züge mit je 38 Waggons |
= 190 Waggons. |
Da er annimmt, jeder Zug habe im Schnitt 50 Waggons mit je 100 Insassen aufgewiesen, ergeben die erwähnten (135+16=) 151 Transporte (151×5000=) 755.000 Deportierte. Für die 303 Waggons des Augusts 1943 kommt man dann auf 30.300 Deportierte, so daß insgesamt (755.000+30.300=) 785.000 Menschen nach Treblinka geschickt worden wären; der Verfasser rundet diese Ziffer auf 800.000 auf.[240]
Im Bericht vom Dezember 1945 hatte er geschrieben, am 17. August 1943 sei ein einziger Zug mit 41 Waggons nach Treblinka gekommen, doch nun spricht er von zwei Zügen mit je 39 Waggons, was sicherlich richtiger ist. Wir kommen im neunten Kapitel auf diese Frage zurück.
Die Jüdische Zentrale Historische Kommision akzeptierte zwar die von Łukaszkiewicz vorgenommene drastische Reduktion der sowjetischen Dreimillionenzahl, hielt jedoch andererseits die Ziffer des polnischen Richters (800.000) für zu niedrig. In ihrem im Januar 1946 erschienenen, bereits mehrfach zitierten Werk schreibt Rachel Auerbach:[241]
»Anhand der Ermittlungen der Kommission und unserer Berechnungen glauben wir, daß die Zahl von mehr als 3.000.000 in Treblinka getöteten Juden, die von verschiedenen Autoren postuliert wurde, eindeutig zu hoch ist. Die wirkliche Zahl betrug vermutlich etwas über eine Million. Die Massenhinrichtungen in Treblinka setzten am 23. Juli 1942 ein, der an jenem Jahr zufällig mit dem Datum des Tishba b'Av [des traditionellen jüdischen Trauer- und Fasttages für den Tempel zu Jerusalem] zusammenfiel, und endeten Mitte September 1943. Die höchste Anzahl von Transporten kamen in den Monaten August, September, Oktober, November sowie Anfang Dezember 1942. Ende August gab es eine einwöchige Unterbrechung, weil sich zu viele Leichen und zu viele Kleidungsstücke angehäuft hatten und das Lagerpersonal nicht imstande war, die Arbeitslast zu verrichten. Zieht man diese eine Woche ab, so bleiben immer noch viereinhalb Monate übrig, während derer die Gaskammern 144 Tage lang "voll produzierten". Laut allen vorgetragenen Zeugenaussagen kamen in Treblinka täglich ein bis drei Transporte an. Jede Transport umfaßte im Schnitt 6 Güterwagen, und in jedem Güterwagen befanden sich 80 bis 150 Menschen. Gemäß mehreren Zeugen gab es Tage, wo die Transporte überdurchschnittlich viele Personen umfaßten und mehr als drei Transporte eintrafen. An solchen Tagen waren die Gaskammern bis ein Uhr morgens in Betrieb und erzeugten mehr als 20.000 Leichen innerhalb von 24 Stunden. Doch andererseits gab es auch Tage, wo die Transporte viel kleiner waren, besonders jene aus Deutschland, der Tschechoslowakei und anderen westeuropäischen Ländern, aus denen die Deportierten in Personenwagen angelangten, die nicht so überfüllt waren (abgesehen davon, daß sie viele Koffer enthielten und spezielle Gepäckwagen mitführten). Außerdem muß man die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß ein Zeuge jene Einheit von 20 Waggons, die von der Bahnstation Treblinka ins Lager gelangte, als separaten Transport gezählt haben könnte. [...] Somit gehen wir für die "Hochsaison" der "Produktion" in Treblinka von durchschnittlich einem Transport pro Tag mit jeweils 60 Güterwagen à 60 Insassen aus. Dies entspricht im Schnitt 6000 Personen pro Tag. Für einen Zeitraum von 144 Tagen ergeben sich damit 864.000 Seelen.
Von Mitte Dezember 1942 bis Mitte Januar 1943, also um die Feiertage der Nichtjuden herum, pausierten die Transporte, und es herrschten gewissermaßen Ferien. Nach dieser Pause nahm die Zahl der Transporte stark ab. Pro Woche kamen nun nur noch zwei oder höchstens drei. Im März und April trafen fast keine ein. Der letzte von den jüdischen Zeugen beobachtete Transport gelangte Mitte Mai 1943 an; er umfaßte hauptsächlich Menschen, die nach dem Ghettoaufstand aus Warschau deportiert worden waren. [...] Wir wissen mit Gewißheit, daß Transporte von Juden aus Białystok während dieses Zeitraums [August 1943] eintrafen. Unter Berücksichtigung aller uns zur Verfügung stehender Informationen nehmen wir an, daß mindestens 25 Transporte von Juden aus Białystok zwischen Mitte Januar und September 1943 (oder um den Zeitpunkt des Aufstands herum) ankamen, sowie weitere ca. 10 Transporte nach dem Aufstand, zusammen also ungefähr 35 Transporte. Unter Ansetzung der früher genannten Schätzungen bezüglich der durchschnittlichen Anzahl Waggons und Deportierte ergibt dies eine Gesamtzahl von 210.000 Seelen. Addiert man diese zu der für die "Hochsaison" errechneten Ziffer hinzu, gelangt man auf insgesamt 1.074.000, in anderen Worten auf etwas über eine Million Juden.«
Die Urteilsbegründung des Düsseldorfer Schwurgerichts vom 3. September 1965 widmete der Frage nach der Opferzahl Treblinkas einen eigenen Absatz, in dem es hieß:[242]
»Im Vernichtungslager Treblinka wurden mindestens 700.000 Personen, überwiegend Juden, aber auch in geringerem Umfang Zigeuner, getötet. Diese Feststellungen beruhen auf dem Gutachten, das Dr. Helmut Krausnick, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, vor dem Schwurgericht erstattet hat. Der Sachverständige hat in seinem Gutachten alle für ihn in deutschen und ausländischen Archiven erreichbaren und in der historischen Wissenschaft üblichen Hilfsmittel benutzt, darunter den sogenannten Stroop-Bericht [...], die Protokolle des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg und die nach dem Kriege unvollständig vorgefundenen amtlichen Eisenbahnunterlagen (Fahrpläne, Telegramme und Wagenzettel) über die Transporte nach Treblinka, die Gegenstand der Hauptverhandlung gewesen sind und die das Schwurgericht dem Sachverständigen zur Verfügung gestellt hat.
