Kapitel VII:
Die Rolle der Einsatzgruppen
in den besetzten Ostgebieten
Da die Deutschen in den besetzten sowjetischen Territorien laut den orthodoxen Historikern eine Politik der systematischen Judenvernichtung betrieben haben sollen, müssen wir mit dem Einwand rechnen, es sei letzten Endes gleichgültig, ob die Juden in Polen in Vernichtungslagern vergast oder nach ihrer Abschiebung nach Osten dort erschossen worden seien. Aus diesem Grund werden wir uns nun der Frage zuwenden, ob diese systematische Judenvernichtung in den Ostgebieten tatsächlich stattgefunden hat. Bei der Klärung dieser Frage kommt der Untersuchung der Einsatzgruppen sowie ihrer Aufgaben eine zentrale Rolle zu.
Bald nach dem deutschen Einmarsch in die UdSSR traten in den eroberten Gebieten vier Einsatzgruppen in Aktion, die - einschließlich Nichtkombattenten wie Kraftfahrer, Dolmetscher und Funker - insgesamt 3000 Mann zählten.[575] Eine ihrer Aufgaben bestand unbestrittenermaßen in der Sicherung des Rückraums, d.h. der Partisanenbekämpfung. Darüber hinaus kamen den Einsatzgruppen laut der offiziellen Geschichtsschreibung noch andere Aufgaben zu, die Raul Hilberg unter Berufung auf ein von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D, nach dem Krieg abgegebenes Affidavit[576] wie folgt resümiert:[577]
»Ohlendorf zufolge wurden die Kommandeure der Einsatzgruppen von Himmler persönlich in ihre Aufgabe eingewiesen. Sie wurden darüber in Kenntnis gesetzt, daß ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe in der Beseitigung von Juden - Frauen, Männern und Kindern - und kommunistischen Funktionären bestünde.«
Laut Hilberg töteten die Einsatzgruppen über 900.000 Sowjetjuden, was »etwa zwei Dritteln« der jüdischen Opfer in den von den Deutschen eroberten Gebieten entsprochen habe; die übrigen seien von der Wehrmacht, der SS, den Polizeieinheiten sowie den mit Deutschland verbündeten Rumänen umgebracht worden oder in Lagern und Ghettos gestorben.[578]
Als Beweis für die von den Einsatzgruppen verübten vielhunderttausendfachen Morde werden in erster Linie die sogenannten "Ereignismeldungen" angeführt, welche in den Zeitraum von Juni 1941 bis Mai 1942 fallen und zahlreiche Massaker mit gelegentlich fünfstelligen Opferzahlen erwähnen. Die Dokumente sollen von den Alliierten 1945 in den Büros des Berliner Reichssicherheitshauptamtes vorgefunden worden sein. Daß die Deutschen ihren Feinden dermaßen belastendes Material in die Hände fallen ließen, obgleich sie die paar Papierstöße unschwer rechtzeitig hätten verbrennen können, mutet recht merkwürdig an. In der Tat haben einige revisionistische Forscher Zweifel an der Echtheit der Ereignismeldungen geäußert und die Ansicht vertreten, zumindest bei einem Teil davon handle es sich um manipulierte Dokumente. Das Hauptargument für diese These liegt im Fehlen von Sachbeweisen für Massentötungen des behaupteten Umfangs; wir kommen auf diese Frage noch zurück. Weitere Gründe führt Arthur Butz ins Feld:[579]
»Sie [die Dokumente] sind mit einem Vervielfältigungsapparat kopiert; Unterschriften fehlen meistens, und wenn sie vorhanden sind, stehen sie auf Seiten, die nichts Belastendes enthalten. Dokument NO-3159 beispielsweise weist eine Unterschrift auf, R.R. Strauch, doch lediglich auf der ersten Seite, auf der die Standorte der verschiedenen Einsatzgruppeneinheiten angegeben sind. Ferner gibt es das Dokument NO-1128, einen angeblichen Bericht Himmlers an Hitler, in dem die Hinrichtung von 363.211 russischen Juden von August bis November 1942 vermeldet wird. Diese Ziffer steht auf S. 4 des Dokuments NO-1128, während Himmlers Unterschrift sich auf der nichtssagenden Seite 1 befindet. Zudem waren Himmlers Initialen leicht zu fälschen: Drei waagrechte Linien, durch die sich eine senkrechte zog.«
Udo Walendy ergänzt:[580]
»Wie bereits das amerikanische Militärgericht im OKW-[Oberkommando der Wehrmacht]-Prozeß anklingen ließ, verwunderte sich auch dieses Gericht darüber, wie auffällig ungenau sich die vorliegenden "Ereignismeldungen UdSSR" hinsichtlich Ort, Zeitpunkt, Einheit und sonstiger Einzelheiten wie Mannschaftsstärke, Bewaffnung, Hilfskräfte, Logistik usw. verhalten. Lediglich die Zahl auf einem Stück Papier, das in Berlin beschrieben worden ist oder sein soll, ist für einen historischen Beweis zu wenig, auch dann, wenn möglicherweise der Bericht in sich authentisch, nur die heute auf dem Stück Papier lesbare Zahl manipuliert sein sollte, was bei näherer Prüfung der Dokumente der Fall zu sein scheint.«
Ein noch gewichtigeres Argument ist, daß eine Massenvernichtungspolitik in den besetzten Sowjetterritorien in schroffem Gegensatz nicht nur zur nationalsozialistischen Politik der Judenumsiedlung nach Osten gestanden hätte (vgl. dazu Kapitel VI und VIII), sondern auch zu etlichen Berichten der Einsatzgruppen selbst. Wir haben bereits festgehalten, daß die »Meldungen aus den besetzten Ostgebieten« Nr. 9 vom 26. Juni 1942 im Anschluß an eine Beschreibung der von der Sicherheitspolizei und dem Sicherheitsdienst getroffenen Ghettoisierungsmaßnahmen sowie Schritte zur Ausnutzung der Arbeitskraft der ruthenischen Juden wie folgt schließen:[581]
»Mit diesen Maßnahmen sind die Grundlagen für die später beabsichtigte Endlösung der europäischen Judenfrage auch für die weißruthenischen Gebiete geschaffen worden.«
Ereignismeldung Nr. 52 vom 14. August 1941 schlug vor, die große Masse der Juden zu folgender Aufgabe einzusetzen:[582]
»Kultivierung der großen Pripjetsümpfe sowie der Sümpfe am nördlichen Dnjepr sowie an der Wolga.«
Wir enthalten uns im folgenden jeder Stellungnahme zur Echtheit der Ereignismeldungen und gehen lediglich auf die Frage ein, ob der Inhalt der Dokumente, unabhängig von ihrer Authentizität, historische Fakten widerspiegelt.
Daß die Einsatzgruppen zahlreiche Massenerschießungen begangen haben, wird sich kaum ernstlich bestreiten lassen. Für unser Thema sind aber zwei Fragen von entscheidender Bedeutung:
Waren die Einsatzgruppen mit der systematischen Ausrottung der sowjetischen Juden beauftragt?
Wurden die in die Ostgebiete abgeschobenen westlichen Juden gleich behandelt wie die sowjetischen?
2. Die Gründe für die Massenerschießungen
Bezüglich der ersten der zwei von uns aufgeworfenen Fragen gilt es festzuhalten, daß die Politik der Erschießung von Juden nicht gegen alle Ostjuden und auch nicht pauschal gegen die Juden als Juden gerichtet war. Noch in einer vom 29. April 1941 verfaßten Denkschrift hatte Alfred Rosenberg festgehalten:[583]
»Eine allgemeine Behandlung erfordert die Judenfrage, deren zeitweilige Übergangslösung festgelegt werden muß (Arbeitszwang der Juden, eine Ghettoisierung usw.).«
Am 7. Mai 1941 legte Rosenberg in seiner »Instruktion für einen Reichskommissar in der Ukraine« fest:[584]
»Die Judenfrage wird nach der selbstverständlichen Ausscheidung der Juden aus allen öffentlichen Stellen eine entscheidende Lösung erfahren durch Einrichtung von Ghettos oder Arbeitskolonnen. Arbeitszwang ist einzuführen.«
Die "Braune Mappe" unterschied im Absatz »Bevölkerungsstand« zwei Kategorien von Ostjuden:[585]
»Das Judentum stellt in den einzelnen Reichskommissariaten und innerhalb dieser in den Generalkommissariaten einen sehr verschieden starken Anteil an der Gesamtbevölkerung. Zum Beispiel leben in Weißruthenien und in der Ukraine Millionen von Juden, die hier seit Generationen ansässig sind. In den zentralen Gebieten der UdSSR dagegen sind die Juden zum weitaus größeren Teil erst in der bolschewistischen Ära zugezogen. Eine besondere Gruppe stellen die im Gefolge der Roten Armee 1939 und 1940 nach Ostpolen, der Westukraine, West-Weißruthenien, den baltischen Ländern, Bessarabien und Buchenland [Bukowina] eingedrungenen Sowjetjuden dar. Gegenüber diesen verschiedenen Gruppen ist teilweise eine verschiedenartige Behandlung am Platze.
In erster Linie sind die in den beiden letzten Jahren in die von den Sowjets neubesetzten Gebiete zugezogenen Juden, soweit sie nicht geflohen sind, mit scharfen Maßnahmen auszuscheiden. Da sich diese Gruppe durch ihren Terror gegenüber der Bevölkerung in höchstem Grade verhaßt gemacht hat, ist ihre Ausscheidung größtenteils schon beim Erscheinen der deutschen Truppen von der Bevölkerung selbst besorgt worden. Derartigen Vergeltungsmaßnahmen ist nicht entgegenzutreten. Die übrige ansässige jüdische Bevölkerung ist zunächst durch Einführung der Meldepflicht zu erfassen. Alle Juden werden durch sichtbare Abzeichen (gelber Judenstern) gekennzeichnet.«
Die »Sowjetjuden« wurden erschossen, während die übrige ansässige jüdische Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit ghettoisiert wurde. Doch wurden auch viele andere Ostjuden umgebracht: Wegen Sabotage, antideutschen Aktivitäten, als Träger von Krankheiten und vor allem als Vergeltungsmaßnahme für Anschläge der Partisanen.
Dies geht schon aus den ersten Berichten der Einsatzgruppen klar hervor. Hier ein Auszug aus einem dieser Berichte:[586]
»[Weißrußland.] In Gorodnia wurden 165 jüdische Terroristen und in Tschernigow 19 jüdische Kommunisten liquidiert; weitere 8 jüdische Kommunisten wurden in Beresna erschossen.
Vielfach wird die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Frauen ein besonders aufsässiges Verhalten an den Tag legen. Aus diesem Grunde mußten in Krugloje 28 und in Mogilew 337 Jüdinnen erschossen werden.
In Borissow wurden 331 jüdische Saboteure und 118 jüdische Plünderer exekutiert.
In Bobruisk wurden 380 Juden erschossen, die bis zuletzt Hetz- und Greuelpropaganda gegen die deutschen Besatzungstruppen betrieben hatten.
In Tatarsk hatten die Juden das Ghetto eigenmächtig verlassen und kehrten in ihre alten Quartiere zurück, wobei sie versuchten, die inzwischen einquartierten Russen herauszutreiben. Sämtliche männlichen Juden sowie 3 Jüdinnen wurden erschossen. Bei der Einrichtung eines Ghettos in Sandrudubs leisteten die Juden teilweise Widerstand, so daß 272 Juden erschossen werden mußten. Unter ihnen befand sich ein politischer Kommissar.
