SIEBENTES KAPITEL

Die jüdische Auswanderung nach dem Krieg

Nach dem Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches ergoß sich eine Flut von nicht-deutschen Flüchtlingen aus dem Osten in die drei westlichen Zonen des besetzten und geteilten Deutschland. Darunter waren auch viele Juden. Der britische General Sir Frederick E. Morgan, Leiter der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) in Deutschland, erklärte Ende 1945 (!) in einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main, daß eine unbekannte jüdische Organisation große Massen von Juden aus dem Osten nach Deutschland einschleuse, und daß alle gutgekleidet und wohlernährt sind. Auch der zionistische Gelehrte Hilberg stellte fest: An Polen, der Tschechoslowakei und in Ungarn haben viele Juden gar nicht erst abgewartet; sie machten sich sofort auf die Reise .. Von Polen ergoß sich die Flut durch die Tschechoslowakei in die amerikanische Zone Deutschlands. Von Ungarn und sogar von Rumänien kamen Juden in Österreich an. Im November 1945 verstärkte sich diese Flut und Tausende dieser Flüchtlinge strömten nach Italien«[1]. In diesem Zusammenhang muß man natürlich berücksichtigen, daß die meisten Statistiken für die jüdischen Überlebenden in den von Deutschland während des Krieges besetzten europäischen Ländern nicht für den Stichtag 8.5.1945, sondern für die Jahre 1946 und 1947 gelten; die Zahl von nur 1,4 Millionen Überlebenden kann diesen Flüchtlingsstrom daher gar nicht miteinschließen.

Gleich nach dem Krieg waren dem jüdischen Historiker Solomon Grayzel zufolge mehr als 250.000 Juden in DP-Lagern in Deutschland, und im Juli 1947 sollen sich noch immer mehr als 400.000 jüdische Flüchtlinge in Westeuropa aufgehalten haben[2]. Diese Zahlen geben aber nur den angeblichen Bestand zu bestimmten Stichtagen wieder, denn in der Zwischenzeit verließen Hunderttausende von Juden Europa in Richtung Palästina, Nord- und Südamerika und anderswo!

Dieses unkontrollierte Kommen und Gehen in der chaotischen Nachkriegszeit verhinderte leider eine offizielle Erfassung der wandernden, flüchtenden und entwurzelten Juden. Die einzige Möglichkeit, heute über das Ausmaß jener Völkerwanderung auch nur ein ungefähres Bild zu erhalten, besteht darin, die jüdische Einwanderung in der Nachkriegszeit in den Haupteinwanderungsländern festzustellen.

Vereinigte Staaten

Für das Jahr 1926 bezifferten offizielle amerikanische Angaben die jüdische Bevölkerung auf 4.081.242; eine amtliche Ermittlung im Jahre 1936 ergab 4.641.184[3]. Beide Zahlen beziehen sich jedoch nur auf Orte mit jüdischen Synagogen-Gemeinden. Um auch die auf dem Lande in Orten ohne Synagogen wohnenden Juden zu erfassen, stellte Dr. Harry S. Linfield als Besonderer Beauftragter des U.S. Volkszählungsamtes Untersuchungen an und kam zu dem Ergebnis, daß Ende 1927 insgesamt 4.228.029 Juden in den Vereinigten Staaten lebten[4]; die von Dr. Linfield in gleicher Funktion im Jahre 1937 angestellte Ermittlung ergab eine Endzahl von 4.770.647[5].

Welchen Anteil der natürliche Zuwachs und die Einwanderung an dieser zehnjährigen Bevölkerungszunahme von 543.000 hatte, ist nicht ganz klar. In den vorangegangenen Jahrzehnten wanderten buchstäblich Millionen Juden ein: Zwischen 1899 und 1924 allein ca. 1,8 Millionen. Mindestens drei Viertel kamen aus Polen und Rußland, also Ländern, deren jüdische Bevölkerung damals äußerst fruchtbar war. Ein großer Teil des restlichen Viertels emigrierte aus Ländern, wie zum Beispiel Rumänien, wo die jüdische Bevölkerung in jenen Jahren ebenfalls große Wachstumsraten aufweisen konnte[6]. Andererseits aber soll die Änderung des amerikanischen Einwanderungsgesetzes in den 20er Jahren zu einem drastischen Rückgang der Jüdischen Einwanderung aus Osteuropa geführt haben.

Außerdem machte sich die neue großstädtische amerikanische Umgebung sehr bald in fallenden Geburtenraten bemerkbar. Es ist deshalb denkbar, daß die natürliche Wachstumsrate der amerikanischen Juden in den zehn Jahren 1927 bis 1937 jährlich bestenfalls 0,5 % betragen hat. Auch diese Quote scheint etwas hoch, besonders im Hinblick darauf, daß die gesamte amerikanische Bevölkerung mit ihrem großen fruchtbaren Neger- und weißen ländlichen Anteil in den Jahren 1930-1939 nur einen durchschnittlichen Geburtenüberschuß von 0,8 % p.a. aufwies[7]. Über einen Geburtenüberschuß wäre somit nur ein Zuwachs der amerikanischen jüdischen Bevölkerung von 4.228.029 (1927) auf 4.444.000 im Jahre 1937 möglich gewesen. Tatsächlich aber lebten 1937 4,77 Millionen Juden in den USA - 326.000 mehr als durch ein natürliches Wachstum erklärbar ist. Untersucht man aber die Einwanderungszahlen, dann findet man in diesem Zeitraum nur 81.212 statistisch erfaßte jüdische Immigranten[8]. Wie die Differenz zu erklären ist, werden wir gleich sehen. Für die Jahre der Nachkriegszeit werden vom Year Book (verschiedene Ausgaben) folgende Bevölkerungszahlen für die Juden in den Vereinigten Staaten geliefert:

1946 bis 1956

5.000.000

1957 und 1958

5.197.000

1959

5.367.000

1960 bis 1967

5.532.000

1968 bis 1970

5.869.000

1971

6.060.000

Diese Zahlen sind in dieser Form reine Phantasie. Man schrieb einfach den angeblich 1946 erreichten Bevölkerungsstand zehn Jahre lang fort, also in einer Zeit, wo viele Hunderttausend mittel- und osteuropäischer Juden in den Vereinigten Staaten Zuflucht suchten. Als man sich endlich im Jahre 1957 - nach elf Jahren - zu einer Anpassung entschloß, reichte die Erhöhung um 197.000 nicht einmal aus, um dem natürlichen Wachstum zwischen 1946 und 1957 Rechnung zu tragen.

Schon 1943 bezifferte der jüdische Historiker und frühere Sekretär des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Dr. Mark Wischnitzer, der seit 1938 im Dienste des zionistischen Joint Distribution Committee stand und führend an der Herausgabe der Universal Jewish Encyclopedia beteiligt war[9], im The Jewish Quarterly Review die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf 5.199.200[10]. Der Anstieg um 429.000 (von 4,77 Millionen) seit 1937 bedeutet, daß sich die Bevölkerung jährlich um 1,45 % (!) vermehrt hat - viel zu hoch für jeden vorstellbaren natürlichen Zuwachs. Die Antwort auf diese Unvereinbarkeit lieferte der amerikanische Assistant Secretary of State (Stellv. Außenminister) Breckinridge Long.

Im März 1943 gab Long im Namen der amerikanischen Regierung eine Erklärung ab, in der er die seit 1933 von den Vereinigten Staaten aufgenommenen Flüchtlinge mit 547.775 bezifferte[11]. Acht Monate später, am 26. November, machte Long vor einem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses, dem House Foreign Affairs Committee, folgende Aussage: »Die Vereinigten Staaten haben ca. 580.000 Opfer der Verfolgung durch das Hitler-Regime, seit es vor zehn Jahren begann, aufgenommen. ..die meisten davon waren Juden«[12]. Was Long unter der Bezeichung »meisten« verstand, ist unbekannt. Wenn er darunter mindestens 70 % meinte, dann befanden sich 406.000 Juden unter den von den Vereinigten Staaten aufgenommenen 580.000 Opfer der Verfolgung. Das Unglück will es aber, daß die amtlichen Statistiken nur 163.583 eingewanderte Juden in den Jahren 1933 bis 1943 aufweisen, also 240.000 weniger[13]. Die Erklärung für diese Diskrepanz ist sehr einfach.