Der Sachverständige Dr. Krausnick hat unter anderem folgendes ausgeführt:
Nach dem Stroop-Bericht seien in der Zeit vom 22.7. 1942 bis zum 3.10. 1942 rund 310.000 und in der Zeit von Januar bis Mitte Mai 1943 rund 19.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in Güterzügen nach Treblinka gebracht worden.«
In Wirklichkeit heißt es im Stroop-Bericht:[243]
»Die erste große Aussiedlung fand in der Zeit vom 22. Juli bis 3. Oktober 1942 statt. Es wurden hierbei 310.322 Juden ausgesiedelt. Im Januar 1943 erfolgte abermals eine Umsiedlungsaktion, mit welcher 6.500 Juden erfaßt wurden.«
Somit wird Treblinka an dieser Stelle des Stroop-Berichtes gar nicht erwähnt. In der Urteilsbegründung heißt es ferner, vom 21. August 1942 bis zum 23. August 1943 seien in Treblinka Transporte mit Juden (aber auch Zigeunern) aus vielen anderen polnischen Städten sowie aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Jugoslawien sowie Griechenland eingetroffen. Die Richter zitieren Krausnick des weiteren wie folgt:
»Eine genaue Anzahl der auf diese Art und Weise nach Treblinka geschafften Personen lasse sich freilich nicht bestimmen, da insbesondere hinsichtlich der Bahntransporte nur noch ein Teil der Bahnunterlagen greifbar sei. Trotzdem könne man die Zahl der mit Güter- und Personenzügen nach Treblinka gebrachten Personen - unter Außerachtlassung der rund 329.000 Warschauer Juden - auf rund 271.000 schätzen, wenn man pro Zug von einer durchschnittlichen Waggonzahl von 60 und von einer durchschnittlichen Belegung eines Güterwaggons mit 100 und eines Personenwaggons mit 50 Menschen ausgehe, so daß ein Güterzug etwa 6.000 und ein Personenzug etwa 3.000 Juden nach Treblinka befördert habe.«
Da die Zahlen laut Krausnick oft höher waren (warum hat man sie dann als Durchschnittsziffern angesetzt?), und da Tausende von Juden und Zigeunern mit anderen Transportmitteln eingetroffen sein sollen, mußte die Gesamtopferzahl ihm zufolge höher liegen:[244]
»Aus all diesen Gründen sei es wissenschaftlich zu vertreten, die Zahl der in Treblinka getöteten Personen auf mindestens 700.000 zu schätzen.«
Mit der hochtrabend beschworenen "Wissenschaftlichkeit" dieser Schätzung ist es freilich nicht weit her. Abgesehen davon, daß Deportierte noch lange keine "Getöteten" sind, ist die Zahl von 329.000 aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka Deportierten zwar der Größenordnung nach plausibel, aber nicht dokumentiert, während die Ziffer von 271.000 aus anderen Ortschaften ins Lager Gebrachten völlig aus der Luft gegriffen ist. Der Rückgriff auf die Zahl und Belegdichte der Waggons eines Deportationszuges dient lediglich dazu, eine Berechnungsgrundlage vorzugaukeln, die in Wirklichkeit nicht existiert, weil die Zahl der Deportationszüge schlicht und einfach unbekannt ist. Die von Krausnick angeführten Ziffern wurden offensichtlich einzig und allein deshalb erfunden, um das Ergebnis von (329.000+271.000=) 600.000 zu erreichen. Weitere 100.000 Deportierte zaubert Krausnick einfach hinzu, wobei er sich noch nicht einmal die Mühe nimmt, eine fiktive Quelle anzuführen!
