Nicht etwa als Angeklagter, sondern als Entlastungszeuge für Ernst Kaltenbrunner, den Leiter des Reichssicherheitshauptamts, erschien der erste Auschwitz-Kommandant Rudolf Franz Ferdinand Höss am 15. April 1946 vor dem Nürnberger Gericht. Höss hatte seit 1934 ununterbrochen in Konzentrationslagern Dienst getan; zunächst als einfacher Wachmann in Dachau, später in Sachsenhausen, wo er es zum stellvertretenden Lagerleiter brachte. 1940 wurde er mit dem Aufbau von Auschwitz beauftragt, welches er bis zum November 1943 leitete; darauf wurde er zum Chef D 1 der Amtsgruppe D (Konzentrationslager) ernannt. Nach Kriegsende tauchte er unter, wurde jedoch von den Briten am 11. März 1946 auf einem Bauernhof bei Flensburg aufgestöbert, wo er unter dem Namen Franz Lang gelebt hatte. Nach dreitägigem Verhör legte er sein Geständnis ab, das bis zum heutigen Tage als Beweis Nummer eins für die Judenvernichtung in der grössten Todesfabrik aller Zeiten gilt.

Bei seinem Auftritt in Nürnberg verhielt sich Höss recht einsilbig und beantwortete die meisten Fragen mit «Ja», «Jawohl» oder «Nein». Er machte allerdings auch einige bemerkenswerte Aussagen; so bestand er darauf, dass die Misshandlungen von Gefangenen «nicht, wie angenommen Methode, sondern Ausschreitungen einzelner Führer» gewesen seien. Das Massensterben in den Konzentrationslagern während der letzten Kriegsmonate führte er auf die Zerstörung des Bahnnetzes und die dauernde Bombardierung der industriellen Werke zurück. Vom amerikanischen Oberst Harlem Amen mit seinem einen guten Monat zuvor abgegebenen Geständnis konfrontiert, bestätigte er dessen Richtigkeit mit Wendungen wie «ja, es stimmt» oder «jawohl». Hält man sich die zentrale Position dieses Mannes bei dem behaupteten millionenfachen, industriell betriebenen Völkermord vor Augen, so mutet es seltsam an, dass seine Befragung in Nürnberg so kurz ausfiel; sie umfasst ganze 28 Seiten (1).

Wegen seiner ausserordentlichen Bedeutung geben wir das Höss-Geständnis nun vollständig wieder. Die Originaversion ist interessanterweise in englischer Sprache abgefasst. Wohl konnte Höss seinen eigenen Aussagen zufolge gut Englisch - er hatte es sich im Zuchthaus Brandenburg, wo er während der zwanziger Jahre wegen Beteiligung an einem Fememord fünf Jahre einsass, selbst beigebracht -, doch ist es dennoch merkwürdig, dass er ein so folgenschweres Geständnis freiwillig in einer fremden Sprache abgelegt hat (2).

Wir zitieren das Höss-Geständnis in der deutschen Übersetzung, die das Office of US Chief of Counsel for the Prosecution of Axis Criminality anfertigen liess (3):

Ich, Rudolf Franz Ferdinand Höss, sage nach vorheriger rechtmässiger Vereidigung aus und erkläre wie folgt.-

1. Ich bin sechsundvierzig Jahre alt und Mitglied der NSDAP seit 1922; Mitglied der SS seit 1934,- Mitglied der Waffen-SS seit 1939. Ich war Mitglied ab 1. Dezember des SS-Wachverbandes, des sogenannten Totenkopf-Verbandes.

