Teil 2
Die Funktion Treblinkas:
Eine alternative Deutung
Kapitel VI:
Die nationalsozialistische Politik
der Judenauswanderung
Seit Adolf Hitlers Machtübernahme bestand die nationalsozialistische Politik den Juden gegenüber konsequent darin, deren "Entfernung" aus Deutschland zu betreiben.[504]
Bereits am 28. August 1933 schloß das Wirtschaftsministerium des Reichs mit der Jüdischen Agentur für Palästina das sogenannte "Haavara-Abkommen", einen Wirtschaftsvertrag, der die Grundlage für die Auswanderung von rund 52.000 deutschen Juden nach Palästina bis zum Jahre 1942 bilden sollte.[505] Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, ja noch nach dessen Beginn - solange die Umstände es erlaubten -, war die Auswanderung der Juden in alle aufnahmebereiten Länder Leitmotiv der nationalsozialistischen Politik. Dies bekräftigt ein Bericht des Außenministeriums vom 25. Januar 1939, der den Titel »Die Judenfrage als Faktor der Außenpolitik im Jahre 1938« trug:[506]
»Das letzte Ziel der deutschen Judenpolitik ist die Auswanderung aller im Reichsgebiet lebenden Juden.«
Am Vortage, dem 25. Januar 1939, hatte Hermann Göring ein Dekret erlassen, welches die Gründung einer "Reichszentrale für jüdische Auswanderung" guthieß. Mit ihr wurde Reinhard Heydrich beauftragt. Göring faßte dort in erster Linie das Grundprinzip der NS-Judenpolitik zusammen:
»Die Auswanderung der Juden aus Deutschland ist mit allen Mitteln zu fördern.«
Die erwähnte Reichzentrale besaß die Aufgabe, »alle Maßnahmen zur Vorbereitung einer verstärkten Auswanderung der Juden zu treffen«, die bevorzugte Emigration der armen Juden zu fördern sowie schließlich die bürokratischen Praktiken für die einzelnen Personen zu erleichtern.[507]
Am 24. Juni 1940 bat Heydrich Außenminister Joachim Ribbentrop, über eventuelle Ministersitzungen bezüglich der "Endlösung der Judenfrage" unterrichtet zu werden. Er begründete dieses Ersuchen wie folgt:[508]
»Der Herr Generalfeldmarschall hat mich im Jahre 1939 in seiner Eigenschaft als Beauftragter für den Vierjahresplan mit der Durchführung der jüdischen Auswanderung aus dem gesamten Reichsgebiet beauftragt. In der Folgezeit gelang es, trotz großer Schwierigkeiten, selbst auch während des Krieges, die jüdische Auswanderung erfolgreich fortzusetzen.
Seit Übernahme der Aufgabe durch meine Dienststelle am 1. Januar 1939 sind bisher über 200.000 Juden aus dem Reichsgebiet ausgewandert. Das Gesamtproblem - es handelt sich bereits um rund 3 1/4 Millionen Juden in den heute deutscher Hoheitsgewalt unterstehenden Gebieten - kann aber durch Auswanderung nicht mehr gelöst werden.
Eine territoriale Endlösung wird also notwendig.«
Als Folge dieses Schreibens entwarf das Außenministerium den sogenannten Madagaskar-Plan. Am 3. Juli 1940 verfaßte Franz Rademacher, Leiter der jüdischen Abteilung im Außenministerium, einen Bericht mit dem Titel »Die Judenfrage im Friedensvertrage«, die mit folgender Erklärung beginnt:
»Der bevorstehende Sieg gibt Deutschland die Möglichkeit und meines Erachtens auch die Pflicht, die Judenfrage in Europa zu lösen. Die wünschenswerteste Lösung ist: Alle Juden aus Europa.«
Rademacher erläuterte, bei dem - als unmittelbar bevorstehend betrachteten - Friedensvertrag mit Frankreich werde letzteres die Insel Madagaskar als Mandatsgebiet abtreten, in das alle europäischen Juden deportiert würden und das einen autonomen Staat unter Überwachung Deutschlands bilden werde:[509]
»Die Insel wird Deutschland als Mandat übertragen. [...] In diesem Territorium bekommen die Juden im übrigen Selbstverwaltung: eigene Bürgermeister, eigene Polizei, eigene Post- und Bahnverwaltung usw. Für den Wert der Insel haften die Juden als Gesamtschuldner.«
Das Projekt wurde von Ribbentrop gutgeheißen und dem Reichssicherheitshauptamt überwiesen, welchem die technischen Vorbereitungen zur Umsiedlung der Juden auf die ostafrikanische Insel sowie die Überwachung der evakuierten Juden obliegen sollte.[510]
Gerade hierin bestand die von Heydrich ins Auge gefaßte »territoriale Endlösung« der Judenfrage.
Am 30. August 1940 erstellte Rademacher die Note »Madagaskar-Projekt«, in dem der Abschnitt »Finanzierung« mit folgenden Worten beginnt:[512]
»Die Durchführung der vorgeschlagenen Endlösung erfordert bedeutende Mittel.«
Die "Endlösung der Judenfrage" hieß somit nichts anderes als die Umsiedlung der europäischen Juden nach Madagaskar. Am 12. Juli 1940 hatte Hans Frank, Generalgouverneur Polens, eine Rede gehalten, in der er den Entschluß bekanntgab,[513]
»die ganze Judensippschaft im Deutschen Reich, im Generalgouvernement und im Protektorat in denkbar kürzester Zeit nach Friedensschluß in eine afrikanische oder amerikanische Kolonie zu deportieren. Man denkt an Madagaskar, das zu diesem Zweck von Frankreich abgetreten werden soll.«
Am 25. Juli wiederholte Frank, der Führer habe entschieden, die Juden zu deportieren,[514]
»sobald der Überseeverkehr die Möglichkeit des Abtransportes der Juden zuläßt.«
Im Oktober 1940 schrieb Alfred Rosenberg einen Artikel mit dem Titel »Juden auf Madagaskar«, in dem er daran erinnerte, daß bereits beim antijüdischen Kongreß von Budapest im Jahre 1927
»[...] die Frage einer künftigen Aussiedlung der Juden aus Europa besprochen [wurde], und hier tauchte zum ersten Mal der Vorschlag auf, doch Madagaskar als die kommende Heimstätte der Juden zu propagieren.«
Rosenberg griff den Vorschlag auf und verlieh seinem Wunsch Ausdruck, zur Gründung eines "Judenreservats" auf Madagaskar, das seiner Auffassung nach »ein Weltproblem« darstellte, möge auch die »jüdische Hochfinanz« der USA und Großbritanniens beitragen.[515] Bei der Konferenz zum Thema »Die Judenfrage als Weltproblem«, die am 29. März 1941 stattfand, erklärte Rosenberg:
»Für Deutschland ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den großdeutschen Raum verlassen hat.«
Er erwähnte in diesem Zusammenhang ein »jüdisches Reservat«, das, auch wenn Rosenberg dies nicht ausdrücklich sagte, offenbar in Madagaskar liegen sollte.[516]
Laut Aussage von Moritz von Schirmeister, einem ehemaligen Beamten im Propagandaministerium, hat auch Josef Goebbels mehrmals öffentlich vom Madagaskar-Plan gesprochen,[517] und Ribbentrop erinnerte an den Entscheid des Führers, die europäischen Juden nach Nordafrika oder Madagaskar zu deportieren.[518] Dies war keine eitle Traumtänzerei, sondern ein sehr reales und konkretes Projekt. Parallel dazu förderten die Behörden des Reichs die jüdische Auswanderung vor allem aus Deutschland weiterhin nach Kräften.
Am 20. Mai 1941 verbot Heydrich die jüdische Emigration aus Frankreich und Belgien »im Hinblick auf die zweifellos kommende Endlösung der Judenfrage«,[519] und zwar in Erwartung der Ausführung des Madagaskar-Plans, die, so meinte man, unmittelbar bevorstand. Doch wiederholte Heydrich trotzdem den zentralen Grundsatz der NS-Judenpolitik:[519]
»Gemäß einer Mitteilung des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches [Göring] ist die Judenauswanderung aus dem Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren auch während des Krieges verstärkt im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten unter Beachtung der aufgestellten Richtlinien für die Judenauswanderung durchzuführen.«
Dann erläuterte Heydrich die Gründe für den Verbot der Judenauswanderung aus Frankreich und Belgien unzweideutig:[519]
»Da für die Juden aus dem Reichsgebiet z.B. nur ungenügende Ausreisemöglichkeiten, in der Hauptsache über Spanien und Portugal, vorhanden sind, würde eine Auswanderung von Juden aus Frankreich und Belgien eine erneute Schmälerung derselben bedeuten.«
Zwei Monate danach, am 31. Juli, vertraute Göring Heydrich die Aufgabe an, alle nötigen Vorbereitungen für die "Endlösung", d.h. die Auswanderung oder Evakuierung sämtlicher im deutschen Machtbereich befindlicher Juden nach Madagaskar, zu treffen. In seinem Brief hieß es:[520]
»In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlaß vom 14. 1. 39 übertragenden Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung zuzuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa. Sofern hierbei die Zuständigkeiten anderer Zentralinstanzen berührt werden, sind diese zu beteiligen.
Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Voraussetzungen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen.«
Dieses Dokument steht in voller Übereinstimmung mit dem Madagaskar-Plan. Die von Göring »in Ergänzung« der Heydrich bereits im Erlaß vom 24. Januar 1939 erteilten Anweisungen bestanden in der Tat in der Verwirklichung der Lösung der Judenfrage »in Form der Auswanderung oder Evakuierung«[521] ausschließlich der Juden aus dem Reich, während gleichzeitig eine territoriale "Endlösung" durch Aussiedlung nach Madagaskar für alle Juden in den deutschbesetzten europäischen Ländern angestrebt wurde. Gerade weil sie sämtliche Juden der okkupierten europäischen Staaten einschloß, wurde diese Lösung als »Gesamtlösung« bezeichnet.
Indem Heydrich am 6. November 1941 schrieb, er sei schon seit Jahren mit der Vorbereitung der "Endlösung" in Europa beauftragt,[522] spielte er selbst deutlich auf diesen ihm mit Erlaß vom 24. Januar 1939 erteilten Auftrag an und identifizierte die "Endlösung" mit der Lösung »in Form einer Auswanderung oder Evakuierung«, die Göring im Brief vom 31. Juli 1941 als Ziel genannt hatte. In diesem Zusammenhang ist auch der Befehl zu sehen, der von Adolf Eichmann am 28. August 1941 an das Auswärtige Amt übermittelt wurde und in dem »im Hinblick auf die kommende und in Vorbereitung befindliche Endlösung der europäischen Judenfrage eine Auswanderung von Juden aus den von uns besetzten Gebieten« verboten wurde.[523]
3. Vom Madagaskar-Plan zur Deportation nach Osten
In den folgenden Monaten ergaben sich durch den Krieg und die seit dem Beginn des Rußlandfeldzugs realistisch gewordene Aussicht auf große territoriale Gewinne neue Perspektiven, die zu einem bedeutsamen Kurswechsel in der NS-Judenpolitik führten. An die Stelle der "Endlösung" mittels Zwangsumsiedlung nach Madagaskar trat nun eine "territoriale Endlösung" durch Deportation der europäischen Juden in die von den Deutschen eroberten Ostgebiete.
Dieser Kurswechsel wurde am 22. August 1941 von SS-Sturmbannführer Carltheo Zeitschel, einem Berater an der deutschen Botschaft in Paris, eingeläutet, der in einer Note zu Händen von Botschafter Otto Abetz schrieb:
»Die fortschreitende Eroberung und Besetzung der weiten Ostgebiete können z. Zt. das Judenproblem in ganz Europa in kürzester Zeit zu einer endgültigen befriedigenden Lösung bringen. Wie aus Hilfeschrei der gesamten Juden Palästinas in deren Presse an die amerikanischen Juden hervorgeht, sind in den von uns in den letzten Wochen besetzten Gebieten, besonders Bessarabien, über 6 Millionen Juden ansässig, das bedeutet 1/3 des Weltjudentums. Diese 6 Millionen Juden müßte man sowieso bei der Neuordnung des Ostraums irgendwie zusammenfassen und voraussichtlich doch ein besonders Territorium für sie abgegrenzt werden.[sic] Es dürfte bei dieser Gelegenheit kein allzu großes Problem sein, wenn aus allen übrigen europäischen Staaten die Juden noch hinzukommen und auch die z. Zt. in Warschau, Litzmannstadt, Lublin usw. in Gettos zusammengepferchten Juden auch dorthin abgeschoben werden.
Soweit es sich um die besetzten Gebiete handelt, wie Holland, Belgien, Luxemburg, Norwegen, Jugoslawien, Griechenland, könnten doch einfach durch militärische Befehle die Juden in Massentransporten in das neue Territorium abtransportiert und den übrigen Staaten nahegelegt werden, dem Beispiel zu folgen und ihre Juden in dieses Territorium abzustoßen. Wir könnten dann Europa in kürzester Zeit judenfrei haben.
Die seit Jahren spukende und auch z.Zt. von Admiral Darlan vor einigen Monaten neuerdings ventilierte Idee, alle Juden Europas nach Madagaskar zu transportieren, ist zwar an sich nicht schlecht, dürfte aber unmittelbar nach dem Kriege an unüberwindliche Transportschwierigkeiten stoßen, da die durch den Krieg stark dezimierte Welttonnage sicher zu anderen Dingen wichtiger gebraucht wird, als große Mengen von Juden auf den Weltmeeren spazieren zu fahren. Ganz abgesehen davon, daß ein Transport von nahezu 10 Millionen, selbst wenn zahlreiche Schiffe zur Verfügung stünden, jahrelang dauern würde.
Ich schlage daher vor, bei der nächsten Gelegenheit diese Frage dem Reichsaußenministerium vorzutragen und zu bitten, in dem Sinne einer solchen Regelung sich mit dem bereits ernannten, zukünftigen Minister für die Ostgebiete, Reichsleiter Rosenberg, und dem Reichsführer-SS zusammenzusetzen und die Angelegenheit in dem von mir vorgeschlagenen Sinne zu prüfen. Das Transportproblem der Juden in die Ostgebiete würde selbst während des Krieges durchzuführen sein und nach dem Kriege nicht auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, zumal die gesamten Juden im Generalgouvernement die Strecke in das neue abgegrenzte Territorium ja mit ihren Fahrzeugen auf den Landstraßen zurücklegen könnten.«
Nachdem Zeitschel auf die Lage des französischen Judentums angespielt hatte, schloß er:[524]
»Weiterhin würde ich vorschlagen, bei der nächsten Gelegenheit auch dem Reichsmarschall, der z.Zt. gerade für das Judenproblem sehr empfänglich ist, diese Idee nahezubringen, der seinerseits sicher in seiner augenblicklichen Einstellung und nach seinen Erfahrungen eine außerordentlich starke Stütze in der Durchführung der oben entwickelten Idee sein könnte.«
Der Plan zur Abschiebung der Juden in die Ostgebiete war bereits früher mehrfach erwogen worden. Am 2. April 1941, also noch vor Beginn des Ostfeldzugs, hatte Reichsminister Rosenberg mit dem Gedanken geliebäugelt,[525]
»das moskowitische Rußland als Abschubgebiet für unerwünschte Bevölkerungselemente in größerem Ausmaße zu benutzen.«
Generalgouverneur Frank trug am 17. Juli 1941 in sein Diensttagebuch ein:[526]
»Der Herr Generalgouverneur wünscht keine weitere Ghettobildung mehr, da nach einer ausdrücklichen Erklärung des Führers vom 19. Juni d.J. die Juden in absehbarer Zeit aus dem Generalgouvernement entfernt würden und das Generalgouvernement nur noch gewissermaßen Durchgangslager sein solle.«
Am 20. August 1941 vertraute Goebbels nach einem Besuch im Führerhauptquartier seinem Tagebuch folgendes an:[527]
»Darüberhinaus aber hat mir der Führer zugesagt, daß ich die Juden aus Berlin unmittelbar nach Beendigung des Ostfeldzugs in den Osten abschieben kann. [...]«
Am 24. September 1941 hatte Goebbels eine Unterredung mit Heydrich im Führerhauptquartier; am Tage danach trug er in sein Tagebuch ein, die Juden im Osten
»sollen am Ende alle in die von den Bolschewisten angelegten Lager [...] transportiert werden.«[528]
Ebenfalls am 24. September schrieb er, der Führer sei der Ansicht, man müsse die Juden Stufe um Stufe aus ganz Deutschland verdrängen, und verlieh folgendem Wunsch Ausdruck:[528]
