ZWEITES KAPITEL
Sowjetisches Judentum

Die Teilung des polnischen Judentums

Zu klären bliebe noch die Aufteilung der o.a. 2.633.000 polnischen Juden auf die Gebiete, die nach der Niederlage Polens an das Deutsche Reich angegliedert, im General-Gouvernement Polen zusammengefaßt oder von der Sowjetunion besetzt wurden. Der Universal zufolge errechnete ein deutscher Statistiker unter Verwendung der polnischen Volkszählung vom 9. Dezember 1931 nachstehende Aufteilung der jüdischen Bevölkerung auf die drei genannten Gebiete[1]:

Deutschland angegliederte Gebiete

632.000

( 20,3 %)

General-Gouvernement Polen

1.269.000

( 40,8 %)


Insgesamt unter deutscher Verwaltung

1.901.000

( 61,0 %)

Von der Sowjetunion annektiert

1.212.900

( 39,0 %)


Ehemalige polnische Juden (1931)

3.113.900

(100,0 %)


Während die polnische Volkszählung von 1931 zeigt, daß sich die natürliche Bevölkerungsbewegung der ostpolnischen jüdischen Bevölkerung kaum vom Durchschnitt der gesamten jüdischen Bevölkerung in Polen unterschied, ist nicht bekannt, ob danach eine Änderung eintrat - was aber unwahrscheinlich ist - und ob sich die Auswanderungsströme in den o.a. drei Gebieten während der 30er Jahre ähnelten. Man muß deshalb von der Annahme ausgehen, daß alle drei Gebiete, jedenfalls was die jüdische Bevölkerung betrifft, zwischen 1932 und 1939 dieselbe Entwicklung durchmachten.

Wie schon im ersten Kapitel erwähnt, hat sich die Zahl der polnischen Juden von Ende 1931 bis September 1939 von 3.113.900 auf 2.633.000, d.h. um 15,4 %, reduziert. Auf der Basis dieses prozentualen Rückgangs errechnet sich für die drei genannten Gebiete folgende jüdische Bevölkerung:

Deutschland angegliederte Gebiete

534.000

( 20,3 %)

General-Gouvernement Polen

1.073.000

( 40,8 %)


Insgesamt unter deutscher Verwaltung

1.607.000

( 61,0 %)

Von der Sowjetunion annektiert

1.026.000

( 39,0 %)


Ehemalige polnische Juden (1939)

2.633.000

(100,0 %)


Als sich schon kurz nach der Eröffnung der Feindseligkeiten eine Niederlage Polens abzeichnete, warteten viele polnische Juden gar nicht erst das Kommen der Deutschen ab; sie flüchteten in Scharen in die ostpolnischen Gebiete, - die dann in der zweiten Septemberhälfte von der Sowjetunion besetzt und annektiert wurden - zum geringeren Teil auch nach Rumänien. Zu dieser Flucht äußerte sich der lettische Vertreter beim Jüdischen Weltkongreß und Oberrabbi von Lettland, Mordecai Nurok, am 28. März 1946 auf einer Pressekonferenz in New York: »Es muß ausdrücklich betont werden, daß mehrere Hunderttausend polnische und andere Juden in der UdSSR den rettenden Hafen vor den Nazis fanden«[2].

Die Flucht aus dem deutschen Machtbereich wurde schon dadurch erleichtert, daß die Sowjets ursprünglich im Zuge der deutsch-sowjetischen Teilung des polnischen Staatsgebietes auch das Gebiet zwischen Weichsel und Bug besetzt hatten, wodurch es vielen jüdischen Einwohnern des zerbrechenden polnischen Staates gelang, aus den naheliegenden Großstädten (Warschau, Lodsch, usw.) die sowjetische Besatzungszone zu erreichen. Als die Sowjets das Gebiet zwischen Weichsel und Bug ungefähr eine Woche später unter Mitnahme fast des gesamten Viehbestandes wieder verließen[3], gingen die jüdischen Flüchtlinge zusammen mit vielen der dort lebenden Juden mit der Roten Armee über den Bug zurück. Als Beispiel dafür mag das Städtchen Tomaszow Lubelski dienen, wo sich der Encyclopaedia Judaica (Judaica) zufolge 75 % der dort lebenden 6.000 Juden der Roten Armee anschlossen, bevor diese sich hinter die vereinbarte Demarkationslinie zurückzog[4]. Nach offiziellen deutschen Berechnungen sollen in dem von den Sowjets zwischen Weichsel und Bug geräumten Gebiet zum Zeitpunkt der polnischen Volkszählung von 1931 386.600 Juden gelebt haben. Wenn die dortigen Juden in den Jahren vor Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges ebenfalls 15 % ihrer Bevölkerung durch Auswanderung verloren haben, waren zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung nach dem 17.9.1939 immer noch 330.000 Juden anwesend. Es ist unbekannt, wieviele Juden sich den Sowjets bei deren Rückzug über den Bug nach dem 28.9.1939 angeschlossen haben. Die von vielen bezeugte Massenflucht polnischer Juden nach Osten und das Beispiel Tomaszow Lubelski dürften jedoch vermuten lassen, daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung jenes Gebiet zwischen Weichsel- und Bug zusammen mit der Roten Armee verlassen hat. In der Diskussion über die Zahl der in den sowjetischen Machtbereich geflohenen Juden wird diese Episode fast vollkommen übergangen, obwohl doch gerade diese mehr als 300.000 Juden die beste Gelegenheit hatten, den Deutschen zu entkommen[5].

Unter den jüdischen Flüchtlingen nach Osten befand sich auch der 26jährige Menachem Begin; 1913 in Brest-Litowsk geboren, studierte der nachmalige israelische Premierminister an der Universität Warschau, wo er bis 1939 die Betar Zionistische Jugendbewegung Polens leitete[6].