Erstens hat schon der jüdische Statistiker Arthur Ruppin darauf hingewiesen, daß amerikanische Einwanderungsstatistiken für Juden nur sehr bedingt aussagefähig waren, da sie nur solche jüdischen Einwanderer als »Hebräer« erfaßten, deren Alltagssprache usw. sie nicht als Angehörige des Volkes ihres Herkunftslandes auswiesen. Mit anderen Worten, die jüdischen Einwanderer aus Deutschland wurden beispielsweise nicht als »Hebräer« sondern als »Deutsche« erfaßt, während galizische Juden aus Polen aufgrund ihrer jiddischen Sprache, ihres Aussehens usw. oftmals unverkennbar »jüdisch« waren und daher unter der Rubrik »Hebräer« aufgenommen wurden[14].

Zweitens hat Long vor dem Untersuchungsausschuß ausgesagt, daß die Vereinigten Staaten vor und während des Krieges auch Juden mit Besuchervisen einwandern ließen. Und hier ist natürlich ein weiterer wichtiger Grund dafür, warum die U.S.-Einwanderungsstatistiken nur 165.583 jüdische Immigranten zwischen 1933 und 1943 registrierten anstatt über 400.000[15].

Wenn man nun auf die tatsächliche Zahl jüdischer Einwanderer vor und nach 1937 kommen will, muß man - trotz gewisser unvermeidlicher Ungenauigkeiten - die Zahl von 406.000 geschätzten jüdischen Einwanderern auf der Basis der von 1933 bis 1943 registrierten Einwanderer aufteilen:

Jüdische Einwanderer in den USA: 1933-1943

Zeitraum

Registriert

Errechnet


1933-1937

27.374

67.000

1938-1943

138.209

339.000


1933-1943

165.583

406.000


Addiert man die zwischen 1.938 und 1943 auf 339.000 geschätzten jüdischen Einwanderer zu den 4.771.000 des Jahres 1937, dann kommt man auf die Zahl 5,11 Millionen oder 89.000 weniger, als von Dr. Wischnitzer für das Jahr 1943 genannt. Diese Differenz entspricht einem natürlichen Bevölkerungswachstum von 0,3 % p.a. - etwas niedrig, aber noch durchaus plausibel für eine großstädtische Bevölkerung in einer Zeit, wo wirtschaftliche Not in der anhaltenden Depression (1937-1940) und im Kriegseinsatz befindliche jüdische Männer (1941-1943) die Geburten auf einem niedrigen Niveau hielten.

Erst im Jahre 1957 soll die Zahl der amerikanischen Juden 5.197.000 erreicht haben, schreibt das Year Book; diese Zahl ist immer noch kleiner, als Dr. Wischnitzer, der sich aufgrund seiner Position bestimmt ein gutes Bild über die zahlenmäßige Einwanderung der Juden machen konnte, schon 1943 gefunden hatte. Mittlerweile waren aber weitere Hunderttausende heimatloser europäischer Juden seit 1943 in en Vereinigten Staaten eingewandert. Außerdem machte sich in den USA ein wahrer »Baby-Boom« breit, und es ist nachweisbar, daß die jüdische Bevölkerung davon auch erfaßt wurde, wenn auch für einen kürzeren Zeitraum. Die uns vom Year Book genannte Zahl für 1946 ist also falsch!

Im Jahre 1970 fand in den Vereinigten Staaten eine großangelegte Erhebung der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung, die sogenannte National Jewish Population Study (NJPS), nach dem Stichprobenverfahren unter Leitung des Council of Jewish Federations and Welfare Funds statt. Ziel dieser Studie war nicht, alle Juden - nach dem Motto 'Jude ist Jude' - sondern nur diej enigen Juden zu erfassen, die sich in irgendeiner Form noch mit dem Judentum identifizierten[16]. Das heißt, Juden, die alle Bindungen zum Judentum gebrochen hatten und keinerlei innere oder äußere Beziehungen zu ihm mehr unterhielten, wurden von der Studie nicht erfaßt. Hier soll versucht werden, anhand dieser Studie Antworten auf Fragen bezüglich Einwanderung, natürliches Wachstum und Assimilation zu erlangen. NOS fand 1970 nur 5.731.685 Personen in jüdischen Haushalten - definiert als Haushalte mit mindestens einer jüdischen Person; davon waren lediglich 5.370.000 Juden. Wäre diese Zahl richtig, hätte es 1970 nur 171.000 mehr Juden in den Vereinigten Staaten gegeben als 27 Jahre zuvor! Eine Analyse der Altersstruktur (Tabelle 12) zeigt aber, daß der natürliche Zuwachs viel größer gewesen sein muß. Zwar war die Geburtenfreudigkeit in den Jahren 1941 bis 1945 sehr gering, aber von 1946 bis 1960 war sie beachtlich, fiel danach jedoch wieder stark zurück. Die Zahlen lassen darauf schließen, daß der Geburtenüberschuß von 1946 bis 1960 bei schätzungsweise 0,8 % pro Jahr lag. In dem Jahrzehnt 1961-1970 dagegen verzeichneten die Geburten einen starken Rückgang; es ist anzunehmen, daß die natürliche Zuwachsrate auf nur 0,2 % abfiel [17]. Mit diesen natürlichen Wachstumsraten hätte die jüdische Bevölkerung die Sechs-Millionen-Grenze im Jahre 1970 auch ohne Nachkriegseinwanderung erreichen müssen!

Tabelle 12: Altersstruktur der amerikanischen Juden: 1970


Geburtsjahre

Alter

Anteil in %

Anteil pro Jahrgang (%)


1966-1970

0- 4

5,7

1,14

1961-1965

5- 9

6,7

1,34

1956-1960

10-14

10,1

2,02

1951-1955

15-19

9,4

1,88

1946-1950

20-24

8,7

1,74

1941-1945

25-29

5,7

1,14

1936-1940

30-34

4,7

0,94

1931-1935

35-39

5,8

1,16

1926-1930

40-44

6,0

1,20

1921-1925

45-49

7,1

1,42

1916-1920

50-54

6,7

1,34

1911-1915

55-59

6,4

1,28

1906-1910

60-64

5,0

1,00

1901-1905

65-69

4,3

0,86

1896-1900

70-74

3,2

0,64

1891-1895

75-79

2,1

0,42

1890 und davor

80 und älter

1,5

 
 

unbekannt

0,9

 
 
 
   

100,0

 

Quelle: AJYB, 1973, Vol. 74, S. 271.

Wie völlig unmöglich es ist, daß es 1970 nur 5,37 Millionen amerikanische Juden gab, wird noch von weiteren Ergebnissen des NJPS gezeigt. Die Studie stellte nämlich fest, daß 8,6 % aller Familienoberhäupter der Altersgruppe '20 bis 24 Jahre' - Geburtsjahre 1946 bis 1950 - im Ausland geboren waren[18]. Da sich die Familienoberhäupter in dieser Beziehung kaum merklich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden, kann man den Anteil der im Ausland Geborenen in der gesamten Altersgruppe '20 bis 24 Jahre' bei 8,6 % ansetzen.

Wie hoch der Anteil der in den Jahren 1946-1950 im Ausland geborenen Altersgruppe unter den jüdischen Nachkriegseinwanderern in den USA tatsächlich war, ist natürlich nicht bekannt. Andererseits gibt der Einwandererstaat Israel einen ziemlich guten Hinweis, welchen Anteil die in den ersten Nachkriegsjahren in Europa Geborenen unter den jüdischen Einwanderern hatten.

Zum Stichtag 31.12.1954 lebten in Israel 37.279 Juden, die zwischen 1945 und 1949 (Alter 5-9 Jahre) in Europa[19] geboren wurden[20]. Von 1945 bis zum 15.5.1948 wanderten insgesamt 73.282 Juden, davon schätzungsweise 90 %, oder 67.000 aus Europa ein[21]. Vom 15.5.1948 bis zum 31.12.1954 kamen weitere 346.000 europäische Juden in Israel an[22]. Insgesamt dürfte die jüdische Einwanderung aus Europa zwischen 1945 und 1954 eine Ziffer von 413.000 erreicht haben, ungefähr 90 % davon in den Jahren 1945-1950. Ein relativ geringer Teil wanderte jedoch entweder zurück oder weiter nach Amerika, Australien usw. Zum Beispiel sollen von den zwischen dem 15.5.1948 und Ende 1955 in Israel eingetroffenen Juden 7 % das Land wieder verlassen haben[23]; ob diese Emigranten aus ehemals europäischen, nordafrikanischen oder nahöstlichen Juden bestanden, ist nicht bekannt. Auf die zwischen 1945 und 1954 eingewanderten 413.000 europäischen Juden angewandt, kann die Netto-Einwanderung aus Europa nur 384.000 (93 % von 413.000) betragen haben. Damit ist ersichtlich, daß die Jahrgänge 1945 bis 1949 unter den zwischen 1945 und 1954 in Israel eingewanderten europäischen Juden einen Anteil von 9,7 % verbuchten (d.h. 37.279 von 384.000). Es ist kaum anzunehmen, daß die jüdischen Einwanderer in Amerika eine andere Altersstruktur hatten - sie kamen schließlich größtenteils auch aus Europa.

