• Augenzeugenbericht Nr. 18: Filip Müller

    Neben dem Lagerkommmandanten Rudolf Höss ist Filip Müller der vielleicht wichtigste Zeuge der Massenvernichtungen in Auschwitz und Birkenau. Müller, ein 1922 im tschechoslowakischen Sered geborener Jude, war von April 1942 - er wurde damals als Gymnasiast deportiert - bis zur im Januar 1945 erfolgten Befreiung in dem grössten NS-Konzentrationslager interniert. Schon bald nach seiner Einlieferung wurde er dem Sonderkommando zugeteilt, so dass er diesem schauderhaften Handwerk annähernd drei Jahre lang nachging; der Untertitel seines Buches heisst denn auch Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz (1). Müller trat beim Frankfurter Auschwitz-Prozess als Zeuge auf. Unter anderem gab er dort folgendes zu Protokoll (2):

    Der Chef der Krematorien, Moll, nahm einmal ein Kind von seiner Mutter, ich habe das beim Krematorium IV gesehen. Dort waren zwei grosse Gruben, in denen Leichen verbrannt wurden. Er hat das Kind in das kochende Leichenfett, das sich in den Gräben um die Grube herum gesammelt hatte, hineingeworfen und dann zu seinem Kalfaktor gesagt.- «Jetzt esse ich mich satt, jetzt habe ich meine Pflicht erfüllt. » (...) Beim Krematorium IV befanden sich zwei solche Gruben. Sie waren vielleicht 40 m lang und sechs bis acht Meter breit und hatten eine Tiefe von etwa zweieinhalb Metern. Am Rand sammelte sich das Leichenfett. Mit diesem mussten wir die Leichen Übergiessen.

    Anno 1979, also fünfunddreissig Jahre nach den Gaskammermorden, veröffentlichte Filip Müller dann sein Buch Sonderbehandlung, das die mit Abstand detaillierteste Schilderung des alltäglichen Grauens in Auschwitz und Birkenau darstellt. Das Werk ist schon wegen der ausführlichen technischen Beschreibungen des Vernichtungsvorgangs von allergrösstem Interesse. Entsprechend wurde es in den Spalten der Feuilletons in höchsten Tönen gepriesen. Claude Lanzmann, Regisseur des neunstündigen Films Shoah, meint in seinem Vorwort zur französischen Ausgabe, jede Episode trage das Siegel der Wahrheit. Wesentlich kritischer ist da Jean-Claude Pressac, der schreibt, Müller sei wohl ein bedeutsamer Zeuge, doch habe er zahlreiche Irrtümer begangen; das Beste sei, sein Buch als Roman zu lesen, dem wahre Begebenheiten zugrunde lägen (3).

    Müller schildert die Vergasungen im K 1 des Stammlagers sowie in den Krematorien von Birkenau, nicht aber jene in den Bunkern. Wir zitieren nun einige längere Abschnitte aus seinem Werk. Seinen ersten Einsatz in der Stammlagergaskammer hat er wie folgt in Erinnerung (4):

    Als uns die SS-Posten etwa hundert Meter weit geführt hatten, tauchte vor uns ein eigenartiges Gebäude mit einem flachen Dach auf Dahinter ragte ein runder Schornstein aus roten Ziegeln in den Himmel. Zu diesem Gebäude führten uns die Posten durch ein hölzernes Tor. Wir befanden uns jetzt in einem Hof, der durch eine Mauer von der Aussenwelt getrennt war. Rechts von uns lag das Gebäude, in dessen Mitte sich ein Eingang befand. Über der Tür hing eine eiserne, kunstgeschmiedete Laterne. Unter ihr stand ein noch junger, stattlicher, rotblonder SS-Mann mit den Rangabzeichen eines Unterscharführers. Später erfuhr ich, dass er Stark hiess. Drohend hielt er einen Ochsenziemer in der Hand. Mit den Worten «Herein, ihr Schweinehunde!» empfing er uns und jagte uns mit Schlägen durch die Tür in einen Gang. Wir waren ganz verdutzt und wussten nicht, durch welche der hellblau gestrichenen Türen wir gehen sollten. «Geradeaus, ihr Drecksäcke!» schrie Stark und machte eine Tür auf Wir kamen in einen Raum, in dem uns ein feuchter Geruch und stickiger, beissender Rauch entgegenschlug. Undeutlich konnte man die Umrisse mächtiger Öfen erkennen. Wir befanden uns im Verbrennungsraum des Auschwitzer Krematoriums. Ein paar Häftlinge liefen herum, den sechszackigen Judenstern auf ihren Monturen. Als der Schein der lodernden Flammen den Rauch und Qualm durchbrach, sah ich in dem aus roten Ziegelsteinen gemauerten Quader zwei grosse Öffnungen. Es waren gusseiserne Verbrennungsöfen, zu denen Häftlinge auf einer Lore Leichen hineinschoben. Stark riss jetzt eine weitere Tür vor uns auf, schlug auf Maurice und auf mich ein und trieb uns in einen grösseren Raum neben der Verbrennungsanlage.

