ALFRED ARDELT
Der Sudetendeutsche Hellmut Diwald

Hellmut Diwald war Sudetendeutscher. Er war es bewußt, er bekannte sich dazu. In nahezu allen Publikationen, zumindest seit seinem bahnbrechenden Werk Geschichte der Deutschen (1978), wird dies deutlich. Er gehört gewiß dem ganzen deutschen Volk; es wäre vermessen, wollte ihn eine Volksgruppe für sich beanspruchen, seine Herkunft aber prägte sein Lebenswerk weitgehend. Er bezieht daraus seine gesamtdeutsche Sicht, die nie provinziell bundesrepublikanisch oder sonstwie ausgerichtet war. Er wurde auf diese Art auch anderen immer gerecht, vor allem den Tschechen. »Böhmisch übernationale Lebens-und Denkungsart« war ihm schon mit in die Wiege gelegt, schreibt Alfred Schickel 1.

Hellmut Diwald soll in diesem Beitrag selbst möglichst oft zu Wort kommen, er spricht nämlich am besten für sich selbst.

Anschaulich, mit einem Hauch von Bewunderung, stellt er das nationale Erwachen der Tschechen im 19. Jahrhundert dar. Er schildert, wie verzweifelt die Lage des tschechischen Volkes in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war. Nur ein »Wunder« konnte damals noch eine Wendung bringen. Und damit will er doch sagen, auch wir Deutsche sind heute in einer Lage, die der tschechischen von damals nicht unähnlich ist. Wir sollten also nicht verzweifeln. »Als Volk der Deutschen und als Volksgruppen der Vertriebenen leben wir seit 1945 in einer Irredenta. Wir wissen, daß sie noch lange dauern wird und daß eine der größten Gefahren darin besteht, das Anormale schließlich für normal zu halten. Ebenso wissen wir aus der Geschichte, daß in solchen Phasen der Beengung nichts dringlicher ist als eine unermüdliche Aktivität, die sich allerdings davor zu hüten hat, gegen undurchdringliche Wände anzurennen.« 2

Anormales ist bei uns Deutschen auch nach dem 3. Oktober 1990 noch viel geblieben. Vergessen wir das nicht. Es wurde nur ein kleiner Schritt getan.

Für die Tschechen trat das Wunder ein und ist »mit den beiden Namen Josef Jungmann und Franz Palacky verknüpft«. 3 Jungmann hat das Tschechische

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auf die höhere Ebene einer literaturfähigen Sprache gehoben. »Und der Historiker Palacky hat seinem Volk eine bewußt auf die Tschechen orientierte Geschichtsschreibung und ihre Verbindung mit praktisch-politischen Forderungen geliefert, wobei die Einseitigkeit und die mitunter auch klar auf der Hand liegende Verfälschung bewußt in Kauf genommen worden ist. Palacky hat den Tschechen aber nicht nur ihre eigene Geschichte geschaffen, sondern auch die dazugehörende tschechische Geschichtsideologie, deren Kern ihm von Herder und seinem berühmten Slawenkapitel geliefert worden ist. Damit hat er der tschechischen Nationalisierung ein historisches Rückgrat verliehen. Palacky gebührt deshalb aus der Sicht der Tschechen zu Recht der Ehrenname otec nârodu, Vater der Nation.« 4

So macht uns Diwald Mut. »Der Mut, den uns Geschichte macht, ist Zuversicht.« 5 Mut und Zuversicht, beides hatten und haben wir als Deutsche nötig, auch zukünftig.

Grenzt es denn nicht auch an ein »Wunder«, was uns Deutschen 1989/90 widerfahren ist? Die politischen Klassen in Bonn und in Ost-Berlin hatten sich doch zu einem guten Teil längst in der staatlichen Teilung eingerichtet. Das Volk war es, das dieses »Wunder« herbeigeführt hat. Ein nicht erlahmender Mahner, wir dürfen uns mit dem Abnormalen nicht abfinden, war Hellmut Diwald. Und wer gab schon noch etwas für die Völker der Sowjetunion. Dort zeigt sich sogar, daß die Bestrebungen nach Selbständigkeit aus den kommunistischen Parteien selbst hervorgegangen sind.

Tünche war der internationale Kommunismus, das Nationale, der Wille der Völker nach Unabhängigkeit, hat sich als stärker erwiesen.

