Die Rolle Deutschlands und Hitlers

In der etablierten Geschichtsschreibung stellt sich das Ende des Ersten Weltkriegs so dar, daß man Deutschland mit den bekannten 14 Wilsonschen Punkten zu einem Waffenstilltand veranlaßt habe, um es hernach, als es bereits wehrlos war, mit dem unerträglichen Diktat von Versailles auszupressen. Amerika, das durch sein Eingreifen von 1917 diesen europäischen Krieg zu einem Weltkrieg ausgeweitet und zugunsten der Alliierten beendet hat, habe sich förmlich und demonstrativ von diesem Versailler Machwerk distanziert und sich aus dem Verhandlungsspiel zurückgezogen.

Als kritischer Historiker hätte man sich natürlich sagen müssen, daß die USA, als der eigentliche Sieger dieses Krieges, nicht nur die Möglichkeit, sondern auch das Recht gehabt hätten, ihre Vorstellungen von einem dauerhaften Frieden, die ja bereits durch die 14 Wilsonschen Punkte festgelegt waren, durchzusetzen. War es reine Dummheit, politisches Unvermögen, sich aus diesen Friedensverhandlungen einfach ausbooten zu lassen und sich schmollend zurückzuziehen? Tatsächlich hat man nicht nur dem amerikanischen Volk, sondern der ganzen Welt verkauft, daß man mit der Beseitigung des Kaisers als des größten und brutalsten Kriegsverbrechers aller Zeiten der Menschheit einen Dienst erwiesen habe. Doch »Jenen« darf man eine derartige unsinnige Politik nicht zutrauen.

Was sagte Rakowski dazu; denn er wußte ja, daß »Jene« nicht nur die russische Revolution, sondern auch den Ersten Weltkrieg finanziert und initiiert haben, um die kommunistische Internationale als

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entscheidenden Schritt in Richtung Weltregierung zu erreichen. Rakowski sagte:

Unser Scheitern12, das von Jahr zu Jahr deutlicher wird, umfaßt auch die Tatsache, daß alles, was in der Nachkriegszeit von »Jenen« für den neuen Angriff der Revolution getan wurde, ohne Ziel blieb. Der Vertrag von Versailles, der für Politiker wie für Wirtschaftler so unerklärlich ist, weil niemand seine wirkliche Zielrichtung ahnte, war die entscheidende Voraussetzung für die Revolution.

Kuzmin hielt diese Theorie für seltsam und forderte eine Erklärung über den Zusammenhang des Versailler Diktates mit der Revolution. Die Erklärung zeigt, mit welcher brutalen Rücksichtslosigkeit »Jene« ihr Ziel der Weltherrschaft ansteuerten:

Keines Volkes Interesse erforderte die Reparationen und die wirtschaftlichen Einschränkungen von Versailles. Ihre absurde Berechnung lag so klar auf der Hand, daß sogar die bedeutendsten Wirtschaftler der Siegervölker sie sogleich angriffen. Nur Frankreich forderte als Reparationen eine Summe, die größer war als der Wert seines gesamten Nationalvermögens, so, als wäre der gesamte Boden Frankreichs in eine Sahara verwandelt worden. Schlimmer noch war das irrsinnige Abkommen, auf Grund dessen man Deutschland viel mehr zu zahlen auferlegte, als es konnte, es so im Gesamten verkaufte und den Gesamtertrag seiner nationalen Arbeit auslieferte. Schließlich kam man zu dem Ergebnis, der Weimarer Republik ein phantastisches Dumping aufzuzwingen, wenn sie etwas von den Reparationen zahlen wollte. Und was war das Dumping? Unterkonsum, Hunger in Deutschland, und im gleichen Maße Arbeitseinstellung in den Einfuhrländern. Und wenn sie nicht einführten, Arbeitslosigkeit in Deutschland, Hunger und Arbeitslosigkeit im einen oder anderen Teil - das ist die erste Folge von Versailles. War also der Versailler Vertrag nicht revolutionär?

Man tat sogar mehr. Man versuchte, eine gleichmäßige Leistungsreglementierung auf internationaler Ebene durchzusetzen...

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Rakowski erklärte, daß das unsinnige Versailler Diktat nichts anderes als eine Verproletarisierung bezweckte, nicht nur eine Verproletarisierung Deutschlands, sondern auch Europas, sogar Amerikas. Diese Verproletarisierung ist die Voraussetzung für die kommunistische Internationale. Es war Stalin, der mit seinem Bolschewismus die kommunistische Internationale verhindert hat. Rakowski fuhr fort:

Erinnern Sie sich der aufeinander folgenden Abwertungen bei vielen Völkern, der deutschen Inflation, der amerikanischen Krise und ihrer trefflichen Wirkungen?

Ein Rekord an Arbeitslosigkeit, mehr als dreißig Millionen Arbeitslose allein in Europa und USA waren die Folge. Glauben Sie nun, daß der Versailler Vertrag und der Völkerbund Voraussetzungen für die Revolution waren?

Kuzmin antwortete:

Das mag sein, ohne daß es beabsichtigt gewesen sein müßte. Sie können mir nicht beweisen, warum sie vor der logischen Weiterentwicklung der Revolution und dem Kommunismus zurückweichen und warum sie darüber hinaus eine Front mit dem Faschismus bilden, der in Italien und Europa triumphiert. Was antworten Sie nun?

Wenn man die Existenz und das Ziel von Jenen außer Betracht ziehen wollte - antwortete Rakowski -, hätten Sie ganz recht. Aber man darf ihre Existenz und ihre Zielsetzung nicht vergessen, genauso wenig wie die Tatsache, daß Joseph Stalin die Macht in der Sowjetunion innehat.

Als Kuzmin da keinen Zusammenhang sehen wollte oder konnte, sagte Rakowski:

Weil Sie nicht wollen! Hinweise und Anhaltspunkte sind doch reichlich da! Ich wiederhole: Stalin ist für uns ein Bonapartist, kein Kommunist.