Damit kommt man für die USA zu folgenden Resultaten:

  1. Bei einer angeblichen jüdischen Bevölkerung von 5,37 Millionen gehörten 1970 8,7 % der Altersgruppe '20 bis 24 Jahre' an; dies entspricht einer Zahl von 467.000.
  2. Davon waren 8,6 %, oder ungefähr 40.000, in den Jahren 1946 bis 1950 im Ausland geboren.
  3. Da diese 40.000 in den Jahren 1946 bis 1950 im Ausland geborenen Juden ca. 10 % der Einwanderer darstellten, kommt man auf eine Gesamteinwanderungsziffer von ungefähr 400.000!

Unter Zugrundelegung der vom NJPS ermittelten Altersstruktur und den sich daraus ergebenden natürlichen Zuwachsraten, mußte der Geburtenüberschuß in der Zeit von 1946 bis 1970 ungefähr 700.000 betragen haben. Zieht man Geburtenüberschuß und Einwanderung von den 5,37 Millionen des Jahres 1970 ab, dann müßte man auf den Stand der jüdischen Bevölkerung bei Kriegsende kommen: Die verbleibende Differenz von 4,27 Millionen liegt jedoch sogar noch eine halbe Million unter der schon für 1937 ermittelten amtlichen jüdisch-amerikanischen Bevölkerungszahl!

Die daraus zu ziehende Schlußfolgerung ist keineswegs, daß die vom NJPS ermittelten Daten falsch sind. Sie stimmen mit größter Wahrscheinlichkeit. Das Problem ist nur: Die NJPS-Untersuchung war lediglich an denjenigen Juden interessiert, die noch Bindungen zum Judentum hatten; die assimilierten Juden wurden nicht erfaßt. Kurz, die Studie zeigt, welch riesige Verluste die amerikanischen Juden in den letzten Jahrzehnten durch Assimilation erlitten!

Doch wie groß war nun die jüdische Bevölkerung tatsächlich im Jahre 1970? Als der World Almanac and Book of Facts die zionistischen Bevölkerungszahlen für das Jahr

1957 veröffentlichte, waren ihm diese Zahlen doch etwas zu anachronistisch. Zwar veröffentlichte er die »offizielle« zionistische Zahl von nur 5,2 Millionen, fügte aber gleichzeitig hinzu, daß »eine unabhängige Studie den Anteil [der Judischen Bevölkerung] auf 3,69 % und die mögliche Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten auf 6.290.000 festgelegt hatte«[24].

Geht man von diesen 6,29 Millionen (1957) aus und projektiert sie auf der Basis der o. a. natürlichen Zuwachsraten bis 1970, dann kommt man auf runde 6,6 Millionen. Diese Zahl schließt natürlich auch die assimilierten Juden mit ein. Falls diese, was anzunehmen ist, keine drastisch differenzierten Merkmale aufweisen, gehörten also auch hier 8,7 % den Jahrgängen 1946-1950 an, und davon waren 8,6 % im Ausland geboren; das Verhältnis dieser Altersgruppe zur gesamten nach 1945 eingewanderten jüdischen Bevölkerung war demnach ebenfalls 1 zu 10. Die dann sich ergebende Entwicklung sieht wie folgt aus:

Jüdische Bevölkerung in den USA - 1970

 

6.600.000

abzüglich:

   

- Geburtenüberschuß 1946-1970[25]

865.000

 

- Nachkriegseinwanderung bis 1970[26]

490.000


 

Gesamte Nachkriegsveränderung

 

1.355.000


Jüdische Bevölkerung in den USA - 1945

5.245.000

 

Diese Zahl liegt nur knapp über der von Wischnitzer für das Jahr 1943 genannten jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten. Zieht man weiterhin noch die amtlich ermittelte Ziffer von 4,77 Millionen für das Jahr 1937 davon ab, wird auch Longs Aussage über die Einwanderung bis 1943 verifiziert.

Die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Auslandsgebürtigkeit - wie vom NJPS ermittelt - machen die Schlußfolgerung zwingend, daß

  1. 1945 ungefähr 5,25 Millionen Juden und
  2. 1970 nicht weniger als 6,6 Millionen Juden in den Vereinigten Staaten lebten und
  3. zwischen 1945 und 1970 etwa 0,5 Millionen Juden in die USA eingewandert sind.

Gleichzeitig erbrachte die NJPS ungewollt die Bestätigung dafür, daß 11/4 Millionen Juden, oder ein Jude unter fünf, sich seit Kriegsende vom Judentum losgesagt haben:

Tatsächliche jüdische Bevölkerung 1970

6.600.000

Vom NJPS ermittelte Juden 1970

5.370.000


Assimilierte Juden 1970

1.230.000


Eine solch hohe Assimilierungsquote unter den amerikanischen Juden darf nicht verwundern. Heute heiraten vierzig Prozent der Juden in den USA Nicht-Juden - viermal mehr als noch vor einigen Jahrzehnten. Nur ein Drittel dieser gemischten Paare zieht die Kinder als Juden auf. In einer Studie über die »Mischheiraten und die jüdische Zukunft« schreibt das American Jewish Committee, daß die jüdische Bevölkerung innerhalb der nächsten fünfzig Jahre auf unter eine Million fallen würde, es sei denn, diese Verluste können aufgehalten werden[27].

Israel

Die Volkszählung von 1931 ergab 174.610 Juden in Palästina; 1944 waren es 553.600[28] und am 15.5.1948 schließlich 649.600[29]. Die jüdische Einwanderung - so gut wie alle Immigranten kamen damals aus Mittel- und Osteuropa - betrug angeblich 292.779 von 1932 bis 1944 und 73.282 von 1945 bis zum 15.5.1948[30]. Diese Einwanderungszahlen sind jedoch weniger zuverlässig, als sie scheinen. Erstens, stellen sie nur Bruttozahlen dar, denn vergleichbare Auswanderungszahlen aus Palästina gibt es anscheinend nicht. Andererseits muß bezweifelt werden, daß es den Behörden gelungen ist, die beträchtliche illegale Einwanderung statistisch vollkommen zu erfassen. Es könnte sein, daß sich die nicht erfaßte illegale Einwanderung und die Auswanderung gegenseitig aufgehoben haben; es scheint jedenfalls, daß die dann verbleibende Differenz, die einen jährlichen Geburtenüberschuß von etwa 2 % impliziert, auch für die damals noch junge jüdische Einwandererbevölkerung etwas hoch gegriffen ist.

Vom 15.5.1948 bis zum 31. Dezember 1970 schließlich wanderten weitere 1,4 Millionen Juden ein, hauptsächlich aus Europa, Afrika und dem Nahen Osten[31]. Nun stellen die in Tabelle 13 nach Herkunftsländern geordneten jüdischen Einwanderungsziffern keineswegs das dar, was sie vorgeben. Die israelischen Einwanderungsstatistiken sind angeblich auf der Basis des Geburtslandes erstellt. Wie genau es damit genommen wird, zeigen nachstehende Beispiele.