»Berlin kommt als erstes an die Reihe, und ich habe die Hoffnung, daß es uns im Laufe dieses Jahres noch gelingt, einen wesentlichen Teil der Berliner Juden nach dem Osten abzutransportieren.«
In einer Aufzeichnung vom 7. Oktober 1941 schrieb Werner Koeppen, ein Verbindungsmann Rosenbergs, am Vortage habe Hitler hinsichtlich des Protektorats folgendes erklärt:[528]
»Alle Juden müssen aus dem Protektorat entfernt werden, und zwar nicht erst ins Generalgouvernement, sondern gleich weiter nach Osten. Es ist augenblicklich nur wegen des großen Bedarfs an Transportmitteln nicht durchführbar. Mit den Protektoratjuden sollen gleichzeitig alle Juden aus Berlin und Wien verschwinden.«
Am 13. Oktober 1941 hatten Frank und Rosenberg eine Unterredung, bei der sie auch die Deportation der Juden aus dem Generalgouvernement erörterten:[529]
»Der Generalgouverneur kam dann auf die Möglichkeit der Abschiebung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements in die besetzten Ostgebiete zu sprechen. Reichsminister Rosenberg bemerkte, daß ähnliche Wünsche bereits seitens der Militärverwaltung von Paris an ihn herangetragen worden seien.[530] Im Augenblick sehe er jedoch für die Durchführung derartiger Umsiedlungspläne noch keine Möglichkeit. Für die Zukunft erklärte er sich jedoch bereit, die Judenemigration nach dem Osten zu fördern, zumal die Absicht bestehe, überhaupt die asozialen Elemente innerhalb des Reichsgebiets in die dünn besiedelten Ostgebiete zu verschicken.«
Zeitschels Vorschlag wurde also einige Monate später von Hitler selbst angenommen, der entschied, den Madagaskar-Plan vorläufig zu den Akten zu legen und alle in den besetzten Gebieten lebenden Juden nach Osten abzuschieben. Dieser Entschluß des Führers dürfte im September 1941 gefällt worden sein. Am 23. Oktober 1941 untersagte Himmler mit sofortiger Wirkung die jüdische Auswanderung,[531] und am Tage danach wurde die Evakuierung von 50.000 westlichen Juden nach Osten angeordnet. Am 24. Oktober erließ Kurt Daluege, Chef der Ordnungspolizei, ein Dekret zum Thema »Evakuierungen von Juden aus dem Altreich und dem Protektorat«:[532]
»In der Zeit vom 1. November - 4. Dezember 1941 werden durch die Sicherheitspolizei aus dem Altreich, der Ostmark und dem Protektorat Böhmen und Mähren 50.000 Juden nach dem Osten in die Gegend um Riga und Minsk abgeschoben. Die Aussiedlungen erfolgen in Transportzügen der Reichsbahn zu je 1000 Personen. Die Transportzüge werden in Berlin, Hamburg, Hannover, Dortmund, Münster, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/M., Kassel, Stuttgart, Nürnberg, München, Wien, Breslau, Prag und Brünn zusammengestellt.«
Am 25. Oktober 1941 verfaßte Franz Rademacher, Legationsrat beim Auswärtigen Amt, eine Note, in der er nach der Bekanntgabe der Erschießung 8000 männlicher Juden in Serbien hinzufügte:[533]
»Der Rest von etwa 20.000 Juden (Frauen, Kinder und alte Leute) sowie rund 1500 Zigeuner, von denen die Männer ebenfalls noch erschossen werden,[534] sollte im sogenannten Zigeunerviertel der Stadt Belgrad als Ghetto zusammengefaßt werden. Die Ernährung für den Winter könnte notdürftig sichergestellt werden. [...]
Sobald dann im Rahmen der Gesamtlösung der Judenfrage die technische Möglichkeit besteht, werden die Juden auf dem Wasserwege in die Auffanglager im Osten abgeschoben.«
Wenn demnach ein Teil dieser serbischen Juden (die erwachsenen Männer) erschossen wurde und die restlichen der »Gesamtlösung der Judenfrage« unterlagen, ist klar, daß mit letzterer nicht die physische Vernichtung der Juden bedeuten konnte, sondern eben die Abschiebung in »Auffanglager im Osten«, die zur Aufnahme der arbeitsunfähigen Juden dienten.
Der neue Kurs der NS-Judenpolitik wurde den höheren Parteichargen bei der eigens zu diesem Zweck eingerufenene Wannsee-Konferenz offiziell bekanntgegeben. Die ursprünglich bereits für den 9. Dezember 1941 geplante,[535] doch dann verschobene Konferenz fand am 20. Januar 1942 am Großen Wannsee 56/58 in Berlin statt. Vortragender war Reinhard Heydrich. Das Konferenzprotokoll beginnt mit einem breiten Rückblick auf die bisherige nationalsozialistische Judenpolitik:[536]
»Chef der Sicherheitspolizei und des SD, SS-Gruppenführer Heydrich, teilte eingangs seine Bestellung zum Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage durch den Reichsmarschall mit und wies darauf hin, daß zu dieser Besprechung geladen wurde, um Klarheit in grundsätzlichen Fragen zu schaffen. Der Wunsch des Reichsmarschall, ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden, erfordert die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung.
Die Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege ohne Rücksicht auf geographische Grenzen zentral beim Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei (Chef der Sicherheitspolizei und des SD).
Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD gab sodann einen kurzen Rückblick über den bisher geführten Kampf gegen diesen Gegner. Die wesentlichen Momente bilden:
a/ die Zurückdrängung der Juden aus den einzelnen Lebensgebieten des deutschen Volkes,
b/ die Zurückdrängung der Juden aus dem Lebensraum des deutschen Volkes.
Im Vollzug dieser Bestrebungen wurde als einzige vorläufige Lösungsmöglichkeit die Beschleunigung der Auswanderung der Juden aus dem Reichsgebiet verstärkt und planmäßig in Angriff genommen.
Auf Anordnung des Reichsmarschall wurde im Januar 1939 eine Reichszentrale für jüdische Auswanderung errichtet, mit deren Leitung der Chef der Sicherheitspolizei und des SD betraut wurde. Sie hatte insbesondere die Aufgabe:
a/ alle Maßnahmen zur Vorbereitung einer verstärkten Auswanderung der Juden zu treffen,
b/ den Auswanderungsstrom zu lenken,
c/ die Durchführung der Auswanderung im Einzelfall zu beschleunigen.
Das Aufgabenziel war, auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern.«
Als Ergebnis dieser Politik, so hob Heydrich hervor, seien ungeachtet verschiedener Schwierigkeiten bis zum 31. Oktober 1941 rund 537.000 Juden emigriert, davon:
Das Protokoll fährt fort:
»Inzwischen hat der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei im Hinblick auf die Gefahren einer Auswanderung im Kriege und im Hinblick auf die Möglichkeiten des Ostens die Auswanderung von Juden verboten.
Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.
Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind.«
Somit trat auf Befehl Hitlers also an die Stelle der Auswanderung bzw. Vertreibung aller europäischen Juden nach Madagaskar deren Deportation in die besetzten Ostgebiete, jedoch lediglich als »Ausweichmöglichkeit« vor einer endgültigen "Lösung" der Frage nach Kriegsende.
