• Augenzeugenbericht Nr. 16: Michal Kula

    Der nichtjüdische Pole Michal Kula, 1912 geboren, von Beruf Mechaniker war als Handwerker in der Schlosserei von Auschwitz 1 und später von Birkenau tätig und kam dort mit Sonderkommandoleuten in Kontakt. Michal Kula trat am 11. Juni 1945 vor der Kommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Krakau auf. Wir zitieren einen kurzen Ausschnitt aus seiner Aussage, weil sich dieser mit den vorher zitierten Ausführungen Henryk Taubers deckt. Kula will nämlich neben zahlreichen anderen Geräten auch jene raffiniert konstruierten Vorrichtungen hergestellt haben, mittels derer man das Zyklon in die Gaskammern leiten und die Granulate später leicht und risikolos entfernen konnte. Er berichtet (1):

    Zubanden der Birkenauer Krematorien stellten wir eiserne Umrahmungen für alle Krematoriumsöfen her, ausserdem sämtliche Roste, Aufzüge für das Hinaufschaffen der Leichen, den Beschlag für sämtliche Türen, ferner Haken, Schüreisen und die Werkzeuge, welche zur Bedienung der Ofen und zur Leichenverbrennung in den Gruben erforderlich waren. Die Installateure errichteten für diese Krematorien Wasser- und Kanalisierungsinstallationen. Der Umfang dieser Arbeiten ist im Bestellungsbuch der Schlosserei niedergeschrieben, in welches ich Einblick hatte. Unter anderem wurden in der Schlosserei auch Duschattrappen produziert, die man dann in den Gaskammern installierte, sowie Gitterpfeiler, durch die man den Inhalt der Zyklonbüchsen in die Gaskammern einschüttete. Diese Pfeiler waren ungefähr drei Meter hoch. Ihr Durchmesser betrug vielleicht 70 cm. Ein solcher Pfeiler bestand aus drei übereinandergefügten Drahtnetzen. Das äussere Drahtnetz war aus 3 mm dickem Draht; die Eckpfeiler massen 50 x 10 mm. Solche Eckpfeiler wies die Drahtsäule oben, unten sowie als Verbindung an den Seiten auf. Die Maschen des äusseren Drahtgeflechts besassen einen Durchmesser von etwa 45 mm. Das zweite Drahtnetz war gleich konstruiert wie das äussere und etwa 150 mm von diesem entfernt. Der Durchmesser seiner Maschen betrug vielleicht 25 mm. An den Ecken waren diese beiden Gitter mit Eisendrähten verbunden. Der dritte Bestandteil des Pfeilers war beweglich. Es handelte sich dabei um ein leeres Geflecht aus dünnem Zinkblech von ungefähr 150 mm Durchmesser, das oben in einen Trichter mündete und unten eine quadratische Fläche aufwies.

    Den Vergasungsvorgang mittels dieser ausgeklügelten Installation schildert Michal Kula wie folgt (2):

    Der Inhalt der Zyklonbüchse wurde von oben in den Verteilertrichter geschüt tet, wodurch eine gleichmässige Verbreitung des Zyklons an allen vier Seitenwänden der Säule erreicht wurde. Nachdem sich das Gas verflüchtigt hatte, wurde der mittlere Teil der Vorrichtung herausgezogen, und die nun inerten Kieselgurgranulate wurden weggeworfen.


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Akten des Höss-Prozesses, Warschau, 1947. Der polnische Text wurde uns von Carlo Mattogno zur Verfügung gestellt.
    2) ibidem.


  • Kritik

    Drahtnetzeinlaßgeflecht nach M. Kula ()

    Illustration 10: Nach der Schilderung Michal Kulas zeichnete Pressac das Drahtgeflecht, mittels dessen das Zyklon angeblich in die Gaskammer eingeführt wurde.

    Es braucht nach all dem Gesagten nicht nochmals darauf hingewiesen zu werden, dass sich das Insektizid Zyklon B zur Massentötung von Menschen in einer Gaskammer ausserordentlich schlecht eignet. Das Gift ist schwer zu handhaben und für die Henker gefährlich. Als rationellere Tötungsmethoden hätten sich beispielsweise Erschiessen oder, wenn man unbedingt Gas verwenden wollte, Ersticken durch Kohlenmonoxyd angeboten. Letzteres hätte man in Birkenau durch eine ein paar Kilometer lange Röhre leicht aus dem Industriebezirk Monowitz herleiten können. Die mit «technischer Genialität» (Poliakov) gesegneten Nazischlächter haben nie ein effizientes Mittel zum Massenmord entdeckt, obgleich doch, wie man uns immer erzählt, Heerscharen von Mabuse-ähnlichen Ärzten und Frankensteinähnlichen Wissenschaftlern jahrelang immer perfektere Tötungsmethoden ausgetüftelt und im Verlauf des Euthanasieprogramms erprobt haben.

    Falls man aller Vernunft zuwider wirklich das teure und stets knappe Zyklon B zum Massenmord gebrauchen wollte, stellte sich unter anderem folgende Frage: Wie verhindern wir, dass die unter den Leichen der Ermordeten liegenden Zyklongranulate, die noch über Stunden hin Gas absondern können, die Sonderkommandoleute und darüber hinaus die in den Krematorien eingesetzten SS-Männer gefährden? Falls es eine Vorrichtung wie die von Tauber erwähnte und von Kula relativ ausführlich beschriebene gab, war zumindest dieser Teil der technischen Schwierigkeiten zu bewältigen. Die Drahtgeflechtpfeiler gewährleisteten eine relativ gleichmässige Verteilung des Gases, schützten die Zyklongranulate vor dem Zugriff der in der Todeskammer Zusammengepferchten und ermöglichten das leichte Einsammeln und Beseitigen der Granulate nach der Massenvergasung. Leider wurde vor der Krakauer Kommission kein solches Zykloneinwurfdrahtgeflecht als corpus delicti präsentiert, und einen dokumentarischen Beweis dafür gibt es sicher auch nicht, sonst hätte ihn der rührige Pressac uns zweifellos vorgelegt. Immerhin: technisch gesehen hätte die Vorrichtung sicherlich funktioniert. Pressac, dem man lassen muss, dass er ein vorzüglicher Zeichner (und Photograph) ist, hat die Drahtgeflechtsäule nach den Aussagen Michal Kulas rekonstruiert. Wir geben seine Zeichnung in Illustration 10 wieder.


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