Diwald hat immer gesamtdeutsch gedacht, was nahe liegt, ja geradezu selbstverständlich ist, weil er geschichtlich denkt und aus der Geschichte Schlüsse für die Gegenwart zieht. So steht er auf einem festen Fundament und wußte immer, daß nicht Ideologen und Tagesereignisse den Ablauf des Geschehens bestimmen, sondern daß sich schließlich Völker und Nationen immer wieder in die Geschichte zurückmelden oder eben untergehen. Das historische Erkennen ist für ihn der entscheidende Impuls für die Darstellung geschichtlicher Ereignisse.

Die Sudetendeutschen, um beim Thema zu bleiben, sind kein geschlossener Stamm. Sie haben vielmehr Anteil an einer Reihe von deutschen Stämmen und Mundarten, von Oberschlesien bis Niederösterreich. Sie können daher eine Klammerfunktion bilden zwischen dem Norden und dem Süden der Deutschen. Durch Jahrhunderte lebten die Sudetendeutschen mit den Alpen- und Donaudeutschen in staatlicher Gemeinschaft. Das prägte sie. Das ist sogar ihre Mission, ist der wertvollste Teil ihrer Identität.

In seinem Werk Geschichte macht Mut (1989) widmet Diwald unter der Überschrift: »Heimat in der Fremde/Sudetica« 6 der Geschichte der Sudetendeutschen ein besonderes Kapitel. Jeder sollte es lesen, der sich mit der sudetendeutschen Problematik, dem deutsch-tschechischen Zusammenleben

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in diesem Raum von der Zeit der Hussiten bis in unsere Tage informieren will. Mit viel Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis werden Hus und die Hussitenkriege beschrieben, auch deren Bedeutung für das tschechische Geschichtsverständnis. Der Bohemismus, Palackys Ablehnung der tschechischen Beteiligung an den Wahlen für die Nationalversammlung von 1848. Der sich verschärfende Sprachenkampf führte dahin, daß die Deutschen in die Defensive gerieten, während die Tschechen die Offensive ergriffen. Sie nutzten geschickt alle Möglichkeiten, die der Kaiserstaat spätestens ab 1848 bot. »Die Tschechen triumphierten, die Sudetendeutschen waren empört, und das um so heftiger, als sie bei dieser Gelegenheit unter dem liberalen Schafspelz den nationalen Wolf der Tschechen entdeckten: sie empfanden es als einen Verrat an der bisherigen Gemeinsamkeit.« 7

Zum letzten Male begegneten sich Deutsche und Tschechen in Prag zur Feier von Friedrich Schillers 100. Geburtstag am 10. November 1859. »Doch es handelte sich dabei mehr um ein Abschiedsfest der beiden Nationen als um eine neue Verständigung.« 8 Das sollten wir heute wohl beachten. Und es wird weiter festgestellt: »Seit 1848 hatte sich die alte deutsch-tschechische Gemeinsamkeit aufgelöst im Zuge eines deutsch-tschechischen Nationalitätenkampfes, bei dem die Tschechen aufgrund ihrer Zielstrebigkeit und aus dem Empfinden ihrer nationalen Erweckung heraus den Deutschen immer einen Schritt voraus waren.« 9

Er behandelt dann sehr eingehend den »Kampf ums Überleben« der Deutschen nach 1918 und in einem weiteren Kapitel »München 1938 :Die Revision eines Unrechts« 10 sowie schließlich den deutsch-tschechoslowakischen Vertrag von 1973 11. »Wir Sudetendeutsche haben aufgrund unseres Schicksals im zwanzigsten Jahrhundert mehr als genug hinreichende Gründe, unzutreffende und bewußt verfälschende Auslegungen unserer Geschichte schroff zurückzuweisen und entschieden zurechtzurücken. Dazu ist allerdings Unbeirrbarkeit nötig und Selbstbeherrschung. Noch unerläßlicher aber ist der Freimut, überall dort die Sachen richtigzustellen, wo diejenigen, die das Wort in den Medien führen, den Deutschen ein X für ein U vormachen wollen.« 12 Das ist eine sehr eindeutige Feststellung. Wir sollten sie im Auge behalten und uns danach richten.