Schon im August 1940 hatte Hitler seine Absicht kundgetan, alle Juden Europas nach dem Krieg zu evakuieren.[537] Laut einer Note der Reichskanzlei vom März oder April 1942 hatte er Lammers, dem Chef dieser Kanzlei, mehrfach mitgeteilt, »daß er die Lösung de Judenfrage bis nach dem Krieg zurückgestellt wissen wolle«.[538] Am 24. Juli 1942 bekräftigte der Führer diese Absicht mit markigen Worten:[539]
»Nach Beendigung des Krieges werde er sich rigoros auf den Standpunkt stellen, daß er Stadt für Stadt zusammenschlage, wenn nicht die Juden rauskämen und nach Madagaskar oder einem sonstigen jüdischen Nationalstaat abwanderten.«
Die Absicht der Nationalsozialisten zur Lösung des Judenproblems nach dem Krieg geht auch aus der sogenannten "Braunen Mappe" hervor, die von Rosenberg am 20. Juni 1941 entworfen und später in die "Grüne Mappe" vom September 1942 eingegliedert wurde. Der Abschnitt »Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage« beginnt dort mit folgenden Worten:[540]
»Alle Maßnahmen zur Judenfrage in den besetzten Ostgebieten müssen unter dem Gesichtspunkt getroffen werden, daß die Judenfrage nach dem Kriege für ganz Europa generell gelöst werden wird. Sie sind daher als vorbereitende Teilmaßnahmen anzulegen und bedürfen der Abstimmung mit den sonst auf diesem Gebiet getroffenen Entscheidungen. Andererseits können die bei der Behandlung der Judenfrage in den besetzten Ostgebieten gemachten Erfahrungen für die Lösung des Gesamtproblems richtungweisend sein, da die Juden in diesen Gebieten zusammen mit den Juden des Generalgouvernements das stärkste Kontingent des europäischen Judentums bilden. Rein schikanöse Maßnahmen sind, als eines Deutschen unwürdig, auf jeden Fall zu unterlassen.«
In einer Abschrift dieser »Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage«, die zwar nicht datiert ist, jedoch gewiß in diesen Zeitraum fällt, fährt der Text nach dem Wort »Entscheidungen« wie folgt fort:[541]
»Dies gilt vordringlich für die Schaffung von zumindest zeitweiligen Aufnahmemöglichkeiten für Juden aus dem Reichsgebiet.«
Eine Note Luthers vom 17. Oktober 1941 erwähnt im Zusammenhang mit im besetzten Frankreich ansässigen Juden spanischer Nationalität ebenfalls
»nach Kriegsende zu ergreifende Maßnahmen zur grundsätzlichen Lösung der Judenfrage.«[542]
Die Wannseekonferenz war also einzig deshalb einberufen worden, um den betroffenen Behörden den Abschied von der Auswanderungspolitik sowie dem Madagaskarplan und den Beginn einer Politik der umfangreichen Judendeportationen nach Osten bekanntzugeben sowie die dadurch entstehenden Probleme zu erörtern. Offiziell wurde der Madagaskarplan am 10. Februar 1942 aufgegeben. Ein vom 10. Februar 1942 datierendes Schreiben Rademachers an den Gesandten Bielfeld vom Außenministerium erläutert die Gründe:[543]
»Im August 1940 übergab ich Ihnen für Ihre Akten den von meinem Referat entworfenen Plan zur Endlösung der Judenfrage, wozu die Insel Madagaskar von Frankreich im Friedensvertrag gefordert, die praktische Durchführung der Aufgabe aber dem Reichssicherheitshauptamt übertragen werden sollte. Gemäß diesem Plane ist Gruppenführer Heydrich vom Führer beauftragt worden, die Lösung der Judenfrage in Europa durchzuführen.
Der Krieg gegen die Sowjetunion hat inzwischen die Möglichkeit gegeben, andere Territorien für die Endlösung zur Verfügung zu stellen. Demgemäß hat der Führer entschieden, daß die Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach dem Osten abgeschoben werden. Madagaskar braucht somit nicht mehr für die Endlösung vorgesehen zu werden.«
Somit war die "Endlösung" territorialer Natur und bestand in der Deportation der Juden aus den von Deutschland beherrschten Gebieten nach Osten. Dies stimmt völlig mit einem anderen wichtigen Dokument überein, dem Luther-Memorandum vom August 1942. Luther faßte dort vor allem die wesentlichen Punkte der NS-Judenpolitik zusammen:[544]
»Der Grundsatz der deutschen Judenpolitik nach dem Krieg nach der Machtübernahme bestand darin, die jüdische Auswanderung mit allen Mitteln zu fördern. Zu diesem Zwecke wurde im Jahre 1939 durch Generalfeldmarschall Göring in seiner Eigenschaft als Beauftragter für den Vierjahresplan eine Reichszentrale für jüdische Auswanderung geschaffen und die Leitung Gruppenführer Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei übertragen.«
Nachdem er die Entstehung und Entwicklung des Madagaskar-Plans dargelegt hatte, der inzwischen von den Ereignissen überholt war, hob Luther hervor, daß Görings Brief vom 31. Juli 1941 die Folge des Heydrich-Schreibens vom 24. Juni 1940 war, laut dem die Judenfrage nicht mehr durch Emigration zu lösen war, sondern »eine territoriale Endlösung« erforderte. Luther fuhr fort:
»Aus dieser Erkenntnis beauftragte Reichsmarschall Göring am 31. 7. 1941 Gruppenführer Heydrich, unter Beteiligung der in Frage kommenden deutschen Zentralinstanzen, alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußbereich in Europa zu treffen. [...] Auf Grund dieser Weisung beraumte Gruppenführer Heydrich am 20. 1. 1942 eine Sitzung aller beteiligten deutschen Dienststellen an, zu der von den übrigen Ministerien die Staatssekretäre und vom Auswärtigen Amt ich selbst erschienen waren. In der Sitzung erklärte Gruppenführer Heydrich, daß der Auftrag des Reichsmarschalls Göring an ihn auf Weisung des Führers erfolgt sei und daß der Führer anstelle der Auswanderung nunmehr die Evakuierung der Juden nach dem Osten genehmigt habe.«
Aufgrund dieses Befehls, ergänzte Luther, sei die Evakuierung der Juden aus Deutschland in Angriff genommen worden. Ihr Bestimmungsort seien die östlichen Territorien, in die sie via Generalgouvernement deportiert würden:
»Der Abtransport nach dem Generalgouvernement ist eine vorläufige Maßnahme. Die Juden werden nach den besetzten Ostgebieten weiterbefördert, sobald die technischen Voraussetzungen dazu gegeben sind.«
Ein für die Parteifunktionäre bestimmtes Rundschreiben vom 9. Oktober 1942 mit dem Titel »Gerüchte über die Lage der Juden im Osten« erläutert die gegen die Juden getroffenen Maßnahmen wie folgt:[545]
»Im Zuge der Arbeiten an der Endlösung der Judenfrage werden neuerdings innerhalb der Bevölkerung in verschiedenen Teilen des Reichsgebiets Erörterungen über "sehr scharfe Maßnahmen" gegen die Juden besonders in den Ostgebieten angestellt. Die Feststellungen ergaben, daß solche Ausführungen - meist in entstellter und übertriebener Form - von Urlaubern der verschiedenen im Osten eingesetzten Verbände weitergegeben werden, die selbst Gelegenheit hatten, solche Maßnahmen zu beobachten.
Es ist denkbar, daß nicht alle Volksgenossen für die Notwendigkeit solcher Maßnahmen das genügende Verständnis aufzubringen vermögen, besonders nicht die Teile der Bevölkerung, die keine Gelegenheit haben, sich aus eigener Anschauung ein Bild von dem bolschewistischen Greuel zu machen.
Um jeder Gerüchtebildung in diesem Zusammenhang, die oftmals bewußt tendenziösen Charakter trägt, entgegentreten zu können, werden die nachstehenden Ausführungen zur Unterrichtung über den derzeitigen Sachstand wiedergegeben:
Seit rund 2000 Jahren wurde ein bisher vergeblicher Kampf gegen das Judentum geführt. Erst seit 1933 sind wir daran gegangen, nunmehr Mittel und Wege zu suchen, die eine völlige Trennung des Judentums vom deutschen Volkskörper ermöglichen. Die bisher durchgeführten Lösungsarbeiten lassen sich im wesentlichen wie folgt unterteilen:
1. Zurückdrängung der Juden aus den einzelnen Lebensgebieten des deutschen Volkes. Hier sollen die durch den Gesetzgeber erlassenen Gesetze das Fundament bilden, das die Gewähr dafür bietet, auch die künftigen Generationen vor einem etwaigen neuerlichen Überfluten durch den Gegner zu schützen.
2. Das Bestreben, den Gegner aus dem Reichsgebiet völlig hinauszudrängen. In Anbetracht des dem Deutschen Volk zur Verfügung stehenden nur eng begrenzten Lebensraumes hoffte man, dieses Problem im wesentlichen durch Beschleunigung der Auswanderung der Juden zu lösen.
Seit Beginn des Krieges 1939 wurden diese Auswanderungsmöglichkeiten in zunehmendem Maße geringer, zum anderen wuchs neben dem Lebensraum des Deutschen Volkes sein Wirtschaftsraum stetig an, so daß heute in Anbetracht der großen Zahl der in diesen Gebieten ansässigen Juden eine restlose Zurückdrängung durch Auswanderung nicht mehr möglich ist. Da schon unsere nächste Generation diese Frage nicht mehr so lebensnah und auf Grund der ergangenen Erfahrungen nicht mehr klar genug sehen wird und die nun einmal ins Rollen gekommene Angelegenheit nach Bereinigung drängt, muß das Gesamtproblem noch von der heutigen Generation gelöst werden.
Es ist daher die völlige Verdrängung bzw. Ausscheidung der im europäischen Wirtschaftsraum ansässigen Millionen von Juden ein zwingendes Gebot im Kampf um die Existenzsicherung des deutschen Volkes.
