WOLFGANG STRAUSS
Die Stunde der Geschichtserwecker: Hellmut Diwald und Alexander Solschenizyn

27. Juni 1954, 6. Sonderlager Kingir in der kasachischen Hungersteppe Dscheskasgan. 50 Grad Celsius. Die Hölle für achttausend Männer und dreitausend Frauen, verurteilt zur Sklaverei in Kupferminen. Slawen, Deutsche, Turkestanis, Kaukasier, Balten, die »Vereinten Nationen« hinter stalinistischem Stacheldraht.

Seit 44 Tagen streiken die Elftausend. Im Morgenrot rasseln Panzer ins Lager, schießend, Barrikaden und alles Lebendige niederwalzend. Gegen die Maschinenpistolen und Maschinengewehre einer Sondereinheit der Geheimpolizei wehren sich die Überraschten mit Steinen und Fäusten, mit Flüchen, Gebeten, Liedern. Als dreihundert Häftlingsfrauen eine brennende KZ-Baracke verlassen, ihre im Lager geborenen Kinder in den Armen, überrollen Panzer die Kolonne, zermalmen sie bis zum letzten Todesschrei. Gefangene werden am 27. Juni nicht gemacht. Mit Genickschüssen töten KGB-Offiziere die Verwundeten.

Den Frauen, Kindern, Männern von Kingir, den Massakeropfern vom 27. Juni 1954 widmet Alexander Solschenizyn im dritten Band seines Archipel GULag ein ganzes Kapitel. Der Dichter überliefert die Losung der Stolzen: »Lieber stehend sterben, als auf den Knien leben.« Eingemeißelt ins Bewußtsein des russischen Volkes ist das Vermächtnis eines namenlosen Rebellen von Kingir: »Hier stehen wir, die zum Tode Verdammten, die noch einmal sterben, aber jetzt, um ewig zu leben im Gedächtnis unserer Völker.« Alexander Solschenizyn, der im Sommer jenes Jahres in einem anderen Wüstenlager Kasachstans hungerte, erweist sich im Kingir-Kapitel seiner GULag-Epopöe nicht nur als Geschichtserwecker und Volkserneuerer, sondern vor allem als Seelenforscher.

Zwanzig Jahre später, als des Dichters Schicksal abermals auf Messers Schneide steht - physische Vernichtung oder seelisches Zerbrechen -, disku-

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tiert der »kollektive Stalin« im Politbüro der KPdSU die möglichen Alternativen: Ausweisung nach China oder in ein prosowjetisches Nachbarland, Verbannung mit Endstation Sibirien oder Abschub in den »versumpften« Westen.

Die totalitäre Macht fürchtet den scheinbar Machtlosen, der in Wirklichkeit schon der Meinungsführer des kommenden, des Anderen Rußlands geworden ist. Kürzlich aufgefundene Stenogramme dieser gespenstischen Sitzung geben darüber Auskunft. Den Ausschlag gab 1974 die Stimme des KGB-Experten Andropow: Schiebt ihn ab in den Westen, diesen antibolschewistischen Ketzer, macht ihn mundtot und wurzellos, indem ihr ihn zum Exil zwingt - soll doch Solschenizyn das Schicksal Trotzkijs erleiden!

Ein Irrtum, wie wir heute wissen. Ja, Solschenizyn wurde 1974 aus der Heimat vertrieben, aber er blieb auch im Exil der sprachgewaltigste Anwalt seines unterdrückten, erniedrigten Volkes. Das geschah zu einer Zeit, da der Geist der westlichen Intellektuellen links stand, im Lager der Verleumder und Verfolger Solschenizyns, nicht nur in Westdeutschland, Frankreich, Amerika, England, sondern auch im Mutterland des katholischen und des »antifaschistischen« Rom, bekannten sich doch damals die Fellini, Pasolini, Visconti, Nono zu den Ideen des internationalen Kommunismus. Ihr bourgeoiser Hedonismus hinderte sie nicht an einer ideologischen Koalition mit den Vergewaltigern des russischen Volkes.