2. Seit 1934 hatte ich unausgesetzt in der Verwaltung von Konzentrationslagern zu tun und tat Dienst in Dachau bis 1938,- dann als Adjutant in Sachsenhausen von 1938 bis zum 1. Mai 1940, zu welcher Zeit ich zum Kommandanten von Auschwitz ernannt wurde. Ich befehligte Ausschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und schätze, dass mindestens 2500'000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben dort durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3000'000 Toten ausmacht. Diese Zahl stellt ungefähr 70 oder 80 Prozent aller Personen dar, die als Gefangene nach Auschwitz geschickt wurden; die übrigen wurden ausgesucht und für Sklavenarbeit in den Industrien des Konzentrationslagers verwendet. Unter den hingerichteten und verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20'000 russische Kriegsgefangene (die früher von der Gestapo aus den Gefängnissen der Kriegsgefangenen ausgesondert waren); diese wurden in Auschwitz den Wehrmacht-Transporten, die von regulären Offizieren und Mannschaften der Wehrmacht befehligt wurden, ausgeliefert. Der Rest der Gesamtzahl der Opfer umfasste ungefähr 100'000 deutsche Juden und eine grosse Anzahl von Einwohnern, meistens Juden, aus Holland, Frankreich, Belgien, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Griechenland oder anderen Ländern. Ungefähr 400'000 ungarische Juden wurden allein in Auschwitz im Sommer 1944 von uns hingerichtet.

3. WHVA (Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt), das von Obergruppenführer Oswald Pohl geleitet wurde, war für alle Verwaltungsangelegenheiten, wie Unterkunft, Ernährung und ärztliche Fürsorge in den Konzentrationslagern verantwortlich. Vor Errichtung der RSHA waren das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapo) und das Reichsamt der Kriminalpolizei für die Verhaftungen, Verschickungen in die Konzentrationslager, für die dortigen Bestrafungen und Hinrichtungen verantwortlich. Nach der Organisation der RSHA wurden alle diese Funktionen wie bisher ausgeübt, aber gemäss den Befehlen, die von Heydrich als Chef der RSHA unterzeichnet waren. Während Kaltenbrunner Chef der RSHA war, wurden die Befehle betreffend Schutzhaft, Verschickungen, Bestrafungen und Sonderhinrichtungen von Kaltenbrunner oder von Müller, dem Leiter der Gestapo, unterzeichnet.

4. Massenhinrichtungen durch Vergasung begannen im Lauf des Sommers 1941 und dauerten bis zum Herbst 1944. Ich beaufsichtigte persönlich die Einrichtungen in Auschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und weiss auf Grund meines laufenden Dienstes in der Überwachung der Konzentrationslager WVHA, dass diese Massenhinrichtungen wie vorerwähnt sich abwickelten. Alle Massenhinrichtungen durch Vergasung fanden unter dem direkten Befehl unter der Aufsicht und Verantwortlichkeit der RSHA statt. Ich erhielt unmittelbar von der RSHA alle Befehle zur Ausführung dieser Massenhinrichtungen.

5. Am 1. Dezember 1943 wurde ich Chef vom Amt 1 im Amt Gruppe D des WVHA und in diesem Amt war ich verantwortlich für die Zusammenstellung aller Angelegenheiten, die sich zwischen der RSHA und den Konzentrationslagern unter der Verwaltung des WVHA ergaben. Ich hatte diese Stellung bis zum Ende des Krieges inne. Pohl, als Chef des RVIIA, und Kaltenbrunner, als Chef des RSHA, berieten sich betreffend der Konzentrationslager oftpersönlich und traten mündlich und schriftlich häufig in Verbindung miteinander. Am 5. Oktober 1944 erstattete ich Kaltenbrunner in seinem Büro in der RSHA, Berlin, einen ausführlichen Bericht betreffend das Konzentrationslager Mauthausen. Kaltenbrunner bat mich um einen kurzen mündlichen Auszug aus diesem Bericht und sagte, er würde sich jede Entscheidung vorbehalten, bis er Gelegenheit haben würde, ihn in allen Einzelheiten zu prüfen. Dieser Bericht behandelte die Zuweisung zur Arbeit von mehreren hundert Gefangenen, die zum Tode verurteilt worden waren - sogenannte «namenlose Gefangene.