Beginnend mit dem Reichsgebiet und überleitend auf die übrigen in die Endlösung einbezogenen europäischen Länder werden die Juden laufend nach dem Osten in große, zum Teil vorhandene, zum Teil noch zu errichtende Lager transportiert, von wo aus sie entweder zur Arbeit eingesetzt oder noch weiter nach dem Osten verbracht werden. Die alten Juden sowie Juden mit hohen Kriegsauszeichnungen (E.K.I., Goldene Tapferkeitsmedaille usw.) werden laufend nach der im Protektorat Böhmen und Mähren gelegenen Stadt Theresienstadt umgesiedelt.
Es liegt in der Natur der Sache, daß diese teilweise sehr schwierigen Probleme im Interesse der endgültigen Sicherung unseres Volkes nur mit rücksichtsloser Härte gelöst werden können.«
In einem vom 14. Dezember 1942 stammenden Bericht mit dem Titel »Finanzierung der Maßnahmen zur Lösung der Judenfrage« resümierte Ministerialrat Maedel die nationalsozialistische Politik gegenüber den Juden wie folgt:[546]
»Der Reichsmarschall hat den Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei vor längerer Zeit beauftragt, die Maßnahmen vorzubereiten, die der Endlösung der europäischen Judenfrage dienen. Der Reichsführer-SS hat mit der Durchführung der Aufgaben den Chef der Sicherheitspolizei und des SD betraut. Dieser hat zunächst durch besondere Maßnahmen die legale Auswanderung der Juden nach Übersee gefördert. Als bei Ausbruch des Kriegs die Auswanderung nach Übersee nicht mehr möglich war, hat er die allmähliche Freimachung des Reichsgebiets von Juden durch deren Abschiebung nach dem Osten in die Wege geleitet. In der letzteren Zeit sind außerdem innerhalb des Reichsgebiets Altersheime (Altersghettos) zur Aufnahme der Juden z.B. in Theresienstadt errichtet worden. Wegen der Einzelheiten Hinweise auf den Vermerk vom 21. August 1942. Die Errichtung weiterer Altersheime in den Ostgebieten steht bevor.«
4. Bilanz der NS-Politik zur Förderung der jüdischen Auswanderung
Die nationalsozialistische Politik zur Förderung der jüdischen Auswanderung entsprach einem konkreten Ziel der Reichsführung und wurde dementsprechend ernsthaft und erfolgreich betrieben. Im April 1943 verfaßte Richard Korherr, Inspekteur für Statistik beim Reichsführer SS, einen Bericht mit dem Titel »Die Endlösung der europäischen Judenfrage«,[547] in dem folgende Ziffern angeführt werden:
|
Gebiet |
Zeitraum von... |
Auswanderung |
Sterbeüberschuss |
|
Altreich |
31.1.33 (29.9.38) |
-382.534 |
-61.193 |
|
Ostmark |
13.3.38 |
-149.124 |
-14.509 |
|
Böhmen und Mähren |
16.3.39 |
-25.699 |
-7.074 |
|
Ostgebiete (mit Białystok) |
September 1939 |
-334.673 |
|
|
Generalgouvernement (mit Lemberg) |
September 1939 |
-427.920 |
|
|
Zusammen |
|
-1.402.726 |
|
Somit waren aus dem Altreich, Österreich sowie Böhmen und Mähren 557.357 Juden ausgewandert, dazu mehr als die Hälfte der 762.593 Juden aus dem Generalgouvernement und den Ostgebieten,[548] die von Korherr kumulativ in den Rubriken »Auswanderung« und »Sterbeüberschüsse« geführt werden. Dementsprechend hat die NS-Regierung von 1933 bis 1942 die Auswanderung von rund einer Million Juden aus den von ihr kontrollierten Gebieten gefördert.
5. Der Beginn der Judendeportationen nach Osten
Die Politik der Judendeportation nach Osten, die von Hitler selbst im September 1941 beschlossen wurde, erhielt ihre offizielle Absegnung in einem Brief, den Himmler am 18. September 1941 an Gauleiter Arthur Greiser schrieb:[549]
»Der Führer wünscht, daß möglichst bald das Altreich und das Protektorat vom Westen nach dem Osten von Juden geleert und befreit werden. Ich bin daher bestrebt, möglichst noch in diesem Jahr die Juden des Altreichs und des Protektorats zunächst einmal als erste Stufe in die vor zwei Jahren neu zum Reich gekommenen Ostgebiete zu transportieren, um sie im nächsten Frühjahr noch weiter nach dem Osten abzuschieben.
Ich beabsichtige, in das Litzmannstätter [Lodzer] Ghetto, das, wie ich höre, an Raum aufnahmefähig ist, rund 60.000 Juden des Altreichs und des Protektorats für den Winter zu verbringen. Ich bitte Sie, diese Maßnahme, die sicherlich für Ihren Gau Schwierigkeiten mit sich bringt, nicht nur zu verstehen, sondern im Interesse des Gesamtreiches mit allen Kräften zu unterstützen.
SS-Gruppenführer Heydrich, der diese Judenwanderung vorzunehmen hat, wird sich rechtzeitig unmittelbar oder über SS-Gruppenführer Koppe an Sie wenden.«
Bei einer am 10. Oktober 1941 in Prag durchgeführten Sitzung, an der auch Heydrich teilnahm, wurde die Lösung der Judenfrage im Protektorat sowie die teilweise Lösung der Judenfrage im Altreich erörtert. Der Beginn der Deportationen wurde auf den 15. Oktober festgelegt, und es wurde die Abschiebung von 50.000 Juden nach Minsk und Riga beschlossen:[550]
»Es war vorgesehen, damit am 15. Oktober 1941 etwa zu beginnen,[sic] um die Transporte nach und nach bis zum 15. November abrollen zu lassen bis zur Höhe von etwa 5000 Juden - nur aus Prag. Vorläufig muß noch viel Rücksicht auf die Litzmannstädter Behörden genommen werden. Minsk und Riga sollen 50.000 bekommen.«
Bezüglich der Unterbringung der künftigen Deportierten hieß es:
»SS-Brif. [Brigadeführer] Nebe und Rasch können in die Lager für kommunistische Häftlinge im Operationsgebiet Juden mit hineinnehmen.«
Wie bereits erwähnt, wurde der Deportationsbefehl am 24. Oktober 1941 erteilt. Ziel der Abschiebungen waren die Ostgebiete. Die unter Zivilverwaltung stehenden Ostgebiete waren damals das Reichskommissariat Ostland sowie das Reichskommissariat Ukraine, die beide Alfred Rosenberg unterstanden, dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Das von Reichskommissar Heinrich Lohse verwaltete Reichskommissariat Ostland war in die vier Generalbezirke oder Generalkommissariate Estland, Lettland, Litauen und Weißrußland untergliedert, das Reichskommissariat Ukraine wurde von Reichskommissar Erich Koch regiert.
Die ersten Anweisungen hinsichtlich der Juden in den Ostgebieten waren hart, zielten jedoch keinesfalls auf eine Ausrottung ab. Der Absatz »Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage« in der vom 20. Juni 1941 datierenden "Braunen Mappe" sah die Isolierung der örtlichen Juden von der restlichen Bevölkerung sowie ihren Ausschluß aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens durch Ghettoisierung vor:[551]
»Die Freizügigkeit ist für alle Juden sofort aufzuheben. Eine Überführung in Ghettos ist anzustreben, die in Weißruthenien und in der Ukraine durch das Vorhandensein zahlreicher mehr oder weniger geschlossener jüdischer Niederlassungen erleichtert wird. Diesen Ghettos kann unter Aufsicht eine jüdische Selbstverwaltung mit jüdischer Polizei gegeben werden.«
Auch die »Vorläufigen Richtlinien für die Behandlung der Juden im Gebiet des Reichskommissariat Ostland«, die Rosenberg am 13. August 1941 vorgelegt wurden, sahen strenge Maßnahmen zum Ausschluß der Juden aus dem öffentlichen Leben und ihre Konzentration in Ghettos vor:[552]
»Die Juden sind tunlichst in Städten oder Stadtteilen großer Städte zu konzentrieren, die bereits eine überwiegend jüdische Bevölkerung besitzen. Dort sind Ghettos zu errichten. Den Juden ist das Verlassen der Ghettos zu verbieten. In den Ghettos ist ihnen so viel an Nahrungsmitteln zu überlassen, wie die übrige Bevölkerung entbehren kann, jedoch nicht mehr, als zur notdürftigen Ernährung der Insassen des Ghettos ausreicht. Das gleiche gilt für die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern.«
Nach einem Hinweis auf die Selbstverwaltung in den Ghettos gehen die »Richtlinien« auf den Arbeitseinsatz der Juden ein:
»Die arbeitsfähigen Juden sind nach Maßgabe des Arbeitsbedarfs zu Zwangsarbeit heranzuziehen. Die wirtschaftlichen Interessen förderungswürdiger Landeseinwohner dürfen durch die jüdische Zwangsarbeit nicht geschädigt werden. Die Zwangsarbeit kann in Arbeitskommandos außerhalb der Ghettos, im Ghetto oder, wo Ghettos noch nicht errichtet sind, auch einzeln außerhalb der Ghettos (z.B. in der Werkstatt der Juden) geleistet werden.«
Diese Anweisungen traten im Generalbezirk Lettland am 1. September 1941 in Kraft.[553]
Am 12. September jenes Jahres erließ Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, eine Direktive zum Thema »Juden in den neu besetzten Ostgebieten«, die wie folgt beginnt:[554]
»Der Kampf gegen den Bolschewismus verlangt ein rücksichtsloses und energisches Durchgreifen vor allem auch gegen die Juden, die Hauptträger des Bolschewismus.«
Dieser Kampf bedeutete jedoch nicht die Ausrottung der Juden, sondern lediglich das Verbot der Zusammenarbeit mit der jüdischen Bevölkerung sowie des Einsatzes einzelner Juden in den Hilfsdiensten der Wehrmacht. Die Beschäftigung von Juden war ausschließlich »in besonders zusammengefaßten Arbeitskolonnen« unter deutscher Aufsicht gestattet.