Tabelle 13: Jüdische Einwanderung in Israel: 1948-1970


Herkunftsländer

15.5.48-1970

1952-1970

15.5.48-1951


Bulgarien

48.642

11.411

37.231

Ungarn

24.255

10.624

13.631

Jugoslawien

8.063

468

7.595

Polen

156.011

52.279

103.732

Tschechoslowakei

20.572

2.355

18.217

Rumänien

229.779

110.839

118.940

Andere

4

4

 

Osteuropa (ohne UdSSR)

487.326

187.980

299.346

       

England

14.006

11.863

2.143

Griechenland

2.722

717

2.005

Frankreich

26.295

22.287

4.008

Deutschland

11.552

2.696

8.856

Österreich

4.120

1.126

2.994

Andere

16.342

11.343

4.999


Westeuropa

75.037

50.032

25.005

       

Sowjetunion

21.391

16.693

4.698

       

Kanada

4.004

3.771

233

Vereinigte Staaten

34.288

32.379

1.909

Argentinien

19.964

18.830

1.134

Brasilien

5.590

5.148

442

Chile

2.782

2.782

-

Uruguay

2.743

2.743

 

Andere

6.001

5.131

870


Amerika

75.372

70.784

4.588

       

Irak

124.647

3.135

121.512

Iran

60.581

35.777

24.804

Jemen

46.447

1.248

45.199

Aden

3.912

757

3.155

Türkei

53.288

19.075

34.213

Andere

33.871

25.531

8.340


Asien

322.746

85.523

237.223

       

Algerien

13.119

11.596

1.523

Tunesien

46.255

33.116

13.139

Libyen

34.265

3.783

30.482

Marokko

252.642

221.892

30.750

Ägypten

37.867

21.359

16.508

Südafrika

6.845

6.261

584

Andere

1.450

1.259

191


Afrika

392.443

299.266

93.177

       

Sonstige Länder

24.797

4.633

20.164


Insgesamt

1.399.112

714.911

684.201


Quelle: Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 535 und 541.

Unter den 60.581 Juden aus dem Iran hat es nachweislich kaum iranische Juden gegeben; die meisten waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Juden aus Osteuropa und dem Balkan. Eine andere Erklärung ist unmöglich: Vor dem Krieg gab es 40.000 Juden im Iran[32]; nachdem bis 1970 60.581 Juden den Iran in Richtung Israel verlassen hatten, lebten 1971 aber immer noch 80.000 Juden in Persien[33]. Da eine solche Vermehrung unmöglich ist, bleibt nur eine logische Schlußfolgerung: Sie müssen zwischen 1939 und Kriegsende im Iran eingewandert sein, und als Ursprungsland kommt eben nur Osteuropa und der Balkan in Frage. Die Sowjetunion, Großbritannien und die Vereinigten Staaten hatten die Neutralität des Iran mit Waffengewalt gebrochen und hielten das Land gegen seinen Willen besetzt. Der Iran war daher auch machtlos, die Einwanderung von Juden, die aus dem deutschen Einflußgebiet geflohen waren und die kein Land aufnehmen wollte, zu verhindern.

Für die fliehenden Juden boten sich zwei Wege nach Persien an: Der eine führte durch die Sowjetunion und könnte von wenigen polnischen und rumänischen Juden benutzt worden sein - sofern es ihnen die Sowjets gestatteten. Die zweite, wichtigere Route ging über Rumänien, Bulgarien und die Türkei in den angelsächsisch besetzten Teil Persiens. Wenn Israel mehr als 60.000 nicht-iranische Juden aus Persien bezog, dann darf man wohl annehmen, daß viele Zehntausende in andere Länder und Erdteile, z.B. Nord- und Südamerika, ausgewandert sind. Die genaue Zahl spielt hier auch keine große Rolle, denn wenn so viele nicht-iranische Juden Ende des Krieges im Iran lebten, dann muß die Brücke vom Balkan über die Türkei von über hunderttausend, vielleicht sogar von zweihunderttausend jüdischen Flüchtlingen benutzt worden sein. Man vergesse dabei nicht: Allein die offizielle jüdische Einwanderung in Palästina von 1940 bis 1944 betrug schon 45.066[34] und dazu kommen noch Tausende von »Illegalen«. Diese Einwanderer aber kamen fast alle aus Osteuropa und dem Balkan!

Die Volkszählung von 1936 fand 161.312 Juden in Französisch-Marokko[35]. Zwar wiesen die Juden Marokkos eine große Geburtenrate auf, litten aber gleichzeitig auch unter einer hohen Kindersterblichkeit, so daß sich das natürliche Wachstum wahrscheinlich nur wenig von den anderen orientalischen Ländern unterschied. Für Anfang der 30er Jahre soll der Geburtenüberschuß der afrikanischen Juden lt. Universal 5.000 betragen haben[36]. Bei einer jüdischen Bevölkerung Afrikas von damals vielleicht 550.000 entspricht dies einem Überschuß von 0,9 % p.a. Für die Zeit von 1939 bis 1945 kommt das Year Book für die afrikanischen Juden (ohne Südafrika und Rhodesien) auf eine Zunahme von 27.000 oder 4.500 jährlich, was ebenfalls einem natürlichen Zuwachs von 0,9 % p.a. bei einer afrikanisch-jüdischen Bevölkerung (ohne Südafrika und Rhodesien) von knapp über 500.000 entspricht[37]. Bei einem natürlichen Wachstum von, sagen wir, 1 % p.a. kann Marokkos jüdische Bevölkerung bis in die frühen 50er Jahre, als die Masse das Land verließ, auf maximal 200.000 angewachsen sein. Ein Restbestand von knapp 50.000 marokkanischen Juden (1971: 48.000)[38] hatte Marokko aber nie verlassen.

Mit anderen Worten, eigentlich können nicht mehr als ungefähr 150.000 Juden Marokko in der Nachkriegszeit verlassen haben, um nach Israel zu übersiedeln - falls alle jüdischen Auswanderer aus Marokko nach Israel gegangen sind, was sehr zweifelhaft ist. Tatsächlich sind aber nach israelischen Einwanderungsstatistiken über 250.000 Juden aus Marokko eingewandert. Das heißt, auch Marokko war als französisches Protektorat während und nach dem Kriege Auffangland für jüdische Flüchtlinge aus Europa. Da die seßhaften Juden Westeuropas kaum Gründe hatten, nach dem Krieg in marokkanische DP-Lager überzuwechseln, ist nur eine Erklärung am Platze: Es handelt sich bei diesen »überschüssigen« 100.000 Juden entweder um die aus der Deportation zurückgekehrten westeuropäischen Juden, die nach dem Krieg in ihrer alten Heimat nicht mehr Fuß fassen konnten oder wollten, oder aber, noch wahrscheinlicher, um osteuropäische jüdische Flüchtlinge[39].

Eine ähnliche Entwicklung war auch in Tunesien zu beobachten. 1936 hatte eine Volkszählung noch 59.485 Juden ermittelt[40], aber im Jahre 1950 waren es schon 105.000[41], obwohl zwischenzeitlich schon über 13.000 Juden Tunesien in Richtung Israel verlassen hatten (Tabelle 13). Wenn man auch hier - wie im Falle der marokkanischen Juden - ein natürliches Wachstum von 1 % konzediert, wäre die jüdische Bevölkerung Tunesiens bis Mitte der 50er Jahre, als die Masse der Juden das Land verließ, auf 73.000 angestiegen. Auch hier gibt es offensichtlich »überschüssige« Juden und zwar mindestens ungefähr 45.000 (d.h. 105.000 plus 13.000 minus 73.000). Zehntausend lebten noch 1971 in Tunesien, ca. 46.000 waren bis 1970 nach Israel ausgewandert, und der größte Teil der restlichen 60.000 übersiedelte nach Frankreich.

Bestimmt haben auch andere Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas Tausende jüdischer Flüchtlinge aus Europa beherbergt, die nach dem 15.5.1948 nach Israel auswanderten, aber in der Statistik - genau wie im Falle des Iran, Marokkos und Tunesiens - nicht als europäische Juden ausgewiesen werden.

Alle westeuropäischen Länder wurden von dem jüdischen Drama betroffen. Es waren aber die entwurzelten Juden, die wieder eine Heimat suchten, die als Einwanderer in Israel in Frage kamen. Die 75.037 aus Westeuropa eingewanderten Juden müssen daher zu den ostjüdischen Flüchtlingen gehört haben oder aus der Deportation zurückgekehrte Juden gewesen sein, und keineswegs Juden, die den Krieg in ihren Heimatländern in Westeuropa überlebten.