Auch in Mogilew versuchten die Juden, ihre Übersiedlung in das Ghetto zu sabotieren. 113 Juden wurden liquidiert.
Außerdem wurden 4 Juden wegen Arbeitsverweigerung und 2 Juden, weil sie verwundete deutsche Soldaten mißhandelt und das vorgeschriebene Kennzeichen nicht angelegt hatten, erschossen.
222 Juden wurden wegen antideutscher Propaganda in Talka und 996 Juden in Marina Gorka erschossen, weil sie von den deutschen Besatzungsbehörden erlassene Anordnungen sabotierten.
Weitere 627 Juden wurden bei Schklow erschossen, da sie an Sabotageakten beteiligt waren.
Wegen höchster Seuchengefahr wurde mit der Liquidierung der im Ghetto in Witebsk untergebrachten Juden begonnen. Es handelt sich um etwa 3000 Juden.«
Wie wir im folgenden Absatz sehen werden, bestehen triftige Gründe zum Zweifel an den vorliegenden Zahlen. Doch belegt der Text, daß die Einsatzgruppen nicht mit der vollständigen Ausrottung der Juden beauftragt waren, denn sonst wäre die Unterscheidung zwischen den aus spezifischen Gründen exekutierten und den übrigen Juden ja ganz überflüssig gewesen.
Die logischste Begründung für tatsächlich von den Einsatzgruppen durchgeführte Massenerschießungen dürfte also jene sein, die der jüdische Historiker Arno Mayer wie folgt zusammenfaßt:[587]
»[...] Ungeachtet des beispiellosen Ausmaßes der den Juden zugefügten Leiden wurde die Ausrottung des Ostjudentums nie zum Hauptziel der Operation Barbarossa. Der Kampf um Lebensraum und gegen den Bolschewismus war kein Vorwand und kein willkommener Hintergrund für das Massaker, und auch kein Rauchvorhang, um solche Massaker als Repressalien gegen die Partisanen zu tarnen. Von Anfang an verschmolz der Angriff auf die Juden zweifellos mit dem Angriff auf den Bolschewismus, doch dies heißt nicht, daß er das vorherrschende Element des Kampfes gegen den hybriden "jüdischen Bolschewismus" gewesen wäre, dessen Zerstörung sich die Operation selbst zum Ziel gesetzt hatte. In der Tat erwuchs der Krieg gegen die Juden aus dem Ostfeldzug, der stets dessen tragende Achse war, auch und vor allem dann, als er in Rußland an Heftigkeit zunahm.
Als die Einsatzgruppen und das RSHA zur Erfüllung ihrer Mission aufbrachen, war ihnen die Ausrottung der Juden nicht als Hauptziel, und noch weniger als einziges Ziel, aufgetragen worden.«
Laut Mayer bildeten die Massaker an den Ostjuden keinen Teil eines Gesamtausrottungsplans, sondern erfolgten als Ergebnis der unerbittlichen Radikalisierung des Krieges im Osten, sowie weil die Ostjuden von der SS als Träger des Bolschewismus eingestuft wurden.
3. Der Umfang der Erschießungen
Die von den Einsatzgruppen durchgeführten Erschießungen besaßen keinesfalls den ihnen von den orthodoxen Historikern zugeschriebenen Umfang, denn die in den einschlägigen Meldungen genannten Zahlen lassen sich nicht objektiv erhärten und sind in vielen Fällen nachweislich falsch. Wir führen nun einige Beispiele an:
a. Die Anzahl der in Lettland getöteten Juden
In einem langen Gesamtbericht über die Tätigkeit der Einsatzgruppe A werden folgende Daten angeführt:[588]
»Die Gesamtzahl der Juden in Lettland betrug im Jahre 1935: 93.479 oder 4,7% der Gesamtbevölkerung. [...]
Beim Einmarsch der deutschen Truppen gab es in Lettland noch 70.000 Juden. Der Rest war mit den Bolschewisten geflüchtet. [...]
Bis zum Oktober 1941 wurden durch dieses Sonderkommandos rund 30.000 Juden exekutiert. Die restlichen, noch mit Rücksicht auf Wirtschaftsbelange unentbehrlichen Juden wurden in Ghettos zusammengefaßt. Im Zuge der Bearbeitung von Strafsachen wegen Nichttragens des Judensterns, Schleichhandels, Diebstahls, Betruges, aber auch um Seuchengefahr in den Ghettos vorzubeugen, wurden in der Folgezeit weitere Exekutionen durchgeführt. So wurden am 9. 11. 1941 in Dünaburg 11.034, Anfang Dezember 1941 durch eine vom Höheren SS- und Polizeiführer angeordnete und durchgeführte Aktion in Riga 27.800 und Mitte Dezember 1941 in Libau 2.350 Juden exekutiert. Zurzeit befinden sich in den Ghettos (außer den Juden aus dem Reich) lettische Juden in:
|
Riga |
rund |
2.500 |
|
Dünaburg |
" |
950 |
|
Libau |
" |
3.000.« |
Fassen wir zusammen:
|
Beim Einmarsch deutscher Truppen vorhandene Juden: |
70.000 |
|
Bis Oktober 1941 erschossene Juden: |
30.000 |
|
Erschossene Ghetto-Juden (11.034+27.800+2.350=) |
41.184 |
|
Noch lebende Ghetto-Juden: (2.500+950+300=) |
3.750 |
Doch wenn wir die Erschossenen (30.000+41.184=) 71.184 und die noch in den Ghettos Lebenden (3.750) zusammenzählen, kommen wir auf 74.934 Juden, eine Zahl, die höher ist als die beim Einmarsch der Deutschen in Lettland vorhandenen. In einer Tabelle, welche den Bericht zusammenfaßt und die den Titel »Zahlen der von der Einsatzgruppe A bis 1. 2. 1942 durchgeführten Exekutionen« trägt, wird die Zahl der Erschossenen mit 35.238 angegeben, wozu noch 5.500 »durch Pogrome« umgekommene Juden kommen, doch »ab 1.12. 1941«;[589] es ergeben sich also 40.738 jüdische Opfer. Obgleich diese Ziffer noch zusätzliche 5.500 nicht im Bericht erwähnte, bei Pogromen getötete Juden umfaßt, ist die Gesamtzahl der Erschossenen weit niedriger: 40.738 gegenüber 71.184.
b. Die Anzahl der in Litauen getöteten Juden
Nicht minder befremdlich sind die entsprechenden Ziffern für Litauen:[590]
»Bis zum Einmarsch der Bolschewisten lebten nach einer Zählung im Jahre 1923 in Litauen 153.743 Juden, die damit 7,58% der Gesamtbevölkerung darstellten. [...]
In vielen Einzelaktionen wurden insgesamt 136.421 Juden liquidiert. [...]
Juden in den Ghettos:
|
Kauen |
rund |
15.000 Juden |
|
Wilna |
" |
15.000 Juden |
|
Schaulen |
" |
4.500 Juden.« |
Auch in diesem Zahl kommen wir bei einer Addition der Erschossenen (136.421) und der noch in den Ghettos Lebenden (34.500) auf eine Ziffer, die höher ist als die Ausgangszahl (153.743). Nimmt man aber an, daß wie im Falle Lettlands ca. 25% der jüdischen Bevölkerung mit den Bolschewisten geflüchtet waren, so wäre die Zahl der beim Einmarsch der Deutschen noch in Litauen vorhandenen Juden noch weitaus niedriger gewesen: Ungefähr 115.000.
c. Litauische Juden in vom Reich annektierten Gebieten
Gerald Reitlinger schreibt, zum Zeitpunkt, wo Franz Stahlecker, Chef der Einsatzgruppe A, seinen Bericht verfaßt habe, hätten in Lettland und Litauen 50.000 Juden gelebt (gegenüber den 38.250 von Stahlecker erwähnten), doch sei die Zahl der überlebenden Juden noch bedeutend höher gewesen, weil einige litauische Gebiete - das Memelland sowie die Gegend um Suwałki und Grodno - dem Reich angegliedert worden seien. In den beiden Ghettos von Grodno lebten rund 40.000 Juden, und im Bezirk Königsberg, zu dem Memel und Suwałki gehörten, gab es laut dem Korherr-Bericht Ende 1942 noch 18.435 »fast ausschließlich sowjetrussische Juden«.[591]
d. Simferopol und der Manstein-Prozeß
Generalfeldmarschall Erich von Manstein war Oberbefehlshaber der elften Armee und kämpfte am Schwarzen Meer sowie auf der Krim. 1949 kam er wegen Mittäterschaft an den von der Einsatzgruppe D begangenen Massakern in Hamburg vor ein britisches Militärgericht. Sein Verteidiger war der Engländer Reginald D. Paget, der 1951 ein - im Jahre darauf auch ins Deutsche übertragenes - Buch über den Prozeß verfaßte.[592] In diesem berichtet er über die Aktivitäten der Einsatzgruppe D auf der Krim folgendes:[593]
»Mir erschienen die vom SD angegebenen Zahlen gänzlich unmöglich. Einzelne Kompanien von ungefähr 100 Mann mit ungefähr 8 Fahrzeugen wollten in zwei oder drei Tagen bis zu 10.000 und 12.000 Juden umgebracht haben. Da, wie man sich erinnern wird, die Juden an eine Umsiedlung glaubten und folglich ihre Habe mit sich führten, konnte der SD unmöglich mehr als jeweils zwanzig oder dreißig Juden in einem Lastwagen befördert haben. Für jeden Wagen mußten mit Aufladen, 10 km Fahren, Abladen und Zurückfahren schätzungsweise zwei Stunden vergehen. Der russische Wintertag ist kurz, und bei Nacht wurde nicht gefahren. Um 10.000 Juden zu töten, wären mindestens drei Wochen notwendig gewesen.
In einem Fall konnten wir die Zahlen überprüfen. Der SD behauptete, im November in Simferopol 10.000 Juden getötet zu haben, und meldete die Stadt im Dezember judenfrei. Durch eine Reihe von Gegenproben konnten wir beweisen, daß die Judenerschießung in Simferopol an einem einzigen Tag stattgefunden hatte, nämlich am 16. November. Es befand sich lediglich eine einzige SD-Kompanie in Simferopol. Der Ort für die Hinrichtung lag 15 km von der Stadt entfernt. Die Zahl der Opfer kann nicht höher als 300 gewesen sein, und diese 300 waren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur Juden, sondern eine Sammlung verschiedenartiger Elemente, die im Verdacht standen, zur Widerstandsbewegung zu gehören. Die Sache Simferopol drang zur Zeit des Prozesses in breite Schichten der Öffentlichkeit, da sie von dem einzigen lebenden Zeugen der Anklage erwähnt wurde, einem österreichischen Gefreiten namens Gaffal. Er behauptete, daß er die Judenaktion in einer Pionier-Messe habe erwähnen hören, wo er Ordonnanz war, und daß er an der Hinrichtungsstelle bei Simferopol vorübergekommen sei. Nach dieser Aussage erhielten wir eine Menge Briefe und konnten mehrere Zeugen vorführen, die bei jüdischen Familien im Quartier gelegen hatten und von den Gottesdiensten in der Synagoge sowie einem jüdischen Markt berichteten, wo sie Ikonen und Trödelwaren kauften - bis zu Mansteins Fortgang von der Krim und danach. Es war gar kein Zweifel, daß die jüdische Gemeinde in Simferopol in aller Öffentlichkeit weiterbestanden hatte, und obgleich einige unserer Gegner Gerüchte von einem Übergriff des SD gegen die Juden in Simferopol gehört hatten, schien es doch so gewesen zu sein, daß die jüdische Gemeinde sich keiner besonderen Gefahr bewußt war.«
Im »Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 6 der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der UdSSR« über den Zeitraum vom 1. bis zum 31. Oktober 1941 heißt es:[594]
»In Kiew wurden sämtliche Juden verhaftet und am 29. und 30.9 insgesamt 33.711 Juden exekutiert.«
Es handelt sich um das berühmt-berüchtigte "Massaker von Babi Jar". Doch wie Udo Walendy und Herbert Tiedemann bewiesen haben, hat dieses nicht stattgefunden, zumindest nicht im entferntesten im behaupteten Umfang.[595] Vermutlich sind bei Kiew, wie in Simferopol, einige hundert Personen erschossen worden. Wir kommen auf Babi Jar noch zurück.
f. Arbeitsunfähige Juden in litauischen Ghettos und Lagern
Die Berichte der Einsatzgruppen sind nicht nur bezüglich der Zahl der erschossenen Juden fragwürdig, sondern auch hinsichtlich ihrer Kategorie.
