ACHTES KAPITEL

Die jüdische Weltbevölkerung

Entwicklung vor dem Krieg

Noch Anfang der 30er Jahre lebten ca. 9,5 Millionen Juden in Europa (einschl. Sowjetunion)[1]; von diesen wiederum fielen fast zwei Drittel entweder niemals in deutsche Hand oder konnten dem deutschen Einflußbereich entkommen. Auch war die europäische jüdische Bevölkerung bereits vor der Machtergreifung Hitlers dabei, ihre einstige Konzentration in Europa aufzugeben. Diese Auflösung vollzog sich als Konsequenz massiver Auswanderungsströme aus den osteuropäischen Ländern, aus Geburtendefiziten, Konfessionsänderungen und genereller Assimilierungsbestrebungen. Die Wirtschaftskrise der 30er Jahre und der staatlich gelenkte Antisemitismus in Großdeutschland, Polen, Rumänien usw. verstärkten die Bemühungen der Juden, Europa den Rücken zu kehren. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schließlich zerstörte vollends ihre einstmalige Hochburg in Europa bis auf relativ wenige Überreste am westlichen Rand des Abendlandes.

Ungefähr eine Million Juden verließen Europa vor dem Krieg; etwa eine halbe Million befand sich sowieso in Ländern Europas, die niemals im deutschen Einflußbereich waren, und vom September 1939 bis Mitte 1940 verschwanden mehr als zwei Millionen osteuropäische Juden im Roten Imperium und teilten das Schicksal der dortigen drei Millionen Sowjetjuden. In den bis zum 22.6.1941 in die deutsche Machtsphäre gekommenen europäischen Ländern verblieben nur noch 2,8 Millionen. Eine weitere dreiviertel Million geriet unter deutsche und verbündete Verwaltung, als deutsche Truppen mit dem Angriff auf die UdSSR einem sowjetischen Überfall zuvorkamen. Damit gerieten ungefähr 3,5 Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs in den deutschen Einflußbereich.

Von den 5-5,5 Millionen Juden in der UdSSR (1940) lebte eine Million von Anfang an außerhalb der späteren deutschen Besatzungszone, fast eine weitere Million war schon im Frühjahr 1940 aus den westlichen Grenzgebieten nach Sibirien verschleppt worden, und von den restlichen 3,5 Millionen haben sich vier Fünftel mehr oder weniger freiwillig mit der Roten Armee zurückgezogen.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurden in den ehemals deutsch besetzten Ländern Europas (ohne UdSSR) mindestens 2,4 Millionen Juden wiedergefunden; ca. 300.000 sind statistisch nicht erfaßbar. In der Sowjetunion haben von den mehr als fünf Millionen Juden über eine Million im Krieg ihr Leben verloren - der größte Teil davon entweder als Rotarmisten oder als sowjetische Sklavenarbeiter in sibirischen Arbeits- und Konzentrationslagern. Nach Kriegsende lebten in der UdSSR wahrscheinlich noch bis zu 4,3 Millionen Juden, und sogar im Jahre 1980 wurde ihre Zahl von namhaften zionistischen Persönlichkeiten wie Dr. Nahum Goldmann noch immer bis auf 3,5 Millionen geschätzt, obwohl in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten Hunderttausende das Arbeiterparadies verlassen hatten, und beträchtliche Geburtendefizite und zahlreiche Mischheiraten dem sowjetischen Judentum in der Nachkriegszeit gewaltige Einbußen bescherten.

Tabelle 16: Jüdische Weltbevölkerung in den 30er Jahren
- nach Ländern geordnet -


Europa

 

 

 


 

England (1931)

300.000

 

 

Gibraltar (1931)

886

 

 

Irland (1926)

3.686

 

 

Malta (1920)

35

 

 

Portugal (1931)

1.200

 

 

Schweden (1930)

6.653

 

 

Schweiz (1930)

17.973

 

 

Spanien (1934)

4.000

 

 


 

Nicht-besetztes Europa

 

334.433

 

 

Albanien (1930)

204

 

 

Belgien (1934)

60.000

 

 

Bulgarien (1934)

48.398

 

 

Dänemark (1930)

5.690

 

 

Deutschland (1939)

250.448

 

 

Finnland (1937)

1.755

 

 

Frankreich (1936)

240.000

 

 

Griechenland (1928)

72.791

 

 

Italien (1931)

47.825

 

 

Jugoslawien (1931)

68.405

 

 

Luxemburg (1935)

3.144

 

 

Niederlande (1935)

111.917

 

 

Norwegen (1930)

1.359

 

 

Polen (1931)

3.113.900

 

 

Rumänien (1930)

756.930

 

 

Tschechoslowakei (1930)

356.830

 

 

Ungarn (1930)

444.567

 

 


 

Ehemals deutsch besetztes Europa

 

5.584.163

 

 

Estland (1934)

4.302

 

 

Lettland (1935)

93.479

 

 

Litauen (1923)

155.125

 

 

Sowjetunion (1939)

3.020.141

 

 


 

Sowjetunion und Baltikum

 

3.273.047

 


 

Europa

 

 

9.191.643

 

Afrika, Asien, Australien

 

 

 


 

Ägypten (1934)

72.550

 

 

Äthiopien (1936)

51.000

 

 

Algerien (1931)

110.127

 

 

Kenia (1931)

305

 

 

Kongo (1923)

177

 

 

Libyen (1938)

30.046

 

 

Marokko (franz.) (1936)

161.312

 

 

Marokko (span.) (1936)

12.918

 

 

Portug. Ostafrika (1923)

100

 

 

Rhodesien (1931)

2.447

 

 

Südafrika (1936)

90.662

 

 

S.W. Afrika (1925)

200

 

 

Tanganyika (1931)

10

 

 

Tanger (1936)

7.000

 

 

Tunesien (1936)

59.485

 

 


 

Afrika

 

598.339

 

 

Aden (1931)

4.151

 

 

Afghanistan (1929)

5.000

 

 

Arabien (?)

25.000

 

 

China (1935)

19.850

 

 

Hongkong (1935)

250

 

 

Indien (1931)

24.141

 

 

Indochina (1924)

1.000

 

 

Irak (1935)

90.970

 

 

Japan (1938)

200

 

 

Malaya (1921)

703

 

 

Palästina (1939)

424.373

 

 

Persien (1935)

40.000

 

 

PhilippiDen (1934)

500

 

 

Syrien/Libanon (1931)

26.051

 

 

Trans-Jordanien (1934)

200

 

 

Türkei(1935)

78.730

 

 

Zypern (1931)

75

 

 


 

Asien

 

741.194

 

 

Australien (1933)

23.553

 

 

Neuseeland (1936)

2.653

 

 


 

Australien und Neuseeland

 

26.206

 


 

Afrika, Asien und Australien

 

 

1.365.739

 

Nord- und Südamerika

 

 

 


 

Argentinien (1935)

260.000

 

 

Brasilien (1933)

40.000

 

 

Chile (1930)

3.697

 

 

Costa Rica (1939)

500

 

 

Curacao (1929)

566

 

 

Dominikanische Republik (1940)

756

 

 

Guatemala (1938)

350

 

 

Guyana (brit.) (1938)

1.000

 

 

Haiti (1936)

150

 

 

Honduras (1938)

25

 

 

Jarnaika (1935)

2.000

 

 

Kolumbien (1935)

2.045

 

 

Kuba (1933)

7.800

 

 

Mexiko (1935)

20.000

 

 

Nikaragua (1938)

100

 

 

Panama (1930)

'850

 

 

Panama Kanal Zone (1938)

74

 

 

Paraguay (1930)

1.200

 

 

Peru (1935)

1.500

 

 

Salvador (1939)

120

 

 

Surinam (1938)

799

 

 

Uruguay (1930)

12.000

 

 

Venezuela (1926)

882

 

 


 

Lateinamerika

 

356.414

 

 

Kanada (1931)

155.614

 

 

Vereinigte Staaten (1937)

4.771.122

 

 


 

Nordamerika

 

4.926.736

 


 

Amerikas

 

 

5.283.150


Jüdische Weltbevölkerung

 

 

15.840.532


Quelle: AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501, für alle Länder außer den Niederlanden und Rumänien; für diese beiden Länder waren keine Volkszählungsziffern angegeben, sondern »Schätzungen«, obwohl die Volkszählung in den Niederlanden 1935 111.917 Juden (AJYB, 1940, Vol. 42, S. 602) und Rumäniens Volkszählung von 1930 (Hilberg, Destruction of the European Jews, S. 486) 756.930 Juden ausweist.

Eine Einbettung dieser zahlenmäßigen Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Europas in die des Weltjudentums wird aber schon dadurch erschwert, daß es keine verläßlichen Zahlen über die heutige Anzahl der Juden in aller Welt gibt. Noch werden in vielen Ländern die Juden nicht als völkische, sondern als religiöse Minderheit gesehen. Und eigenartigerweise vermochte der sonst so einflußreiche politische Zionismus nicht, die Regierungen der westlichen Länder mit den bedeutendsten jüdischen Minderheiten zu veranlassen, die Juden in den periodischen Volkszählungen separat aufzunehmen.