Im Eichmann-»Prozeß« in Jerusalem sagten die polnischen Juden Zwi Patscher und Yakov Goldfine aus, die Deutschen hätten polnische Juden in riesigen Viererkolonnen auf den sowjetischen Teil des besetzten Polen getrieben[7]. Ähnlich berichtet die Judaica: »Bei Kriegsausbruch im September plünderten die Polen die [jüdischen] Geschäfte und mißhandelten die Juden. ... die Deutschen deportierten die Juden [im September 1939] jenseits des San in die Gebiete unter sowjetischer Kontrolle. ... Dort litten die vertriebenen Juden sehr große wirtschaftliche Not. Im Sommer 1940 wurden viele von ihnen in das Innere der Sowjetunion deportiert«[8].

Wie groß die Zahl jener polnischen Juden war, die in den von den Sowjets besetzten Teil des früheren polnischen Staatsgebietes flüchteten oder getrieben wurden und sich innerhalb Jahresfrist in sibirischen Arbeits- und Konzentrationslagern wiederfanden, ist bis heute nicht völlig geklärt. Sicher ist jedoch, die ostpolnischen Städte, die ohnehin schon einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil hatten, mußten ungezählte Massen fliehender Juden aufnehmen. Eine Verdoppelung der jüdischen Bevölkerung war in vielen ostpolnischen Städten und Orten nicht ungewöhnlich. Die Judaica kommt immer wieder auf diese Flüchtlingsbewegung zu sprechen. Von Wladimir-Volynsk heißt es: »Tausende von Juden suchten in der Stadt Unterschlupf, so daß die jüdische Einwohnerzahl auf 25.000 anstieg [1931: 10.665 oder 44 % der Bevölkerung]. ... Im Sommer 1940 wurden viele zionistische Führer und Flüchtlinge ins Innere der Sowjetunion verbannt«[9]. Luzk: »Viele Flüchtlinge, die vom Nazi-besetzten westlichen Polen nach Luzk geflohen waren, wurden ins sowjetische Landesinnere deportiert«[10].

Pinsk: »Eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge vom westlichen Polen suchte in Pinsk Schutz; sie wurden aber 1940 ins Landesinnere der Sowjetunion verschleppt«[11]. Rowno: »In Rowno fanden viele jüdische Flüchtlinge vom westlichen Teil Polens Unterschlupf«[12].

Nach dem Krieg fanden am 22. und 23. September 1954 vor einem Untersuchungsausschuß (Select Committee on Communist Aggression) des amerikanischen Repräsentantenhauses Anhörungen statt, bei denen Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen zum Thema der Judenverfolgungen durch die Sowjets unter Eid Stellung nahmen. Ein gewisser Herschel Weinrauch, früher stellvertretender Redakteur der Sowjetzeitung Der Stern, erklärte, er sei nach der sowjetischen Besetzung im Jahre 1939 in der Zivilverwaltung von Bialystok tätig gewesen. Er sagte aus, die Sowjets hätten im Frühjahr 1940 alle Juden, die aus den von den Deutschen besetzten Teilen Polens nach Ostpolen geflohen waren, vor die Wahl gestellt, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen oder in den von Deutschland besetzten Teil Polens zurückzukehren.

Auf Grund der barbarischen Behandlung durch die sowjetischen Machthaber seit ihrer Ankunft hatten sich diese Juden aus dem westlichen Teil Polens überwiegend für eine Rückkehr entschieden. Kurz danach ließ die Sowjetregierung alle, die ins deutsch besetzte polnische Gebiet zurückkehren wollten, verhaften und nach Sibirien verfrachten. In Bialystok allein wurden 50-60.000 jüdische Flüchtlinge verhaftet. Insgesamt haben die Sowjets 1940 ungefähr 1.000.000 jüdische Flüchtlinge aus dem westlichen Polen nach Sibirien verschleppt[13].

Ein anderer Zeuge, Bronislaw Teichholz, von 1945 bis 1952 Vorsitzender des International Committee for Jewish Refugees from Concentration Camps, bestätigte die Aussagen von Weinrauch. Er war damals in Lemberg beschäftigt, wo sich ungefähr 50.000 jüdische Flüchtlinge für eine Rückkehr entschieden hatten; alle 50.000 wurden von den Sowjets deportiert, indem diese 70 bis 80 Personen in die Eisenbahnwaggons pferchten und in Richtung Sibirien in Bewegung setzten[14].

Ein dritter Zeuge, Adolph Held, Vorsitzender des Jewish Labor Committee, war wegen eines Todesfalles in der Familie verhindert und ließ seine eidesstattliche Erklärung durch den stellvertretenden Vorsitzenden, Jacob T. Zukerman, vortragen. Auch dieser Zeuge bestätigte, daß bis zu 1.000.000 jü dische Flüchtlinge nach Rußland entkommen waren[15]. Ein weiterer Zeuge, Henry Edward Schultz, Vorsitzender der B'nai B'rith Anti-Defamation League, bezifferte die Zahl der von Stalin in sibirische Arbeitslager verschickten jüdischen Flüchtlinge aus Westpolen auf 600.000; 450.000 von ihnen verschwanden ohne jede Spur[16].

Auch die polnische Exil-Regierung in London erklärte, die Sowjets hätten im Frühjahr 1940 600.000 jüdische Flüchtlinge aus dem westlichen Polen deportiert. Der jüdische Statistiker J. Kulischer behauptete, Stalin habe 530.000 - 500.000 aus Ostpolen und 30.000 aus den baltischen Ländern - »evakuiert«[17]. Andere jüdische Quellen kommen wiederum zu noch niedrigeren Zahlen.