    Vor uns lagen zwischen Koffern und Rucksäcken Haufen aufeinander- und durcheinanderliegender toter Männer und Frauen. Ich war starr vor Entsetzen. Ich wusste ja nicht, wo ich mich befand und was hier vor sich ging. Ein heftiger Schlag, begleitet von Starks Gebrüll.- «Los, los, Leichen ausziehen!» veranlasste mich das zu tun, was auch ein paar andere Häftlinge taten, die ich erst jetzt bemerkte. Vor mir lag die Leiche einer Frau. Zuerst zog ich ihr die Schuhe aus. Meine Hände zitterten dabei, und ich bebte am ganzen Körper, als ich begann, ihr die Strümpfe auszuziehen. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich mit einer Leiche in Berührung. Sie war noch nicht richtig erkaltet. Als ich den Strumpf vom Bein herunterzog, riss er ein wenig ein. Stark, der es bemerkt hatte, schlug wieder auf mich ein und ereiferte sich: «Was ist das für eine Arbeit! Pass auf und tummel dich! Die Sachen werden noch gebraucht!» Um zu zeigen, wie es richtig gemacht wird, ging er zu einer anderen Leiche und begann, ihr die Strümpfe auszuziehen. Aber auch bei ihm ging es nicht ohne Riss ab. Die Angst vor weiteren Schlägen, der grausige Anblick der gestapelten Leichen, der beissende Rauch, das Surren der Ventilatoren und das Flackern der lodernden Flammen aus dem Verbrennungsraum, dieses ganze chaotische, Infernalische Tohuwabohu hatte meine Orientierung und mein Denkvermögen derart gelähmt, dass ich jeden Befehl wie hypnotisiert befolgte. Erst allmählich begann ich zu begreifen, dass da Leute vor mir lagen, die man vor kurzem umgebracht haben musste. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie so viele Menschen auf einmal getötet worden waren (...) Maurice und ich fuhren fort, Leichen auszuziehen. Ich sah mich jetzt vorsichtig in dem Raum um, wo die Toten lagen. Hinten entdeckte ich auf dem Betonboden kleine, grünblaue Kristalle. Sie lagen verstreut unter einer Öffnung, die durch die Decke gebrochen war. Dort war auch ein grosser Ventilator angebracht, dessen Propeller sich surrend drehte. Es fiel mir auf, dass sich an der Stelle, wo die Kristalle lagen, keine Leichen befanden, während sie weiter entfernt, vor allem in der Nähe der Tür, haufenweise herumlagen (...) Ich schaute mir nun auch die Gesichter der Toten an und erschrak, als ich eine ehemalige Mitschülerin erkannte. Kein Zweifel, es war Jolana Weis. Ihr Grossvater hatte in meiner Heimatstadt Sered die Mikwe, dasjüdische Ritualbad, verwaltet. Nein, ich träumte nicht, es war keine Vision. Ich hatte das Mädchen genau erkannt, als ich ihr Gesicht erblickt hatte. Um ganz sicherzugehen, fasste ich ihre Hand an, die, wie ich wusste, von Kind an verkrüppelt war, und überzeugte mich endgültig. Noch eine Tote erkannte ich: Es war Rika Grünblatt, die in Sered unsere Nachbarin gewesen war.

    Wie zügig der Kremierungsvorgang in Auschwitz ablief, schildert Müller einige Seiten später (5):

    Für die Verbrennung von drei Leichen hatte man höheren Ortes 20 Minuten veranschlagt, und Starks Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass diese Zeit eingehalten wurde (...) Am späten Nachmittag hatten die Flammen schon viele der Toten in weissgraue Asche verwandelt. Der grössere Teil lag aber noch herum, weil in einer Stunde höchstens 54 Leichen verbrannt werden konnten, wenn in Abständen von 20 Minuten 3 Leichen in jeden Ofen kamen.

    Von den deutschen Ärzten gewann Müller keinen sonderlich günstigen Eindruck (6):

    Von Zeit zu Zeit kamen auch SS-Ärzte ins Krematorium, meistens Hauptsturmführer Kitt und Obersturmführer Weber. An solchen Tagen ging es wie in einem Schlachthof zu. Vor den Hinrichtungen befühlten die beiden Ärzte wie Viehhändler die Schenkel und Waden der noch lebenden Männer und Frauen, um sich «die besten Stücke» auszusuchen. Nach der Erschiessung wurden die Opfer auf einen Tisch gelegt. Dann schnitten die Ärzte Stücke von noch warmem Fleisch aus den Schenkeln und Waden heraus und warfen es in bereitstehende Behälter. Die Muskeln der gerade Erschossenen bewegten sich noch und konvulsierten, rüttelten in den Eimern und versetzten diese in ruckartige Bewegungen.

    Wie gross die Kapazität der Stammlagergaskammer war, enthüllt Müller anderer Stelle (7):

    Die kleine «Todeswerkstatt», in deren Gaskammern mehr als 700 Menschen hineingepfercht werden konnten, hatte von Anfang an nur als Entlastung für die beiden in Birkenau installierten Vernichtungsstätten gedient, die als Bunker I und II bezeichnet wurden.

    Da die beiden Bunker sowie die Gaskammer des Stammlager nicht zur Bewältigung der zu erwartenden Massentransporte ausreichten, wurden, so Müller, in Birkenau die vier Krematorien 11 bis V errichtet (8):

    Mein erster Arbeitstag in Birkenau war ein heisser Sommertag ( ... ) In der Mittagspause begegnete ich Jekl, den ich Anfang 1943 während seiner «Ausbildung» zum Heizer im alten Krematorium in Auschwitz kennengelernt hatte (...) Durch einen engen, halbdunklen Gang, an dessen Wand sich die Türen zum Raum für den Kommandoführer und zwei weitere Räume befanden, führte er mich in die Verbrennungsanlage. Dort waren fünf Öfen installiert, jeder mit drei Brennkammern. Die 15 bogenförmigen Ofenlöcher unterschieden sich äusserlich nicht wesentlich von denen des Auschwitzer Krematoriums (...) Was diese Todesfabrik von der Todeswerkstatt in Auschwitz unterschied, war eigentlich nur ihre Grösse. 15 massive Öfen konnten bei durchgehendem Betrieb täglich mehr als 3000 Leichen verbrennen. Wenn man daran dachte, dass in einer Entfernung von kaum mehr als 100 Metern ein weiteres Krematorium mit gleicher Kapazität und etwa 400 Meter weiter die zwei kleineren Krematorien IV und V, jedes mit acht Öfen, gebaut worden waren, musste man Zwangsläufig zum Schluss kommen, dass hier die Perfektion der Vernichtungsmaschinerie ihren Höhepunkt erreicht hatte. Wollte man weiterleben, musste man versuchen, die schreckliche Wirklichkeit zu ignorieren und die aufgezwungenen Lebensbedingungen als unabwendbar anzusehen, auch wenn man sie abgrundtief verabscheute ( ... ) Als ich mit Kaminski und Jekl die Leichenkammer verlassen hatte, kamen wir zu einer massiven, eisenbeschlagenen Holztür, die nicht verschlossen war. Der Raum, in den sie führte, war in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Als wir das Licht einschalteten, leuchteten an den Wänden Glühbirnen auf, die von einem Drahtgeflecht umfasst waren. Vor uns lag ein etwa 250 Quadratmeter grosser, länglicher Raum. Seine auffallend niedrige Decke und die Wände waren geweisst. Zwischen den Wänden der beiden Längsseiten standen Betonsäulen, welche die Decke abstützten. Wer glaubte, die Säulen in diesem Raum würden nur diesein Zweck dienen, befand sich im Irrtum. Die Zyklon-B-Kristalle wurden nämlich durch Öffnungen in der Betondecke eingeworfen, die in der Gaskammer in hohe Blechsäulen einmündeten. Diese waren in gleichmässigen Abständen durchlöchert, und in ihrem Inneren verlief von oben nach unten eine Spirale, um für eine möglichst gleichmässige Verteilung der gekörnten Kristalle zu sorgen. An der Decke waren auch zahlreiche imitierte Duschen aus Schwarzblech montiert. Sie sollten Argwöhnische beim Betreten der Gaskammer glauben machen, dass sie sich in einem Duschraum befänden. In der Wand war eine Entlüfungsanlage installiert, die sofort nach den Vergasungen eingeschaltet wurde, damit die Leichen so rasch wie möglich herausgeschafft werden konnten (...)

