Vorwort

Man untertreibt, wenn man die Erforschung der bevölkerungspolitischen Veränderungen des Judentums im 20.

Jahrhundert als mit unlösbaren Problemen behaftet sieht; trotzdem gibt es viele verläßliche Beobachtungen. Zu den wichtigsten Entwicklungen im Hintergrund gehören die Entstehung des Zionismus als bedeutende internationale politische Kraft und das Auftauchen judenfeindlicher Bewegungen in Europa, besonders in Deutschland. Beide Entwicklungen setzten politische Maßnahmen voraus, die - obwohl völlig verschiedenartig motiviert - die massenweise Umsiedlung europäischer Juden anstrebten. Tatsächlich stellte dieses gemeinsame Ziel die Grundlage für ein gar nicht so unbedeutendes Maß an Zusammenarbeit zwischen Zionisten und den deutschen Behörden in der Zeit von 1933 bis 1939 dar.

Zu dieser geschichtlichen Kulisse gehört auch die Einleitung einer pro-jüdischen Politik in den USA und in der Sowjetunion, wo diese Politik bis 1948, das Jahr der Unabhängigkeit des israelischen Staates, verfolgt wurde. Aus verschiedenen Beweggründen fuhren die beiden Siegermächte des Zweiten Weltkriegs mit der Umsiedlung von Juden, die schon von Deutschland durchgeführt wurde, fort; dabei sollten wir aber festhalten, daß Deutschland in diesem Bemühen durchaus nicht zuerst in Erscheinung trat, denn große jüdische Umsiedlungsaktionen waren schon vorher unter zionistischer und sowjetischer Regie durchgeführt worden.

Als diese Massenbewegungen in der Nachkriegszeit zu Ende gingen, wurden die groben Umrisse dieses Geschehens deutlicher. In großen Teilen Mittel- und Osteuropas, insbesondere in Polen, waren die jüdischen Bevölkerungszentren stark zusammengeschrumpft oder sogar fast gänzlich verschwunden. Andererseits hatten große jüdische Bevölkerungsverlagerungen nach Palästina, in die USA und in andere Länder stattgefunden; die Mittel dazu wurden von zionistischen Organisationen oder von der US-kontrollierten UNRRA, deren Direktoren die New-Yorker Zionisten Herbert Lehman und Fiorello LaGuardia gewesen waren, bereitgestellt. Außerdem wurden viele Juden, besonders polnische, in der Sowjetunion verstreut. Daher der ausgezeichnete Titel dieses Buches.

Während also die groben Umrisse klar heraustreten, bleiben viele Detailfragen unbeantwortet. Wir wissen nicht genau, wieviele von der Sowjetunion aufgenommen wurden, wieviele in die Vereinigten Staaten oder in die einzelnen anderen Länder auswanderten, oder wieviele in Mittel- und Osteuropa geblieben sind; und die gar nicht so kleine Zahl der Umgekommenen steht nicht fest. Nur Propagandisten und ungebildete Menschen geben vor, deren genaue Zahl zu kennen.

Gründe für diese Kenntnislücke sind leicht zu finden. Das Durchschleusen der Juden durch die UNRRA-Lager wurde, wo immer möglich, aus gutem Grund vertuscht, denn die Einwanderung in Israel war illegal, und die UNRRA war ja als »Hilfe und Rehabilitation der Vereinten Nationen« in einem vom Krieg verwüsteten Kontinent und nicht für die Eroberung eines außereuropäischen Gebietes durch ein in Europa beheimatetes Volk vorgesehen.

Brauchbare Statistiken über Wanderungen und Wiederansiedlung in der Nachkriegszeit sind schwer, oft unmöglich zu finden. Seit 1943 hatten die US-Einwanderungsbehörden die jüdische Einwanderung nicht mehr erfaßt, und das sowjetisch beherrschte Osteuropa steht ausländischen oder akademischen Nachforschungen, wenn sie politisch heikle Dinge betreffen, ablehnend gegenüber.

Volkszählungsangaben bringen uns auch nicht viel weiter. In den USA, heute das Land mit der größten jüdischen Bevölkerung, werden Juden in den Volkszählungen nicht gesondert aufgeführt; tatsächlich lehnen die Juden selbst eine Zählung ab. Der im Augenblick in England herrschende Streit über dieses Thema veranschaulicht diese Abneigung.* Die sowjetische Volkszählung gibt zwar vor, die Juden zu zählen, dies geschieht jedoch lediglich dadurch, daß man es bei der Aussage des Befragten beläßt. Berücksichtigt man dazu noch die jüdische Abneigung gegenüber Volkszählungen (im Rahmen des dort staatlich gelenkten Anti-Zionismus) und die stets notwendige Zurückhaltung bei der Bewertung sowjetischer Angaben aller Art, dann ist der Wert sowjetischer Volkszählungsziffern nicht hoch zu veranschlagen. Jedenfalls behaupten zionistische Wortführer im Westen, daß die sowjetischen Zahlen unrealistisch niedrig sind.**

Bei all diesen Schwierigkeiten fehlt es noch an einer brauchbaren Definition des Begriffs »Jude«. Dieses Problem ist in den westlichen liberalen Demokratien aufgrund der vielen Mischheiraten und des noch größeren Ausmaßes religiöser Apostasie besonders schwierig.

