Das Wesen der Ideologie

Das Lexikon sagt über den Begriff Ideologie aus, daß man darunter eine Ideenlehre versteht, ein unfruchtbares Denken, eine bloße Theorie oder auch eine systematische Weltbetrachtung, wobei das »systematisch« in Klammer gesetzt ist, um anzuzeigen, daß es eine nur scheinbare Systematik sei.

Es steckt darin das Wort Idee. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet Sehen. Ideen also sind geistige Vorstellungen, die über das, was man sieht, hinausgehen, um das Wesen einer Sache oder gar einer ganzen Welt als Vorstellung zu erkennen. Dabei sollte man berücksichtigen, daß unsere Vorstellungen, unser Denken schlechthin, immer nur visuell erfolgt, so daß mit »Idee« das visuelle Denken richtig ausgedrückt ist.

Eine Klasse von Philosophen sagt, daß das materielle Sein durch den Geist, das Denken, bestimmt ist und somit nur eine Daseinsform oder eine Funktion des Geistes sei. Im Gegensatz dazu steht der Materialismus, der genau das Gegenteil behauptet, nämlich die Materie als einzig wahre Realität, während Geist nur die Leistung einer hochorganisierten Materie sei.

So läßt sich der seit Jahrtausenden währende philosophische Streit auf die Kernfrage reduzieren, ob das Sein vom Denken oder das Denken vom Sein kommt. Die meisten - auch die idealistischen - Philosophen sind hierbei zu Kompromissen bereit, etwa nach dem Grundsatz: Je größer die Determiniertheit des Geistes, desto kleiner die der Energiematerie - und umgekehrt.

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Kompromisse sind immer unbefriedigend. Es bleibt daher die Frage, ob es ein kompromißloses Entweder-Oder geben kann. Mit dieser Frage beschäftigt sich eingehend unser Buch über Die Irrlehren des wissenschaftlichen Materialismus? in dem mit den Mitteln der modernen Naturwissenschaften die Unhaltbarkeit eines wissenschaftlichen Materialismus nachgewiesen wird. Eine wesentliche Konsequenz dieses Buches besagt, daß es die Wahrheit, das Richtige oder das Gerechte an sich nicht gibt, daß vielmehr jeweils nur das wahr, richtig und gerecht ist, wovon wir als wahr, richtig und gerecht überzeugt sind. Überzeugungen aber werden gemacht, gelehrt, anerzogen oder auch propagiert.

Kommen wir nun zurück zum Wesen der Ideologie, von dem das Lexikon sagt, daß man darunter eine Scheinlehre, ein unfruchtbares Denken versteht. Das fordert aber die Erwartung heraus, daß diesem Scheinbaren etwas Wahres und Richtiges entgegensteht. Was ist denn die richtige Idee, die richtige Theorie, die richtige Weltanschauung? Welche verkörpert die Wahrheit? Sind es die Religionen? Und welche von den vielen? Nein, auch hier gilt, daß es die einzig wahre Idee oder Theorie nicht gibt, sondern daß immer nur jene Idee richtig ist, von der wir als richtig überzeugt sind.

Ideologien, Ideen, Theorien, Religionen oder Weltanschauungen sind jedoch die Voraussetzungen und Grundlagen für ein System von Ordnungen, ohne die ein gemeinschaftliches Leben nicht funktionieren kann. Bei allen anderen Kreaturen wird das Gemeinschaftsverhalten durch Instinkte geregelt. Instinkte sind angeborene Verhaltensweisen - vielleicht auch angeborene Überzeugungen -, die man weder gelernt noch erfahren hat. Da der Mensch aber als die »Krone der Schöpfung« alle seine Instinkte - ausgenommen den Mamainstinkt - reduziert hat, ist er die einzige Kreatur, die sich ohne Instinktzwang ihre Ordnung erarbeiten, anerziehen und erlernen muß.

Es wäre aber irrig anzunehmen, daß die Natur eine in sich geschlossene Ordnung sei, welche folglich jede Kreatur zur Anpas-

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sung an diese Ordnung zwingt. In dem oben erwähnten Buch über die Irrlehren des wissenschaftlichen Materialismus weisen wir nach, daß die Natur selbst keine Ordnung ist, sondern nur das Areal stellt, in dem sich jede wie auch immer geartete Ordnung zu entfalten vermag. So hat denn auch jede kreatürliche Art ihre eigene Ordnung, und keine kann für sich beanspruchen, daß sie besser oder richtiger als andere Ordnungen sei. Die einzige falsche Ordnung ist die Unordnung, deren Superlativ das Chaos ist.