Diese Situation hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu großen Differenzen in der Einschätzung der jüdischen Weltbevölkerung geführt; in der Regel ist die jüdische Minderheit in den Einwanderungsländern unterschätzt, in den Auswanderungsländern überschätzt und allgemein mit viel zu hohen natürlichen Wachstumsraten versehen worden. Dieses Problem betrifft ganz besonders die letzte Vorkriegszahl, nämlich die generell auf 16,7 Millionen geschätzte jüdische Weltbevölkerung im Jahre 1939. Die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufene Verschiebung von Millionen Juden nach Ost, West und Süd sowie das politische Interesse, die Vorkriegszahl möglichst hoch zu halten, machten eine objektive Berichtigung jener Zahl bisher unmöglich - für die historische Wahrheitsfindung aber unerläßlich.

Für die meisten Länder der Welt liegen die letzten amtlichen oder halbamtlichen Vorkriegszählungen nur für Mitte oder Anfang der 30er Jahre vor. Ausnahmen bilden die Vereinigten Staaten, Palästina, die Sowjetunion und Großdeutschland. Die letzten Zählungen oder Schätzungen vor Kriegsbeginn ergeben auf der Basis der in Tabelle 16 ersichtlichen länderspezifischen Aufgliederung folgendes Bild:

Nord- und Südamerika

5.283.150

Asien, Afrika, Australien

1.365.739

Im Zweiten Weltkrieg von Deutschland nicht besetzte europäische Länder

334.433


Außerhalb des späteren deutschen Einflußbereichs liegende Länder

6.983.322

Innerhalb des späteren deutschen Einflußbereichs liegende europ. Länder

5.584.163


Weltjudentum außerhalb der Sowjetunion und des Baltikums

12.567.485

Sowjetunion und baltische Staaten

3.273.047


Weltjudentum

15.840.532


Aus Tabelle 17 (S. 248) sind die Erfassungsjahre ersichtlich, wann die jüdische Bevölkerung der einzelnen Länder zum letzten Mal vor dem Krieg gezählt oder geschätzt wurde.

Tabelle 17: Jüdische Weltbevölkerung in den 30er Jahren
- nach Erfassungsjahren geordnet -


Jahr

Europa

+ Asien

+ Austr.

+ Afrika

+ Amerikas

= Welt


Unbekannt

 

25.000

 

 

 

25.000

1920-1925

155.160

1.703

 

477

 

157.340

1926

3.686

 

 

 

882

4.568

1928

72.791

 

 

 

 

72.791

1929

 

5.000

 

 

566

5.566

1930

1.590.206

 

 

 

17.747

1.607.953

1931

3.532.216

54.418

 

112.889

155.614

3.855.137

1933

111.917

 

23.553

 

47.800

183.270

1934

116.700

700

 

72.550

 

189.950

1935

96.623

229.800

 

 

285.545

611.968

1936

240.000

 

2.653

382.377

150

625.180

1937

1.755

 

 

 

4.771.122

4.772.877

1938

 

200

 

30.046

2.348

32.594

1939

250.448

424.373

 

 

620

675.441

1940

 

 

 

 

756

756


Welt ohne UdSSR

6.171.502

741.194

26.206

598.339

5.283.150

12.820.391

1939 UdSSR

3.020.141

 

 

 

 

3.020.141


Welt

9.191.643

741.194

26.206

598.339

5.283.150

15.840.532


Quelle: Tabelle 16.

Nach Zeiträumen geordnet ergibt sich folgende Aufgliederung und Zusammenfassung (in 1.000):

 

A

B

C

D

E

 

 

 

23/25

26/32

33/35

36/38

1939

Summe

 

Nord- und Südamerika

0

175

333

4.774

1

5.283

Asien, Afrika, Australien

2

172

352

415

424

1366

Europa

0

5.199

227

242

250

5.918


Welt ohne UdSSR/Baltikum

2

5.546

912

5.431

676

12.567

Sowjetunion und Baltikum

155

0

98

0

3.020

3.273


Weltjudentum

157

5.546

1.010

5.431

3.696

15.841


Jahre bis 1939 (durchschn.) ...

15

8

5

2

1

 

Durchschnittliche jährliche Zuwachsrate in % ...

0,2

0,2

0,7

0,5

0,3

 

Mögliche jüdische Bevölkerung Ende 1939 ...

162

5.635

1.046

5.485

3.707

16.035


In den Spalten »A« und »B« sind hauptsächlich Litauen, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Rumänien und England enthalten. Polen hatte schon in der Vorkriegszeit ein relativ geringes Wachstum seiner jüdischen Bevölkerung zu verzeichnen (0,2 %); Ungarns Juden litten sogar unter Geburtendefiziten, in der Tschechoslowakei und wahrscheinlich auch in England stagnierte die jüdische Bevölkerung; Rumäniens Juden wiesen in den 30er Jahren ebenfalls einen sehr geringen Zuwachs auf (0,2 %). Die relativ hohe Wachstumsrate der in dieser Gruppe nicht sehr zahlreichen asiatischen und afrikanischen Juden dürfte das durchschnittliche Wachstum nur unmerklich angehoben haben, so daß ein Durchschnittssatz von 0,2 % realistisch erscheint.

Die in Spalte »C« aufgeführten Länder sind ziemlich gleichmäßig auf die westliche Hemisphäre, Europa und Asien/Afrika verteilt. Den geringen bzw. stagnierenden Zuwachsraten in Europa standen höhere in Asien gegenüber, doch scheint eine Rate von 0,7 % eher noch zu hoch gegriffen. Spalte »D« wird fast gänzlich von den amerikanischen Juden dominiert. Wie hoch deren natürliches Wachstum war, ist nicht sicher. Man weiß nur, daß die großstädtische, amerikanische jüdische Bevölkerung deutlich geringere Geburtenüberschüsse erzielte als der amerikanische Durchschnitt; weiterhin haben andere US-Bevölkerungsschichten (z.B. die schwarze oder die ländliche weiße Bevölkerung) einen Kinderreichtum gehabt, der deren natürlichen Zuwachs weit über den amerikanischen Durchschnitt von 0,75 % (1935-1939) brachte[2]. Wenn man dieser Spalte also eine durchschnittliche Zuwachsrate von 0,5 % p.a. zurechnet, ist dies wahrscheinlich noch immer übertrieben hoch. Für Spalte »E« wurde ebenfalls ein Anstieg für ein Jahr berechnet, da der sowjetische Volkszählungsstichtag in den Monat Januar des Jahres 1939 fiel; allerdings dürfte die zugrunde liegende Rate von 0,3 % über der tatsächlichen liegen, denn die sowjetisch-jüdische Bevölkerung stagnierte vor dem Krieg, wie Professor Lorimer ausführte.

Die jüdische Weltbevölkerung kann 1939 also nicht größer als 16,04 Millionen stark gewesen sein; doch auch diese Zahl beinhaltet Zehntausende von Doppelzählungen. Es fällt auf (Tabelle 17), daß die Ermittlungszeitpunkte in den Aufnahmeländern jüdischer Einwanderer in der westlichen Hemisphäre und Palästina zum größten Teil in der zweiten Hälfte der 30er Jahre lagen, während die letzten Zählungen in den Auswanderungsländern in Europa mit der Ausnahme von Großdeutschland in den Jahren 1930/1931 stattfanden. Kurz, die Einwanderungsländer schließen die zwischenzeitlich aus Polen, Ungarn, dem Baltikum, Rumänien, der Tschechoslowakei, Griechenland usw. ausgewanderten Juden schon ein! Wie groß die dadurch hervorgerufene Doppelzählung ist, läßt sich natürlich nur schwer feststellen. In Anbetracht der halben Million jüdischer Auswanderer aus Polen in den 30er Jahren und den vielen Zehntausenden aus den anderen osteuropäischen Ländern, ist eine Doppelzählung von weit über 100.000 sicher. Es steht daher fest, daß die jüdische Weltbevölkerung im Jahre 1939 die 16-Millionen-Grenze überhaupt nicht erreicht hat; sie war mindestens 700.000 kleiner als allgemein angenommen wird.

Wie unmöglich z.B. die vom Year Book veröffentlichte Zahl von 16,64 Millionen für die jüdische Weltbevölkerung im Jahre 1939 ist[3], geht schon daraus hervor, daß eine solche nur hätte erreicht werden können, wenn die Juden in den einzelnen Ländern von der letzten Ermittlung bis Ende 1939 jährlich ein Durchschnittswachstum von 1,2 % zustande gebracht hätten - fast 50 % mehr als die damals noch stark ländlichen Bevölkerungen Nordamerikas oder West- und Mitteleuropas für sich in Anspruch nehmen konnten!