6. Die «Endlösung» der jüdischen Frage bedeutete die vollständige Ausrottung aller Juden in Europa. Ich hatte den Befehl, Ausrottungserleichterungen in Auschwitz im Juni 1941 zu schaffen. Zu jener Zeit bestanden schon drei weitere Vernichtungslager im Generalgouvernement: Belzekx, Treblinka und Wolzek. Diese Lager befanden sich unter dem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei und des SD. Ich besuchte Treblinka, um festzustellen, wie die Vernichtungen ausgeführt wurden. Der Lagerkommandant von Treblinka sagte mir, dass er 80'000 im Laufe eines halben Jahres liquidiert hätte. Er hatte hauptsächlich mit der Liquidierung aller Juden aus dem Warschauer Ghetto zu tun. Er wandte Monoxid-Gas an und nach seiner Ansicht waren seine Methoden nicht sehr wirksam. Als ich das Vernichtungsgebände in Auschwitz errichtete, gebrauchte ich also Zyclon B, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammer durch eine kleine Öffnung einwarfen. Es dauerte 3 bis 15 Minuten, je nach den klimatischen Verhältnissen, um die Menschen in den Todeskammern zu töten. Wir wussten, wenn die Menschen tot waren, weil ihr Kreischen aufhörte. Wir warteten gewöhnlich eine halbe Stunde, bevor wir die Türen Öffneten und die Leichen entfernten. Nachdem die Leichen fortgebracht worden waren, nahmen unsere Sonderkommandos die Ringe ab und zogen das Gold aus den Zähnen der Körper.

7. Eine andere Verbesserung gegenüber Treblinka war, dass wir Gaskammern bauten, die 2000 Menschen auf einmal fassen konnten, während die 10 Gaskammern von Treblinka nur je 200 Menschen fassten. Die Art und Weise, wie wir unsere Opfer auswählten, war folgendermassen: zwei SS-Ärzte waren in Auschwitz tätig, um die einlaufenden Gefangenentransporte zu untersuchen. Die Gefangenen mussten bei einem der Ärzte vorbeigehen, der bei ihrem Vorbeimarsch durch Zeichen die Entscheidung fällte. Diejenigen, die zur Arbeit taugten, wurden ins Lager geschickt. Andere wurden sofort in die Vernichtungsanlagen geschickt. Kinder im zarten Alter wurden unterschiedslos vernichtet, da auf Grund ihrer Jugend sie unfähig waren, zu arbeiten. Noch eine andere Verbesserung, die wirgegenüber Treblinka machten, war diejenige, dass in Treblinka die Opfer fast immer wussten1 dass sie vernichtet werden sollten, während in Auschwitz wir uns bemühten, die Opfer zum Narren zu halten, indem sie glaubten, dass sie ein Entlausungsverfahren durchzumachen hätten. Natürlich erkannten sie häufig unsere Absichten und wir hatten deswegen manchmal Aufruhr und Schwierigkeiten. Sehr häufig wollten Frauen ihre Kinder unter den Kleidern verbergen, aber wenn wir sie fanden, wurden die Kinder natürlich zur Vernichtung nachgesandt. Wir sollten diese Vernichtungen im Geheimen durchführen, aber derfaule und Übelkeit erregende Gestank, der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, durchdrang die ganze Gegend, und alle Leute, die in den umliegenden Gemeinden lebten, wussten, dass in Auschwitz Vernichtungen im Gange waren.

8. Von Zeit zu Zeit kamen Sonder-Gefangene an aus dem Örtlichen Gestapo-Büro. Die SS-Arzte töteten solche Gefangene durch Benzin-Einspritzungen. Die Ärzte hatten Anweisung, gewöhnliche Sterbeurkunden auszustellen und konnten irgendeine Todesursache ganz nach Belieben angeben.

9. Von Zeit zu Zeit führten wir medizinische Experimente an weiblichen Insassen aus, zu denen Sterilisierung und den Krebs betreffende Experimente gehörten. Die meisten dieser Menschen, die unter diesen Experimenten starben, waren schon durch die Gestapo zum Tode verurteilt worden.

10. Rudolf Mildner war in der Zeit von ungefähr März 1941 bis September 1943 Chef der Gestapo in Kattowitz, und als solcher Leiter der politischen Abteilung in Auschwitz, die die Verhöre dritten Grades leitete. In dieser Eigenschaft sandte er häufig Gefangene nach Auschwitz zur Einkerkerung oder Hinrichtung. Er besuchte Auschwitz bei verschiedenen Gelegenheiten. Der Gestapo-Gerichtshof, das SS-Standgericht, die Personen verhörten, die verschiedener Verbrechen beschuldigt waren, usw., kamen häufig in Auschwitz zusammen und Mildner wohnte dem Verhör solcher Personen oft bei, die gewöhnlich gemäss dem Urteilsspruch in Auschwitz hingerichtet wurden. Ich zeigte Mildner die Vernichtungsanlage in Auschwitz in ihrem ganzen Umfang, und er war sehr interessiert, da er Juden aus seinem Gebiet zur Hinrichtung nach Auschwitz senden musste.