Aber auch die mit 75.372 angegebenen jüdischen Einwanderer aus den Amerikas stimmen nachdenklich. Eine seßhafte Bevölkerung wandert nicht so schnell aus. Die angeführten Länder waren alle Hauptziele jüdischer Flüchtlinge und Auswanderer vor, während und nach dem Kriege. Die Mehrheit dieser Einwanderer kann also ursprünglich nur aus (Ost-)Europa gekommen sein; doch direkte Anhaltspunkte gibt es darüber nicht.

Die nachstehende Zusammenfassung der eingewanderten europäischen Juden nach dem 15.5.1948 stellt daher nur eine Mindestzahl dar:

(Ost-) Europäische Juden aus Tunesien

45.000[42]

(Ost-) Europäische Juden aus dem Iran

60.581

(Ost-) Europäische Juden aus Marokko

100.000

(Ost-) Europäische Juden aus Westeuropa

75.037

Juden aus Osteuropa (ohne UdSSR)

487.326


Einwanderung europäischer Juden 1948-1970

767.944


Von den zwischen 1948 und 1970 in Israel eingewanderten 1,4 Millionen Juden aus aller Welt blieben nicht alle im Gelobten Land. Der Statistical Abstract of Israel 1971 weist für diesen Zeitraum nur eine Netto-Einwanderungsbilanz von 1.155.100 aus[43]. Das heißt, 244.000 oder jeder sechste Einwanderer haben das Land wieder verlassen. Wieviele davon europäischen Ursprungs waren, ist nicht bekannt. Da die europäischen Juden aber eine viel bessere Ausbildung besaßen als die Juden aus Afrika und Asien und außerdem oftmals über enge und engste verwandtschaftliche Beziehungen zu den Juden in anderen westlichen Ländern verfügten, ist es wahrscheinlich, daß auch die Mehrzahl, sagen wir 75 %, der Auswanderer aus Israel Juden

europäischer Abstammung waren - also 183.000 von 244.000. Per Saldo sind zwischen 1948 und 1970 demnach 585.000 europäische Juden in Israel eingewandert (768.000 minus 183.000).

Lateinamerika und die angelsächsischen Länder

Was andere Länder neben den Vereinigten Staaten, Israel und Frankreich, das anschließend behandelt wird, betrifft, kommen noch folgende Staaten als Haupteinwanderungsländer in Betracht[44]:

 

Jüdischer Bevölkerungsstand


 

Vorkriegszeit

1943

Nachkriegszeit


Argentinien

260.000 ('35)

350.000

500.000 ('70)

Brasilien

40.000 ('33)

110.750

150.000 ('70)

Chile

3.697 ('30)

25.000

40.000 ('50)

Kolumbien

2.045 ('35)

5.800

10.000 ('70)

Mexiko

20.000 ('35)

20.000

35.000 ('70)

Peru

1.500 ('35)

2.150

5.300 ('70)

Uruguay

12.000 ('30)

37.000

50.000 ('70)

Venezuela

882 ('26)

1.600

12.000 ('70)


Lateinamerika

340.124

552.300

802.300


Kanada

155.614 ('31)

170.241 ('41)

296.945 ('71)

Australien

23.553 ('33)

32.500

72.000 ('70)

Südafrika

90.662 ('36)

99.000

119.900 ('70)

England[45]

300.000 ('31)

365.000

450.000 ('50)


Angelsächs. Länder

569.829

666.741

938.845


Insgesamt

909.953

1.219.041

1.741.145


Lateinamerikas jüdische Bevölkerung von 340.000 hatte bis 1943 um 210.000 zugenommen; davon sind höchstens 30.000 dem natürlichen Wachstum zuzuschreiben, und die restlichen 180.000 stellen daher die jüdische Einwanderung dar. In der Nachkriegszeit soll die jüdische Bevölkerung auf über 800.000 gestiegen sein - eine Zunahme um weitere 250.000. Da es sich bei den lateinamerikanischen Juden meistens um großstädtische Einwohner, insbesondere in Argentinien und Brasilien, handelt, und die meisten davon in dem Land mit dem geringsten Bevölkerungswachstum in Lateinamerika, in Argentinien, leben, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß der Geburtenüberschuß in der Nachkriegszeit überhaupt 100.000 erreichte; d.h. die Netto-Einwanderung war mindestens 150.000.

Bei den angelsächsischen Ländern, ohne die Vereinigten Staaten, ist bis 1943 eine Zunahme von 97.000 ersichtlich. Alle vier Länder hatten jedoch eine stagnierende jüdische Bevölkerung. So soll folgende jüdische Einwanderung zwischen 1933 und 1943 stattgefunden haben[46]:

Kanada

8.000

Australien

9.000

Südafrika

8.000

England

65.000


Zusammen

90.000


Die natürliche Zunahme kann also nicht höher als 7.000 gewesen sein. In der Nachkriegszeit jedoch stieg die jüdische Bevölkerungszahl um 272.000 an; aufgrund des niedrigen jüdischen Geburtenüberschusses in diesen Ländern und, im Falle Englands auch des kurzen Zeitintervalls, ist kaum anzunehmen, daß die Einwanderung weniger als 250.000 betrug.

Frankreich

Frankreich stellt unter den Haupteinwanderungsländern einen Sonderfall dar, da es als einziges Land während des Krieges von deutschen Truppen besetzt war und neben einer enormen Einwanderung aus Osteuropa auch eine starke aus Nordafrika zu verzeichnen hatte. Wie schon im sechsten Kapitel erwähnt, sollen in Frankreich 238.000 Juden den Krieg überlebt haben. Im Jahre 1970 lebten dort angeblich 550.000 Juden[47]. In der Nachkriegszeit können bis zu 60.000 Juden aus Tunesien eingewandert sein; außerdem haben sich in den Jahren 1962/1963 von den 130.000 algerischen Juden nur 13.000 für Israel entschieden, denn außer 1.500 Zurückgebliebenen ist der Rest von 115.000 Juden nach Frankreich gezogen, als Algerien unabhängig wurde[48]. Ohne natürlichen Zuwachs hätte es also 1970 nur knapp 400.000 Juden in Frankreich gegeben. Was auch immer der Geburtenüberschuß gewesen sein mag, 150.000 waren es bestimmt nicht.

Doch die oben zitierte, vom Year Book veröffentlichte Zahl von 550.000 Juden in Frankreich stimmt nicht! Mitte 1977 wurde in Frankreich von offizieller Seite ermittelt, daß nicht weniger als 700.000 Juden in Frankreich wohnten. Wörtlich schreibt die International Herald Tribune dazu: ».. eine offizielle Zählung ergab 700.000 Juden in Frankreich, mindestens 150.000 mehr, als allgemein angenommen wurde«[49].

Zwar erwiesen sich die afrikanischen Juden als relativ fruchtbar, aber die heimischen europäischen Juden hatten eine in Europa übliche geringe Zuwachsrate. Es ist deshalb anzunehmen, daß diese gemischte jüdische Bevölkerung bis 1970 - also sieben Jahre vor der amtlichen Ermittlung -nicht viel größer als 670.000 war, von denen wiederum ca. 185.000 nordafrikanischer Abstammung waren (siehe Fußnote zu Tabelle 15). Damit verbleiben für 1970 noch 485.000 europäische Juden in Frankreich. Nach Berücksichtigung der ursprünglichen 238.000 des Jahres 1945 und eines geringen Geburtenüberschusses muß die Zuwanderung in Frankreich aus Osteuropa nach dem Krieg 230.000 betragen haben.

Was die Vorkriegseinwanderung in Frankreich betrifft, gibt es verschiedene »Schätzungen«. Die im sechsten Kapitel erwähnte Zahl von 90.000 beinhaltet jedoch auch die Einwanderung bzw. Flucht aus Holland und Belgien.

Die »Vermißten«

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß von Kriegsende bis zum Jahre 1970 1.778.000 Juden von den westlichen Haupteinwanderungsländern aufgenommen wurden; diese Zahl ist mehr als 50 % größer als die 1,1 Millionen Juden, die in den 30er Jahren in denselben Ländern eingewandert sind (Tabelle 14). Da Frankreich jedoch, als ein ehemals deutsch besetztes Land, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg als Haupteinwanderungsland in Erscheinung trat, muß die jüdische Einwanderung bei der Analyse der jüdischen Auswanderung aus dem ehemals deutsch besetzten Europa außer acht gelassen werden. Damit betrug die jüdische Einwanderung in den Haupteinwanderungsländern außerhalb der ehemaligen deutschen Einflußsphäre nach dem Krieg (bis 1970) ungefähr 1.548.000. Als Ursprungsgebiet dieser mehr als 1,5 Millionen jüdischen Einwanderer in den angelsächsischen und lateinamerikanischen Ländern sowie in Israel kommen nur diejenigen europäischen Länder (außerhalb der Sowjetunion in den heutigen Grenzen) in Frage, die im Zweiten Weltkrieg im deutschen Einflußbereich waren.