Im amtlichen Statistical Abstract of Israel findet man eine ähnliche Schätzung für 1939, nämlich 16,7 Millionen. Außerdem erwähnt dieselbe Quelle noch die jüdischen Weltbevölkerungszahlen für 1914 und 1925[4]:

1914

13,5 Millionen
1925 14,8 Millionen

Ein Anwachsen um 1,3 Millionen von 13,5 auf 14,8 Millionen in elf Jahren entspricht einer jährlichen Rate von 0,85 %. Vor und während dieses Zeitraums (1914/1925) verließen Millionen Ostjuden ihre Heimat und wanderten hauptsächlich nach Nordamerika aus, wo sich ihr Wachstum unter dem Druck der dortigen großstädtischen Umgebung sehr schnell verlangsamte. Außerdem hatte die Wirtschaftskrise der 30er Jahre auch auf die Juden, wie bei allen Industrienationen, einen deutlich geburtenhemmenden Einfluß. Ein Anwachsen auf 16,7 Millionen im Jahre 1939 würde aber einer Durchschnittsrate von 0,9 % p.a. entsprechen. Nicht nur hätten die Juden jener Jahrzehnte sogar eine Erhöhung ihrer natürlichen Wachstumsrate erfahren, ihr Zuwachs hätte entgegen dem Trend jener Jahre teilweise beträchtlich über dem einiger mittel- und westeuropäischer Länder und Nordamerikas gelegen. Dies ist absurd!

Demgegenüber entspräche ein Anwachsen um 1,2 Millionen von 14,8 (1925) auf 16 Millionen im Jahre 1939 einem durchschnittlichen Zuwachs von 0,55 % pro Jahr. Auch dieser Anstieg ist im Hinblick auf die drastisch abfallenden Geburten in Osteuropa, den negativen Tendenzen in einigen mittel- und südosteuropäischen Ländern und einem sehr mäßigen Wachstum in den Vereinigten Staaten immer noch sehr hoch, ist aber in Anbetracht der Entwicklung seit 1914 sehr viel realistischer. Zum Vergleich: Die amerikanische Gesamtbevölkerung verzeichnete in den Jahren 1930-1939 einen durchschnittlichen Geburtenüberschuß von nur 0,8 % pro Jahr trotz des relativ schnell wachsenden farbigen Bevölkerungsteils und einer großen ländlichen weißen Bevölkerung[5], und in Deutschland war der Geburtenüberschuß bei 0,7-0,8 %, wobei er von 0,9 % (1925) auf 0,66 % (1930) fiel und dann bis 1939 wieder auf 0,8 % anstieg[6].

Zwar hatte man die weithin bekannte Auswanderung aus Deutschland und Österreich sowie die jüdische Einwanderung in Palästina berücksichtigt, jedoch ließ man die noch viel größere Auswanderung aus Osteuropa völlig außer acht! Die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten über 400.000 jüdische Flüchtlinge und Einwanderer aufgenommen hatten, wurde erst 1943 in einem wenig beachteten Hearing eines Untersuchungsausschusses des US-Repräsentantenhauses bekannt. Während somit die jüdische Bevölkerung in den Statistiken der Haupteinwanderungsländer nur zu einem ganz geringen Teil ihren Niederschlag fand, blieb die Auswanderung aus Osteuropa fast ganz unerkannt. In der Ermittlung der Gesamtzahl der jüdischen Nachkriegsbevölkerung und der Zahl der Vermißten hatte dies natürlich gravierende Folgen, denn die überseeischen Einwanderungsländer zeigten für die Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg »offiziell« weniger Juden auf, als sie tatsächlich hatten, und für die osteuropäischen Auswanderungsländer wurden Vorkriegszahlen für die jüdische Bevölkerung zugrunde gelegt, die um über 800.000 übertrieben waren!

Die in der länderspezifischen Untersuchung im 1. und 6. Kapitel ermittelten Zahlen lassen auf eine Netto-Auswanderung vor und während des Krieges von mindestens 1.121.000 schließen (Tabelle 18). Es ist durchaus möglich, daß diese Zahl auch einige Geburtendefizite beinhaltet, denn die Angaben für einige Länder waren manchmal zu ungenau.

Tabelle 18: Jüdische Auswanderung vor und während des Zweiten Weltkrieges


Deutschland und Osterreich

442.000

Polen

500.000

Rumänien

121.600

Tschechoslowakei

52.300

Ungarn

5.500


Insgesamt

1.121.000


Quelle: 1. und 6. Kapitel. Die Flucht aus Frankreich im Jahre 1940 von ca. 30.000 Juden wurde nicht berücksichtigt, da es sich hierbei meistens um ehem. Flüchtlinge und Auswanderer aus Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei handelte und somit eine Doppelzählung darstellen würde.

Bei der Einwanderung wurden im siebenten Kapitel 1.059.000 Juden gefunden; zu den ins Visier genommenen Haupteinwanderungsländern gehörten vor und während des Krieges Palästina, die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, England, Südafrika, Frankreich und sieben lateinamerikanische Länder. Außer diesen gab es noch viele andere, die ebenfalls einige Tausend aufnahmen.

Man sieht also, daß die ermittelten Aus- und Einwanderungszahlen für die Zeit vor und während des Krieges sich ungefähr die Waage halten und sich damit bestätigen.

Eine Millionenfrage

Um nun die Wirklichkeitsnähe der vom Year Book für die Nachkriegszeit (1946) veröffentlichten jüdischen Weltbevölkerungszahl zu überprüfen, wurde die Gesamtzahl in zwei Gruppen geteilt: Die sowjetischen (oder im sowjetischen Machtbereich befindlichen) und die nicht-sowjetischen Juden.

Wie schon erwähnt, gab es 1939 knapp 16 Millionen Juden in der Welt; davon lebten 3,02 Millionen in der Sowjetunion. Für die nicht-sowjetischen Juden erhält man also eine

Ziffer von weniger als 13 Millionen. Weitere polnische, baltische und rumänische Juden wurden im Laufe der darauffolgenden Monate von der Sowjetunion vereinnahmt. Per Saldo sah die Bilanz ein Jahr später wie folgt aus:

Jüdische Weltbevölkerung 1939 (höchstens)

 

16.000.000

abzüglich:

 

 

- »Alt«-sowjetische Juden (1939)

3.020.000

 

- Ehemalige polnische Juden (1939/40)

1.867.000

 

- Ehemalige baltische Juden (1940)

225.000

 

- Ehemalige rumänische Juden (1940)

225.000


 

Gesamtsowjetische Juden

 

5.337.000


Juden außerhalb der Sowjetunion 1940 (höchstens)

 

10.663.000


Die ungefähre Zusamniensetzung dieser 10,7 Millionen nicht-sowjetischen Juden in der Welt war bei Kriegsausbruch etwa wie folgt:

Vereinigte Staaten (1943)[7]

5.200.000

Kanada (1941)[8]

170.241

Lateinamerika (1943)[8]

584.384


Westliche Hemisphäre

5.954.625

Palästina (1939)[9]

424.373

Asien (einschl. Türkei) (1939)[10]

376.500

Afrika (1939)[10]

609.800

Australien/Neuseeland (1939)[10]

33.000

Von Deutschland während des Krieges nichtbesetzte europäische Länder (1939)[11]

384.500


Länder außerhalb des späteren deutschen Einflußbereichs

7.782.798

Europäische Länder innerhalb des späteren deutschen Einflußbereichs (1939)[12]

2.952.000


Juden außerhalb der UdSSR 1939/1943 (höchstens)

10.735.000


Für die westliche Hemisphäre konnten keine Zahlen für 1939 ermittelt werden; sie sind dementsprechend etwas zu hoch und spiegeln die Einwanderung während der ersten Kriegsjahre wieder. Andererseits ist die Ziffer von 384.500 für die im Kriege nicht besetzten europäischen Länder wahrscheinlich einige Zehntausend zu niedrig. Insgesamt entspricht die Zahl von 10.663.000 Juden in etwa der Gesamtzahl der einzeln aufgeführten Ländergruppen für die Jahre 1939/1943. Unter Berücksichtigung eines wahrscheinlichen natürlichen Geburtendefizits während des Krieges in Europa und von Verlusten durch Kriegsgefallene (in den nicht-sowjetischen Streitkräften und Partisaneneinheiten), der chaotischen Zustände in den deutschen Lagern während der letzten Kriegsmonate, der direkten Kriegseinwirkungen durch alliierte Bombenangriffe usw. dürfte die Nachkriegszahl der Juden außerhalb der UdSSR damit kaum über der Vorkriegszahl von höchstens 10,6 Millionen gelegen haben.

Wenn man diese knapp 10,6 Millionen mit den vom Year Book für 1946 genannten 9 Millionen Juden außerhalb der Sowjetunion vergleicht (Tabelle 19), dann fehlen offensichtlich etwa 11/2 Millionen.

Tabelle 19: Angebliche jüdische Weltbevölkerung: 1939 und 1946
- nach Angaben des American Jewish Year Book
[13] -


 

1939

1946**

Differenz


A. Weit außerhalb des späteren deutschen Einflußbereiches:

 

 

 

   - Nord- und Südamerika

5.489.620

5.756.700

+ 267.080

   - Asien, Afrika, Australien

1.494.300

1.647.000

+ 152.700

   - Nicht besetztes Europa

384.500

419.000

+ 34.500


 

7.368.420

7.822.700

+ 454.280


B. Deutscher Einflußbereich außerhalb der Sowjetunion:

 

 

 

   - Polen

3.250.000

120.000

- 3.130.000

   - Tschechoslowakei

360.000

55.000

- 305.000

   - Rumänien

850.000

300.000

- 550.000

   - Andere europäische Länder

1.539.700

669.600

- 870.100


 

5.999.700

1.144.600

-4.855.100


C. Welt ohne UdSSR

13.368.120

8.967.300

-4.400.820

D. Sowjetunion und Baltikum

3.275.000

2.032.500

-1.242.500


E. Jüdische Weltbevölkerung

16.643.120

10.999.800

-5.643.320


   davon:

 

 

 

F. Jüdische Bevölkerung im deutschen Einflußbereich (B + D) *

9.274.700

3.177.100

- 6.097.600


* In dieser Aufstellung wurde die gesamte Sowjetunion als zum deutschen Einflußbereich gehörend gerechnet; tatsächlich lebten schon im Jahre 1939 fast eine Million Juden in Teilen der Sowjetunion, die niemals von deutschen Truppen besetzt wurden.