Am Ende des oben angeführten Zitats aus der Düsseldorfer Urteilsbegründung liefert A. Rückerl in einer Fußnote folgenden Hinweis:[245]
»In einem zum zweiten Treblinka-Prozeß im Herbst 1969 erstatteten Gutachten kam der Sachverständige Dr. Scheffler auf Grund neuerer Forschungen zu dem Ergebnis, daß im Vernichtungslager Treblinka insgesamt über 900.000 Menschen nahezu ausschließlich jüdischer Abstammung getötet wurden.«
Soweit wir wissen, ist dieses Gutachten Wolfgang Schefflers niemals veröffentlicht worden. 1976 hat Scheffler in Zusammenarbeit mit einer Ino Arndt einen Artikel verfaßt, in dem es lapidar heißt:[246]
»Nach den Feststellungen des Schwurgerichts im ersten Düsseldorfer Treblinka-Prozeß (1964-1965), die auf den vom gutachtenden Sachverständigen ausgewerteten (unvollständig erhaltenen) Unterlagen (Fahrplänen, Telegrammen, Waggonzetteln) dem sogenannten Stroop-Bericht, der Literatur und auf Zeugenaussagen beruhen, sind in Treblinka mindestens 700.000 Menschen, überwiegend Juden, aber auch Zigeuner (ca. 1000) getötet worden. Der Gutachter im zweiten Düsseldorfer Treblinka-Prozeß (1969/70) kam aufgrund neuester Forschungsergebnisse zu einer Zahl von 900.000 Opfern.«
Die beiden Verfasser verweisen in einer Fußnote auf ein früheres Rückerl-Buch,[247] in dem aber - auch hier in einer bescheidenen Fußnote! - ganz einfach dasselbe steht! Somit ist klar, daß sich der Hinweis auf »neueste Forschungsergebnisse« nicht etwa auf die Entdeckung zuvor unbekannter Urkunden bezieht - solche werden nämlich nicht erwähnt -, sondern ausschließlich auf neue Rechenkunststücke mit weitgehend unbekannten Größen (Anzahl und Fassungsvermögen der Züge, Zeitraum der Deportationen).
Stanisław Wojtczak, dem Verfasser der am reichhaltigsten dokumentierten Zusammenfassung der Treblinka-Literatur (1975), fiel bei der Behandlung der Opferzahl nichts Besseres ein, als die Hypothese des Richters Łukaszkiewicz aufzugreifen. Er unterteilt die Geschichte des Lagers in drei Perioden: Während der ersten (23. Juli - Mitte Dezember 1942) seien 640.000 Menschen ermordet worden, während der zweiten (Januar bis Mitte Mai 1943) 80.000 und während der dritten (2. August 1943 bis zur Schließung des Lagers) weitere 30.000, insgesamt also 750.000.[248]
1982 untergliederte Uwe Dietrich Adam die Lagergeschichte in zwei Periode, jene vom 23. Juli bis zum 28. August 1942 mit 215.000 Opfern sowie jene vom September 1942 bis zum Oktober 1943 mit 485.000 Opfern, so daß seine Gesamtopferzahl 700.000 beträgt.[249]
Yitzhak Arad hat (in seinem 1987 erschienenen Buch) als einziger eine detaillierte Liste der Transporte nach Treblinka erstellt.[250] Da diese sehr lang ist, begnügen wir uns hier mit der Wiedergabe der Herkunftsdistrikte sowie der Zahlen:
|
Distrikt |
Anzahl Deportierte |
|
Warschau |
365.720 |
|
Radom |
364.400 |
|
Lublin |
33.300 |
|
Białystok |
117.970 |
|
Insgesamt |
881.390 |
Nach Jahren aufgeteilt, ergibt sich bei Arad folgendes Bild:
1942: 824.170
1943: 57.220
Eine exakte Aufteilung dieser Zahlen nach Monaten ist nicht möglich, da die Deportationswellen oftmals in einem Monat begannen und im darauffolgenden endeten. Es ergibt sich aber annähernd folgendes Bild:
|
1942 |
1943 |
||
|
Juli und August: |
314.000 |
Januar: |
28.220 |
|
September: |
177.000 |
Februar: |
14.400 |
|
Oktober: |
203.000 |
April: |
3.500 |
|
November: |
98.000 |
Mai: |
3.500 |
|
Dezember: |
32.170 |
August: |
7.600 |
Arad nennt ca. 140 Ortschaften, aus denen Deportationszüge nach Treblinka abgegangen sein sollen, und liefert in jedem Fall die genaue Zahl der Deportierten. Auf welche Quellen stützt er sich dabei? Er beruft sich allgemein auf Volkszählungen der Judenräte, Memoiren und Tagebücher von Überlebenden, einige jüdischen Studien und »Dokumente der deutschen Bahnverwaltung«, zu denen er ausführt:[251]
»Ziehen wir in Betracht, daß jeder voll beladene Güterwaggon 100 bis 150 Menschen beförderte, können wir die ungefähre Zahl der in jedem Transport mitgeführten Juden ermitteln.«
Womit wir glücklich wieder bei der Methode des Richters Łukaszkiewicz gelandet wären!
Tatsächlich stützt sich Y. Arad, ohne dies zuzugeben, in allererster Linie auf den 1982 in London erschienenen Atlas of the Holocaust des britisch-jüdischen Historikers Martin Gilbert, der später auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Dieses Werk enthält eine Fülle von numerischen Angaben über die Judendeportationen, schweigt sich jedoch eisern über die Quellen aus. Was Polen - und insbesondere die Deportationen nach Treblinka - betrifft, so sind die Ziffern Gilberts zum größten Teils Phantasieprodukte: Er hat nämlich nichts weiter getan, als den einzelnen Orten, aus denen wirkliche und erfundene Transporte abgingen, aus der Luft gegriffene Zahlen zuzuweisen, deren Gesamtsumme die von vorne herein festgelegte Ziffer von 840.000 ergab![252] Schon ein flüchtiger Blick auf die Karten beweist dies hieb- und stichfest. Beispielsweise erscheinen auf Karte 168 rund sechzig Ortschaften des Bezirks Białystok, aus denen am 2. November 1942 Transporte nach Treblinka abgegangen sein sollen. Dieser Unzahl größtenteils unbekannter Krähwinkel weist Gilbert äußerst genaue Deportiertenzahlen zu.[253] Gäbe es zu diesen Ortschaften wirklich präzise Daten, so wären diese natürlich zuallererst von den polnischen Forschern und Historikern zitiert worden, doch wie wir gesehen haben, mußten sich diese auf hypothetische Zählereien von Zügen und Waggons beschränken.