Da der Mensch ferner als Instinkreduktionswesen nichtswissend und nichtskönnend auf die Welt kommt und alles, selbst das Sehen, Hören, Fühlen, erst lernen muß, ist er mehr als alle anderen Kreaturen ein gemeinschaftsgebundenes Wesen. Folglich ist er offen für jede Ordnung, in die er hineingeboren wird. Am Anfang einer jeden Ordnung steht der ordnungschaffende Gedanke, »das Wort«, wie die Bibel sagt. Dieser Gedanke ist die Idee oder Ideologie, Religion oder wie auch immer wir ihn nennen wollen. Er bestimmt das Verhalten, entscheidet über gut und böse, über richtig und falsch; er entwickelt Sitten, Gebräuche, Traditionen, gar die Sprache, insgesamt also jene Kulturen, durch die sich die Vielfalt menschlicher Gesellschaften unterscheidet.

Da aber keine Idee, keine Ideologie und keine Ordnung von sich aus existieren, sondern vom Geistwesen Mensch erdacht und formuliert werden müssen, sind die Ordnungssysteme an Personen gebunden, die als Autoritäten, Führer, Fürsten oder Könige jene Obrigkeit darstellen, der man gehorcht und sich unterwirft. Als Gegenleistung gewährt die Obrigkeit Schutz und Fürsorge.

Insgesamt also ist der Mensch nicht der passive Beobachter einer naturgesetzlich geordneten Welt und ihrer Ereignisse, sondern er ist der aktive Gestalter seiner Ordnungen, seiner Verhaltensweise, seiner Entwicklung und seines Erlebens. Er ist gar der Mittelpunkt der Welt; denn er kann die Welt nur so sehen und erleben, wie er sie zu erleben gelernt hat. Was er nicht kennt, was er nicht weiß, ist für ihn auch nicht existent.

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Mit dem technischen Fortschritt und der Industrialisierung wurde jedoch einer Ideologie Platz gemacht, welche heute weltweit die Menschheit beherrscht, in Wahrheit aber die menschenfeindlichste Ideologie ist, die man sich vorstellen kann: der Materialismus.

Er deklassiert den Menschen zu einem passiven Beobachter einer naturgesetzlich geordneten Welt und behauptet, daß alles Wohl und Wehe abhängig sei von einer sich gesetzmäßig entwickelnden Wirtschaft als dem wesentlichen Gestalter der Gesellschaft. Er behauptet, daß sich die harmonische Ordnung dieser Welt entwickelt habe aus einem freien Spiel der Kräfte und daß dieselben Kräfte sich auch nur in Freiheit, Harmonie und Ordnung weiterentwickeln könnten. Folglich seien alle Herrschaftssysteme, welche die Menschen bisher nur des eigenen Vorteils willen ausgebeutet hätten, abzuschaffen, ebenso wie alle reglementierenden Religionen, Institutionen und Traditionen. Der Materialismus behauptet, daß alle Menschen gleich seien und nur durch ungleiche - sprich ungerechte - Besitzverteilung ungleich würden. Er fordert Abschaffung des Privateigentums und selbst die Auflösung der Familie als kleinsten Horts einer Ordnungszelle.

Mit der Vorgabe, daß alle Macht dem Volke gehöre, wurden die autoritären Ordnungssysteme zerstört und durch die freiheitlichen Demokratien einerseits und den diktatorischen Kommunismus andererseits ersetzt. Beide praktizieren sie die Ideologie des Materialismus als Staats- oder als Privatkapitalismus.

Mit den widernatürlichen Parolen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurde ebenso gezielt wie bewußt das größte geistige und gesellschaftliche Zerstörungswerk aller Zeiten eingeleitet.

Heute stehen wir im Zenit einer demokratischen Internationale, überzeugt, daß wir deren Liberalität jenen Wohlstand zu verdanken haben, den uns der Materialismus als das Paradies der Arbeiter und Bauern auf Erden verheißen hat. Wir klopfen bereits heftig an das Tor dieses Paradieses, nicht ahnend, daß wir damit die Tür zur Hölle aufstoßen.

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Daß diese unselige Ideologie nicht einfach der Irrtum eines naturwissenschaftlichen Kausaldenkens ist, sondern bewußt dazu angelegt war, bestehende Ordnungen zu zerstören und mit dem Gift des Liberalismus ein geistiges und moralisches Chaos zu schaffen, aus dem die Menschheit dann durch die »Zwingherrschaft« eines auserwählten Volkes »befreit« werden soll, das lehren die ebenso umstrittenen wie berüchtigten Protokolle der Weisen von Zion.

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