** Das Year Book bezifferte die jüdische Weltbevölkerung für das Jahr 1946 auf insgesamt 11.123.800, doch ergab eine Addition der einzelnen Länderangaben nur 10.999.800; wie die Differenz von 124.000 zu erklären ist, ist unklar, doch sieht es so aus, als ob die rumänische Ziffer nicht stimmt.

In der Year-Book-Ziffer von 9 Millionen für 1946 sind nur 5,75 Millionen Juden für Nord- und Südamerika enthalten. 1943 aber lebten dort schon mindestens 5,95 Millionen; weiterhin sind in den Jahren 1945 und 1946 weitere Hunderttausende aus Europa kommende Juden in die Neue Welt eingewandert. Das heißt, daß 1946 nicht 5,75 Millionen, sondern eher 6V4 Millionen Juden in Nord- und Südamerika lebten. Die vom Year Book genannte Ziffer beinhaltet also eine Unterschätzung von etwa einer halben Million allein für die westliche Hemisphäre.

Auch im Falle Asiens, Afrikas und Australiens lag die tatsächliche Zahl im Jahre 1946 nicht bei 1,67 Millionen, wie das Year Book meint, sondern einige Hunderttausend höher. Die aus Osteuropa kommenden Juden wurden nach dem Krieg durch die Lager in Westeuropa geschleust, und viele zeitweilig in UNRRA-Lagern im Nahen Osten, Zypern und in Nordafrika untergebracht. Jedenfalls wanderten allein aus Marokko, dem Iran und aus Tunesien nach dem 15.5.1948 ca. 200.000 europäische Juden in Israel ein. Die vom Year Book für Gesamteuropa (1946) genannte Zahl von insgesamt 1,6 Millionen Juden (1.145.000 plus 419.000) ist ebenfalls viel zu niedrig, denn über den Einwanderungsnachweis im siebenten Kapitel wurden allein in den ehemals deutsch besetzten Ländern Europas (ohne UdSSR) rund eine Million Juden mehr aufgefunden, als das Year Book angab. Weiterhin ist dem Year Book offensichtlich im Falle Rumäniens ein grober Fehler unterlaufen, denn schon im folgenden Jahr wurde Rumäniens jüdische Bevölkerung um 130.000 höher angegeben.

Noch unwahrscheinlicher wird die ganze Geschichte, wenn man bedenkt, daß auch die vom Year Book für 1970 angeführten 11,33 Millionen (ohne Sowjetunion) - obwohl 30 % höher als vor 24 Jahren - viele Hunderttausende zu niedrig sind: Das Year Book hatte nämlich nur 5,9 Millionen amerikanische und 550.000 französische Juden aufgeführt. Tatsächlich aber gab es 1970 in den USA 6,6 Millionen und in Frankreich knapp 700.000.

Für 1970 bezifferte das Year Book die Juden[14]

 

in Europa (ohne Frankreich) auf

837.150

in Asien (einschl. Türkei und Israel) auf

2.707.200

in Afrika auf

196.600

in Australien und Neuseeland auf

77.000

in Lateinamerika auf

812.925


zusammen auf

4.630.875


Außerdem ermittelte die kanadische Volkszählung von 1971[15]


296.945

In den USA wurden gefunden (7. Kapitel)

6.600.000

und in Frankreich lebten (7. Kapitel)

670.000


Die jüdische Weltbevölkerung außerhalb der Sowjetunion betrug 1970 also mindestens

12.200.000


Auch diese Zahl von 12,2 Millionen Juden im Jahre 1970 ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu niedrig. Wie schon gezeigt, fand die amtliche Ermittlung in Frankreich 1977 150.000 mehr Juden, als das Year Book zugab. Ganz ähnlich liegen die Dinge wahrscheinlich auch in anderen Ländern. Die Zionisten geben selbst zu, daß in allen europäischen Ländern - in Ost und West - die jüdische Bevölkerung durch Assimilation ständig Einbußen erleidet.

Wieviele Juden auf diese Weise statistisch nicht mehr in Erscheinung treten, ist ungewiß, doch gibt das Beispiel Frankreichs, wo die Schätzung des Year Book ca. 20 % unter der amtlichen Zahl lag, wie auch der Fall der Vereinigten Staaten, wo über eine Million assimilierte Juden statistisch nicht mehr »existieren«, doch zu denken. Das heißt, im Jahre 1970 lebten wahrscheinlich mindestens 12,3 Millionen außerhalb der Sowjetunion.

Nun findet sich im Israel Almanach 1958-1959, der von der Zionistischen Weltorganisation (ZWO) mit Sitz in Jerusalem herausgegeben wird, eine sehr interessante Feststellung. Dort lesen wir, daß im Jahre 1958 die 1,8 Millionen Juden in Israel ein Achtel der jüdischen Weltbevölkerung ausmachten[16]. Das heißt, nach dieser gewiß unverdächtigen Quelle lebten 1958 14,4 Millionen Juden in der Welt. Leider hat die ZWO keine weiteren Zahlenangaben zu

diesem Thema gemacht, und man weiß deshalb nicht, von welcher jüdischen Bevölkerungszahl für die Sowjetunion die ZWO ausging. Die Zahl, die zu jener Zeit für die UdSSR in zionistischen Kreisen im Umlauf war, bewegte sich um 2,3 Millionen; von den 14,4 Millionen in Abzug gebracht, verbleiben für die jüdische Weltbevölkerung außerhalb der Sowjetunion im Jahre 1958 noch 12,1 Millionen. Diese Zahl kommt an die von uns für 1970 genannte Zahl von 12,3 Millionen ziemlich nahe heran.

Weiterhin schrieb Henri Zoller, der Israel-Korrespondent der Zeitschrift Der Spiegel im Sommer 1980, daß noch immer 80 % der jüdischen Weltbevölkerung in der Diaspora verbleiben[17]. Wenn demnach die 31/4Millionen jüdischen Einwohner Israels Anfang 1980[18] 20 % der jüdischen Weltbevölkerung darstellten, muß es diesem einstmaligen jüdischen Mitglied der französischen Resistance zufolge 1979/80 fast 16,3 Millionen Juden in der Welt gegeben haben.

Nun mag Henri Zoller nicht für jederman unbedingt als Fachmann für jüdische Bevölkerungsfragen ein Begriff sein. Dr. Nahum Goldmann, der ehemalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses und einer der prominentesten Führer des Weltzionismus, dürfte dagegen wohl zu den best-informierten Kennern des zahlenmäßigen Bestandes des Weltjudentums gehören. Auch Dr. Goldmann schreibt, daß 80 % des jüdischen Volkes in der Diaspora leben[19]; das heißt, nur 20 % der jüdischen Weltbevölkerung wohnte Anfang 1980 im Staate Israel. Dr. Goldmann erwähnt zwar 3,5 Millionen jüdische Einwohner in Israel, doch dürfte es sich bei dieser glatten Zahl um eine Aufrundung handeln, denn offizielle israelische Statistiken wissen nur von 31/4 Millionen für Anfang 1980. Auf der Basis dieser 3/4 Millionen kommt man nach Dr. Goldmanns Aussagen auf eine jüdische Weltbevölkerung von 16,3 Millionen.

Auf die Zahl der sowjetischen Juden brieflich angesprochen, teilte Dr. Goldmann mit, daß diese 1980 ungefähr 3 bis 3,5 Millionen zählten[20]. Bringt man das obere Ende seiner Schätzung, sagen wir 3,4 Millionen, von der jüdischen Weltbevölkerung von 16,3 Millionen in Abzug, verbleiben noch 12,9 Millionen Juden in allen Ländern der Welt außerhalb der Sowjetunion.

Das Bemerkenswerte dabei ist, daß Dr. Goldmann sich damit zu den von den jüdischen Dissidenten der UdSSR vertretenen Bevölkerungsangaben über die Zahl der sowjetischen Juden bekennt. Wenn er 1980 von 3 bis 3,5 Millionen Juden in der UdSSR spricht, bedeutet dies, daß er für Anfang der 70er Jahre eine Ziffer von 3,5 bis 4 Millionen für die UdSSR für richtig hält, denn in den 70er Jahren wanderten ca. eine viertel Million aus dem sowjetischen Paradies aus, und das Geburtendefizit von bis zu einem Prozent pro Jahr dürfte im vergangenen Jahrzehnt eine Minus von weiteren 200.000 für die sowjetisch-jüdische Bevölkerung verursacht haben.