Dies bedeutet, daß M. Gilberts Angaben zu den Transporten nach Treblinka größtenteils aus den Fingern gesogen und bar jedes wissenschaftlichen Wertes sind. Genau das gleiche gilt für Y. Arads Transportlisten, die auf Gilberts Buch fußen.
1995 erschien aus der Feder eines Manfred Burba ein Büchlein, das eine Zahlenstatistik samt Säulendiagramm über die Treblinka-Opfer enthält. Nach Herkunftsdistrikt und -land geordnet sieht der numerische Teil folgendermaßen aus:[254]
|
Warschau: |
254.000 |
|
|
|
Distrikt Warschau: |
110.000 |
Slowakei: |
7.000 |
|
Distrikt Radom: |
364.000 |
Theresienstadt: |
8.000 |
|
Distrikt Lublin: |
33.000 |
Griechenland: |
14.000 |
|
Bezirk Białystok: |
122.000 |
Andere Länder insges.: |
29.000 |
|
Polen insgesamt: |
883.000 |
|
|
|
Gesamtzahl der Opfer |
Opfer insgesamt |
||
|
1942 |
837.000 |
912.000 |
|
|
1943 |
75.000 |
||
Das Diagramm bezieht sich auf die monatliche Opferzahl. Es enthält zwar keine Ziffern, doch lassen sich diese unschwer der Höhe der die Zahlen widerspiegelnden Säulen entnehmen:
|
1942 |
1943 |
||
|
|
|
Januar: |
28.000 |
|
|
|
Februar: |
14.000 |
|
Juli: |
67.000 |
März: |
14.000 |
|
August: |
246.000 |
April: |
7.000 |
|
September: |
200.000 |
Mai: |
3.500 |
|
Oktober: |
203.000 |
Juni: |
0 |
|
November: |
82.000 |
Juli: |
0 |
|
Dezember: |
39.000 |
August: |
8.500 |
|
Gesamtzahl 1942: |
837.000 |
Gesamtzahl 1943: |
75.000 |
Somit kamen laut M. Burba in Treblinka 912.000 Menschen um. Zu seinen Quellen schreibt der Verfasser:[255]
»Die Schätzung der Opferzahl stützt sich im wesentlichen auf Dokumente der Deutschen Reichsbahn und auf Erhebungen und Zählungen der unterschiedlichsten Art in den Ghettos im besetzten Polen sowie auf Augenzeugenberichte.«
Doch in Wirklichkeit beruhen Burbas Ziffern auf der zuvor erwähnten Liste Y. Arads, wobei er die von diesem postulierte Zahl (881.390) auf 883.000 erhöht und zudem 29.000 Deportierte aus der Slowakei, Theresienstadt und Griechenland hinzufügt, von denen bei Arad nicht die Rede ist.
Mit welcher Willkür solche Statistiken erstellt werden, geht noch krasser aus den Berechnungen Ryszard Czarkowskis hervor, der diesen ein ganzes Kapitel seines 1989 veröffentlichten Treblinka-Buchs widmet. Er unterteilt die Lagergeschichte in fünf Abschnitte:
|
Erster Abschnitt: |
25. Juni bis 23. Juli 1942 |
|
Zweiter Abschnitt: |
23. Juli bis 15. Dezember 1942 |
|
Dritter Abschnitt: |
15. Dezember 1942 bis 9. Januar 1943 |
|
Vierter Abschnitt: |
15. Januar bis 2. August 1943 |
|
Fünfter Abschnitt: |
2. bis 23. August 1943. |
Für den ersten Abschnitt beruft sich Czarkowski auf die Zeugenaussage Jan Sułkowskis, laut dem die Gaskammern der ersten Tötungsanlage am 25. Juni 1942 in Betrieb genommen wurden und von da an täglich ein Judentransport nach Treblinka gelangte. Czarkowski kommt für einen Zeitraum von 30 Tagen (25. Juni bis 23. Juli[256]) unter Ansetzung der von Łukaszkiewicz genannten Ziffern (50
Waggons pro Zug, 100 Personen pro Waggon) auf (30×50×100=) 150.000 nach Treblinka Deportierte und dort Ermordete, noch bevor das Lager überhaupt eröffnet wurde!Für den zweiten Abschnitt geht Czarkowski willkürlich von 125 Betriebstagen und 2 Transporten pro Tag aus, so daß in diesem Zeitraum nicht weniger als (125×2×50×100=) 1.250.000 Deportierte und Ausgerottete zu verzeichnen gewesen seien!
Die Ziffer für den dritten Zeitraum kalkuliert er folgendermaßen: Laut einer Ausgabe der Zeitung Wiadomość wurden vom 19. August 1942 bis zum 9. Januar 1943 120.000 Juden nach Treblinka geschickt. Czarkowski dividiert diese Zahl durch die Anzahl der Tage des betreffenden Zeitraums, multipliziert das Ergebnis mit der Anzahl der Tage zwischen dem 15.12. und 9.1. (26) und rundet das Produkt auf 22.000 auf, wobei er sich keinen Deut um die Tatsache schert, daß die in besagter Zeitung stehende Information seinen Annahmen für den zweiten Zeitraum kraß widerspricht: Wenn vom 23. Juli bis zum 15. Dezember 1942 wirklich 1.250.000 Juden nach Treblinka deportiert wurden und vom 15. Dezember 1942 bis zum 9. Januar 1943 22.000, mußten vom 19. August bis zum 15. Dezember (120.000 - 22.000=) 98.000 Juden und vom 23. Juli bis zum 19. August (1.250.000 - 98.000=) 1.152.000 Juden in Treblinka eingeliefert worden sein, was für letztgenannte Periode einen Schnitt von 41.000 pro Tag ergibt!