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Aber der Faschismus - widersprach Kuzmin - ist doch wesenhafter Antikommunismus, sowohl gegen den stalinistischen als auch gegen den trotzkistischen Kommunismus! Und wenn die Macht Jener so groß ist, warum haben sie ihn nicht verhindert?

Was Rakowski ihm antwortete, übertraf für Kuzmin alle Rekorde an Absurdität:

Weil Jene es waren, die Hitler triumphieren ließen. Das Absurde und das Wunderbare verschmelzen bei bildungsmäßiger Unfähigkeit.

Man erfährt nun von Rakowski eine Strategie »Jener«, welche das, was Politik heißt, ebenso exemplarisch offenbart wie deren Klugheit und Weitsicht. Jene hatten erkannt, daß Stalin durch einen Staatsstreich nicht gestürzt werden konnte, doch ihre geschichtliche Erfahrung diktierte ihnen eine andere Lösung, nämlich mit Stalin dasselbe zu machen wie einst mit dem Zaren: um ihn zu schwächen, zu stürzen, bauten sie Japan auf. Wen aber sollte man in Europa gegen Stalin aufbauen? Frankreich und England, die nächstliegenden Alliierten, besaßen weder ein genügend großes Heer noch eine geeignete geographische Position, um Rußland angreifen zu können. Nur Deutschland war geographisch und bevölkerungsmäßig dazu geeignet. Die Weimarer Republik jedoch war so schwach, daß sie selbst die Aggression Polens befürchten mußte.

Doch da tauchte Hitler am Horizont der Politik auf. Die revolutionär-kommunistische Wirtschaft, die eigentlich Verproletarisierung, Hunger und Arbeitslosigkeit schaffen und den Triumph der kommunistischen Revolution zur Folge haben sollte, führte nun aber scharenweise Hitler Anhänger zu. Rakowski wies Stalin die Schuld daran zu, daß Hitler überhaupt emporkommen konnte, weil er eben die Ausweitung der Revolution, für die »Jene« ihm den Weg geebnet hatten, versäumt hat. So sagte Rakowski wörtlich:

Im Jahre 1929, als die nationalsozialistische Partei an ihrer Wachstumskrise litt und ihr die Geldmittel ausgingen, sandten »Jene« ihm

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einen Botschafter. Ich kenne sogar seinen Namen, es war ein Warburg. In unmittelbaren Verhandlungen mit Hitler einigt man sich über die Finanzierung der Nationalsozialisten, und Hitler bekommt in ein paar Jahren Millionen von Dollars, die Wallstreet sendet, und Millionen von Mark, diese durch Schacht...

Später erläuterte Rakowski, daß Warburg zu Hitler mit falschem Namen kam und Hitler wohl nicht einmal seine Rassenzugehörigkeit erraten habe; außerdem log er über diejenigen, die er vertrat. Er sagte, er sei von einer Finanzgruppe der Wallstreet abgesandt, die daran interessiert sei, die nationalsozialistische Bewegung als eine Drohung gegen Frankreich zu finanzieren, dessen Regierung eine Finanzpolitik verfolge, die die Wirtschaftskrise in den USA hervorrufe. Wenn Hitler diese Geldquelle nicht gekannt haben sollte, Schacht, ein Freimaurer, kannte sie auf jeden Fall.

So wie Deutschland 1917 dafür gesorgt hatte, daß der verhaßte Zar gestürzt und die kommunistische Revolution ermöglicht wurde, so sollte nun ein wiedererstarktes nationalsozialistisches Deutschland unter Hitler abermals in Rußland einbrechen, um Stalin zu stürzen und ihn durch jemanden zu ersetzen, der, wie Trotzki, die Revolution im Sinne »Jener« fortführe. Natürlich sollte Hitler nicht Rußland besiegen; denn zu gegebener Zeit würde Hitler dann vom Westen angegriffen, und dann würden sich seine Generale gegen ihn erheben und ihn liquidieren.

Mit Recht warf Kuzmin ein, daß »Jene«, welche Hitler zum Führer gemacht haben, dann auch soviel Macht über ihn haben müßten; denn er fürchtete, daß Hitler - dank der Hilfe »Jener« - doch zu stark werden könnte, so daß die Geister, die »Jene« riefen, letztlich nicht mehr zu halten seien.

Doch da gab es gewichtige Gründe, um Hitler und sein System auch nicht nur einen Tag länger als notwendig am Leben zu lassen. Rakowski erklärte dazu:

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Einer dieser Gründe ist, daß Hitler, dieser ungebildete Elementarmensch, aus natürlichen Intuitionen und sogar gegen die technische Opposition von Schacht, ein höchstgefährliches Wirtschaftssystem geschaffen hat. Als Analphabet in jeder Wirtschaftstheorie (welche ja laut Protokollen der Weisen vornehmlich von »Jenen« entwickelt worden sind), nur der Notwendigkeit gehorchend, hat er, wie wir es in der Sowjetunion getan haben, die internationale wie die private Finanz ausgeschaltet.. . Er hat uns überholt, denn wir haben dieses System in Rußland unterdrückt und lediglich durch einen groben Apparat, genannt Staatskapitalismus, ersetzt; das war ein teurer Sieg für die vorrevolutionäre Demagogie... Das Schicksal hat Hitler sogar begünstigt; er besaß fast kein Gold, und so konnte er gar nicht in Versuchung geraten, es zu seiner Währungsgrundlage zu machen. Da er als einzige Sicherheit für sein Geld nur über die technische Begabung und die machtvolle Arbeitskraft der Deutschen verfügte, wurden Technik und Arbeit sein Goldschatz, etwas so wesenhaft Gegenrevolutionäres, daß es, wie Sie wissen, radikal wie durch Zauberkunst jene Arbeitslosigkeit von mehr als sieben Millionen Technikern und Arbeitern beseitigte.