Der Autor hat sich voll in das wenig verlockende Fachgebiet jüdischer Bevölkerungsstatistik und -wanderung im 20. Jahrhundert gestürzt und versucht, die jüdischen Bevölkerungsveränderungen, besonders auch deren quantitative Aspekte, nachzuvollziehen. Wer eine leichte Leselektüre sucht, sollte sich daher anderweitig umschauen; das Buch ist sogar für jemanden wie mich, der ständig mit Texten großen Zahleninhalts zu tun hat, nicht einfach zu lesen. Auch derjenige Leser, der endgültige, unumstößliche Antworten auf die Frage »Wieviele?« sucht, anstatt sich mit provisorischen Antworten zufrieden zu geben, wird enttäuscht. In dem Buch gibt es kaum eine Zahl, gegen die nicht plausible Gegenargumente vorgebracht werden könnten.

Diese Nachteile sind nicht die Schuld des Autors. Dieses Thema kann ganz einfach nicht in Form eines leicht lesbaren Textes behandelt werden und außerdem gibt es heute keine Möglichkeit, die wichtigeren Statistiken mit der Genauigkeit und Verläßlichkeit einer Volkszählung in einem modernen westlichen Land zu ermitteln. Der Autor ist sich dieser Beschränkungen völlig bewußt und ermahnt den Leser am Beispiel eines sehr wichtigen Ergebnisses, daß »kein Anspruch auf absolute Genauigkeit erhoben werden kann«. Wenn ich wählen dürfte, wo der Autor anders hätte verfahren sollen, dann wäre es mein Wunsch, daß der Autor den vorläufigen Charakter der Zahlenergebnisse noch mehr herausgestellt hätte.

Diese Nachteile des Buches kann man durchaus im voraus zugeben. Was aber sind seine Vorzüge, die meine Bewunderung hervorriefen als ich es in Manuskriptform zum ersten Mal sah, und die mich bewogen, seine Veröffentlichung stärkstens zu empfehlen?

Dieses Buch ist die erste umfassende ernste Studie der jüdischen Bevölkerungsbewegungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Seine esoterische Behandlung des Themas ist vielleicht das perfekte Gegenmittel für die vulgären Verrücktheiten, die uns die Massenmedien heute tagtäglich servieren; die Presse interessiert sich zwar auch sehr für die jüdischen Bevölkerungsveränderungen, eine solch trockene Terminologie verwendet sie jedoch selten. Das Buch gibt eine durch und durch richtige Darstellung des Themas wieder. Die Ausgangsbasis der Darstellung ist nicht neu, doch die Breite und Tiefe dieser Studie lassen meiner Meinung nach erkennen, daß das Thema so weitgehend behandelt wurde, wie es unter den heutigen Umständen möglich ist - es sei denn, bisher vertrauliche Daten aus zionistischen oder sowjetisch kontrollierten Quellen werden einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Obwohl sich mancher an der Schwierigkeit des Themas stören mag, ist es wichtig, daß wir erfahren, warum diese Schwierigkeiten bestehen; und dies tut dieses Buch besser als irgendein anderes. Obwohl auch die statistischen Ergebnisse nicht völlig schlüssig sein mögen, ist die Erkenntnis wichtig, daß diese Ergebnisse nach gewissenhaften Rückschlüssen auf der Grundlage weitgehend akzeptierter, genau zitierter und, an wichtigen Stellen, meist jüdischer Literatur erreicht werden können; auch dies beweist diese Studie besser als sonst irgendeine andere, wie eine Überprüfung der Quellen bestätigt.

Die Konsequenz all dessen ist daher, daß den einfältigen Legenden, die jeden im Zusammenhang mit jüdischen Aspekten des Zweiten Weltkriegs stehenden Gedanken versteinert haben, ein weiterer Schlag - einer von vielen in den letzten Jahren - versetzt wurde.

Evanston, Illinois/USA

Arthur R. Butz

Februar 1983

Northwestern Universität


* Jewish Chronicle, 28.12. 79, S. 5; 7. 3. 80, S. 9; 11. 2. 83, S. 4; Patterns of Prejudice, Januar 1980, S. 24 ff.
* * American Jewish Year Book 1981, S. 239 ff.


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