Für die vierte Periode akzeptiert Czarkowski die von Łukaszkiewicz aufgestellte Hypothese von einem Transport pro Woche, verlängert aber den Zeitraum der D
eportationen willkürlich um 6,5 Wochen und gelangt mittels dieses Kunstgriffs auf 26 Transporte mit (26× 50×100=) 130.000 Deportierten.Für die fünfte und letzte Periode übernimmt er vorbehaltlos die 303 von Łukaszkiewicz errechneten Waggons; dies entspric
ht 30.300 Deportierten, die Czarkowski auf 30.000 abrundet. Somit kommt er auf (150.000+1.250.000+22.000+130.000+30.000=) 1.582.000 Opfer![257]Zwar ist dieses Ergebnis offensichtlich nackter Irrsinn, doch die von Czarkowski angewandte Methode ist genau die gleiche wie bei den anderen, zuvor zitierten Autoren, mit Ausnahme M. Gilberts und Y. Arads, die raffinierter vorgehen, indem sie - wie aufgezeigt - eine im voraus festgelegte Opferzahl nach vollkommen willkürlichen Gesichtspunkten auf eine gewisse Anzahl von Orten verteilen, um die Illusion zu schaffen, man kenne die Gesamtzahl der nach Treblinka Deportierten mitsamt ihren Herkunftsorten genau.
Merkwürdigerweise bezieht sich kein einziger dieser Autoren auf den vom Statistiker Richard Korherr Anfang 1943 auf Anweisung Heinrich Himmlers erstellten Bericht, obgleich in diesem sehr genaue Zahlen von in die vermeintlichen Vernichtungslager deportierten Juden angeführt werden. In seiner Übersicht über die »Evakuierung der Juden« (Punkt 4 des fünften Kapitels seines Berichts) schrieb Korherr:[258]
|
»Transportierung von Juden aus den |
1.449.692 |
|
Es wurden durchgeschleust durch die Lager |
|
|
im Generalgouvernement |
1.274.166 |
|
durch die Lager im Warthegau |
145.301.« |
Als »die Lager im Generalgouvernement« gelten bei der offiziellen Geschichtsschreibung Bełżec, Sobibór und Treblinka, als Lager im Warthegau Chełmno.[259] Die genannte Zahl von 1.274.166 ist eben dieser Geschichtsschreibung zufolge die Zahl der Opfer der drei Lager im Generalgouvernement bis Ende 1942. Wenn dies wahr wäre,[260] ergäbe sich daraus folgende Konsequenz: Da Bełżec, dem gemeinhin 600.000 Opfer zugeschrieben werden, bereits im Dezember 1942 geschlossen wurde,[261] und da Herr Dr. Scheffler selbst für Sobibór eine Gesamtopferzahl von 180.000 für das ganze Jahr 1942 postuliert,[262] müßten in Treblinka 1942 (1.274.166 - 600.000 - 180.000=) rund 494.000 Menschen umgekommen sein, und unter Hinzufügung einer Maximalzahl von 75.000 für das darauffolgende Jahr 1943 käme man auf 569.000. Wie kann Herr Dr. Scheffler, der für Bełżec nicht die üblichen 600.000, sondern 800.000 Opfer ansetzt,[263] da ernsthaft von 900.000 Treblinka-Opfern sprechen? Seinen Zahlen zufolge müßten im Jahre 1942 zusammen 1.880.000 Menschen in den drei Lagern des Generalgouvernements "vergast" worden sein, also 600.000 mehr, als laut dem Korherr-Bericht "durchgeschleust" worden sind!
In diesem Abschnitt wollten wir weniger die unterschiedlichen Zahlenangaben der verschiedenen Autoren als die unglaubliche Oberflächlichkeit und Unlogik ihrer Methode aufzeigen. Da alle von ihnen nicht nur von Deportierten, sondern von Ermordeten sprechen - also von Menschen, die mittels genau beschriebener Techniken umgebracht worden sein sollen -, gesellt sich zu der haarsträubenden Methodik ihrer Berechnungen auch ein erstaunlicher Mangel an kritischem Geist, der oft an Stumpfsinn grenzt und noch greller ins Auge springt, wenn man ihn mit den beiden einzigen Vertretern der offiziellen Geschichtswissenschaft vergleicht, die auf diesem Feld wenigstens ein Mindestmaß an kritischem Denken an den Tag gelegt haben.
Bereits im Jahre 1953 schrieb Gerald Reitlinger:[264]
»Es wäre auf jeden Fall unmöglich gewesen, die Mehrzahl der 310.000 aus Warschau deportierten Juden zusammen mit einer unbekannten Zahl aus anderen Ghettos in drei Gaskammern von jeweils 15 Quadratfuß innerhalb von nicht mehr als 75 Arbeitstagen zu vergasen.«
Um angesichts dieser Unmöglichkeit noch zu retten, was zu retten war, folgerte er:
»Darum muß ein großer Prozentsatz schon während der Zugfahrt umgekommen sein.«
Dies ist natürlich ebenfalls eine unhaltbare Behauptung: laut der Fahrplananordnung Nr. 548 vom 3. August 1942 dauerte die Fahrt von Warschau nach Treblinka nämlich nur 3 Stunden und 55 Minuten,[265] und selbst wenn die Verhältnisse in den überfüllten Zügen abscheulich waren, konnten sie unter keinen Umständen ein Massensterben unter den Insassen zur Folge haben.