Ich verstehe Englisch, wie es vorstehend geschrieben ist. Die obigen Angaben sind wahr,- diese Erklärung gab ich freiwillig und ohne Zwang ab. Nach Durchlesen der Angaben habe ich dieselben unterzeichnet und vollzogen in Nürnberg, Deutschland, am fünften Tage des April 1946.

Rudolf Franz Ferdinand Höss


Anmerkungen zur Zeugenaussage

(Die Abkürzung RSHA bedeutet Reichssicherheitshauptamt; der Übersetzer verwendet irrtümlich den weiblichen Artikel.)
1) IMT, XI, 438 - 466.
2) Es ist freilich denkbar, dass die Passage über seine Englischstudien Höss von seinen polnischen Bewachern in die Feder diktiert wurde, um seinem Geständnis mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.
3) Der englische Originaltext des Höss-Geständnisses findet sich in IMT, 3868-PS.


Das Geständnis des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss dürfte in keinem Buch über den Holocaust und in kaum einem Schulgeschichtsbuch fehlen (1). Mit der Todesfabrik Auschwitz steht und fällt, wie Wilhelm Stäglich zu Recht hervorhebt, die systematische Judenausrottung (2). Deshalb verdient dieses Geständnis ganz besondere Aufmerksamkeit. Betrachten wir also etwas näher, was Rudolf Höss seinen britischen Kerkermeistern nach dreitägigem Verhör beichtete.

1) Dem Geständnis zufolge war der Führerentscheid zur Ausrottung der Juden bereits im Juni 1941 gefallen. Dies widerspricht der herkömmlichen These, dass diese Entscheidung anlässlich der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 gefallen sei. Allerdings rücken auch orthodox-exterministische Historiker heute mehr und mehr von der Wannsee-Theorie ab (3).

2) Das Lager Belzec («Belzecx» dürfte ein simpler Schreibfehler sein) wurde im März 1942 in Betrieb genommen, kann also im Juni 1941 ganz unmöglich schon existiert haben (4).

3) Auch Treblinka kann Höss schwerlich im Juni 1941 besucht haben, da es erst am 23. Juli 1942 eröffnet wurde (5).

4) Auffallenderweise nennt Höss den Namen des Kommandanten von Treblinka, mit dem er sich über die effizienteste Methode der Massenausrottung unterhalten haben will, in seinem Geständnis nicht.

5) Nach Höss war die Liquidierung der Juden des Warschauer Ghettos im Juni 1941 bereits im Gang. Eine Liquidierung setzt eine vorherige Deportation voraus, da niemand behauptet, die Bewohner des Ghettos seien an Ort und Stelle getötet worden. In Wirklichkeit setzte die Evakuierung des Ghettos erst am 22. Juli 1942 ein (6).

6) Höss behauptet, die Lager Belzec und Treblinka hätten dem Kommando der Sicherheitspolizei und des SD unterstanden. In Wirklichkeit unterstanden sie Odilo Globocnik, dem SS- und Polizeichef von Lublin (7).

8) Zur Behauptung, arbeitsunfähige Kinder seien unterschiedslos vernichtet worden, vergleiche man die in der Kritik zur Zeugenaussage 6 (Anmerkung 1) zitierte Aussage der polnischen Hebamme Stanislawa Lesezezynska. Man bedenke auch, dass später berühmt gewordene Kinder wie Anne Frank (sie starb im März 1945 in Bergen-Belsen, Typhus) und Elie Wiesel einige Zeit in Auschwitz gelebt haben, ohne je Gefahr zu laufen, vergast zu werden. Als Wiesel an einem Fussleiden erkrankte, erhielt er medizinische Betreuung (8).