Am 1. Oktober 1941 erstellte SS-Sturmbannführer Ehrlinger mit Billigung seines Vorgesetzten Franz Stahlecker, des Leiters der Einsatzgruppe A, einen Vermerk zum Thema »Errichtung eines Konzentrationslagers in Lettland«. Es wurde vorgeschlagen, in der Nähe von Riga ein Lager zur Aufnahme der ca. 3000 in Gefängnissen einsitzenden Häftlinge sowie der im Ghetto von Riga lebenden rund 23.000 Juden zu errichten. Die Gefangenen sollten bei der Förderung von Torf sowie bei der Herstellung von Ziegeln eingesetzt werden. Zu den Juden hieß es:[555]
»Schon jetzt kann gesagt werden, daß der vorgesehene Raum derartig viele Möglichkeiten bietet, daß sämtliche in Riga und überhaupt in Lettland übriggebliebenen Juden dort zusammengefaßt werden können. Hierbei müssen von vorneherein die Juden von den Jüdinnen getrennt werden, um eine weitere Vermehrung zu verhindern. Kinder unter 14 Jahren müssen bei den Frauen bleiben.«
Der Vorschlag wurde von Reichsminister Rosenberg genehmigt. Am 4. Dezember 1941 schrieb dieser an Reichskommissar Lohse einen Brief zum Thema »Lösung der Judenfrage«, in dem er ihm folgendes mitteilte:[556]
»Mir sind die dortigen Vorschläge des Herrn Generalkommissars in Riga bezüglich des Transports von Juden aus dem Altreich nach Riga sowie die Errichtung von Judenlagern zugeleitet worden. Wie SS-Obergruppenführer Heydrich bei einer Besprechung vor wenigen Tagen mitteilte, soll das Judenlager, dessen Errichtung bei Riga geplant war, in die Gegend von Plaskau kommen.«
6. Die direkten Transporte von Juden in die Ostgebiete
Die während der Sitzung vom 10. Oktober 1941 beschlossene Abschiebung von 50.000 Juden aus dem Protektorat und dem Altreich nach Minsk und Riga begann einen Monat später. Sie stellte jedoch nur die erste Phase der Deportation dar, denn die Abgeschobenen sollten noch weiter nach Osten verbracht werden. Einer der ersten Berichte über die Deportationen ins Ostland ist ein am 9. November 1941 von Lohse an Rosenberg gerichtetes Telegramm folgenden Inhalts:[557]
»Sicherheitspolizei meldet Durchführung des Transportes von 50.000 Juden in das Ostland. Eintreffen des 1. Transportes in Minsk 10.11., in Riga 19.11. Bitte dringend, Transporte zu verhindern, da Judenlager erheblich weiter nach Osten verlegt werden müssen.«
Am gleichen Tag schickte Dr. Leibbrand, Reichsamtleiter des Rosenberg-Ministeriums, folgendes Telegramm an Lohse:[558]
»Bezüglich Judentransporte in das Ostland.
Genaues Schreiben unterwegs. Juden kommen weiter nach Osten. Lager in Riga und Minsk nur vorläufige Maßnahme, daher hier keine Bedenken.«
Die örtlichen Behörden waren alles andere als erbaut über den Zustrom dieser westlichen Juden und erhoben mehrfach Protest dagegen. Am 20. November 1941 schrieb der Wehrmachtbefehlshaber Ostland Lohse einen Brief zum Thema »Beförderung von Juden aus Deutschland aus Weißruthenien«, in welchem er ausführte:[559]
»Nach Meldung der 707. Division sollen 25.000 Juden aus Deutschland nach Weißruthenien befördert werden, von denen für Minsk angeblich 3000 vorgesehen und 1500 bereits aus Hamburg eingetroffen sind. Der Zuzug deutscher Juden, die der Masse der weißruthenischen Bevölkerung an Intelligenz weit überlegen sind, bedeutet eine große Gefahr für die Befriedung Weißrutheniens.«
Die jüdische Bevölkerung Weißrußlands, fuhr das Schreiben fort, sei »bolschewistisch und zu jeder deutschfeindlichen Haltung fähig« sowie im Widerstand tätig. Deshalb würden die deutsch-jüdischen Neuankömmlinge in Kontakt mit den kommunistischen Organisationen geraten. Aus diesem Grund, sowie weil die Deportationen die Transporte für die Wehrmacht behindern würden, bat der Wehrmachtbefehlshaber
»zu veranlassen, daß keine Juden aus Deutschland nach Weißruthenien kommen.«
Doch die Proteste verhallten ungehört. Am 20. November 1941 meldete Stahlecker an Lohse:[560]
»Die Judentransporte treffen in Minsk in der vorgesehenen Weise laufend ein.
Von den 25. Transporten, die ursprünglich für Riga bestimmt waren, werden die ersten 5 nach Kauen[561] geleitet.«
Eine Note aus dem Amt Lohses vom 13. Januar 1942 wiederholte:[562]
»Dem Herrn Reichskommissar [Lohse] vorgelegt mit der Bitte um Kenntnisnahme von dem Bericht des Stadtkommissars in Minsk betreffend Evakuierung von angeblich 50.000 Juden aus Deutschland nach Minsk.
Wenn von dem Herrn Reichskommissar nichts anderes angeordnet wird, bleibt es bei der Weisung vom 28.11., wonach gegen irgendwelche Transporte aus dem Reich keine Einwendungen mehr zu erheben sind.«
Der Stadtkommissar von Minsk, Janetzke, der sich den Deportationen in diese Stadt widersetzte, wandte sich am 5. Januar 1942 direkt an Rosenberg. Er schrieb diesem einen Brief zum Thema »Evakuierung von Juden aus Deutschland nach Minsk«, in dem er darlegte, er habe gehört, daß die Zentralbehörden die Absicht hätten
»in den nächsten Wochen und Monaten ca. 50.000 weitere Juden aus Deutschland nach Minsk zu schaffen.«
In der Stadt, die buchstäblich in Trümmern lag, hielten sich ca. 100.000 Zivilisten auf, und außerdem lebten dort »rund 7000 Juden aus Deutschland« sowie »schätzungsweise noch 15.000 bis 18.000 russische Juden« als Gefangene. Deshalb bestünden keine Möglichkeiten zur Unterbringung weiterer Menschen. Zu diesen Schwiergkeiten gesellten sich noch »die sehr ernsten Probleme der Ernährung der Bevölkerung (einschließlich der Juden)«. Aus diesen Gründen verlangte Janetzke die Einstellung der Judendeportationen nach Minsk.[563]
Amtsgerichtsrat Wetzel antwortete im Auftrag Rosenbergs in einem Brief vom 16. Januar 1942, der an Reichskommissar Lohse gerichtet war:[564]
»Betr.: Evakuierung von Juden aus Deutschland nach Minsk.
Von dem Herrn Stadtkommissar Minsk ist mir das abschriftlich beiliegende Schreiben vom 5. 1. 1942 zugegangen, von dem ich Kenntnis zu nehmen bitte.