Was den Russen Solschenizyn mit dem Deutschen Hellmut Diwald verband, war mehr als nur die Leidenschaft zur Entlarvung von Geschichtslügen. Nationalbewußtsein oder anationaler Kosmopolitismus, Wiedererweckung des Geschichtssinns oder Vergangenheitsversteppung, Volkserneuerung oder Volkstod, vor diesen Alternativen standen beide Visionäre. Als Hellmut Diwald im Jahre 1983 als Gründungsmitglied des Deutschlandrates und als Autor des Buches Mut zur Geschichte wider die »Kriminalisierung der deutschen Geschichte« und für die »Entkriminalisierung unserer Geschichte« seine Stimme erhob, predigte der Russe Solschenizyn die Notwendigkeit der Rückkehr zu den Wurzeln eines russischen Geschichtsbewußtseins.

»Noch nie war es so wichtig, daß wir als Volk mit uns selbst im Einklang sind, daß wir ja zu uns sagen und nicht innerlich verkrüppeln«, schrieb Diwald 1982 zum Venohr-Sammelband Die deutsche Einheit kommt bestimmt. Diese These könnte ebenso von Solschenizyn stammen. »Deutschland läßt sich nicht besser vernichten als durch die Zerstörung der Selbstachtung, die Ausschwemmung seiner Normen, die Entwertung unserer Geschichte«: ein Kardinalprinzip in der Befreiungsphilosophie Diwalds, dessen Gültigkeit für das Solschenizynsche Rußland unbestritten ist.

Die nationale Frage, also die Frage der nationalen Identität und Unabhängigkeit, ist das existentielle Problem des 21. Jahrhundert; sie ist stärker als die Klassen- oder Verfassungsfrage - diese fundamentale Erkenntnis ist beiden gemeinsam, dem Antiimperialisten Solschenizyn und dem Imperialismus-

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feind Diwald. In seinem Offenen Brief an die Sowjetführung von 1973 forderte der Russe die Aufgabe des Imperiums, die Schleifung des bolschewistischen Nationengefängnisses, die Absage an einen antihumanen Multikulturalismus, die Freilassung der nichtrussischen Kulturvölker, die Verwirklichung des Rechts auf nationale Selbstbestimmung und Selbstregierung, die Rettung des russischen Kernlandes durch Verzicht auf Kolonien und Protektorate und auf alle »geschluckten Ethnien und geraubten Territorien«, denn Rußland könne nur gesunden, wenn es die »imperiale Bürde« entschlossen abwerfe.

1991 wiederholte Solschenizyn sein politisch-moralisches Ultimatum, in seinem in Millionenauflage verbreiteten Freiheitsmanifest Wie bauen wir Rußland neu. Das russische Rußland, ein Rußland der Heroen und Heiligen, oder das Völkerzuchthaus UdSSR: ein Jahr vor dem Untergang des Roten Babylon formulierte Solschenizyn seine Alternative der Zeitalterwende. Neun Jahre zuvor hatte der Antiimperialist Diwald postuliert, daß sich Deutschland seit 1945 in dem »würdelosesten Zustand seiner Geschichte« dahinschleppe. Zweimal Klage und Anklage, zweimal Vergangenheitsbewältigung aus nationaler Perspektive, und in beiden Fällen mit dem gleichen Resultat: innere wie äußere Befreiung der Nation setzt die Renaissance der nationalen Würde voraus. Keine nationale Selbstbefreiung ohne nationale Selbstachtung.

Dreimal in diesem Jahrhundert wiederholte sich ein Grundmuster aller Nationsauslöschungen und Umerziehungsexperimente: Eine eigenständige Kultur, die der ideologischen Endlösung der Eroberer und Usurpatoren im Wege steht, muß zerstört werden, selbst wenn es den Seelentod einer Nation zur Folge hat. Mit jedem Umerziehungsdiktat soll das Wesen einer Nation im Innersten getroffen werden.