Tabelle 14: Einwanderung EUROPÄISCHER Juden in den Haupteinwanderungsländern vor und nach dem 2. Weltkrieg


 

Vor dem Krieg

Nach dem Krieg


Palästina

293.000 ('32-'44)

73.000('45-'48)

Israel

 

585.000('48-'70)

Vereinigte Staaten

406.000 ('33-'43)

490.000

Lateinamerika

180.000 (30er J.)

150.000

Kanada, Australien, England, Südafrika

90.000 (30er J.)

250.000

Frankreich

90.000 (30er J.)

230.000


Haupteinwanderungsländer

1.059.000

1.778.000

abzüglich:

   

Frankreich

90.000

230.000


Haupteinwanderungsländer außerhalb des im 2. Weltkrieg deutsch besetzten Teils Europas

969.000

1.548.000


Quelle: 7. Kapitel

1970 lebten in diesen europaischen Ländern 860.000 Juden europäischen Ursprungs (Tabelle 15). Zählt man dazu noch die 1.548.000 jüdischen Immigranten in den Haupteinwanderungsländern (ohne Frankreich), dann müssen bei Kriegsende mindestens 2.408.000 Juden in den ehemals deutsch besetzten Ländern Europas (außerhalb der UdSSR und des Baltikums) vorhanden gewesen sein. Wahrscheinlich waren es sogar mehr, denn das europäische Judentum hatte in den dazwischenliegenden 25 Jahren mit Sicherheit ansehnliche Verluste durch Geburtendefizite und Assimilierung erlitten.

Tabelle 15: Jüdische Bevölkerung EUROPÄISCHEN Ursprungs im Jahre 1970 in den ehemals deutsch besetzten europäischen Ländern[50]


Bulgarien

7.000

 

Jugoslawien

7.000

 

Polen

9.000

 

Rumänien

100.000

 

Tschechoslowakei

14.000

 

Ungarn

80.000

 

 

Kommunistische Länder ohne UdSSR

 

217.000

 

Belgien

40.500

 

Dänemark

6.000

 

Griechenland

6.500

 

Italien

35.000

 

Luxemburg

1.000

 

Niederlande

30.000

 

Norwegen

750

 

Osterreich

8.000

 

Deutschland

30.000

 

Frankreich*

485.000

 

 

Westeuropäische Länder ca.

 

643.000


Zusammen ca.

 

860.000


* In Frankreich wurden 1977 700.000 Juden ermittelt[44]. Die alteingesessene jüdische Bevölkerung stagnierte, doch dürften die etwas jüngeren eingewanderten osteuropäischen Juden einen gewissen natürlichen Zuwachs bewirkt haben. Noch stärkere Geburtenüberschüsse erzielten jedoch die in den 60er Jahren eingewanderten ca. 170.000 nordafrikanischen Juden. Bei einer durchschnittlichen Zuwachsrate von maximal 0,8 % lebten 1970 670.000 Juden in Frankreich. Die nordafrikanischen Juden könnten bis 1970 Geburtenüberschüsse von ca. 15.000 zu verzeichnen gehabt haben. Damit verbleiben 1970 noch 485.000 Juden europäischen Ursprungs in Frankreich.

Da angesehene zionistische Organisationen wie das American Jewish Committee in den Jahren 1946/1947 jedoch nur 1,41 Millionen erfaßt haben wollen, muß die fehlende Million (2.408.000 minus 1.410.000) Juden schon in den ersten Nachkriegsmonaten und -jahren Europa verlassen haben, es sei denn, die Erfassung war unvollständig oder der Öffentlichkeit wurden absichtlich »politische« Zahlen aufgetischt.

Wie unmöglich niedrig die Zahl des Year Book von 1,41 Millionen Überlebenden (1946/1947) ist, wird schon daraus deutlich, daß dann eigentlich nur ungefähr eine halbe Million Juden (1.410.000 minus 860.000) zwischen Kriegsende und 1970 aus dem ehemals deutsch besetzten Europa hätten auswandern können.

Tatsache ist aber, daß Israel allein schon mehr als eine halbe Million jüdische Einwanderer aus Europa nach 1948 empfangen hat. Man wäre gezwungen, die große jüdische Einwanderung in der westlichen Hemisphäre nach Ende des Zweiten Weltkriegs völlig in Abrede zu stellen. Dies ist offensichtlicher Unsinn.

Welchen Ländern diese überlebenden, statistisch aber nicht erfaßten europäischen Juden zuzuordnen sind, läßt sich heute nicht mehr sagen. In den ersten Nachkriegsjahren strömten jüdische Flüchtlinge Woche für Woche, Monat für Monat aus dem Osten nach dem Westen, wurden von Lager zu Lager gebracht, und es dauerte oft Jahre, bis sie sich in ihren endgültigen neuen Wohnsitzen niederließen. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß Hunderttausende sozusagen 'zwischen' den Ländern lebten und deshalb auch nicht als zu einem bestimmten Land gehörend statistisch in Erscheinung traten. Zugegeben, das Year Book hat im Falle Italiens, Deutschlands und Österreichs Zahlen für die jüdischen DP's für 1947 angegeben; nicht aber für die anderen Länder. Zum Beispiel fehlt Zypern -wo die Engländer Zehntausende von Juden, die nach Palästina wollten, festhielten -, aber auch Marokko und Tunesien.

Über den Einwanderungsnachweis wurden

1.548.000

jüdische Auswanderer zwischen Kriegsende und 1970 ermittelt (Tabelle 14). 1970 gab es in den ehemals deutsch besetzten europäischen Ländern immer noch

860.000


EUROPÄISCHE Juden (Tabelle 15). Folglich müssen bei Kriegsende im ehemals deutsch besetzten Europa mindestens

2.408.000

Juden überlebt haben. Auf der Basis hauptsächlich zionistischen und zionistenfreundlichen Zahlenmaterials gab es angeblich in den Jahren 1946/47 (Tabelle 11) nur

1.443.000


überlebende Juden. Das heißt, die Differenz von

965.000


stellt zusätzliche Überlebende bzw. Auswanderer aus dem ehemals deutsch besetzten Europa dar.

 

Während einerseits die tatsächliche Zahl jüdischer Überlebender im deutsch besetzten Europa (ohne UdSSR in den heutigen Grenzen) bei fast 2V2 Millionen lag, sind die Vermißten unter den außersowjetischen europäischen Juden sehr viel geringer.

Anlehnend an zionistische Statistiken kamen wir in Tabelle 11 auf

1.269.000

jüdische Vermißte. Bringt man davon die

965.000


zusätzlichen Überlebenden in Abzug, reduziert sich die Zahl der statistisch nicht nachweisbaren europäischen Juden auf

304.000


Inwieweit es sich hier um tatsächliche Vermißte handelt, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist, daß die jüdische Bevölkerung in den von Deutschland während des Krieges besetzten Gebieten unter beträchtlichen Geburtendefiziten litt; diese wurden mangels konkreter Zahlen nur teilweise berücksichtigt. Außerdem ist hier nur die Einwanderung in vierzehn Ländern berücksichtigt worden; zwar nahmen diese vierzehn Länder die große Masse der jüdischen Nachkriegsauswanderer auf, doch dürfte eine Untersuchung anderer kleinerer Aufnahmeländer ohne weiteres noch Zehntausende zusätzlicher Auswanderer ausfindig machen. Es ist damit klar, die auf Tabelle 11 auf der Basis zionistischer Statistiken ermittelten 1,3 Millionen »vermißten« Juden in den ehemals deutsch besetzten europäischen Ländern (ohne die Sowjetunion in den heutigen Grenzen) können den Tatsachen unmöglich entsprechen. Der von General Morgan und selbst zionistischen Kreisen beschriebene Strom jüdischer Emigranten aus Osteuropa nach Abschluß der Kampfhandlungen - nach obigen Zahlen waren es 1,5 Millionen bis 1970 - muß die Mehrzahl der Deportierten und der in deutsche Hand gefallenen polnischen Juden miteingeschlossen haben.