Nach einer mir zuteil gewordenen Mitteilung des Reichssicherheitshauptamtes waren für Minsk 25.000 Juden aus dem Reich vorgesehen, die zunächst in dem dortigen Ghetto untergebracht werden sollten. Hiervon sind 7-8000 Juden nach Minsk gelangt. Der verbleibende Rest kann zur Zeit infolge der bestehenden Transportschwierigkeiten nicht nach Minsk überführt werden. Sobald aber diese Schwierigkeiten behoben sind, ist damit zu rechnen, daß diese Juden nach Minsk gelangen. Ich bitte, den Herrn Stadtkommissar Minsk in diesem Sinne zu unterweisen und ihn weiter zu ersuchen, sich wegen der Frage der Unterbringung und Ernährung der Juden mit dem zuständigen Höheren Polizeiführer in Verbindung zu setzen. Ich bitte, ihn weiter darauf hinzuweisen, in Zukunft den Dienstweg einzuhalten.«
Doch am 6. Februar 1942 stellte sich der Generalkommissar für Weißrußland Wilhelm Kube in einem Schreiben an Lohse hinter Janetzkes Gesuch. Er legte dar, wie unmöglich es sei, in einer Stadt wie Minsk, die zu 80% in Trümmern lag, noch zusätzliche 25.000 Juden aufzunehmen.[565]
Am 26. Juni 1942 schrieb der Chef der Sicherheitspolizei und des SD in einem Bericht folgendes:[566]
»Die von der Sicherheitspolizei und dem SD getroffenen Maßnahmen haben auch in Weißruthenien auf dem Gebiet der Judenfrage grundlegenden Wandel zu schaffen. Um die Juden unabhängig von später noch zu treffenden Maßnahmen zunächst unter eine wirksame Kontrolle zu bringen, wurden Juden-Ältestenräte eingesetzt, die der Sicherheitspolizei und dem SD für die Haltung ihrer Rassegenossen verantwortlich sind. Darüber hinaus wurde mit der Registrierung der Juden und ihrem Zusammenschluß in Ghettos begonnen. Schließlich sind die Juden durch eine auf Brust und Rücken zu tragendes gelbes Abzeichen nach Art des im Reichsgebiet eingeführten Judensterns gekennzeichnet worden. Um das Arbeitspotential der Juden auszuwerten, werden sie allgemein zum geschlossenen Arbeitseinsatz und zu Aufräumungsarbeiten herangezogen.
Mit diesen Maßnahmen sind die Grundlagen für die später beabsichtigte Endlösung der europäischen Judenfrage auch für das weißruthenische Gebiet geschaffen worden.«
Die Maßnahmen waren nichts anderes als die konkrete Durchführung der in der "Braunen Mappe" in Aussicht gestellten Politik, die eine künftige Lösung der Judenfrage »nach dem Krieg für ganz Europa« vorsah.
7. Bilanz der direkten Transporte in die Ostgebiete
Die vorhandenen Eisenbahndokumente[567] ermöglichen es uns lediglich, einen Teil des Gesamtbilds der direkt in die Ostgebiete geleiteten Judentransporte zu zeichnen. Die aus dem Reichsgebiet eintreffenden Transporte wurden von der deutschen Reichsbahn organisiert (Reichsbahndirektion Königsberg), der es oblag, alle betroffenen Ämter zu unterrichten. Die Transporte erhielten das Kürzel »Da«[568] und waren fortlaufend numeriert. Die leeren Züge, mit »Lp« gekennzeichnet, erhielten eine Nummer über 1000 zugeteilt.
Folgende Transporte sind bekannt:[569]
|
Zug-Nr. |
Abfahrt |
Abfahrt |
Ankunft |
Deportierte |
|
|
8.11.1941 |
Hamburg |
Minsk |
990 |
|
|
10.11.1941 |
Düsseldorf |
Minsk |
993 |
|
|
11.11.1941 |
Frankfurt/M. |
Minsk |
1.042 |
|
|
14.11.1941 |
Berlin |
Minsk |
1.030 |
|
|
15.11.1941 |
München |
Riga |
? |
|
|
16.11.1941 |
Brünn |
Minsk |
1.000 |
|
|
17.11.1941 |
Berlin |
Kaunas |
? |
|
|
18.11.1941 |
Hamburg |
Minsk |
398[570] |
|
|
22.11.1941 |
Frankfurt/M. |
Riga |
? |
|
|
23.11.1941 |
Wien |
Kaunas |
995 |
|
|
27.11.1941 |
Berlin |
Riga |
? |
|
|
27.11.1941 |
München |
Riga |
? |
|
|
29.11.1941 |
Nürnberg |
Riga |
820 |
|
|
1.12.1941 |
Stuttgart |
Riga |
980 |
|
|
3.12.1941 |
Wien |
Riga |
995 |
|
|
6.12.1941 |
Hamburg |
Riga |
765 |
|
|
6.12.1941 |
Köln |
Riga |
1.000 |
|
|
9.12.1941 |
Kassel |
Riga |
991 |
|
|
11.12.1941 |
Düsseldorf |
Riga |
1.020 |
|
|
15.12.1941 |
Hannover |
Riga |
1.000 |
|
|
9.1.1942 |
Theresienstadt |
Riga |
1.000 |
|
|
11.1.1942 |
Wien |
Riga |
1.000 |
|
|
13.1.1942 |
Berlin |
Riga |
? |
|
|
15.1.1942 |
Theresienstadt |
Riga |
1.000 |
|
|
19.1.1942 |
Berlin |
Riga |
? |
|
|
21.1.1942 |
Leipzig |
Riga |
1.000 |
|
|
25.1.1942 |
Dortmund |
Riga |
1.350 |
|
|
25.1.1942 |
Berlin |
Riga |
? |
|
|
26.1.1942 |
Wien |
Riga |
1.196 |
|
|
6.2.1942 |
Wien |
Riga |
997 |
|
Da-201 |
6.5.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-202 |
12.5.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-203 |
20.5.1942 |
Wien |
Minsk |
1.016 |
|
|
26.5.1942[571] |
D. Reich |
Minsk |
1.000 |
|
Da-204 |
27.5.1942 |
Wien |
Minsk |
998 |
|
Da-205 |
2.6.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-206 |
9.6.1942 |
Wien |
Minsk |
1.006 |
|
Da-207 |
16.6.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-208 |
23.6.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-40 |
24.6.1942 |
Königsberg |
Minsk |
770 |
|
Da-209 |
30.6.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-210 |
7.7.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-211 |
14.7.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-220 |
14.7.1942 |
Theresienstadt |
M. Trostinec |
1.000 |
|
Da-212 |
21.7.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-219 |
22.7.1942 |
Köln |
Minsk |
? |
|
Da-213 |
28.7.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-221 |
28.7.1942 |
Theresienstadt |
Baranoviči |
1.000 |
|
Da-214 |
4.8.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-222 |
4.8.1942 |
Theresienstadt |
M. Trostinec |
1.000 |
|
Da-215 |
11.8.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-223 |
17.8.1942 |
Wien |
Minsk |
1.003 |
|
Da-216 |
18.8.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
|
20.8.1942 |
Theresienstadt |
Riga |
1.000 |
|
Da-217 |
25.8.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-224 |
25.8.1942 |
Theresienstadt |
M. Trostinec |
1.000 |
|
|
31.8.1942 |
Wien |
Minsk |
967 |
|
Da-218 |
1.9.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
|
1.9.1942 |
Theresienstadt |
Raasiku |
1.000 |
|
Da-226 |
8.9.1942 |
Theresienstadt |
M. Trostinec |
1.000 |
|
|
14.9.1942 |
Wien |
Minsk |
992 |
|
Da-228 |
22.9.1942 |
Theresienstadt |
M. Trostinec |
1.000 |
|
Da-229 |
30.9.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
Da-230 |
7.10.1942 |
Wien |
Minsk |
1.000 |
|
|
18.11.1942 |
Hamburg |
Minsk |
908 |
|
|
28.11.1942 |
Wien |
Minsk |
999 |
|
Insgesamt: 56.221 |
||||
Die vier Transporte, die am 4. November 1941 sowie am 13., 19. und 25. Januar 1942 von Berlin nach Riga abfuhren, umfaßten ca. 5.000 Personen.[572] Im Zeitraum vom 17. November 1941[573] bis zum 6. Februar 1942 wurden in 25 Transporten insgesamt 25.103 Juden nach Riga verbracht,[574] doch auf der Liste befinden sich nur 15.114. Damit steigt die Gesamtzahl der Deportierten auf (5.000+56.221+ (25.103-15.114)=) 71.210 an. Der Korherr-Bericht hilft uns, die dokumentarischen Lücken zu schließen und ein vollständigeres Bild der Judendeportationen nach Osten im Jahre 1942 zu zeichnen. Wir kommen im übernächsten Kapitel auf diese Frage zu sprechen.