1917 versuchten es die internationalistischen Leninisten gegenüber der russischen Nation. Rußland, seine Geschichte, seine christlichen Traditionen und sein bäuerlich-aristokratisches Wertesystem sollten mit der Wurzel ausgerottet und durch einen materialistisch-atheistischen Universalismus ersetzt werden. 1945 wurde Deutschland das Objekt eines ausländischen Umerziehungsattentats; nach Diwald waren es die Kriegsgewinnler, die zum Zwecke der geistigen »Umpolung« der Besiegten eine historisch singuläre Kriminalisierung des deutschen Geschichtsbewußtseins in Gang setzten, deren Folgen bis heute zu spüren sind.

Nach dem Untergang des Sowjetkommunismus und des Sowjetimperiums - in der Russischen Augustrevolution von 1991 - inszenierte der westliche Liberalismus seinen Angriff auf die Seele des Russentums, ideologisch wie ökonomisch, mit den Waffen eines Haifisch- oder Wildwestkapitalismus und mit den in Nachkriegsdeutschland bewährten Methoden einer totalen Amerikanisierung. Nationale Entortung, seelische Entheimatung, kulturelle Entwurzelung - im Psychogramm seiner Endziele unterscheidet sich der materialistische Liberalismus vom »historischen Materialismus« der Kommunisten nur wenig, wenn überhaupt, erwuchsen doch beide aus dem völkernegieren-

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den Erbe der bürgerlich-materialistischen Aufklärung. Die Apokalypse begann 1789, im Geburtsjahr des modernen Babylon.

Der Schoß der Aufklärung ist fruchtbar noch. Er gebiert Zynismus und Nihilismus, den Ethnozid wie den Psychozid. In der fundamental veränderten weltpolitischen Landschaft erklärt man nur allzu leichtfertig und oberflächlich den Kapitalismus zum Sieger über den Kommunismus, ohne zu bedenken, daß es noch vor dem Kommunismus der vorgebliche Antipode Kapitalismus gewesen ist, der die Völker des geistigen Grundes beraubt und das Vertrauen zum Leben zerstört hat. Die Landschaft der Postmoderne sei dunkel und chaotisch geworden, klagt der polnische Philosoph und Marxismus-Forscher Jeszek Kolakowski 1. Er stellt den Verlust einer sinngebenden, metaphysischen Kraft fest. Das hedonistische Leben im angeblich siegreichen Liberalismus sinke in Sinnlosigkeit hinab, »und der Zusammenbruch des Kommunismus kann diesen Fall nur beschleunigen«. Der Kroate Lordan Zafranovic, ein berühmter Filmdokumentarist, sieht die liberalistische Welt in den Abgrund des Selbstmordes taumeln. »Die sogenannte europäische Demokratie besitzt kein Heilmittel gegen bestimmte Manifestationen des Bösen«, bekennt der kroatische Intellektuelle. Er sei überzeugt, daß »diese Spannungen in Europa bleiben und sich noch verstärken werden« 2. Am Ende aller Aufklärung die Wiederkunft der Barbarei, die Anarchie.

Die letzten Lebensjahre des Visionärs Hellmut Diwald standen im Banne einer furchtbaren Erkenntnis. Daß am Liberalismus die Völker zugrunde gehen würden - am Liberalismus, und nicht am Nationalismus -, hatte ein halbes Jahrhundert vor ihm ein anderer Visionär prophezeit, Moeller van den Brück. Daß Diktaturen Völker unterdrücken, die Dekadenz aber die Völker planiert und auslöscht, diese Gedankenkonsequenz verdanken wir Alexander Solschenizyn. Damit tritt der große Russe in die geschichtsphilosophischen Fußstapfen des großen Deutschen Diwald.

