• Augenzeugenbericht Nr. 12: Salmen Lewenthal

    In ihrem einleitenden Kommentar zu Salmen Lewenthals Handschrift schreiben Jadwige Bezwinska und Danuta Czech (1):

    Am 17. Oktober 1962 wurde bei dem in der Nähe der Ruinen des Krematoriums III in Birkenau vorgenommenen Suchen neben der Gaskammer ein Einmachglas von ungefähr einem halben Liter Inhalt mit einem Deckel aus Eisenblech gefunden. In diesem Glas befand sich eine Papierrolle (eingewickelt in Wachstuch), die sich nach dem Auswickeln als ein Notizheft von 10 x 15 cm und in A-6-Format erwies. Ausserdem waren in diesem Behälter noch einige lose Blätter derselben Grösse und ein mit Bleistift beschriebenes längliches Blatt (...) Infolge des Feuchtwerdens der Handschrift unterlag eine Menge der Blätter teilweiser oder vollkommener Vernichtung, was das Ablesen von ungefähr 40 Prozent des Textes unmöglich macht (...) Die Handschrift ist fast vollkommen auf Jiddisch geschrieben (...)

    Neben dem fragmentarischen Charakter des Textes kommt als weiterer erschwerender Umstand dazu, dass sich Lewenthal, wie die Herausgeber vermerken, «in seinen Erwägungen verliert und sehr wenig konsequent ist» (2). Die Handschrift wirkt heillos chaotisch. Ein erheblicher Teil davon ist den Vorbereitungen zum Aufstand der Sonderkommandos gewidmet, der immer wieder hinausgeschoben worden sei, deshalb, so Lewenthal, «dauerte es so lange, dass während dieser Zeit eine halbe Million ungarischer Juden verbrannt wurden» (3). Einer der Gründe für das Hinauszögern des Aufstands sei die fehlende Koordination zwischen den Kommandos der einzelnen Krematorien gewesen (Lewenthal arbeitete im K III). Schliesslich sei der Aufstand doch ausgebrochen; dabei sei das K IV in Flammen aufgegangen, doch die SS-Leute hätten die Revolte blutig niedergeschlagen. Da Lewenthal selbst nicht an ihr beteiligt war, sondern sie aus zweiter Hand schildert, verzichten wir auf die Wiedergabe diesbezüglicher Abschnitte.

    Im Text finden sich so gut wie keine Zeit- und nur sehr wenige Ortsangaben. An den wenigen Stellen, wo der Autor von den Vergasungen spricht, verwendet er unterschiedslos das Wort «Bunker» für die verschiedenen Gaskammern, was deren Lokalisierung erschwert. Wir begnügen uns mit der Wiedergabe zweier Ausschnitte aus diesem aussergewöhnlich wirren Text. Hier der erste (4):

    Viele Stunden lang fuhren Autos vor, von denen die Menschenmasse heruntergeworfen wurde, und als schliesslich schon alle versammelt waren, trieb man sie in den Gasbunker. Man hörte entsetzliche Schreie, Verzweifelung und lautes Weinen (... unleserliche Passage) , schreckliche (..., unleserlich) drückten ungeheuren Schmerz aus (..., unleserlich) verschiedene erstickte Stimmen vermengten sich (..., unleserlich) und drangen von unter der Erde hervor, so lange, bis das Auto des humanitären Roten Kreuzes ankam (..., unleserlich) und ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung eine Ende machte (..., unleserlich). Nach dem Einwurf von 4 Büchsen Gas durch die oberen kleinen Türen und nach ihrem hermetischen Verschliessen erfolgte plötzliche Stille. Und in dieser geheimnisvollen Stille gaben sie den Geist auf.

    Am Schluss des Berichts schildert Salmen Lewenthal folgende Episode (5):