Die Entwicklung der jüdischen Weltbevölkerung in diesem vierzigjährigen Zeitraum sieht also angeblich so aus:

Angebliche jüdische Weltbevölkerung außerhalb der UdSSR - 1940, 1946, 1970, 1979 -


Jahr

Bevölke-
rung
(Mio.)

Verände-
rung
(Mio.)

Zeitraum
(Jahre)

Jährliche Veränderung
in Prozent seit


1940

1946

1970


1940

10,6

-

-

-

-

-

1946

9,0

-1,6

6

-2,7

-

-

1970

12,3

+3,3

24

0,5

1,3

-

1979

12,9

+0,6

9

0,5

1,1

0,5

Zunächst fällt auf, daß der gesamte Zuwachs in den letzten 9 Jahren seit 1970 nur etwa 0,6 Millionen (oder weniger) betrug, im Gegensatz zu den 30 Jahren vor 1970, die durch extrem große Minus- und Plusveränderungen gekennzeichnet waren, per Saldo jedoch einen Anstieg von 1,7 Millionen aufwiesen. Der Verdacht liegt nahe, daß die beiden gegensätzlichen Entwicklungen vor und nach 1946 in irgendeinem direkten Zusammenhang miteinander stehen. Zwar könnte man die Reduzierung zwischen 1940 und 1946 auf deutsche »Endlösungsaktionen« zurückführen, doch die fast unglaubliche Vermehrung von 1946 bis 1970 (+1,3 % p.a.) steht außerhalb jeder vernünftigen Erklärung.

Die total verstädterte jüdische Weltbevölkerung, die dazu größtenteils in den Großstädten der industrialisierten Länder in Ost und West wohnt und die nicht nur eine seit Generationen fallende Geburtenrate aufweist, sondern auch schon vor dem Krieg fast in der ganzen Welt relativ niedrige Zuwachsraten verzeichnete, müßte nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 50er Jahre eine Geburtenfreudigkeit an den Tag gelegt haben[21], die die biologische Grenze erreicht und ungefähr dem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern entsprochen hätte.

Die Schlußfolgerung kann also nur sein, daß die vom Year Book für 1946 angegebene jüdische Weltbevölkerung außerhalb der UdSSR der Realität nicht entsprach und nur aus politischen Gründen so niedrig angegeben wurde. Läßt man die vom Year Book offensichtlich manipulierten Zahlen für 1946 weg, sieht die 40-jährige Entwicklung des Weltjudentums außerhalb der UdSSR wesentlich realistischer aus:

Wahrscheinliche jüdische Weltbevölkerung außerhalb der UdSSR - 1940, 1970, 1979 -


Jahr

Bevölke-
rung
(Mio.)

Verände-
rung
(Mio.)

Zeitraum
(Jahre)

Jährliche Veränderung
in Prozent seit


1940

1970


1940

10,6

-

-

-

-

1970

12,3

+1,7

30

0,5

-

1979

12,9

+0,6

9

0,5

0,5

Die sich hier aufzeigende Entwicklung weist keinen Kontrast zwischen der Zeit vor und nach 1970 auf. Die trotz Kriegsverlusten relativ hohe Wachstumziffer in dem 30-Jahre-Zeitraum vor 1970 spiegelt auch den bei den Juden nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Babyboom wie der, der aber unter der jüdischen Bevölkerung relativ schnell wieder abklang. Die für die großstädtische außersowjetische jüdische Weltbevölkerung immer noch recht beachtliche natürliche Zuwachsrate von 0,5 % bis 1970 ist ein schlagender Beweis für den absolut und relativ geringen menschlichen Verlust in den Kriegsjahren - zumindest was die Juden außerhalb der Sowjetunion betrifft.

Die in den 70er Jahren immer noch relativ hohe Veränderungsrate von 0,5 % trotz des in allen westlichen Industrieländern seit Anfang der 60er Jahre einsetzenden Geburtenrückgangs reflektiert die in diesem Jahrzehnt aus der UdSSR ausgewanderte viertel Million Juden. Es ist zwar richtig, daß Israels immer noch junge Einwandererbevölkerung auch nach 1970 beachtenswerte Geburtenüberschüsse erzielte, jedoch ist nach allen zionistischen Aussagen die jüdische Bevölkerung in der übrigen westlichen Welt wie auch in Osteuropa seit Jahrzehnten einer wachsenden Überalterung und sogar oftmals einem Sterbeüberschuß ausgesetzt[22].

Auf die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion sind wir schon an anderer Stelle eingegangen, und es erübrigt sich deshalb, hier nochmals im Detail die Statistiken auszubreiten. Addiert man jedenfalls die nach den Angaben sowjetisch-jüdischer Dissidenten, der Encyclopaedia Judaica und Dr. Nahum Goldmanns 31/2 Millionen starke jüdische Bevölkerung der Sowjetunion zu den fast 13 Millionen außerhalb der UdSSR, dann beträgt die heutige jüdische Weltbevölkerung knapp 16,5 Millionen - etwa eine halbe Million mehr als im Jahre 1940! Berücksichtigt man ferner, daß die Juden im Krieg mindestens eine Million Verluste erlitten - hauptsächlich in den Reihen der Roten Armee, auf der von den Sowjets mehr oder weniger zwangsweise durchgeführten Evakuierung nach Sibirien und in den sibirischen Arbeitslagern selbst -, dann hat das auf diese Weise unter die 15-Millionen-Marke gedrückte Weltjudentum sich seit dem Zweiten Weltkrieg um gut 1,5 Millionen vermehrt und somit seine durch Krieg und sowjetische Barbarei verursachten Verluste mehr als wettgemacht. Dies entspricht seit Ende des Zweiten Weltkriegs einer natürlichen Zuwachsrate von 0,4 % jährlich.

Während die offiziellen zionistischen Statistiken für die Bevölkerungszahlen des Weltjudentums zwar noch immer politische Interessen widerspiegeln und Schätzungsfehler daher in der Regel fast immer zu niedrige Ziffern für die jüdische Nachkriegsbevölkerung ausweisen, deuten die im letzten Jahrzehnt immer häufiger auftretenden höheren Bevölkerungsstatistiken für die UdSSR auf ein grundsätzliches Eingeständnis des Zionismus, daß die ursprünglichen Nachkriegszahlen um Millionen zu niedrig waren. Man tastet sich also langsam, aber stetig - obgleich mit Hilfe phantastischer Annahmen über die jüdische Geburtenfreudigkeit - auf die richtige jüdische Weltbevölkerungsziffer vor.

Der Zweck dieser Analyse ist nicht, den Wahrheitsgehalt der »Endlösungs«-Theorie zu untersuchen, sondern das Ausmaß und die Richtung der jüdischen Bevölkerungsverschiebung vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg abzugrenzen. Wenn die hier aufgezeigten Entwicklungen in Konflikt mit »zeitgenössischen« Tabus stehen, dann ist es Sache der »Zeitgeschichtler«, sich damit auseinanderzusetzen.

Obwohl die bekannten »Holocaust«-Zahlen daher in dieser Studie nur am Rande interessieren, ist es dennoch notwendig, die hauptsächlichen gegensätzlichen Ansatzpunkte, soweit sie das Zahlenmaterial betreffen, kurz zu skizzieren. Das Year Book fand zwischen 1939 und 1946 eine Reduzierung der jüdischen Weltbevölkerung um ein Drittel von 16,64 Millionen auf 11 Millionen (Tabelle 19). Den bei weitem größten Rückgang verzeichneten zwar die heute kommunistischen Länder, doch ist für die UdSSR selbst »nur« ein Minus von 11/4 Millionen angegeben. Die Länder außerhalb des deutschen Einflußbereichs (im Zweiten Weltkrieg) hatten dagegen ein Plus von fast einer halben Million zu verzeichnen, was offensichtlich zum überwiegenden Teil einem Wanderungsgewinn zuzuschreiben ist.

Die Tatsache, daß die politischen Grenzen von 1946 denen von 1939 in vielen Ländern - insbesondere bei Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion - nicht mehr entsprachen, wurde vom Year Book mit einer Ausnahme nicht erwähnt, geschweige denn überhaupt in einem Land berücksichtigt. Nur im Falle Rumäniens erwähnte das Year Book in einer Fußnote, daß das Nachkriegs-Rumänien Bessarabien und die Nord-Bukowina nicht mehr miteinschloß; aber in den Zahlen fand auch diese Fußnote keinerlei Berücksichtigung. Die Annektion Ostpolens (1939) und der Karpatho-Ukraine (1945) durch die UdSSR wurden übergangen. Kurz, der Vergleich des jüdischen Bevölkerungsstandes von 1939 mit 1946 ist schon im Ansatz falsch.

Es ist zwar richtig, daß - sofern die Ziffern von 1939 und 1946 über allem Zweifel erhaben wären - dies an der Gesamtzahl der Vermißten nichts ändern würde. Doch der springende Punkt ist doch, wie verläßlich diese Ziffern sind; gerade die Sowjetunion hatte 1939/1940 die Mehrzahl der polnischen Juden neben Hunderttausenden rumänischen und baltischen kassiert. Dem Betrachter würde sofort die ganze Fragwürdigkeit der Vermißten-Zahlen deutlich werden, wenn der Vergleich die Tatsache widerspiegelte, daß die große Masse der Vermißten ausgerechnet jenem Land zugeschrieben wird, das in bezug auf Fälschung, Lug, Trug und statistische Manipulationen absolute Weltklasse ist, und dessen Gewaltaktionen im Zuge einer unmenschlichen »Verbrannten-Erde«-Politik zig Millionen Menschen aus den Frontgebieten nach Sibirien schafften.