Kuzmin warf ein, was man bis heute immer noch glaubt, daß die Arbeitslosen nur durch die beschleunigte Aufrüstung beseitigt werden konnten; doch Rakowski widersprach:

Ach wo, keine Spur! Wenn Hitler dazu gekommen ist im Gegensatz zu allen bürgerlichen Wirtschaftlern seiner Umgebung, könnte er sehr wohl fähig sein, ohne Kriegsgefahr sein System auf die Friedensproduktion anzuwenden. Können Sie sich ausmalen, was dieses System bedeuten würde, wenn es eine Anzahl Völker ansteckt, die einen wirtschaftlich autarken Kreis bildet? Etwa das britische Commonwealth? Stellen Sie sich vor, es funktionierte in seiner konterrevolutionären Art! Die Gefahr ist nicht drohend, noch nicht; denn wir haben das Glück gehabt, daß Hitler sein System nicht auf eine ihm vorausgegangene Theorie aufgebaut hat, sondern ganz empirisch, in keiner Weise wissenschaftlich formuliert. Das heißt, daß es keinen rational-deduktiven Prozeß durchlaufen hat, es gibt darüber keine wissenschaftliche These, man hat auch keine Lehre

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davon formuliert. Aber die Gefahr ist latent; jeden Augenblick kann sich auf dem Wege der Induktion eine Formel ergeben. Das ist sehr ernst, ernster als alles Theater und alle Grausamkeit beim Nationalsozialismus! Unsere Propaganda greift das auch nicht an - denn aus der polemisierenden Kontroverse könnte die Formulierung und Systematisierung der gegenrevolutionären Wirtschaftslehre erwachsen. Da gibt es nur eine Rettung: Den Krieg.

Die Ausführlichkeit, mit der sich Rakowski diesem entscheidenden Kapitel der Geschichte widmete, zeigt in der Tat die Bedeutsamkeit und die Gefahr des damaligen improvisierten Wirtschaftssystems, welches inmitten einer von Wirtschaftskrisen erschütterten Welt eine Wohlstandsinsel im Herzen Europas und vor den Toren Rußlands entstehen ließ. Dabei hatte die Wallstreet durch die Währungsmanipulation vom 31. Januar 1934, nach der Deutschland keine Rohstoffe mehr in der Welt auf Dollarbasis kaufen konnte, das Hitlersche Wirtschaftswunder geradezu provoziert. Die Balkanländer, gar südamerikanische Länder buhlten um Wirtschaftsverträge mit Deutschland, da ihnen der Tauschhandel sehr gelegen kam. Diese bedeutenden Märkte drohten nämlich, den Anglo-Amerikanern verloren zu gehen.

Das Wesentliche aber hat Rakowski deutlich genug aufgezeigt: Wenn sich Hitlers Wirtschaftssystem durchgesetzt hätte und dieses gar durch eine Wissenschaftstheorie wie ein Rezept angeboten worden wäre, würde das wesentlichste Machtinstrument »Jener«, nämlich das spekulative Kapitel, verloren gehen. Das wäre nicht nur das Ende des Staats- und Privatkapitalismus, sondern auch das Ende des weltanschaulichen Materialismus, jener Ideologie, die »Jene« verbreiten, wohl wissend, daß sie falsch ist. Dabei ist jedoch in den Protokollen der Weisen von Zion bereits vorgesehen gewesen, daß diese nach Errichtung der Weltherrschaft sogleich die Goldwährung abschaffen und eine neue Währung einführen werden, welche sich nach dem Arbeitslohn ausrichtet, sehr wohl, um zu verhindern, daß jemand das spekulative Kapital für Machtzwecke so mißbrauchen

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könnte, wie sie es getan haben. Hatte Hitler dieses bereits vorpraktiziert?

In der etablierten Geschichtsliteratur über Ursache und Anlässe zum Zweiten Weltkrieg findet man keinen Hinweis auf den von Rakowski so offen zugegebenen wirtschaftlichen Grund. Wenn ein Historiker diesen Grund ausgearbeitet haben sollte, würde er keinen Beweis für seine Behauptung vorlegen können. Rakowski offenbart überhaupt, daß »Jene«, welche seit der Französischen Revolution die Geschicke und Geschichte manipuliert, initiiert und gelenkt haben, in der Geschichtsliteratur gar nicht existieren.

Rakowski ist übrigens nicht die einzige Quelle für die Aussage, daß Hitlers Machtergreifung der finanziellen Unterstützung von »Jenen« zu verdanken ist. Emil Aretz beschreibt in seinem Buch Hexeneinmaleins einer Lüge eine 99 Seiten starke Schrift, die 1933 in Amsterdam unter dem Titel De Geldbronnen von het National-Socialisme erschienen ist.13 Als Verfasser wurde ein Sidney Warburg genannt, aus jenem Bankhaus Warburg stammend, das mit dem Geldtransfer wesentlich befaßt war. Er nennt eine Gesamtsumme von 32 Millionen Dollar (rund 132 Millionen Reichsmark) und führt die Namen der Banken auf, über die die Anweisungen gelaufen sind. Er läßt aber offen, daß noch weitere Beträge im Auftrag der Wallstreet geflossen sind und Bankwege genommen haben, die er selbst nicht kontrollieren oder verfolgen konnte.

Sidney Warburg hat sein Wissen preisgegeben aus Empörung darüber, daß dieser offen erklärte Judenfeind Hitler ausgerechnet von seinen Erzfeinden auf den Thron eines deutschen Reichskanzlers gehoben worden ist. Als Gründe der Finanzierung Hitlers gab Warburg, der wegen seiner guten Deutschkenntnisse die direkten Verhandlungen mit den Nationalsozialisten geführt hat, jene Geschichte mit der französischen Geldpolitik an, die auch Rakowski als fingierten Vorwand bezeichnet hat, um die wahren Absichten zu vertuschen. Hier stimmen also Rakowskis Aussagen mit denen von Sidney Warburg überein.