Im »Gesamtbericht vom 16. Oktober bis 31. Januar 1942« wird die Anwesenheit von (angeblich) 34.500 Juden in den Ghettos von Kauen, Wilna und Schauen wie folgt erklärt:[596]
»Da die restlose Liquidierung der Juden aus Gründen des Arbeitseinsatzes nicht durchzuführen war, wurden Ghettos gebildet, die zurzeit wie folgt belegt sind [es folgen die oben angeführten Zahlen]. Diese Juden werden im wesentlichen für wehrwichtige Arbeiten verwandt.«
Demnach hätten die in den drei genannten Ghettos nur noch arbeitstaugliche Juden leben dürfen; die Arbeitsunfähigen, besonders die Kinder, hätten dieser Logik nach allesamt umgebracht worden sein müssen. Doch nach einer Ende Mai 1942 durchgeführten Volkszählung lebten im Ghetto von Wilna 14.545 Juden, deren Namen (zusammen mit Geburtsdatum, Beruf und Adresse) vom Jüdischen Museum von Wilnius (so der litauische Name der Stadt) veröffentlicht worden sind. Aus dieser Dokumentation geht hervor, daß von diesen 14.545 Juden nicht weniger als 3.693 Kinder von 15 Jahren oder weniger waren. Die Zahl der Kinder pro Altersgruppe geht aus folgender Tabelle hervor:[597]
|
Geburtsjahr |
Alter |
Anzahl Kinder |
|
1927 |
15 Jahre |
567 |
|
1928 |
14 |
346 |
|
1929 |
13 |
265 |
|
1930 |
12 |
291 |
|
1931 |
11 |
279 |
|
1932 |
10 |
216 |
|
1933 |
9 |
226 |
|
1934 |
8 |
195 |
|
1935 |
7 |
227 |
|
1936 |
6 |
229 |
|
1937 |
5 |
182 |
|
1938 |
4 |
188 |
|
1939 |
3 |
181 |
|
1940 |
2 |
117 |
|
1941 |
1 |
172 |
|
1942 |
Einige Monate |
12 |
|
|
Insgesamt: |
3.693 |
Außerdem gab es unter den von der Volkszählung erfaßten Juden auch 59 im Alter von 65 Jahren oder darüber. Die älteste war die 1852 geborene und demnach 90 Jahre alte Chana Stamleriene.
Die Kinder lebten mit ihren Familien im Ghetto. Beispielsweise bestand Familie Michalowski, welche in Dysnos Haus 5-10 lebte, aus Nachman, geboren 1905, Fruma, geboren 1907, Pesia, geboren 1928, Niusia, geboren 1932, Sonia, geboren 1935, Mane, geboren 1904, Sonia, geboren 1903, Motel, geboren 1930 sowie Chana, geboren 1933.[598] Familie Kacew, wohnhaft in Ligonines Haus 11-8, umfaßte folgende Angehörige: Chaim, geboren 1909, Chava, geboren 1921, und Sloma, geboren 1941.[599] Familie Schimelevitsch, wohnhaft in Rudninku Haus 7-12, bestand aus Abram, geboren 1896, Chawa, geboren 1909, Sora, geboren 1938, und Riva, geboren 1941.[600] Schließlich zählte Familie Cukerman, wohnhaft in Strasuno Haus 12, folgende Angehörige: Kosel, geboren 1916, Sima, geboren 1912, Kusia, geboren 1932, Malka, geboren 1934, Abram, geboren 1904, Syfra, geboren 1909 und Bluma, geboren 1930.[601]
Da die 3.693 Kinder bei ihren Familien lebten, ist klar, daß die Zahl der Arbeitsuntauglichen und Nichteinsatzfähigen (Mütter, welche sich um ihre Kinder sorgen mußten) noch höher war.
Wenn die Einsatzgruppen alle Juden oder zumindest alle arbeitsuntauglichen Juden zu liquidieren hatten, wie kommt es dann, daß diese 3.693 Kinder bei der (angeblichen) Auflösung des Ghetto Nr. 2 im Oktober 1941 nicht ermordet wurden?
Wie wenig über diesen Kindern die Drohung des Todes schwebte, läßt sich folgender, von Abraham Foxman gelieferter Schilderung des Schulsystems im Ghetto von Wilna entnehmen:[602]
»Einige Tage nach der Einrichtung des Ghettos im September 1941 gründete eine Gruppe von Lehrern einen "Farein" [Verein], der später das Erziehungssystem des Ghettos organisierte. Bei der ersten Anmeldung für die Schule wurden 3000 Kinder angemeldet. Anfangs war die Teilnahme am Unterricht freiwillig. Im April 1943 wurde sie dann obligatorisch:
"Direktive Nr. 3, erlassen vom Ghettovertreter am 28. April 1943, erklärt den Besuch der Ghettoschulen für obligatorisch. Alle Kinder von fünf bis dreizehn müssen die Ghettoschulen besuchen, die kostenfrei sind. [...] Der Blockleiter ist dafür verantwortlich, daß alle Kinder im schulpflichtigen Alter am Unterricht teilnehmen".
Im ersten Jahr des Ghettos wurden mehr als zwanzig Erziehungseinheiten gegründet, die über 80% der Kinder im schulpflichtigen Alter des Ghettos erfaßten. Auch in Keilis wurden Schulen sowie H.K.P. - Arbeitseinrichtungen - gegründet. Gens[603] erhielt von den Deutschen die Erlaubnis, außerhalb des Ghettos im Wald eine Gegend zu umzäunen. Die Lehrer gingen viermal wöchentlich mit Gruppen von 100 bis 150 Kindern in den Wald. Aufgrund des Ausbruchs einer Scharlachepidemie wurden die Schulen 1942 mit Verspätung eröffnet. Im Oktober nahmen sie ihren Betrieb wieder auf, und 1500 bis 1800 Kinder beteiligten sich am Unterricht. Anscheinend gab es 60 Lehrer, die 42 Wochenstunden erteilten. Die restlichen 18 Stunden waren der Arbeit in der Küche, dem Besuch von Schülern und Eltern in deren Heim, der Reparatur von Büchern und Heften sowie der Durchführung verschiedener Versammlungen gewidmet.«
Am 12. Mai 1944 griffen "russische Banditen" mehrere Einrichtungen in Litauen an und plünderten sie, darunter:[604]
»Bei Bohumelischki Judenlager - 1592 - ca. 300 Frauen, Männer und Kinder, 5 bis 6 MPI, einige Gewehre.«
g. Arbeitsunfähige Juden im Ghetto von Brest
Es gibt noch andere Fälle von Ghettos, in denen ausschließlich arbeitsfähige Juden hätten wohnen dürfen, wo sich aber ein recht hoher Prozentsatz von alten Menschen und Kindern aufhielt. Im Ghetto von Brest gab es am 5. Juni 1942 unter jenen etwas mehr als 9000 Juden, deren Alter man kennt, 932 Greise von über 65 Jahren, die folgenden Altersgruppen angehörten:
|
Geburtsjahr |
Alter |
Anzahl Personen |
|
1872-1876 |
66-70 Jahre |
397 |
|
1867-1871 |
71-75 " |
309 |
|
1862-1866 |
76-80 " |
152 |
|
1857-1861 |
81-85 " |
57 |
|
1852-1856 |
86-90 " |
14 |
|
1850-1851 |
91-92 " |
3 |
|
|
Insgesamt: |
932 |
Im Ghetto gab es außerdem 380 Kinder von 15 Jahren (Geburtsjahr 1927), 128 von 14 Jahren (1928), 4 von 13 Jahren (1929), eines von 12 Jahren (1930), eines von 10 Jahren (1932) und zwei von 9 Jahren (1933).[605]
h. Arbeitsunfähige Juden im Ghetto von Minsk
In einer Liste von 878 Juden aus dem Ghetto von Minsk aus dem Jahre 1943 (der Monat ist nicht angegeben) befinden sich nicht weniger als 225 Kinder folgender Altersklassen:
|
Geburtsjahr |
Alter |
Anzahl Kinder |
|
1928 |
15 Jahre |
45 |
|
1929 |
14 |
28 |
|
1930 |
13 |
28 |
|
1931 |
12 |
17 |
|
1932 |
11 |
23 |
|
1933 |
10 |
10 |
|
1934 |
9 |
4 |
|
1935 |
8 |
9 |
|
1936 |
7 |
11 |
|
1937 |
6 |
17 |
|
1938 |
5 |
12 |
|
1939 |
4 |
17 |
|
1940 |
3 |
4 |
|
1941 |
2 |
2 |
|
|
Insgesamt: |
227 |
Die Liste enthält auch ein rundes Dutzend betagter Personen, von denen die älteste 1857 geboren und demnach 86 Jahre alt war.[606]
i. Überstellungen baltisch-jüdischer Kinder nach Stutthof
Im Sommer 1944 gingen zahlreiche Judentransporte aus dem - im Herbst 1943 in ein KL umgewandelten - früheren Ghettos von Kaunas (Litauen) sowie aus dem Ghetto von Riga (Lettland) nach Stutthof ab. Vom 12. Juli bis zum 14. Oktober trafen in jenem östlich von Danzig gelegenen Lager zehn Transporte mit insgesamt 10.458 Juden aus Kaunas sowie sechs Transporte mit insgesamt 14.585 Juden aus Riga ein.[607] Wie bereits früher festgehalten, befanden sich in diesen Transporten, deren Namenslisten fragmentarisch erhalten sind, etliche baltische (aber auch andere) Juden von 15 Jahren und darunter, die auf den Listen als Knabe bzw. Mädchen bezeichnet werden. Im Transport vom 12. Juli 1944, der 3.098 Deportierte umfaßte (510 davon sind namentlich bekannt), gab es 80 Kinder dieser Kategorie. Auf der Liste vom 19. Juli befanden sich unter 1.097 (bis auf zwei namentlich bekannten) Deportierten 88 Kinder. Folgende Tabelle vermittelt Aufschluß über die Zahl der Kinder sowie ihre jeweilige Altersgruppe:
|
Alter |
Transport vom 13.7.1944 |
Transport vom 19.7.1944 |
|
15 Jahre |
3 |
- |
|
14 Jahre |
7 |
4 |
|
13 Jahre |
4 |
28 |
|
12 Jahre |
8 |
13 |
|
11 Jahre |
2 |
6 |
|
10 Jahre |
4 |
9 |
|
9 Jahre |
10 |
2 |
|
8 Jahre |
4 |
6 |
|
7 Jahre |
5 |
7 |
|
6 Jahre |
9 |
8 |
|
5 Jahre |
7 |
- |
|
4 Jahre |
8 |
3 |
|
3 Jahre |
8 |
2 |
|
2 Jahre |
1 |
- |
|
Insgesamt: |
80 |
88 |
Am 26. Juli 1944 wurden aus Stutthof 1.983 Häftlinge nach Auschwitz überstellt, und zwar größtenteils litauische Juden. Unter ihnen waren 546 Mädchen, ebenfalls 546 Knaben sowie 801 »Frauen, bei denen es sich um die Mütter der Kinder handelte«.[608] Ein erheblicher Teil der Namensliste dieses Transportes ist erhalten. Von 1.488 Häftlingen, deren Alter bekannt ist, waren 850 Kinder folgender Altersgruppen:[609]
|
Geburtsjahr |
Alter |
Anzahl Kinder |
|
1929 |
15 Jahre |
31 |
|
1930 |
14 " |
117 |
|
1931 |
13 " |
146 |
|
1932 |
12 " |
94 |
|
1933 |
11 " |
36 |
|
1934 |
10 " |
61 |
|
1935 |
9 " |
26 |
|
1936 |
8 " |
58 |
|
1937 |
7 " |
44 |
|
1938 |
6 " |
61 |
|
1939 |
5 " |
54 |
|
1940 |
4 " |
60 |
|
1941 |
3 " |
52 |
|
1942 |
2 " |
8 |
|
1943 |
1 Jahr |
2 |
|
|
Insgesamt: |
850 |
Auf dieser Liste waren 24 der 80 im Transport vom 13. Juli erwähnten Kinder sowie 84 der 88 im Transport vom 19. Juli erwähnten verzeichnet.