Jean-Claude Pressac hat in einem 1995 gewährten Interview, das jedoch erst im Jahr 2000 mit auf seinen Wunsch nachträglich vorgenommenen Änderungen publizierten wurde, eine eigenwillige Statistik der angeblichen Opfer der östlichen Lager aufgestellt, bei der er grundsätzlich von deren bezeugter Ausrottungskapazität ausging:[266]
»Ich habe versucht, die Opferzahl der als Vernichtungslager bezeichneten Lager anhand materieller Fakten zu ermitteln: Oberfläche der Gaskammer und Anzahl der Personen, die sie aufnehmen konnte; Zeit einer Vergasung; Anzahl täglicher Vergasungen; Anzahl der täglich eintreffenden Transporte unter Berücksichtigung der Realkapazität der Kammern, etc. Im Vergleich zu den Zahlen Hilbergs, die auf polnischen Quellen fußen, komme ich auf folgende Ziffern:
|
Chelmno: |
80.000 bis 85.000 |
statt 150.000; |
|
Belzec: |
100.000 bis 150.000 |
statt 550.000; |
|
Sobibor: |
30.000 bis 35.000 |
statt 200.000; |
|
Treblinka: |
200.000 bis 250.000 |
statt 750.000; |
|
Majdanek: |
weniger als 100.000 |
statt 360.000.[267]« |
Wenn wir jeweils die niedrigste seiner Schätzungen nehmen, reduziert Pressac die Gesamtopferzahl dieser fünf "Vernichtungslager" (Auschwitz ist in der Statistik nicht berücksichtigt) also von 2.010.000 auf 510.000. Doch ist die von ihm genannte Zahl für Majdanek - das einzige dieser Lager, aus dem dokumentarische Unterlagen erhalten sind - immer noch mehr als doppelt so hoch wie die wirkliche, denn aus den Urkunden geht hervor, daß in Majdanek ca. 42.300 (jüdische und nichtjüdische) Häftlinge den Tod fanden.[268] Eine Seite weiter fügt Pressac hinzu:
»Was das Massaker an den Juden betrifft, so müssen mehrere fundamentale Begriffe gründlich hinterfragt werden. Die [von der offiziellen Geschichtsschreibung] angeführten Zahlen sind vollkommen zu revidieren. Der Ausdrück "Völkermord" ist nicht mehr am Platz.«
Da sich Pressac nicht auf Dokumente, sondern lediglich auf die theoretische Maximalkapazität von Ausrottungseinrichtungen stützt, deren Existenz unbewiesen bleibt, sind seine Zahlen natürlich höchst anfechtbar, doch eines steht fest: Wer von einer Massenvernichtung in Treblinka - um uns hier auf dieses Lager zu beschränken - spricht, kann die von den Zeugen behaupteten Ungeheuerlichkeiten nicht blind akzeptieren und ist nicht von der Pflicht entbunden, das, was Pressac »materielle Fakten« nennt, ernsthaft zu berücksichtigen. Auf diesen Punkt kommen wir im folgenden Kapitel zurück.
Zuletzt sei des Lesers Aufmerksamkeit noch auf ein groteskes statistisches Detail gelenkt, das sich aus der Behauptung ergibt, in Treblinka sei wegen der Überlastung des ersten "Gaskammer"-Gebäudes mit nur drei Tötungskammern ein weiteres großes Gebäude mit zehn weiteren Kammern errichtet worden.[269]
Laut der Enzyklopädie des Holocaust wurde dieses neue Gebäude bis in den Oktober 1942 hinein gebaut. Wir gehen daher nachfolgend davon aus, daß diese Anlage im November 1942 den Betrieb aufnahm.[18] Laut derselben Enzyklopädie hatten die Kammern im alten Gebäude zusammen eine Fläche von etwa (3×5×5 m2=) 75 m2, die neuen jedoch von (10×7×7 m2=) 490 m2. Ab November 1942 standen im Lager also angeblich (75 m2+490 m2=) 565 m2 für Massentötungen zur Verfügung. Das Verhältnis der zur Verfügung stehenden Fläche vor und ab dem November 1942 war also: 75 m2 ÷ 565 m2 = 1:7,53.[270]
Wie bereits angeführt, sollen laut Y. Arad bis Ende Oktober 1942 in Treblinka 694.000 Menschen ermordet worden sein, danach aber lediglich "nur" noch 187.390.[271] Das Verhältnis der Tötungen in den Zeiträumen bis Ende Oktober 1942 und danach ist also 1:0,27. Geht man davon aus, daß die ursprünglichen drei kleinen "Gaskammern" bis Ende Oktober 1942 zu 100% ausgelastet waren - sonst hätte es keinen Grund gegeben, die neuen, größeren zu bauen -, ergibt sich daraus für die dreizehn ab November 1942 zur Verfügung stehenden Gaskammern eine Auslastung von nur (0,27÷7,53=) 3,6%!