Rabbi Aaron Pechenick beschrieb diese sowjetische Massendeportation 1943 in Zionism and Judaism in Soviet Russia (New York): »In zwei Tagen und zwei Nächten wurden fast eine Million Juden unter den fürchterlichsten Bedingungen in Viehwagen gepfercht und nach Sibirien und dem Ural deportiert. Die strapazenreiche Reise dauerte vier bis sechs Wochen. Am Bestimmungsort angekommen, konnten sie sich nach langen Arbeitstagen in den Wäldern nur mit Brot und Wasser am Leben halten«[18].

Die Universal meldete, das Joint Distribution Committee - eine große internationale jüdische Flüchtlings- und Hilfsorganisation - habe Anfang 1942 600. 000 polnische Juden im asiatischen Rußland betreut[19]. Wenn aber 600.000 dieser jüdischen Flüchtlinge tatsächlich im sowjetischen Asien im Jahre 1942 anwesend waren, dann müssen bedeutend mehr von ihnen die »Reise« nach Sibirien, die voller Entbehrungen und Strapazen war, angetreten haben. Hierzu berichtet das Joint Distribution Committee in seinem Bericht vom Juni 1943: »Ein Fünftel bis ein Drittel der Flüchtlinge starben ... Wer die abertausende Gräber, meistens von Kindern nicht gesehen hat, kann sich dies nicht vorstellen«[20]. Dies bedeutet also, daß zwischen 750.000 und 900.000 Flüchtlinge aus Westpolen in der Sowjetunion waren, von den Sowjets verhaftet und nach Sibirien verschickt wurden! Wie berichtet wird, sollen dort aber nur 600.000 angekommen sein, bzw. den unmenschlichen Transport überlebt haben.

Zu diesen deportierten Unglücklichen gehörte auch Menachem Begin. Kurze Zeit nach seiner Ankunft im sowjetisch besetzten Ostpolen verhaftete die sowjetische Geheimpolizei auch ihn und steckte ihn in ein sibirisches Konzentrationslager. Nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges (22.6.1941) trat er in die von den Sowjets aufgestellte polnische Armee ein, die dann 1942 über Persien die Sowjetunion verließ. Noch im gleichen Jahr findet man den ehemaligen sowjetischen KZ-Häftling und späteren Frie densnobelpreisträger als Oberkommandierenden der berüchtigten Terroristenbande IRGUN in Palästina[21].

Das Ausmaß der jüdischen Flucht vor den deutschen Armeen ist nicht überraschend. Die seit Jahren betriebene zionistische antideutsche Propaganda, die polnische Hetzkampagne und die dadurch ins Unermeßliche gesteigerte Angst vor den Deutschen ist wohl die beste Erklärung für die unter den polnischen Juden und Nicht-Juden ausgebrochene Panik. Ähnliches wiederholte sich nämlich im Mai 1940, als 11/2 bis 2 Millionen Belgier in kopfloser Flucht vor

den deutschen Armeen in Frankreich Zuflucht suchten, wo sie bitterstes Elend litten; Mitte August 1940 warteten noch immer 1 Million Belgier auf den Rücktransport[22].

Wenn man berücksichtigt, daß bis zu einem Viertel dieses 8-Millionen-Völkchens von dieser Panik ergriffen wurde, obwohl doch von einer Belgierfeindlichkeit der deutschen Regierung wahrhaftig nicht gesprochen werden konnte, dann ist das Ausmaß der polnisch-jüdischen Flucht nach Osten durchaus erklärlich. Dazu kommt, daß die polnischen Juden auch zeitmäßig und geographisch in einer viel besseren Lage waren nach Osten zu entkommen als die Belgier nach dem Süden Frankreichs, denn im Westfeldzug hatten Guderians Panzerdivisionen praktisch schon nach einer Woche den Fluchtweg aus Belgien durchschnitten.

Wenn man sich mangels weiterer Beweise auf die Mindestzahl einigt, dann sind 750.000 westpolnische Juden in den sowjetischen Teil des besetzten Polen geflohen. Damit aber würde sich die Aufgliederung zwischen den deutschen und sowjetischen Besatzungszonen Polens in bezug auf die jüdische Bevölkerung wie folgt verschieben:

Unter deutscher Verwaltung

857.000

( 32,5 %)

Unter sowjetischer Verwaltung

1.776.000

( 67,5 %)


Ehemalige polnische Juden (Ende 1939)

2.633.000

(100,0 %)


Aber nicht nur die Sowjetunion, auch Rumänien, insbesondere die rumänischen Provinzen Bukowina und Bessarabien, waren Zufluchtsziele der geängstigten jüdischen Massen Polens. Wie noch im 6. Kapitel gezeigt wird, muß es sich hierbei um mindestens 100.000 Juden gehandelt haben. Die Aufteilung der jüdischen Bevölkerung des früheren Polen nimmt also folgende Gestalt an:

Unter deutscher Verwaltung

757.000

(28,8 %)

Unter sowjetischer Verwaltung

1.776.000

(67,5 %)

Nach Rumänien geflüchtet

100.000

(3,8 %)


Ehemalige polnische Juden (Ende 1939)

2.633.000

(100,0 %)


Diese aus bundesdeutschen, zionistischen, polnischen und amerikanischen Quellen stammenden Ziffern zeigen unmißverständlich, daß bei der Besetzung Polens durch e deutsche Wehrmacht und die Rote Armee kaum mehr als 757.000 Juden unter deutsche Verwaltung gekommen sein können.

Die Wirklichkeitsnähe dieser Zahl wird außerdem durch die Mitteilung des Joint Distribution Committee unterstrichen, wonach das Committee zu jener Zeit mit deutscher Duldung ununterbrochen in Polen tätig war und dort im September 1940 630.000 Personen in über 400 Städten und Dörfern täglich mit Lebensmitteln, Arzneimitteln, Kleidung usw. versorgte[23]. Viel mehr Juden hat es eben damals im deutsch besetzten Polen nicht gegeben!

