Zusammenfassung

Noch vor hundert Jahren lag das jüdische Bevölkerungszentrum in Osteuropa - Galizien, Ukraine, Ungarn -, heute hat es sich nach Amerika und Israel verlagert. Wußte man damals noch, wer Jude ist, so ist dies heute schon viel schwieriger; die zunehmende Säkularisierung der Industriegesellschaft hat besonders am jüdischen Volk Spuren hinterlassen. Kein Wunder, daß der zahlenmäßige Bestand des Weltjudentums heute zu den umstrittensten Fragen der Bevölkerungsstatistik gehört. Wohl nirgends begegnet man so vielen Widersprüchen wie bei dem Versuch, wenigstens eine auf die Million genaue jüdische Weltbevölkerungszahl zu erhalten. Das angesehene American Jewish Year Book, zum Beispiel, bezifferte die Juden in aller Welt für das Jahr 1979 auf 14,5 Millionen; bei genauerem Hinsehen aber merkt der staunende Laie, daß diese Zahl etliche Hunderttausend Nicht-Juden miteinschließt. Ebenso angesehene Experten wie Dr. Nahum Goldrnann zum Beispiel meinen, Israels fast 3,3 Millionen starke jüdische Bevölkerung umfasse ein Fünftel des Weltjudentums; man kommt dann auf 161/2 Millionen! Wenn man weiter erfährt, daß nur elf Millionen Juden den Zweiten Weltkrieg überlebt haben sollen und dieser Restbestand, mit Ausnahme der Israelis, wegen steigender Assimilierungstendenzen und weitverbreiteter Mischheiraten in der Nachkriegszeit, großer Überalterung und geringer Kinderzahl ein schwaches Wachstum aufwies, dann werden diese Zahlen auch dem Gläubigsten verdächtig.

Der Versuch, der Wanderung und den Auflösungserscheinungen des jüdischen Volkes in den letzten fünfzig Jahren auf die Spur zu kommen und die jüdische Bevölkerungszahl von damals und heute einzugrenzen, kann nur Erfolg versprechen, wenn einerseits die demographischen Charakteristika der Juden in den Ausgangsgebieten - also in Osteuropa - bekannt sind und, weiterhin, wenn man die Wanderungsbewegungen im historischen Rahmen sieht.

Fraglos hatte der Zweite Weltkrieg den bedeutendsten Einfluß auf die zahlenmäßige Entwicklung der Juden in der Neuzeit. Daher verdient insbesondere die deutsch-sowjetische Auseinandersetzung bis 1945 und, danach, das Streben der überlebenden Juden, den verwüsteten Stammländern den Rücken zu kehren, die größte Beachtung.

Allein schon um gewissen Vorwürfen auszuweichen, stützt sich diese Analyse fast vollkommen auf alliiertes, zionistisches und zionistenfreundliches Zahlenmaterial. Die Bedeutung der hier gemachten statistischen Berechnungen liegt darum gerade auch in der Beweisführung, daß wenigstens sie auf der Grundlage angeblich entscheidender und größtenteils jüdischer Quellen gemacht werden können. Die markantesten Ergebnisse sind:

  1. Die jüdische Weltbevölkerung befand sich schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in einer ernsten demographischen Krise, hauptsächlich hervorgerufen durch niedrige Geburtenüberschüsse. Dies traf ganz besonders auch auf die Juden Osteuropas zu.
  2. In den 30er Jahren verließen etwa eine Million Juden ihre historischen Länder in Mittel- und Osteuropa; Ziele waren hauptsächlich Nord- und Südamerika, Palästina und Westeuropa.
  3. Anfang des Zweiten Weltkrieges gab es weniger als 16 Millionen Juden in der Welt (sog. »zeitgenössische« Daten sind in Klammern aufgeführt):

Vereinigte Staaten

5,0

(4,8) Mio.

UdSSR (einschl. Baltikurn)

5,3

(3,3) Mio.

Palästina

0,4

(0,4) Mio.

im 2. Weltkrieg deutsch besetzte europäische Länder

2,9

(6,0) Mio.

Restliche Länder der Welt

2,4

(2,2) Mio.

 
 

16,0

(16,6) Mio.

  1. Von den bei Kriegsausbruch in sowjetischer Hand befindlichen fast 51/2 Millionen Juden wurde der größte Teil von den Sowjets nach Sibirien evakuiert; knapp 15 % kamen unter deutsche Verwaltung.
  2. In den Reihen der Roten Armee und in den sibirischen Arbeitslagern kamen etwa eine Million Juden um; über diesen Aspekt schweigt sich die »zeitgenössische« Literatur im allgemeinen aus.
  3. Den Krieg überlebten etwa 141/4 Millionen Juden (in Klammern die »zeitgenössischen« Daten):

Vereinigte Staaten

5,2

(5,0) Mio.

UdSSR

4,3

(2,0) Mio.

Palästina

0,6

(0,6) Mio.

Im 2. Weltkrieg deutsch besetzte europäische Länder

2,4

(1, 1) Mio.

Restliche Länder der Welt

2,2

(2,3) Mio.

 
 

14,7

(11,0) Mio.

  1. Heute leben knapp 161/2Millionen Juden in der Welt (in Klammern die Daten des American Jewish Year Book):

Vereinigte Staaten*

6,7

(5,9) Mio .

UdSSR

3,4

(2,6) Mio.

Israel

3,2

(3,2) Mio.

Im 2. Weltkrieg deutsch besetzte europäische Länder

1,0

(1,0) Mio.

Restliche Länder der Welt

2,0

(1,8) Mio.

 
 

16,3

(14,5) Mio.

* einschließlich einiger Hunderttausend Nicht-Juden bei den in Klammern aufgeführten 5,9 und 14,5 Millionen des Year Book.

  1. In den kommenden Jahrzehnten ist mit einer sich beschleunigenden Verringerung der jüdischen Weltbevölkerung zu rechnen.

Diese Studie ist nur ein erster Schritt in dem Bemühen, die Auflösung des Ostjudentums im Laufe der letzten fünfzig Jahre nachzuvollziehen. Ohne Zweifel werden weitere Forschungen neue und verläßlichere Quellen aufdecken, die dann eine Berichtigung mancher Zahlen notwendig machen. Es wäre aber zu hoffen, daß Forscher auf diesem faszinierenden Gebiet dem Leitgedanken dieser Analyse folgen, da eine weitere Untersuchung dreier Bereiche besonders vielversprechend erscheint:

  1. Die sowjetische Evakuierung der Zivilbevölkerung, besonders der Juden, vor und während des Krieges.
  2. Die Bedeutung der Türkei als Durchgangsland für die per Eisenbahn (durch Bulgarien) und per Schiff (von Konstanza/Rumänien) flüchtenden Juden; türkische Archive stellen in diesem Zusammenhang ein völlig unerforschtes Territorium dar.
  3. Jüdische DP-Lager (UNNRA) von Persien bis Marokko.

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