    Erschütterndes weiss Filip Müller von einer Vergasungsaktion zu berichten, der 2000 Juden zum Opfer fielen (9):

    Plötzlich erhob sich eine Stimme inmitten der Menge. Ein kleiner, ausgemergelter Greis hatte begonnen, das Widduj zu beten. Zürst beugte er sich nach vorn, dann hob er den Kopf und die Arme zum Himmel, um sich nach jedem laut und leidenschaftlich herausgeschleuderten Satz mit der Faust an die Brust zu schlagen. Hebräische Worte hallten wider auf dem Hof.- «Aschanmu» - wir haben gesündigt -, «bagadnu» - wir waren treulos -, «gazalnu» - wir haben unseren Nächsten Schaden zugefügt -, «di barnu dofi» - wir haben verleumdet -, «hevejnu» - wir sind unaufrichtig gewesen -, «vehischarnu» - wir haben gefrevelt -, «sadnu» - wir haben wissentlich Böses getan -, «chamasmu» - wir haben andere bedrückt. «Mein Gott, noch ehe ich geschaffen war, bedeutete ich nichts, und jetzt, da ich geschaffen bin, bin ich, als wäre ich nicht geschaffen. Staub bin ich im Leben, wieviel mehr erst im Tode. Ewiglich will ich Dich preisen. Herr, ewiger Gott! Amen! Amen!»

    Die zweitausendköpfige Menge hatte jedes dieser Worte vielstimmig wiederholt, wenn auch vielleicht nicht alle den Sinn dieser alttestamentarischen Beichte verstanden. Die meisten hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt in der Gewalt gehabt. Aber nun liefen fast allen Tränen über die Wangen. Erschütternde Szenen spielten sich ab. Es waren aber nicht nur Tränen der Verzweiflung, die Menschen gaben sich in Gottes Hand und befanden sich in einem Zustand religiöser Ergriffenheit. Die SS-Männer hielten sich währenddessen zurück und liessen die Menschen gewähren.

    Oberscharführer Voss stand mit seinen Kumpanen in der Nähe der SS-Führer und blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr. Die Andacht hatte inzwischen ihren Höhepunkt erreicht. Die Menge betete jetzt laut den Kaddisch, das Totengebet, das sonst nur die Hinterbliebenen für einen Verstorbenen beten. Aber da nach ihrem Ende keiner mehr da war, der für sie hätte beten können, sprachen die Todgeweihten den Kaddisch noch zu ihren Lebzeiten. Dann gingen sie in die Gaskammern. Blauviolette Zyklon-B-Kristalle löschten ihr Leben, während im Lager und im Sonderkommando der übliche Alltag weiterging. Als am nächsten Morgen die Musik des Lagerorchesters ertönte und eine tausendköpfige Armee von Sklaven zur Arbeit ausrückte, war alles wie am Tag zuvor.

    Bei anderen Vergasungen waren die Opfer völlig arglos, da die SS ihnen vorgaukelte, sie müssten sich duschen und würden dann zur Arbeit eingesetzt. Doch nicht immer liessen die Todgeweihten sich täuschen. Eine der zur Vergasung bestimmten Jüdinnen nahm sogar einen ihrer Henker mit ins Grab (10):

    Quackernack und Schillinger schritten gravitätisch und selbstbewusst vor der gedemütigten Menge auf und ab, blieben aber plötzlich stehen. Eine auffallend attraktive Frau mit schwarzblauem Haar hatte ihre Neugier erregt. Schillinger forderte, als sie gerade einen Schuh auszog, mit fast schon mechanisch gewordener Selbstverständlichkeit die Menschen von neuem zum Ausziehen aus. Als die Frau merkte, dass sie die Aufmerksamkeit der beiden SS-Männer auf sich gelenkt hatte, tat sie so, als versuchte sie, ihre Lüsternheit zu erregen, indem sie ihnen kokettierende Blicke zuwarf Ihr Gesicht mit dem breiten Mund wirkte verführerisch. Mit einem vielsagenden Lächeln schob sie ihren Rock so weit hoch, dass man die Strumpfhalter sehen konnte. Dann machte sie grazil einen ihrer Strümpfe los und streifte ihn vom Bein herunter. Dabei beobachtete sie unauffällig, aber aufmerksam, was um sie herum geschah. Die Entkleidungsszene, die sie vor den beiden SS-Leuten spielte, hatte deren Aufmerksamkeit so in Anspruch genommen, dass sie offenbar sexuell erregt waren und sich um nichts anderes mehr kümmerten. Glotzend standen sie da, der Frau zugewandt, und hatten die Hände in die Hüften gestemmt, wobei die Schlagstöcke an ihren Handgelenken herumbaumelten.

    Die Frau entledigte sich nun ihrer Bluse und stand jetzt im Büstenhalter vor ihren geilen Zuschauern. Dann lehnte sie sich mit dem linken Arm gegen einen Betonpfeiler, bückte sich und hob den linken Fuss etwas hoch, um den Schuh auszuziehen. Was dann geschah, spielte sich in Blitzesschnelle ab. Mit einer reflexartigen Bewegung schlug sie Quackernack mit dem Absatz ihres Stöckelschuhes wuchtig gegen die Stirn. Er bedeckte sein Gesicht, das schmerzverzerrt war, mit beiden Händen. In diesem Augenblick stürzte sich die junge Frau auf ihn und entriss ihm mit raschem Griff die Pistole. Dann fiel ein Schuss. Schillinger schrie auf und fiel zu Boden. Sekundenbruchteile später fiel ein zweiter Schuss, der auf Quackernack gezielt war. Obwohl er nur wenige Schritte entfernt war, verfehlte die Kugel jedoch ihr Ziel.