Was sagen deutsche Quellen über die Zahl der in deutscher Hand befindlichen polnischen Juden? Die Antwort ist leider: Nichts. Es ist zwar richtig, daß deutscherseits von Millionen Juden im besetzten polnischen Gebiet gesprochen wurde; dies aber waren keine Zählungen, nicht einmal Schätzungen. Man ging einfach von den Statistiken der letzten polnischen Volkszählung von 1931 aus und addierte eine gewisse Anzahl, um dem natürlichen Wachstum Rechnung zu tragen. Die Juden unterstanden in den Gettos einer Art Selbstverwaltung und wurden von den deutschen Behörden niemals gezählt.

Daher konnte es geschehen, daß die Krakauer Zeitung, zum Beispiel, Mitte 1940 von 1,4 Millionen Juden im General-Gouvernement sprach[24]. Bei näherem Hinsehen entsprechen diese Zahlen fast haargenau der polnischen Volkszählung von 1931 für das Gebiet des späteren General-Gouvernements plus 10 % Bevölkerungswachstum. Die riesige Auswanderung vor dem Krieg und die selbst von den Zionisten zugegebene Massenflucht polnischer Juden auf sowjetisch besetztes Gebiet fand keinerlei Berücksichtigung.

Als dann nach dem 22.6.1941 das bis dahin sowjetisch besetzte, ehemals polnische Galizien dem General-Gouvernement angegliedert wurde, schnellten deutsche Angaben über die jüdische Bevölkerung des vergrößerten Nebenlandes auf 2 Millionen[25]. Die Differenz von 600.000 entspricht ebenfalls den laut Volkszählung von 1931 in jenem Gebiet lebenden 545.000 Juden plus 10 % Zuwachs[26]. Auch hier fand die von deutschen und zionistischen Quellen bekundete sowjetische Massenevakuierung der Stadtbevölkerung keine Beachtung.

Dies ist nicht weiter verwunderlich. Aus propagandistischen Gründen hatte die deutsche Seite ein Interesse daran, die »jüdische Gefahr« möglichst groß herauszustellen. Beispiele dafür gibt es genug. So wurde die jüdische Bevölkerung Rumäniens von deutscher Seite mit 1,5 bis 2 Millionen angegeben[27], obgleich die rumänische Volkszählung nur eine dreiviertel Million fand und selbst höchste zionistische Schätzungen nie über 900.000 kamen. Für Frankreich, das nach zionistischen Angaben etwa 300.000 Juden hatte, wurden von deutscher Seite 1,2 Millionen angegeben[28]. Alle diese deutschen Statistiken über die jüdische Bevölkerung in anderen europäischen Ländern - Frankreich, Rumänien oder General-Gouvernement - sind ganz offensichtlich übertrieben; in Wahrheit war die jüdische Bevölkerungszahl weniger als halb so groß.

Was geschah mit diesen 757.000 Juden? Ende Juni 1946 als die Option für die Rückkehr aus der Sowjetunion ausgelaufen war, wurden 240.489 registrierte jüdische Überlebende in Polen ermittelt. Die Option für die Rückkehr aus der Sowjetunion hatten 157.420 jüdische Flüchtlinge, die 1939 mit vielen anderen Hunderttausenden in die Sowjetunion geflohen waren, in Anspruch nehmen können und waren nach Polen zurückgekehrt. Mit anderen Worten, die Primärquelle, von der diese Zahlen stammen, das Zentralkomitee der Juden in Polen - eine kommunistische Organisation - will uns glauben machen, daß lediglich 83.069 Juden Westpolens (d.h. 240.489 minus 157.420) den Zweiten Weltkrieg unter den Deutschen überlebten[29]. Aber wie gesagt, auch wenn diese Zahlen stimmen würden, sie betreffen nur registrierte Juden. Wieviele während des Krieges »untergetauchte« oder zwischen Kriegsende und Juni 1946 nach Westen geflohene oder gewanderte Juden wurden aber niemals registriert?

Zwischen dem angegebenen Stichtag (Ende Juni 1946) und dem Ende des Krieges sind vierzehn Monate vergangen, und innerhalb dieses Zeitraums können Hunderttausende ausgewandert oder regelrecht evakuiert worden sein; darauf wird später noch zurückgegriffen. Aber nehmen wir einmal an, alle westpolnischen Juden hätten den Krieg unter deutscher Verwaltung überlebt, würde eine kommunistische polnische Regierung dies zugeben, nachdem ihre »Protektions«-Macht, die Sowjetunion, doch schon im Nürnberger »Kriegsverbrecher«-Prozeß behauptet hatte, die Deutschen hätten fast alle polnischen Juden umgebracht?

Wenn also 757.000 polnische Juden unter deutsche Verwaltung kamen, »offiziell« im Juni 1946 nur noch 83.069 gefunden wurden, dann ergibt dies eine Differenz von 674.000 - zumindest statistisch - vermißten polnischen Juden.

Jüdische Neuankömmlinge im sowjetischen Imperium

Halten wir also fest: 1,8 Millionen Juden des früheren Polen befanden sich über Nacht im sowjetischen Machtbereich; davon verblieb vorerst eine Million als sowjetische Staatsbürger im früheren Ostpolen, und eine dreiviertel Million polnisch-jüdische Flüchtlinge, die sich nicht einbürgern lassen wollten, wurden in unmenschlichster Weise in sibirische Arbeits- und Konzentrationslager verschleppt. Allein die in dieser Aktion zu beklagenden Verluste erreichten - nach zionistischen Angaben - bis zu 300.000, mindestens aber 150.000!