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Als dieser Warburg-Bericht bekannt wurde, haben sowohl James P. Warburg als auch Franz v. Papen ihn als eine Fälschung erklärt; denn beiden Seiten war das Finanzierungsmanöver äußerst peinlich. Es gab noch eine andere Persönlichkeit, die darüber informiert war, nämlich Hjalmar Schacht. Als man ihm während des Nürnberger Prozesses vorhielt, daß es mit seiner Abneigung gegen die Nazis nicht weit her sein könne, da er doch die Partei mit einem Jahresbeitrag von RM l 000.- unterstützt habe, setzte Schacht an zu erklären, daß dieses gegen die vielen Millionen Dollar. . . Seine Rede wurde ihm kurz abgeschnitten.

Ob die wahren Gründe der Finanzierung Hitlers mit dem erschöpft sind, was Rakowski als eine gegen Stalin gerichtete Maßnahme erklärt, könnte fraglich sein. Bei Johannes Rothkranz Die kommende Diktatur der Humanität lesen wir auf S. 76 ff. noch eine andere quellenbelegte Version, die hier in Kürze zusammengefaßt werden soll:

Man beziehe sich auf das Jahr 1897, als in Basel die erste Weltzionisten-konferenz stattgefunden hatte. Als Hauptpunkt stand die Rückgabe des Staates Israel an die Juden auf der Tagesordnung. Man beziehe sich ferner auf das Jahr 1917, als sich der britische Außenminister Balfour bereiterklärte, das britische Mandatsgebiet Palästina zur Einwanderung von 500 000 Juden zu öffnen. Diese Erklärung dürfte entscheidend dafür gewesen sein, daß die USA - bzw. »Jene« - in den Ersten Weltkrieg eintraten.

Doch der Erfolg war enttäuschend; denn welcher Jude, der bereits .irgendwo in der Welt sein Einkommen gefunden hatte, war schon bereit, ein zweifelhaftes Schicksal in der Wüste dagegen einzutauschen. Für »Jene« war aber Israel als geistige Heimat des Weltjudentums deswegen so wichtig, weil auch die angestrebte Weltherrschaft einen zentralen Mittelpunkt brauchte. Es kam hinzu, daß die europäischen, besonders die deutschen, Juden sich in ihr Heimatland zu integrieren und damit dem Weltjudentum verloren zu gehen drohten. Es war daher notwendig, diesen Juden das Leben in ihren Ländern so unerträglich zu machen, daß eine Auswanderung nach Palästina

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geradezu eine Erlösung war. Dazu gab es keine bessere Lösung, als den Antisemiten Hitler zur Macht in Deutschland zu verhelfen und ihn gleichzeitig zu antisemitischen Maßnahmen zu provozieren.

Die letzte Dollarzahlung an Hitler sollte noch am 10. März 1933 erfolgt sein. Am 24. März 1933 erschien der bekannte weltweite Aufruf im Daily Expreß an alle Juden der Welt, den wirtschaftlichen Krieg gegen Hitler bis zur Vernichtung »Nazideutschlands« einzuleiten. Als Antwort erfolgte prompt am l. April für einen Tag der Boykott gegen jüdische Geschäfte in Deutschland.

Wenige Wochen später wurde in Amsterdam eine »International Jewish Economic Federation to combat the Hitlerite oppression of Jews« gegründet; ihr Präsident wurde der New Yorker Rechtsanwalt Samuel Untermayer. Er erklärte im August 1933 auch noch den »heiligen Krieg« gegen Deutschland. Aktion und Reaktion lösten einander ab und fanden in der berüchtigten Reichskristallnacht insofern einen Höhepunkt, als diese unsinnige Aktion von der internationalen Presse als ein schlimmes Naziverbrechen hochstilisiert wurde, derer man noch mehr zu erwarten hätte.

Vier Wochen hiernach reiste Hjalmar Schacht mit Zustimmung Hitlers nach London und verhandelte dort erfolgreich über einen größeren Kredit, damit die deutschen Juden mitsamt ihrem Vermögen auswandern konnten: Der Kredit scheiterte an einem Veto Chaim Weizmanns14. Später hat man von ihm die Begründung erfahren, daß er lieber auf die deutschen Juden verzichte als auf den Staat Israel, und er erklärte: Mein großes Ziel ist der Staat Israel; dafür muß ich große Opfer geschehen lassen.

Bereits vor Ausbruch des Krieges versicherte Weizmann dem britischen Premierminister Chamberlain, daß das internationale Judentum auf der Seite Englands kämpfen werde. Nach Ausbruch des Krieges schloß er sich am 6. 9. 1939 den Kriegserklärungen Englands und Frankreichs im Namen des internationalen Judentums anl5. Die Rechtmäßigkeit einer Kriegserklärung eines nicht existie-

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renden Staates läßt sich natürlich bestreiten; insofern war sie unsinnig und überflüssig, es sei denn, Weizmann wollte damit provozieren, daß Hitler die Juden seines Machtbereichs wie Angehörige einer feindlichen Nation interniere. Doch erst nach Ausbruch des deutschrussischen Krieges waren die Juden in Deutschland gezwungen, sich mit dem gelben Stern zu kennzeichnen. Damit begann auch die Internierung der Juden in Konzentrations- und Arbeitslagern.

Zugleich begannen vornehmlich in der New York Times die ersten Berichte, gesammelt von Rabbi Wise als Leiter der WRB-Kommission, über Massenmorde an Juden im besetzten Polen. Es wurden genaue Daten genannt, Ortschaften bezeichnet und recht phantasievolle Tötungsarten in Vergiftungsanstalten, mit Starkstrom und dergleichen beschrieben. Eigenartigerweise ist von diesen recht genauen Angaben nach dem Kriege in den Kriegsverbrecherprozessen nicht mehr die Rede gewesen. Im Februar 1942 hielt Chaim Weizmann eine Rede im Madison Square Garden, in der er behauptete, die Nazis hätten bereits 2 Millionen Juden ermordet, während weitere 4 Millionen dasselbe Schicksal erwartete. Daran knüpfte er die Forderung: Gebt uns endlich den Staat Israel, um diese 4 Millionen noch retten zu können.16

Zweierlei ist daran bemerkenswert: Hier taucht zum ersten Mal die Zahl von 6 Millionen auf. Warum, so müßte man sich ferner fragen, war Weizmann überzeugt, daß mit der Freigabe des Staates Israel die restlichen 4 Millionen Juden gerettet werden könnten, wenn die Ausrottung aller europäischen Juden auf Hitlers Programm gestanden hat?

