Augenzeugenbericht Nr. 15: Henryk Tauber

Ein weiteres Sonderkommandomitglied, das vor der Kommission zur Untersuchung der Naziverbrechen aussagte, war der polnische Jude Henryk Tauber, am 8. Juli 1917 geboren, von Beruf Schuster. Er wurde am 19. Januar 1943 in Auschwitz eingeliefert. Seine Aussage erfolgte am 24. Mai 1945 in Krakau. Tauber ist einer der wichtigsten Zeugen; laut Jean-Claude Pressac ist sein Augenzeugenbericht nämlich «der beste, der über die Birkenauer Krematorien existiert (l)». Pressac rühmt ihn mit folgenden Worten: «Obgleich er nicht in den Genuss einer höheren Ausbildung gekommen war, erinnerte sich Tauber, ein bescheidener Mann ohne jede Publizitätssucht, perfekt. Als einziger erstattete er einen genauen und detaillierten Bericht über die Ausrüstung und Funktion der Krematorien. Seine ausserordentlich präzisen Aussagen wurden von den Historikern nur wenig, wenn überhaupt, ausgewertet, ganz einfach darum, weil sie sie nicht begriffen (2).» Pressac schätzt Taubers Bericht so sehr, dass er ihn vollständig zitiert. Wir begnügen uns mit einigen uns besonders aufschlussreich erscheinenden Passagen (3):

Am Tag nach unserer Ankunft beim Krematorium [gemeint ist das K I, wo Tauber im Februar 1943 als Sonderkommandomitglied zu arbeiten begann] hielt uns ein SS-Unterscharführer, dessen Namen mir entfallen ist, eine gepfefferte Ansprache. Er warnte uns, wir würden eine unangenehme Arbeit verrichten müssen, an die wir uns eben gewöhnen müssten und die uns nach einiger Zeit keine Schwierigkeiten mehr bereiten würde. Er sprach die ganze Zeit polnisch. An keinem Punkt seiner Rede wies er darauf hin, dass wir Leichen würden verbrennen müssen. Kaum war er mit seiner Ansprache fertig, erteilte er den Befehl «Los, an die Arbeit» und begann uns mit einem Knüppel auf die Köpfe zu schlagen. Zusammen mit Mietek Morowa trieb er uns zum Bunker [d. h. zur Leichenhalle] des Krematorium I, wo wir ein paar hundert Leichen vorfanden. Sie lagen haufenweise aufeinander, schmutzig und gefroren. Manche von ihnen waren blutverschmiert, ihre Schädel zerschmettert, bei wieder anderen waren die Bäuche aufgeschlitzt, wahrscheinlich als Ergebnis einer Autopsie. Alle waren gefroren, und wir mussten sie mit Äxten voneinander trennen. Vom Unterscharführer und Capo Morawa geprügelt und gehetzt, schleiften wir diese Leichen zur «Hajcownia» (Ofenraum), wo drei Öfen waren, jeder mit zwei Muffeln. Im Ofenraum legten wir die Leichen auf einen Wagen mit hohem Kastenaufbau, der auf zwischen den Öfen installierten Schienen zirkulierte. Dieser Wagen fuhr von der Tür des Bunkers [d. h. der Leichenhalle], wo die Leichen waren, auf breiten Schienen zu einer Drehscheibe, die auf dem Weg zum Ofenraum lag. Von den breiten Schienen führten engere Schienen, auf welche der Wagen passte, zu jeder Muffel. Der Wagen besass vier Eisenräder Sein starker Aufbau wies die Form einer Kiste auf, und um ihn zu belasten, beluden wir ihn mit Steinen und Schrott. Der obere Teil wurde durch eine über zwei Meter lange Pritsche verlängert. Darauf legten wir fünf Leichen: zuerst zwei mit den Beinen in Ofenrichtung und dem Bauch nach oben, dann zwei weitere in der umgekehrten Richtung, aber gleichfalls mit dem Bauch nach oben, und schliesslich eine mit den Beinen in Richtung Ofen und dem Rücken nach oben. Die Arme dieser fünften Leiche baumelten nieder und schienen die anderen Leichen zu umschlingen. Manchmal überstieg das Gewicht der Leichen dasjenige des Ballasts, und um zu verhindern, dass der Wagen umkippte und die Leichen herausfielen, mussten wir die Pritsche mit einem darunter angebrachten Brett stützen. War die Pritsche beladen, so stiessen wir sie in die Muffel. Wenn sich die Leichen im Ofen befanden, so hielten wir sie mit Hilfe eines gleitbaren Schiebers auf der Rutsche dort fest, während andere Häftlinge den Wagen zurückzogen und die Leichen im Ofen zurückliessen. Am Ende der Pritsche gab es einen Griff, mit dem man den gleitbaren Schieber packen und zurückziehen konnte. Im Krematorium I gab es, wie bereits erwähnt, drei Öfen mit je zwei Muffeln. Jede Muffel konnte fünf Leichen zugleich einäschern (...)