Doch sollten im darauffolgenden Jahr 1940 weitere jüdische Bevölkerungsmassen im sowjetischen Raum verschwinden, als die baltischen Länder und Teile Rumäniens einverleibt wurden. Für die baltischen Länder ergaben die letzten Volkszählungen folgende jüdische Minderheiten[30]:

Litauen (1923)

155.125

Estland (1934)

4.302

Lettland (1935)

93.479


Baltikum insgesamt

252.906


Wie das schon oben erwähnte Münchner Institut für Zeitgeschichte feststellte, hatten auch die baltischen Länder in der Vorkriegszeit eine beträchtliche jüdische Auswanderung zu verzeichnen. Im Falle Litauens geht die letzte offizielle Zählung jedoch auf das Jahr 1923 zurück, so daß hier auch noch die Auswanderung in den 20er Jahren zu berücksichtigen ist. Auch wenn man für diese drei Länder eine geringere Auswanderung als im Falle Polens unterstellt, so muß man doch davon ausgehen, daß die oben erwähnte Gesamtzahl von 252.906 - insbesondere wenn dem viel längeren Zeitraum im Falle Litauens Rechnung

getragen wird - sich um mindestens 10 % ermäßigt hat. Die große Auswanderung und geringe Geburtenfreudigkeit vor dem Krieg lassen wahrscheinlich nicht zu, daß die Sowjets 1940 mehr als 225.000 neue baltisch-jüdische Sowjetbürger in ihre Hand bekamen.

Wie noch im 6. Kapitel erläutert wird, lebten im Jahre 1940, als die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina annektierte, 225.000 einheimische Juden in diesen beiden Regionen. Außerdem befanden sich zum Zeitpunkt des sowjetischen Landraubs bis zu 100.000 polnisch-jüdische Flüchtlinge in Rumänien. Es ist ungewiß, wieviele dieser im September 1939 vor dem deutschen Heer geflohenen polnisch-jüdischen Flüchtlinge sich zur Zeit der sowjetischen Besetzung in der Nord-Bukowina und in Bessarabien aufhielten. Jedenfalls behaupten jüdische Quellen, daß 65.000 Juden - die meisten anscheinend polnischen Ursprungs - zum Zeitpunkt der sowjetischen Annektion vom rumänischen auf sowjetisch besetztes Gebiet überwechselten[31] . Außerdem spricht vieles dafür - davon mehr im 6. Kapitel -, daß sich in dem an Ungarn abgetretenen Nord-Siebenbürgen ca. 9.000 jüdische Flüchtlinge aus Polen aufhielten. Damit scheinen den Sowjets neben den einheimischen 225.000 rumänischen Juden auch noch mindestens weitere 91.000 jüdische Flüchtlinge aus Polen in die Hand gefallen zu sein.

Bis Juni 1941 kamen demnach durch territoriale Expansion insgesamt 2.317.000 Juden in Stalins Gewalt:

Polnische Juden:

   in Ostpolen und Baltikum

1.776.000

 

   in Rumänien

91.000


1.867.000

Baltische Juden

 

225.000

Rumänische Juden

 

225.000


Von der UdSSR vereinnahmte Juden 1939/1940

 

2.317.000


Vor dem Monat September des Jahres 1939 lebten weniger als 20 % (ca. 3 Millionen) der ungefähr 16 Millionen starken jüdischen Weltbevölkerung in der Sowjetunion. Die Konsequenz des kurzen deutsch-polnischen Krieges war, daß sich nunmehr ein Drittel des Weltjudentums innerhalb der Grenzen der Sowjetunion befand. Der osteuropäischen nicht-sowjetischen jüdischen Bevölkerung, die schon in dem vorangegangenen Jahrzehnt laufend Verluste durch Auswanderung, aber auch durch Geburtendefizite und Konfessionsänderungen, erlitt, wurde mit der Einverleibung von 2,3 Millionen Menschen jüdischen Volkstums durch die Sowjetunion ein Schlag versetzt, von dem sie sich nie wieder erholen sollte.

Jüdische Bevölkerungsentwicklung in der Sowjetunion

Die sowjetische Volkszählung vom 17. Dezember 1926 ermittelte 2.680.181 Juden[32]. Zwölf Jahre später ergab die Volkszählung vom 17. Januar 1939 eine Bevölkerungszahl von 3.020.141, eine augenscheinliche Zunahme um 340.000 Personen[33]. Dies würde einem natürlichen Zuwachs von 1 % pro Jahr entsprechen; gegen eine solche Deutung des Unterschiedes zwischen den beiden Volkszählungsergebnissen sprechen jedoch einige gewichtige Argumente.

In einem im Auftrage des Völkerbundes im Jahre 1946 veröffentlichten Werk The Population of the Soviet Union: History and Prospects stellte der amerikanische Gelehrte und Professor an der Princeton Universität, Dr. Frank Lorimer, maßgebliche Unterschiede in den Erfassungsmethoden, die von den Sowjets bei den Volkszählungen von 1926 und 1939 angewandt wurden, heraus. Der bei der Volkszählung vom 17.12.1926 verwandte Begriff »Narodnost« (Volkszugehörigkeit, Völkerschaft) ist mehr auf den ethnographischen Tatbestand der Stammeszugehörigkeit gerichtet als der Begriff »Nationalnost« (Nationalität) der Zählung vom 17.1.1939. Die Folge davon war eine mit der Wirklichkeit nicht zu vereinbarende Veränderung in dem zahlenmäßigen Bestand einiger sowjetischer Völkergruppen[34].