Im am 10. September von Stutthof nach Auschwitz abgegangenen Transport, dessen Namensliste teilweise anhand des diesbezüglichen Einlieferungsbuches rekonstruiert werden konnte,[610] befanden sich wenigstens 345 größtenteils litauisch-jüdische Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, die sich wie folgt verteilten:
|
Geburtsjahr |
Alter |
Anzahl Kinder |
|
1927 |
17 Jahre[611] |
56 |
|
1928 |
16 " |
136 |
|
1929 |
15 " |
119 |
|
1930 |
14 " |
26 |
|
1931 |
13 " |
6 |
|
1932 |
12 " |
2 |
|
|
Insgesamt: |
345 |
Da die Transportlisten unvollständig sind, muß die Zahl der 1944 aus Kaunas und Riga überstellten Knaben und Mädchen in Wirklichkeit bedeutend höher gewesen sein als die rund 1.250 dokumentierbaren Fälle. Daß sich diese Kinder im Sommer 1944 in Kaunas und Riga aufgehalten hatten, widerlegt die Behauptung kategorisch, wonach die Einsatzgruppen eine totale Ausrottung der Juden, oder zumindest der nicht arbeitstauglichen unter ihnen betrieben hätten.
Doch gibt es einen noch zwingenderen Einwand gegen die Massenvernichtungsbehauptungen: Das Fehlen materieller Spuren.
Nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn und Winniza durch die Deutschen ging die Sowjetpropaganda zum Gegenangriff über, wobei sie sich vor allem zweier Mittel bediente: Sie versuchte, den Deutschen die vom sowjetischen Geheimdienst NKWD begangenen Untaten zur Last zu legen, und sie behauptete, Massengräber mit Opfern der Deutschen entdeckt zu haben.
Bekanntlich fanden die Deutschen am 13. April 1943 im Wald von Katyn unweit von Smolensk nach Hinweisen der örtlichen Bevölkerung sieben Massengräber mit insgesamt 4143 Leichen erschossener polnischer Offiziere. Zwischen April und Juni wurden diese von einer Kommission untersucht, welcher Mediziner aus 12 europäischen Ländern angehörten, ferner von einer Kommission des Polnischen Roten Kreuzes sowie kriegsgefangenen amerikanischen, britischen und kanadischen Offizieren. Die Deutschen veröffentlichten darauf ein außerordentlich gut dokumentiertes offizielles Dossier, das sämtliche forensischen Ergebnisse der Untersuchung, 80 Photos sowie die Namen der identifizierten Opfer enthielt.[612]
Die Massaker von Winniza (Ukraine) wurden von den Deutschen anfang Juni 1943 aufgedeckt. An drei verschiedenen Fundstätten fanden sie in insgesamt 97 Massengräbern die sterblichen Überreste von 9.432 Ukrainern, welche von den Sowjets ermordet worden waren. Nicht weniger als 14 Kommissionen, darunter 6 ausländische, untersuchten die Gräber im Zeitraum vom 24. Juni bis zum 25. August. Auch in diesem Falle publizierten die Deutschen die Ergebnisse der Untersuchungen in einer reichhaltigen Dokumentation von 282 Seiten mit 151 Bildern, forensischen Gutachten sowie Namen der Opfer.[613]
Nachdem die Sowjets die Gegend um Smolensk zurückerobert hatten, exhumierten sie die Leichen von Katyn ein zweites Mal und beriefen eine ausschließlich aus Sowjetbürgern bestehende Untersuchungskommission (die Burdenko-Kommission) ein, die das Massaker dann den Deutschen anlastete. Am 15. Januar 1944 lud diese Kommission auch eine Gruppe westlicher Journalisten ein.
Dieser großangelegte propagandistische Versuch zur Fälschung der Geschichte wird auch durch die 38 Dossiers mit Dokumenten zum Fall Katyn belegt, die sich heute im Archiv der russischen Föderation in Moskau befinden.[614] Beim Nürnberger Prozeß, wo die Sowjets das Verbrechen dreist den Deutschen in die Schuhe schoben, kam Katyn bei mehreren Sitzungen zur Sprache,[615] während der Massenmord von Winniza nur ein einziges Mal und ganz am Rande erwähnt wurde, und zwar vom bulgarischen Gerichtsmediziner Marko A. Markow, einem Mitglied der drei Jahre zuvor von den Deutschen einberufenen Untersuchungskommission zu Katyn.[616]
Um die Verbrechen von Katyn und Winniza vergessen zu machen oder zumindest zu verdrängen, führten die Sowjets eine gründliche Untersuchung sämtlicher tatsächlichen oder erfundenen Verbrechen durch, welche die Deutschen auf dem von der Roten Armee zurückeroberten Territorium begangen hatten. Zu diesem Zweck wurde buchstäblich an jedem Ort eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen. Da die Sowjets durch Katyn die enorme propagandistische Wirkung des Bildes kennengelernt hatten, fotografierten diese Kommissionen alle vorgefundenen Massengräber und Leichen. Waren die Leichen jedoch zu wenig zahlreich, so griffen sie zum Kniff, sie mehrere Male aus verschiedenen Winkeln aufzunehmen, um den Eindruck zu erwecken, ihre Anzahl sei größer.
Der Fall Osaritschi veranschaulicht diese Manipulationstechnik äußerst anschaulich.
Am 12. März 1944 befahl der Kommandeur der 35. Wehrmacht-Infanterie Division, Generalleutnant Richter, die weißrussische Zivilbevölkerung jener Gegend in zwei Lagern unweit der Ortschaft Osaritschi zu internieren. In diesen Lagern gab es keine Infrastruktur, und die Eingeschlossenen mußten bis zum 18. März, dem Tag ihrer Befreiung, unter freiem Himmel ausharren. Der deutsche Historiker Hans-Heinrich Nolte berichtet:[617]
»Die Lager wurden von der sowjetischen Propaganda aufgegriffen; mehrere Zeitungsartikel berichteten. Die "Außerordentliche Staatliche Kommission zur Feststellung der Verbrechen der deutsch-faschistischen Eroberer" sandte eine Untersuchungsgruppe.«
Zu dieser Untersuchungsgruppe gehörten Militärkorrespondenten, welche nach der Befreiung der beiden Lager zahlreiche Aufnahmen erstellten.[618] Die von den diversen sowjetischen Kommissionen feilgebotenen Opferzahlen divergieren wild und reichen von 8.000[619] über 9.000[620] bis hin zu 20.800,[621] 30.000,[622] 37.526,[623] ja 49.000.[624] Angeblich wurden 600 auf dem Erdboden liegende Leichname vorgefunden;[625] zudem soll im Lager 1 ein 100 m lange und 1,5 bis 2 m breites Massengrab entdeckt worden sein, in dem »eine Menge von Leichen« lag,[626] doch in einem anderen Bericht heißt es, die Häftlinge seien von den Deutschen gezwungen worden,[627]
»einen riesigen Graben von 6 × 3 × 2 m auszuheben, in welchen schon 15 Erschossene geworfen worden waren.«
Das Komitee für den Entwurf des Ehrenmals von Osaritschi behauptete, die Leichen seien entweder auf dem Erdboden liegen geblieben oder in offenen Gruben aufgehäuft worden:[628]
»Die Toten wurden nicht begraben: die noch lebenden Menschen hatten keine Kräfte dazu. Zuerst zwangen die Soldaten, die Wache hatten, die Leichen in die extra dafür ausgehobenen Gruben neben dem Zaun zu werfen oder zu stapeln. Aber mit jedem Tag gab es immer mehr Leichen, und sie blieben unter den Lebendigen liegen.«
Somit wurden die Leichen weder beseitigt noch verborgen, sondern konnten von jedermann gesehen werden. Als die Armeefotografen an Ort und Stelle eintrafen, fanden sie ein zwar schauerliches, doch eben nicht genügend schauerliches Schauspiel vor. Der herzzerreißendste Anblick war der einer Gruppe von sieben Leichen - vier Kinder und drei Erwachsene -, die in kurzem Abstand voneinander auf dem Boden lagen. Zu Propagandazwecken eignete sich dieser traurige Fund hervorragend, doch war die Zahl der Leichen zu klein. Deswegen griffen die Fotografen zu einem Trick: Sie nahmen die Leichname aus neun verschiedenen Winkeln auf, und die Fotos erwecken denn auch den Eindruck, man sehe darauf mehrere Dutzend Tote.[629] Eine einzelne Leiche, die etwas abseits von den restlichen lag, wurde viermal fotografiert.[630] Weitere vier Aufnahmen lassen zusätzliche sieben nicht weit von den übrigen entfernte Leichen erkennen.[631] Insgesamt zeigen die ersten 15 Fotografien, welche sicherlich die schrecklichsten im Lager vorgefundenen Szenen darstellen, 15 Leichen. Ein anderer schauriger Anblick war derjenige eines Grabens, von dem man auf der Aufnahme nur das Ende sieht; hinten ist er größtenteils leer, und vorne liegen 7 oder 8 Leichname. Das Bild paßt gut zu der zuvor beschriebenen Grube von 6 m × 3 m × 2m Größe und einem Inhalt von 15 Leichen.[632] Weitere 14 Fotos zeigen insgesamt 16 Leichen.[633]
Zweifellos war diese fotografische Dokumentation etwas zu mager, um den Tod von zwischen 8000 und 49.000 Menschen oder - was im Widerspruch zu diesen Zahlen steht - auch nur das Vorhandensein von 600 Leichen auf dem Lagergelände zu erhärten!