Nach Beendigung des Krieges wurde die Welt damit erschüttert, daß die Nationalsozialisten 6 Millionen Juden auf unvorstellbar grauenhafte Weise, vornehmlich in Gaskammern, ermordet hätten. Mit Filmen, Fotos und Zeugenaussagen wurde dieser Völkermord dokumentiert und das Mitleid aller Völker so geweckt, daß niemand mehr - ausgenommen die betroffenen Araber - den Staat Israel verweigern konnte.

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Zwei Fliegen wurden mit einer Klappe geschlagen: Hitler wurde als Erzfeind des Kapitalismus ausgeschaltet. Die zuvor immer noch judenfeindliche Welt hat durch die Geschichte vom Holocaust den Staat Israel zugelassen, und die Judenheit wurde insgesamt auf einen Märtyrerthron gesetzt.

Kommen wir nun wieder zurück zu Rakowski, der behauptet hatte, daß »Jene« Hitler zur Macht verhelfen hätten, damit er ihnen helfe, Stalin zu beseitigen. Gewiß, der Bolschewismus, den Hitler jeweils mit dem Attribut »jüdisch« versah, war für ihn der Weltfeind Nummer l, gegen den er eine kriegerische Auseinandersetzung für unvermeidlich hielt. Da auch die übrigen europäischen Mächte, England, Frankreich und Italien, antikommunistisch geprägt waren, würden diese Hitler kaum daran hindern, sich mit Rußland kriegerisch auseinanderzusetzen. Mit nur einem Gegner könne Deutschland, entsprechend hoch gerüstet, fertig werden. Es sei aber nicht die Absicht »Jener«, Rußland durch Deutschland besiegen zu lassen, um dann möglicherweise auch dort das gefährliche Wirtschaftssystem eingeführt zu sehen.

So fragte denn Kuzmin: »Haben Sie an einen Plan zur praktischen Verwirklichung gedacht?«

Rakowski behauptete, während seiner Haft in der Lubjanka genügend Zeit gehabt zu haben, um nach einer Lösung zu suchen. Was er aber dann als angeblich nur seinen Gedankengang erklärte, war eine politische Entwicklung, welche zu diesem Zeitpunkt, dem 26. Januar 1938, noch gar nicht abzusehen war. Man müßte ein Problem finden, sinnierte er, in dem Hitler und Stalin übereinstimmten. Als Kuzmin ihn auf die Schwierigkeit eines solchen Problems hinwies, sagte Rakowski:

Erraten Sie es nicht? Wenn Polen bewirkte, daß Katharina II. und Friedrich II. sich verständigten - jeder von beiden ein Muster für den jetzigen Zar und den jetzigen König in Preußen -, warum sollte Polen nicht auch die Ursache sein für eine Verständigung zwischen Hitler und Stalin? Die geschichtliche Linie von den Zaren zu den

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Bolschewiken und von den Monarchen zu den Nationalsozialisten ebenso wie alles Persönliche bei Hitler und Stalin könnten sich in Polen treffen. Ebenso unsere Linie, ebenso diejenige von »Jenen« -übrigens ist das ein christliches Volk, und, ein weiterer erschwerender Umstand, ein katholisches Volk.

»Jenen« also, die hinter den Kulissen der offiziellen Politik die Fäden zogen, die die polnische Frage als Grund zum Zweiten Weltkrieg nahmen, lag daran, nicht nur Hitler zu vernichten und Stalin zu beseitigen, sondern auch dieses Polen zu opfern, weil es eben ein katholisches Volk war.

Hiernach entspann sich ein Dialog zwischen Kuzmin und Rakowski, den wir im Original wiedergeben sollten:

Kuz.: Und angenommen, sie stimmen in diesem dritten Punkt überein. ..

Rak.: Wenn Willensübereinstimmung besteht, ist ein Vertrag möglich.

Kuz.: Zwischen Hitler und Stalin? Verrückt! Unmöglich!

Rak.: Es gibt nichts Verrücktes, noch weniger Unmögliches in der Politik.

Kuz.: Nehmen wir also als Hypothese an, Hitler und Stalin greifen Polen an...

Rak.: Darf ich unterbrechen: ihr Angriff kann lediglich die Alternative Krieg oder Frieden hervorrufen - das müssen Sie zugeben.

Kuz.: Ja, aber - und was?

Rak.: Halten Sie England und Frankreich mit ihrer Unterlegenheit an Heer und Luftwaffe für fähig, Hitler und Stalin anzugreifen, wenn diese zusammenhalten?

Kuz.: In der Tat - das scheint mir schwierig, wenn es Amerika nicht gäbe.

Rak.: Lassen Sie einen Augenblick die USA aus dem Spiel. Sie gestehen mir also zu, daß ein Angriff Hitlers und Stalins auf Polen keinen europäischen Krieg auslösen kann?

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Kuz.: Logisch, das erscheint unmöglich.

Rak.: In diesem Falle wäre ein Angriff auf Polen fast sinnlos. Er würde nicht zur gegenseitigen Zerstörung der bürgerlichen Staaten führen, die Drohung Hitlers gegen die Sowjetunion würde nach Durchführung der Teilung Polens weiterbestehen, wenn auch vorerst theoretisch. Deutschland und die Sowjetunion hätten sich gleichmäßig verstärkt; praktisch jedoch hätte sich Hitler mehr verstärkt; denn Rußland braucht weder Land noch Rohstoffe, um stärker zu werden, wohl aber braucht sie Deutschland.