    Im Auskleideraum brach jetzt eine Panik aus. Die junge Frau, die geschossen hatte, tauchte in der Menge unter. Sie konnte jeden Augenblick irgendwo anders auftauchen und auf einen anderen Henker schiessen (...) Dann hörte ich die Maschinengewehre rattern und ein schreckliches Blutbad unter den Menschen im Umkleideraum anrichten. Einige wenige, denen es gelungen war, sich hinter den Betonpfeilern oder in Winkeln zu verstecken, wurden wenig später ergriffen und im Nehenraum erschossen (...) Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass Schillinger auf dem Transport ins Krankenhaus gestorben und Unterscharführer Emmerich verwundet worden war. Als sich diese Nachricht im Lager verbreitete, empfanden viele grosse Genugtuung, denn Schillinger war im Abschnitt B II des Männerlagers ein äusserst brutaler, gemeiner, unberechenbarer und sadistischer Rapportführer gewesen. Der Leichnam der Tänzerin wurde auf dem Seziertisch des Sektionsraums im Krematorium II aufgebahrt. SS-Leute kamen dorthin, um sich ihn anzusehen, bevor er eingeäschert wurde. Vielleicht sollte ihnen dieser Anblick als Warnung dienen und zeigen, welch schlimme Folgen ein Augenblick mangelnder Wachsamkeit für einen SS-Mann haben konnte.

    Seine Arbeit Ödete Müller so sehr an, dass er beschloss, Selbstmord zu begehen und zusammen mit einem Transport Todgeweihter in der Gaskammer zu sterben. Doch überlebte er durch folgende Fügung des Schicksals (11):

    Plötzlich drängten sich einige entblösste Mädchen um mich, alle in blühendem Alter. Sie standen eine Zeitlang vor mir, ohne ein Wort zu sagen, und schauten mich an, in Gedanken versunken. Einige schüttelten mehrmals den Kopf und starrten mich verständnislos an. Schliesslich fasste eines der Mädchen sich ein Herz und sprach mich an: « Wir haben erfahren, dass du mit uns zusammen in den Tod gehen willst. Dein Entschluss ist vielleicht verständlich, aber er ist nutzlos, denn er hilft keinem. Oder, wem glaubst du, dass er helfen könnte?», fragte sie zweifelnd und fuhr dann fort. «Wir müssen sterben, aber du hast noch eine Chance, dein Leben zu retten. Du musst ins Lager zurück und dort allen von unseren letzten Stunden berichten», herrschte sie mich in geradezu befehlendem Ton an (...) Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, was ich ihr antworten sollte, hatten mich die übrigen Mädchen überwältigt. Sie packten mich an meinen Armen und Beinen und schleppten mich trotz meiner Gegenwehr bis zur Tür der Gaskammer. Dort liessen sie mich los und drängten und schubsten mich mit vereinten Kräften hinaus.

    Kurz nach seiner Rettung war Müller schon wieder voll im Einsatz, denn (12):

    Neben dem Auto erkannte ich die Silohütten der beiden «Desinfektoren», die sich dort bereithielten und auf den Befehl warteten, das Gas einzuschütten. Offenbar war es noch nicht so weit, denn die beiden redeten miteinander und zündeten sich gerade Zigaretten an. Zwar mussten jetzt schon mehr als tausend Menschen in der Gaskammer sein, offenbar wurden aber noch weitere erwartet. Tatsächlich dauerte es nicht mehr lange, bis die Lastwagenkolonne zum dritten Mal auf den Hof fuhr. Wiederum wurden die Menschen brutal und rücksichtslos in den Auskleideraum getrieben.

    Dann wurde das Gas eingeworfen, und nach zehn Minuten verstummten die Schreie. Bei der Räumung der Gaskammern boten sich den Sonderkommandoleuten unappetitliche Szenen dar (13):

    Nach der Öffnung der Gaskammer wurde zuerst befohlen, die herausgefallenen Leichen und dann die hinter der Tür liegenden wegzuschaffen, um den Zugang freizumachen. Dabei wurde den Toten die Schlaufe eines Lederriemens um eines ihrer Handgelenke gelegt und zugezogen, um sie so in den Lift zu schleifen und nach oben ins Krematorium zu befördern. Als hinter der Tür etwas Platz geschaffen war, wurden die Leichen mit Wasserschläuchen abgespritzt. Damit sollten Glaskristalle, die noch herumlagen, neutralisiert, aber auch die Leichen gesäubert werden. Denn fast alle waren nass von Schweiss und Urin, mit Blut und Kot beschmutzt, und viele Frauen waren an den Beinen mit Menstruationsblut besudelt. Wenn die eingeworfenen Zyklon-B-Kristalle mit Luft in Berührung kamen, entwickelte sich das tödliche Gas, das sich zuerst in Bodenhöhe ausbreitete und dann immer höher stieg. Daher lagen auch oben auf dem Leichenhaufen die Grössten und Kräftigsten, während sich unten vor allem Kinder, Alte und Schwache befanden. Dazwischen fand man meist Männer und Frauen mittleren Alters. Die Obenliegenden waren wohl in ihrer panischen Todesangst auf die schon am Boden Liegenden hinaufgestiegen, weil sie noch Kraft dazu und vielleicht auch erkannt hatten, dass sich das tödliche Gas von unten nach oben ausbreitete. Auf den Leichenhaufen waren die Menschen ineinander verschlungen, manche lagen sich noch in den Armen, viele hatten sich im Todeskampf noch die Hände gedrückt, an den Wänden lehnten Gruppen, aneinandergepresst wie Basaltsäulen.

    Die Leichenträger hatten Mühe, die Toten auf den Leichenhaufen auseinanderzuzerren, obwohl sie noch warm und noch nicht erstarrt waren. Viele hatten den Mund weit aufgerissen, auf den Lippen der meisten war eine Spur von weissem, eingetrockneten Speichel zu erkennen. Manche waren blau angelaufen, und viele Gesichter waren von Schlägen fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sicher hatte auch das unterirdische Labyrinth, zu dem die Gaskammer geworden war, dazu geführt, dass die Menschen in panischer Angst im Dunkeln umherirrten, gegeneinanderstiessen, übereinanderfielen und aufeinander herumtrampelten, so dass es zu diesem Tohuwabohu von verhedderten Leichen gekommen war. Unter ihnen lagen auch schwangere Frauen, von denen einige vor ihrem qualvollen Ende noch den Kopf ihrer Leibesfrucht herausgepresst hatten. Während die Toten aus der Gaskammer geschafft wurden, mussten die Leichenträger Gasmasken aufsetzen, denn die Ventilatoren konnten das Gas nicht vollständig absaugen. Vor allem zwischen den Toten befanden sich noch immer Reste des tödlichen Gases, das beim Räumen der Gaskammer frei wurde. Es war eine schreckliche, aber auch anstrengende Arbeit, die Leichen mühevoll aus dem Haufen, in dem sie lagen, herauszuzerren und wegzuschleifen. Man kam dabei schnell ins Schwitzen, so dass sich die Gläser der Gasmaske beschlugen, und deshalb geriet man meistens schon nach wenigen Minuten in Atemnot. Daher mussten immer wieder Pausen eingelegt werden, damit man Luft schnappen konnte.