Sowjetische Volkszählungen


Nationalität

1926

1939

Veränderungen


Russen

77.791.124

99.019.929

+21.228.805

(+27,3 %)

Ukrainer

31.194.976

28.070.404

- 3.124.572

(-10,0 %)

Weißrussen

4.738.923

5.267.431

+528.508

(+11,2 %)

Juden[35]

2.680.181

3.020.141

+339.960

(+12,7 %)

Deutsche

1.246.540

1.423.534

+176.994

(+14,2 %)

Sonstige

29.376.171

33.665.747

+ 4.289.576

(+14,6 %)


Insgesamt

147.027.915

170.467.186

+23.439.271

(+15,9 %)


Bei dieser Gegenüberstellung der beiden Volkszählungen fallen drei Entwicklungen ins Auge:

  1. Die Russen, mit knapp 53 % der Gesamtbevölkerung (1926), stellten über 90 % der Bevölkerungszunahme der Sowjetunion zwischen 1926 und 1939 dar!
  2. Das bäuerliche Volk der Ukrainer verringerte sich um 10 %!
  3. Die verstädterten Juden vermehrten sich mit einem Tempo, das sogar die Zuwachsziffer der kinderreichen Weißrussen übertraf und beinahe die der ländlichen deutschen Bevölkerung in der UdSSR erreichte!

Ein Vergleich der jüdischen Bevölkerungszahlen in der Sowjetunion von 1926 mit denen von 1939 führt somit zu falschen Schlußfolgerungen bezüglich der Geburtenfreudigkeit dieser Minderheit. Um der natürlichen Fruchtbarkeit der einzelnen Bevölkerungsgruppen auf die Spur zu kommen, untersuchte Professor Lorimer das sog. »Kind/Frau-Verhältnis«, d.h. die Zahl der Kinder im Alter von Null bis vier Jahren auf 1.000 Frauen im Alter von 20 bis 44 Jahren. Dabei kam er zu folgenden Ergebnissen für 1926[36]:

Für den Bevölkerungsbestand notwendig

500

Europäische Sowjetunion

844

Russen

832

Ukrainer

871

Weißrussen

966

Juden

509 (!)

Deutsche

933

Die Fruchtbarkeitsziffern stehen in krassem Widerspruch zu der angeblichen zahlenmäßigen Veränderung der einzelnen Völkergruppen.

Auch wenn man davon ausgeht, daß die Zwangskollektivierung Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre unter den Ukrainern größere Verluste hervorgerufen hatte als unter den übrigen Völkerschaften der Sowjetunion, ist das Ergebnis der Volkszählung von 1939 nur durch die veränderten Erfassungsmethoden erklärbar. Die Fruchtbarkeit der Russen lag sogar noch unter dem Durchschnitt der europäischen Sowjetunion, und - für unsere Untersuchung noch bedeutsamer - die sowjetischen Juden verzeichneten eine Kinderzahl, die den Bestand der jüdischen Bevölkerung gerade noch sicherte. Professor Lorimer stellte dazu fest: »Die niedrigste Fertilität wurde bei den Juden festgestellt, die hauptsächlich eine städtische und hochausgebildete Gruppe darstellten. ... Es ist klar, daß die jüdische Bevölkerung damals gerade noch in der Lage war, ihren Bestand zu sichern«[37]. Und das schon im Jahre 1926!

Es ist so gut wie ausgeschlossen, daß sich die jüdische Fruchtbarkeit in den darauffolgenden zwölf Jahren wesentlich verbesserte, denn gerade in diesen Jahren setzte eine ungeheuere Zwangsindustrialisierung in der Sowjetunion ein mit der damit einhergehenden Wohnungsnot in den Städten. Außerdem fuhren die Juden mit ihrer schon nach dem Ersten Weltkrieg begonnenen internen Wanderung nach Norden, d.h. nach Leningrad, Moskau und anderen russischen Großstädten, fort. Die ausgeprägte Neigung zu Mischheiraten zwischen Juden und der einheimischen Bevölkerung in den russischen Großstädten hat die Fruchtbarkeit der Juden bis 1939 eher noch weiter abgeschwächt. Damit wird keineswegs in Abrede gestellt, daß im Jahre 1939 drei Millionen Juden in der Sowjetunion lebten. Im Gegenteil, in Anbetracht der Assimilierungsbestrebungen der sowjetischen Juden ist es wahrscheinlich, daß auch 1939 immer noch etliche tausend Juden statistisch nicht als solche erfaßt wurden. Professor Lorimers Untersuchungen machen aber deutlich, daß die für 1926 veröffentlichte jüdische Bevölkerungszahl in der UdSSR um einige Hunderttausend zu niedrig ist. Es steht daher fest: Die sowjetisch-jüdische Bevölkerung stagnierte schon in der Vorkriegszeit, ja, sogar ein Geburtendefizit kann mit letzter Sicherheit nicht ausgeschlossen werden!

Von den im Jahre 1926 offiziell mit 2,7 Millionen bezifferten sowjetischen Juden sollen 1.981.487 in der Ukraine und Weißrußland gelebt haben[38]. 1939 befanden sich in diesen beiden Gebieten nur noch 1.907.951[39]. Die vorausgegangenen Erläuterungen zeigten aber, daß die sowjetische Volkszählung von 1926 die jüdische Bevölkerungszahl wahrscheinlich um vielleicht 300.000 oder 11 % unterschätzt hatte. Wenn sich diese Unterschätzung auf die jüdische Bevölkerung im allgemeinen ziemlich gleichmäßig verteilt hatte, bedeutet dies, daß die Ukraine und Weißrußland zusammen im Jahre 1926 nicht 1,98 Millionen, sondern eher 2,2 Millionen Juden beherbergten. Verglichen mit 1939 läuft dies auf eine Verringerung um ca. 300.000 - oder 25.000 jährlich - hinaus.