Der Wolfskapitalismus, dieses legitime Produkt eines schrankenlosen, permissiven Liberalismus, gebiert Ungeheures und Ungeheuer. Über 40 Millionen Russen, mehr als ein Viertel der Bevölkerung, vegetieren heute unterhalb der Armutsgrenze. Millionen von obdachlosen Kindern, entflohen zerrütteten Familien, Gefängnissen, Waisenzuchthäusern, vagabundieren auf den Straßen, rauchen, trinken, klauen oder werden, wenn sie Mädchen sind, von ihren Müttern für eine Flasche Wodka verkauft; die jüngste Prostituierte, in Sankt Petersburg aufgegriffen, war gerade sechseinhalb Jahre alt. Die streunenden Kinder schließen sich zu Banden zusammen und bilden ein Reservoir des organisierten Verbrechens. Minderjährige zwischen zehn und fünfzehn führen für die Mafia Diebstähle, Raub, Überfälle, Kidnapping aus, aber auch Auftragsmorde. Zerfressen von Rauschgift, Trunksucht, Prostitution, verreckt eine heimatlose Jugend in den Gullys der liberalistischen Freiheit.

An dieses Verbrechen an der Zukunft Rußlands erinnerte Solschenizyn in seiner Rede vor der Internationalen Akademie für Philosophie in Liechten-

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stein am 15. September, vollständig abgedruckt in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit vom 17. September 1993. Seine Liberalismus-Kritik deckte sich mit einem Wort Diwalds, bezogen auf die spirituelle und ethische Verödung im Wirtschaftswunderland BRD: »Der materielle Wohlstand hat unseren nationalen Anstand aufgelöst.« 3

Unbarmherzig geißelte Solschenizyn in seiner Liechtensteiner Rede jene politischen Kräfte, die das nachkommunistische Rußland in eine kapitalistische Wildwestgesellschaft zurückfallen lassen, die Russen auf einen »Weg der Schamlosigkeit« und der »allgemeinen Armut« stoßen. In dem so lange gequälten Volkskörper seien »neue Krebsgeschwüre« aufgebrochen, »zum Beispiel der jetzt entstehende ungezügelte Kapitalismus mit unproduktiven, barbarischen, widerlichen Verhaltensweisen und einer Ausplünderung des Volkseigentums und der Reichtümer einer Nation, wie es der Westen nie gekannt hat«. Als Folge eines zynischen Liberalismus erwache im erniedrigten russischen Volk sogar die Sehnsucht nach der früheren »Gleichheit in Armut«, schlußfolgerte die slawophile Kassandra. »Obwohl das irdische Ideal des Sozialismus-Kommunismus zusammengebrochen ist, bleiben die Probleme, die er zu lösen vorgab: die gewissenlose Ausnützung sozialer Vorrechte und die übermäßige Macht des Geldes.«

Niedertracht und Betrug statt Ehrlichkeit, Gier und Bosheit statt Großmut und Güte, Entseelung und Entwurzelung statt Religiosität, asoziale Abschottung, Vereinzelung statt Mitgefühl und Gemeinschaftsgeist, Gewinnsucht, Konkurrenzkrieg, Lustbefriedigung statt »ethischen Dienens« - nach Solschenizyn die Errungenschaften der atheistischen Aufklärung mit ihrem materialistischen Menschenbild. Sich auf seine Vorbilder Solowjow und Berdjajew berufend, vor allem jedoch auf Dostojewski) - dessen Denkmal am 9. September 1993 in Moskau enthüllt wurde -, geißelt Solschenizyn den »technokratischen Fortschritt«, die »westliche Zivilisation«, in der die Begriffe Gut und Böse verspottet würden. Obgleich nicht erkannt und auch nicht anerkannt, regiere das Böse. Von einem »Fäulnisvorgang« spricht Solschenizyn, und sein Verdikt bezieht der asketische Russe nicht nur auf die »linken« Folgeerscheinungen der bürgerlichen Aufklärung (Marxismus, Sozialdemokratismus, Anarchismus, Bolschewismus). Im aktuellen Visier hat Solschenizyn den ökonomischen und weltanschaulichen Liberalismus. Mit der Aufklärung begann der Sündenfall der Moderne, die Grundlage der Aufklärung war ursprünglicher als die Blutraserei der materialistischen Heilsideologien im 19. und 20. Jahrhundert. Das Gegenbild zum Liberalismus/Kommunismus sieht Solschenizyn im »ethischen Staat«, der den Mut zur »Selbstbeschränkung«, sprich Askese, einschließt.