Genau so deutlich und unmißverständlich äußert sich Hellmut Diwald zum Münchener Abkommen. »Was die Form des Zustandekommens anging, wurde wiederholt die Meinung vertreten, daß das Abkommen nur aufgrund von Drohungen Hitlers abgeschlossen, also erpreßt worden sei. Hitler aber richtete in München an den französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier die Frage, was denn unternommen würde, wenn sich die tschechische Regierung weigere, die Sudetengebiete abzutreten. Daladier antwortete kurz und bündig: ›Wir würden sie dazu zwingen. ‹ Die Tschechoslowakei dürfe nicht durch die Ablehnung einer Entscheidung der europäischen Großmächte den Frieden bedrohen. Diese Großmächte waren sich in den

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beiden Hauptpunkten einig: Die Regelung von München erfüllte das Recht der Sudetendeutschen, und die Tschechoslowakei hatte, da sie dieses Recht nicht erfüllt hatte, das Münchener Abkommen zu billigen.« 13 Und weiter führt er aus: »Auch heute, nach einem halben Jahrhundert, gibt es nichts an der Tatsache zu bestreiten, daß durch die Vereinbarung von München im Jahre 1938 die friedliche Revision eines Kriegsfolgerechts als Präzedenzfall in die Weltpolitik unseres Jahrhunderts eingeführt worden ist - so wie es Artikel 19 der Völkerbundsatzung, die dem Versailler Vertrag vorgeschaltet war, festgelegt hatte. Ebenso wichtig ist der Hinweis, daß die Tschechoslowakei schon am 19. September gegenüber der französischen und britischen Regierung ihre Bereitschaft erklärt hatte, das Sudetenland abzutreten. Diese Erklärung kam ohne jede deutsche Beteiligung zustande. Die tschechische Regierung hatte damit nichts anderes bestätigt, als daß das Sudetenland seit rund einem Jahrtausend von Deutschen bewohnt und deutsches Land war. Dieses zweifelsfreie Faktum ist in München erhärtet worden; nicht von den Deutschen, denn wir haben das immer gewußt, sondern von den Tschechen - die es zwar ebenfalls wußten, aber nicht wahrhaben wollten.« 14

Die Absicht der Tschechen und ihr Vorgehen gegen die Deutschen in der 1918 entstandenen Tschechoslowakei beurteilt er folgendermaßen: »Die Pläne der tschechischen Politiker waren auf Jahrzehnte hin angelegt, das Ziel war, schnellst möglich die Zahl der Sudetendeutschen um die Hälfte zu verringern, die geschlossenen Siedlungsgebiete zu zerstören, die Zahl der deutschen Schulen abzubauen und statt dessen sogenannte Minderheiten-Schulen einzurichten: nämlich für die sogenannten tschechischen Minderheiten in den deutschen Gebieten, ebenso den Anteil der Deutschen im Staatsdienst radikal zu senken. Hier waren die Tschechen besonders erfolgreich, der Anteil der Deutschen konnte bis 1930 fast um fünfzig Prozent reduziert werden.« 15

Diese Beispiele könnten beliebig vermehrt werden. Die Deutschen setzten sich zur Wehr, sie mußten den ungleichen Kampf zunächst allein führen. Vom Deutschen Reich und von der Republik Österreich konnte keine Hilfe kommen, zu drückend waren die Nöte, die dort selbst zu beheben waren.

»Wer den Willen der Sudetendeutschen, Deutsche zu bleiben, vor dem Hintergrund der Geschichte ins Zwielicht rückt, der macht sich eines kriminell-politischen Deliktes schuldig. In solchen Fällen sollten wir nicht um des sogenannten lieben Friedens willen schweigen, sondern uns - ob wir nun Taufschein-Christen sind oder immer noch christgläubig - unverdrossen an die Richtschnur halten, wie sie in der Bibel, im Evangelium Matthäus (5, 37) steht: Euere Rede aber sei: ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« 16

Zum Münchener Abkommen wurde und wird viel geschrieben und kommentiert. Eine Kapitulation der westlichen Demokratien vor einer Diktatur sei es gewesen. Vielfach entsteht schon der Eindruck, daß Leute, die so reden, den Krieg damals geradezu herbeisehnten. Als etwas Bösartiges wird dieses Durchführungsabkommen zu einer längst vollzogenen Tatsache hingestellt.

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Das ist auch an Sudetendeutschen, die in politischer und heimatpolitischer Verantwortung stehen, nicht spurlos vorübergegangen. Wenn Tschechen argumentieren, das Münchener Abkommen sei für sie ein großes Unrecht gewesen und dies zu untermauern sich bemühen, dann soll man ihnen das nicht verübeln, es ist für sie eine Art nationaler Verteidigung. Anders sieht es schon aus, wenn von deutscher Seite solche Erwägungen kommen.

Sudetendeutsche Heimatpolitik, wenn sie sinnvoll und glaubwürdig sein will, muß die im September 1938 festgelegten Abgrenzungen zwischen Deutschen und Tschechen schon zum Ausgangspunkt aller Bestrebungen machen, wie sonst einer auch zu diesem Münchener Abkommen stehen mag. Es wurde dort eine Abgrenzung vorgenommen, die längst fällig war.