    Die anstrengendste Zeit waren für Müller und seine Kollegen vom Sonderkommando die Monate Mai bis Juli 1944, denn da gab es allerlei zu tun, beispielsweise folgendes (14):

    Die zwei Gruben, die ausgehoben worden waren, hatten eine Länge von 40 bis 50 Metern, waren etwa 8 Meter breit und 2 Meter tief. Die grosse Vernichtungsstätte war aber noch lange nicht einsatzbereit. Nachdem die grobe Arbeit getan war, ging es an die Ausführung der von Moll ersonnenen Details, die eine Vernichtungsphantasie von schauerlicher Erfindungskraft offenbarten.

    Zusammen mit seinem Helfer Eckhardt stieg der Mordingenieur in eine der Gruben hinunter und markierte auf dem Grund einen 25 bis 30 cm breiten Streifen, der in Längsrichtung mitten durchlief Hier sollte durch Ausstechen der Erde ein von der Mitte nach beiden Seiten hin leicht abschüssiger Kanal entstehen, damit das Fett der Leichen, wenn sie in der Grube brannten, in zwei Auffangbehälter abfliessen konnte, die auf beiden Seiten am Ende des Kanals ausgehoben werden sollten.

    Moll jagte nun eine Gruppe von Häftlingen in die Grube, die mit Spaten, Schaufeln, Hämmern, Kellen, Ziegelsteinen, Zement und Wasserwagen ausgerüstet waren. Sie sollten den Abflusskanal für das Menschenfett herstellen. Es schien unfassbar. Abflusskanäle für Menschenfett, das man als Brennstoff verwenden wollte, um die Mordspuren möglichst rasch zu tilgen. Empört, aber hilflos und niedergeschlagen sahen wir die Tragödie in ihrem schrecklichen Ausmass auf uns zukommen (...)

    Auf dessen hinterem Hof [gemeint ist der Hof des K V], wo sich die Verbrennungsgruben befanden, türmten sich, ein paar Meter vor den Türen der Gaskammern entfernt, zahlreiche amorphe Leichenhaufen. Aus ihnen wurde ein Leichnam nach dem anderen von den Leichenschleppern herausgezogen und in einer langen Reihe, die zu der dritten Grube führte, nebeneinandergelegt. Dann tauchten die Zahnextrahierer und die Leichenfriseure auf, um in hektischer Eile den auf dem Rücken liegenden Toten die Goldzähne herauszubrechen, ihre Körperöffnungen nach versteckten Wertsachen abzusuchen und den Frauen die Haare abzuschneiden. Erst wenn das alles geschehen war, durften die Leichen eingeäschert werden.

    Bei Morgengrauen war in zwei Gruben, in denen vielleicht 2500 Leichen aufeinandergeschichtet worden waren, das Feuer entfacht worden. Zwei Stunden später konnte man die Toten schon nicht mehr erkennen. In den weissglühenden Flammen lagen unzählige verkohlte, ausgedörrte Rümpfe nebeneinander. Ihre schwarzphosphoreszierende Farbe liess erkennen, dass der Einäscherungsprozess sich schon in einem fortgeschrittenen Stadium befand. Das Feuer musste jetzt immer wieder von aussen in Gang gehalten werden, weil der Scheiterhaufen, der anfangs etwa einen halben Meter über den Rand der Grube herausgeragt hatte, inzwischen unter dieses Niveau zusammengefallen war. Während in den Öfen der Krematorien mit Hilfe der Ventilatoren eine dauerhafte Gluthitze erhalten werden konnte, wenn die Leichen richtig Feuer gefangen hatten, brannte das Feuer in den Gruben nur so lange, als die Luft zwischen den Leichen zirkulieren konnte. Da der Leichenhaufen immer mehr in sich zusammensackte und von aussen keine Luft mehr bekam, mussten wir Heizer die brennende Masse in der Grube ständig mit Öl, Methanol und Menschenfett begiessen, das sich in den Auffangbehältern an den beiden Stirnseiten der Grube reichlich angesammelt hatte und dort am Sieden war. Mit langen Rundeisen, die am unteren Ende wie der Griff eines Spazierstocks gebogen waren, wurde das brutzelnde Fett mit Eimern herausgeschöpft, die wir mit dicken Fäustlingen anfassten. Wenn das Fett an allen möglichen Stellen in die Grube geschüttet wurde, schlugen Stichflammen unter heftigem Zischen und Prasseln in die Höhe. Unaufhörlich entstieg der Grube dichter Rauch und Qualm. Die Luft stank nach 01, Fett, Benzol und verbranntem Fleisch.

    Die an und für sich schon lästige Arbeit wurde durch die ständigen zweifelhaften Spässe des Unterscharführers Moll auch nicht angenehmer (15):

    Er trieb Mendele zu einer der Gruben, auf deren Oberfläche Hunderte von eingeäscherten Skeletten herumlagen. Die obere Aschenschicht war noch am Glühen. Am Rand der Grube zog Moll seine Pistole und wandte sich zynisch an Mendele: «Eigentlich müsste ich dich jetzt erschiessen, du Judenhund. Aber so bin ich nicht, du sollst eine Chance haben. Ich lass dich laufen, wenn du barfuss durch die Grube läufst. » In seiner Verzweiflung schöpfte Mendele wohl noch einmal Hoffnung, sein Leben retten zu können. Er streifte seine Schuhe ab, sprang unerschrocken in die Grube und versuchte, um sein Leben zu laufen und das Unmögliche zu schaffen. Als er mit einem markerschütternden Schrei in der höllischen Glut zusammensackte, gab Moll ihm den Fangschuss.

