DRITTES KAPITEL

Verbrannte Erde

Der sowjetische Aufmarsch

Nachdem Hitler den immer anmaßender werdenden sowjetischen Forderungen auf territoriale Zugeständnisse in Europa entgegengetreten war, führte die UdSSR im Sommer 1940 die Kriegswirtschaft ein, indem sie u.a. durch die Verordnung vom 26. Juni 1940 den achtstündigen Arbeitstag und die siebentägige Arbeitswoche verbindlich vorschrieb[1]. Weitere Verordnungen erklärten ein über zwanzig Minuten verspätetes Erscheinen am Arbeitsplatz zu einem kriminellen Vergehen; die Strafe dafür war Zwangsarbeit bis zu sechs Monaten. Der Arbeitsplatz durfte ohne schriftliche Erlaubnis des Direktors nicht aufgegeben werden, während andererseits die Kommissariate jeden Arbeiter in jede beliebige Gegend der Sowjetunion schicken durften. Die Sowjetpresse, das Radio, die Lehrer, die Wanderredner und Gewerkschafts-, Jugendverbands- und Parteifunktionäre trichterten der Bevölkerung in unzähligen Versammlungen ein, daß die seit Jahren vorbereitete »kapitalistische« Attacke gegen die Sowjetunion unmittelbar bevorstehe.

Der amerikanische Ingenieur John Scott, der selbst bis 1942 in der Sowjetunion arbeitete, beschrieb die russische Aufrüstung vor dem Krieg wie folgt: »Das russische Verteidigungsbudget wurde fast in jedem Jahr verdoppelt. Unendliche Reserven an Kriegsmaterial, Maschinen, Brennstoffen, Lebensmitteln und Vorräten wurden aufgespeichert. Die Rote Armee wurde von rund zwei Millionen Mann im Jahre 1938 auf 6,5 Millionen bis zum Frühjahr 1941 verstärkt«[2].

Schon Anfang 1940 waren 150 Divisionen in den westlichen Wehrbezirken aufmarschiert, davon in den früheren polnischen Ostgebieten etwa 100 Divisionen gegenüber 6 (sechs!) deutschen[3]. Ende März 1941 wurden 500.000 Reservisten mobilisiert und in die grenznahen Wehrbezirke verlegt; diesen folgten weitere 300.000 Fachkräfte aus der Reserve. Damit wurde die Rote Armee in den Grenzgebieten kurz vor dem Krieg mit zusätzlichen 800.000 Mann verstärkt. General Schukow bestätigte später auch den Aufmarsch von 170 Divisionen und 2 Brigaden in den grenznahen Bezirken[4].

Der schwedische Luftwaffenattaché in Moskau schätzte, daß Mitte 1941 beinahe 60 % der Roten Armee in der westlichen Sowjetunion aufmarschiert waren, ganz besonders stark in den Gebieten nahe der rumänischen Grenze. Anscheinend hatte Stalin es auf die rumänischen Ölfelder abgesehen, um damit die Nabelschnur der deutschen Kriegsmaschinerie zu zerschneiden. Die rumänische Spionageabwehr erfuhr, daß Stalin sich dahingehend geäußert habe, daß die Sowjetregierung noch große Opfer bringen müsse, um Zeit zu gewinnen, denn der kommende Krieg könne zwar verschoben, aber nicht verhindert werden[5].

Der jugoslawische Botschafter in Moskau warnte Stalin Anfang 1941 vor den deutschen »Barbarossa«-Plänen; in seiner Erwiderung stellte Stalin Vermutungen über das voraussichtliche Datum des deutschen Angriffs an und meinte: »Laß sie kommen. Wir sind auf sie vorbereitet«[6].

Im April wurde für die sowjetische Infanterie der kriegsmäßige Sollbestand festgesetzt[7]. Die deutsche Spionageabwehr berichtete, daß die Russen schon das ganze Frühjahr hindurch Flugplätze und Munitionsdepots mit fieberhafter Eile errichteten. Polnische Agenten meldeten russische Truppenbewegungen aus dem Fernen Osten an die Westgrenze und die Aufstellung und Verlagerung neuer Armeen, die nur offensiven Zwecken dienen konnten. Die Sowjets unterwiesen auch ihre Kommissare, daß sie sich auf einen langen und grausamen Krieg mit Deutschland vorbereiten sollten[8]. Auch die von Moskau in die baltischen Länder entsandten Wissenschaftler und Funktionäre sprachen offen davon, daß die Sowjetunion in diesen Krieg eintreten werde: Die Sowjetunion wolle den vom »Kapitalismus unterdrückten europäischen Völkern genauso zu Hilfe kommen, wie sie den baltischen Völkern zu Hilfe gekommen« sei; der Beginn des Krieges hänge allein von der Sowjetunion ab, doch müßten erst alle Vorbereitungsarbeiten beendet sein[9]. Zudem hatte die im grenznahen Gebiet in der Mitte aufgestellte Fliegerbodenorganisation und ihre Belegung einen ausgesprochen offensiven Charakter, denn neue und dazu meist voll belegte Flugplätze in Grenznähe sind in der reinen Abwehr ohne jeden Sinn[10].

Nach dem 7. April konnte sogar die deutsche Botschaft in Moskau eine stetige Einberufung der Reservisten und Rekruten beobachten. Am 8. April fingen die Russen mit der Evakuierung der Familien der Mitglieder der sowjetischen Handelsmission in Berlin an. In Kiew wurden Eisenbahnzuge voller Kriegsgerät beobachtet, wie sie die Stadt in Richtung polnische Grenze verließen. Am 9. April berichtete der deutsche Militärattaché in Bukarest, daß Marschall Timoschenko, von vielen als der einzige wirklich fähige sowjetische General betrachtet, in Kiew einen Kriegsrat einberufen und erhöhte Gefechtsbereitschaft für alle Einheiten an der westlichen Grenze befohlen habe[11].

Die sowjetischen militärischen Vorbereitungen nahmen ein Ausmaß an, daß der deutsche Chef des Generalstabs, Halder, laut Tagebucheintrag vom 6. und 7. April 1941 einen sowjetischen Angriff in Kürze für möglich hielt[12]. Generaloberst Halder, übrigens ein Mitglied des Widerstands, schrieb nach dem Krieg: »... stand seine [Hitlers] feste und nicht unbegründete Überzeugung, daß Rußland zum Angriff auf Deutschland rüste. Wir wissen heute aus guten Quellen, daß er damit recht hatte«[13].

Auch politisch hatte Stalin gezielte Schritte unternommen, um seine Position gegenüber Deutschland zu stärken. Ein Höhepunkt sowjetischer Feindseligkeit wurde am 27. März 1941 erreicht, als Sowjetagenten im serbischen Heer das prodeutsche Regime, zwei Tage nachdem Jugoslawien dem Dreierpakt beigetreten war, stürzten[14]. Schon am 5.4.1941 unterzeichnete Stalin einen Freundschaftsvertrag mit den neuen deutschfeindlichen Machthabern; am folgenden Tag wurde Belgrad von der deutschen Luftwaffe angegriffen[15]. Noch ominöser aus deutscher Sicht war der am 13. April 1941 zwischen Japan und der Sowjetunion geschlossene Neutralitätspakt. Damit hatte Moskau den Rücken frei und konnte sich ganz dem europäischen Schauplatz widmen, wie die alsbald verstärkt einsetzenden Truppenverlagerungen aus dem Fernen Osten in die europäische Sowjetunion bewiesen.

Hitler und seine Berater konnten nun über die langfristigen Pläne Stalins keinen Zweifel mehr haben. Halder meint dazu, daß, wenn man die sowjetische militärische Entfaltung einem unparteiischen Militärexperten vorgelegt hätte, dieser hätte zugeben müssen, daß diese nur offensiven Charakter haben konnte. Den ganzen März hindurch waren sowjetische Truppenbewegungen in Grenznähe so bedeutend, und der Nachschub aus Moskau in Richtung Smolensk und Minsk nahm solche Ausmaße an, daß Halder über einen sowjetischen Angriff auf Deutschland sehr besorgt war. Er meinte damals, diese Gefahr dürfte mindestens bis zum 20. April 1941 anhalten, denn bis dahin würden die Russen über eine große Übermacht verfügen[16]. Andererseits waren sich die Sowjets durchaus darüber im klaren, daß Deutschland die sowjetischen Absichten durchschaut hatte und sich nun seinerseits fieberhaft darauf vorbereitete, einem sowjetischen Angriff zuvorzukommen. Schon am 10. April 1941 wurde deshalb der Alarmzustand für die gesamte Rote Armee befohlen[17]. General Klokow vom Politbüro gab am 16. April 1941 einer ausgewählten Gruppe von Offizieren bekannt, der Krieg sei »jeden Augenblick« zu erwarten und die Rote Armee dürfe sich nicht »überrumpeln« lassen[18].

Am 23. April kamen neue Berichte aus Bukarest über riesige sowjetische Verstärkungen in der Bukowina und Bessarabien; am nächsten Tag berichtete der deutsche Militärattaché aus Bukarest, daß Schiffsladungen voller Rotarmisten in Odessa ankommen und per Eisenbahn zum Bug und Dnjestr transportiert würden und daß die Sowjets die Zivilbevölkerung entlang ihrer Seite des Pruth evakuierten[19]. Die deutsche Abwehr hatte schon seit Februar 1940 gemeldet, daß die Sowjets die polnische, jüdische und ukrainische Zivilbevölkerung systematisch aus der westlichen Ukraine deportierten. Den Betroffenen ließ man nur wenig Zeit, sich dafür vorzubereiten, und von ihrer Habe durften sie kaum etwas mitnehmen[20]. Die Richtigkeit der Meldungen wurde nach der Rückeroberung der ehemals rumänischen Gebiete durch das deutsch-rumänische Heer bestätigt: Die von Rumänien am 16.8.1941 durchgeführte Zählung in den zurückgewonnenen Territorien ergab einen Bevölkerungsverlust von etwa 20 %. Die städtische Einwohnerschaft hatte unter den sowjetischen Maßnahmen besonders schwer zu leiden; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung war auf 10 % gesunken (vor dem Krieg etwa 20 %). Kischinew, zum Beispiel, hatte einen Verlust von 62 % und Tschernowitz von 42 %[21].

Im Mai 1941 wurden mehrere Armeen aus dem Landesinnern nach Westen vorgeschoben[22]:

Am 5. Mai hielt Stalin vor Offizieren der Frunse-Akademie eine richtungweisende Rede. Unter den Zuhörern befanden sich Molotow, Mikojan, Woroschilow, Kalinin und Beria; weiter waren anwesend zwei Generale und ein Major, die später in deutsche Gefangenschaft gerieten und unabhängig voneinander den Inhalt dieser Rede mit bemerkenswerter Einstimmigkeit vor deutschen Verhörern wiedergaben. Ribbentrop und Göring behaupteten im Jahre 1943 bzw. nach dem Krieg, daß die deutsche Abwehr praktisch sofort von Details der Rede Kenntnis erhalten habe und Hitler davon unterrichtete. Der Kern der Rede war: Stalin befahl, sich auf den kommenden Krieg mit Deutschland vorzubereiten. Er versprach, daß die Sowjetunion innerhalb zweier Monate einige der besten und schnellsten Flugzeuge der Welt besitzen werde. Die Kriegspläne seien fertig, die Landeplätze gebaut und die Frontflugzeuge schon dort. Alles sei getan worden, um das Hinterland zu säubern; alle ausländischen Elemente seien von dort entfernt worden. Innerhalb der nächsten zwei Monate könne also der Kampf mit Deutschland beginnen. Der Pakt mit Deutschland sein nur eine Verschleierungsmaßnahme. Eine Partisanenbewegung sei seit Kriegsanfang in ganz Europa mit größter Sorgfalt aufgebaut worden und werde einen ungeahnten Umfang annehmen und den deutschen Nachschub lahmlegen. Die Ära der gewaltsamen Ausdehnung der Sowjetunion habe begonnen[23].

Am 10. Mai 1941 meldete die deutsche Luftwaffe, Flugaufnahmen hätten gezeigt, daß 4.000 russische Flugzeuge in den grenznahen Flugplätzen zusammengezogen seien und Radioaufklärung habe ergeben, daß mehr als 1.000 weitere Flugzeuge weiter rückwärts stationiert seien[24].

Der 1942 gefangengenommene General Wlassow bestätigte später den sowjetischen Angriffstermin für den Spätsommer 1941[25]. Ebenso versicherte der im Juli 1941 in deutsche Gefangenschaft geratene Sohn Stalins, Jakob Dschugaschwili, Leutnant bei der Artillerie einer Panzerdivision, »daß sie zum großen Angriff bereitstanden und ganz überraschend ... auseinandergeschlagen wurden«[26].

Zweifellos stieß der deutsche Präventivschlag vom 22. Juni 1941 in den sowjetischen Aufmarsch hinein, bevor er sich in Bewegung setzen konnte. Sechs Wochen vorher, am 12. und wieder am 15. Mai 1941, hatte der Sowjetspion Sorge den bevorstehenden Angriff von 150 deutschen Divisionen mit genauem Datum des 22. Juni 1941 und den deutschen Operationsplänen nach Moskau gemeldet[27].

Die ersten Tage nach dem deutschen Einmarsch in das sowjetische Gebiet bewiesen dann auch, daß die sowjetrussische Armee zum Angriff gegen Mitteleuropa bereit gestanden hatte. Auch in jenen nach Westen vorspringenden Grenzbögen um Lemberg und Bialystok, die von vornherein einer deutschen Umfassung ausgesetzt und daher für den Zweck einer reinen Verteidigung ungeeignet waren, fanden die deutschen Truppen eine Massierung sowjetrussischer Angriffstruppen vor. Dadurch kam es schon in den ersten Grenzschlachten zum Zusammenprall mit der sowjetischen Armee und Luftwaffe.

Da die Sowjetkriegsführung infolge der Ungunst des Geländes (weite Strecken im mittleren Grenzgebiet waren bekanntlich versumpft) auf nur etwa 150-200 Flugplätze in unmittelbarer Grenznähe beschränkt war, wurden zur Durchführung der Angriffspläne der sowjetrussischen Geschwader die verfügbaren Plätze besonders stark belegt. So wurden bereits in den ersten Operationen von den deutschen Kampfgeschwadern und Aufklärungsverbänden zahlreiche Flugplätze festgestellt, von denen einige mit bis zu 100 sowjetrussischen Flugzeugen belegt waren. In diese dichte Massierung mehrerer tausend sowjetischer Kampf- und Jagdflugzeuge, die zum Überfall auf Deutschland bereitstanden, stießen nun die deutschen Kampfflieger und Sturzkampfverbände hinein. Allein vom 22. bis 28. Juni 1941 wurden 4.107 sowjetische Flugzeuge vernichtet, davon mehr als 3.000 am Boden[28].

Ähnliche Verlustziffern hatte auch die im Raum Bialystok massierte Rote Armee zu verzeichnen. Vom 22. Juni bis 1. Juli 1941 verlor sie 5.774 Panzer, 2.330 Geschütze und 160.000 an Gefangenen, die Gefallenen gar nicht mitgerechnet[29].