Kuz.: Das ist richtig gesehen, aber es scheint keine andere Lösung zu geben.

Rak.: Es gibt doch eine Lösung. Kuz.: Welche?

Rak.: Daß die Demokratien den Aggressor angreifen und nicht angreifen.

Kuz.: Jetzt schweifen Sie ab. Angreifen und Nichtangreifen zugleich ist eine völlige Unmöglichkeit.

Rak.: Glauben Sie? Beruhigen Sie sich! Wären nicht beide Angreifer? Sind wir nicht einig darüber geworden, daß der Angriff nur durchgeführt werden wird, wenn ihn beide unternehmen? Gut, was wäre dabei undenkbar, daß die Demokratien nur einen der Aggressoren angreifen?

Kuz.: Was wollen Sie damit sagen?

Rak.: Einfach, daß die Demokratien nur einem der Angreifer den Krieg erklären, genau gesagt Hitler. Kuz.: Das ist nur eine billige Hypothese.

Rak.: Hypothese ja, aber keineswegs billig. Überlegen Sie: Jedes Volk, das gegen eine Koalition feindlicher Staaten kämpfen muß, hat als wichtigstes strategisches Ziel, sie getrennt, einen nach dem ändern zu schlagen...

Rakowski setzte auseinander, daß und warum in einem solchen Falle die Demokratien, England und Frankreich, nicht auch der Sowjet-

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union den Krieg erklären könnten und daß man, was wohl nicht schwer wäre, dafür sorgen müsse, daß ein Hitler-Stalin-Pakt nicht eine gegenseitige Waffenhilfe für den Fall eines Krieges mit anderen Staaten beinhalten dürfe. Kuzmins Bedenken, daß Amerika sich in diesem Krieg nicht neutral verhalten, sondern ein unberechenbarer Faktor werden könne, zerstreute Rakowski, indem er aus der amerikanischen Geschichte rekonstruierte, daß die USA nur dann angreifen, wenn sie sich selbst angegriffen fühlen.

Es ist sehr naheliegend, daß Rakowski im Januar 1938 die Absichten und Pläne »Jener« für Europa bereits kannte, doch verbarg er dieses Wissen hinter einer Lektion in diplomatischen und politischen Denkprozessen, die Kuzmin dazu bringen sollte, von sich aus als naheliegend zu entwickeln, was in Wahrheit den Plänen »Jener« entsprach.

So stand die Frage nach der Persönlichkeit an, welche geeignet wäre, Verbindung mit Hitler aufzunehmen. Der amtierende Außenminister Litwinow-Finkelstein kam dafür nicht in Frage, doch begründete Rakowski dieses nicht mit seiner Rassenzugehörigkeit, die Hitler nicht zumutbar gewesen wäre, sondern damit, daß Litwino w unter dem Verdacht stehe, ein Trotzkist zu sein, der, falls er den Kontakt mit Hitler schaffe, damit selbst seinen Beweis für seinen Trotzkismus geliefert haben würde. So empfahl er gar sich selbst für diese Aufgabe, und wenn auch nur, um sich für diesen Prozeß unentbehrlich zu machen.

Tatsächlich wurde Litwinow 1939 wenige Wochen vor der Kontaktaufnahme Sowjetrußlands mit den Nationalsozialisten durch Molotow abgelöst. Das zählte zu den vertrauenbildenden Maßnahmen, die Rakowski als Einleitung der Kontaktaufnahme empfohlen hatte. Und weiter entwickelte er bereits Einzelheiten des unerläßlichen Hitler-Stalin-Paktes, in dem sich Sowjetrußland zur Lieferung von dringend benötigten Rohstoffen, besonders Rohöl verpflichten müßte, um Hitler eine Ausweitung des Krieges auf die Westmächte zu ermöglichen.

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Kuzmins Bedenken, ob denn auch alles so ablaufen würde, wie er es entwickelt habe, zerstreute Rakowski mit Hinweisen auf die Existenz »Jener«, für die Kuzmin - wiederholt - Beweise forderte, die Rakowski natürlich nicht auf den Tisch legen konnte. So bemühte er sich wiederum, seinen Vernehmer mit seiner speziellen Logik auf die Unvermeidbarkeit der Existenz »Jener« hinzuführen:

Und doch ist Logik und Natürlichkeit meines Planes reiner Schein. Das Natürliche und Logische wäre, wenn Hitler und Stalin sich gegenseitig vernichten; eine einfache und leichte Sache für die Demokratien, wenn ihr Ziel wirklich das wäre, das sie proklamieren, obwohl viele Demokratien das glauben; denn es wäre genug, wenn sie Hitler erlauben - halten Sie fest: erlauben - würden, Stalin anzugreifen. Sagen Sie mir nicht, daß Deutschland siegen könnte. Wenn der russische Raum und die Verzweiflung Stalins und der Seinigen unter dem Beil Hitlers oder gegenüber der Rache ihrer Opfer nicht ausreichen sollten, die Militärmacht Deutschlands zu ersticken, so stände ja dem nichts im Wege, daß die Demokratien klug, methodisch Stalin unterstützten, wenn sie sehen, daß er schwach wird, und ihre Hilfe bis zur Erschöpfung beider Heere fortsetzen. Das würde gewiß leicht, natürlich und logisch sein, wenn die Beweggründe und Absichten der Demokratien, die viele ihrer Menschen für wahr halten, Tatsachen wären, und nicht, was sie wirklich sind: Vorwände.

Es gibt ein Ziel, ein einziges Ziel - den Sieg des Kommunismus, den aber zwingt niemand anders den Demokraten auf als New York, nicht die Komintern, sondern die Kapintern der Wallstreet. Wer außer ihr könnte Europa einen so offensichtlichen und völligen Widerspruch aufzwingen? Wer kann die Kraft sein, die es zum totalen Selbstmord treibt? Nur eine ist dazu fähig: das Geld! Geld ist Macht, die einzige Macht

Kuzmin war von Rakowskis Dialektik fasziniert, wünschte nichts mehr, als daß den verhaßten Demokratien von »Jenen« der Kommunismus aufgezwungen wird; andererseits war ihm der scheinbar notwendige Krieg zwischen Deutschland und Sowjetrußland mit

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dem von Rakowski vorausgesagten Ausgang unheimlich. Er fragte nach Garantien, die Rakowski natürlich verweigern mußte. So stellte Rakowski kategorisch fest, daß es für Stalin nur die Alternative gab, entweder zertreten zu werden oder den Plan durchzuführen.