Die Frage, die sich angesichts dieser statistischen Tatsache stellt, ist offensichtlich: Wozu sollen die zehn neuen, großen "Gaskammern" gebaut worden sein, wenn sie anschließend überhaupt nicht benötigt wurden? Der groteske Widerspruch zwischen den für die jeweiligen Zeiträume behaupteten Massentötungen und der von Zeugen behaupteten massiven Ausweitung der Vernichtungskapazität ist ein starkes Indiz dafür, daß letztere Behauptung nicht auf Fakten beruht, sondern einen propagandistischen Ursprung hat: Drei "Gaskammern" waren einfach noch nicht monströs genug. Das Infernalische im Deutschen mußte mit immer weiter eskalierenden "Daten" untermauert werden.
|
Zeitraum |
Zahl der Kammern |
Fläche |
Anzahl |
Behauptete |
|
Bis Ende Oktober 1942 |
3 |
75 m2 |
694.000 |
100% |
|
Ab November 1942 |
10+3 |
565 m2 |
187.390 |
3,6% |
Fußnoten
| [189] | GARF, 7021-115-11, S. 15-43. |
| [190] | Akt n. 1, undatiert, doch offenbar am 22. oder 23. August 1944 erstellt. GARF, 7021-115-11, S. 1. |
| [191] | Akt n. 2, 23. August 1944. GARF, 7021-115-11, S. 2. |
| [192] | Akt n. 3, 23. August 1944. GARF, 7021-115-11, S. 3. |
| [193] | Akt, 24. August 1944. GARF, 7021-115-9, S. 103-110. |
| [194] | GARF, 7021-115-8, S. 217-221. |
| [195] | In deutscher Sprache. |
| [196] | Die Deutschen hätten es, wenn schon, "Todeslager" genannt. |
| [197] | Im Manuskript stand urspünglich »bis zu 7000 Menschen«, doch wurde dies handschriftlich korrigiert. |
| [198] | GARF, 7021-115-11, S. 43-47. |
| [199] | Siehe Abschnitt 4. |
| [200] | A. Donat, aaO. (Anm. 4), S. 19. |
| [201] | R. Auerbach, »In the fields of Treblinka«, aaO. (Anm. 28), S. 70-72. Laut A. Donat fand die Reise am 7. November 1945 statt, während Richter Łukaszkiewicz als Datum den 6. November nennt (siehe unten). |
| [202] | URSS-344. GARF, 7445-2-126, S. 319 (S. 1 des Berichts). |
| [203] | Photokopie des Dokuments bei S. Wojtczak, aaO. (Anm. 60), S. 183-185. |
| [204] | »w stanie rozkładu« |
| [205] | URSS-344. GARF, 7445-2-126, S. 19a-20 (S. 3f. des Berichts). |
| [206] | Ebenda, S. 324a (S. 12). |
| [207] | Z. Łukaszkiewicz, »Obóz pracy w Treblince«, in: Biuletyn Głównej Komisji Badania Zbrodni Niemieckich w Polsce, III, 1947, S. 120. - Vgl. auch S. Wojtczak, aaO. (Anm. 60), S. 135. Wojtczak behauptet, laut dem Sachverständigen Piotrowski hätten die Gräber 10.000 Leichen enthalten. |
| [208] | Siehe Dokument 6 im Anhang. |
| [209] | URSS-344. GARF, 7445-2-126 |
| [210] | Photokopie des Dokuments bei S. Wojtczak, aaO. (Anm. 60), S. 159-164. |
| [211] | J. Gumkowski, A. Rutkowski, Treblinka, aaO. (Anm. 77), Fotokopie auf unnumerierter Seite. |
| [212] | Informator encyclopedyczny, aaO. (Anm. 64), S. 528. |
| [213] | Y. Arad, aaO. (Anm. 71), S. 298. |
| [214] | Abgelichtet bei Z. Łukaszkiewicz, Obóz straceń w Treblince, aaO. (Anm. 37), S. 61. |
| [215] | Die beiden Gebäude sind auf einer Luftaufnahme vom November 1944, also nach der Einnahme des Gebiets durch die Rote Armee, deutlich zu sehen, allerdings nicht, ob sie intakt sind oder teilweise abgebrannt: U.S. National Archives, Ref. No. GX 12225 SG, exp. 259; das genaue Datum der Aufnahme, die von John C. Ball erstmalig veröffentlicht wurde, ist unbekannt, vgl. Dokument 11 im Anhang. |
| [216] | Siehe Dokument 7 im Anhang. Ein ähnlicher, vereinfachter Plan wurde von A. Neumaier wiedergegeben, aaO. (Anm. 80), S. 356; vgl. Dokument 8. Wie dem Plan ersichtlich ist, entstammt er dem Archiv der Hauptkommission zur Erforschung der Hitlerverbrechen in Polen (Główna Komisja Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce). |
| [217] | Die Nord-Süd-Linie auf dem Plan entspricht tatsächlich der Ost-West-Linie. |
| [218] | Siehe Dokument 9 im Anhang. |
| [219] | Siehe Dokument 10 im Anhang. |
| [220] | Siehe Foto 10 im Anhang. |
| [221] | A. Rückerl, NS-Vernichtunglager..., aaO. (Anm. 61), S. 240. Dieser Siedler, der angeblich Strebel hieß, soll, wie wir gesehen haben, laut dem sowjetischen Bericht vom 24. August 1944 kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee geflüchtet sein. |
| [222] | Siehe Foto 11 im Anhang. |
| [223] | S. Wojtczak, aaO. (Anm. 60), S. 130. |
| [224] | Die von den Polen auf dem Lagergelände vorgefundenen Leichenteile lassen sich nur durch Bombenexplosionen vernünftig erklären. |
| [225] | Siehe Dokument 2 im Anhang. |
| [226] | Vgl. Kapitel II, Abschnitt 5. |