Am 4. März des Jahres 1943 wurden wir unter der Obhut der SS zum Krematorium II geführt. Der Bau dieses Kremas wurde uns von Capo August erklärt,- dieser war eben von Buchenwald eingetroffen, wo er ebenfalls im Krematorium gearbeitet hatte. Krematorium II hatte ein Untergeschoss, wo es einen Auskleideraum und einen Bunker gab, in anderen Worten eine Gaskammer Von einem Keller zum anderen führte ein Gang, zu dem von draussen eine Treppe sowie eine Leichenrutsche führten; auf dieser schaffte man die zur Einäscherung im Krematorium bestimmten Leichen hinein. Durch die Tür des Auskleideraums ging man in den Gang, und dann durch eine Tür auf der rechten Seite in die Gaskammer hinein. Vom «Boden» [d. h. nördlichen Hof] des Krematoriums führte noch eine zweite Treppe zum Gang hinab. Links von dieser Treppe, in der Ecke, befand sich ein kleiner Raum, wo Haare, Brillen und andere Gegenstände gelagert wurden. Auf der rechten Seite gab es noch einen kleinen Raum; dort wurden die Zyklonbüchsen aufbewahrt. In der rechten Ecke des Gangs, an der der Tür des Auskleideraums gegenüberliegenden Wand, gab es einen Aufzug zum Transportieren der Leichen [ins Krematorium]. Vom Krematoriumshof zum Auskleideraum gelangte man über eine von Eisengittern umgebene Treppe. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift «Zum Baden und Desinfektion» [sic] in mehreren Sprachen. Im Entkleidungsraum befanden sich Holzbänke und numerierte Kleiderhaken an den Wänden. Es gab keine Fenster, und das Licht brannte ständig. Der Entkleidungsraum wies auch Wasserhähne und eine Abflussrinne für das gebrauchte Wasser auf. Von diesem Raum aus ging man durch eine Tür, über der ein Schild mit der Aufschrift «Zum Bade» hing - auch sie war in mehreren Sprachen abgefasst, ich erinnere mich, dass auch das russische Wort «banya» dort stand - in den Gang. Vom Gang ging es durch eine Tür auf der rechten Seite in die Gaskammer. Es war eine Holztür, die aus zwei parkettartig arrangierten Schichten kleiner Holzstücke konstruiert war. Zwischen diesen beiden Schichten war eine einfache Schicht Material, das die Kanten der Tür bedeckte, und die Fugen des Türrahmens waren gleichfalls mit Filzstreifen verstopft. Ungefähr auf der Höhe, wo ein durchschnittlich grosser Mann seinen Kopf hat, war in der Tür ein gläsernes Guckloch angebracht. Auf der anderen Seite der Tür, d. h. in der Gaskammer, war diese Öffnung durch ein rundliches Gitter geschützt. Dieses war darum dort angebracht, weil die Menschen in der Gaskammer in ihrer Todesangst das Glas des Gucklochs zu zerschlagen pflegten. Doch bot das Gitter immer noch keinen genügenden Schutz, und ähnliche Vorfälle wiederholten sich. Die Öffnung wurde mit einem Stück Metall oder Holz blockiert. Die Opfer in der Gaskammer beschädigten die elektrischen Installationen, rissen die Kabel heraus und beschädigten die Ventilationsvorrichtung. Die Tür war von der Korridorseite mittels Eisenstangen hermetisch [sie!] abgeschlossen, die festgeschraubt waren. Das Dach der Gaskammer ruhte auf Betonpfeilern, die sich in der Mitte ihrer Längsseite befanden. Neben jedem dieser Pfeiler standen vier andere, zwei auf jeder Seite. Die Seiten dieser Pfeiler, die durchs Dach hinaufführten, bestanden aus schwerem Drahtgeflecht. Innerhalb dieses Geflechts gab es ein anderes, aus feinerem Draht bestehendes, und weiter innen noch ein drittes aus sehr feinem Draht. Innerhalb dieses dritten und letzten Drahtkäfigs befand sich eine Dose, die man mit einem Draht hochziehen konnte, um die Kügelchen herauszuholen, denen das Gas entströmt war (...)