    Moll hatte einen krankhaft scheinenden Hang zu perversen, wollüstigen Quälereien. So gehörte es beispielsweise zu seinen Gewohnheiten, von Zeit zu Zeit im Krematorium aufzutauchen, wenn sich die Todeskandidaten gerade ihrer Kleider entledigten. Er lief dann wie ein Fleischbeschauer durch den Auskleideraum und suchte sich ein paar junge, nackte Frauen aus, die er anschliessend auf den hinteren Hof des Krematoriums zu einer der Gruben trieb, wo gerade Leichen verbrannt wurden

    (...) Einmal wurde ich Zeuge, wie in einer solchen Situation mehrere junge Frauen wie scheue Rehe auseinanderstoben und auf den Stacheldraht zuliefen, vor dem ein tiefer Graben ausgehoben worden war. Moll hetzte sofort seinen Schäferhund hinterher, der sich mit langen Sätzen auf die Frauen stürzte und eine nach der anderen, wütend hin und her jagend, in die Beine und das Gesäss biss. Inzwischen waren auch Molls Helfer herbeigeeilt und trieben die verstörten, verängstigten Frauen mit Knüppeln zu der Grube zurück, aus der immer noch Feuer herausschlug. Dort fieberte Moll schon der Befriedigung seiner Mordlust entgegen. Erforderte die verzweifelten Frauen auf, sich nebeneinander mit dem Gesicht zur Grube aufzustellen. Der Anblick der brennenden Leichen löste erneut panische Angst und Schrecken bei ihnen aus. Währenddessen lief Molls Schäferhund, der wohl darauf abgerichtet war, mit langen Schritten etwa einen halben Meter hinter den Frauen nervös auf und ab, wobei er seinen Schwanzfast waagerecht nach hinten abgespreizt hatte. Mit glänzenden Augen und hechelnder Zunge wachte er darüber, dass keines der Opfer auch nur die geringste Bewegung machte. Die Frauen, deren Wunden, die von den Hundebissen herrührten, bluteten, standen in ihrer Todesangst starr und steif am Rand der Grube, in der zahllose Leiber brannten. Moll fühlte sich jetzt in seinem Element. Erregt und lüstern rief er den wehrlosen Frauen zu: «Schaut es auch genau an, schaut euch alles gut an! Gleich werdet ihr genau so brennen, wie die da unten. » Dann erschoss er eine nach der anderen mit seinem schallgedämpften Karabiner, so dass sie vornüber in das Inferno der Grube fielen (...) Eine ungewöhnliche Belustigung bereitete ihm das sogenannte Froschschwimmen, das er ab und zu, wenn er Laune hatte, in einem der beiden Löschteiche beim Krematorium IV oder beim Bunker V veranstaltete. Er jagte dann die von ihm ausgesuchten Opfer ins Wasser und liess sie unter ständigem Quaken so lange schwimmen, bis ihre Kräfte erlahmt waren und sie vor Erschöpfung ertranken. Bis es soweit war, ergötzte und weidete er sich mit seinen Henkersknechten am Todeskampf der unglücklichen Opfer, denen bei jedem Versuch, sich dem Rand der Grube zu nähern, eine Pistole oder ein Gewehr drohend vor die Nase gehalten wurden (...) Eine andere Art, seine perverse Mordgier zu befriedigen, war die Tötung von Kleinkindern, die er lebendig in das siedende Menschenfett an den Stirnseiten der Gruben warf.

    Doch schliesslich hatte der Ärger ein Ende, denn im Januar 1945 wurde Müller zusammen mit den anderen Sonderkommandomitglieder, die dann noch am Leben waren, evakuiert. Dabei gingen ihm allerlei Gedanken durch den Kopf, etwa folgender (16):

    Immer wieder fragte ich mich, wie es kam, dass man uns übriggebliebene Geheimnisträger des Sonderkommandos vor der Evakuierung nicht erschossen hatte.

    Selbstkritisch meint Müller (17):

    ... und ich war mir nicht sicher, ob ich das alles vielleicht nur träumte.


    Anmerkungen zur Zeugenaussage

    1) Die französische Fassung (erschienen 1980 bei Editions Pygmalion/Gérard Watelet, Paris) heisst Trois ans dans une chambre à gaz; der Titel wirkt somit noch unfreiwillig komischer als der deutsche.
    2) Langbein, S. 88/89.
    3) Pressac, S. 181.
    4) Filip Müller, Sonderbehandlung. Deutsche Bearbeitung von Helmut Freitag. Steinhausen, 1979, S. 22 ff.
    5) ibidem, S. 29/30.
    6) ibidem, S. 74.
    7) ibidem, S. 79.
    8) ibidem, S. 91. 93 ff.
    9) ibidem, S. 110/111.
    10) ibidem, S. 137 ff.
    11) ibidem, S. 179/180.
    12 ) ibidem, S. 183.
    13) ibidem, S. 185/186.
    14) ibidem, S. 207 ff., 216 ff.
    15) ibidem, S. 225 ff.
    16) ibidem, S. 271.
    17) ibidem.


  • Kritik

    Waren schon die vorher zitierten «Augenzeugenberichte» gelinde ausgedrückt gänzlich unglaubwürdig, so zeugt derjenige des Filip Müller von einer derart krankhaften Phantasie, dass man unwillkürlich nach dem Irrenarzt ruft. Sein Buch, laut Professor Yehuda Bauer von der Hebräischen Universität Jerusalem «ein einzigartiges Dokument, das Zeugnis des einzigen Mannes, der das jüdische Volk sterben sah und überlebte, um zu berichten, was er gesehen hat» (Klappentext), ist ein einzigartiges Panoptikum von Perversitäten und Wahnvorstellungen. Obgleich es überflüssig erscheinen mag, die gröbsten Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten dieses obszönen Machwerks noch pedantisch aufzulisten1 wollen wir den Versuch im folgenden unternehmen, da Müller in der Holocaustliteratur ungemein häufig zitiert wird: Raul Hilberg beruft sich in seinem Standardwerk mehrere Male auf ihn (1), und in einer im Dezember 1993 von der Schweizer Weltwoche veröffentlichten, aus der Feder irgendeiner Klara Obermüller stammenden Auschwitz-Schreibübung wird der Müllersche Unrat als Beweis für die Judenvernichtung bemüht. Aus diesem Grund gehen wir auf eine Reihe der gröbsten Absurditäten und Perversitäten ein.

    1) Beginnen wir mit der Feststellung, dass Müller und «Maurice» bei ihrem ersten Einsatz in der Gaskammer offenbar keine Gasmasken trugen, sonst hätte Müller bei der Arbeit nicht essen können. Sie wären sogleich an Blausäurevergiftung gestorben.

    2) Im Gegensatz zu so gut wie allen anderen Zeugen berichtet Müller, die Opfer seien zum Zeitpunkt der Vergasung noch bekleidet gewesen und erst nach dem Massenmord von den Sonderkommandoleute ausgezogen worden. Ihre Kleider, so Stark laut Müller, wurden noch gebraucht. Ein solches Vorgehen hätte von nacktem Irrsinn gezeugt; selbstverständlich hätte man sich die Opfer vor der Vergasung selbst ausziehen lassen, anstatt die Sonderkommandoleute dieser hochgefährlichen Arbeit auszusetzen (erinnern wir uns, dass Zyklon stark an Oberflächen haftet) und die blausäurevergifteten Kleider dann noch mühsam reinigen zu müssen.