Ein nicht minder bezeichnender Fall ist Babi Jar. Wie wir bereits hervorgehoben haben, spricht ein Bericht der Einsatzgruppen von 33.711 dort erschossenen Juden. Laut der Enzyklopädie des Holocaust wurden die Leichen von einem aus 327 Mann bestehenden "Sonderkommando" zwischen dem 18. August und dem 19. September 1943 ausgegraben und verbrannt.[634]
Am 9. November 1944 befragte Major Lavrenko, Angehöriger der Kommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Kiew, den jüdischen Zeugen Vladimir K. Davidov. Dieser erklärte, er sei am 18. August 1943 zusammen mit 99 anderen - größtenteils gleichfalls jüdischen - Gefangenen aus dem 5 km von Kiew entfernten KL Siretzki ausgesondert worden. Die 100 Häftlinge seien nach Babi Jar geführt und dort gezwungen worden, die Leichen der 1941 erschossenen Juden auszugraben. In den Massengräben von Babi Jar hätten 70.000 Leichen gelegen. Die Gefangenen hätten diese ausgegraben und anschließend auf "Öfen" verbrannt, die aus - vom jüdischen Friedhof von Kiev herbeigeschafften - Granitblöcken mit darauf gelegten Eisenbahnschienen bestanden. Auf diese türmte man eine Schicht Holz und auf diese die Leichname, so daß ein riesiger, 10 bis 12 m hoher Leichenstapel entstand! Anfangs gab es bloß einen einzigen "Ofen", doch dann wurden deren 75 (in Worten: fünfundsiebzig) errichtet.
Die Knochen verbrannten nicht vollständig; sie wurden zerkleinert und in die Gräben geworfen, denen man die Leichen entnommen hatte. Der Zeuge berichtet:
»Am 25. und 26. September,[635] als die Arbeit fast schon abgeschlossen war, wurde angeordnet, einen weiteren Ofen zu errichten, auf dem wir selbst verbrannt werden sollten. Wir entnahmen dies der Tatsache, daß es in Babi Jar keine Leichen mehr gab, wir jedoch einen Ofen erbaut hatten.«
Um ihrer Ermordung zu entgehen, flüchteten Davidov und eine Anzahl seiner Genossen (35 bis 40) in der Nacht vom 28. auf den 29. September, wobei mindestens zehn von ihnen getötet wurden.[636]
Das Schwarzbuch von Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann faßt diese Zeugenaussage zusammen, ändert jedoch einige Zahlen ab.[637] Ganz offensichtlich entstammen die von der Enzyklopädie des Holocaust gemachten Angaben dieser Quelle.
Anscheinend ist dieser Vladimir K. Davidov der einzige Zeuge, der behauptet, an der Leichenverbrennung von Babi Jar teilgenommen zu haben. Seine Erzählung ist ganz und gar unglaubhaft. Die Zahl der Leichen - 70.000 - ist mehr als doppelt so hoch wie die der laut Einsatzmeldung Erschossenen, die an sich schon enorm überhöht ist. Die Geschichte von den 10 bis 12 m hohen Leichenbergen ist technisch absurd, wie wir im vierten Kapitel dargelegt haben. Die Behauptung, wonach 75 "Öfen" von der Art des ersten vom Zeugen beschriebenen errichtet worden sein sollen, steht im Widerspruch zu der von diesem angegebenen Opferzahl, denn dann wären (75× 3.000=) 225.000 Leichname zu verbrennen gewesen!
Was das Datum anbelangt, so behauptet der Zeuge, die Leichenverbrennung sei am 25. oder 26. September abgeschlossen gewesen. An diesen Tagen hätten die Häftlinge den letzten "Ofen" für sich selbst gebaut. Am 26. September erstellte die Luftwaffe eine Luftaufnahme der Gegend, in der sich Babi Jar befindet.
John Ball hat sie mit folgendem Kommentar veröffentlicht:
»Foto 2 - 26. September 1943:
Dieses Foto wurde eine Woche nach Beendigung der angeblichen Massenverbrennungen in der Schlucht[638] aufgenommen. Wenn 33.000 Menschen ausgegraben und verbrannt worden wären, müßten Fahrzeuge und Fußgänger in der Gegend zu sehen sein, wo der jüdische Friedhof an die Schlucht von Babi Jar grenzt. Doch ist keine Spur solcher Bewegungen zu erkennen, weder am Ende der schmalen Straße, welche vom Ende der Melnik-Straße zur Schlucht führt, noch auf dem Gras und Gesträuch auf dem Friedhof oder an dessen Seiten.«
Eine Vergrößerung derselben Aufnahme kommentiert Ball so:
»Foto 3 - 26. September 1943:
Eine Vergrößerung läßt keinen Hinweis darauf erkennen, daß zu jenem Zeitpunkt 325 Menschen in der Schlucht arbeiteten, welche die nur eine Woche zuvor begonnene Verbrennung von 33.000 Leichen beendeten. In diesem Fall hätte man viele Lastwagenladungen Brennstoff heranführen müssen, doch es gibt auf dem Gras und den Sträuchern am Rand des jüdischen Friedhofs oder in der Schlucht, wo die Leichen angeblich eingeäschert wurden, keine Reifenspuren.«
Ball folgert daraus:[639]
»Im Jahre 1943 entstandene Luftaufnahmen der Schlucht von Babi Jar und dem angrenzenden jüdischen Friedhof von Kiew belegen, daß weder der Boden noch die Vegetation gestört sind, wie dies zu erwarten gewesen wäre, wenn man im Verlauf der vorherigen Woche Material und Brennstoff für Hunderte von Arbeitern herbeigeschafft hätte, die innerhalb eines Monats Zehntausende von Leichen ausgegraben und verbrannt hatten.«
Diese Feststellungen haben um so größeren Wert, als laut dem einzigen Zeugen die Leichenverbrennung in Babi Jar am 25. oder 26. September beendet worden sein soll, also am gleichen Tag, an dem die Luftaufnahme erstellt wurde, oder am Tage zuvor. Das Schwarzbuch nennt ein sogar noch späteres Datum:[640]
»Am 28. September, als die Arbeit gerade abgeschlossen wurde, befahlen die Deutschen den Gefangenen, die Feuer anzuzünden.«
Unter Ansetzung der im vierten Kapitel genannten Daten hätte die Verbrennung von 33.711 Leichen rund 5.400 Tonnen Brennholz erfordert, und es wären dabei ca. 430 Tonnen Holzasche sowie ungefähr 190 Tonnen Menschenasche angefallen. Zudem hätte man vom jüdischen Friedhof einige Dutzend Tonnen Granit (Grabsteine und Denkmäler) nach Babi Jar und von dort aus wieder zurück transportieren müssen, um die Grundfesten der 75 "Öfen" zu errichten. All dies hätte, entsprächen die über Babi Jar aufgestellten Behauptungen der Wahrheit, auf der Luftaufnahme vom 26. September 1943 unübersehbare Spuren hinterlassen.
Nachdem die Sowjets Kiew zurückerobert hatten, begab sich eine Untersuchungskommission nach Babi Jar und machte einige Aufnahmen, die in einem Album verewigt wurden. Drei der Fotos zeigen angeblich eine erste und eine zweite »Zone, wo die Leichen verbrannt wurden«.[641] Auf einer anderen sieht man angeblich die »Reste der Öfen und die Grotte, in welche die Häftlinge, die die Leichen verbrannt hatten, geflüchtet waren«.[641] Diese Bildunterschriften sind recht phantastisch; die einzigen reellen, klar zu erkennbaren Gegenstände sind ein Paar verrottete Schuhe und einige Lumpen, die von den Sowjets gewissenhaft fotografiert und wie folgt beschrieben wurden:[641]
»Reste von Schuhen und Kleidungsstücken von durch die Deutschen erschossenen Sowjetbürgern«.
Somit bestand der wichtigste von den Sowjets am Tatort vorgefundene Sachbeweis für die Erschießung von 33.711 (oder 70.000) Juden sowie die spätere Ausgrabung und Verbrennung der Leichen in einem Paar Schuhen und einigen Lumpen! Wenn sich die Sowjets aber dermaßen große Mühe nahmen, Dinge zu dokumentieren, die mit der Anklage in keinem Zusammenhang standen, welchen Propagandawirbel hätten sie dann erst entfacht, hätten sie tatsächlich Massengräber mit insgesamt weit über einer Million ermordeter Juden (sowie unzähligen nichtjüdischen Opfern) entdeckt? Doch ein solcher Propagandawirbel blieb aus, denn die Sowjets fanden nichts, was mit den von den Deutschen in Katyn und Winniza gemachten Funden vergleichbar gewesen wäre! Der Einwand, sie seien nicht in der Lage gewesen, die Mordstätten zu lokalisieren, wäre ganz haltlos. Schließlich hatten die Deutschen in Winniza mit Hilfe der Zivilbevölkerung 97 Massengräber mit ermordeten Ukrainern vorgefunden. Wie wir im dritten Kapitel gesehen haben, orteten die Sowjets in der Gegend um Treblinka I drei Massen- und 13 Einzelgräber, und die Polen machten 41 Massengräber mit Seuchenopfern ausfindig.
Wenn also die Leichen der - um die Zahl Raul Hilbergs aufzugreifen - knapp anderthalb Millionen hauptsächlich von den Einsatzgruppen, aber auch von der Wehrmacht, der SS, den Polizeieinheiten und den Rumänen umgebrachten Sowjetjuden - sowie den unzähligen nichtjüdischen Opfern - nicht auffindbar waren, müssen sie beseitigt, d.h. verbrannt worden sein. Deshalb benötigten Justiz und Geschichtsschreibung die "Aktion 1005" oder "Sonderaktion 1005", auf die wir bereits im vierten Kapitel kurz eingegangen sind.
Dies wird implizit auch von der offiziellen Geschichtsschreibung eingeräumt:[642]
»Obwohl die Verbrennung der Leichen aus den Massengräbern die nationalsozialistischen Verbrechen nicht verbergen konnte, erschwerte sie es, die Details der Verbrechen und die Zahl der Opfer festzustellen. In vielen Fällen fanden die Kommissionen, die NS-Verbrechen in der Sowjetunion und Polen untersuchten, keine Spuren von Massengräbern, und Schätzungen erwiesen sich als schwierig.«
In anderen Worten: Ein materieller Beweis für den Massenmord an einer ungeheuren Zahl von Menschen, das "Corpus delicti", wurde nicht gefunden, doch dies ist ein bloßes "Detail"!