Damit hatte der Norden und Osten der Sowjetunion, der bis zum Ersten Weltkrieg nur wenige tausend Juden aufwies, Anfang 1939 über 1,1 Millionen, von denen mehr als die Hälfte in Moskau und Leningrad lebten. Der unglaubliche Zuzug der Juden aus dem Süden und Westen wird von diesen beiden Großstädten am besten veranschaulicht[40]:

 

Jüdische Bevölkerung in


Jahr

Leningrad

Moskau

1920

25.453

28.000

1923

52.373

86.000

1926

84.505

131.000

1940

200.000

400.000 (450.000)[41]


Ein Drittel der sowjetischen Juden hatte somit zwischen den beiden Weltkriegen das traditionelle jüdische Siedlungsgebiet im Westen und Süden der Sowjetunion verlassen und sich in dem weniger antisemitischen Norden und Osten der UdSSR niedergelassen.

Diese riesige interne Wanderungsbewegung aus der Ukraine und Weißrußland in den Norden und Osten (einschl. Sibiriens) wurde auch von der Universal in ihrer Berechnung der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion in Betracht gezogen; die Universal meint, daß allein im Jahre 1939 die jüdische Bevölkerung dieser beiden Sowjetrepubliken (Ukraine und Weißrußland) weitere 33.000 (netto) an den Norden und Osten verloren habe[42]. Es ist nicht bekannt, auf welcher Basis die Universal zu dieser Schätzung kam - offizielle Zahlen liegen unseres Wissens nicht vor - und man sollte in konservativer Weise auch nicht davon ausgehen, daß sich diese Wanderungsbewegung beschleunigte. Wenn man sich deshalb auf die Annahme beschränkt, daß der vor 1939 bestehende Trend bis Mitte 1941 anhielt, würde dies einem Netto-Wanderungsverlust von ca. 63.000 Juden für beide Provinzen entsprechen. Die jüdische Bevölkerung derjenigen sowjetischen Gebiete, die von Deutschland niemals besetzt wurden, nämlich der Norden und Osten, nahm also in diesen 21/2 Jahren durch Zuwanderung um insgesamt ca. 63.000 zu.

Auf der Basis der Volkszählung vom 17.1.1939 befanden sich nach Angaben zionistischer Kreise 2.092.951 der insgesamt 3.020.141 »alt«-sowjetischen Juden in Gebieten, die später von der deutschen Wehrmacht besetzt wurden[43]. Diese Gebiete schlossen hauptsächlich Weißrußland und die Ukraine ein.

In den »freien«, d.h. während des Krieges von Deutschland nicht besetzten Regionen lebten zum Zeitpunkt der letzten Volkszählung 927.190 Juden. Berichtigt man die Bevölkerungszahlen beider Gebietsteile um die bis Juni 1941 eingetretenen Veränderungen - hauptsächlich eine interne Wanderung von Süden nach Norden und Osten um 63.000, denn der Geburtenüberschuß dürfte sich, sofern es überhaupt einen gab, in sehr engen Grenzen gehalten haben -, dann haben sich die 3,02 Millionen »alt«-sowjetischen Juden im Jahre 1941 wie folgt verteilt:

»Freies« Gebiet

990.000

Im Laufe des Krieges von der deutschen Wehrmacht
besetztes sowjetisches Gebiet

2.030.000


»Alt«-sowjetische Juden im Juni 1941

3.020.000


Insgesamt befanden sich bei Kriegsausbruch mit der Sowjetunion 5.337.000 Juden in Stalins Hand.

1939/1940 hinzugekommene Juden

2.317.000

»Alt«-sowjetische Juden

3.020.000


Juden im sowjetischen Machtbereich (1941)

5.337.000


Diese Angaben decken sich ungefähr mit den Zahlen der Universal, wonach die Sowjetunion am Stichtag 22. Juni 1941 5,5 Millionen Juden beherbergte, nachdem sie ungefähr 2,2 Millionen durch die Besetzung benachbarter Gebiete im Westen erworben hatte[44]. Das American Jewish Year Book (Year Book) meint sogar, die Zahl von 5,5 Millionen wäre ein »conservative estimate«, eine vorsichtige Schätzung[45].

Wenn angesehene zionistische Quellen aber selbst die bei Kriegsausbruch im Jahre 1941 in der Sowjetunion befindlichen Juden mit 51/2Millionen beziffern - darin sind offensichtlich die in der Verschleppung von 1940 Umgekommenen nicht berücksichtigt -, dann geben sie damit gleichzeitig auch einen Hinweis auf die Zahl der in deutsche Hand gefallenen polnischen Juden: Die Sowjetunion vereinnahmte im Zuge ihrer territorialen Ausbreitung die jüdische Bevölkerung des Baltikums - höchstens 225.000 - und Ost-Rumäniens mit 225.000. Subtrahiert man diese zusammen mit den »alt«-sowjetischen Juden von 3,02 Millionen von der 5,5 Millionenziffer, dann erhält man die Zahl derjenigen Juden, die die Sowjetunion aus dem früheren Polen erhalten haben müßte, nämlich ungefähr 2 Millionen! Diese Zahl liegt sogar noch 100.000 höher als die von uns in konservativer Weise mit nur 1,9 Millionen bezifferten ehemals polnischen Juden in sowjetischer Gewalt.

Bei Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges im September 1939 hatte Polen aber weniger als 23/4 Millionen Juden; also kann die Zahl der unter deutsche Herrschaft gekommenen polnischen Juden eine dreiviertel Million nicht oder kaum überschritten haben.

Eine schematische Darstellung der Vorgänge bis zum Frühjahr 1941 sieht folgendermaßen aus:

Polen (August 1939)

 

2.664.000

Sowjetunion (1939)

 

3.020.000

Baltikum (1940)

 

225.000

Bessarabien und Nord-Bukowina (1940)

 

225.000


 

Insgesamt

 

6.134.000

abzüglich:

 

 

 

in polnischer Armee gefallene Juden

31.000

 

 

Polnisch-jüdische Flüchtlinge in Nord-Siebenbürgen

9.000

 

 

Polnische Juden unter deutscher Verwaltung

757.000

797.000


Juden unter sowjetischer Hoheit (1939/1940)

 

5.337.000

abzüglich:

 

 

 

1940 im Zuge der Deportationen nach Sibirien umgekommene Juden (mindestens)

 

150.000


Juden unter sowjetischer Hoheit (1940) max.