Sowjetische Räumungsaktionen

In seiner Rede vom 25.2.1956 vor dem XX. Parteikongreß in Moskau bezeichnete N.S. Chruschtschow die stalinsche These vom deutschen »Überraschungsangriff« als unwahr und stellte fest, daß die sowjetische Führung aus vielerlei Quellen (u.a. von Churchill; vom englischen Botschafter in der UdSSR, Cripps; von der sowjetischen Botschaft in London und anderen sowjetischen militärischen und diplomatischen Kanälen, sowie durch den stellvertretenden sowjetischen Militärattaché in Berlin, Chlopow) bestens über den bevorstehenden deutschen Angriff unterrichtet war[30]. Auch aus wirtschaftsstrategischer Sicht hatte Stalin schon lange vor dem Erscheinen Hitlers als Führer eines wiedererstandenen Deutschlands Vorbereitungen für einen Krieg gegen Europa getroffen. Im Gegensatz zu Stalin gaben der später hingerichtete Nikolai Bucharin und andere ältere Bolschewisten dem Aufbau der Leichtindustrie den Vorrang; sie meinten, bevor die totale Industrialisierung einsetzen könne, müßten zuerst Konsumwaren hergestellt werden. Stalin siegte in der Auseinandersetzung und die anderen wurden zum Schweigen gebracht: Die Sowjetunion stürzte sich in das bis dahin größte Industrialisierungsprogramm der Welt.

Diese riesige Aufgabe wurde im ersten Fünfjahresplan (1928-1932), der die Gründung völlig neuer Industrien und industrieller Basen vorsah, in Angriff genommen. Das Kernstück war die Erstellung der Grundlagen für die Schwerindustrie im Ural und in Sibirien.

Die deutsche Armee war 1918 in die Ukraine eingedrungen, und eine Wiederholung konnte nicht ausgeschlossen werden; daher brauchte die Sowjetunion nach Stalins Ansicht eine unangreifbare Schwerindustrie. Im Februar 1931 erklärte Stalin, »Rußland muß innerhalb von zehn Jahren [also bis 1941] den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern in bezug auf seine industrielle und militärische Kapazität zuvorkommen, sonst werden diese Staaten uns vernichten«. Er betonte, daß diese neuen Industrien Tausende von Kilometern von den nächsten Grenzen im Uralgebiet und Sibirien aufgebaut würden, außerhalb der Reichweite feindlicher Flieger.

Um das gesteckte Ziel zu erreichen, wurden Tausende von ausländischen Fachleuten ins Land geholt, die in Gold bezahlt wurden und für die Sowjetunion oder für eine ausländische Firma arbeiteten. Der Amerikaner John Scott schrieb, daß sich allein in Magnitogorsk drei- bis vierhundert deutsche und amerikanische Spezialisten befanden. Während diese Ausländer in einem für sowjetische Verhältnisse unvorstellbarem Luxus schwelgten, verhungerten Millionen Männer und Frauen, erfroren und erlagen den unmenschlichen Anforderungen und Lebensbedingungen[31].

Es zeugt also von einer kaum vorstellbaren Naivität, wenn westliche »Zeitgeschichtler« heute noch immer die These vertreten, daß Stalin, der von Anfang an die Industrialisierung der Sowjetunion aus strategischen Gesichtspunkten im Ural beschleunigt hatte und bestens über die deutschen Präventivabsichten unterrichtet war, vom deutschen Angriff überrascht gewesen sein soll. Das Gegenteil ist der Fall. In aller Eile hatte die Sowjetunion schon vor Kriegsausbruch damit begonnen, das Menschen- und Produktionsmaterial aus den westlichen Provinzen und Distrikten zu räumen.

Scott berichtet, »daß bedeutende Werkstätten für die Herstellung elektrischen Materials schon vor Kriegsausbruch von Weißrußland und dem Gebiet um Leningrad nach dem Ural und dem westlichen Sibirien überführt« und »mindestens eine, vorher bei Leningrad gelegene Waffenfabrik ... mit ihrem vollen Maschinenpark und allem Personal nach Magnitogorsk verlegt« worden sei. »Außer den größten Schmelzwerken, Stahlfabriken und chemischen Anlagen kann alles ziemlich schnell und ohne größeren Schaden mit der Eisenbahn nach anderen Gegenden übergeführt werden«[32].

Professor Lorimer schreibt, daß sofort nach Beginn der Feindseligkeiten die dafür ausgearbeiteten Pläne für den Abtransport von Menschen und Maschinen in die Tat umgesetzt wurden[33]. Für diese Möglichkeit wurde der Eisenbahnverkehr auf einen dem Kriegsbedarf entsprechenden Plan der Zugbewegung umgestellt, bestätigte auch Professor Boris Semjonowitsch Telpuchowski vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU in Moskau. In den ersten Kriegsmonaten sollen etwa eine Million Waggons mit Industrieeinrichtungen, Materialvorräten und Menschen aus den gefährdeten frontnahen Gebieten abgefahren sein[34]!

Deutscherseits wurde der Bestand der sowjetischen Personen- und Güterwaggons bei Kriegsausbruch auf jeweils 36.000 bzw. 850.000 geschätzt. Ende 1941 waren schon über 40 % der Gesamtlänge der sowjetischen Eisenbahnstrecken in deutscher Hand, aber das rollende Material konnte von den Sowjets größten Teils entfernt werden: Ende 1941 hatten die deutschen Truppen nur 1.100 Personenwagen und 43.300 Güterwagen erbeutet[35] - beinahe die Hälfte davon schon in den ersten vier Wochen. Mit anderen Worten, sehr überrascht sind die Sowjets von dem deutschen Angriff anscheinend gar nicht gewesen!

Wenn man unterstellt, daß bis zu 50 %, d.h. über 400.000, der Eisenbahnwagen in den im Laufe des Krieges von deutschen Truppen besetzten sowjetischen Gebieten beheimatet waren, konnten die Sowjets also ca. 90 % des dort befindlichen rollenden Materials vor dem deutschen Zugriff in Sicherheit bringen. Daß diese Wagen nicht leer nach Osten rollten, versteht sich von selbst. Zählt man zu dieser Zahl noch die von Osten mit Militär und Waffen ankommenden Wagen, die für die Rückfahrt ebenfalls mit Menschen, Material und Maschinen beladen wurden, dann wird verständlich, wie es den Sowjets gelang, riesige Bevölkerungsmassen in so kurzer Zeit zu entfernen, insbesondere, da die grenznahen Gebiete nicht sehr industrialisiert und verstädtert waren und dementsprechend mehr Wagen für die Evakuierung der Bevölkerung verwendet werden konnten.

John Scott schrieb dazu: »Die russischen Eisenbahnstrecken in ostwestlicher Richtung sind überfüllt von Zügen, die Vorräte und Reserven an die Front fahren. Die Güterzüge sind mit Maschinen und Arbeitern nach dem Osten überladen. Obwohl ich keine Zahlen habe, bin ich überzeugt, daß große Teile des industriellen Maschinenparks, der früher in den zeitweise von den Deutschen besetzten Gebieten vorhanden war, nicht in deren Hände fielen, sondern eintausendfünfhundert bis zweitausend Kilometer Östlich der Frontlinie vom Frühjahr 1943, das heißt in Stalins Uralfestung, voll in Tätigkeit sind«. Das Uralgebiet erzeugte alles wesentliche, für die Herstellung von Panzern, schweren Lastautos, Artillerie und Flugzeugen benötigte Material. Zwei Dinge seien bis Kriegsausbruch aber noch immer nicht ausreichend vorhanden gewesen: Maschinen und Arbeiter. »Beides«, fuhr Scott fort, »ist in neuester Zeit in großem Umfange dorthin geschickt worden«[36].

Professor Lorimer bestätigt weiterhin, die Sowjets hätten sofort nach Überschreiten der Grenze durch die Deutschen ihre Pläne zur Demontage der Fabriken in den bedrohten Gebieten in die Tat umgesetzt und im Hinterland wieder aufgebaut; außerdem sei ein großer Teil der landwirtschaftlichen Maschinen sowie viel Vieh abtransportiert worden. Auch Chruschtschow gab zu, daß es den Sowjets gelungen sei, die Rüstungsproduktion während des Krieges in den Östlichen Landesteilen aufzubauen und die aus den westlichen Industriegebieten verlagerten Produktionsmittel dort neu einzurichten[37].

Die Wiederverwendung des aus den westlichen Gebieten transportierten Maschinenparks wurde wesentlich.von dem Umstand begünstigt, daß die sowjetische Führung im Hinblick auf den erwarteten deutsch-sowjetischen Konflikt schon vor dem Krieg im Ural und in Sibirien Ausweichfabrikgebäude errichtet und auch die für deren Inbetriebnahme erforderlichen Strommengen bereitgestellt hatte. John Scott, der diese Vorgänge selbst beobachtete, teilte dazu mit: »Die Eisenbahn- und Fabrikbauten im Ural, in Zentralasien und Sibirien wurden [bis zum Frühjahr 1941] beschleunigt. ... Hier tauchten neue Fabriken auf, die in keinem Bauplan angezeichnet waren. Keiner wußte, wofür sie gebraucht werden sollten. Zur gleichen Zeit wurden große Anstrengungen gemacht, um die Effektivität der Kraftstationen zu steigern, obwohl es, zumindest in Magnitogorsk, mehr als genug Stromzufuhr für die dort vorhandene Industrie gab«. Dies, betont Scott, waren Dinge, die nur im Uralgebiet vorkamen[38].

Im ganzen Uralindustriegebiet errichteten die Sowjets neben einem guten Eisenbahnsystem ein stark verzweigtes Hochspannungsnetz mit den dazugehörigen Kraftwerken. 1934 produzierten die Kraftwerke im Ural schon 2 Mrd. kWh, 1940 waren es doppelt soviel[39]; bis Kriegsausbruch und während des Krieges wurde die Erzeugung weiter kräftig gesteigert. Diese Zahlen sagen dem Leser vielleicht mehr, wenn er erfährt, daß das ganze von den Deutschen besetzte und unter dem Namen »besetzte Ostgebiete« verwaltete frühere sowjetische Gebiet mit seiner großen Schwerindustrie vor dem Krieg nur 10 Mrd. kWh Strom erzeugte. Wie man von Wilhelm Niederreiter erfährt, konnten die Deutschen in diesem gewaltigen Gebiet aber trotz beträchtlichen Einsatzes deutscher Kräfte und reichsdeutschen Sachkapitals im Jahre 1943 nur etwa 1 Mrd. kWh erzeugen[40]. Vergleiche zeigen nicht nur das Ausmaß der sowjetischen Zerstörungsorgie, sondern auch das von den Sowjets jenseits der Wolga schon lange vor dem Kriege aufgebaute ungeheuere Poteritial für die Herstellung von Kriegsmaterial.

Telpuchowski beschreibt die sowjetischen Maßnahmen wie folgt: »Die Evakuierung der Industriebetriebe erfolgte nach einem einheitlichen volkswirtschaftlichen Mobilisierungsplan. Der Plan bestimmte die Standorte, wohin die Betriebe verlagert werden sollten und die Reihenfolge des Abtransports der Einrichtungen. Dabei wurde der Zusammenhang zwischen den einzelnen Fabriken und Werken und deren Abhängigkeit voneinander mitberücksichtigt. ... Hunderte von Industrieunternehmen wurden in die Ostgebiete der UdSSR verlegt. So wurden in den zum Arsenal der Sowjetarmee verwandelten Ural 455 Betriebe evakuiert. Allein während dreier Monate des Jahres 1941 wurden mehr als 1360 Großbetriebe verlegt. Das bewegliche Gut von Tausenden von Kolchosen und Sowchosen wurde in das Landesinnere geschafft. Dank der heroischen Anstrengungen der Arbeiter und Angestellten erstanden die evakuierten Betriebe in unerhört kurzer Frist an den neuen Standorten wieder. Als Ergebnis der Evakuierung der Betriebe ist festzuhalten, daß es dem Feind nicht gelang, wie in Westeuropa die Industrie der von ihm besetzten Gebiete für seine Zwecke auszunutzen. Durch die erfolgreiche Verlagerung und Wiederingangsetzung der Betriebe blieb der Grundstock der materiellen Ausstattung in großem Ausmaß erhalten. All das ermöglichte es, einige Monate später die Fertigung von Panzern, Flugzeugen, Geschützen und anderen Waffen zu steigern ... Die evakuierten Betriebe [erstanden] in unerhört kurzer Zeit am neuen Standort wieder. Die Arbeiter und Kader .. arbeiteten unter offenem Himmel, nicht selten bei Regen und Schneefall. ... Den ganzen Tag wurde gearbeitet. Der Arbeitstag dauerte oft 12 bis 14 Stunden und mehr... die Montage der Großwerke und -fabriken [ließ sich] im Laufe von drei bis vier Wochen durchführen, und innerhalb drei bis vier Monaten erreichte die Produktion den Vorkriegsstand. ... Im Durchschnitt dauerte die Inbetriebsetzung der evakuierten Werke anderthalb bis zwei Monate. .. die rückläufige Tendenz der Produktion [war] bereits im Dezember 1941 zum Stehen gebracht worden«[41].

Auch aus den zugänglichen Resten der Geheimakten des früheren deutschen Wirtschaftsstabes Ost[42] geht klar hervor, daß es den Sowjets in der Tat gelang, im Zuge eines detaillierten Evakuierungsplanes einen großen Teil der Produktionsmittel zu evakuieren oder zumindest für die Deutschen unbrauchbar zu machen. In dem 3. Vierzehntagesbericht des Wirtschaftsstabes Ost vom 30.8.1941 ist in dieser Beziehung folgendes zu lesen:

»Die russische und jüdische Oberschicht ist mit der Roten Armee abgezogen. Die führenden Ukrainer sind teils verschleppt, teils, soweit sie leitende Stellungen in Verwaltung und Wirtschaft innehatten, gezwungen worden, sich ostwärts des Dnjepr zu begeben. Das gleiche Schicksal traf auf dem Lande zahlreiche Traktorenführer und andere Spezialisten. Im Monat Juni sind zahlreiche Männer einberufen und in Garnisonen ins Innere der UdSSR verschickt worden ... Infolge dieser Entwicklung fehlt es in Verwaltung, Industrie und Landwirtschaft der Ukraine durchweg an zur Leitung geeigneten Persönlichkeiten ... «

»Größere wirtschaftliche Schäden entstehen durch die vor dem Abzug der Roten Armee durchgeführten planmäßigen Räumungs- und Vernichtungsaktionen. Diese haben nach den bisherigen Feststellungen von Westen nach Osten zugenommen. Sie erstrecken sich in der Stadt auf die Fabrikanlagen und Geschäfte sowie teilweise auch auf die Wohnhäuser und deren Einrichtungen, auf dem Lande auf den Maschinenbestand, das Vieh, die Getreidevorräte und auf die in den Naftabasen bei den Sowchosen und Kolchosen vorhandenen Treibstoffvorräte«.