Kuzmin ließ nicht locker, von jenen mehr wissen zu wollen; er könne nicht mit Gespenstern verhandeln, sondern müsse etwas Konkretes, Greifbares, Persönliches vorlegen, zum Beispiel eine Person mit Vertretungsvollmachten von »Jenen«. Rakowski entgegnete:

Und warum? Um des Vergnügens willen, sie zu kennen und zu sprechen? Berücksichtigen Sie, daß die angenommene Person, falls sie sich einstellt, keine Beglaubigungschreiben mit Siegel und Stempel mitbringen, keine Diplomatentracht tragen wird, am allerwenigsten von »Jenen«; was sie sagt und verspricht, was sie an Verträgen abschließt, wird keinerlei juristischen oder Vertragswert haben. Verstehen Sie, daß »Jene« kein Staat sind, sie sind, was die Internationale vor 1917 war, was sie heute offiziell noch ist - zugleich Nichts und Alles.

Bei allen Verträgen, ob sie besiegelt sind oder nicht, sei es das Wichtigste, diese zu erfüllen, um das mit den Verträgen angestrebt Ziel zu erreichen. Kuzmin gab sich einstweilen damit zufrieden, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß sich allein auf Grund seiner Offenbarungen niemand im Kreml dazu hergeben werde, einen Vertrag mit Hitler zu schließen. Rakowski antwortete, daß die internationalen Ereignisse dazu zwingen würden. Man solle doch erst einmal damit beginnen, in Berlin zu sondieren, einige Gesten zu machen, sich von den Demokratien enttäuscht zu zeigen, man sollte in Spanien etwas nachgeben und so ganz vage auf Polen anspielen. Mehr nicht. Das sei schon eine große diplomatische Aufgabe.

Schließlich zählte Rakowski auf Drängen von Kuzmin doch eine Reihe von Namen auf, die zu »Jenen« gehören, ohne zu sagen, wer »Jener« eigentlich ist: Da ist das Bankhaus Kuhn, Loeb und Kahn in der Wallstreet; innerhalb dieses Bankhauses die Familie Schiff,

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Warburg, Loeb und Kahn, die trotz verschiedener Familiennamen untereinander durch Ehen verbunden sind; Baruch, Frankfurter, Altschul, Cohen, Benjamin, Straus, Blum, Rosenmann, Lippman, Lehman, Dreyfus, Lamont, Rothschild, Mandel, Morgenthau, Ezechiel, Lasky. Wenn man mit einer dieser Personen sprechen würde, bekäme man nie eine direkte Antwort oder gar eine Zusage. Die Antwort gäben die Tatsachen. Das sei eine unveränderte Technik, die »Jene« auch durchzusetzen wüßten.

Alle diese Personen lebten in New York, viel zu weit fort, um mit ihnen Kontakt aufnehmen zu können. So erinnerte Kuzmin daran, daß Rakowski nicht mehr viel Zeit habe, sein Leben zu retten, da sein Prozeß bevorstünde. Es müßte also irgend etwas Konkretes geschehen. »Wenn Sie uns den Beweis dafür liefern können, daß Sie die Wahrheit gesagt haben, könnte ich Ihr Leben retten - andernfalls garantiere ich für nichts,« sagte Kuzmin.

Rakowski erkundigte sich, ob Davies, der amerikanische Botschafter, in Moskau sei. In diesem so außergewöhnlichen Fall wolle er sich das Recht nehmen, gegen die Regeln einen amtlichen Weg zu nehmen.

Kuzmin fragte, ob er annehmen könne, daß die amerikanische Regierung dahinter stünde, und Rakowski antwortete: »Dahinter nicht, darunter.«

Leutselig, offensichtlich etwas erleichtert, plauderte Rakowski einige Geheimnisse über bedeutsame politische Ereignisse aus:

Erinnern Sie sich jenes Morgens des 24. Oktobers 1929. Es wird eine Zeit kommen, da er für die Geschichte der Revolution ein wichtigerer Tag sein wird als der vom 24. Oktober 1917... Dieser 24. ist der Tag des Kraches an der Börse von New York, der Beginn der sogenannten Depression, der wirklichen Revolution - 12 bis 15 Millionen Arbeitslose! Im Februar 1933 der letzte Schlag der Krise mit der Schließung der Banken. Mehr konnte die Finanz nicht tun, um den klassischen Amerikaner, der noch verschanzt im Reduit saß, auf den Kopf zu schlagen und ihn wirtschaftlich der Wallstreet zu versklaven... Es ist

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bekannt, daß jede Verarmung der Wirtschaft ein Blühen des Parasitentums bedeutet - und die Finanz ist der große Parasit... Jetzt wollte sich die Macht des Geldes in unmittelbare Macht verwandeln. Der Mann, durch den sie das ausüben wollten, sollte Franklin Delano Roosevelt sein. Haben Sie verstanden? Notieren Sie das: In diesem Jahr der amerikanischen Revolution, im Februar, fährt Trotzki aus Rußland weg; der Krach ist im Oktober. Die Finanzierung Hitlers wird im Februar 1929 bewilligt. Glauben Sie, daß das rein zufällig war?... Wird ein guter Roman für Sie mehr Beweiskraft haben? Aber Sie werden verstehen, daß ein Plan von derartigem Umfang einen außergewöhnlichen Mann als Inhaber der Exekutivgewalt in den USA benötigte...