Sich nur verständigen oder versöhnen wollen - wozu denn? -, das mag ein löbliches persönliches Unterfangen sein, eine politische Zielsetzung ist es nicht. Zwischen Völkern und Nationen geht es um Interessenausgleich. Dafür ist das Klima zu schaffen. Dann aber muß man zur Sache kommen. Es geht um deutsches Siedlungsgebiet, um nicht mehr, aber auch um nicht weniger. Wollen wir den Tschechen wirklich unter diesem oder unter jenem Titel noch Geld nachwerfen? Das mit unseren Mitteln aufbauen, was sie zerstört haben? Wo bleiben die Gegenleistungen?

Wer in einen tschechischen Staat gehen will oder gar ein deutschsprechender Tscheche werden will, dem soll das nicht verwehrt sein. Mit sudetendeutscher Selbstbewahrung hat das aber nichts zu tun.

Bei nahezu allen Betrachtungen zum Münchener Abkommen wird bewußt oder unbewußt außer acht gelassen, daß es, wenn es schon ein Diktat war, eben kein deutsches gewesen ist; vielmehr stand am Anfang ein Ultimatum der Briten und Franzosen an Prag, das angenommen wurde, um kurz danach durch eine Mobilmachung einen Krieg zu riskieren. Die Westmächte haben daraufhin die Modalitäten der Abtretung festgelegt.

Auch die damalige Führung des Reiches stand dabei. Die gestellten Forderungen wurden nahezu vollständig erfüllt, aber sie wurden gewährt. Chamberlain und Daladier haben in den folgenden Monaten deutlich gemacht, daß sie dieses so gesehen haben und nicht geneigt waren, das Deutsche Reich als ebenbürtigen Partner, der als europäische Großmacht eigene Interessen in einer eigenen Interessenzone wahrzunehmen gesonnen war, auch anzuerkennen.

In München erhielt das Deutsche Reich, was es beanspruchte und was es beanspruchen konnte. Es wurde ihm aber zugeteilt. Den Prager Machthabern wurde abgezogen, was ihnen nicht gehörte. Aber London und Paris teilten zu. Für einen Staat, der gleichberechtigte europäische Großmacht zu sein beanspruchte nicht gerade ein glanzvolles Ergebnis. Das findet nicht genügend Beachtung. Nur wenn man das bedenkt, wird der März 1939 verständlich. Damit ist zur politischen Klugheit des 16. März 1939 nichts gesagt. Das damalige Regime hat mit der Errichtung des Protektorates über den verblie-

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benen Rest des tschechoslowakischen Staates nur willkommene Munition gegen sich selber geliefert.

Das Inferioritätsempfinden, das bei vielen Deutschen vorhanden ist, wenn es um Maßnahmen der Westmächte geht, wird diese unumstößlichen Tatsachen nur widerwillig zur Kenntnis nehmen. Zu sehr haben sich viele daran gewöhnt, Amboß zu sein. Sie sind es gern, sie fühlen sich wohl in dieser Rolle; sie haben sich behaglich in ihr eingerichtet.

Wenn man es schon nicht ändern kann, wissen sollte man, daß es so ist. Vielleicht ändert sich dann doch etwas.

Zum Verständnis des damaligen Geschehens muß das bedacht werden, weil moderne Geschichtsforschung - als Wissenschaftsdisziplin - radikal ein Erkenntnisvehikel der Gegenwart ist. Für unser Selbstverständnis als Deutsche, wenn wir aus dem Pariadasein herauskommen wollen, ist das von größter Bedeutung. »Sowohl in der Gegenwart wie in der Zukunft gilt und wird gelten«, so Hellmut Diwald, »was bisher in allen Stadien der Weltgeschichte für das Selbstverständnis der Völker im historischen Ablauf gegolten hat: daß das Verhältnis zur Geschichte ein unersetzliches, ein entscheidendes Mittel zur Situationseinsicht, zur Selbsterkenntnis ist. In unserer Lage heißt das, so entschlossen wie nur möglich die Gemeinsamkeiten der Deutschen unabhängig von den Höhen und Tiefen der Geschichte wieder neu festzustellen. Wir haben eine derart große Fülle von Konstanten, daß wir trotz allen Unglücks in diesem Jahrhundert auch heute berechtigt sind, nicht nur von den Bürgern der Bundesrepublik, der DDR und Österreich zu sprechen, sondern ganz schlicht von ›den Deutschen‹.« 17 Die Südtiroler gehören natürlich dazu.

Inzwischen kann die DDR abgebucht werden. Teilen des politischen Establishments und dem größten Teil der Medien wird es schwer, sich von der Bonner Rheinbundmentalität zu lösen und das Zusammenwachsen der Deutschen zu fördern.