Korrigiert man jedoch die Vorkriegszahlen der einzelnen Länder, um den bis 1941 eingetretenen Grenzänderungen und Wanderungsbewegungen Rechnung zu tragen (Tabelle 20), dann ergibt sich ein wesentlich anderes Bild. Zwar bringt auch diese Aufstellung zum Ausdruck, daß fünf Millionen Juden verschollen sind, und erweckt gleichfalls den irrigen Eindruck, daß ca. acht Millionen Juden in den deutschen Einflußbereich geraten sind, doch ziehen in anderer Hinsicht ganz andere Aspekte unser Auge auf sich. Erstens wird deutlich, daß die jüdische Bevölkerung außerhalb des ehemaligen deutschen Einflußbereichs im Jahre 1946 um viele Hunderttausend zu niedrig angegeben ist (Punkt A). Es dürfte doch wohl kaum der Realität entsprechen, daß sich die jüdische Bevölkerung in der westlichen Hemisphäre um 200.000 in den dazwischenliegenden Jahren, als Hunderttausende aus Europa kommende jüdische Flüchtlinge eintrafen, verminderte.

Tabelle 20: Angebliche jüdische Weltbevölkerung: 1941 und 1946 1941: nach Ergebnissen dieser Analyse 1946: nach Angaben des American Jewish Year Book (in 1. 000)


 

1941

1946

Differenz

A. Welt außerhalb des deutschen Einflußbereichs 1939-1945:

   - Nord- und Südamerika

5.955 ('43)

5.757

- 198

   - Asien, Afrika, Australien

1.444

1.647

+ 203

   - Nicht besetztes Europa

384

419

+35


 

7.783

7.823

+ 40


B. Deutscher Einflußbereich außerhalb der Sowjetunion*:

   - Polen

757

120

- 637

   - Tschechoslowakei

155

55

- 100

   - Rumänien

315

300

- 15

   - Andere europäische Länder

1.511

670

- 41


 

2.738

1.145

- 1.593


C. Welt ohne UdSSR

10.521

8.967

- 1.554

D. Sowjetunion, Baltikum und Karpatho-Ukraine

5.446

2.033

- 3.413


E. Jüdische Weltbevölkerung

15.967

11.000

- 4.967


   davon:

 

 

 

F. Jüdische Bevölkerung im deutschen Einflußbereich in den Jahren 1941-1945 (B+D)**

8.184

3.178

- 5.006


* Für 1941, Tabelle 11 ohne Karpatho-Ukraine.
** In dieser Aufstellung wurde die gesamte Sowjetunion als im 2. Weltkrieg zum deutschen Einflußbereich gehörend gerechnet; tatsächlich lebten Anfang 1941 (wenn man die Karpatho-Ukraine miteinschließt) nur 31/4 Millionen Juden in dem während des Krieges von Deutschland besetzten Teilen der Sowjetunion.

Zweitens zeigt diese Tabelle, daß der überwiegende Teil der »Verlust«-Zahlen von 5 Millionen in der Sowjetunion gesucht werden muß, einem Land, dessen Hang zur politischen Objektivität nicht besonders hoch einzuschätzen ist. Geht man aber davon aus, daß die jüdische Bevölkerung der westlichen Hemisphäre von 1943 bis Kriegsende mindestens auf dem gleichen Niveau verharrte, die Verluste auf sowjetischer Seite eine Million überstiegen, die jüdische Nachkriegsbevölkerung der Sowjetunion über vier Millionen groß war und die Zahl der Juden, die Europa kurz nach dem Krieg verließen und/oder dabei statistisch nicht erfaßt wurden, fast eine Million erreichte, dann ergibt ein Vergleich mit dem Jahr 1941 beträchtliche Unterschiede zu der gängigen »zeitgenössischen« Version. Diese Korrekturen wurden in Tabelle 21 vorgenommen. Danach belief sich der weltweite jüdische Bevölkerungsverlust im Zweiten Weltkrieg auf ungefähr 11/4 Millionen - 8 % des Weltjudentums -, verursacht zum größten Teil nicht durch direkte Kriegseinwirkungen, z.B. Gefallene usw., sondern durch sowjetische Barbarei. Über Zweihunderttausend sind nicht auffindbar. Diese Ziffer entspricht in etwa der im siebenten Kapitel ermittelten Vermißtenziffer in Europa von etwas über 300.000.

Tabelle 21: Wahrscheinliche jüdische Weltbevölkerung: 1941 und 1945 (in 1. 000)


 

1941

1945

Differenz


A. Welt außerhalb des deutschen Einflußbereichs 1939-1945: 

 

 

 

   - Nord- und Südamerika

5.955 ('43)

5.955

0

   - Asien, Afrika, Australien

1.444

1.647

+ 203

   - Nicht besetztes Europa

384

419

+ 35


 

7.783

8.021

+238


B. Deutscher Einflußbereich außerhalb der Sowjetunion lt. Tabelle 11 (ohne Karpatho-Ukraine):

 

 

 

   - Polen

757

240

- 517

   - Tschechoslowakei

155

82

- 73

   - Rumänien

315

430

+ 115

   - Andere europäische Länder

1.511

691

- 820


 

2.738

1.443

-1.295


C. Welt ohne UdSSR

10.521

9.464

-1.057

D. Sowjetunion, Baltikum und Karpatho-Ukraine

5.446*

4.301

-1.145

E. Anzahl der Juden, die Europa während oder kurz nach dem Kriege verließen und/oder statistisch nicht erfaßt wurden

 

965

+ 965


F. Jüdische Weltbevölkerung

15.967

14.730

- 1.237


G. Jüdische Verluste in der Roten Armee, in sibirischen Arbeitslagern, usw.

 

 

1.030


H. Statistisch nicht erfaßbar

 

 

- 207


* Von den 5,5 Millionen Juden kamen neben den etwa 100.000 karpathoukrainischen schätzungsweise nur weitere 700.000 Sowjetjuden in deutsche Hand. Per Saldo waren im Zweiten Weltkrieg nicht mehr als 3,5 Millionen Juden unter deutscher Herrschaft.

Ganz gleich, ob man die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Europas oder der Welt verfolgt, der unauffindbare Rest scheint sich bei zwei- oder dreihunderttausend einzupendeln. Diese Ziffer kann deshalb jedoch keineswegs Anspruch auf absolute Genauigkeit erheben. Die erreichbaren Angaben über Bevölkerungszahl, Ein- und Auswanderung, Flucht oder Deportation, Geburten- oder Sterblichkeitsraten, Mischheiraten oder Assimilierungstendenzen sind oft so vage, daß es nicht verwunderlich gewesen wäre, wenn der statistisch nicht auffindbare Rest einige Hunderttausend größer gewesen wäre - oder wenn es gar keinen gegeben hätte.

Die große Wanderung

Die heutige Zerstreuung der Juden in aller Welt ist auch in der jüdischen Geschichte ohne Beispiel. Welche Ironie des Schicksals, daß gerade in dem Zeitalter, als eine politische Kraft - der Zionismus - dem alten Wunsch »Nächstes Jahr in Jerusalem« endlich staatliche Substanz gab, die Assimilierung in der Diaspora die treibende Kraft in einem letztlich fatalen Auflösungsprozeß des Judentums zu werden droht!

Der Zweite Weltkrieg hat das Judentum in Europa als wichtigen, geographisch geschlossenen Bevölkerungsteil ein für alle Mal zerstört. An die Stelle Europas traten andere Zentren - USA, Israel und die Sowjetunion - und man muß wohl davon ausgehen, daß diese drei Länder heute 80 % des gesamten Weltjudentums auf sich vereinen. Im Grunde war die jüdische Weltbevölkerung nie so zerstreut und gespalten wie in der heutigen Zeit.

Doch diese Auflösungserscheinungen begannen nicht mit dem jüdischen Drama im Zweiten Weltkrieg oder mit dem wachsenden Antisemitismus der 30er Jahre oder mit der Spaltung des Ostjudentums nach der Errichtung der Sowjetherrschaft auf den Trümmern des Zarenreiches, sondern mit dem schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzenden jüdischen Drang nach Westen, als sich buchstäblich Millionen Ostjuden in den Schmelztiegel jenseits des Ozeans ergossen.

Ende des 19. Jahrhunderts lebten fast 90 % aller Juden in Europa[23] und innerhalb Europas fast ausschließlich in dem Gebiet, dessen Grenzen sich von Litauen durch Polen bis Ungarn erstreckten, sich dann nach Osten bis zum Asowschen Meer wendeten und von dort, die Ukraine und Weißrußland einschließend, wieder nach Norden ins Baltikum liefen. Das Weltjudentum jener Zeit konzentrierte sich somit zwar auf drei Länder in Europa, besaß aber nichtsdestoweniger einen in sich geschlossenen geographischen Kern. Noch wichtiger war, daß die in diesem Raum befindliche jüdische Bevölkerung überwiegend auch sprachlich (jiddisch) und religiös (nur geringe Säkularisierung) eine Einheit bildete.