Über die Leichenverbrennung im Krematorium II weiss Henryk Tauber, dieser zuverlässigste aller Augenzeugen, folgendes zu berichten (4):

Bei der Einäscherung dieser Leichen [d. h. derjenigen der Vergasten] benutzten wir Koks nur, um das Feuer zu entfachen, denn fette Leichen brannten von selbst, da ja ihr Körperfett brannte. Gelegentlich, wenn Koks knapp war, legten wir etwas Stroh und Holz in die Aschebehälter unter den Muffeln, und wenn das Fett der Leichen einmal in Brand geraten war, fingen die anderen Leichen von selbst Feuer (...) Im allgemeinen verbrannten wir 4 oder 5 Leichen aufsmal in einer Muffel, doch oft legten wir mehr Leichen in den Ofen. Man konnte 8 Muselmänner [Spitzname für abgezehrte Häftlinge] auf einmal einlegen. Eine so grosse Anzahl von Leichen wurden ohne Wissen des Krematoriumleiters zugleich verbrannt, wenn Luftalarm geschlagen worden war; die besonders grossen, aus den Kaminen schlagenden Flammen sollten die Aufmerksamkeit der Piloten erwecken. Wir glaubten, auf diesem Wege unserem Schicksal einen Stoss geben zu können (...)

Welche Szene sich dem Sonderkommando nach einer Massenvergasung darbot, beschreibt Tauber an anderer Stelle (5):