»Die Räumungsaktion setzt gewöhnlich etwa 8-10 Tage vor dem Abzug der Roten Armee ein. Die für den Betrieb wichtigen Maschinen, hauptsächlich Elektromotoren, werden ausgebaut und in guter Verpackung nach dem Osten der UdSSR verladen. An Versandaufschriften wurden in der Ukraine bisher durchweg Orte festgestellt, die im Ural-Industriegebiet liegen und zwar in dem Raum Swerdlowsk - Molotow (Perm) - Ufa - Tschkalow (Orenburg) - Magnitogorsk. Es hat den Anschein, als ob dort bereits Vorkehrungen für die Wiederverwendung der in der Ukraine ausgebauten Maschinen getroffen seien. ... Die Vernichtungsaktion setzt gewöhnlich 24 Stunden vor dem Abzug der Sowjet-Truppen ein. Sie ist von langer Hand vorbereitet und erstreckt sich auf die Inbrandsetzung der gewerblichen Betriebe, auf die Sprengung wichtiger Maschinenanlagen sowie anscheinend auch auf die Preisgabe von Vorräten (Inhalt der Läden in der Stadt, Getreidevorräte auf dem Land) zur Plünderung durch die Bevölkerung. An verschiedenen Stellen (z.B. Großkraftwerk Dnepro-Ges und dem Aluminium-Kombinat in Saporoshje sowie der Eisenhütten-Industrie in Dnjepropetrowsk) hat der dort geleistete militärische Widerstand offensichtlich den Zweck, die Zerstörungen noch intakt gebliebener, wichtiger gewerblicher Anlagen zu ermöglichen«[43].

Der Halbmonatsbericht vom 8. Dezember 1941 lautete ähnlich, »daß nach Einwohneraussagen die Zerstörung der Stadt Charkow am 21.10.1941 begann. Die Zerstörungen wurden äußerst rücksichtslos durchgeführt. In vielen Fällen zündete man den Einwohnern das Dach über dem Kopfe an. Nur das rasche Eindringen der deutschen Truppen verhinderte zweifellos den Plan, die ganze Stadt zu vernichten. ... Zerstört sind vor allen Dingen .. das Wasserwerk, eine Brotfabrik, eine Großwäscherei und der weitaus größte Teil aller Fabrikanlagen. ... Nach Aussagen der Einwohnerschaft begann die systematische Räumung der wichtigsten Industriewerke bereits im August und wurde in großem Umfange durchgeführt. Die Facharbeiter und ihre Familien wurden gezwungen, sich ebenfalls evakuieren zu lassen., Die Charkower Industrie ist anscheinend überwiegend im Gebiet von Tscheljabinsk (Westsibirien) behelfsmäßig wiederaufgebaut worden. Nach Einwohneraussagen sind von dort Briefe gekommen, die dabei von trostlosen Zuständen, Wohnungslosigkeit und Hunger berichten. Auch durch Beobachtungen an anderen Stellen verstärkt sich der Eindruck, daß dem Abmontieren und Fortschaffen der Maschinen ein ausgearbeiteter Räumungsplan zugrunde lag, mit dem Ziel, wichtige Engpaßmaschinen in weniger gefährdete Gebiete zu bringen, um in vorher bestimmten Ausweichbetrieben die Rüstungsproduktion wieder anlaufen zu lassen. So sind von den Sowjets nicht nur Maschinen ausgebaut und abtransportiert, sondern es sind auch Lehren, Vorrichtungen und Werkzeuge mitgeführt worden«[44].

Schon vor dem Krieg war das Los der in die neuen Industriegebiete im Ural und Westsibirien verschickten Menschen ein trauriges. Wie überall in der UdSSR waren schon 1939 Schuhe und Kleidung praktisch nicht mehr zu bekommen; 1940 wurde sogar die Brotkarte wieder eingeführt. Krankenhäuser bestanden aus Baracken, hatten kein fließendes Wasser, waren im Sommer glühend heiß, im Winter dagegen eiskalt, selten sauber und stets überbelegt. Noch 1938 lebten nur 25 % der Einwohner Magnitogorsks in Häusern, 50 % in Baracken und anderen »vorübergehend errichteten« Häusern, und 25 % in »Semlianki« (Tatarenhütten)[45]. In dieses Gebiet, wo es an der notwendigsten zivilen Infrastruktur mangelte, schickten die Sowjets dann kurz vor und nach Kriegsausbruch ungezählte Millionen Russen, Juden, Ukrainer und andere Völkerschaften aus den westlichen Gebieten.

Die verzweifelte Situation der Deportierten in Sibirien ist auch aus den Worten des sowjetischen Hofhistorikers Telpuchowski zu erkennen, der, auf »die Evakuierung von Millionen der Bevölkerung« eingehend, schreibt: »Ein ernstes Problem bildete die Unterbringung der Millionenmassen, die aus den vom Feind besetzten und aus den frontnahen Gebieten evakuiert worden waren, in den Gebieten des Hinterlandes,« wo »die elementarsten Wohnbedingungen fehlten, man lebte in Zelten und Erdhütten. Die Ernährung war dürftig«[46].

Wie man sieht, bestehen zwischen Telpuchowskis Darstellung der sowjetischen Maßnahmen und der in den Geheimberichten des Wirtschaftsstabes Ost in bezug auf die Evakuierung von Menschen und Material und den trostlosen Zuständen in den sowjetischen Ausweichgebieten keine großen Unterschiede - mit der Ausnahme, daß der Kommunist Telpuchowski die rabiate sowjetische Taktik der »verbrannten Erde« auch gegenüber den zum Überleben der zurückgelassenen Zivilbevölkerung notwendigen Einrichtungen und Vorräten nicht der Rede wert findet.

Sowjetische Massenverschleppungen

Die sowjetischen Machthaber rechneten also so oder so mit Kriegshandlungen an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie in allerkürzester Zeit. Eine Evakuierung der in den Grenzgebieten ansässigen »gefährdeten« und »ausländischen« Zivilbevölkerung war deshalb vor dem 22. Juni 1941 durchaus möglich und wurde auch - wie außerdem aus Stalins Rede hervorging - durchgeführt. Als der deutsche Marineattaché, der Moskau fünf Wochen vor Kriegsausbruch am 19. Mai 1941 verlassen hatte, mit der Eisenbahn durch das sowjetisch besetzte ehemalige Ostpolen in Richtung Berlin fuhr, begegnete er geschlossenen Gefangenen-Eisenbahnzügen, begleitet von blau-uniformierten GPU-Truppen, die »unerwünschte« Zivilpersonen aus Ostpolen deportierten[47].

Über das Ausmaß der sowjetischen Verschleppungsmaßnahmen gibt es die unterschiedlichsten Aussagen. Während Edward C. Carter, Präsident der amerikanischen Kriegshilfeaktion für Rußland (Russian War Relief), im September 1942 eine Zahl von 37 Millionen nannte[48], meinte das Year Book, daß das sowjetische Eisenbahnsystem auf Grund des schnellen deutschen Vormarsches gar nicht in der Lage war, Evakuierungen in einem nennenswerten Ausmaß durchzuführen[49]. Die Sowjets jedenfalls haben niemals Zahlen für den Umfang dieser menschlichen Tragödie vorgelegt.

Ein einigermaßen verläßliches Bild darüber zu erhalten, wird schon dadurch erschwert, daß es keine genauen Zahlen über die Sowjetbevölkerung bei Kriegsanfang gibt, da die im Jahre 1939 durchgeführte Volkszählung durch die sowjetische Annektion riesiger Gebiete an der Westgrenze in den Jahren 1939 und 1940 schon bald überholt war. Zwar hatte die deutsche Verwaltung der besetzten Gebiete mehr oder weniger genaue Ermittlungen über die vorhandene Bevölkerung durchgeführt, doch ein Vergleich mit dem Vorkriegsbestand ist schwierig, da die Grenzen der einzelnen deutschen Verwaltungsbereiche in den besetzten Gebieten in fast keinem Falle mit den administrativen und politischen Vorkriegsgrenzen übereinstimmten: Das Reichskommissariat (RK) Ostland umfaßte neben den baltischen Staaten auch noch Teile des früheren Ostpolen und der Sowjetrepublik Weißrußland; das RK Ukraine schloß nach Westen Teile Ostpolens (bis Brest-Litowsk) ein, aber nicht Galizien; andererseits hatte sich Rumänien, neben den zurückgewonnenen Provinzen Bessarabien und Bukowina, auch einen Teil der früheren SSR Ukraine - Transnistrien - einverleibt; nach Osten hin unterstanden große Teile der früheren SSR Ukraine der deutschen Militärverwaltung und nicht der Zivilverwaltung des RK Ukraine. Es ist daher notwendig, die Bevölkerung der Vorkriegssowjetunion im Detail zu untersuchen.

Die Volkszählung vom 17.1.1939 ermittelte eine Bevölkerung von 170,5 Millionen[50]. Seit der letzten Zählung am 17.12.1926 hatte die Einwohnerzahl der UdSSR um 15,9 % zugenommen, was einer jährlichen Zuwachsrate von 1,2 % entspricht. Da die von Stalin beschleunigte Kollektivierung der Landwirtschaft Anfang der 30er Jahre Millionen Menschen, insbesondere in der Ukraine, das Leben kostete, muß das natürliche Wachstum bedeutend höher gewesen sein. Genaue Zahlen werden wohl niemals über das Massensterben der frühen 30er Jahre zu erhalten sein, jedoch gibt ein Vergleich der beiden sowjetischen Volkszählungen von 1926 (vor der Zwangskollektivierung) und 1939 einen gewissen Aufschluß darüber.

Sowjetische Volkszählungen von 1926 und 1939 (in Millionen)[51]


Jahrgang

Alter (Jahre)

Volkszählung vom

Veränderung in


 

1926

1939

17.12.26

17.1.39

Millionen

Prozent

1927-1938

-

0-11

-,-

47,82

+47,82

(-,-)

1919-1926

0- 7

12-19

31,94

28,46

- 3,48

(-10,9)

1909-1918

8-17

20-29

32,91[52]

30,64

- 2,27

(- 6,9)

1899-1908

18-27

30-39

27,47[52]

25,33

- 2,14

(- 7,8)

vor 1899

> 27

> 39

54,71

37,27

-17,44

(-31,9)


insgesamt

   

147,03

169,52[53]

   

Erstaunlich bei diesem Vergleich ist die unfaßbar große Verringerung der Jahrgänge 1919-1926, also der Altersgruppen, die zum Zeitpunkt des Großen Hungers Anfang der 30er Jahre noch im Kindesalter steckten. Zwischen 1926 und 1939 (Friedenszeit !) verringerte sich diese Bevölkerungsgruppe um beinahe 11 %, oder 3,5 Millionen, von 31,9 Millionen auf 28,5 Millionen. Die zwanzig Jahrgänge von 1899 bis 1918, die im Jahre 1939 nur noch ca. 56 Millionen umfaßten, zählten 1926 noch 60,4 Millionen -eine Reduzierung um 4,4 Millionen oder 7,3 %! Kurz, von den 92,3 Millionen Einwohnern der Sowjetunion, die 1926 unter 28 Jahre alt waren, lebten 1939 nur noch 84,4 Millionen, oder 91,4 %.

Auch wenn man einen Rückgang um 2 % als Folge normaler Sterblichkeit für diese jungen Altersgruppen in den dazwischenliegenden zwölf Jahren eingesteht[54], verbleiben immer noch 6,6 %, die durch die Hungersnot ums Leben kamen; bei einer Zahl von 92,3 Millionen würde dies 6 Millionen Menschen ausmachen. Auf die gesamten ca. 150 Millionen Sowjetbürger Ende der 20er Jahre bezogen, bedeutet dies, daß ca. 10 Millionen Menschen in den Hungerjahren ihr Leben verloren haben - und dabei haben wir noch nicht einmal die durch die Hungersnot bedingte höhere Sterblichkeit derjenigen Kinder berücksichtigt, die nach dem 17.12.1926, aber vor und während der Hungersnot geboren wurden.

Ohne die mehr als 10 Millionen Opfer des Hungers jener Jahre hätte die Volkszählung vom 17. Januar 1939 nicht 170,5 Millionen, sondern weit mehr als 180 Millionen Menschen ermittelt. Verglichen mit den 147 Millionen Sowjetbürgern des Jahres 1926 würde dies einem natürlichen Zuwachs - Aus- und Einwanderung waren fast unmöglich - von 22 % gleichkommen, was wiederum einer natürlichen Zuwachsziffer von über 1,8 % pro Jahr entsprochen hätte. Wenn wir diesen Anstieg auch für die 21/2Jahre vom Januar 1939 bis Juni 1941 zu Grunde legen, dürfte sich die tatsächliche sowjetische Bevölkerung - ohne Berücksichtigung der durch die Neuerwerbungen hinzugekommenen Volksmassen - von 170,5 Millionen (Januar 1939) auf 178 Millionen (Juni 1941) vergrößert haben.

Nach der Eingliederung der ukrainischen und weißrussischen Gebiete Ostpolens und der Angliederung Bessarabiens und der nördlichen Bukowina stieg die sowjetische Bevölkerung um weitere siebzehn Millionen an[55]. Außerdem erfolgte 1940 die gewaltsame Annektion der baltischen Staaten mit einer Gesamtbevölkerung von sechs Millionen[56]. Letztlich flüchteten in den ersten Septemberhälfte 1939 viele polnische Staatsbürger - hauptsächlich Juden - in die ostpolnischen Gebiete, die dann am 17.9.1939 von der Sowjetunion besetzt wurden.

Damit kommt man zu dem Ergebnis, daß die Sowjetunion zum Zeitpunkt des deutschen Präventivschlags am 22. Juni 1941 eine Einwohnerzahl von mindestens 202 Millionen hatte. Wenn daher der amerikanische Gelehrte Professor Lorimer feststellt, daß die Gesamtbevölkerung damals ungefähr 200 Millionen betrug, entspricht dies ziemlich genau unseren Berechnungen[57].

Neben den von den Sowjets in den Jahren 1939 und 1940 einverleibten Gebieten mit einer Bevölkerung von etwa 23 Millionen (ohne Flüchtlinge), besetzte das deutsche Heer im Laufe des Krieges folgende »alt«-sowjetische Gebiete ganz oder zum weitaus größten Teil:

»Alt«-sowjetische Gebiete unter deutscher Besetzung[58]


Gebiet

1.000
qkm

Bevölkerung in 1.000
Stand 17.1.1939

Gesamt

davon: Stadt


Weißrussische SSR

126,8

5.568

1.373

Ukrainische SSR

445,3

30.960

11.196

Krim ASSR

26,0

1.127

586

Rostow Oblast

100,7

2.894

1.263

Orel Oblast

64,4

3.482

693

Kursk Oblast

55,7

3.197

286

Woronesch Oblast

76,7

3.551

658

Kalinin Oblast

106,4

3.211

703

Smolensk Oblast

72,2

2.691

448

Krasnodar Krai

81,5

3.173

765

Ordschonikidse Krai

101,5

1.949

394

Kabardino-Balkar ASSR

12,3

359

85

Nord-Osetin ASSR

6,2

329

155


 

1.275,7

62.491

18.605


Daneben wurden beträchtliche Gebiete des Stalingrad Oblast, Tula Oblast, Moskau Oblast und Leningrad Oblast erobert, wobei die Hauptstädte dieser Verwaltungsgebiete niemals in deutsche Hände fielen. Ohne die Stadtbevölkerung Tulas, Moskaus, Leningrads und Stalingrads betrug die Einwohnerzahl dieser Gebiete am 17.1.1939 11,6 Millionen. Wenn nur ein Landstrich mit einem Fünftel der Vorkriegsbevölkerung, oder 2,5 Millionen, in deutsche Hand fiel, waren während des Krieges »alt«-sowjetische Gebiete unter deutsche Herrschaft gekommen, die zum 17.1.1939 eine Bevölkerung von ca. 65 Millionen hatten.