In dieser Hinsicht haben auch die jüngsten Untersuchungen zu negativen Ergebnissen geführt. Hierzu ein Beispiel. Laut einem Bericht des Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD. Einsatzkommando 3 vom 1. Dezember 1941 wurden in Mariampole (litauisch: Marijampol) am 1. September 1941 folgende Personen erschossen:[643]
»1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109 Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin.«
Unter Hinweis auf eine in der litauischen Zeitung Lietuvos Rytas erschienene Meldung berichtet Ernst Gauss:[644]
»Im Sommer 1996 beschloß die Stadt Marijampol, Litauen, eine Holocaust-Gedenkstätte für die angeblich dort von den deutschen Einsatzgruppen abgeschlachteten und verscharrten Zehntausende von Juden zu errichten. Um die Gedenkstätte am richtigen Ort zu erbauen, versuchte man die Lage der Massengräber zu ermitteln. Man grub an der von den Zeugen angegebenen Stelle, fand aber keine Spur.«
Jedesmal, wenn die Sowjets Leichen von Opfern der Deutschen entdeckt hatten, fotografierten sie diese, auch an wenig bekannten Orten wie dem Lager Siretzki in der Ukraine.[645] In Auschwitz-Birkenau fanden sie 536 Leichen vor, die alle autopsiert wurden.[646] Die Toten wurden in Anwesenheit zahlreicher Menschen feierlich beigesetzt. Dabei wurden Fotos aufgenommen, und viele Szenen wurden verfilmt.[647]
Wenden wir uns nun der Frage zu, was uns die offizielle Geschichtsschreibung über die angebliche "Aktion 1005" zu berichten weiß und auf welche Quellen sie sich dabei stützt. In dem bereits zitierten Artikel aus der Enzyklopädie des Holocaust heißt es:
»Aktion 1005. Deckname für ein Unternehmen, mit dem die Spuren des Mordes an Millionen Menschen im besetzten Europa verwischt werden sollten.«
Der Entscheid, diese Aktion anlaufen zu lassen, soll in Berlin anfang 1942 gefällt worden sein. Als Beweis wird ein vom 20. Februar 1942 stammender Brief des Gestapochefs Heinrich Müller an Martin Luther vom Auswärtigen Amt angeführt,[648] in dem es um die ungenügende Bestattung von Leichen ging und der geschrieben worden sein soll, nachdem Müller »eine Beschwerde über die Leichen im Warthegau erhalten hatte«.[649] Dieser Brief trägt das Aktenzeichen »IV B 4 43/42 gRs (1005)«,[650] und die angebliche "Aktion 1005" soll ihren Namen nach diesem Dokument erhalten haben!
Doch schreibt Alfred Streim, der den betreffenden Brief aus erster Hand zitiert:
»Himmler befahl am 20.11.1942 dem SS-Gruppenführer Müller, Amtschef IV im RSHA, schriftlich (ZSt. Dok. Slg. Ordner 3, Bl. 583): "...Sie haben mir dafür zu garantieren, daß an jeder Stelle die Leichname dieser verstorbenen Juden entweder verbrannt oder vergraben werden, und daß an keiner Stelle mit den Leichnamen irgend etwas anderes geschehen kann..."«
Er sagt nicht, dieses Schreiben habe den Briefkopf »IV B 4 43/42 gRs (1005)« getragen, weist ihr nicht die Bezeichnung "1005" zu und beschränkt sich auf folgende Bemerkung:[651]
»Das Unternehmen erhielt - nach einem Geschäftszeichen des RSHA - die Bezeichnung "1005".«
Der betreffende Brief stammt also vom 20. November 1942 und nicht vom 20. Februar. Dies würde bedeuten, daß die Bezeichnung "1005" der Aktion volle fünf Monate nach ihrem Auftakt zugewiesen worden wäre! Andererseits ist im Brief von »toten« und nicht von "erschossenen" oder "umgebrachten" Juden die Rede. Zudem konnte die Beseitigung der Leichen durch Kremierung oder Begraben erfolgen, was bedeutet, daß der Himmler-Brief in keinem Zusammenhang mit der Ausgrabung und Verbrennung der Leichen erschossener Juden zu stehen braucht und wir es hier mit einem primitiven Schwindel zu tun haben.
Gemäß der offiziellen Geschichtsschreibung[652] übernahm SS-Standartenführer Paul Blobel die Leitung der "Aktion 1005" und »begann die Operation mit Versuchen, die Leichen im Vernichtungslager Chelmno zu verbrennen«.[652] In der Anfangsphase sollen die Leichen in den angeblichen östlichen Vernichtungslagern ausgegraben und verbrannt worden sein. Mit dieser Frage haben wir uns am Fallbeispiel Treblinkas im 4. Kapitel ausführlich beschäftigt.
Die zweite Phase soll von Anfang Juni 1943 bis Ende Juli 1944 gedauert haben. In ihrem Verlauf sollen die Massengräber auf sowjetischem und polnischem Gebiet geleert und die Spuren der Massaker verwischt worden sein.
Die Enzyklopädie des Holocaust zeigt eine Karte mit den wichtigsten Orten, wo sich diese Aktivitäten abgespielt haben sollen. Es handelt sich um ein riesiges Gebiet, das sich von Nord nach Süd über ca. 1500 km (vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer) und von West nach Ost über rund 1300 km (von Westpolen bis zur deutsch-sowjetischen Front) hinzieht.[653] Angefangen beim Lager Janowska bei Lemberg soll jedem Gebiet ein eigenes "Sonderkommando 1005" zugewiesen worden sein, das aus Offizieren des Sicherheitsdienstes sowie der Sicherheitspolizei, aus Männern der Ordnungspolizei sowie aus Dutzenden oder Hunderten von - meist jüdischen - Häftlingen bestand, welchen die manuelle Durchführung der Arbeit oblag. In Kiew sollen das "Sonderkommando 1005-A" sowie das "Sonderkommando 1005-B" tätig gewesen sein. Beide, so heißt es, seien dann versetzt worden. Das "Sonderkommando 1005-Mitte" habe seine Arbeit in Minsk begonnen. Weitere "Sonderkommandos 1005" seien in Litauen, in Estland, im Bezirk Białystok, im Generalgouvernement sowie in Jugoslawien eingesetzt worden.[654]
Bedenkt man nun, daß allein die Einsatzgruppen nach der ausführlichsten zu diesem Thema vorliegenden Studie 2.200.000 Menschen (Juden und Nichtjuden) erschossen haben sollen,[655] daß auch der Wehrmacht, der SS und den Polizeieinheiten Hunderttausende von Morden angelastet werden und daß - wie bereits hervorgehoben - weder die Sowjets noch die Polen Massengräber mit auch nur einigen tausend Leichen vorgefunden haben, müssen die "Sonderkommandos 1005" zwischen zweieinhalb und drei Millionen Leichen ausgegraben und verbrannt haben. Dies bedeutet, daß sie innerhalb eines Zeitraums von 13 Monaten Tausende von Gräbern an Hunderten von Orten leeren mußten, die über ein gewaltiges Gebiet verstreut waren - und dies alles, ohne materielle und dokumentarische Spuren zu hinterlassen! Freilich wäre die Lokalisierung Tausender von Massengräbern auf einem Territorium von mehr als 1,2 Millionen Quadratkilometern ohne Tausende von Landkarten, auf denen die Gräber markiert waren, nicht durchführbar gewesen, doch weder werden solche Karten in auch nur einem Einsatzgruppenbericht erwähnt, noch hat man unter den von den Siegern des Zweiten Weltkriegs erbeuteten deutschen Dokumenten je welche gefunden. Und wenn - wie die Zeugen berichten - ungeachtet der Luftschutzbestimmungen Tausende von Scheiterhaufen auch nachts brannten, hat kein sowjetisches Aufklärungsflugzeug diese entdeckt und fotografiert - denn sonst wären die Aufnahmen gleich propagandistisch ausgeschlachtet worden.
Thomas Sandkühler untertreibt hierzu:[656]
»Wegen der strengen Geheimhaltung der "Aktion 1005" sind schriftliche Quellen hierzu sehr rar.«
In anderen Worten, es gibt keine! Sandkühlers Aussage spiegelt die tödliche Verlegenheit wider, welche die orthodoxen Historiker angesichts dieser Ungeheuerlichkeit empfinden, und liefert zugleich die übliche abgedroschene Erklärung: Die Dokumente existieren »wegen der strengen Geheimhaltung« nicht! Diese Hypothese steht im schroffen Gegensatz zu einer Tatsache, die Gerald Reitlinger wie folgt beschreibt:[657]
»Von den ursprünglich ausgegebenen Berichten [der Einsatzgruppen] erschienen im ganzen fast 200; die Verteilerliste zeugt für eine Auflage, die zwischen 60 und 200 Stück schwankt. [...] Es ist nicht leicht zu verstehen, warum die Mörder eigentlich so reichhaltige Beweise für ihre Taten hinterließen.«
Die Ereignismeldungen UdSSR umfassen insgesamt »über 2900 Schreibmaschinenseiten«,[658] und jede davon wurde in einer Mindestauflage von 30 Ausfertigungen verteilt. Die Deutschen sollen also Zehntausende von Seiten mit Dokumenten über die von den Einsatzgruppen verübten Massenerschießungen verteilt, dann ganz plötzlich die Notwendigkeit der Ausgrabung und Verbrennung der Leichen begriffen, aber vergessen haben, die belastenden Urkunden zu vernichten!
Tatsache ist, daß die Geschichte von der "Aktion 1005" auf einigen wenigen, dazu ganz unzuverlässigen Zeugenaussagen beruht. Die ersten davon wurden von sowjetischen Kommissionen oder Journalisten gesammelt und im von Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann herausgegebenen Schwarzbuch abgedruckt. Bei diesem handelt es sich um eine propagandistische Sammlung von Erzählungen angeblicher Augenzeugen. Abgesehen von dem bereits erwähnten Vladimir K. Davidov findet man hier die (aus zweiter Hand stammenden) Aussagen von Shimon Ariel und Zalma Edelman über Białystok,[659] einiger ihren eigenen Angaben nach aus Kaunas Entronnener[660] sowie eines Y. Farber über Ponari (Litauen).[661] Diese Zeugen wissen nichts von einer "Aktion 1005" oder einem "Sonderkommando 1005" zu berichten.
Die Bezeichnung "Sonderkommando 1005" wurde von den Sowjets erfunden. Anläßlich der Verhandlung vom 19. Februar 1946 las Oberjustizrat Smirnow beim Nürnberger Prozeß Auszüge aus dem Protokoll »eines Verhörs von Gerhard Adametz durch einen Leutnant der amerikanischen Armee, Leutnant Patrick McMahon« vor, in dem von den Aktivitäten der "Sonderkommandos 1005a" und "1005b" die Rede war.[662]
1946 erschien in Lodz die von Leon Weliczker verfaßte Schrift Brygada Śmierci (Die Todesbrigade), der längste und detaillierteste Zeugenbericht über die "Brigade 1005", den Thomas Sandkühler, wiederum höflich untertreibend, wie folgt beurteilt:[663]
»Die erschütternden Aufzeichnungen von Weliczker haben nur geringen Beweiswert.«
Anders gesagt, sie haben keinen!
Der SS-Standartenführer Paul Blobel war diesen Zeugen noch unbekannt. Mit der "Aktion 1005" wurde er von einem Erwin Schulz in Verbindung gebracht, der vom Beginn des Rußlandfeldzugs bis zum September 1941 Leiter des Einsatzkommandos V der Einsatzgruppe C der Sicherheitspolizei gewesen war und SS-Brigadeführer Rasch unterstanden hatte. Schulz kannte den Namen der angeblichen Riesenoperation zur Ausgrabung und Verbrennung der Leichen noch nicht, denn dieser wurde erst 1947 festgelegt. Am 20. Dezember 1945 sagte er aus:[664]
»Etwa 1943 erfuhr ich in meiner Tätigkeit als Amtschef I des RSHA, daß der SS-Standartenführer Blobel zu dieser Zeit in den von der Wehrmacht zu räumenden Gebieten die Massengräber der Erschossenen und Liquidierten unkenntlich zu machen hatte. Wenn ich mich recht erinnere, war die Deckbezeichnung für diese Massengräber "Wasserstellen".«
Nun galt es nur noch, die einzelnen Teile zusammenzusetzen.