Die sog. Zerstreuung der Juden in aller Welt war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Fabel, die erst im 20. Jahrhundert Wirklichkeit wurde. Die millionenfache Auswanderung nach Amerika, die durch den Zweiten Weltkrieg noch verstärkte Wanderung innerhalb der Sowjetunion nach Norden und Osten, sowie die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende Besiedlung Palästinas haben die Auflösung des noch vor drei Generationen so stabilen jüdischen Zentrums in Osteuropa bewirkt und die Ostjuden in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

80 % der jüdischen Weltbevölkerung leben heute in Regionen (Westliche Hemisphäre, Israel, Großrußland und Sibirien, England und Frankreich, Südafrika und Australien), wo vor noch nicht einmal hundert Jahren kaum drei Prozent des Weltjudentums zu finden waren. Andererseits sind heute große Teile der traditionellen Diaspora praktisch ohne Juden; dies trifft insbesondere auf Osteuropa, den Balkan, Nordafrika und die nahöstlichen Länder zu[24].

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich dieser Prozeß unvermindert fort. Eine annähernd exakte Darlegung der Entwicklung seit 1945 ist jedoch aufgrund vielschichtiger Probleme sehr schwierig. Nicht nur macht der politische Charakter jüdischer Bevölkerungszahlen jede »offizielle« Veröffentlichung in dieser Beziehung suspekt, die Desintegrationserscheinungen im Zuge der sich beschleunigenden Säkularisierungs- und Assimilierungstendenzen in Ost und West und die Schwierigkeit, Näheres über das sowjetische Judentum zu erfahren, machen das Unterfangen, die demographische Entwicklung des Weltjudentums in den letzten 35 Jahren nachzuvollziehen, nicht leicht.

Nichtsdestoweniger besteht allgemeine Einigkeit darüber, daß die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und Israel zusammen etwa 80 % der jüdischen Weltbevölkerung auf sich vereinen. Das restliche Fünftel umfaßt die Juden in Europa, Lateinamerika, Südafrika, Australien und in den nordafrikanischen und asiatischen Ländern. Einigkeit besteht weiterhin darüber, daß die generell großstädtische jüdische Weltbevölkerung nicht nur eine geringere Geburtenfreudigkeit zeigt als die sie umgebende einheimische Bevölkerung (nur die Israelis weisen ein gesundes Wachstum auf), in vielen Ländern - heute wahrscheinlich in den meisten - haben Geburtendefizite vormals geringe Geburtenüberschüsse abgelöst, und der Trend zur Assimilierung und Mischheirat stellt das Überleben des jüdischen Volkes außerhalb Israels schlechthin in Frage.

Wenn man aber länderspezifische Entwicklungen betrachtet, werden zionistische Statistiken plötzlich verworren, ja, widersprüchlich. Manche zionistische Experten wollen die offiziellen sowjetischen Angaben über die dortigen Juden unbedingt akzeptieren (Schmelz), andere sind überzeugt, daß diese das sowjetische Judentum um 50 % und mehr unterschätzen (Goldmann, Zand), während eine dritte Gruppe einer dazwischen liegenden Zahl den Vorzug gibt (Shapiro); immerhin geht es hier um Millionen Menschen und berührt daher direkt die »Holocaust«-Geschichte. Dazu kommt, daß der natürliche Zuwachs der sowjetischen Juden in der Nachkriegszeit von manchen teilweise bis auf +1 % p.a. veranschlagt wird (Shapiro), während andere ein natürliches Defizit von teilweise bis zu -1 % p.a. als gesichert zugrunde legen (Schmelz).

Ähnliche Ungereimtheiten könnten für die USA zitiert werden, wo man, ohne mit der Wimper zu zucken, heute die jüdische Bevölkerung auf etwa 5,4 Millionen reduziert hat (1971: 6,1 Millionen und bei Kriegsende 5 Millionen), obwohl seit 1945 nachweislich über eine halbe Million eingewandert sind und der Geburtenüberschuß der späten 40er, der 50er und 60er Jahre fast eine Million erreichte.

Wie das Year Book die Entwicklung des Weltjudentums seit 1945 sieht, ist aus Tabelle 22 ersichtlich. In den USA, deren jüdische Bevölkerung schon für 1946 viel zu niedrig angegeben wurde, findet man auf einmal einen scharfen Rückgang seit Anfang der 70er Jahre; für die Sowjetunion aber, deren Juden in der ganzen Nachkriegszeit unter drastischen Geburtendefiziten litten, wurde bis 1970 ein Geburtenüberschuß von etwa 1 % p.a. berechnet. Die restlichen Länder der Welt verloren zwischen 1945 und 1970 angeblich nur 0,7 Millionen Juden; dies steht in offenem Widerspruch zu der Tatsache, daß Israel und die USA aus diesen Ländern nachweislich mehr als eine Million jüdische Einwanderer erhielten und die dort zurückgebliebene überalterte jüdische Bevölkerung teilweise große Geburtendefizite verzeichnete.

Tabelle 22: Angebliche Nachkriegsentwicklung der jüdischen Weltbevölkerung: 1945146, 1970 und 1979 (in Mio.) - nach Angaben des American Jewish Year Book -

Land/Region

1945/46

1970

1979

Veränderung in % p.a.


1945-1970

1970-1979


Vereinigte Staaten

5,0

5,9

5,6*

+0,7

-0,6

Sowjetunion

2,0

2,6

2,6

+1,1

0

Palästina/Israel

0,6

2,6

3,2

+1,6**

+1,5**


Zwischensumme

7,6

11,1

11,4*

+1,5

+0,3

Rest der Welt

3,5

2,8

2,7

-0,9

-0,4


Weltjudentum

11,1

13,9

14,1*

+0,9

+0,2


abzüglich:
Sowjetunion

2,0

2,6

2,6

+1,1

0


Weltjudentum außerhalb der UdSSR

9,1

11,3

11,5*

+0,9

+0,2


Quelle: AJYB, 1946, Vol. 48, S. 603-608; 1971, Vol. 72, S. 475-479; und 1980, Vol. 81, S. 285-289.
* Ohne die nicht-jüdischen Mitglieder in sog. »jüdischen« Haushalten in den Vereinigten Staaten.
** Bezieht sich nur auf den Geburtenüberschuß.

In einer im Year Book veröffentlichten Untersuchung kommt der israelische Bevölkerungsstatistiker Professor U.0. Schmelz von der Hebräischen Universität Jerusalem auf folgende natürlichen Geburtenüberschüsse bzw. -defizite in den nachstehenden Ländern[25]:

Jüdische Geburtenüberschüsse (+) bzw. -defizite (-)


Land

Zeitraum

Prozent


USA

1967-71

0

Kanada

1967-71

+0,2

Brasilien (Sao Paulo)

1965-69

+0,3

Argentinien

1956-60

+0,1

Frankreich (Paris):

 

 

  - europäische Juden

1972-76

-0,3

  - orientalische Juden

1972-76

+0,2

Belgien (Brüssel)

1957-61

-0,2

Deutschland

1961-65

-1,8

Schweiz

1959-62

-0,5

Italien

1961-65

-0,5

Sowjetunion (RSFSR)

1959-70

-0,9

Israel

1971-75

+1,7

Während sich seither eher eine weitere Verschlechterung beim natürlichen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in allen Ländern der Welt abzeichnete, sollte man ebenso betonen, daß in einigen Ländern, z.B. den Vereinigten Staaten und Kanada, die jüdische Bevölkerung sich in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg bedeutend positiver entwickelte als seither.

Die o.a. jüdischen Geburtenüberschüsse bzw. -defizite stehen in weit besserem Einklang mit den in dieser Studie aufgezeigten Veränderungen als mit dem Year Book. Anhand unserer, meist auf zionistischen Quellen basierenden Recherchen kamen wir zu dem Ergebnis, daß die jüdische Weltbevölkerung 1945 deutlich unter 15 Millionen lag und 1980 16 Millionen ebenso deutlich überschritt. Die mit Ausnahme Israels sehr niedrigen Geburtenüberschüsse der jüdischen Weltbevölkerung ließen ein schnelleres Wachstum einfach nicht zu. Die wahrscheinliche Entwicklung und deren treibende Kraft - ob Wanderung oder natürliches Wachstum - wurden in den Tabellen 23 und 24 festgehalten.

Tabelle 23 zeigt, daß die 14,7 Millionen überlebenden Juden sich von 1945 bis 1970 jährlich nur um knapp ein halbes Prozent vermehrten; doch dieser etwas geringe Anstieg war fast ausschließlich dem Rückgang der jüdischen Bevölkerung in der Nachkriegssowjetunion anzulasten, wo sich die Auswirkungen der großen Männerverluste in der Roten Armee, der unzähligen Verstorbenen in sibirischen Arbeitslagern und der Vielzahl der Mischheiraten in stark abfallenden jüdischen Geburten auswirkten. Im letzten Jahrzehnt - Anzeichen waren aber schon in den 60er Jahren erkennbar - hatte auch die jüdische Bevölkerung der westlichen Welt mit der Ausnahme Israels keinen weiteren natürlichen Zuwachs aufzuweisen. Ja, vereinfacht könnte man sagen, die jüdische Weltbevölkerung wird von hier an nur noch in dem Maße wachsen, wie israelische Geburtenüberschüsse die Defizite in der Sowjetunion übersteigen - und dies wird immer fraglicher, denn auch in Israel geht der Geburtenüberschuß zurück, und in der UdSSR wird das Defizit offensichtlich immer größer.