9) Die von Höss genannten Opferzahlen sind auch nach Ansicht der orthodoxen Geschichtsschreibung masslos übertrieben. Kein führender exterministischer Autor setzt die Zahl der in Auschwitz Vergasten heute höher als bei etwas über einer Million an. Auch die von Höss genannte Zahl von 500'000 an Krankheit und Hunger zugrunde Gegangenen kann unter keinen Umständen stimmen, denn die Zahl der insgesamt in Auschwitz Registrierten (und der orthodoxen Literatur nach wurden alle nicht sofort Vergasten registriert) liegt zwischen nicht wesentlich über 400'000, und von diesen haben mehr als die Hälfte überlebt (9).

10) Höss setzt den Beginn der Massenhinrichtungen durch Gas in Auschwitz im Sommer 1941 an. Der gesamten Standardliteratur zufolge gab es aber vor Herbst 1941 keine Vergasungen. Während die Gaskammer des Stammlagers - an welche die meisten exterministischen Autoren nur halbherzig zu glauben scheinen - im Herbst 1941 in Betrieb genommen worden sein soll, fanden in den Birkenauer Bauernhäusern vor 1942 keine Vergasungen statt (10).

11) Dem Geständnis nach erfolgte die Räumung der Gaskammern gewöhnlich eine halbe Stunde nach dem Exitus der Opfer. Wie bereits erwähnt, ist diese Zeit unglaubwürdig kurz, weil die Zyklongranulate nach einer halben Stunde noch grosse Mengen an Gas absondern. Man hätte wenigstens solange mit der Öffnung der Kammern und der Entfernung der Leichen gewartet, bis das Zyklon den Träger verlassen hatte.

12) Weniger krass als die bisher angeführten Ungereimtheiten, aber doch auffallend ist der fünfte Abschnitt des Geständnisses. Die Episode über den Bericht betreffend Mauthausen ist im Vergleich zu den im Rest der Aussage geschilderten Ungeheuerlichkeiten banal und scheint nicht hierherzupassen.

Da Höss so gut wie sonst nur wenige Menschen in Deutschland über die Konzentrationslager Bescheid wusste - schliesslich befasste er sich beruflich Tag für Tag damit -, lassen all diese groben Fehler nur den Schluss zu, dass er das Geständnis nicht freiwillig abgelegt hat. In der Tat schreibt Höss in seinen Krakauer Aufzeichnungen (11): «Es wurde mir übel zugesetzt durch die Field-Security-Police. Ich wurde nach Heide geschleift, ausgerechnet in die Kaserne, in der ich von den Engländern acht Monate vorher entlassen worden war. Unter schlagenden Beweisen kam meine erste Vernehmung zustande. Was in dem Protokoll drin steht, weiss ich nicht, obwohl ich es unterschrieben habe. Doch Alkohol und Peitsche waren auch für mich zuviel (11).»

Rudolf Höß in Warschau 1947 (24 KB)