Im November 1946 schrieb Rudolf Höß im Krakauer Gefängnis:[665]
»Standartenführer Blobel war beauftragt, alle Massengräber im gesamten Ostraum ausfindig zu machen und zu beseitigen. Sein Arbeitsstab hatte die Deckbezeichnung "1005".«
Schließlich hielt es Paul Blobel bei den Voruntersuchungen des Prozesses gegen die Einsatzgruppen, der in Nürnberg vom 29. September 1947 bis zum 12. Februar 1948 stattfand, für angezeigt, das zu "gestehen", was für die Ankläger bereits zur "von Amts wegen festgestellten Tatsache" geworden war. In einer am 6. Juni 1947 in Nürnberg abgegebenen "eidesstattlichen Erklärung" gab er zu Protokoll:[666]
»Im Juni 1941 wurde ich Chef des Sonderkommandos 4 A. Dieses Sonderkommando war der Einsatzgruppe C zugeteilt, letztere stand unter dem Befehl von Dr. Rasch. Das mir zugeteilte Einsatzgebiet lag im Bereich der 6. Armee, die von Feldmarschall von Reichenau kommandiert wurde. Im Januar 1942 wurde ich als Chef des Sonderkommandos 4 A abgelöst und wurde nach Berlin strafversetzt. Dort blieb ich eine zeitlang unbeschäftigt. Ich stand unter Aufsicht des Amtes IV, unter dem ehemaligen Gruppenführer Müller.
Ich bekam im Herbst 1942 die Aufgabe, als Beauftragter Müllers in die besetzten Ostgebiete zu fahren und die Spuren der Massengräber, die von den Hinrichtungen der Einsatzgruppen stammten, zu verwischen. Diese Aufgabe hatte ich bis zum Sommer 1944.«
Allem Anschein nach waren die amerikanischen Inquisitoren mit diesem "Geständnis" unzufrieden und zwangen Blobel, eine weitere "Eidesstattliche Erklärung" abzugeben. Diesmal äußerte er sich ausführlicher:[667]
»Nachdem ich von dieser Aufgabe abgelöst worden war, hatte ich mich in Berlin bei SS Obergruppenführer Heydrich und Gruppenführer Müller zu melden und wurde im Juni 1942 von Gruppenführer Müller mit der Aufgabe betraut, die Spuren von Exekutionen der Einsatzgruppen im Osten zu verwischen. Mein Befehl lautete, mich persönlich bei den Befehlshabern der Sicherheitspolizei und SD zu melden und ihnen Müllers Anordnung mündlich weiterzugeben und die Durchführung zu beaufsichtigen. Dieser Befehl war Geheime Reichssache, und es wurde von Gruppenführer Müller angeordnet, daß wegen der strengsten Geheimhaltung dieser Aufgabe keinerlei Schriftwechsel geführt werden dürften.«
Diese Version, mit dem neuen Datum (»im Juni 1942« statt »im Herbst 1942«) wurde zum Angelpunkt der offiziellen Geschichtsschreibung erhoben. Daß Blobel in keiner seiner beiden Erklärungen von einer "Aktion 1005" oder einem "Sonderkommando 1005" gesprochen hatte, spielte keine Rolle, denn diese kleine Lücke wurde ja von den Historikern geschlossen!
Mit dem hier Gesagten wollen wir wohlverstanden nicht behaupten, es habe keine Öffnung von Massengräbern und Verbrennung von Leichen gegeben, genau so wenig wie wir behaupten, daß es keine Judenerschießungen gab. Sehr wohl in Frage stellen wir aber den riesigen Umfang, den die offizielle Geschichtsschreibung diesen Ereignissen andichtet.
5. Das Schicksal der westlichen Juden im Osten
Die in die besetzten Ostgebiete deportierten westlichen Juden teilten, wenigstens zu Beginn, das Schicksal der "Sowjetjuden" nicht. Christopher R. Browning räumt ein:[668]
»Indem Hitler beschloß, alle russischen Juden zu töten,[669] durchbrach er den Teufelskreis, der darin bestand, daß mit jedem neuen militärischen Erfolg eine stetig wachsende Zahl von Juden unter deutsche Kontrolle geriet. Doch die Judenpolitik der Nazis im restlichen Europa erfuhr dadurch keinen unmittelbaren Wandel. Man sprach auch weiterhin von Auswanderung, Abschiebung und Plänen für eine künftige jüdische Heimstatt.«
In dem bereits erwähnten »Gesamtbericht vom 16. Oktober 1941 bis 31. Januar 1942« steht ein Abschnitt zum Thema »Juden aus dem Reich«, in dem es heißt:[670]
»Seit Dezember 1940 [richtig: 1941] trafen aus dem Reich in kurzen Abständen Judentransporte ein. Davon wurden 20.000 Juden nach Riga und 7.000 Juden nach Minsk geleitet. Die ersten 10.000 nach Riga evakuierten Juden wurden z.T. in einem provisorischen Auffanglager, z.T. in einem neu errichteten Barackenlager in der Nähe von Riga untergebracht. Die übrigen Transporte sind zunächst in einen abgetrennten Teil des Rigaer Ghettos eingewiesen worden.
Der Bau des Barackenlagers wird unter Einsatz aller arbeitsfähiger Juden so weiter geführt, daß im Frühjahr alle evakuierten Juden, die den Winter überstehen, in dieses Lager eingewiesen werden können.
Von den Juden aus dem Reich ist nur ein geringer Teil arbeitsfähig. Etwa 70-80% sind Frauen und Kinder sowie alte, arbeitsunfähige Personen. Die Sterblichkeitsziffer steigt ständig, auch infolge des außergewöhnlich harten Winters
Die Leistungen der wenigen arbeitsfähigen Juden aus dem Reich sind zufriedenstellend. Sie sind als Arbeitskräfte auf Grund ihrer deutschen Sprache und ihrer verhältnsmäßig größeren Sauberkeit mehr begehrt als die russischen Juden. Bemerkenswert ist die Anpassungsfähigkeit der Juden, mit der sie ihr Leben den Umständen entsprechend zu gestalten versuchen.
Die in allen Ghettos vorhandene Zusammendrängung der Juden auf kleinstem Raum bedingt naturgemäß eine größere Seuchengefahr, der durch den Einsatz jüdischer Ärzte weitestgehend entgegengewirkt wird. In einzelnen Fällen wurden ansteckend erkrankte Juden unter dem Vorwand, in ein jüdisches Altersheim oder Krankenhaus verbracht zu werden, ausgesondert und exekutiert.«
In einem vom 21. Juli 1942 stammenden Brief Reichskommissar Lohses an den Standartenführer Siegert vom RSHA heißt es bezüglich eines »Arbeitserziehungslagers« in Lettland:[671]
»Von den aus dem Reich evakuierten Juden befinden sich z.Zt. noch 400 in dem Lager und werden bei Transport- und Erdarbeiten eingesetzt. Die übrigen nach Riga evakuierten Juden sind anderweitig untergebracht worden«
Diese westlichen Juden wurden also, obgleich sie mehrheitlich arbeitsuntauglich waren, keineswegs systematisch umgebracht. Dies steht in auffälligem Gegensatz zu den im selben Bericht geschilderten, von uns bereits erwähnten angeblichen Massenliquidierungen einheimischer Juden Lettlands.
Zweifellos war die natürliche Sterblichkeit unter diesen Juden sehr hoch, und gelegentlich liefen sie auch Gefahr, umgebracht zu werden, doch ein Teil von ihnen hat den Krieg überlebt. Auf den fragmentarschen Namenslisten der im Sommer 1944 aus Kaunas und Riga nach Stutthof deportierten Juden befinden sich wenigstens 959 deutsche Juden. Einer von ihnen, Berthold Neufeldt, war am 17. Juni 1936 geboren;[672] er war also im Alter von 5 oder 6 Jahren deportiert worden und im Sommer 1944 noch am Leben.
Außerdem kennt man wenigstens 102 Überlebende der Judendeportation von Theresienstadt nach Riga vom 9. Januar 1942 sowie 15 Überlebende der Deportation vom 15. Januar desselben Jahres, zudem 40 der Deportation vom 1. September 1942 ins estnische Raasiku. Diese Juden wurden an folgenden Orten befreit:
Bergen-Belsen, Bratislava, Bromberg, Buchenwald, Burggraben, Bydhost, Dachau, Danzig, Gottendorf, Gottenhof, Hamburg, Jagala, Kaiserswald, Kattowitz, Kaufering, Kieblasse, Kiel, Langenstein, Lauenburg, Libau, Magdeburg, Neuengamme, Neustadt, Raasiku, Raguhn, Riga, Sachsenhausen, Salaspis, Sophienwalde, Straßenhof, Stutthof, Terezin (Theresienstadt), Torun. Außerdem wurden 7 Überlebende des Transports von Theresienstadt nach Minsk vom 16. November 1941 in Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau, Flossenbürg und Theresienstadt befreit.[673] Die Überstellungen hatten nicht einzelne Personen, sondern ganze Gruppen erfaßt, die eine gewisse Stärke aufweisen mußten, denn beispielsweise wurden in Magdeburg Juden aus dem Transport vom 15. Januar 1942 sowie 5 aus jenem vom 9. Januar befreit, in Buchenwald 3 Juden aus dem Transport vom 15. Januar und 7 aus jenem vom 9. Januar.
Diese Menschen hatten auch die katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen überlebt, die 1945 in den deutschen Lagern herrschten. Somit muß die Zahl der Überlebenden 1944 noch bedeutend höher gewesen sein.