 

5.187.000

abzüglich:

 

 

 

In Sibirien angekommene polnisch-jüdische Flüchtlinge

600.00

 

 

»Alt«-sowjetische Juden im nichtbesetzten Teil der Sowjetunion

990.000


 

Sowjetische Juden außerhalb des späteren deutschen Machtbereichs (1940)

 

1.590.000


Im Frühjahr 1941 im später besetzten Teil der Sowjetunion lebende Juden

 

3.597.000



Anmerkungen

  1. 1 Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 8, S. 577.
  2. American Jewish Year Book (AJYB), New York, 1946, Vol. 48, S. 324.
  3. Fischer, Dr. Ludwig und Dr. Friedrich Gollert, Warschau unter deutscher Herrschaft, Krakau, 1942, S. 186.
  4. Encyclopaedia.Tudaica, Vol. 15, S. 1214.
  5. Die jüdische Bevölkerung des von den Sowjets nach dem 28.9.1939 geräumten Gebietes zwischen Weichsel und Bug betrug am 9.12.1931 nach Unterlagen des Bundesarchivs in Koblenz 386.600 gemäß Bestand R 153, Aktenband 287: Die Bevölkerung des ehemaligen polnischen Staatsgebiets westlich der Grenzlinie vom 28.9.1939 nach dem Bekenntnis auf Grund der polnischen Volkszählung von 1931 sowie die Bevölkerung des polnischen Staatsgebiets westlich der Demarkationslinie vom 21.9.1939 nach dem Bekenntnis auf Grund der polnischen Volkszählung von 1931.
  6. International WHO'S WHO (The). London, 43. Ausgabe, 1979, S. 93.
  7. Rassinier, Paul, Zum Fall Eichmann: Was ist Wahrheit?, Leoni, 1963, s. 99.
  8. Encyclopaedia Judaica, Vol. 11, S. 184.
  9. -, Vol. 16, S. 201.
  10. -, Vol. 11, S. 589.
  11. -, Vol. 13, S. 543.
  12. -, Vol. 14, S. 357.
  13. Treatment of Jews by the Soviet. 17th Interim Report of Hearings before the Select Committee on Communist Aggression, House of Representatives, 83rd Congress, New York, 22. und 23. September 1954, S. 40.
  14. ebd., S. 46 und 47.
  15. ebd., S. 61.
  16. ebd., S. 25.
  17. Haganov, Gedeon, Le Communisme et les »Juifs«, Supplèment de CONTACT, Paris, Mai 1951, S. 9-15; sowie Aronson, Gregor. Soviet Russia und The Jews, New York, 1949, S. 12.
  18. Pechenick, Rabbi Aaron. Zionism and Judaism In Soviel-Russia, New York, S. 60,
  19. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 6, S. 176.
  20. Aronson, Soviet Russia and The Jews, S. 12,
  21. Zoller, Henri. »Dunkelheit umgibt uns«, Der Spiegel, Nr. 20, 11.5.1981, S. 31.
  22. Krakauer Zeitung, Krakau, »Noch 1 Million Belgier in Frankreich«, Nr. 195, 18./19.8.1940, S. 4,
  23. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 6, S. 175.
  24. Krakauer Zeitung, »Goralen in die Tucheler Heide verschoben«, Nr. 157, 5.7.1940, S. 5.
  25. Kauener Zeitung, Kauen, »Die Bevölkerung des General-Gouvernements«, Nr. 42, 19.2.1942, S. 7.
  26. Die Bevölkerung des polnischen Staatsgebiets westlich der Demarkationslinie vom 21.9.1939 nach dem Bekenntnis auf Grund der polnischen Volkszählung von 1931, Bundesarchiv in Koblenz: Bestand R 153/287.
  27. Krakauer Zeitung, »Kein Jude in Rumäniens Einheitspartei«, Nr. 152, 29.6.1941, S. 3.
  28. Kauener Zeitung, »Die jüdische Pest in Frankreich«, Nr. 120, 23.5.1942, S. 3.
  29. Reitlinger, Final Solution, S. 498.
  30. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 602.
  31. -, 1941, Vol. 43, S. 330.
  32. Ruppin, Arthur. The Jews in the Modern World, London, 1934, S. 26 und 27.
  33. AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501.
  34. Lorimer, Dr. Frank. The Population of the Soviet Union: History and Prospects, Genf (Völkerbund), 1946, S. 138.
  35. 35 Dr. Lorimer gab für die jüdische Bevölkerung eine Ziffer von 2.672.499 an; diese Zahl ist 6.742 geringer als zionistische Quellen gewöhnlich nennen.
  36. Lorimer, Population of the Soviet Union, S. 95 und 96.
  37. ebd., S. 94 und 97.
  38. AJYB, 1939, Vol. 41, S. 588.
  39. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 24.
  40. Encyclopaedia Judaica, Vol. 11, S. 17 und Vol. 12, S. 365.
  41. Kauener Zeitung, «Juden-Metropole Moskau», Nr. 130, 4.6.1943, S. 2, erwähnt dieselben Statistiken für die Jahre 1920, 1923 und 1926, aber keine für 1940. Dagegen schreibt die Zeitung, daß nach zuletzt zur Veröffentlichung gelangten statistischen Angaben die Zahl der jüdischen Einwohner Moskaus schon 1937 auf über 450.000 gestiegen sei.
  42. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 24.
  43. Institute of Jewish Affairs. Hitler's Ten-Year War on the Jews, New York, 1943, S. 184.
  44. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 9, S. 670.
  45. AJYB, 1941, Vol. 43, S. 319.

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