    3) Zu den Öffnungen in der Decke, durch welche das Zyklon eingeworfen wurden, vergleiche man das im Zusammenhang mit Zeugenaussage 13 (Alter Feinsilber) Gesagte. Da es zum Zeitpunkt der «Tat» keine Öffnungen in der Decke gab, durch die man das Zyklon hätte einwerfen können, wurde eben kein Zyklon eingeworfen, und die Tat fand demnach nicht statt.

    4) Abermals der Unsinn von den drei in einem Zeitraum von 20 Minuten in einer Muffel verbrannten Leichen!

    5) Die Passage von den Leichenteilen, die in den Eimern rüttelten und diese in ruckartige Bewegungen versetzten, ist in der französischen Fassung ausgelassen worden (2); offenbar verfügten die französischen Bearbeiter des Textes noch über ein rudimentäres Schamgefühl.

    6) Nach Müller wurde die Stammlagergaskammer nur zur Entlastung der beiden Birkenauer Bunker benutzt, bei einem Vergasungsvorgang seien aber bis zu 700 Menschen hineingetrieben worden. Angesichts einer Fläche von 70 Quadratmetern ergibt dies zehn Menschen auf einen Quadratmeter. Wie die Eingeschlossenen da noch von den Zyklonsäulen wegfliehen und auf die Tür zudrängen konnten, bleibt unerfindlich.

    7) Zu der von Müller genannten Kremierungskapazität des K 11 und K 111 (3000 Leichen pro Tag) erübrigt sich ein Kommentar.

    8) Laut Müller sind die Birkenauer Krematorien Beweis einer «perfekten Vernichtungsmaschinerie». Für die Vertreter der Ausrottungstheorie stellen diese Krematorien in der Tat einen Beleg dafür dar, dass Massentötungen geplant waren; für die Einäscherung der eines natürlichen Todes Gestorbenen, argumentieren sie, hätte es keiner so grossen Kremierungskapazität bedurft.

    Dem ist entgegenzuhalten, dass die Errichtung der vier Kremas zu einem Zeitpunkt beschlossen wurde, wo in Auschwitz der Typhus besonders mörderisch wütete (3); 1943 und 1944 war die Sterberate weitaus niedriger als 1942, so dass eine Kremierungsüberkapazität herrschte. Grundsätzlich ist aber folgendes zu bemerken:

    Wäre in Birkenau eine systematische Massenausrottung geplant gewesen, so hätte man gar keine Krematorien bauen lassen, sondern eine Massenverbrennungsanlage, wie sie zur Beseitigung von Müll oder von Tierkadavern Verwendung findet. Der Sinn eines Krematoriums mit getrennten Ofenmuffeln liegt nämlich daran, die Asche der Verstorbenen säuberlich auseinanderzuhalten, damit man sie den Angehörigen übersenden kann. Die Errichtung von Krematorien ist also kein Indiz für, sondern ganz im Gegenteil eines gegen das Vorhandensein eines Plans zur Massenausrottung! - Übrigens müssen sich die Vertreter der Ausrottungsthese fragen lassen, weswegen eigentlich in den vier «reinen Vernichtungslagern» Belzec, Sobibor, Treblinka und Chelmno keine Krematorien errichtet wurden. Solche hätten sich ihrer Logik nach doch zur Beseitigung der rund zwei Millionen in diesen «Todesfabriken» anfallenden Leichen aufgedrängt. Doch nein, dort wurden die Ermordeten der Holocaustliteratur zufolge zunächst in Massengräbern beigesetzt und 1943, als sich nach Stalingrad die deutsche Niederlage abzuzeichnen begann, wieder ausgegraben und im Freien verbrannt.

    9) Von den durch Tauber und Kula so anschaulich beschriebenen Drahtgeflechtsäulen zur Einführung des Zyklons ist bei Müller keine Rede; bei ihm wurde das Gift durch «hohle Pfeiler» eingeleitet. Dazu bemerkt Fred Leuchter in seiner forensischen Untersuchung der Krematorien (4): «... Ferner sind Berichte über hohle, gasführende Pfeiler unwahr. Alle Pfeiler bestehen aus massivem Stahlbeton, genau wie sie in den aufgefundenen deutschen Plänen verzeichnet sind.»

    10) Wie bei so vielen anderen Zeugen beginnt bei Müller die Ventilation sogleich nach der Vergasung, also unvernünftigerweise zu einem Zeitpunkt, wo die Zyklongranulate noch Gas absonderten.

    11) Die Szene mit der hübschen Striptease-Tänzerin, die dem geilen SS-Rohling die Pistole entreisst und ihm die hochverdiente Kugel in den Leib jagt, gehört zu den Evergreens der Auschwitz-Literatur. Sie wird schon in Kogons SS-Staat erwähnt, wo es heisst (5): «Eine italienische Tänzerin liess der Rapportführer Schillinger nackt vor dem Krematorium tanzen. In einem günstigen Augenblick näherte sie sich ihm, entriss ihm die Pistole und schoss ihn nieder. Bei dem anschliessenden Handgemenge wurde die Frau ebenfalls erschossen, so dass sie wenigstens dem Gastod entging.» Wir verdanken Prof. Faurisson die Mitteilung, dass die fesche Stripteaseuse ihre Nationalität noch Öfter gewechselt hat als Alter Feinsilber seinen Namen; bald war sie Italienerin, bald Französin, bald Belgierin, bald Tschechin, bald Polin.

    12) Bei der Massenvergasung, der Müller nach seinem vereitelten Selbstmordversuch beiwohnen musste, wurden zu einem Zeitpunkt, wo sich bereits über 1000 Personen in der Gaskammer befanden, noch laufend weitere hineingetrieben, so dass mit Sicherheit weit über 5 Menschen auf einen Quadratmeter kamen. Wie konnten die Opfer da noch in der Todeskammer «umherirren»?

    13) Von lebhafter Phantasie zeugt die Passage über die blau angelaufenen Gesichter der Vergasten. Germar Rudolf schreibt dazu (6): «Blausäure blockiert die Sauerstoffversorgung der Zellen. Das Hämoglobin des Blutes kann den Sauerstoff nicht mehr an die Zelle abgeben. Es tritt daher eine Sauerstoffübersättigung des Blutes ein; die Haut des Opfers, besonders an den Schleimhäuten und Totenflecken, erscheint daher rötlich, nicht blau.» Müller hat zweifellos nie im Leben einen an Blausäurevergiftung verschiedenen Menschen gesehen.