Nachdem wir zwei Stunden lang im Raum des Pathologen gewartet hatten, liess man uns heraus und schickte uns in die Gaskammer. Dort fanden wir Haufen von nackten Leichen vor, die aufeinanderlagen. Sie waren rosarot, an einigen Stellen rot. Manche hatten grüne Flecken, und der Speichel rann aus ihren Mündern. Wieder andere bluteten aus der Nase. Viele waren mit Exkrementen verschmiert. Ich erinnere mich, dass viele von ihnen die Augen offen hatten und sich aneinander klammerten. Die Leichen waren meistens um die Tür zusammengedrängt. Um die Drahtgeflechtpfeiler herum lagen hingegen nur wenige. Die Lage der Leichen wies darauf hin, dass diese Menschen versucht hatten, von den Pfeilern wegzukommen und zur Tür vorzudringen. Es war in der Gaskammer sehr heiss und unerträglich schwül. Später gelangten wir zur Überzeugung, dass viele schon vor dem Wirksamwerden des Gases aus Luftmangel erstickt waren. Sie fielen auf den Boden, und andere trampelten auf ihnen herum. Sie sassen nicht da, wie die meisten anderen, sondern lagen unter den anderen auf dem Boden hingestreckt (...) Sobald die Menschen in der Gaskammer waren, wurde die Tür geschlossen und die Luft hinausgepumpt. Die Gaskammerventilation konnte so funktionieren, dank einem System, das sowohl Luft heraussaugen als auch hineinleiten konnte (...) Obgleich die Ventilation nach der Öffnung der Gaskammer noch einige Zeit lang in Betrieb blieb, trugen wir Gasmasken. Unsere Arbeit bestand im Herausschleppen der Leichen, doch beim ersten Konvoi Mitte März taten wir dies nicht, weil wir zur Arbeit zurück ins Krematorium mussten. Statt dessen wurden 70 Häftlinge vom Block II hergeschafft; auch sie gehörten zum Sonderkommando und arbeiteten bei den Verbrennungsgruben. Diese Gruppe zog die Leichen aus der Gaskammer in den Gang beim Lift. Dort schnitt ein Barbier den Frauen die Haare ab, worauf die Leichen per Lift in den Stock gebracht wurden, in dem der Ofenraum lag. Entweder deponierte man sie nun im Lagerraum, oder aber man brachte sie direkt in den Ofenraum, wo man sie vor den Öfen aufhäufte. Dann rissen ihnen zwei Dentisten unter den argwöhnischen Blicken der SS Metallfüllungen und falsche Zähne heraus. Sie nahmen ihnen auch Ringe und Ohrringe ab. Die Zähne wurden in eine Kiste geworfen, welch die Aufschrift «Zahnarztstation» trug. Die Juwelen kamen in eine andere Kiste, die keine Aufschrift, sondern bloss eine Nummer trug. Die Dentisten, die man unter den Gefangenen rekrutiert hatte, mussten allen Leichen ausser jenen von Kindern in die Münder gucken. Waren die Kiefer zu eng ineinander verbissen, so rissen sie sie mit den Zangen auseinander, welche zum Ausreissen der Zähne Verwendung fanden. Die SS-Leute waren stets zugegen und beobachteten die Arbeit der Dentisten sehr genau. Ab und zu stoppten sie eine Ladung Leichen vor dem Einschieben in die Öfen und kontrollierten die bereits von den Dentisten untersuchten Münder nochmals. Gelegentlich fanden sie dann einen übersehenen Goldzahn. Solche Unachtsamkeit galt als Sabotage, und der Übeltater wurde lebend im Ofen verbrannt. Ich habe dies selbst miterlebt (...) Einmal jagte die SS einen Häftling, der nicht hurtig genug arbeitete, in eine Grube nahe beim Krematorium, die voll siedendem Menschenfett war. Zu jener Zeit wurden die Leichen in offenen Gruben verbrannt, aus denen das Fett in ein separates, in den Boden gegrabenes Reservoir strömte. Dieses Fett wurde zur Beschleunigung der Verbrennung über die Leichen gegossen. Der arme Teufel wurde, immer noch lebend, aus dem Fett gezogen und dann erschossen (...) Am Anfang des Kremierungsprozesses wurden die Öfen nur via die Roste geheizt, und die Leichen verbrannten langsam. Später, wenn eine Kremation auf die andere folgte, brannten die Öfen dank der bei der Verbrennung der Leichen entstehenden Glutasche. Aus diesem Grund löschte man die Feuer bei der Verbrennung fetter Leichen meistens. Kam eine solche Leiche in einen heissen Ofen, so floss das Fett sogleich in den Aschebehälter, wo es Feuer fing und die Verbrennung der Leiche einleitete. Wurden «Muselmänner» verbrannt, so musste man die Herde ständig mit neuem Brennstoff versehen ( ... ) Alle Sonderkommandoführer misshandelten die in den Krematorien angestellten Sonderkommandohäftlinge. Manchmal verhielten sie sich dermassen grausam, dass Voss, einer der Krematoriumsleiter, welcher später transferiert wurde, Kommandoführer Georges kritisierte. Dieser hetzte uns unmenschlich herum, nur weil keine Konvois eintrafen und es darum keine Arbeit gab. Voss sagte zu Georges: «Wenn du hast nicht was zu umlegen, dann bist du wild. Ich habe das schon genug. » (auf(...) Ich habe schon erwähnt, dass vier Pathologen zum Sonderkommando gehörten (...) Sie erschossen Gefangene, welche aus den Bunkern des Blocks 11 oder von ausserhalb des Lagers kamen. Sobald die zu erschiessenden Häftlinge herbeigebracht worden waren, kam ein Unterscharführer, dessen Name ich nicht kenne, oft zum Krematorium und schnitt nach der Erschiessung die fleischigen Teile aus den Leibern der Getöteten. Die aus dem Hinterteil und den Schenkeln der Opfer herausgeschnittenen Fleischteile wurden von diesem SS-Mann in Kisten und Eimer gelegt, worauf er sie in einem Auto wegbrachte. Ich weiss nicht, weshalb er dies tat (...)