Fußnoten
| [575] | Raul Hilberg, aaO. (Anm. 17), S. 302 ff. Vom 15. Oktober 1941 bis zum 1. Februar 1942 sank die Stärke der Einsatzgruppe A von 990 auf 909 Mann; der Prozentsatz an Kombattenten fiel von 725 Mann (=73,2% der Gesamtstärke) auf 588 (64,7%). Ebenda, S. 303, sowie RVA, 500-4-92, S. 183, »Gesamtstärke der Einsatzgruppe A am 1. Februar 1942«. |
| [576] | PS-3710. - Allerdings schrieb Alfred Streim, Leiter der Ludwigsburger Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, hierzu: »Ohlendorffs Aussagen und Einlassungen über die Eröffnung des "Führerbefehls" [...] sind falsch. Im Einsatzgruppen-Prozeß konnte der ehemalige Chef der Einsatzgruppe D seine Mitangeklagten dazu bewegen, sich einer von ihm aufgestellten Verteidigungslinie zu unterwerfen mit dem Hinweis, wenn man von Anfang an die Vernichtungsaktionen gegen die Juden auf "Führerbefehl" durchgeführt habe, könnte man mit einem milderen Urteil rechnen.« (A. Streim, »Zur Eröffnung des allgemeinen Judenvernichtungsbefehls gegenüber den Einsatzgruppen«, in: E. Jäckel, J. Rohwer, aaO. (Anm. 272), S. 303.) |
| [577] | Raul Hilberg, aaO. (Anm. 17), S. 303. |
| [578] | Ebenda, S. 409ff. |
| [579] | Arthur Butz, aaO. (Anm. 105), S. 198. |
| [580] | Udo Walendy, »Einsatzgruppen im Verbande des Heeres. 1. Teil«, in: Historische Tatsachen Nr. 16, Vlotho 1983, S. 5. Der zweite Teil dieser Studie erschien in Nr. 17 derselben Zeitschrift (1983). |
| [581] | Siehe Kapitel VI, Absatz 6. |
| [582] | Siehe Kapitel VIII, Absatz 5. |
| [583] | PS-1024. |
| [584] | PS-1028. |
| [585] | In: Grüne Mappe, aaO. (Anm. 540), S. 348f. |
| [586] | Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 6 der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der UdSSR (Berichtszeit vom 1. bis 31.10. 1941). RGVA, 500-1-25/1, S. 221f. |
| [587] | Arno Mayer, Soluzione Finale. Lo sterminio degli ebrei nella storia europea, Mondadori, Mailand 1990, S. 277. |
| [588] | »Einsatzgruppe A. Gesamtbericht vom 16. Oktober 1941 bis 31. Januar 1942«, RGVA, 500-4-92, S. 57-59. |
| [589] | Ebenda, S. 184. |
| [590] | Ebenda, S. 59-61. |
| [591] | G. Reitlinger, Die Endlösung, aaO. (Anm. 177), S. 248, sowie NO-5194. |
| [592] | Von Manstein wurde von der Anklage der Mittäterschaft bei Judenmassakern freigesprochen, doch für schuldig befunden, das Leben der Zivilbevölkerung nicht geschützt zu haben, und am 19. Dezember zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Strafmaß wurde später auf 12 Jahre herabgesetzt, und im Mai 1953 wurde von Manstein freigelassen. |
| [593] | Reginald T. Paget, Manstein. Seine Feldzüge und sein Prozeß, Limes Verlag, Wiesbaden 1952, S. 198f. |
| [594] | 102-R. IMG, Bd. XXXVIII, S. 292f. |
| [595] | Udo Walendy, »Babi Jar - Die Schlucht "mit 33.711 ermordeten Juden"?«, in: Historische Tatsachen Nr. 51, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho 1992. Herbert Tiedemann, »Babi Jar: Kritische Fragen und Anmerkungen«, in: Ernst Gauss (Hg.), aaO. (Anm. 80), S. 375-399. |
| [596] | Einsatzgruppe A. Gesamtbericht vom 16. Oktober bis 31. Januar 1942. RGVA, 500-4-92, S. 60f. |
| [597] | Vilnius Ghetto: List of Prisoners, Volume 1. Vilnius 1996, S. 212, Nr. 163. (Text in litauischer, russischer und englischer Sprache.) |
| [598] | Ebenda, S. 85. |
| [599] | Ebenda, S. 150. |
| [600] | Ebenda, S. 213. |
| [601] | Ebenda, S. 329. |
| [602] | Abraham Foxman, »Vilna - Story of a Ghetto«, in: Jacob Glatstein, Israel Knox, Samuel Marghoshes (Hg.), Anthology of Holocaust Literature, Atheneum, New York 1968, S. 90f. |
| [603] | Jacob Gens, Chef des Judenrats von Vilnius. |
| [604] | »Meldung der Sipo Kauen« vom 12. 5. 1944. RGVA, 504-1-7, S. 41. |
| [605] | Raissa A. Tschernoglasova, Tragedja Evreev Belorussi v 1941-1944 godach, Minsk 1997, S. 274-378. |
| [606] | Judenfrei! Svobodno ot Evreev!, aaO. (Anm. 569), S. 289-310. |
| [607] | Vgl. die Transportlisten in: Jürgen Graf und C. Mattogno, Das Konzentrationslager Stutthof und seine Funktion in der nationalsozialistischen Judenpolitik, Castle Hill Publishers, Hastings 1999, S. 29. |
| [608] | Fernspruch des Kommandanten von Stutthof, Paul Hoppe, an den Kommandanten von Auschwitz vom 26. 7. 1944. AMS, I-IIC4, S. 94. "Übernahmeverhandlung" des Transports vom 26 und 27. Juli 1944. AMS, I-IIC-3, S. 43. |
| [609] | AMS, I-IIC-3, Namensliste des Transports vom 26.7. 1944. |
| [610] | AMS, Transportliste, Mikrofilm 262. |
| [611] | Die 17-jährigen waren 14 Jahre alt gewesen, als die Einsatzgruppen in Litauen einrückten. |
| [612] | Amtliches Material zum Massenmord von Katyn, Berlin 1943. |
| [613] | Amtliches Material zum Massenmord von Winniza, Berlin 1944. |
| [614] | GARF, 7021-114-1/38. |
| [615] | Siehe z.B. IMG, Bd. VII, S. 470 (Schlußfolgerungen der sowjetischen Untersuchungskommission), sowie Dokument URSS-54. Vgl. auch Robert Faurisson, »Katyn à Nuremberg«, Revue d'Histoire Révisionniste, August-September-Oktober 1990, S. 138-144. |
| [616] | IMG, Bd. XVI, S. 391. Markow wurde vom sowjetischen Oberjustizrat Smirnow verhört und machte die gewünschten Aussagen, welche die Ergebnisse der deutschen Untersuchungskommission entkräften sollten. |
| [617] | Geiseln der Wehrmacht. Osaritschi, das Todeslager. Dokumente und Belege, Nationalarchiv der Republik Belarus, Minsk 1999 (Buch in russischer und deutscher Sprache), S. 272. |
| [618] | Ebenda, S. 14. |
| [619] | Ebenda, S. 36. |
| [620] | Ebenda, S. 34. |
| [621] | Ebenda, S. 146. Hier heißt es, von 52.000 Internierten seien 40% umgekommen. |
| [622] | Ebenda, S. 154. |
| [623] | Ebenda, S. 38. Hier heißt es, von 70.960 Internierten hätten 33.434 überlebt. |
| [624] | Ebenda, S. 148-150. Hier heißt es, von 70.000 Internierten seien 70% gestorben. |
| [625] | Ebenda, S. 50. |
| [626] | Ebenda, S. 34. |
| [627] | Ebenda, S. 44. |
| [628] | Ebenda, S. 8. |
| [629] | Ebenda, Fotos 1-8 sowie 11, Fotodokumente auf nichtnumerierten Seiten. |
| [630] | Ebenda, Fotos 8-11. |
| [631] | Ebenda, Fotos 12-15. |
| [632] | Ebenda, Foto 22. |
| [633] | Ebenda, Fotos 16-21, 22-26, 28, 31f. Foto 18, »Leiche eines unbekannten Mädchens«, läßt einen auf Stroh ausgebreiteten Leichnam erkennen, dessen Gesicht sich in fortgeschrittenem Verwesungszustand befindet. Im Hintergrund sieht man die beiden ersten Balken einer Holzbaracke. Diese Aufnahme hat nichts mit Osaritschi zu tun: Erstens verwest eine Leiche im noch kalten weißrussischen März (auf fast allen Aufnahmen sieht man Schnee) nicht innerhalb einer Woche, und zweitens gab es in den beiden Lagern von Osaritschi keine Baracken. |
| [634] | Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 18), Bd. I, S. 145. |
| [635] | Im Text steht »August«, was jedoch ein offensichtlicher Irrtum ist. Vier Zeilen später ist im Zusammenhang mit der Flucht der Häftlinge vom September die Rede. |
| [636] | GARF, 7021-65-6. |
| [637] | I. Ehrenburg, V. Grossman, Le Livre Noir, aaO. (Anm. 23), S. 80f. Laut dem Schwarzbuch waren nicht 100, sondern 300 Häftlinge zum Ausgraben der Leichen eingesetzt worden; die "Öfen" faßten 2000 Leichen statt 3000; von den Geflohenen wurden nicht 10, sondern 280 umgebracht. |
| [638] | »Jar« ist russisch für Schlucht. |
| [639] | John Ball, Air Photo Evidence, aaO. (Anm. 98), S. 107f . |
| [640] | I. Ehrenburg, V. Grossman, Le Livre Noir, aaO. (Anm. 23), S. 81. |
| [641] | GARF, 128-132. Fotoalbum ohne Seitennumerierung. |
| [642] | Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 18), Bd. I, S. 13f. |
| [643] | RGVA, 500-1-25/1, S. 151. |
| [644] | Dissecting the Holocaust, aaO. (Anm. 95), S. 44. |
| [645] | GARF, 128-132, Fotoalbum ohne Seitennumerierung. Drei der Aufnahmen zeigen einige Dutzend auf dem Boden ausgebreitete Leichen, eine weitere läßt einen »teils mit Leichnamen gefüllten Graben« erkennen. |
| [646] | GARF, 7021-108-21. Sammlung der einzelnen Autopsieberichte. |
| [647] | Vgl. dazu die Aufnahmen in KL Auschwitz. Fotografie dokumentalne, Krajowa Agencja Wydawnicza, Warschau 1980, S. 228f. |
| [648] | Laut C. Gerlach wurde dieser Brief von Himmler an Müller geschrieben! (aaO. (Anm. 415), S. 773.) |
| [649] | Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 18), Artikel »Aktion 1005«, Bd. I, S. 10. |
| [650] | Thomas Sandkühler, Endlösung in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944, Verlag H.J.V. Dietz Nachfolger, Bonn 1996, S. 277. |
| [651] | A. Streim, »Die Verbrechen der Einsatzgruppen in der Sowjetunion«, in: A. Rückerl (Hg.), NS-Prozesse, aaO. (Anm. 247), S. 78. |
| [652] | Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 18), Artikel »Aktion 1005«, Bd. 1. S. 10. |
| [653] | Ebenda, S. 10f. |
| [654] | Ebenda, S. 10-14. |
| [655] | H. Krausnick, Hans Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1981, S. 621. |
| [656] | T. Sandkühler, aaO. (Anm. 650), S. 278. |
| [657] | G. Reitlinger, Die Endlösung, aaO. (Anm. 177), S. 225. |
| [658] | H. Krausnick, H.H. Wilhelm, aaO. (Anm. 655), S. 333. |
| [659] | I. Ehrenburg, V. Grossman, Le Livre Noir, aaO. (Anm. 23), S. 434-439. |
| [660] | Ebenda, S. 634-636. |
| [661] | Ebenda, S. 827-851. |
| [662] | IMG, Bd. VII, S. 650-655, Dokument URSS-80. |
| [663] | T. Sandkühler, aaO. (Anm. 650), S. 522, |
| [664] | NO-3841. |
| [665] | Martin Broszat (Hg.), Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, DTV, München 1981, S. 162. Der einschlägige Abschnitt wurde als Dokument NO-4498b in Nürnberg vorgelegt. |
| [666] | NO-3842. |
| [667] | NO-3947. |
| [668] | Christopher R. Browning, »La décision concernant la solution finale«, in: L'Allemagne nazie et le génocide juif, aaO. (Anm. 249), S. 198. |
| [669] | Für einen solchen Beschluß gibt es, wie bereits betont, keinerlei Beweise. |
| [670] | RGVA, 500-4-92, S. 64. |
| [671] | RGVA, 504-2-8, S. 192. |
| [672] | AMS, I-IIB-10, S. 176. |
| [673] | Diese Angaben sind dem bereits zitierten Buch Terezínská pamĕtní kniha, aaO. (Anm. 569), entnommen. |