Berücksichtigt man ferner einen natürlichen Zuwachs von vielleicht drei Millionen bis Mitte 1941, dann dürfte die sowjetische Bevölkerung in den von den deutschen und verbündeten Truppen eroberten Gebieten - einschließlich der 1939-1940 durch die UdSSR annektierten Westgebiete - bei Kriegsausbruch am 22.6.1941 etwa 91 Millionen betragen haben. Diese Zahl liegt knapp über der von Lorimer mit 85 Millionen geschätzten Bevölkerungsziffer[59].

Telpuchowski schrieb, »in den vom Feind bis November 1941 besetzten Gebieten .. [wohnte] rund 40 % der Bevölkerung unseres Landes«[60]. Das heißt, daß also nach offiziellen sowjetischen Quellen die bis November 1941 von den Deutschen eroberten Gebiete vor dem Krieg etwa 81 Millionen Menschen (d.h. 40 % von 202 Millionen) umfaßten. Werden dazu noch die im Jahre 1942 eroberten Gebiete dazugerechnet, scheint die von uns mit 91 Millionen bezifferte Zahl für die Vorkriegsbevölkerung in den später deutsch besetzten Gebieten eher zu niedrig zu liegen.

Auch deutsche Erhebungen während des Krieges geben ein ähnliches Bild. Für die am 1. November 1942 unter deutscher Verwaltung stehenden sowjetischen Landesteile wurde eine Vorkriegsbevölkerung von 83,81 Millionen ermittelt[61]. Da zu diesem Zeitpunkt durch militärische Rückschläge im Mittelabschnitt schon Gebietsverluste eingetreten waren, war die oben angegebene Zahl schon um einige Millionen verringert. Berücksichtigt man ferner das vom Januar 1939 bis Juni 1941 eingetretene Bevölkerungswachstum, dann stellt die errechnete Bevölkerung von ca. 91 Millionen (22.6.1941) in den später deutsch besetzten sowjetischen Gebieten in der Tat eine Mindestzahl dar.

Professor Lorimer zufolge lebten 31 % der Bevölkerung der später besetzten Gebiete der »Alt«-Sowjetunion in den Städten[62]; ähnlich war es in Estland und Lettland. In Litauen war der Anteil der Stadtbevölkerung niedriger, und noch geringer war er in den von Polen und Rumänien annektierten Gebieten[63]. Insgesamt dürfte die Stadtbevölkerung vor Kriegsausbruch in den später deutsch besetzten sowjetischen Gebieten mindestens 25 Millionen betragen haben.

In bezug auf Zeitpunkt und Zahl der von den Sowjets evakuierten Zivilbevölkerung schreibt Professor Lorimer: »Eine weitere Bevölkerungsverschiebung, die schon früh in einem relativ kleinen Umfang anfing und kurz vor und nach dem deutschen Angriff ausgeweitet wurde, war die selektive Evakuierung von Personen wie früheren Armeeoffizieren, Beamten und Führungskräften, und danach, Arbeitern verschiedener Branchen aus den von der UdSSR annektierten Gebieten in das Innere der Sowjetunion. ... Kulischer schätzt die Gesamtzahl der aus den annektierten Gebieten evakuierten Zivilbevölkerung auf 1.500.000 bis 2.000.000 Personen. ... Letztlich kommen wir zur wichtigsten Bevölkerungsbewegung in der UdSSR während des Krieges - abgesehen von der Mobilisierung von Militärpersonal, das abzuschätzen wir nicht versuchen werden -, nämlich der selektiven Evakuierung von Zivilpersoneu aus den Westgebieten, die vom Angreifer bedroht waren. Als die Deutschen die Grenze überschritten, wurden die Pläne für einen schnellen Abtransport von Menschen und Maschinen sofort in die Tat umgesetzt. In der Tat scheint die Massenevakuierung der Zivilbevölkerung in den annektierten Gebieten, die an die deutsche Machtzone grenzten [Baltikum, Ostpolen, Bukowina und Bessarabien] mindestens etliche Tage vor dem 22.6.1941 in Gang gesetzt worden zu sein. Die Evakuierung fand fast ausschließlich über die Eisenbahn statt. Ganze Fabriken wurden demontiert und im Innern wieder aufgebaut; ein großer Teil der landwirtschaftlichen Maschinen und viel Vieh wurde fortgeschafft. Eine genaue offizielle Auskunft über die Zahl der evakuierten Personen gibt es nicht, und Kenner der Materie haben weit auseinander gehende Schätzungen abgegeben...«

»Im allgemeinen scheint die Bevölkerung der ukrainischen Städte 1942 nur noch halb so groß wie 1939 oder noch weniger gewesen zu sein. ... Der durch Evakuierungen verursachte Rückgang der städtischen Bevölkerung könnte in den westlichsten Distrikten der annektierten Gebiete geringer gewesen sein als in der Ukraine als Ganzes, jedoch deuten verschiedene sowjetische Hinweise auf einen viel größeren Rückgang der Bevölkerung in einigen anderen Städten hin, wie z.B. Smolensk und Kalinin. Deutsche Diskussionen über landwirtschaftliche Probleme in den besetzten Gebieten liefern zusätzliche Beweise für Massenabtransport oder -vernichtung von landwirtschaftlichen Maschinen, geben aber auch gleichzeitig Aufschluß darüber, daß der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, von einigen Distrikten abgesehen, nicht groß war. ... Diese Tatsachen lassen darauf schließen, daß die These des Kriegsverwaltungschefs im Wirtschaftsstab Ost [Ministerialdirigent Dr. Rachner], demzufolge ungefähr die Hälfte der städtischen Bevölkerung in den im Jahre 1941 besetzten Gebieten evakuiert worden sei und Flüchtlingsbewegungen in die ländlichen Gebiete die Evakuierungsverluste der Landbevölkerung in etwa ausgeglichen haben, glaubhaft sind. Der deutsche Fachmann schätzte auf dieser Basis, daß die Zahl der Evakuierungen vom besetzten ins freie Sowjetterritorium 1941 ungefähr 12,5 Millionen Personen betrug«.

»Voneinander unabhängige Schätzungen zweier Experten auf der Basis der Kapazität der [sowjetischen] Eisenbahn kommen zu unterschiedlichen Schlüssen für die Evakuierungen aus den vor 1942 besetzten Gebieten. Habicht schätzt 15 Millionen als Maximum und Vassiliew beziffert die Zahl der Evakuierten auf insgesamt 7,5 bis 10 Millionen. ... Kulischer schätzt die Gesamtzahl der Evakuierten aus den annektierten und den «alt»-sowjetischen Gebieten auf insgesamt 12 Millionen, ausgenommen das Militärpersonal, das schon vor dem deutschen Angriff mobilisiert worden war. Dies ist eine sehr wahrscheinliche Zahl ... «

»Im allgemeinen wurden diese Menschen Östlich der zentralen Industrie-Region, die in den vorangegangenen zehn Jahren die schnellste Entwicklung durchmachte, untergebracht ... Es scheint, eine große Anzahl wurde [auch] entlang der Turkestan-Sibirischen Eisenbahn angesiedelt; Taschkent war eine wichtige Verteilungsstelle für Flüchtlinge und Evakuierte. Viele wurden in verschiedenen schon bestehenden und umgesiedelten Industrien in der Zentralen Wolga-Region, im Ural, in West- und Mittelsibirien, Kasachstan, Zentralasien und im Hohen Norden untergebracht. Der Industrieausstoß der Ural-Region soll sich im Laufe des Krieges verdreifacht haben«[64]. Soweit Professor Lorimer.

Der zionistische Publizist Reitlinger bemerkte zu dieser sowjetischen Aktion: »Die Russen evakuierten grundsätzlich die arbeitende Bevölkerung, damit die Städte dem Feind nicht zugute kämen. ... Jede Weigerung sich evakuieren zu lassen, wurde als feindselige Handlung betrachtet und als solche schwer bestraft«[65]. Und der jüdische Chef des Sowjetischen Informationsbureaus, S.A. Lesovsky, gab die offizielle Version der Sowjetregierung mit diesen Worten bekannt: »Die Deutschen haben niemals ein Territorium mit einer Bevölkerung von 75 Millionen besetzt. Die sowjetische Bevölkerung war über die wölfischen Neigungen der Nazi-Plünderer, Vergewaltiger und Mörder sehr wohl informiert, und die große Masse ist deshalb vor ihnen nach dem Osten geflohen«[66].

Die von Professor Lorimer angeführten vierzehn größeren ukrainischen Städte weisen eine Evakuierungsziffer von 53% auf. Professor Lorimer hat jedoch nicht berücksichtigt, daß diese Städte Mitte 1941 mit Sicherheit eine beträchtlich größere Bevölkerung hatten als die 3,6 Millionen der Volkszählung vom Januar 1939. Zu Beginn des 1. Fünfjahresplanes (1928) stellten nach den Ausführungen Molotows auf dem XVIII. Parteikongreß im Jahre 1939 Arbeiter und Angestellte nur 17 % der Sowjetbevölkerung dar, elf Jahre später im Jahre 1939 aber schon 50 %[67]. Diese tiefgreifende Industrialisierungspolitik der Fünfjahrespläne hatte neben der beabsichtigten enormen Wandlung in der gesellschaftlichen Gliederung der Volksmassen auch eine entsprechende Auswirkung auf das Wachstum der Städte. Die 174 Städte, die im Januar 1939 über 50.000 Einwohner zählten und über eine Gesamtbevölkerung von 34,1 Millionen verfügten, hatten im Dezember 1926 nur eine Einwohnerzahl von 16,2 Millionen; dies entspricht einem jährlichen Wachstum von 6,5 % in diesem 12-Jahres-Zeitraum.

Dagegen verzeichneten die von Professor Lorimer aufgeführten vierzehn ukrainischen Städte »nur« ein Wachstum von 5,5 % je Jahr seit 1926[68]. Es besteht kein Grund zur Annahme, daß die Expansion der sowjetischen Städte im Zuge der Vorbereitung für die kommende Auseinandersetzung mit Deutschland nach dem Januar 1939 und vor Mitte 1941 wesentlich verringert wurde; im Gegenteil, die fieberhaften Kriegsvorbereitungen der Sowjets hatten eine weitere Industrialisierung beschleunigt. Man geht daher kaum fehl in der Annahme, daß die von Lorimer genannten Städte - Kiew, Odessa, Dnjepropetrowsk, Saporoshje, Mariupol, Krivoi Rog, Nikolajew, Dnjeprodzershinsk, Poltawa, Kirowograd, Cherson, Schitomir, Winniza und Melitopol - auch nach dem Januar 1939 große Wachstumsraten zu verzeichnen hatten.

Wenn man eine unter dem Durchschnitt der vorangegangenen zwölf Jahre liegende Rate ansetzt, sagen wir 10 % für die 21/2 Jahre vom Januar 1939 bis Juni 1941, dann dürften diese vierzehn ukrainischen Städte zum Zeitpunkt des deutschen Präventivschlags eine Bevölkerung von über 4 Millionen gehabt haben. Da nach der Besetzung dieser Städte durch deutsche und verbündete Truppen jedoch nur noch 1,69 Millionen Einwohner angetroffen wurden, muß sich die sowjetische Evakuierungsziffer auf beinahe 60 % belaufen haben. Auf die gesamte Stadtbevölkerung von über 25 Millionen übertragen, heißt dies, daß allein in den von Deutschland nach dem 22.6.1941 eroberten sowjetischen Städten nur zehn Millionen Menschen zurückblieben; den Rest von 15 Millionen hatten die Sowjets vor dem Eintreffen der deutschen Truppen deportiert.

Auch Reitlinger stellte in seinem Buch Die Endlösung kategorisch fest: »In den meisten eingenommenen Städten blieb weniger als die Hälfte der Bevölkerung zurück«[69]. Nun schrieb Dr. Rachner im Reichsarbeitsblatt: »... im allgemeinen [kann] damit gerechnet werden, daß das flache Land im ganzen seinen Menschenbestand im besetzten Gebiet mindestens behalten hat. Wenn wir davon ausgehen, daß im besetzten Gebiet 75 Millionen Einwohner vor Beginn der Kampfhandlungen vorhanden waren, so entfällt hiervon auf das Land eine Zahl von etwa 50 Millionen. Legt man diese Zahl als noch vorhanden und benötigt zugrunde, wobei zu beachten ist, daß die Landwirtschaft infolge des starken Wegfalls von Maschinen zum Teil auf Handbetrieb angewiesen ist, so bleibt eine Zahl von 25 Millionen für die Städte des besetzten Gebietes übrig. Nach allen Ermittlungen kann davon ausgegangen werden, daß im Durchschnitt höchstens die Hälfte der Bevölkerungszahl der Städte noch vorhanden ist, was einer Zahl von 12V2Millionen gleichkommt«[70].

Dabei sollte man berücksichtigen, daß Dr. Rachners Ausführungen schon Anfang 1942 niedergeschrieben wurden, als die deutschen Ermittlungen erst begonnen hatten. Inwieweit sich auch politische Überlegungen in Dr. Rachners Äußerungen niederschlugen, ist ungewiß. Die Sowjets jedenfalls waren damals eifrig bemüht, den Erfolg ihrer Evakuierungs-, Zerstörungs- und Sabotagestrategie propagandistisch auszuwerten. Die japanische Regierung zeigte sich von dieser sowjetischen Propaganda derart beeindruckt, daß der japanische Botschafter in Berlin, Oshima, die deutsche Reichsregierung Anfang 1942 davon unterrichtete, mit der begleitenden Bitte, ihm doch deutsches Zahlenmaterial über die Rohstoff- und Produktionslage auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet in der Ukraine und Weißrußland sowie über den Bevölkerungsstand in den besetzten sowjetischen Gebieten, insbesondere in der Ukraine, zu liefern, damit er der sowjetischen Propaganda in einem Bericht nach Tokio entgegentreten könne[71]. Es ist deshalb sicher anzunehmen, daß Dr. Rachners Evakuierungszahlen von nur 121/2 Millionen Menschen durch die Sowjets den tatsächlichen Sachverhalt eher beschönigten.

Jedenfalls stellte Kriegsverwaltungsrat Krüger von der Chefgruppe Wirtschaft, Abteilung Statistik, im Wirtschaftsstab Ost am 17.2.1943 in einem Geheimbericht fest, daß die Bevölkerung der sogenannten »besetzten Ostgebiete« vor der deutschen Besetzung ca. 70 Millionen betragen habe, davon aber nur noch 50 Millionen auffindbar seien[72]. Die von Krüger erwähnten »besetzten Ostgebiete« schlossen aber nur die zivilverwalteten Reichskommissariate Ostland und Ukraine sowie die Östlich davon gelegenen militärisch verwalteten Gebiete ein. Nicht enthalten war also die Bevölkerung des Bezirks Bialystok, des dem General-Gouvernement Polen zugeschlagenen Landesteils Galizien, der von Rumänien zurückeroberten Provinzen Nord-Bukowina und Bessarabien und des dem rumänischen Königreich unter dem Namen 'Transnistrien' angegliederten Teils der früheren Sowjetrepublik Ukraine. Die Gesamtbevölkerung dieser ehemals sowjetischen Gebiete, die nicht vom Wirtschaftsstab Ost oder dem Militär verwaltet wurden, dürfte vor dem Krieg mindestens 13 Millionen Menschen betragen haben. Wenn man jedoch davon ausgehen kann, daß auf Grund der Grenznähe und der insgesamt relativ geringen Stadtbevölkerung der Prozentsatz der Evakuierten nur dem ebenfalls sehr schnell eroberten Gebiet des nachmaligen RK Ostland (d.h. 15 %) entsprach, dann sind beinahe 2 Millionen dieser 13 Millionen Menschen von den Sowjets mitgeschleppt worden[73].