Die Krematorien IV und V waren nach dem gleichen Muster gebaut und lagen symmetrisch auf den beiden Seiten der Strasse, welche zwischen dem Bauplatz B II und «Mexico» (B III) in Richtung der neuen Sauna [Zentralsauna] verlief. Jedes dieser beiden Krematorien besass zwei Öfen mit vier Muffeln (...) Der Auskleideraum und die (vier) Gaskammern lagen auf der Höhe des Erdbodens (...)

Der Vergasungsvorgang verlief laut Tauber in den Krematorien IV und V wie folgt (6):

Alle [Gaskammern] hatten gasdichte Türen und von innen vergitterte Fenster, welche von aussen mittels gasdichter Läden verschliessbar waren. Diese Fensterchen, die ein draussen stehender Mann von Hand erreichen konnten, wurden dazu benutzt, den Inhalt der Zyklon-B-Büchsen in die meist mit Menschen vollgestopflen Gaskammern zu schütten. Die Gaskammern waren etwa 2 m hoch und wiesen an den Wänden eine elektrische Beleuchtungsanlage auf, doch besassen sie kein Ventilationssystem, was das Sonderkommando dazu zwang, beim Leichenschleppen Gasmasken zu tragen (...)

Über das Ende der Krematorien berichtet Tauber (7):

Im Mai 1944 befahl uns die SS, fünf Gruben im Hof des Krematorium V auszuheben, zwischen dem Gebäude selbst und dem Entwässerungsgraben. Diese fünf Gruben brauchten wir später zum Verbrennen der Vergasten aus den ungarischen Transporten. Obgleich zwischen dem Gebäude und den Gruben eine Schiene für die Rollwagen gelegt worden war, benutzten wir diese nie, da die SS sie für überflüssig hielt, und wir mussten die Leichen direkt von der Gaskammer in die Gräben schleppen. Zur selben Zeit wurde Bunker 2 mit seinen Verbrennungsgräben reaktiviert. Ich habe nie dort gearbeitet. Man stellte fest, dass die Gruben die Leichen besser verbrennen konnten [als die Krematorien], so wurde ein Krematorium nach dem anderen geschlossen, nachdem die Gruben in Betrieb genommen worden waren. Zuerst wurde das K IV stillgelegt, ich glaube, es war im Juni 1944. Wenn ich mich nicht irre, folgten Krematorium II und III im Oktober. Krematorium V blieb bis zum Abzug der Deutschen in Betrieb (...) Ich glaube, während der Zeit, wo ich als Sonderkommandomitglied in den Krematorien gearbeitet habe, wurden etwa 2 Millionen Menschen vergast. Während meiner Zeit in Auschwitz konnte ich mit etlichen Häftlingen reden, die vor meiner Ankunft in den Krematorien und Bunkern tätig gewesen waren. Ihren Aussagen zufolge gehörte ich durchaus nicht zu den ersten, welche diese Arbeit verrichteten,' bereits vor meiner Einlieferung seien 2 Millionen in Bunker 1 und 2 sowie im Krematorium I vergast worden. Insgesamt belief sich die Zahl der in Auschwitz Vergasten also auf rund 4 Millionen Menschen.