Tabelle 23: Wahrscheinliche Nachkriegsentwicklung der jüdischen Weltbevölkerung: 1945, 1970 und 1979 (in Mio.) - nach Ergebnissen dieser Studie


Land/Region

1945

Natür-
liches Wachs-
tum

Aus- bzw. Einwan-
derung

1970

Natür-
liches Wachs-
tum

Aus- bzw. Einwan-
derung

1979

Natürliches Wachstum in Prozent p. a.

1945-70

1970-79


USA

5,2

+0,9

+0,5

6,6

0

+0,1

6,7

+0,6

0

UdSSR

4,3

-0,4

0

3,9

-0,3

-0,2

3,4

-0,4

-0,8

Palästina bzw. Israel

0,6

+0,8

+1,2

2,6

+0,4

+0,2

3,2

+1,6

+1,5


Zwischensumme

10,1

+1,3

+1,7

13,1

+0,1

+0,1

13,3

+0,4

+0,1

Rest der Welt

4,6

+0,2

-1,7

3,1

0

-0,1

3,0

+0,2

0


Weltjudentum

14,7

+1,5

0

16,2

+0,1

0

16,3

+0,4

+0,1

abzüglich:


UdSSR

4,3

-0,4

0

3,9

-0,3

-0,2

3,4

-0,4

-0,8


Weltjudentum außerhalb der Sowjetunion

10,4

+1,9

0

12,3

+0,4

0,2

12,9

+0,7

+0,4


Eine wachsende jüdische Bevölkerung gibt es nur in Israel, und - bis vor zwei Jahrzehnten - gab es dies auch in den USA. Die Sowjetunion und die Gruppe der restlichen Länder der Welt (innerhalb dieser Gruppe gab es aber deutliche Verschiebungen) sah die Zahl der jüdischen Einwohner in der Nachkriegszeit immer weiter schwinden.

Die prozentuale Aufteilung der jüdischen Weltbevölkerung ist der Tabelle 24 zu entnehmen. 1945 hatten die USA und Israel (Palästina) knapp 40 %, heute sind es mehr als 60 %. Die UdSSR, die 1940 noch mehr als ein Drittel aller Juden für sich beanspruchte, beherbergte 1945 trotz Kriegsverluste in der Roten Armee und in sibirischen Arbeitslagern immer noch fast 30 %; 1980 waren es aber nur noch etwa 20 %. Ähnlich stark ging der Anteil der Juden in der Gruppe der restlichen Länder zurück: Von über 30 % Ende des Krieges auf unter 20 % 1979/80.

Tabelle 24: Verteilung des Weltjudentums: 1945 und 1979 (in Prozent)


Land/Region

1945

1979


Vereinigte Staaten

35

41

Sowjetunion

29

21

Palästina/Israel

4

20


Zwischensumme

69

82

Rest der Welt

31

18


Weltjudentum

100

100


abzüglich: Sowjetunion

29

21


Weltjudentum außerhalb der Sowjetunion

71

79


Quelle: Tabelle 23.

Während sich heute etwa 80 % des Weltjudentums außerhalb der UdSSR befinden, und davon wiederum 80 % in nur zwei Ländern - USA und Israel - wird die Zeit zeigen, ob sich diese Entwicklung wirklich als ein Gewinn für das einstmals so bevölkerungsdynamische osteuropäische Judentum herausstellt. Die amerikanischen Juden erleben eine Phase niedriger, allzu niedriger Geburtenhäufigkeit, und Assimilierungstendenzen und Mischheiraten versprechen große Verluste für die Zukunft. Nur in Israel vermochte sich eine junge jüdische Bevölkerung zu erhalten. Aber hier ist es vor allem der orientalische Jude, der bislang eine gesunde Geburtenfreudigkeit an den Tag legte, und der letzten Endes die Geschicke und die Kultur jenes Inselvolkes in einem arabischen Meer bestimmen dürfte - sofern die Dämme auch in Zukunft halten.


Anmerkungen

  1. AJYB, 1932, Vol. 34, S. 251
  2. U. S. Department of Commerce, Population Estimates, S. 1.
  3. AJYB, 1946, Vol. 48, S. 603.
  4. Statistical Abstract of Israel 1971, Tabelle B/3.
  5. U. S. Department of Commerce, Population Estimates, S. 1.
  6. Hardach, Karl. Wirtschaftsgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Göttingen, 1976, S. 246.
  7. Siehe siebentes Kapitel.
  8. AJYB, 1945, Vol. 47, S. 637.
  9. 1940, Vol. 42, S. 604.
  10. 1947, Vol. 49, S. 741-744.
  11. ebd., S. 740.
  12. In den im 2. Weltkrieg deutsch besetzten Ländern Europas (ohne UdSSR und Baltikum) lebten nach Tabelle 11 im Jahre 1939 (vor Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges) 5.044.000 Juden. Davon kamen 1.867.000 polnische und 225.000 rumänische Juden vor Kriegsausbruch mit der UdSSR in den sowjetischen Machtbereich; es verbleiben also noch 2.952.000.
  13. AJYB, 1946, Vol. 48, S. 603-607.
  14. 1971, Vol. 72, S. 475-476.
  15. 1975, Vol. 76, S. 251.
  16. Departement de la Jeunesse et du Hehalouts de l'Organisation Sioniste Mondiale. Israël Almanach 1958-1959, Jerusalem, S. 282.
  17. Zoller, Henri. »Israel - Ein Nachtasyl?«, Der Spiegel, Nr. 37, 8.9.1980, S. 148-149.
  18. Statistical Abstract of Israel 1980, Tabelle 11/2.
  19. Goldmann, Dr. Nahum. »Aus Sorge um Israel«, Die Zeit, Nr. 29, 11.7.1980, S, 13. ff . Wenige Tage vor seinem Tod machte Dr. Goldmann noch genauere Angaben: In einem vom Der Spiegel gemachtes Interview (»Israels Regierung hat das Volk betrogen«, Nr. 34, 28. August 1982, S. 9) legte er Israels Anteil an der jüdischen Weltbevölkerung mit »weniger als 20 %« fest; bezieht man diesen Prozentsatz auf die 3,2 Millionen Juden des Staates Israel, dann läuft Dr. Goldmanns Aussage für das Jahr 1982 auf ein Weltjudentum von über 16,5 Millionen hinaus.
  20. Goldmann, Dr. Nahum. Privatkorrespondenz vom 13.2.1981.
  21. AJYB, 1980, Vol 81, S. 61 ff.: Spätestens seit Mitte der 60er Jahre war in der gesamten jüdischen Diaspora ein drastischer Geburteneinbruch festzustellen.
  22. -, 1969, Vol. 70, S. 275: »In allen jüdischen Diaspora-Gemeinden ... ist der Anteil der älteren und alten Leute größer als bei der sie umgebenden einheimischen Bevölkerung. Der Grund dafür ist die niedrige Fertilität der letzten Jahrzehnte ... die unterschiedlichen Auswirkungen der AssimilatioD und einer negativen Wanderungsbilanz, die hauptsächlich die jüngeren Erwachsenen betraf. Die Überalterung der jüdischen Bevölkerung Europas und in Amerika hat zu einem extrem hohen Anteil von Personen geführt, die nicht mehr zum natürlichen Wachstum beitragen, die aber gleichzeitig von der vergleichsweise hohen altersspezifischen Sterbeziffer, in Mitleidenschaft gezogen werden«; und weiter, S. 274-275: »Die demographische Entwicklung der Juden in Europa, in den Amerikas, in Südafrika, Australien und Neuseeland muß im Rahmen der sozio-ökonomischen Lage gesehen werden. Diese Juden haben eine starke Tendenz zur Verstädterung, hoher Ausbildung und Konzentration in Angestelltenberufen und höheren Einkommensklassen. In den meisten der o.a. Länder ist die relativ kleine und weitverstreute jüdische Bevölkerung stark von Umwelteinflüssen berührt worden, wie Säkularisierung und Assimilation. ... Das Hauptmerkmal ist die sehr niedrige Fertilität der Juden. In allen Ländern, für die wir Daten vorliegen haben, einschließlich der Vereinigten Staaten, ist die Geburtenfreudigkeit der Juden geringer als die der allgemeinen Bevölkerung. In einigen Ländern liegen die Geburten sogar unter dem für den weiteren Bestand notwendigen Niveau. Nach einem kurzlebigen Babyboom im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg sind die jüdischen Geburtenziffern wieder abgefallen«.
  23. Schmelz, U.O. »A Guide to Jewish Population Studies«, Jewish Population Studies 1961-1968, (Hrsg. U. 0. Schmelz und P. Glickson), London/Jerusalem, 1970, S. 34.
  24. AJYB, 1980, Vol. 81, S. 61 und 62.
  25. ebd., S. 68 und 69.

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