Die organisierte Flucht

Wie schon mehrfach angedeutet, konnten sich viele Juden schon während des Krieges aus dem deutschen Machtbereich retten. Auch sie gehören zu den 965.000 überlebenden, aber statistisch nicht erfaßten europäischen Juden. Die genaue Zahl dieser nach Beginn, aber vor Ende des Zweiten Weltkrieges in neutrale oder alliierte Länder und Gebiete geflohenen Juden ist völlig unbekannt, muß aber viele Hunderttausende betragen haben.

Das Institute of Jewish Affairs berichtet zwar, daß von Kriegsbeginn bis zum Jahr 1943 180.000 Juden aus den von deutschen und verbündeten Truppen beherrschten europäischen Ländern entkommen konnten, doch woher sie kamen und welche Fluchtwege sie benutzten, ist weitgehend unbekannt[51].

Nur hier und da gibt es versteckte Hinweise auf die Türkei als bedeutendes Aufnahme- und Durchgangsland flüchtender Juden, die über Konstanza (Rumänien) per Schiff oder über Bulgarien per Eisenbahn das neutrale oder alliierte Ausland zu erreichen versuchten. Noch rätselhafter sind die vorläufigen Aufnahmestationen dieser Flüchtlinge. Das Year Book, zum Beispiel, führt zwar Zahlen für die in Lagern im Nachkriegsdeutschland, -österreich und -italien lebenden jüdischen DP's an, aber keine für Zypern, Persien oder Marokko, wo - wie in diesem Kapitel aufgezeigt -ebenfalls viele jüdische Flüchtlinge vor oder bei Kriegsende aufgenommen worden sein müssen.

Einen wichtigen Hinweis auf das Ausmaß und den organisatorischen Unterbau dieser Fluchtbewegung in den letzten 16 Monaten des Krieges kommt vom U.S. War Refugee Board (Board). Das Board wurde am 22.1.1944 von Roosevelt ins Leben gerufen, u. a. mit dem Ziel, möglichst viele Juden dem deutschen Machtbereich zu entreißen. Sonderbeauftragte des Boards wurden sofort in allen »strategischen« Plätzen, die für die Aufnahme, Verpflegung und Transport wichtig waren, eingesetzt, und zwar in der Türkei, Schweiz, Schweden, Portugal, Gro13britannien, Italien und Nordafrika[52].

Als US-Diplomaten waren sie in der Lage, im Namen der US-Regierung mit den befreundeten oder neutralen Regierungen Verhandlungen aufzunehmen oder gar mit deutschen Stellen direkten Kontakt zu knüpfen, um die Freilassung jüdischer Häftlinge zu erwirken. Wieviele tausend Juden insgesamt aufgrund dieser Direktverhandlungen dem deutschen Machtbereich entkamen, wird nicht gesagt, doch soll der letzte deutsch-amerikanische Austausch im Februar 1945 stattgefunden haben; die entlassenen Juden »wurden in ein UNRRA-Lager in Nordafrika gebracht und warteten dort auf den Weitertransport in ihre Bestimmungsländer«[53].

Von viel größerer Bedeutung für das Entkommen der Juden aus dem deutschen Einflußgebiet war - besonders in den letzten 1V2Kriegsjahren - die Flucht in die Türkei und, in geringerem Maße, nach Süditalien. Zwar brauchten die Vereinigten Staaten im besetzten Süditalien nicht auf eine ihrer Hoheitsrechte bewußte italienische Regierung Rücksicht zu nehmen, im Falle der neutralen Türkei aber mußte erst deren Einverständnis erlangt werden. Um die flüchtenden Juden weiter nach Palästina, in Auffanglager im Nahen Osten und Nordafrika weiterzutransportieren, war auch die Zustimmung Großbritanniens und Frankreichs, d.h. degaulles, notwendig.

Die amerikanische Regierung »versicherte den neutralen Regierungen [Türkei, Schweiz, Schweden], daß sie für den Unterhalt der Flüchtlinge sorgen und für deren Evakuierung in andere sichere Plätze baldmöglichst Schritte unternehmen würde«[54].

»Die türkische Regierung wurde um ihre Zustimmung gebeten, alle Flüchtlinge, die die türkische Grenze erreichten, auf ihr Territorium übertreten zu lassen. Der türkischen Regierung wurde versichert, daß die Flüchtlinge versorgt und so bald wie möglich in andere Länder weitergebracht würden. ... Die türkische Regierung gab letztlich ihre Zustimmung, mehr Grenzübertritt- und Transitvisa zu genehmigen, Transportfazilitäten bereitzustellen und überhaupt mit der amerikanischen Regierung zusammenzuarbeiten, um Nazi-Opfer zu retten«[55].

Um diese großangelegte Fluchthilfeaktion durchzuführen, wurden die Dienste der UNRRA in Anspruch genommen, die die zeitweiligen Unterkünfte für die jüdischen Flüchtlinge, deren Transport und Verpflegung auf dem Wege in die Notunterkünfte sicherstellte. UNRRA-Lager wurden im Nahen Osten, in Italien und in Nordafrika errichtet, um Tausende dieser Flüchtlinge aufzunehmen und von dort in andere Länder weiterzubefördern[56].

Schon seit Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es für Juden Möglichkeiten, aus dem Balkan über die Türkei nach Palästina und andere alliierte Gebiete zu fliehen. Diese Fluchtwege führten über das Schwarze Meer vom Hafen Konstanza (Rumänien) nach Istanbul oder per Eisenbahn durch Bulgarien. Das Board machte es sich zur Aufgabe, diese Fluchtwege systematisch auszubauen, um einem »stetigen Strom von Flüchtlingen über diese Wege in die Türkei zu bringen«[57].

Für diesen Zweck wurden untergeordnete deutsche Stellen und Grenzbeamte bestochen, gefälschte Ausweispapiere angefertigt, Ausreise- und Transitvisa besorgt und der Transport per Schiff oder Bahn für die Weiterbringung ins sichere Ausland bereitgestellt. »Auf diese heimliche und illegale Weise wurden Zehntausende vor den Nazis gerettet«, schreibt das Board[58].

»Die Flüchtlinge wurden gesammelt, vor den unter Nazikontrolle stehenden rumänischen Beamten versteckt und im Hafen Konstanza auf kleine Schiffe gebracht. ... [Die Flüchtlinge] wurden zu Hunderten auf Schiffe zusammengedrängt, die normalerweise nur 20 bis 50 Passagiere beförderten. ...im März 1944 wurden 48.000 Juden von Transnistrien nach Rumänien zurückgebracht. Viele von ihnen, meistens Kinder, wurden zusammen mit anderen [jüdischen] Flüchtlingen von Rumänien nach Palästina gebracht«[59].

Ein zweiter Fluchtweg vom Balkan in alliiertes Gebiet führte von Jugoslawien per Boot über die Adria nach Süditalien. Die Partisanen- und Untergrundverbände in der Slowakei, Ungarn und Jugoslawien schmuggelten flüchtende Juden bis zur Adria, wo die vom Board organisierten Boote die Flüchtlinge aufnahmen und in süditalienische UNRRA-Lager weiterbeförderten. Über diese Route sollen allein 7.000 »ungarische« Juden - unbekannt ist, ob es sich bei ihnen um Juden Großungarns oder Vorkriegsungarns handelte - entkommen sein[60].

In Süditalien hatte die UNRRA zahlreiche Lager für die über die Adria strömenden jüdischen Flüchtlinge eingerichtet. Als es sich dann aber bald herausstellte, daß die dortigen Aufnahmelager wegen Überfüllung in Schwierigkeiten gerieten, wurden die Lagerinsassen weiter in »anderes alliiertes Territorium« geschafft[61]. Gemeint sind damit die nordafrikanischen UNRRA-Lager, wie zum Beispiel Camp Marechal Lyautey in der Nähe von Casablanca oder Camp Philippeville in Algerien[62].

Die finanziellen Mittel, mit denen Beamte bestochen, falsche Ausweise besorgt und der Schiffs- und Eisenbahntransport innerhalb des deutschen Einflußbereiches bezahlt wurden, kamen über die »neutrale« Schweiz und wurden von dort an die jüdischen Organisationen in Ungarn und anderswo weitergeleitet[63].