Wenn die Tschechen unter Assistenz der Siegermächte 1945 mit Unterstützung deutscher Möchtegernsieger das Münchener Abkommen auch als von Anfang an nicht zustande gekommen oder heute doch als nicht mehr geltend bezeichnet haben, so können »doch weder der Kriegsausgang noch die Vertreibung die Tatsache annullieren, daß es sich bei dem Sudetenland um deutschen Siedlungsraum, um Siedlungsraum des deutschen Volkes gehandelt hat und daß eine solche historische Tatsache auch ein historischer und damit politischer Anspruch ist und bleibt. In München wurde 1938 historisches und politisches, nationales und kulturelles Recht verwirklicht. Daran heute festzuhalten mag in der Bundesrepublik vielen Politikern als nicht opportun erscheinen. Wenn jedoch auch wir Sudetendeutsche der Opportunität einen solchen Tribut zollen, verleugnen wir unsere ganze Geschichte und begeben uns in die Orientierungslosigkeit«. 18

Der kulturelle Aspekt wird angesprochen, und nach einer Betrachtung dieses Raumes für die deutsche Kultur wird dazu ausgeführt: »Kultur ist selbst

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in der rückwärtsgerichteten Bestandsaufnahme keine Sache der Aufzählung und Statistik, so überwältigend die Selbstverständlichkeit, das Ausmaß und die gleichbleibende Kraft dessen ist, was unter der dürren Bezeichnung ›sudetendeutsche Kulturleistung‹ läuft. Was wir heute unsere, die deutsche Kultur nennen - sei es die überlieferte aus der Geschichte, sei es diejenige unserer Gegenwart -, würde zu einem Torso verstümmelt, wenn man versuchen wollte, das Sudetendeutsche herauszulösen und zu entfernen; daß dies so ist, darin allein liegt der Sinn solcher Aufzählungen. In ihnen wird die schöpferische Befähigung nicht etwa nur einer Volksgruppe sichtbar, sondern ebenso die Einheit, die bei uns Deutschen die kulturelle Vielfalt der deutschen Volksstämme umschließt, wie sie sich seit einem vollen Jahrtausend ausgeprägt hat.« 19

Hellmut Diwald fordert die Volksgruppe auf, sich nicht aufzugeben und an der Gestaltung der deutschen Zukunft mitzuwirken. »Allerdings«, schreibt er, »setzt das voraus, daß sie heute als Volksgruppe unter dem Begriff Selbstbewahrung etwas anderes versteht als sich selbst nur als Nachlaßverwalter eines Erbes ohne Nachkommen; also nicht einen Weg einschlagen, der von der Erlebnis- zur Bekenntnisgeneration führt und weiter zur Erinnerungs- und schließlich zur Gedenkstundengeneration, die dann über nichts anderes mehr verfügt als über viele Träume und noch mehr Grabsteine.« 20

Mit Hellmut Diwald haben die Deutschen, - nicht zuletzt die Sudetendeutschen - einen überragenden Historiker verloren, einen Historiker, der nicht nur in der Gelehrtenstube wirkte, sondern der in das Volk hinein wirken und den Deutschen die »gestohlene Geschichte«, 21 wie er es einmal ausführte, zurückgeben wollte, der damit aber in der Gegenwart für die Zukunft wirken wollte.

Anmerkungen:

1. Nach Rolf-Josef Eibicht, Hellmut Diwald - Sein Vermächtnis verpflichtet zum Handeln, Anmerkungen zu unserer kriminalisierten und gestohlenen Geschichte, Junges Forum, Hamburg 1993, S. 37.

2. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, Bergisch Gladbach 1983, S. 207.

3. Hellmut Diwald, Geschichte macht Mut, Erlangen 1989, S. 207. 4-5. Ebenda, S. 207 u. 7.

6. Ebenda, S. 183-253. Wieder abgedruckt in Ein Querkopf braucht kein Alibi, Frankfurt/ M. - Berlin 1991, S. 219-299.

7. Hellmut Diwald, Geschichte macht Mut, aaO. , S. 221.

8. -16. Ebenda, S. 213, 215, 239 ff. , 252 ff. , 203, 250, 253, 217 f. , 221.

17. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, aaO. , S. 234.

18. -19. Hellmut Diwald, Geschichte macht Mut, aaO. , S. 253,232.

20. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, aaO. , S. 250.

21. Hellmut Diwald, Deutschland einig Vaterland, Frankfurt/M. - Berlin 1990, S. 150.

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