Berücksichtigt man ferner einen natürlichen Bevölkerungszuwachs vom Januar 1939 bis Mitte 1941 von vielleicht knapp 4 Millionen, dann haben also vor dem Krieg in den Gebieten, die zum 17.2.1943 noch in deutscher Hand waren, ca. 87 Millionen Menschen gelebt, von denen aber nur noch 61 Millionen auffindbar waren; 26 Millionen oder 30%, waren verschwunden!

Andere deutsche Meldungen lassen auf eine ähnliche Ziffer schließen. So schreibt zum Beispiel die Deutsche Zeitung im Ostland im Jahre 1943, daß die Verluste der Sowjetunion an Soldaten und an der in den verlorengegangenen Gebieten bodenständigen Bevölkerung mit mindestens 70 Millionen angesetzt werden können[74]. Bringt man davon die vielen Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und Gefallenen in Abzug, verbleibt wiederum eine Zahl von 60-65 Millionen für die zurückgebliebene Zivilbevölkerung.

Alles deutet darauf hin, daß Dr. Rachners Angaben über die Zahl der von den Sowjets deportierten Bevölkerung doch zu niedrig waren und die stalinsche Propaganda über den sowjetischen Erfolg, den Deutschen einen großen Teil des menschlichen und industriellen Bestandes in den besetzten Gebieten - und dazu noch den kriegswirtschaftlich wichtigsten Teil - streitig gemacht zu haben, den Realitäten mehr entsprach, als den Deutschen lieb sein konnte.

Unterstützt werden die großen Evakuierungszahlen von einer Ausarbeitung des Chefs der Versorgung der 200. Schützendivision der 5. Armee über die »Perspektiven zur Verpflegungsversorgung der UdSSR im Winterfeldzug 1942/43«[75]. Die Analyse stellt fest, daß in den gesamten, aus den Händen der Sowjets gerissenen Gebieten (Herbst 1942?) 65 Millionen Menschen unter deutscher und verbündeter Verwaltung lebten. Der Verfasser des Berichts ging jedoch davon aus, daß bei Beginn der Kampfhandlungen 100 Millionen Menschen dort wohnhaft waren und kommt daher zu der wohl irrigen Auffassung, die Sowjets hätten 35 Millionen Einwohner evakuiert. Wenn, wie schon dargestellt, das nachmals deutsch besetzte Gebiet vor Kriegsausbruch ca. 91 Millionen beherbergte, dann würde die Differenz ebenfalls einer Evakuiertenzahl von 26 Millionen entsprechen.

Es ist aber interessant, daß diese oben angegebene deutsche Zahl von 35 Millionen verschwundenen Personen fast haargenau mit der des Amerikaners Edward C. Carter von 37 Millionen übereinstimmt. Carters Zahl schloß jedoch augenscheinlich nicht nur die Evakuierten aus den deutsch besetzten sowjetischen Gebieten, sondern auch die Millionen Zivilisten aus den Städten im Frontbereich - wie Leningrad, Moskau, usw. - ein, die aber niemals von deutschen Truppen erobert wurden. Als damaliger stellvertretender Vorsitzender des American Institute of Pacific Relations und Präsident der amerikanischen Kriegshilfeaktion für Rußland (Russian War Relief) war Carter sehr wohl in der Lage, das Ausmaß der gesamten sowjetischen Verschleppungsmaßnahmen abzuschätzen. Nicht ohne Grund verliehen ihm die Sowjets für seine Verdienste um die Sowjetunion die Auszeichnung des Roten Banners der Arbeit[76]. Jedenfalls ist Carters Zahl ein Indiz dafür, daß die hier angestellten Berechnungen von über 25 Millionen Verschleppten aus den deutsch besetzten sowjetischen Gebieten in etwa richtig sind. Schon Mitte November 1941 -weniger als fünf Monate nach Beginn der deutsch-sowjetischen Feindseligkeiten - hatte Andrew Grajdanzev in der vom Institute of Pacific Relations herausgegebenen Veröffentlichung Far Eastern Survey die Zahl der Flüchtlinge und Evakuierten mit 10 bis 20 Millionen angegeben, und darin waren die mobilisierten Männer aus den deutsch besetzten sowjetischen Gebieten noch nicht einmal miteingerechnet[77].

Auch der jüdische Autor Alexander Dallin gibt in seiner verzerrten Darstellung über die deutsche Verwaltung in den »besetzten Ostgebieten« an, daß die zurückgebliebenen Zivilpersonen etwa 65 Millionen betragen haben[78]. Doch die wohl »offiziellste« alliierte Statistik über die Zahl der in den von den Deutschen besetzten sowjetischen Gebieten verbliebenen Menschen kommt von Wendell Willkie, dem Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten. Im September 1942 besuchte Willkie den Kreml, wo er über die militärische und wirtschaftliche Lage des schwer angeschlagenen sowjetischen Imperiums unterrichtet wurde. Am 26. September gab Stalin zu Ehren Willkies ein Essen, an dem unter anderen auch Molotow (Außenpolitik), Mikoyan (Außenhandel), Beria (Geheimpolizei), Marschall Woroschilow, Admiral Kuznetozow und Informationsminister Scherbakaff teilnahmen[79]. Anläßlich dieses Essens erläuterte Willkie die Wünsche und Informationen seiner sowjetischen Gastgeber und bedauerte, daß mindestens 60 Millionen Sowjetbürger in den von den Deutschen eroberten Gebieten zurückgeblieben waren[80]. Diese von Stalin an Willkie gegebene Information stellt ein offizielles, obgleich indirektes sowjetisches Eingeständnis über das Ausmaß ihrer Deportationen dar - bis zu 30 Millionen Menschen.

Ohne sich auf die Million genau festzulegen, kann man abschließend die Zahl der nach Osten und dem Ural verfrachteten Menschen - einschließlich der zu den Waffen gerufenen Männer - auf über 25 Millionen veranschlagen; davon kamen mehr als 15 Millionen aus den Städten der den Sowjets verlorengegangenen Gebiete.

Diese Evakuierungs- und Deportationsmaßnahmen der moskowiter Machthaber muß man im Rahmen der sowjetischen Kriegsführung sehen. Alles, was dem deutschen Feind irgendwie von Nutzen sein konnte, mußte vernichtet oder wenigstens deportiert werden. Diese Strategie betraf nicht nur das Land, Fabriken, die Infrastruktur usw. sondern, oder ganz besonders, auch die Menschen; denn wenn den Deutschen Fachkräfte in die Hände fielen, die sie für ihre Kriegsmaschinerie verwenden konnten, dann mußte dies durch Evakuierung, Deportation oder Massenmord verhindert werden. Den Bevölkerungsteilen, die zu den führenden und industriellen Schichten des sowjetischen Systems zählten, gab man natürlich auch den Vorzug bei der Evakuierung. Das Ausmaß dieser Aktion ist bislang allerdings in der Literatur kaum beachtet worden!

Leere Städte

Die deutschen Behörden hatten schon bald nach der Besetzung der einzelnen sowjetischen Städte detaillierte Ermittlungen über die noch vorhandene Bevölkerung angestellt. Es liegt auf der Hand, daß die deutsche Besatzungsmacht sich vor allem ein Bild über den verfügbaren Arbeiterstamm machen mußte. Dazu schreibt Dr. Rachner, »die Arbeitsdienststellen wurden ... immer wieder angewiesen, genaue Erfassungen der städtischen Bevölkerung nach den Methoden des Altreichs ... vorzunehmen. ... Es ist ... festzuhalten, daß in den meisten Orten außer den Arbeitslosen auch die in den Betrieben und Ämtern beschäftigten Kräfte nicht nur karteimäßig erfaßt, sondern auch nach Berufsgruppen und Berufsarten schon aufgegliedert sind«[81].

Außerdem machte die durch die sowjetische Taktik der Vernichtung der Lebensmittelvorräte hervorgerufene Versorgungskrise eine genaue Feststellung der Stadtbevölkerung notwendig, allein schon um die Lebensmittelrationierung und -zuteilung wirkungsvoll durchzuführen. Aus ver,ständlichen Gründen wurden die ermittelten Bevölkerungszahlen während des Krieges nur teilweise an die Presse weitergegeben, und die heute wieder in deutschen Archiven befindlichen Akten aus den Kriegsjahren sind so unvollständig, daß unseres Wissens heute nur über relativ wenige Städte Evakuierungsziffern erhältlich sind.

Die auf Tabelle 6 namentlich aufgeführten sowjetischen Städte wurden regional - ehemals baltisch, ostpolnisch, rumänisch und »alt«-sowjetisch - gegliedert und in der ungefähren zeitlichen Folge ihrer Eroberung bzw. Einschließung festgehalten. Auffallend ist dabei, daß die baltischen Städte mit einer Deportationsziffer von »nur« 26 % bedeutend geringere Verluste erlitten als die »alt«-sowjetischen und ehemals ostpolnischen Städte. Weiterhin gibt die Tabelle keinen Hinweis, daß die etwas später eroberten Städte höhere Deportationsverluste aufwiesen als die gleich in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch in deutsche Hand gefallenen Städte.


Tabelle 6: Sowjetische Deportation der Stadtbevölkerung im Zweiten Weltkrieg

 

Gesamtbevölkerung

Deportierte bzw. evakuierte Einwohner (A) (%)
S t ä d t e (B) Jüdische Einwohner-
zahl

vor

und

nach

der Deportation

Einwohner   Einwohner

Ehemalige balt. Städte:
Tauroggen (a)

?

13.000

 

7.900

5.100

39

Kauen ('34)

27.200 (c)

150.000 (b)

 

117.000 (b)

33.000

22

Dünaburg ('35) (d)

11.106 (c)

49.700 (d)

 

24.227 (d)

25.473

51

Libau ('35) (d)

7.379 (c)

62.800 (d)

 

45.982 (d)

16.818

27

Riga ('35) (d)

43.672 (c)

423.600 (d)

 

301.391 (d)

122.209

29

Windau ('35) (d)

1.246 (c)

17.200 (d)

 

13.226 (d)

3.974

23

Mitau ('35) (d)

2.039 (c)

37.500 (d)

 

28.908 (d)

8.592

23

Rositten ('35) (d)

3.342 (c)

14.500 (d)

 

7.994 (d)

6.506

45

Sonstige lett. Städtchen:
8 (5-9.000 Einwohner) (d)

?

63.100 (e)

 

49.318 (e)

13.782

22

19 (2-5.000 Einwohner) (d)

?

74.300 (e)

 

55.743 (e)

18.557

25

20 (1-2.000 Einwohner) (d)

?

32.800 (e)

 

23.980 (e)

8.820

27

Kallaste (Peipus-See)

?

?

 

?

?

33 (f)

Pernan

?

22.600 (g)

 

18.815 (gg)

3.785

17

Törwa

?

?

 

?

?

27 (f)

Dorpat

?

58.400 (g)

 

48.194 (gg)

10.206

17

Fellin  

12.900 (g)

 

10.679 (gg)

2.221

17

Jögeva

?

?

 

?

?

26 (f)

Narwa

?

25.300 (g)

 

19.615 (gg)

5.685

22

Reval ('34)

2.203 (c)

164.296

 

134.705 (gg)

29.591 (ff)

18


»Baltische« Städte ca.

100.000

1.250.000

 

930.000

320.000

26


Ehem. ostpoln. Städte:

Brest-Litowsk ('31)(h)

21.440 (i)

58.100 (i)

 

33.563 (j)

24.537

42

Wladimir-Volynsk ('31) (h)

10.665 (i)

29.500 (i)

 

8.628 (j)

20.872

71

Kowel ('31) (h)

12.842 (i)

33.200 (i)

 

16.233 (j)

16.967

51

Baranowitz ('31) (h)

9.680 (i)

27.400 (i)

 

2.740 (j)

24.660

90 (k)

Lutsk ('31) (h)

17.366 (i)

42.700 (i)

 

16.495 (j)

26.205

61

Rowno ('31) (h)

22.737 (i)

48.700 (i)

 

17.531 (j)

31.169

64

Sdolbunow

?

10.200(l)

 

7.650 (j)

2.550

25

Pinsk ('31) (h)

20.220 (i)

38.300 (i)

 

12.029 (j)

26.271

69


»Ostpolnische« Städte ca.

120.000

288.000

 

115.000

173.000

60


Ehem. ostrumän. Städte:

Tschernowitz ('41)

50.000 (c)

135.900 (kk)

 

78.825 (kk)

57.075

42

Kischinew ('41)

70.000 (c)

137.900 (kk)

 

52.962 (kk)

84.938

62


»Ostrumänische« Städte ca.

120.000

274.000

 

132.000

142.000

52


Ehem. »altsowjet.« Städte:

Minsk ('41) (m)

90.000 (c)

262.600 (n)

 

100.000(o)

162.600

61

Nowograd-Volynsk (p)

?

?

 

?

?

90(l)

Schitomir ('39) (m)

50.000 (q)

104.600 (n)

 

42.000 (j)

62.600

60

Proskurow ('26) (r)

13.408 (c)

48.000 (s)

 

12.510 (i)

35.490

74

Kamenez Podolsk ('26) (r)

12.774 (c)

64.000 (s)

 

15.044 (j)

48.956

76

Winniza ('26) (m)

21.812 (c)

102.200 (n)

 

42.500 (i)

59.700

58

Smolensk ('26) (m)

12.887 (c)

172.300 (n)

 

20.000

152.300

88

Kirowograd ('26) (m)

18.358 (c)

110.400 (n)

 

63.403

46.997

43

Odessa ('39) (m)

180.000 (c)

664.600 (n)

 

300.000 (t)

364.600

55

Nikolajew ('39) (m)

30.000 (c)

183.800 (n)

 

84.213 (i)

99.587

54

Krivoi Rog ('26) (m)

5.730 (c)

217.400 (n)

 

125.000

92.400

43

Cherson ('39) (m)

30.000 (c)

106.900 (n)

 

59.210

47.690

45

Dnjeprodzershmsk (m)

?

162.600 (n)

 

75.000

87.600

54

Dnjepropetrowsk ('39) (m)

100.000 (c)

550.700 (n)

 

280.000

270.700

49

Saporoshje (m)

?

318.100 (n)

 

120.000 (j)

198.100

62

Mozhaisk (u)

?