Anmerkungen zur Zeugenaussage

1) Henryk Taubers Aussage figuriert im Anhang 18 des Bands XI zum Höss-Prozess. Wir zitieren nach Pressac, 1989, S. 481 ff.
2) ibidem.
3) ibidem, S. 482 ff.
4) ibidem, S. 489
5) ibidem.
6) ibidem, S. 498.
7)S.500.


Kritik

Wie erwähnt schätzt Pressac, der gefeierte Fachmann für die technischen Aspekte des Auschwitz-Holocausts, Henryk Tauber als den zuverlässigsten aller Augenzeugen der Massenvernichtungen in Auschwitz und Birkenau; er hält ihn für zu 95% glaubwürdig. Grund genug, Taubers Bericht doppelte Aufmersamkeit zu widmen. Wenn dieser Starzeuge nicht glaubhaft ist, welcher Zeuge ist es dann noch?

Halten wir uns nicht allzu lange bei den Schauerszenen von den aneinandergefrorenen und mit den Äxten zu trennenden Leichen im Krematorium 1 oder den zur Strafe für ihre Sabotage lebend in die Öfen geschobenen Dentisten auf. Diese Dinge sind zwar reichlich unglaubwürdig, aber immerhin theoretisch möglich und somit nicht grundsätzlich widerlegbar. Wenden wir uns gleich den beiden entscheidenden Punkten zu, nämlich der Schilderung des Vergasung- sowie des Verbrennungsprozesses.

Krema-Kapaizät laut Friedhofsamt Freiburg (41 KB)

Auskunft des Friedhofsamtes der Stadt Freiburg über die Kapazität von Krematoiumsöfen. Zum Vergrößern anklicken

Bei ersterem wirken folgende Punkte erwähnenswert:

a) Wie konnten die Häftlinge vom Drahtgeflechtpfeiler weg auf die Tür zustreben, wie konnten die meisten der Leichen in sitzender Stellung vorgefunden werden, wenn die Kammer doch mit Menschen vollgestopft war?

b) Nicht verständlich ist, weshalb die Luft gleich nach dem Einführen des Gases aus dem Raum gepumpt wurde. Mit dieser Ventilierung hätte man doch warten müssen, bis die Opfer gestorben waren!

c) Dass manche der Opfer nicht am Gas, sondern an Erstickung gestorben waren, deutet darauf hin, dass nur geringe Gasmengen eingesetzt wurden, denn sonst wäre der Tod rasch eingetreten. Unter diesen Umständen fragt es sich allerdings, warum die SS nicht gleich auf den Einsatz des teuren und gefährlich zu handhabenden Zyklon verzichtete und wartete, bis alle Eingeschlossen erstickt waren.

d) Sehr interessant ist die Art, auf die Tauber zufolge das Zyklon im Krematorium 11 und 111 in die Todeskammer geleitet wurde. Hätte man die Granulate einfach eingeworfen, so wäre ihr Einsammeln nach dem Vergasungsakt mühselig und schwierig gewesen; noch nach Stunden hätte aus übersehenen Granulaten Gas ausströmen und die Sonderkommandoleute oder die SS gefährden können. Die immer noch gefährlichen Kügelchen unter blut- und exkrementverschmierten Leichenhaufen herauszusuchen, wäre eine schwierige und heikle Arbeit gewesen. Die Tauberschen Drahtgeflechtpfeiler wären also, wenn man unbedingt Massenmorde mit Zyklon begehen wollte, eine durchaus sinnvolle Einrichtung gewesen. Warum berichten die anderen Sonderkommandoleute, warum berichtet Rudolf Höss nichts darüber? Wir kommen im Zusammenhang mit dem folgenden Zeugenbericht auf diese Drahtgeflechtsäulen zurück.