Es ist schade, daß das Board keine Angaben darüber machte, wieviele Juden durch seine Einwirkung vor Kriegsende aus dem Bereich der Achsenmächte entkommen konnten. Hier und da werden Zahlen für ganz bestimmte Gruppen angeführt, ansonsten aber ist stets nur von Hunderten, Tausenden und Zehntausenden die Rede. Die Tatsache, daß

lassen das enorme Ausmaß der Flucht bzw. Evakuierung vor oder kurz nach Kriegsende aus den ehemals deutsch besetzten europäischen Ländern ahnen: Es waren viele Hunderttausend.


Anmerkungen

  1. Hilberg, Destruction of European Jews, S. 729-730.
  2. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 232.
  3. The Immigration and Naturalization Systems of the United States, Report of the Committee on the Judiciary, U.S. Senate, 81st Congress, 2d Session, 20. April 1950, S. 843.
  4. AJYB, 1976, Vol. 77, S. 268.
  5. ebd., S. 271-274.
  6. The Immigration and Naturalization Systems, S. 21.
  7. U.S. Department of Commerce, Bureau of the Census. Population Estimates and Projections, Current Population Reports, Series P-25, Nr. 632, Juli 1976, Washington, D.C., S. 1.
  8. AJYB, 1947, Vol. 49, S. 749.
  9. Encyclopaedia Judaica, Vol. 16, S. 554-555.
  10. Wischnitzer, Mark. »The History of the Jews in Russia in Recent Publications«, The Jewish Quarterly Review, Philadelphia, 1944-1945, Vol. XXXV, S. 393.
  11. Sykes, Christopher. Kreuzwege nach Israel: Die Vorgeschichte des Jüdischen Staates, München, 1967, S. 414.
  12. The New York Times. »580,000 Refugees Admitted to United States in Decade«, 11.12.1943, S. 1; siehe auch Fußnote 11.
  13. AJYB, 1947, Vol. 49, S. 749.
  14. Ruppin, Arthur. The Jewish Fate and Future, London, 1940, S. 46.
  15. The New York Times. »580,000 Refugees Admitted to United States in Decade«, 11.12.1943, S. 6.
  16. AJYB, 1974, Vol. 75, S. 300 und 1977, Vol. 78, S. 262-263.
  17. Es ist anzunehmen, daß die natürliche jüdische Zuwachsrate in den USA in den 70er Jahren sogar unter Null fiel. So schreibt z.B. das AJYB, 1976, Vol. 77, S. 310: »Die gegenwärtige jüdische Fertilität [in den Vereinigten Staaten] ist 6 Punkte [d.h. o,6 %l unter der der am dichtesten bevölkerten städtischen Gebiete«. Die städtischen und insbesondere die großstädtischen Bevölkerungsteile hatten aber auch in den USA wie in anderen Industrieländern natürliche Zuwachsraten, die weit unter denen der Gesamtbevölkerung lagen. Wenn nun, wie die Veröffentlichung »Population Estimates and Projections« des U.S. Department of Commerce festhält, die amerikanische durchschnittliche natürliche Zuwachsrate in den Jahren nach 1972 unter 0,6 % pro Jahr lag, dann läßt dies wohl den Schluß zu, daß die amerikanische jüdische Bevölkerung seit Anfang der 70er Jahre in einer ernsten demographischen Krise steckt.
  18. AJYB, 1973, Vol. 74, S. 276.
  19. Der Statistical Abstract of Israel führt die aus den Amerikas und aus Europa eingewanderten Juden nicht getrennt auf; die jüdischen Einwanderer aus Amerika stellen aber nur einen winzigen Anteil dieser Gruppe dar.
  20. Statistical Abstract of Israel 1955156, Tab. 16, S. 14.
  21. 1980, Tab. V/l, S. 133.
  22. 1954/55, Tab. 5, S. 33.
  23. 1955/56, Tab. 3 , S. 7.
  24. 1958 World Almanac and Book of Facts, New York, S. 270.
  25. Der Geburtenüberschuß von 865.000 für die Jahre 1946-1970 wurde auf der Basis der von der NJPS ermittelten Altersstruktur errechnet.
  26. Die Einwanderung von 490.000 für die Jahre 1946-1970 errechnet sich wie folgt: a) Die jüdische Bevölkerung der Jahrgänge 1946-1950 ist 8,7 % von 6.600.000, oder 574.000. b) Von den 574.000 sind 8,6 % im Ausland geboren, oder 49.000. c) Diese 49.000 stellten ungefähr 10 % der Einwanderer dar.
  27. U.S. News & World Report, New York, 7. April 1980, S. 41.
  28. AJYB, 1947, Vol. 49, S. 742.
  29. Statistical Abstract of Israel 1971, Nr. 22, Tabelle B/2, S. 22.
  30. Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 534.
  31. ebd., S. 541.
  32. AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501.
  33. 1972 World Almanac, S. 156.
  34. Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 533.
  35. AJYB, 1945, Vol. 47, S. 638.
  36. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 36.
  37. AJYB, 1946, Vol. 48, S. 609.
  38. 1972 World Almanac, S. 156.
  39. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 227.
  40. AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501.
  41. -, 1951, Vol. 52, S. 199.
  42. Es ist nicht bekannt, ob die nach Israel aus Tunesien gewanderten Juden dem orientalischen oder dem zugewanderten (ost-)europäischeu Teil angehörten. Hier wurden sie als »(ost-)europäisch« betrachtet; dementsprechend wurden die nach Frankreich aus Tunesien gekommenen Juden den orientalischen zugerechnet.
  43. Statistical Abstract of Israel 1971, Tabelle B/2, S. 22.
  44. Tartakower, Arieh und Kurt R.,Grossmann. The Jewish Refugee, New York, 1944, S. 343; außerdem AJYB, 1944, Vol. 46 (S. 500-501), 1951 Vol. 52 (S. 196-198) und 1971 Vol. 72 (S. 477-479).
  45. Lt. AJYB, 1969, Vol. 70, S. 276, stieg die geschätzte Zahl der Juden in Großbritannien 1950 auf 450.000 »und blieb seither auf diesem Niveau«. In der Ausgabe von 1977, Vol. 78, S. 339-340 schreibt das AJYB weiter: »Ein herausragendes Merkmal [der englischen Juden] ist der demographische Rückgang. ... Experten behaupten, daß in allernächster Zukunft die jüdische Bevölkerung auf 225.000 zurückgehen wird, verglichen mit den geschätzten 410.000 [für 19711. Der Hauptgrund ist die niedrige Geburtenrate. ... jüdische Familien haben im Schnitt nur 1,72 Kinder ... während in der gesamten englischen Bevölkerung 2,16 Kinder pro Familie entfallen. ... Mischheiraten jedoch entwickelten sich zur größten Gefahr für die Zukunft der britischen Juden. ... das wahre Ausmaß der Assimilation . . . liegt bei ungefähr 20 % ... « Der Rückgang um 40.000 seit 1950 kann also durch diese beiden Faktoren - Mischheiraten und Geburtenschwund - erklärt werden.
  46. Tartakower und Grossmann, Jewish Refugee, S. 343.
  47. AJYB, 1971, Vol. 72, S. 476.
  48. Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 538-539.
  49. International Herald Tribune. »French Policies to Court the Jewish Vote«, 10. Mai 1977, S. 2.
  50. AJYB, 1971, Vol. 72, S. 476. Die für die europäischen Länder (1970) angegebenen jüdischen Bevölkerungsziffern (ohne Frankreich) sind -wie auf Tabelle 15 ersichtlich - mit der Realität nicht unbedingt identisch. Dem AJYB, 1969, Vol. 70, S. 285, zufolge haben die häufigen Mischheiraten der europäischen Juden und das damit oftmals verbundene Ausscheiden aus der jüdischen Gemeinde zu nicht unbeträchtlichen, aber leider nicht feststellbaren Unterschätzungen der europäischen jüdischen Bevölkerung geführt.
  51. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 306.
  52. U.S. War Refugee Board, Final Summary Report, S. 4-5.
  53. ebd., S. 34.
  54. ebd., S. 7.
  55. ebd., S. 20-21.
  56. ebd., S. 9.
  57. ebd., S. 19-20.
  58. ebd., S. 18.
  59. ebd., S. 21-23.
  60. ebd., S. 26.
  61. ebd., S. 64.
  62. ebd., S. 61-62.
  63. ebd., S. 32-33.

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