18.000

 

5.000

13.000

72

Melitopol ('39) (m)

11.000 (c)

83.300 (n)

 

65.054 (j)

18.246

22

Tschernigow ('26) (m)

10.607 (c)

74.100 (n)

 

30.000 (v)

44.100

60

Poltawa ('39) (m)

35.000 (c)

143.300 (n)

 

74.821

68.479

48

Kiew ('39) (m)

175.000 (c)

930.900 (n)

 

304.570

626.330

67

Mariupol ('26) (m)

7.332 (c)

244.700 (n)

 

178.358 (t)

66.342

27

Taganrog ('26) (m)

2.673 (c)

207.700 (n)

 

120.000 (w)

87.700

42


»Altsowjetische« Städte

860.000

4.792.000

 

2.120.000

2.672.000

56


Sowjetische Städte

1.200.000 (x)

6.604.000

 

3.297.000

3.307.000

50


Quellen und Anmerkungen zu Tabelle 6:

  1. Die Zahlen für die deportierten und evakuierten Einwohner sowjetischer Städte wurden entweder auf der Basis der Differenz zwischen der Einwohnerzahl vor und nach der Deportation oder, sofern nur die prozentualen Verschleppungsziffern und die Vorkriegsbevölkerung ermittelt werden konnten, durch Multiplikation dieser beiden Größen errechnet.
  2. Die hinter den Städtenamen aufgeführten Jahreszahlen beziehen sich auf die jüdische Bevölkerung.
  1. Kauener Zeitung, Kauen (Kaunas)/Litauen, »Wiederaufbau in Kelmen und Tauroggen«, Nr. 31, 15.11.1941, S. 3.
  2. Lt. Kauener Zeitung, »Die Stadt Kauen vor neuen Aufgaben«, Nr. 76, 31.3.1943, S. 5, betrug die Gesamtbevölkerung 1939 150.000. In der Ausgabe Nr. 87, 13.4.1943, S. 3, wird die unter deutscher Verwaltung befindliche Stadtbevölkerung in demselben Stadtgebiet mit 117.000 beziffert.
  3. Encyclopaedia Judaica, Jerusalem, 1972 (verschiedene Bände); für Kauen siehe Kauener Zeitung, »Jerusalem im Osten«, Nr. 15, 19.8.1941, S. 3. Weiterhin: Publikationsstelle Berlin-Dahlem. Bevölkerungsstatistik Lettlands (Hrsg. Joh. Papritz und Wolfgang Kohte), Berlin-Dahlem, 1942, S. 10/11, 28/29~ 32/33, 38/39, 42/43/ 46/47; für Melitopol: Hilberg, Raul. The Destruction of the European Jews, New York, 1973, S. 192; für Poltawa, Cherson und Kikolajew: Reitlinger, Gerald. The Final Solution, New York, 1961, S. 237 und 241.
  4. Zahl der Einwohner Lettlands für das Jahr 1941 (Stand 1.8.1941), Lettl. Statistisches Amt (Bundesarchiv R 92, Vorl. 1427). Für die einzelnen Städte wurden für die Jahre 1935 bzw. 1941 folgende Bevölkerungszahlen aufgeführt: Riga (385.063/301.391), Libau (57.098/45.982), Dünaburg (45.160/24.227), Mitau (34.099/28.908), Windau (15.671/13.226), Rositten (13.139/7.994). Der »normale« Anstieg der städtischen Bevölkerung dürfte seit 1935 mindestens 10 % betragen haben.
  5. ebd.; acht der einzeln aufgeführten Städte mit 5-9.000 Einwohnern hatten zusammen eine Bevölkerung von 57.336 bzw. 49.318 (1935 bzw. 1941), 19 Städte mit je 2-5.000 Einwohnern wiesen zusammen eine Bevölkerung von 67.517 bzw. 55.743 auf, und 20 Städte mit einer Einwohnerzahl von jeweils 1-2.000 hatten zusammen 29.789 bzw. 23.980.
  6. Deutsche Ukraine-Zeitung, Luck/Wolhynien, Nr. 7, 30.1.1942.
  1. Deutsche Zeitung im Ostland, Riga/Lettland, »Estlands Aderlaß«, Nr. 107, 19.11.1941, S. 5.
  1. Parming, Tönu. »Population Changes in Estonia, 1935 - 1970«, Population Studies, London, Vol. 26, No. 1, März 1972, S. 68.
  1. Deutsche Zeitung im Ostland, »Der Blutverlust des estnischen Volkes«, Nr. 213, 6.8.1943, S. 5.
  1. Für die polnischen Städte liegen die letzten offiziellen Volkszählungsziffern für das Jahr 1931 vor; diese lassen darauf schließen, daß die Bevölkerung des polnischen Staates bis dahin um 1,5 % jährlich zunahm. Während im Laufe der wirtschaftlichen Krise der 30er Jahre eine allmähliche Verringerung des natürlichen Bevölkerungswachstums eingesetzt hatte, schritt die Verstädterung andererseits zügig voran. Das durchschnittliche Wachstum der hier aufgeführten ostpolnischen Städte wurde für die Jahre 1931 bis 1941 trotzdem mit nur 20 % angesetzt.
  2. Für die von der polnischen Volkszählung von 1931 ausgewiesenen Einwohnerzahlen siehe Tabelle 4.
  3. Zentralblatt des Reichskommissars für die Ukraine, Rowno, 2. Jahrgang, No. 2, 9. Januar 1943, S. 8-20.
  4. Institute of Jewish Affairs. Hitler's Ten-Year War on the Jews, New York, 1943, S. 186.
  1. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien (Geheim), Wien, 1943, S. 70-73: Am 16.8.1941 - noch vor den rumänischen Deportationen von Teilen der jüdischen Bevölkerung nach Transnistrien - wurde in den zurückgewonnenen Provinzen Nord-Bukowina und Bessarabien eine Volkszählung durchgeführt. Dabei wurden in Tschernowitz nur 78.825 Einwohner (1930: 112.427) und in Kischinew 52.962 Menschen (1930: 114.896) gefunden; von 1930 bis 1941 dürfte die Bevölkerung dieser Städte um mindestens 20 % zugenommen haben.
  1. Deutsche Ukraine-Zeitung, 8.3.1942.
  2. Die sowjetischen Städte zeigten - wie schon im Text erwähnt - zwischen 1926 und 1939 ein Bevölkerungswachstum von jährlich 6,5 % (die ukrainischen 5,5 %). Für die hier aufgeführten »alt«-sowjetischen Städte wurden die Ziffern vom Januar 1939 um 10 % erhöht; ein solches Anwachsen der städt. Bevölkerung muß in diesem Ausmaß auf Grund der Kriegsvorbereitungen gegen Deutschland und der beschleunigten Industrialisierung als Minimum betrachtet werden.
  3. Lorimer, Frank. The Population of the Soviet Union: History and Prospects, Genf: Völkerbund, 1946, S. 250-253. Für das Jahr 1939 zitiert Prof. Lorimer die folgenden Einwohnerzahlen: Kiew (846.293), Odessa (604.223), Dnjepropetrowsk (500.662), Saporoshje (289.188), Minsk (238.772), Mariupol (222.427), Krivoi Rog (197.621), Taganrog (188.808), Nikolajew (167.108), Smolensk (156.677), Dnjeprodzershinsk (147.829), Poltawa (130.305), Kirowograd (100.331), Cherson (97.186), Schitomir (95.090), Winniza (92.868), Melitopol (75.735), Tschernigow (67.356).
  4. Reitlinger, Final Solution, S. 223; Kauener Zeitung, »Die Stadt Minsk im Aufbau«, Nr. 298, 19.12.1942, S. 5, nennt dieselbe Zahl.
  5. Die Vorkriegsbevölkerung Nowograd-Volynsks ist unbekannt, dürfte aber zwischen 20.000 und 30.000 gelegen haben. Über die Zahl der Evakuierten gibt es widersprüchliche Meldungen; während deutsche Ermittlungen (siehe Fußnote 'j') 12.000 Einwohner fanden, meldete das zionistische Institute of Jewish Affairs (Hitler's Ten-Year War, S. 186), 90 % der Bevölkerung hätten sich mit der Roten Armee zurückgezogen.
  6. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 196.
  7. Für Proskurow und Kamenez Podolsk lagen für 1939 keine Volkszählungsziffern vor; die letzten waren für 1926 erhältlich. Obwohl sich die Stadtbevölkerung in der Sowjetunion von 1926 bis 1941 mehr als verdoppelt hatte, wurde für diese beiden Städte nur ein Anstieg von 50 % zugrunde gelegt.
  8. Lt. Encyclopaedia Judaica (Vol. 13, S. 1195) lebten in Proskurow im Jahre 1926 13.408 Juden, die 42 % der Gesamtbevölkerung darstellten; demnach betrug die gesamte Einwohnerzahl dieser Stadt im Jahre 1926 32.000. In Kamenez Podolsk sollen damals 12.774 Juden - oder 29,9 % der Gesamtbevölkerung - gelebt haben; daraus ist zu schließen, daß die Einwohnerschaft dieser Stadt 42.700 betrug.
  9. Institute of Jewish Affairs. Hitler's Ten-Year War, S. 185. Kauener Zeitung, »Odessa - Laune einer Zarin«, Nr. 182, 6.8.1942, S. 3, nennt dieselbe Ziffer für Odessa.
  10. The New York Times, 27.1.1942.
  11. Deutsche Ukraine-Zeitung, Nr. 57, 29.3.1942.
  12. -, Nr. 175, 14.8.1942.
  13. Diese Ziffer ist wahrscheinlich eine viertel Million zu niedrig, denn
    • für etliche Städte sind überhaupt keine jüdischen Einwohnerziffern bekannt, und
    • im Falle mehrerer »alt«-sowjetischer Städte gelten die jüdischen Bevölkerungsziffern für das Volkszählungsjahr 1926; nicht nur hatte die sowjetische Volkszählung von 1926 die gesamtjüdische Bevölkerung um einige Hunderttausende unterschätzt, seit 1926 setzte außerdem die große Industrialisierungswelle ein, in deren Verlauf viele ländliche Juden in die Städte zogen.

Die einzeln aufgeführten Städte sind nicht ohne weiteres repräsentativ für alle eroberten Städte; nichtsdestoweniger stellen sie knapp ein Viertel der Stadtbevölkerung dar, die bei Kriegsausbruch im später deutsch besetzten Gebiet lebte. Die durchschnittliche Verlustziffer von 50 % dürfte mit ziemlicher Sicherheit zu niedrig liegen.

Wie Tabelle 6 zeigt, hatten gerade die slawischen Städte bedeutend höhere Deportationen zu verzeichnen; leider waren nur Ziffern für ungefähr ein Fünftel der Stadtbevölkerung slawischer Städte, die den Löwenanteil bildeten, aufzufinden, während für das Baltikum, dessen städtische Bevölkerung schätzungsweise sechs Prozent der Vorkriegsbevölkerung aller später besetzten sowjetischen Städte ausmachte, Zahlen für mehr als die Hälfte der städtischen Einwohner erhältlich waren.

Mit anderen Worten, die baltischen Städte sind in der Tabelle überrepräsentiert; da aber gerade sie durchweg relativ niedrige Deportationsverluste erlitten, schlug sich dies in einer zu niedrigen durchschnittlichen Deportationsziffer für die gesamte sowjetische Stadtbevölkerung nieder.

Eine Gewichtung der Evakuierungsziffern der baltischen und slawischen Städte mit dem jeweiligen Anteil an der gesamten sowjetischen Bevölkerung der besetzten Gebiete bringt die wahrscheinliche Evakuierungsziffer auf 55 %:

 

Balt.
Städte

Ost-
poln.
Städte

Ost-
rumän.
Städte

»Alt«-
sowjet.
Städte

Alle
sowjet.
Städte


Evakuierungsziffern aus Tabelle 6

26 %

60 %

52 %

56 %

50 %

Gewichtung: Anteil der baltischen, ostpolnischen, rumänischen und »alt«-sowjetischen Stadtbevölkerung an der gesamten städtischen Bevölkerung der später deutsch besetzten sowjet. Gebiete

6 %

11 %

3 %

83 %

100 %


Wahrscheinliche Evakuierung in Prozent der gesamten Stadtbevölkerung der besetzten sowjetischen Gebiete

1,6 %

6,6 %

0,6 %

45 %

= 55 %


Um das unterschiedliche Ausmaß der Deportationen anschaulicher darzustellen, wurden diese 46 Städte in drei Gruppen - nach relativen Deportationsverlusten - aufgeteilt und auf Karte 1 festgehalten. Wie nicht anders zu erwarten, befanden sich die baltischen Städte meistens in der Gruppe mit den niedrigsten Deportationsziffern, während die slawischen Städte, von einigen Ausnahmen abgesehen, in der Regel sehr hohe Verringerungen durch sowjetische Verschleppungsmaßnahmen hinnehmen mußten. Es sieht sogar so aus, als ob die westlichen Städte der Sowjetunion prozentual größere Deportationsverluste erlitten als die weiter Östlich gelegenen.

Ein Überraschungseffekt, den man heute gerne als Begründung für den schnellen deutschen Vorstoß heranzieht, ist aus den Evakuierungs- und Deportationszahlen nicht abzulesen. Es ist in der Tat erstaunlich, daß einige sowjetische Städte an der Westgrenze, die teilweise schon in den ersten Kriegstagen besetzt wurden, bis zu zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren hatten, als die deutschen Truppen einrückten.

Jedenfalls machen die hohen Evakuierungsziffern für die weißrussischen und westukrainischen Städte zwei Dinge deutlich:

  1. Professor Lorimer hat recht mit seiner Feststellung, die Sowjets hätten schon einige Zeit vor Kriegsbeginn mit der Evakuierung der Zivilbevölkerung aus den Städten der Grenzgebiete begonnen, und
  2. die oft gehörte Behauptung, der schnelle deutsche Vorstoß habe den allergrößten Teil der ansässigen städtischen Bevölkerung in deutsche Hand gebracht, ist einfach falsch!

Die Räumungsaktionen der Sowjets waren, wie die Zahlen unmißverständlich beweisen, äußerst erfolgreich. Wenngleich sich Millionen nur unter Zwang evakuieren ließen, wurden die sowjetischen Maßnahmen von dem Umstand begünstigt, daß sich ein großer Teil der Evakuierten wahrscheinlich willig, zumindest aber ohne großes Widerstreben den Anordnungen fügte. Dies trifft auf ukrainische Kommunisten in leitenden Positionen und wohl ganz besonders auf die Nicht-Ukrainer zu, die in dieser Sowjetrepublik das Bauernvolk der Ukrainer im Namen Moskaus verwalteten und führten - die Russen und die Juden.

Ukrainer stellten in ihren eigenen Städten eine Minderheit dar; nur 47,4 % der Städter waren Ukrainer und von den verbleibenden 52,6 % beanspruchten die Russen mit 25 % und die Juden mit 23 % jeweils beinahe die Hälfte. Diese beiden letztgenannten Nationalitäten besetzten die meisten und wichtigsten Positionen in Industrie, Partei und Verwaltung; sie stellten in den Augen der Ukrainer die lange, schwere Hand Moskaus dar. Diese ganze groteske Situation wird deutlich, wenn man die berufliche Gliederung betrachtet[82]:

Bildung und Beruf

Ukrainer

Russen

Juden


1) Von 1.000 Einwohnern waren auf

   - Fachhochschulen

8 %

13 %

24 %

   - Hochschulen

10 %

24 %

60 %

2) Staatliche Beamte und Angestellte:

     

   - Wirtschaftsführung

34 %

20 %

41 %

   - »Kunst«

27 %

31 %

36 %

   - Ärzte und Sanitäter

38 % (hauptsächl. Sanitäter)

23 %

32 % (hauptsächl. Ärzte)

3) Industriearbeiter und -angestellte

40%

22 %

32 %

4) Baugewerbe

38 %

51 %

?

5) Bergbau

31 %

58 %

?