Ob Roosevelt einer von »Jenen« sei, wollte Kuzmin wissen, und Rakowski antwortete wieder einmal sphinxhaft, daß er nur wüßte, daß er sich seines Auftrages bewußt sei; ob er einfach nur gehorche, ob er gar erpreßt worden sei, was spiele das für eine Rolle.

Wir wissen heute beispielsweise aus der Veröffentlichung des langjährigen Roosevelt-Gegenspielers im US-Parlament Hamilton Fish (Der zerbrochene Mythos17), daß »Jene« mit dem Zweiten Weltkrieg zugleich die Zerstörung des britischen Weltreiches anstrebten, um eben dessen Nachfolge anzutreten. Auch Rakowski war über diese Pläne unterrichtet; denn er sagte seinem Vernehmer Kuzmin:

... wenn weder die Sowjetunion noch die USA ein Interesse am europäischen Imperialismus haben, dann schrumpft die Frage auf einen Streit der persönlichen Herrschaft zusammen. Ideologisch, politisch und wirtschaftlich aber würden Rußland und Amerika die Zerstörung des europäischen Kolonialimperiums nützen, ganz gleich, ob direkt oder indirekt. Aber noch mehr den Vereinigten Staaten. Wenn Europa in einem neuen Krieg alle seine Kraft verliert, würde England, das über keine eigene Kraft, sondern nur über solche als europäische Hegemonialmacht verfügt, sobald Europa als Machtpotential verschwindet, mit seinem britischen Empire englischer Sprache sofort zu den USA gravitieren.

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Ist es nicht so gekommen? England hat für den Zweiten Weltkrieg sein Kolonialreich geopfert, Roosevelt versprach allen Kolonial-völkem die Freiheit, und danach bröckelten, teils sehr blutig, die französischen, spanischen, holländischen, belgischen, italienischen und portugiesischen Kolonien auseinander. Die ehemaligen Kolonien bildeten jene Dritte Welt, die fortan vom Kapital gegängelt wird.

Rakowski prophezeite weiter eine Entwicklung, die erst 18 Monate später erkennbar wurde, während zum Zeitpunkt seiner Aussage weder der Anschluß Österreichs erfolgt, noch die Sudetenkrise ausgebrochen war:

Hier ist der Fahrplan: l. Abkommen mit Hitler, um die Tschechoslowakei oder Polen zu teilen. Am besten dieses (Polen).

2. Hitler wird annehmen. Wenn er in seinem Eroberungsspiel des Bluffs fähig ist, etwas zusammen mit der Sowjetunion zu nehmen, wird er das für die untrügliche Garantie halten, daß die Demokratien verhandeln werden. Er kann gar nicht an ihre Drohworte glauben, da er ja weiß, daß die am meisten kriegerischen zugleich für die Abrüstung sind und daß ihre Abrüstung echt ist.

3. Die Demokratien werden Hitler und nicht Stalin angreifen; man wird den Leuten sagen, daß zwar beide gleichmäßig der Aggression schuldig sind, strategische und Nachschubgründe es aber veranlassen, sie getrennt zu schlagen. Erst Hitler, dann Stalin.

Man erinnere sich, daß Hitler nach Abschluß des Paktes mit Stalin eine besonders aktive Diplomatie entwickelte, überzeugt, daß Polen, nunmehr isoliert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren gezwungen sei.18 Als Polen daraufhin gar die Generalmobilmachung anordnete und Hitler den Angriff auf Polen befahl, glaubte er nicht, daß England und Frankreich den Krieg erklären würden. Da beide aber offiziell wegen Danzig zum Schutz Polens sich zum Beistand verpflichtet hatten und die Sowjetunion Polen gleichermaßen angriff, war es völlig widersinnig, daß die Demokratien nicht Stalin den Krieg erklärt haben. Das schon solange vorher zu wissen, legt den

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Verdacht nahe, daß Rakowski von »Jenen« zumindest eingeweiht war.

Kuzmin konnte sich einer solchen Entwicklung keineswegs sicher sein und warf die Bedenken ein, daß Hitler schnell siegen und dann, wie Napoleon, ganz Europa gegen die Sowjetunion mobilisieren könnte. Rakowski antwortete daraufhin:

Das ist unglaublich! Sie vergessen den wichtigsten Faktor, die Existenz der USA. Ist es dann nicht natürlich, daß die USA Stalin nachahmen und ihrerseits die demokratischen Völker unterstützen? Wenn man »gegen die Uhr« diese beiden Hilfeleistungen für die beiden kämpfenden Lager zusammenwirken läßt, so sichert das unfehlbar die endlose Dauer des Krieges.

Kuzmin mag davon überzeugt gewesen sein, daß »Jene« tatsächlich einen Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel und Zweck inszenierten, die Völker Europas sich gegenseitig aufreiben und erschöpfen zu lassen, zu töten und zu zerstören, um die materialistische Ideologie und Ordnung der kommunistischen Internationale durchzusetzen. Daß dabei Millionen geopfert würden, dürfte ihn, der die russischen Opfer für die Stalinherrschaft kannte, kaum berühren. Doch hätte er sich denken müssen, daß in dieser kommunistischen Ideologie für »Jene« als bourgeoise Superkapitalisten kein Platz mehr sein und deren Privateigentum zu Gunsten des Proletariats konfisziert würde. Rakowski hingegen, dessen Geschick und Klugheit in diesem Protokoll sehr deutlich zum Ausdruck gekommen sind, dürfte sehr wohl gewußt haben, daß jede durch Krieg verursachte Zerstörung und Verwüstung ein wichtiger Schritt zu jenem Chaos darstellt, aus dem letztlich weder die kommunistische noch die demokratische Internationale hervorgehen wird, sondern jene Weltherrschaft, die schon der erste Rothschild angepeilt hat, die seitdem von Disraeli, M. Joly und vielen anderen angedeutet oder offen gefordert wurde und schließlich in den Protokollen der Weisen von Zion, wer auch immer diese verfaßt haben mag, unzweideutig formuliert worden ist.

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