Fußnoten
| [504] | In diesem Sinne äußerte sich Hitler bereits im ersten schriftlichen Dokument seiner politischen Karriere, einem Brief an seinen Freund Gemlich vom 16. September 1919 (a.) und später in seiner Rede »Warum sind wir Antisemiten?« (b.) a) E. Deuerlein, »Hitlers Eintritt in die Politik und die Reichswehr«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1959, S. 204. b) R.H. Phelps, »Hitlers "grundlegende" Rede über den Antisemitismus«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1968, S. 417. |
| [505] | R. Vogel, Ein Stempel hat gefehlt. Dokumente zur Emigration deutscher Juden, Droemer Knaur, München/Zürich 1977, S. 46 und 107-109. |
| [506] | PS-3358. |
| [507] | NG-2586-A. |
| [508] | T-173. |
| [509] | NG-2586-B. |
| [510] | NG-2586-J. |
| [511] | Eine ausführliche Gesamtstudie zu dieser Frage ist Magnus Brechtkens "Madagaskar für die Juden": Antisemitische Idee und politische Praxis 1895-1945, R. Oldenbourg Verlag, München 1998. |
| [512] | NG-2586-D. |
| [513] | PS-2233. IMG, Bd XXIX, S. 378. |
| [514] | PS-2233. IMG, Bd. XXIX, S. 405. |
| [515] | CDJC, CXLVI-51, S. 4, 7, 9. |
| [516] | CDJC, CXLVI-23, S. 66 und 82. |
| [517] | IMG, Bd. XVII, S. 275f. |
| [518] | IMG, Bd. X, S. 449. |
| [519] | NG-3104. |
| [520] | NG-2586-E. PS-710. |
| [521] | Die legale Auswanderung in andere Staaten oder die Deportation nach Osten (Polen: Oktober 1939 bis März 1940) bzw. nach Westen (unbesetztes Frankreich: Oktober 1940). |
| [522] | PS-1624. |
| [523] | PA, Inland II A/B, AZ 83-85 Sdh. 4, Bd. 59/3. |
| [524] | CDJC, V-15. |
| [525] | PS-1017. |
| [526] | Zitiert nach Martin Broszat, »Hitler und die Genesis der "Endlösung". Aus Anlaß der Thesen von David Irving«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 25/4, 1977, S. 748f. |
| [527] | Ebenda, S. 750. |
| [528] | Ebenda, S. 751. |
| [529] | Faschismus - Getto - Massenmord, aaO. (Anm. 286), S. 252. |
| [530] | Eine klare Anspielung auf den Vorschlag des SS-Sturmbannführers Carltheo Zeitschel. |
| [531] | T-394: »Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei hat angeordnet, daß die Auswanderung von Juden mit sofortiger Wirkung zu verhindern ist.« |
| [532] | PS-3921. |
| [533] | Robert Kempner, Eichmann und Komplizen, Europa-Verlag, Zürich-Stuttgart-Wien 1961, S. 293. |
| [534] | Die männlichen Juden hätten deportiert werden sollen, da sie an »zahlreichen Sabotage- und Aufruhrakten« teilgenommen hatten. Zunächst war vorgesehen, sie »nach Generalgouvernement oder Rußland« abzuschieben, doch weil dem »Transportschwierigkeiten« entgegenstanden und die Deutschen diese Juden als unmittelbares Sicherheitsrisiko einstuften, wurden sie erschossen. Ebenda, S. 288-292. |
| [535] | PS-709. NG-2586-F. |
| [536] | NG-2586-G. Es sei darauf hingewiesen, daß es fundierte Zweifel an der Authentizität des Wannsee-Protokolls gibt, vgl. Roland Bohlinger, Johannes P. Ney, Zur Frage der Echtheit des Wannsee-Protokolls, 2. Auflage, Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, Viöl 1994; Roland Bohlinger (Hg.), Die Stellungnahme der Leitung der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz zu dem von Bohlinger und Ney verfaßten Gutachten zur Frage der Echtheit des sogenannten Wannsee-Protokolls und der dazugehörigen Schriftstücke, Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1995; J.P. Ney, »Das Wannsee-Protokoll - Anatomie einer Fälschung«, in: E. Gauss (Hg.), aaO. (Anm. 80), S. 169-191. |
| [537] | Memorandum Luthers für Rademacher vom 15. August 1940, in: Documents on German Foreign Policy 1918-1945, Her Majesty's Stationery Office, Series D, Volume X, London 1957, S. 484. |
| [538] | PS-4025. |
| [539] | Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Wilhelm Goldmann Verlag, München 1981, S. 456. |
| [540] | »Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den besetzten Ostgebieten« (Grüne Mappe), Berlin, September 1942. EC-347. IMG, Bd. XXXVI, S. 348. |
| [541] | PS-212. IMG, Bd. XXV, S. 302. |
| [542] | PA, Politische Abteilung III 245, AZ Po 36, Bd. I. |
| [543] | NG-5770. |
| [544] | NG-2586-J. |
| [545] | PS-3244. |
| [546] | NG-4583. |
| [547] | NO-5193. |
| [548] | Allein aus Polen wanderten 1939-1941 rund 300.000 Juden aus. G. Reitlinger, Die Endlösung, aaO. (Anm. 177), S. 569. |
| [549] | Himmler-Brief an Greiser vom 18. September 1941. Bundesarchiv Koblenz, NS 19/2655, S. 3. Fotokopie des Dokuments in Peter Witte, »Zwei Entscheidungen in der "Endlösung der Judenfrage": Deportationen nach Lodz und Vernichtung in Chelmno«, in: Theresienstädter Studien und Dokumente, Verlag Academia, Prag 1995, S. 50. |
| [550] | T-37/299. |
| [551] | »Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten« (Grüne Mappe), Berlin September 1942. EC-347 IMG, Bd. XXXVI, S. 349. |
| [552] | PS-1138. |
| [553] | »Anordnungen über die Behandlung von Juden im Gebiet des ehemaligen Freistaats Lettland«, erlassen vom Generalkommissar in Riga am 30. August 1941. GARF, 7445-2-145, S. 29f. |
| [554] | GARF, 7445-2-145, S. 34. |
| [555] | RGVA, 504-2-8, S. 148-150. |
| [556] | GARF, 7445-2-145, S. 64. |
| [557] | GARF, 7445-2-145, S. 52. |
| [558] | GARF, 7445-2-145, S. S. 54 und 51 (Transkription des Telegramms). |
| [559] | GARF, 7445-2-145, S. 60f. |
| [560] | GARF, 7445-2-145, S. 62. |
| [561] | Deutscher Name für Kaunas. |
| [562] | GARF, 7445-2-145, S. 67. |
| [563] | GARF, 7445-2-145, S. 65f. |
| [564] | GARF, 7445-2-145, S. 68. |
| [565] | GARF, 7445-2-145, S. 72f. |
| [566] | »Meldungen aus den besetzten Ostgebieten Nr. 9«, Berlin, den 26. Juni 1942. RGVA, 500-1-755, S. 190. |
| [567] | Etliche Dokumente über die Transporte nach Minsk befinden sich im Nationalarchiv der Republik Weißrußland (Natsionalni Archiv Respubliki Belarus, NARB) unter der Inventarnummer 378-1-784. |
| [568] | Manchen Autoren zufolge stand dieses Kürzel für David. |
| [569] | Raul Hilberg, aaO. (Anm. 265). Heiner Lichtenstein, Mit der Reichsbahn in den Tod, Bund-Verlag, Düsseldorf 1985. Judenfrei! Svobodno ot Evreev! Istoria Minskogo Getto v dokumentach, Minsk 1999, S. 223f. Christian Gerlach, aaO. (Anm. 415), S. 758f. Wolfgang Benz, Dimension des Völkermords, aaO. (Anm. 79), S. 46f. sowie 78. Terezínská pamĕtní kniha. Terezínská Iniciativa, Melantrich 1995, Bd. I, 63-67; Robert Kempner, Eichmann und Komplizen, aaO. (Anm. 533), S. 116. |
| [570] | Deportationsliste 3. Transport. NARB, 738-1-784. |
| [571] | Ankunftsdatum. |
| [572] | W. Benz, Dimension des Völkermords, aaO. (Anm. 79) |
| [573] | Dieser Transport gelangte am 19. November in Riga an. |
| [574] | Anlage zu den »Meldungen aus den besetzten Ostgebieten« Nr. 10 vom 3.7. 1942. RGVA, 500-1-775, S. 233. |