6) Diener

60 %

28 %

5 %

Das in der Sowjetunion herrschende viel ausgeprägtere Ungleichgewicht in der Einkommensverteilung vergrößerte naturgemäß die Kluft zwischen der Masse der ukrainischen Bevölkerung einerseits und den Russen und insbesondere den Juden andererseits. John Scott nennt für das Jahr 1933, zum Beispiel, folgende Lohnverhältnisse[83]:

Unqualifizierter Arbeiter

100 Rubel monatlich

Qualifizierter Arbeiter

300 "              "

Ingenieur (ohne Erfahrung)

400- 500 "              "

Ingenieur (mit Erfahrung)

600- 800 "              "

Verwalter, Direktoren, usw.

800-3000 "              "

Wie sehr sich die Einkommensverhältnisse bis 1941 auch verändert haben mögen, sicher ist, daß eine Nivellierung dieser krassen Unterschiede in der Zwischenzeit nicht eingetreten ist.

Die Ukrainer waren in ihren eigenen Städten nicht nur in der Minderheit, sie bildeten in diesen Städten also auch das eigentliche Proletariat, während die Russen und Juden sozial und wirtschaftlich oft um ein Vielfaches besser gestellt waren. Die Idee, daß die so behandelte ukrainische Bevölkerung sich nach der Befreiung vom sowjetischen Joch gegenüber der bislang tonangebenden russischen und jüdischen Oberschicht nicht gerade freundlich verhalten würde, war diesen beiden Bevölkerungsgruppen sicher nicht fremd. Eine Evakuierung mußte also für große Teile beider Minderheiten in der Ukraine als das kleinere Übel erscheinen. Ähnlich dürfte die Lage in Weißrußland gewesen sein.

Für die sowjetische Führung ergab sich andererseits eine relativ günstige Ausgangsposition für ihre Evakuierungspläne. Erstens machten die politisch zuverlässigeren nichtukrainischen Bevölkerungsschichten mehr als die Hälfte der städtischen Einwohner aus. Zweitens hielten die beiden großen Minderheiten - Russen und Juden - in Industrie und Verwaltung überwiegend Führungs- und Facharbeiterpositionen besetzt, während die Ukrainer zum größeren Teil in den unteren Stufen anzutreffen waren. Drittens bestand unter den gegebenen Umständen bei den Russen und Juden, den für die Kriegswirtschaft auf Grund ihrer besseren Ausbildung, Erfahrung und Einstellung weitaus wertvollsten Bevölkerungsteilen, eine bedeutend größere Bereitschaft, die ungewisse Fahrt nach Osten anzutreten.

Die Tatsache, daß die evakuierte Zivilbevölkerung einen relativ großen Anteil an Frauen und Kindern miteinschloß, ist wohl in dem Umstand zu suchen, daß die Berufstätigkeit der Frau schon immer ein ausgeprägtes kommunistisches Phänomen gewesen ist und daß es wohl auch in einem solch totalitären Staat schwierig sein dürfte, arbeitende Mütter ohne ihre Kinder zu evakuieren. Weiterhin mußten die sowjetischen Machthaber schon aus Gründen der Aufrechterhaltung der Moral im Falle der Minderheiten auch die Evakuierung der engsten Angehörigen vornehmen.

Die sowjetische Evakuierungsaktion war also in Erwartung eines deutsch-sowjetischen Konflikts durch und durch organisiert. Wenn in einzelnen Fällen, wie z.B. Melitopol und Mariupol, die erst im Herbst 1941 erobert wurden, trotzdem noch ein relativ großer Teil der Einwohner vorgefunden wurde, dann bestätigen diese Ausnahmen nur die Regel. Deutsche Kriegsberichte erwähnen von beiden Städten, daß deren Besetzung ganz überraschend gelang -anscheinend wohl auch für die Sowjets - und die dort vorgefundenen Zerstörungen daher minimal waren. Ein weiteres Indiz für die sowjetische Erwartung eines deutschen Präventivschlags liefert aber auch die Tatsache, daß die deutschen Truppen zwar ungefähr die Hälfte des sowjetischen Eisenbahnstreckennetzes in ihre Gewalt brachten, aber nur 5 % des darauf rollenden Materials.

Letztlich geben Ermittlungen der deutschen Verwaltung einen Einblick in die Zielstrebigkeit, mit der die Kommunisten das Evakuierungsprogramm selektiv ausführten. Schon weiter oben wurde erwähnt, wie nicht-ukrainische Bevölkerungsgruppen das Bild der Städte in der Ukraine vor dem Krieg geprägt hatten. Meldungen deutscher Stellen lassen erkennen, daß sich dieses Bild im Zuge der Evakuierung durch die Sowjets sehr geändert haben muß. In vielen Städten, wie z.B. Winniza, Dnjepropetrowsk, Kirowograd, Tschernigow, Cherson usw., stellten die Ukrainer nun schlagartig eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung dar und erreichten in einigen Fällen prozentuale Anteile von 80 % und darüber[84]. Mit anderen Worten, die Sowjets hatten ihre Evakuierungsaktionen auf ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgerichtet, nämlich Beamte, Funktionäre, gelernte Industriearbeiter und -angestellte, Handwerker und die sogenannte Intelligenz. Da die Ukrainer jedoch als politisch unzuverlässig galten, waren ihnen auch die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten nur beschränkt geöffnet worden. Die Konsequenz war, daß der Ukrainer, sofern er nicht in der Landwirtschaft tätig war, gewöhnlich die weniger anspruchsvollen Stellen inne hatte. Kurz, in dem verständlichen Verlangen, den aus ihrer Sicht wichtigsten Bevölkerungsteil den Deutschen vorzuenthalten und ihn für die eigenen Kriegsanstrengungen einzusetzen, evakuierten die Sowjets vor allem Russen und Juden.

Die deutlich höheren Evakuierungsziffern in den slawischen Landesteilen im Gegensatz zu den baltischen Ländern dürften daher kaum das Ergebnis einer längeren Vorbereitungszeit für die Evakuierung oder Verschleppung darstellen. Ausschlaggebend war vielmehr, ob die Stadtbevölkerung große Minderheiten aufwies, die gleichzeitig führend in Wirtschaft und Verwaltung tätig waren. Dieser Umstand trifft ganz eindeutig auf die ukrainischen und weißrussischen, im allgemeinen aber nicht auf die baltischen Städte zu. Es ist daher kein Zufall, daß die lettischen Städte Dünaburg und Rositten sehr große Evakuierungsziffern verzeichneten. In beiden Städten war die einheimische lettische Bevölkerung ausnahmsweise in der Minderzahl, während die russischen und jüdischen Minderheiten zusammen vor dem Krieg zwischen 40 % und 50 % der Stadtbevölkerung darstellten; die restliche städtische Bevölkerung Lettlands war dagegen überwiegend lettisch und nur zu 17 % russisch und jüdisch[85].

Auf Karte 1 ist der Frontverlauf per 1. Juli, 11. Juli und 20. August 1941 ersichtlich. Daraus geht hervor, welche sowjetischen Städte in den ersten zehn Tagen, im zweiten Zehntageabschnitt, in den darauf folgenden vierzig Tagen und nach dem 60. Kriegstag von den deutschen Truppen besetzt oder wenigstens eingeschlossen waren. Die Evakuierungsziffern wurden Tabelle 6 entnommen.

Vergleicht man diese vier Zeiträume mit den durchschnittlichen Evakuierungsziffern für die baltischen und slawischen Städte, dann ergibt sich eine bemerkenswerte Entwicklung (Tabelle 7). Insgesamt waren die in den ersten zehn Tagen von den deutschen Truppen eroberten weißrussischen und ukrainischen Städte mit ihrer großen jüdischen Bevölkerung noch gründlicher evakuiert worden als die weiter Östlich gelegenen slawischen Städte, die erst später, teilweise im September und Oktober, erobert wurden.

Tabelle 7: Sowjetische Evakuierung baltischer und slawischer Städte nach Zeiträumen


 

Evakuierung in Prozent

Zeitraum der deutschen Besetzung Baltische
Städte
Slawische
Städte

1.-10. Kriegstag (22.6.-1.7.1941) 29 % 60 %
11.-20. Kriegstag (2.7.-11.7.1941) 25 % 59 %
21.-60. Kriegstag (12.7.-20.8.1941) 21 % 55 %
Nach dem 60. Kriegstag (nach dem 20.8.1941) - 54 %

  26 % 57 %

Quelle: Karte 1 und Tabelle 6.

Die Tatsache, daß die Evakuierungsziffern der baltischen und slawischen Städte nicht etwa mit dem zeitlichen Ablauf anstiegen, sondern ganz im Gegenteil rückläufig waren, erlaubt folgende Rückschlüsse:

  1. Die Sowjets haben in der Tat mit der Evakuierung der grenznahen Städte schon vor Ausbruch der Feindseligkeiten begonnen. Diese Aktion wurde schon dadurch erleichtert, daß die westlichen sowjetischen Gebiete nicht sehr industrialisiert waren und die Stadtbevölkerung dementsprechend relativ gering war.
  2. Mit der Fortdauer deutscher Kriegserfolge und der Einbeziehung der Industriegebiete in den Kriegsschauplatz wurde es für die Sowjets offensichtlich immer schwieriger, neben den Massen der sich zurückziehenden Roten Armee und den zum Abtransport verladenen Maschinen auch die Zivilbevölkerung der Städte nach Osten zu verschleppen; der Prozentsatz der evakuierten Stadtbevölkerung fiel dadurch im Laufe des sich dahinziehenden Krieges.

Die Größe der Städte spielte bei der sowjetischen Verschleppungsaktion keine Rolle. Ganz gleich, ob es sich um Großstädte mit einer Einwohnerzahl von über einer viertel Million oder um Kleinstädte von unter 50.000 Menschen handelte, der Anteil der Verschleppten lag durchschnittlich bei etwa 50 %.


Anzahl der
Städte

Stadtgröße
(in 1.000)

Vorkriegs-
bevölkerung

Verschleppte
Personenzahl

Einwohner
Prozent


6

über 250'

3.150.500

1.744.539

55 %

21

50'-250'

2.744.696

1.238.862

45 %

64

unter 50'

658.900

299.679

45 %

(Anmerkung: Die geringere Verschleppungsziffer der kleineren Städte beruht auf der relativ großen Zahl kleiner baltischer Städte in dieser Gruppe.)

Es gibt also keine Anzeichen dafür, daß die Entfernung von der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie oder die Stadtgröße in einem direkten Zusammenhang mit dem Ausmaß der Verschleppung der Stadtbevölkerung nach Osten steht. Bevorzugt wurden bei der Deportation durch die Sowjets vor allem weißrussische und ukrainische Städte mit ihren großen, wirtschaftlich tonangebenden Minderheiten, den Russen und den Juden!

Entvö1kerte Ukraine

Die deutschen Besatzungsbehörden ließen teils sehr detaillierte Zählungen der zurückgebliebenen sowjetischen Bevölkerung durchführen. Leider ist der größte Teil dieser unschätzbaren Statistiken heute nicht mehr greifbar. Aber auch die dürftigen Überreste lassen noch das Ausmaß der sowjetischen Deportationsmaßnahmen erkennen. Unglücklicherweise fehlen bis jetzt noch immer präzise vergleichbare Vorkriegsziffern, die eine genaue Ermittlung der Deportationen zulassen.

Die unter deutscher Verwaltung im RK Ukraine lebende Bevölkerung umfaßte zum 1.1.1943 16,91 Millionen. Das Zentralblatt des Reichskommissars für die Ukraine legte diese Gesamtzahl auch noch nach Generalbezirken, Gebieten und Rayons offen[86]. Die sechs Generalbezirke wiesen im einzelnen folgende Einwohner- und Flächenzahlen aus:

Generalbezirk

Fläche in qkm

Einwohner


1. Wolhynien-Podolien

80.508

4.211.916

2. Schitomir

64.800

2.916.890

3. Kiew

71.790

4.455.927

4. Nikolajew

46.880

1.920.253

5. Dnjepropetrowsk

52.398

2.743.041

6. Krim (Teilbezirk Taurien)

22.900

661.981


RK Ukraine

339.276

16.910.008


Deutsche Schätzungen für die Vorkriegsbevölkerung beziehen sich entweder auf den Januar 1939 oder nennen nur ganz grobe Bandbreiten, innerhalb derer sich die wahrscheinliche Einwohnerzahl vor Kriegsausbruch befunden haben muß. Das Jahrbuch der Weltpolitik 1943, zum Beispiel, erwähnt 21,5 Millionen ohne das Datum, auf das sich diese Zahl bezieht, zu nennen[87]; aus dem Zusammenhang geht aber hervor, daß es sich offensichtlich um den Januar 1939 handeln muß, insofern »alt«-sowjetisches Gebiet betroffen ist, und um den Dezember 1931 für die ehemaligen ostpolnischen Gebiete des RK Ukraine. Addiert man dazu noch den bis Mitte 1941 eingetretenen natürlichen Bevölkerungszuwachs - vielleicht 1,2 Millionen -, dann betrug die Bevölkerung des nachmaligen RK Ukraine bei Ausbruch der deutsch-sowjetischen Kriegshandlungen über 22,5 Millionen; gefunden wurden von der deutschen Verwaltung aber weniger als 17 Millionen! Ein Viertel der Bevölkerung war also verschwunden.

Geheimakten des Wirtschaftsstabes Ost geben die Vorkriegsbevölkerung des RK Ukraine lediglich mit einer Bandbreite von 20-25 Millionen an und ein einigermaßen genauer Evakuierungsprozentsatz ist daher kaum zu ermitteln[88].

Die sowjetische Volkszählung von 1959 gab dankenswerterweise vergleichbare Statistiken aus dem Jahre 1939 bekannt[89]. Daraus geht hervor, daß in den dem RK Ukraine nicht angegliederten sowjetisch-ukrainischen Oblasten Anfang 1939 10,98 Millionen Menschen lebten und davon wiederum knapp 51 % in den Städten. In den im nachmaligen RK Ukraine zusammengefaßten Gebieten wohnten 1939 18,25 Millionen Menschen, von denen aber nur etwa 27 % der Stadtbevölkerung angehörten. Der von Rumänien verwaltete Oblast Odessa hatte 1939 2,07 Millionen Einwohner (davon 0,78 Millionen in den Städten). Das heißt, das nachmalige RK Ukraine umfaßte vor dem Krieg lediglich knapp 60 % der 31 Millionen starken Bevölkerung der »alten« SSR Ukraine; bei der Stadtbevölkerung waren es sogar noch weniger, nämlich etwas über 43 W Der industrielle Teil der »alten« SSR Ukraine blieb also außerhalb der zivilverwalteten RK Ukraine. Da die sowjetischen Evakuierungs- und Verschleppungsmaßnahmen hauptsächlich auf die Stadtbevölkerung konzentriert waren, wäre daher auch zu erwarten, daß der Anteil der Verschleppten im nachmaligen RK Ukraine unter dem allgemeinen Durchschnitt von etwa 30 % lag.