Gehen wir nun zu den Aussagen Taubers bezüglich der Beseitigung der Leichen Über. Pressacs «zuverlässigster Zeuge» entpuppt sich hier als ein Phantast, neben dem der Baron Münchhausen wie ein Waisenknabe wirkt. Mit unerschöpflicher Phantasie tischt er immer neuen Unsinn auf, etwa:

a) Verbrennung von fünf Leichen in einer Muffel. Pressac bemerkt dazu mit herziger Einfalt: «Wie Henryk Tauber unten ausdrücklich festhält, ist diese Zahl nur bei skelettartig abgemagerten Leichen möglich. Bei normalen Erwachsenenkörpern wäre es schwierig, mehr als zwei oder drei aufsmal in einen Ofen zu stecken. Doch wenn ein Zeuge wie Alter Fajnzylberg alias Stanislaw Jankowski in seiner Aussage vom April 1945 bezüglich seines Aufenthalts im Krematorium 1 schreibt: ‹In einer dieser Öffnungen gab es Platz für zwölf Leichen, doch legten wir nicht mehr als fünf hinein, da sie so rascher verbrannten›, dann darf man mit Fug und Recht diese Zahl als reine Propaganda anprangern. Wer immer Auschwitz als gewöhnlicher Tourist besucht und nach einem stillen Gebet die vier gähnenden Rachen der beiden rekonstruierten Öfen des Krematorium 1 gesehen oder untersucht hat, wird mich ohne weitere Erklärung begreifen. Wir finden hier den berühmten Faktor der Multiplizierung mit vier, die Dr. Miklos Nyiszli verwendet hat (multipliziert man die normale Verbrennungskapazität, drei Leichen, mit vier, so kommt man auf zwölf (1).» Auf Dr. Miklos Nyiszli und seinen «Multiplizierungsfaktor» kommen wir später zurück. Übrigens zitiert Pressac Tauber falsch; dieser spricht davon, dass man regelmässig fünf und im Fall von «Muselmännern» sogar acht Leichen zugleich in einer Muffel einäschern konnte.

b) Bei der Geschichte von den von selbst brennenden Leichen scheint wohl das Märchen vom brennenden Paulinchen Pate gestanden zu haben. Leichen enthalten mindestens 60% Wasser und brennen niemals von selbst. Eine Kremierung ohne Brennstoff oder ganz geringen Mengen Brennstoff («etwas Stroh und Holz») ist undenkbar.

c) Wie schon in den Krakauer Aufzeichnungen des Rudolf Höss stossen wir auch hier wieder auf die unsägliche Schauermär vom beim Verbrennen der Leichen abfliessenden und als zusätzlicher Brennstoff benutzten Fett. Diesen Irrsinn hat Filip Müller auf die Spitze getrieben; wir kommen in Zusammenhang mit seinem Buch Sonderbehandlung auf diesen unappetitlichen Unfug zurück.

d) Dasselbe gilt für die Grube mit siedendem Menschenfett, in die ein säumiger Häftling geworfen wurde. Auch diese Gruselgeschichte werden wir bei Filip Müller wieder antreffen.