| [227] | Siehe Dokument 4 im Anhang. |
| [228] | Siehe Dokument 11 im Anhang. |
| [229] | Siehe Dokument 12 im Anhang. |
| [230] | Siehe Dokument 13 im Anhang. |
| [231] | Siehe Dokument 14 im Anhang. |
| [232] | Wydawnictwo Centralnej Żydowskiej Komisji Historycznej (Hg.), Dokumenty i Materiały, aaO. (Anm. 39), S. 190. |
| [233] | Siehe Dokument 15 im Anhang. |
| [234] | S. Willenberg, aaO. (Anm. 82), S. 6. |
| [235] | J. Wiernik, A year in Treblinka, aaO. (Anm. 162), S. 43. |
| [236] | Siehe Abschnitt 1 dieses Kapitels. |
| [237] | URSS-337. GARF, 7445-2-126, S. 240. |
| [238] | W. Grossmann, Die Hölle von Treblinka, aaO. (Anm. 149), S. 32. |
| [239] | URSS-344. GARF, 7445-2-126, S. 323-323a (S. 9f. des Berichts). |
| [240] | Z. Łukaszkiewicz, Obóz straceń w Treblince, aaO. (Anm. 37), S. 36-39. |
| [241] | R. Auerbach, »In the fields of Treblinka«, aaO. (Anm. 28), S. 52 ff. |
| [242] | A. Rückerl, NS-Vernichtungslager..., aaO. (Anm. 61), S. 197f. |
| [243] | PS-1061. IMG, Bd. XXVI, S. 634f. |
| [244] | A. Rückerl, NS-Vernichtungslager..., aaO. (Anm. 61), S. 198f. |
| [245] | Ebenda, S. 199. |
| [246] | Ino Arndt, Wolfgang Scheffler, »Organisierter Massenmord an Juden in nationalsozialistischen Vernichtungslagern«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 2, 1976, S. 127f. |
| [247] | Adalbert Rückerl, NS-Prozesse, Verlag C.F. Müller, Karlsruhe 1971, S. 38. |
| [248] | S. Wojtczak, aaO. (Anm. 60), S. 151f. |
| [249] | Uwe Dietrich Adam, »Les chambres à gaz«, in: Colloque de l'Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Allemagne nazie et le génocide juif, Gallimard-Le Seuil, Paris 1985, S. 248f. |
| [250] | Y. Arad, aaO. (Anm. 71), S. 392-397. |
| [251] | Ebenda, S. 381. |
| [252] | M. Gilbert, Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas, Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1995, S. 217. |
| [253] | Ebenda, S. 133. Hier ein paar Beispiele: Wąsosz: 50; Gonądz: 1.280; Lubotyń: 174; Wasilków: 1.180; Boćki: 756; Klukowo: 68, usw. Für einige Ortschaften gibt er weitaus höhere Zahlen an: Bielsk: 5.000; Suchowola: 5.100; Krynki: 5.000; Siematyce: 6000, usw. |
| [254] | Manfred Burba, Treblinka. Ein NS-Vernichtungslager im Rahmen der "Aktion Reinhard", Göttingen 1995, S. 18. |
| [255] | Ebenda, S. 17. |
| [256] | In Wirklichkeit sind dies 29 Tage, einschließlich des 25. Juni. |
| [257] | R. Czarkowski, aaO. (Anm. 75), S. 189-202. |
| [258] | NO-5194, S. 9. |
| [259] | Am Korherr-Bericht ist folgendes unklar: Die Summe der beiden unteren Ziffern ergibt nicht etwa 1.449.692, sondern 1.419.467, so daß 30.225 Personen fehlen, von denen man nicht weiß, in welche Kategorie sie gehören. |
| [260] | Wir diskutieren hier nicht über die von Korherr genannten Zahlen, sondern über deren Interpretation, d.h. die Behauptung, die betreffenden Juden seien nicht durch die betreffenden Lager "durchgeschleust", sondern daselbst "vergast" worden. |
| [261] | Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 18), Band I, S. 180. |
| [262] | A. Rückerl, NS-Vernichtungslager..., aaO. (Anm. 61), S. 151. |
| [263] | A. Rückerl, NS-Prozesse, aaO. (Anm. 247), S. 36. |
| [264] | G. Reitlinger, The Final Solution, aaO. (Anm. 187), S. 141. |
| [265] | Fotokopie des Dokuments in: Raul Hilberg, Sonderzüge nach Auschwitz, Dumjahn, München 1981, p. 178. |
| [266] | »Entretien avec Jean-Claude Pressac réalisé par Valérie Igounet, à la Ville-du-bois, le jeudi 15 juin 1995«, in: V. Igounet, aaO. (Anm. 87), S. 640f. |
| [267] | Die Zahl von 360.000 Majdanek-Opfern wird nicht von Hilberg postuliert, sondern galt bis Anfang der neunziger Jahre in Polen als verbindlich; inzwischen ist die Ziffer von den polnischen Historikern auf 230.000 herabgesetzt worden. Hilberg spricht für Majdanek von 50.000 jüdischen Opfern; auf die nichtjüdischen geht er nicht ein. Siehe dazu J. Graf, C. Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische Studie, Castle Hill Publishers, Hastings 1998, Kapitel 4. |
| [268] | J. Graf, C. Mattogno, ebenda. |
| [269] | Dieser Abschnitt stammt vom Herausgeber G. Rudolf. |
| [270] | Während des Düsseldorfer Treblinka-Prozesses wurden zwar andere Maße für die Kammern angegeben (16 m2 alt, 32 m2 neu), deren Flächenverhältnis war aber in etwa das gleiche, vgl. S. 145f. in diesem Buch. |
| [271] | Y. Arad, aaO. (Anm. 250). |