Von den 16,91 Millionen Einwohnern des RK Ukraine lebten einige Millionen im Gebiet der früheren polnischen Wojewodschaften Polesien und Wolhynien sowie der ehemaligen SSR Weißrußland. Glücklicherweise waren die deutschen Erhebungen detailliert genug, um die Bevölkerung dieser Gebiete ziemlich genau zu ermitteln. Auf die ehemaligen Wojewodschaften Polesien und Wolhynien entfielen 2,78 Millionen und auf die frühere SSR Weißrußland 0,48 Millionen. Von den 16,91 Millionen in Abzug gebracht, erhalten wir eine Bevölkerung von 13,65 Millionen in den im RK Ukraine zusammengefaßten »alt«-sowjetischen Gebieten. Vor dem Krieg lebten dort aber 18,25 Millionen[90]; kurz, etwa ein Viertel der ansässigen Bevölkerung war verschwunden.

Die Masse der ukrainischen Stadtbevölkerung befand sich vor dem Krieg jedoch in der später militärisch verwalteten Östlichen Ukraine. Da die Sowjets ihre Evakuierungsmaßnahmen auf die Städte konzentrierten und der Anteil der städtischen Bevölkerung in der Östlichen Ukraine über 50 % betrug, ist dort auch ein entsprechend größerer Teil der Bevölkerung mitgenommen worden als in der westlichen Ukraine. Es ist daher wahrscheinlich, daß fast jeder dritte Einwohner der »Alt«-SSR Ukraine verschwunden war als die Truppen der Achsenmächte das Land besetzten.

Da der Grad der Verstädterung von West nach Ost zunahm und die sowjetischen Maßnahmen sich stark auf die kriegswichtigen städtischen Einwohner konzentrierten, nahm der Anteil der Evakuierten bzw. Deportierten an der Gesamtbevölkerung nach Osten hin zu, obwohl die Evakuierungsziffern für die Städte leicht zurückgingen. Während also die westlichsten Gebiete insgesamt »nur« ein Sechstel ihrer Bevölkerung einbüßten, war es in der westlichen Ukraine schon ein Viertel und dürfte im hochindustrialisierten Donezbecken und in der Östlichen Ukraine bis zu 40 % erreicht haben.

Sowjetische Evakuierung der Zivilbevölkerung 1941 (81 KB)

Karte 1: Sowjetische Evakuierung der Zivilbevölkerung. Quelle: Tabelle 6 sowie Jacobsen, Hans-Adolf. Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab), Band 1: 1. August 1940-31. Dezember 1941, Frankfurt am Main, 1965.

Anteil der jüdischen Bevölkerung in den sowjetischen Städten der Vorkriegszeit (84 KB)

Karte 2: Anteil der jüdischen Bevölkerung in den sowjetischen Städten der Vorkriegszeit. Quelle: Tabelle 6 und Karte 1.


Anmerkungen

  1. Helmdach, Erich. Überfall? Der sowjetisch-deutsche Aufmarsch 1941, Neckargemünd, 1978, S. 31.
  2. Scott, John. Jenseits des Ural: Die Kraftquellen der Sowjetunion, Stockholm, 1944, S. 301-302.
  3. Helmdach, Überfall?, S. 10.
  4. ebd., S. 30.
  5. Irving, David. Hitler's War, New York, 1977, S. 238.
  6. ebd., S. 234.
  7. Helmdach, Überfall?, S. 30.
  8. Irving, Hitler's War, S. 236.
  9. Kauener Zeitung, «'Rote Professoren' wußten längst vom Krieg», Nr. 172, 25.7.1942, S. 5.
  10. Helmdach, Überfall?, S. 35.
  11. Irving, Hitler's War, S. 236.
  12. Helmdach, Überfall?, S. 35.
  13. Halder, Franz. Hitler als Feldherr, München, 1949, S. 36-37.
  14. Hoggan, David. Der Unnötige Krieg, Tübingen, 1977, S. 438 und 486
  15. Payne, Robert. Stalin: Macht und Tyrannei, München, 1981, S. 507 ff.
  16. Irving, Hitler's War, S. 235.
  17. Helmdach, Überfall?, S. 38.
  18. ebd., S. 75.
  19. Irving, Hitler's War, S. 237.
  20. Aschenauer, Rudolf. Krieg ohne Grenzen, Leoni, 1982, S, 115.
  21. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien 1941 (Geheim), Wien, 1943: Bessarabien und die Nord-Bukowina hatten 1930 eine Bevölkerung von 3,41 Millionen (S. 17); bei einem natürlichen Wachstum von schätzungsweise 1,5 % p.a. müßten es 19414,02 Millionen gewesen sein. Zieht man davon die 137.000 deutschen Umsiedler ab (S. 27), verbleiben noch 3,88 Millionen; gefunden wurden aber nur 3,22 Millionen (S. 17) - eine Abnahme von 20 %. Kischinew hatte vor dem Krieg etwa 140.000 Einwohner (1930: 114.896), die Rumänen fanden aber nur 52.962 wieder - eine Verringerung um 62 %; Tschernowitz mit etwa der gleichen Einwohnerzahl vor dem Krieg (1930: 112.437) hatte im August 1941 nur noch 78.825 Einwohner - ein Minus von 42 % (S. 70-73).
  22. Helmdach, Überfall?, S. 30.
  23. Irving, Hitler's War, S. 238-240.
  24. ebd., S. 265.
  25. Helmdach, Überfall?, S. 58.
  26. ebd., S. 99.
  27. ebd., S. 42.
  28. Krakauer Zeitung, «Die Sowjetflugplätze viel zu dicht belegt», Nr. 151, 1.7.1941, S. 2.
  29. -, «Entscheidung von weltgeschichtlichen Ausmaßen», Nr. 153, 3.7.1941, S. 1.
  30. Telpuchowski, Boris Semjonowitsch. Die sowjetische Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945, (Hrsg. Andreas Hillgruber und Hans-Adolf Jacobsen) Frankfurt am Main, 1961, S. 27E und 28E.
  31. Scott, Jenseits des Ural, S. 76, 79, 105, 304-305.
  32. ebd., S. 307 und 312.
  33. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 195.
  34. Telpuchowski, Die sowjetische Geschichte, S. 84.
  35. Reichswirtschaftsministerium. Die UdSSR Anfang 1942, (Datum unbekannt), Bundesarchiv Koblenz, Bestand R 24/817.
  36. Scott, Jenseits des Ural, S. 312-313.
  37. Telpuchowski, Die sowjetische Geschichte, S. 2813.
  38. Scott, Jenseits des Ural, S. 301 und 303.
  39. ebd., S. 310.
  40. Niederreiter, Wilhelm. «Verbrannte Erde - Sowjetischer Wirtschaftskrieg im Zweiten Weltkrieg», Deutschland in Geschichte und Gegenwart (Hrsg. Wigbert Grabert), Tübingen, 29. Jahrgang, Nr. 1, 1981, S. 20.
  41. Telpuchowski, Die sowjetische Geschichte, S. 81-83, 86.
  42. Die wirtschaftliche Verwaltung der besetzten sowjetischen Gebiete wurde vom sog. Wirtschaftsstab Ost wahrgenommen.
  43. Wirtschaftsstab Ost. Vierzehntagesbericht Wi Stab Ost (3.8.-16.8.1941), 30.8.1941, Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/ 11.
  44. -, Halbmonatsbericht Wi Stab Ost (1.-15.11.1941), 8.12.1941, Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/68.
  45. Scott, Jenseits des Ural, S. 262, 281, 301.
  46. Telpuchowski, Die sowjetische Geschichte, S. 82 und 88.
  47. Irving, Hitler's War, S. 272.
  48. Institute of Jewish Affairs. Hitler's Ten-Year War, S. 184.
  49. AJYB, 1947, Vol. 49, S. 395.
  50. Lorimer, Population of the Soviet Union, S, 138.
  51. Statistisches Reichsamt. Wirtschaft und Statistik, Berlin, 20. Jahrgang, Nr. 14, 2. Juli-Heft 1940, S. 290.
  52. Wirtschaft und Statistik gab für 1926 nur die Jahrgangsgruppen 1897/ 1906, 1907/1911, 1912/1918 an, für 1939 aber die Jahrgänge 1899/1908, 1909/1918. Um die Jahrgangsgruppierungen von 1926 an die von 1939 anzugleichen, wurden der Gruppe 1907/1911 drei durchschnittliche Jahrgänge in Abzug gebracht und der Gruppe 1909/1918 hinzuaddiert. Ähnlich wurde die Gruppe 1899/1908 für 1926 ermittelt.
  53. Die Summe entspricht nicht der Gesamtzahl der Volkszählungsziffer für 1939; die fehlende Million entfällt auf den äußersten Norden, wo die Zählung später abgeschlossen wurde.
  54. Normalerweise wäre bei dieser jungen Altersgruppe nur von einer Sterblichkeit von 1 % für einen 12-Jahreszeitraum auszugehen; um aber den schlechteren hygienischen und sozialen Umweltbedingungen der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre Rechnung zu tragen, wurde eine möglicherweise etwas zu hohe Sterblichkeitsziffer von 2 % zugrunde gelegt.
  55. Wirtschaft und Statistik, 2. Juli-Heft 1940, S. 288.
  56. AJYB, 1940, Vol 42, S. 602.
  57. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 194.
  58. ebd., S. 241 und 242.
  59. ebd., S. 194.
  60. Telpuchowski, Die sowjetische Geschichte, S. 78.
  61. Reichswirtschaftsministerium. Annähernde Angaben über die am 1. November 1942 besetzten Gebiete der UdSSR, (Datum unbekannt), Bundesarchiv Koblenz: Bestand R 24/804.
  62. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 194.
  63. Reichswirtschaftsministerium. Gebiet und Bevölkerung der UdSSR, (Datum unbekannt), Bundesarchiv Koblenz: Bestand R 24/804. Für die von der Sowjetunion in den Jahren 1939 und 1940 annektierten Gebiete (Baltikum, Ostpolen, Nord-Bukowina und Bessarabien) wird eine städtische Bevölkerung von 3,42 Million ausgewiesen. Um die Stadtbevölkerung vor Kriegsausbruch in den später deutsch besetzten sowjetischen Gebieten abzuschätzen, muß nicht nur die städtische Bevölkerung der von deutschen Truppen nicht vollständig besetzten Oblaste wie Stalingrad, Leningrad, Moskau und Tula Oblast zumindest teilweise hinzugerechnet werden, auch die seit der letzten Volkszählung weiterhin forcierten Industrialisierungs- und Kriegsvorbereitungsmaßnahmen dürften mindestens weitere zwei Millionen in die Städte getrieben haben.
  64. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 195-197.
  65. Reitlinger, Final Solution, S. 228.
  66. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 184.
  67. Wirtschaft und Statistik, 2. Juli-Heft 1940, S. 290.
  68. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 196, 250-252.
  69. Reitlinger, Final Solution, S. 228.
  70. Rachner, Dr. «Der Arbeitseinsatz in den neu besetzten Ostgebieten», Reichsarbeitsblatt (Hrsg. Reichsarbeitsministerium), Berlin, 22. Jahrgang, Nr. 7, 5. März 1942, S. V 131.
  71. Brief vom 10. Februar 1942 des Oberkommandos des Heeres, GenStdHiAttach~abteilung, an den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, z.Hd. Herrn Reg.Rat Disch, Berlin; Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/134.
  72. Wirtschaftsstab Ost (Krüger, Chefgruppe W, Statistik). Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten, Berlin, 17.2.1943, Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/260.
  73. Die rumänische Volkszählung von 1930 ermittelte für Bessarabien eine Gesamtbevölkerung von 2.864.402. Das natürliche Wachstum dieser überwiegend bäuerlichen Bevölkerung war mindestens 1,2 % jährlich. Das heißt, bis Mitte 1941 hätte sie sich um über 380.000 auf mindestens 3.245.000 vermehren müssen. Die rumänische Zählung vom August 1941, wenige Wochen nach der Rückeroberung dieses Gebietes vom sowjetischen Joch, fand nur 2.733.565 Einwohner vor (Publikationsstelle Wien, Die Bevölkerungszählung in Rumänien, S. 51); mehr als eine halbe Million Personen, einschließlich fast der gesamten jüdischen Bevölkerung, war verschwunden. Das ist ein Verlust von 15 %.
  74. Deutsche Zeitung im Ostland, «Die wehrwirtschaftlichen Verluste der Sowjetunion», Nr. 14, 14.1.1943, S. 6.
  75. Perspektiven zur Verpflegungsversorgung der Ud.S.S.R. im Winterfeldzug 1942143, (Datum unbekannt), Chef d.Vers.d.200.Schtz.Div. der 5. Armee, Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/232.
  76. WHO'S WHO in America, Chicago, Vol. 27, 1952-1953, S. 403.
  77. Grajdanzev, Andrew. «Asiatic Russia's War Potential», Far Eastern Survey, New York, Vol. X, Nr. 22, 17.11.1941, S. 25.
  78. Dallin, Alexander. German Rule in Russia, 1941-1945, London, 1957, S. 365.
  79. New York Times (The), 29. September 1942, S. 1.
  80. Baltimore Sun (The). «Willkie Urges Second Front At First Possible Moment» (Ein Associated Press Bericht), 27. September 1942, S. 1; siehe auch New York Times (The), «Willkie's Statement About Russia's Needs», 27. September 1942, S. 3.
  81. Rachner, Reichsarbeitsblatt, 5.3.1942, S. V 131 - V 132.
  82. Deutsche Ukraine-Zeitung, «Ukraine auf dem Weg nach Europa», 22.2.1942, S. 3.
  83. Scott, Jenseits des Ural, S. 63.
  84. Deutsche Ukraine-Zeitung, 15.2.1942, S, 3; 25.2.42, S. 3; 29.3.42, S. 3; 17.5.42, S. 3; 10.7.42, S. 3.
  85. Publikationsstelle Berlin-Dahlem. Bevölkerungsstatistik Lettlands (Hrsg. Job. Papritz und Wolfgang Kohte), Berlin, 1942, S. 10/11, 42/ 43,46/47.
  86. Zentralblatt des Reichskommissars für die Ukraine, Rowno, Nr. 2, 2. Jahrgang, 9.1.1943, S. 8-20, Bundesarchiv Koblenz: R 43 II/690c.
  87. von Mende, Gerhard. «Die besetzten Ostgebiete», Jahrbuch der Weltpolitik 1943, Berlin (Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut), 1943, S. 231.
  88. Wirtschaftsstab Ost (Krüger, Chefgruppe W, Statistik). Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten, Berlin, 17.2.1943, Militärarchiv Freiburg, Bestand RW 31/260.
  89. Central'noe Statisticeskoe Upravlenie pri Sovete Ministrow SSSR, Itogi Wsesojuznoi Perepmzi Nazelenija 1959goda - Ukrainskaja SSR, Moskau, 1963, S. 12-17.
  90. In der Zahl von 18,25 Millionen ist der Oblast Winniza mit einer Bevölkerung von 2,28 Millionen enthalten. Teilweise erstreckte sich der Oblast Winniza jedoch auch auf das Gebiet westlich des Bug, das im 2. Weltkrieg unter rumänischer Verwaltung stand (nördliches Transnistrien). Es ist daher wahrscheinlich, daß ungefähr ein Drittel der Bevölkerung des Oblast Winniza dem rumänischen Transnistrien und nicht dem RK Ukraine zuzurechnen ist. Andererseits muß für die 2'/2 Jahre bis Mitte 1941 ein natürlicher Bevölkerungszuwachs von 4-5 % angesetzt werden. Beide Korrekturen ergeben etwa eine Zahl von, 750.000 und heben sich daher gegenseitig auf.

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