e) Laut Tauber arbeiteten die Verbrennungsgräben effizienter als die Krematorien, was dazu führte, dass letztere ab Juni 1944 stillgelegt wurde. Dann fragt es sich aber, wozu man die Krematorien überhaupt gebaut hat. Schliesslich verfügte die SS, schenkt man den Augenzeugen Glauben, zum Zeitpunkt, wo man die Errichtung der Krematorien in Auftrag gab, schon über reiche Erfahrung in der Grubenverbrennung von Leichen. - Dass eine solche physikalischer Unsinn ist, braucht nicht nochmals betont zu werden. Dies weiss übrigens keiner besser als Jean-Claude Pressac. Er hat nämlich einmal versucht, ein totes Kaninchen in einem Loch in seinem Garten zu verbrennen, und es ist ihm nicht gelungen (2).

f) Als Höhepunkt der Tauberschen Münchhausiaden ist wohl die Geschichte mit den besonders vielen Leichen zu betrachten, die man bei Fliegeralarm in die Öfen legte, damit die hohen Flammen aus den Krematoriumskaminen die Aufmerksamkeit feindlicher Flieger auf sich zogen. Aus einem Krematoriumskamin pflegen nämlich überhaupt keine Flammen zu schlagen. Walter Lüftl, ehemaliger Vorsitzender der Österreichischen Bundesingenieurskammer und gerichtlich vereidigter Sachverständiger, schreibt dazu: «In der Holocaust-Literatur ist häufig davon zu lesen, dass ‹Zeitzeugen› die Kamine der Krematorien in deutschen Konzentrationslagern haben qualmen sehen, und häufig hätten ‹viele Meter lange› Flammen aus den Kaminen geschlagen. Leute mit besonders guten Augen haben solche Erscheinungen auch schon in 20 km Entfernung von Auschwitz gesehen ( ... ) Leichen sind ( ... ) entgegen landläufiger Meinung kein Brennstoff, sie benötigen viel Brennstoff ( ... ) Zur Verbrennung von 4 Millionen Menschen mit Koks allein benötigt man mindestens je 50 kg, das ergibt etwa 200'000 Tonnen Koks. Daher ist es auch sinnlos und technisch unmöglich, mehrere Leichen zugleich (Zeugenaussagen: bis zu 10 auf einmal) in einer Brennkammer (Muffel) verbrennen zu wollen, da dann die Leistungsfähigkeit des Ofens überschritten wird. Und wie ist das mit den Flammen? Koks ist ein kurzflammiger Brennstoff, da kann die Flamme nicht einmal aus dem Verbrennungsraum. Zwischen Ofen und Kamin ist aber noch ein kurzer Abgaskanal, der Fuchs. Danach kommt erst der Kamin. In den schlagen bei kurzflammigen festen Brennstoffen keine Flammen, da gibt es höchstens 180 Grad heisse Abgase, sonst ist der Kamin bald ruiniert. Daher können nach 8 oder 10 in Schornsteinlänge (die Länge bemisst sich nach dem notwendigen Zug und nicht nach der Flammenlänge!) auch oben keine viele Meter lange Flammen herausschlagen; nicht mal ein Widerschein ist zu sehen, der verliert sich im Fuchs. Ich frage mich immer, warum die Richter, die diese Aussagen geglaubt haben, nicht wenigstens ihren Rauchfangkehrer gefragt haben, wenn sie schon keine Sachverständigen bestellt haben (3).» - Übrigens waren die aus den Krematoriumskaminen von Auschwitz schlagenden Flammen auf 15 bis 20 km Entfernung sichtbar, ungeachtet der Erdkrümmung (Nachweis: Aussage des Eisenbahners Adolf Bartelmas, zitiert bei Laqueur, S. 34).

So kann man über Henryk Tauber, Pressacs glaubwürdigsten Zeugen, nur urteilen: Gewogen und zu leicht befunden!


Anmerkungen zur Kritik

1) Pressac, S. 483.
2) Robert Faurisson, Bricolage et ‹Gazouillages› à Auschwitz et Birkenau selon J. C. Pressac, Revue d'Histoire révisionniste, Nr. 3, November 1990, S. 134.
3) Walter Lüftl, Holocaust, Glaube und Fakten. Unverôffentlichte Schrift.


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