Wider den Sozialismus

Kaum eine politische Partei kann, wenn sie erfolgreich sein will, auf das Attribut Sozialismus oder das Adjektiv sozial verzichten. Der von Marx theoretisch begründete von Lenin praktizierte Sozialismus hatte durch seine Radikalität zunächst eine große Anziehungskraft. Er forderte die Abschaffung des Privateigentums und die Vergesellschaftung der Betriebsmittel. Man redete dem Volk ein, daß alles das, was vorher in Privathänden war, nunmehr als Volkseigentum allen gehöre. Da das Volk durch den Staatsapparat repräsentiert wurde und dieser allein und zentraldirigistisch verfügte, war das »Volkseigentum« der größte Betrug des Jahrhunderts.

Daß ein solches System nicht funktionieren könne und das Volk in harter Arbeit gerade ein gewisses Existenzminimum erreichen würde, war den Weisen bereits 1897 bekannt und hat sich heute vollauf bestätigt.

Da aber durch die Thesen vom Sozialismus die Politik auf die Nöte und Interessen der unteren breiten Volksschichten gelenkt wurde und diese Masse des Volkes in den Demokratien das allein quantitativ entscheidende Wählerpotential stellte, konnte keine politische Partei umhin, das Soziale oder Sozialistische in ihr Programm aufzunehmen.

Wenn uns heute diese sozialen Errungenschaften als besonders erfolgreich und fortschrittlich erscheinen, so waren die Weisen in bezug auf das, was ihren eigenen künftigen Herrschaftsstaat betrifft, ganz anderer Meinung. So heißt es in Kapitel XIV:

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Zu gleicher Zeit werden wir nicht verfehlen, auf die geschichtlichen Fehler der Regierungen nachdrücklich hinzuweisen, durch welche die Menschheit so manche Jahrhunderte gepeinigt wurde aus Mangel an Verständnis für alles das, was das wahre Wohl der Menschheit ausmacht. Jene haben nie gemerkt, daß die phantastischen Pläne sozialer Segnungen, nach denen sie jagten, nur einen schlechteren, nie aber besseren Zustand der allgemeinen Verhältnisse erzeugen konnten, welche die Grundlagen des menschlichen Lebens sind. Die ganze Wucht unserer Grundsätze und Mittel aber wird in der Tat liegen, die wir ihnen als einen glänzenden Gegensatz zu der toten und zerstörten alten Ordnung des sozialen Lebens darbieten und auseinandersetzen werden.

Auch Hitlers Partei nannte sich »nationalsozialistisch«, doch hat sie das Sozialistische im Marxschen Sinne weder geplant noch praktiziert. Bei allen diesen marxistischen Sozialismen ging es ausschließlich um eine materielle Gleichmacherei, in der man den Unterprivilegierten, den vom Schicksal Vernachlässigten einen Rechtsanspruch auf einen entsprechenden, vom Volk erwirtschafteten Wohlstandsanteil zusicherte. Dieses immer höher gezüchtete Anspruchsdenken läuft letztlich darauf hinaus, daß die Klasse der Leistungsfähigen und Leistungswilligen zu Lasten der Unfähigen und Unwilligen beansprucht wird. Wenn heute eine Wohlstandsgesellschaft aus dem Topf des Überflusses schöpft, um einem neuen Ideal des Mitleidsethos zu dienen, so läßt sich diese Lage nicht auf das Jahr 1933 projizieren. Hitler hätte sich gar keinen materiellen Sozialismus leisten können und war ebenso wie die Weisen überzeugt, daß ein materieller Sozialismus niemals einen Fortschritt bringen kann.

So hat Hitler seinen Sozialismus als eine Sozialisierung oder besser: Solidarisierung aufgefaßt und praktiziert. Es war die Solidarisierung aller Deutschen als eine Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen die wirtschaftliche Not und gegen das alle betreffende Unrecht des Versailler Diktats. Nichts schweißt die Menschen mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind und eine gemeinsame Not. Es galt

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nicht die Klasse nach der Devise »Haste was, biste was«, sondern die eigene Leistung nach dem Motto »kannste was, biste was«.

Die vom Schicksal Vernachlässigten, die Leistungsunfähigen oder -unwilligen hatten keinen Rechtsanspruch auf einen Anteil am Wohlstand. Sie wurden verwiesen an die Organisation der »Winterhilfe«, deren Etat sich aus freiwilligen Spenden zusammensetzte und dessen Verteilung an Bedürftige sich wesentlich danach richtete, ob die Not unverschuldet oder selbst verschuldet war.

Der Marxsche Sozialismus, der von der Voraussetzung ausgeht, daß die Menschen alle gleich seien und nur durch unterschiedliche - sprich: ungerechte - Besitzunterschiede ungleich gemacht werden, bedeutet durch die Enteignung des Eigentums eine allgemeine Nivellierung nach unten. Hitlers Sozialismus bewirkte das Gegenteil. Er wertete den »Arbeiter der Faust« gleich dem »Arbeiter der Stirn« und solidarisierte sie unter einer Fülle idealistischer Aufgabenstellungen.

Die Gewerkschaften, die Aktivisten des gleichmacherischen Sozialismus und Spalter der Wirtschaft in Unternehmer und Abhängige, wurden 1933 aufgelöst. Das ging schon deswegen ohne Widerstand, weil Hitler den Arbeitern schon nach kurzer Zeit mehr gegeben hat, als die Gewerkschaften versprechen konnten.

Erinnern wir daran, was die Prokolle von den Lohnforderungen als vornehmlichste Gewerkschaftstätigkeit in Kapitel VI, Absatz4, hielten:

Wir werden die Löhne erhöhen, was indessen den Arbeitern keinen Vorteil bringen wird, da wir zur gleichen Zeit eine Preiserhöhung der wichtigsten Lebensbedürfnisse erzeugen werden.

Die berüchtigte Lohn-Preisspirale hat in der Tat nur eine schleichende Inflation zur Folge, die allein denen nützt, die von einer Geldentwertung profitieren. So war denn auch Hitlers Wirtschaftswunder für die Wirtschaftswissenschaftler nicht zuletzt deswegen erstaunlich, weil dieses bei stabilen Löhnen und Preisen geschah.

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Das Gewerkschaftseigentum wurde in die »Arbeitsfront« überführt. Mit einem modernen Vokabular könnte man diese Einrichtung als eine »konzertierte Aktion« bezeichnen, in der es allerdings nicht um mehr Lohn und weniger Arbeit ging, sondern vielmehr um gemeinschaftliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, um »Schönheit der Arbeit« beispielsweise und einen Wettbewerb um den Titel eines »Musterbetriebes«, um Idealismen also, mit denen der Staatskapitalismus kaum etwas anzufangen weiß.

Selbst Sebastian Haff ner mußte in seinen Anmerkungen zu Hitler anerkennen, daß der hier praktizierte Sozialismus humaner und besser war als die marxistisch-materialistische Gleichmacherei.6

Die Protokolle sagen allerdings nichts darüber aus, was ihre künftige Zwangsherrschaft als eine Alternative zum Sozialismus anbieten würde. Die in den Protokollen geplante Umerziehung spricht nur von einer Rückkehr zum religiösen Idealismus, ohne allerdings die Nichtjuden in den wahren Zweck ihrer Religion einzuweihen.

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