    Am hellichten Tage wurden 600 jüdische Knaben im Alter von 12 bis 18 Jahren gebracht. Sie waren in lange, sehr dünne Zebraanzüge gekleidet; an den Füssen hatten sie zerrissene Schuhe oder Holzpantinen. Die Knaben sahen so schön aus und waren so gut gebaut, dass nicht einmal die Fetzen sie entstellten. Es war dies in der zweiten Hälfte Oktober. Es führten sie 25 schwer beladene SS-Männer. Als sie sich auf dem Platz befanden, befahl der Kommandoführer, dass sie sich auf dem Platze aus(zögen). Die Knaben bemerkten den Rauch, der aus dem Schornstein quoll und dachten sich gleich, dass sie sie in den Tod führten. Sie begannen in wildem Entsetzen auf dem Platz herumzulaufen und sich die Haare aus dem Kopf zu reissen (ohne zu wis)sen, wie sie sich retten sollten. Viele von ihnen brachen in schreckliches Weinen aus, eine trostlose Wehklage. Der Kommandoführer und sein Gehilfe schlugen diese wehrlosen Knaben entsetzlich, damit sie sich auszögen. Bis sein Knüppel von diesem Schlagen zerbrach. Also brachte er einen zweiten und schlug weiter auf die Köpfe, bis die Gewalt gesiegt hatte. Die Knaben entkleideten sich mit instinktiver Furcht vor dem Tode, nackt und barfuss drängten sie sich auf einen Haufen, um sich vor den Schlägen zu schützen und rührten sich nicht von der Stelle. Ein kühner Knabe ging auf den neben uns (stehenden) Kommandoführer zu und bat ihn, er möge ihm das Leben schenken, wobei er versprach, auch die schwerste Arbeit zu verrichten. Als Antwort versetzte er ihm mit dem dicken Knüppel einige Schläge auf den Kopf. Viele Knaben liefen in wildem Lauf zu Juden des Sonderkommandos, warfen ihnen die Arme um den Hals und flehten um Rettung. Andere liefen nackt auf dem grossen Platz auseinander. Der Kommandoführer rief einen Unterscharführer mit einem Knüppel zu Hilfe. Die jungen, reinen Knabenstimmen stiegen von Minute zu Minute an, (bis) sie in bitteres Weinen (übergingen). Dieses schreckliche Weheklagen ertönte weithin. Wir standen vollkommen erstarrt und wie von diesem kläglichen Weinen gelähmt. Mit einem Lächeln der Zufriedenheit, ohne die kleinste Regung von Mitleid, mit den stolzen Mienen der Sieger, standen die SS-Leute da und trieben sie, schrecklich schlagend, in den Bunker Auf den Stufen stand ein Unterscharführer mit dem Gummiknüppel, und wenn einer zu langsam dem Tode entgegen lief, erhielt er einen mörderischen Schlag mit dem Gummiknüppel. Einige Knaben liefen trotzdem noch durcheinander auf dem Platz hin und her und suchten nach Rettung. Die SS-Männer liefen ihnen nach, schlugen und hieben, bis sie die Situation unter beherrscht hatten und sie am Ende (in den Bunker) getrieben hatten. Ihre Freude war unbeschreiblich. (Hatten sie) denn niemals Kinder gehabt?


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Hefte von Auschwitz, Sonderheft 1, Handschriften von Mitgliedern des Son derkommandos, Verlag Staatliches Museum Auschwitz, 1972, S. 133/134.
    2) ibidem, S. 178. 3) ibidem, S. 171. 4) ibidem, S. 155. 5) ibidem, S. 188/89.


  • Kritik

    1) Zum «Gasbunker»: Dieser wird, wie erwähnt, nicht lokalisiert. Im allgemeinen spricht man von «Bunkern» im Zusammenhang mit den zu Gaskammern umgebauten Bauernhäusern von Birkenau. Offenkundig meint Lewenthal hier aber eines der Krematorien, denn vor der zitierten Stelle steht der Satz: «Ein Befehl wurde gegeben, alle auf den Weg nach dem Krematorium hinauszuführen ... » Laut Lewenthal wurden vier Büchsen Gas «durch die oberen kleinen Türen» des «B Bunkers» eingeworfen. Diese «kleinen Türen» interpretieren die beiden Kommentatorinnen Bezwinska und Czech als «Deckeneinwürfe».

    2) Die Szene mit den 600 nackten Knaben, die von der SS herumgejagt, maltärtiert und dann in den «Bunker» getrieben werden, gehört in die Kategorie der sadistisch-sexuellen Phantasien, mit denen die Holocaustliteratur so überreichlich gesegnet ist. Als Hypothese fügen wir hinzu, dass die Zahl 600 vielleicht nicht zufällig gewählt ist; die Sechs ist die heilige Zahl des Judentums. Ein Kenner des jüdischen Schrifttums fände dort vielleicht literarische Archäotypen, die als Vorbilder für Schilderungen wie diejenigen eines Salmen Lewenthal oder des im vorherigen zitierten anonymen Autors gedient haben mögen. Dies herauszufinden wäre eine Aufgabe für Hebraisten und Psychologen, weniger für Historiker.


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