    14) Zu dem bereits bei Höss und Tauber geschilderten Unfug mit dem beim Verbrennen der Leichen abfliessenden und als zusätzlicher Brennstoff verwendeten Menschenfett hier nun ein etwas ausführlicherer Kommentar, da Müller diesen ekelhaften Stumpfsinn auf mehreren Seiten ausbreitet (S. 207 ff.). Bekanntlich besteht der menschliche Körper überwiegend aus Wasser und brennt folglich niemals von selbst. Das erste, was an ihm brennt, ist logischerweise das Fett. Müller und die anderen Augenzeugen wissen dies natürlich, denn ihnen zufolge wurde ja das Fett zusätzlich zu Holz, Öl, Methanol usw. zur Leichenverbrennung benutzt. Gauss bemerkt dazu (7): «Wenn das Fett aber die Verbrennung beschleunigt, so tut es dies schon in dem Augenblick, in dem es aus dem Körper tritt. Es kann also niemals in Kanälen gesammelt und abgeführt werden. Fett sammelt sich nur dort, wo die Flammen vom Fleisch ferngehalten und die Zündtemperatur des Fettes nicht überschritten wird, zum Beispiel bei der Verwendung von Pfannen. Dass die Leichen in Pfannen gelegen hätten, wird man aber wohl nicht annehmen, noch hat dies jemals jemand ernsthaft behauptet. Bei diesen Passagen handelt es sich also um nichts anderes als um klassische Gruselmärchen. Wer jemandem noch irgend etwas abnimmt, nachdem dieser so etwas erzählt hat, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen.»

    15) Gehen wir noch ein wenig auf die Müllerschen Verbrennungsgruben ein. Auch hier stand uns Arnulf Neumeier mit seinem technischen Wissen hilfreich zur Seite. Er bemerkt dazu: «Die zwei zu Anfang erwähnten Gruben werden als je 40 bis 50 m Länge, 8 m Breite und 2 m Tiefe aufweisend beschrieben. Daraus ergibt sich ein Volumen von 600 m² pro Grube bei einem Böschungswinkel von 60 Grad. Das Ausheben der Gruben erfolgte von Hand, der Abtransport des Aushubs mit Karren; angesichts der von Müller angegebenen Dimensionen lassen sich etwa 10'000 Fuhren pro Grube errechnen. Wieviele Leute waren beschäftigt? Die Aushubhalde findet nirgendwo Erwähnung. - Sehr aufschlussreich sind die Menschenfettabflusskanäle. Ihre Länge beträgt etwa 40 m, sie sind mit Ziegelsteinen ausgelegt und etwa 30 cm breit. Bei cm Gefälle ergibt sich eine Kanaltiefe von 20 cm an beiden Enden. Also wäre eine Seitenwandung nötig gewesen, da sonst das Erdreich die Rinne ausgefüllt hätte. Mindestens 1000 Ziegelsteine und 10 Sack Zement hätte man zum Verfugen gebraucht. Doch geschah die ganze Arbeit in der unglaublichen Zeit von ein paar Stunden. - Müller spricht von «weissglühenden Flammen» in der Grube. Weissglut setzt eine Temperatur von nicht unter 1200 Grad Celsius voraus, die mit offenem Holzfeuer keineswegs erreicht werden kann. - Unerklärlich ist, wie sich Menschenfett in den Gruben am Ende der Rinnen sammeln konnte, da die übrigen 230 m² der Grube nicht mit Steinen ausgelegt waren. Unerklärlich ist gleichfalls, wie man die Ölgruben ausschöpfen konnte, wenn die Verbrennungsgrube mit Holz gefüllt war. Vom Grillen her weiss man doch, dass sich das Fett in der Auffangschale gleich entzündet, wenn Glutstücke hineinfallen» (private Mitteilung an den Verfasser).

    16) Dass sich Methanol als Brennstoff nicht eignet, sahen wir bereits im Zusammenhang mit der 8. Zeugenaussage (Höss/Krakau).

    Zu den übrigen Schauergeschichten des Herrn Müller können wir uns den Kommentar vielleicht doch sparen. Allenfalls ist noch von Interesse, dass der SS-Hund, der den Juden Fleischstücke aus dem Leib reisst, eine jüdische Standard-Halluzination ist. So schreibt Paul Celan in seiner Todesfuge vom Mann aus Deutschland, der seinen Rüden pfeift und sie auf die Juden hetzt, und über das KZ Treblinka berichtet Abraham Goldfarb (8): «Auf dem Weg zu den Gaskammern standen an beiden Seiten des Zaunes Deutsche mit Hunden. Die Hunde waren darauf abgerichtet, Menschen anzufallen; sie bissen die Männer in die Genitalien und die Frauen in die Brüste und rissen Fleischstücke heraus.» Dass Müller seinen «Tatsachenbericht» erst 1979 zu Papier brachte, dürfte daran liegen, dass er Jahrzehnte brauchte, um die einschlägige Literatur zu lesen und ihr die erforderliche Inspiration für sein eigenes Meisterwerk zu entnehmen.


    Anmerkungen zur Kritik

    1) Hilberg, z.B. S. 947, 1043, 1046.
    2) Die Bearbeiterin der französischen Ausgabe unserer Schrift Der Holocaust auf dem Prüfstand (L'Holocauste au Scanner, Guideon Burg Verlag, erhältlich bei J. Colson, Oude Baan, 1649 Dworp, Belgien) hat die deutsche und die französische Müller-Version nebeneinandergehalten; sie weist darauf hin, dass mehrere besonders genierliche Passagen des deutschen Originals in der französischen Version von Müllers Buch fehlen.
    3) Zu den Typhusepidemien in Auschwitz siehe das 4. Kapitel von Arthur Butz' The hoax of the twentieth century, Historical Review Place, Brighton, England. Auch Pressac geruht in seinem 1993 erschienenen zweiten Auschwitz-Buch, die Typhusseuche zur Kenntnis zu nehmen (S. 32,43,46 u. a.). Dem Typhus fielen auch mehrere führende SS-Leute zum Opfer (Faurisson, 1994, S. 24).
    4) Zitiert nach der deutschen Übersetzung des Leuchter-Gutachtens, Historische Tatsachen Nr. 36, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho/Weser, S. 34.
    5) Eugen Kogon, Der SS-Staat, Auflage von 1974, Kindler Verlag, S. 167.
    6) Rudolf, S. 77.
    7) Gauss, S. 233.
    8) Zitiert nach Kogon/Langbein/Rückerl, S. 181.


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