Illustration 4: Auschwitz-Kommandant Höss bei seinem Prozess in Warschau

Seit dem Jahre 1983 wissen wir genau, unter welchen Umständen das HössGeständnis zustande gekommen ist. Damals veröffentlichte der englische Schriftsteller Rupert Butler ein Buch mit dem Titel Legions of Death, in dem sich ein Abschnitt mit der Verhaftung und dem Verhör des Rudolf Höss befasst. Butler stützt sich dabei auf die Aussagen des britisch-jüdischen Sergeanten Bernard Clarke, der das Verhör leitete (12): «Am 11. März 1946, um 5 Uhr nachmittags, Öffnete Frau Höss die Vordertür ihres Hauses und stand sechs Geheimdienstspezialisten in britischer Uniform gegenüber, die meisten von grosser Gestalt und drohend aussehend, alle in den raffiniertesten Methoden des pausenlosen und erbarmungslosen Verhörs geübt. Keine physische Gewalt wurde gegenüber der Familie angewendet, sie wäre auch gar nicht nötig gewesen. Frau und Kinder wurden getrennt und überwacht. Clarkes Ton war absichtlich leise und leutselig. Er begann freundlich: ‹Soweit ich weiss, ist Ihr Mann erst letzte Nacht bei Ihnen gewesen.› Frau Höss entgegnete nur: ‹Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er vor einigen Monaten untergetaucht ist.› Clarke versuchte es nochmals, indem er freundlich, doch leicht vorwurfsvoll sagte: ‹Sie wissen, dass das nicht stimmt.› Dann veränderte sich sein Verhalten plötzlich, und er schrie: ‹Wenn Sie nicht auspacken, liefern wir Sie den Russen aus, und die stellen Sie vor ein Erschiessungskommando. Ihr Sohn kommt dann nach Sibirien.› Das war mehr als ausreichend. Eine gebrochene Frau Höss verriet den Aufenthaltsort des ehemaligen Auschwitz-Kommandanten, der sich nun den Namen Franz Lang zugelegt hatte ( ... ) Höss schrie vor Entsetzen, als er die britischen Uniformen sah. Clarke brüllte: ‹Wie heissen Sie?› Jedesmal, wenn die Antwort Franz Lang lautete, prallte Clarkes Faust ins Gesicht seines Gefangenen. Beim vierten Mal gab Höss klein bei und verriet, wer er war ( ... ) Der Gefangene wurde von der obersten Schlafpritsche heruntergezerrt, und man riss sein Pyjama herunter. Er wurde dann nackt zu einer der Schlachtbänke gezerrt, wo es Clarke so vorkam, als wollten die Hiebe und Schreie kein Ende mehr nehmen ( ... ) Man warf eine Decke über Höss, und er wurde zu Clarkes Wagen geschleppt, wo ihm der Sergeant einen grossen Schluck Whisky die Kehle hinuntergoss. Dann versuchte Höss zu schlafen. Clarke stiess ihm seinen Stock unter die Augenlider und befahl auf Deutsch: ‹Halte deine Schweinsaugen offen, du Schwein› Es dauerte drei Tage, bis er eine zusammenhängende Aussage machte.»


Anmerkungen zur Kritik

1) Bis zum Erscheinen von Henri Roques Dissertation über den Gerstein-Bericht (vollständig abgedruckt in Andre Chelains Faut-il fusiller Henri Roques?, Ogmios Diffusion, 1986 [vgl. André Chelain, La Thèse de Nantes et l'affaire Roques, Ogmios Diffusion, Paris 1989], deutsch unter dem Titel Die «Geständnisse» des Kurt Gerstein 1986 beim Verlag Druffel, Leoni am Starnberger See, erschienen) galten Gersteins Geständnisse neben denen des Rudolf Höss als Hauptbeweis für den Völkermord. Heute wird Gerstein in der Literatur kaum mehr zitiert. Hingegen ist das Höss-Geständnis für die Verfechter des orthodoxen Geschichtsbildes völlig unverzichtbar. Ohne Höss würde der Auschwitz-Holocaust sogleich zusammenbrechen.
2) Stäglich, S. XI (Einleitung).
3) Vgl. dazu das in Anmerkung 8 zur Einleitung Gesagte. 4) Enzyklopädie des Holocaust, S. 178.
5) ibidem, S. 1430
6) ibidem, S. 1553.
7) Kogon/Langbein/Rückerl, S. 147.
8) Elie Wiesel, La Nuit, Editions de Minuit, 1958, S. 124 ff.
9) Reitlinger gibt die Zahl der registrierten Auschwitz-Häftlinge mit 363'000 an (S.127). Franciszek Piper, Direktor des Auschwitz-Museums, nennt eine höhere Zahl, nämlich 400'000 (Piper, Ilu ludzi zginelo w KL Auschwitz?, Wydawnietwo Panstwowego Muzeum w Oswiecimiu, 1992, S. 82). Nach Piper überlebten 220'000 bis 230'000 Menschen das Lager (S.123).
10) Laut Kogon/Langbein/Rückerl trat der erste Birkenauer Vergasungsbunker im Januar 1942, der zweite im Juni 1942 in Aktion (S. 206). Der an der Princeton-Universität lehrende jüdische Geschichtsprofessor Arno J. Mayer schreibt hingegen, die beiden Bunker seien im Juli 1942 in Betrieb genommen worden (Mayer, Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die «Endlösung», Rowohlt, 1989, S. 548).
11) Höss, S. 148.
12) Rupert Butter, Legions of Death, Arrow Books Limited, 1983, S. 235 ff.


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