Ende September 1993 hielt Solschenizyn im westfranzösischen Les Lucs-sur-Boulogne eine Rede auf einer Veranstaltung zur Erinnerung an die königstreuen Blutopfer des Vendée-Aufstandes von 1793 - für einen russischen Geschichtserwecker und Antiliberalisten eine historische Notwendigkeit,

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legitimiert durch den gegenwärtigen Aufstand gegen Völkervernichter, Menschenmörder, Kulturzerstörer. Ein Hellmut Diwald sprach an diesem denkwürdigen Septemberabend aus dem Munde Solschenizyns.

1991 beklagte Solschenizyn ein »sterbendes Volk«; er meinte sein Volk, dessen Geburtenrate zu den niedrigsten weltweit gehört, während die Sterbefälle und die Zahl der Abtreibungen rasant ansteigen. Auf jede Geburt kommen heute vier Kindstötungen im Mutterleib.

Ökologische Verwüstung und in deren Folge irreparable Genschäden, sinkende Lebenserwartung, eine aufbrandende Suizidwelle, der Zusammenbruch des Gesundheitswesens und die Ausbreitung von Epidemien und chronischen Krankheiten, die ungebremste Volksseuche Alkoholismus, Rauschgiftpest unter der jungen Generation - Solschenizyns Apokalypsebilder von 199l4 werden von der Wirklichkeit des Jahres 1994 in den Schatten gestellt.

Dennoch, kollektiven Selbstmord begehen wollen die Russen nicht. Verglichen mit dem Volk Diwalds, lebt das unendlich traumatisierte Volk Solschenizyns immer noch auf einer höheren Hoffnungsstufe. »Es hat sich herumgesprochen«, schreibt Hans-Dietrich Sander 5, »daß der tolle Haufe der Volksvertreter im Begriff ist - was nicht einmal ein Tyrann im Sinn hätte -: das Volk abzuschaffen mittels offener bzw. verdeckter Einwanderung und einer besinnungslosen Europäisierung.« Daß das Nationale als Grundwert ein »großer Irrtum« gewesen sei, wie Heiner Geißler am 6. Februar 1994 in Dresden zu behaupten wagte, wäre aus dem Munde eines russischen Politikers, gleich welcher Partei, unvorstellbar, weiß man doch um die wirklichen Gründe der weltgeschichtlichen Wende.

Aus heilsgeschichtlicher Sicht - und das ist auch die Sicht Solschenizyns -ist der Kommunismus durch eine Revolution des Geistes hinweggefegt worden, wobei Christen und Nationalisten die eigentliche Führungsrolle übernommen hatten. Der Triumph der nationalen Idee, in Verbindung mit der religiösen Renaissance, führte den Zeitalterumbruch herbei. Daß das nationale Denken für innere Deutschenhasser und Deutschlandfeinde als unvereinbar gilt mit einer liberalistischen, rücksichtslos die individualistischen Interessen verfolgenden Freiheit, Hellmut Diwald wußte es, und Alexander Solschenizyn bestätigt es.

Die Flucht in die blutleere Utopie des Multikulturalismus, gleichbedeutend mit der Aufgabe der deutschen Nation zugunsten des irrealen Maastricht-Experiments, kennzeichnet die Verwirrung und Verworfenheit einer Gesellschaft zum Untergang hin. Gleich den Lemmingen stürzt sich die politische Klasse Bonns in einen Abgrund der nationalen Selbstvergessenheit. Vor der Heraufkunft einer babylonischen Epoche in Deutschland hat Diwald gewarnt, als Geschichtsanalytiker und als Seher.

Seine Prophezeiung zielte aber nicht nur auf die bundesrepublikanische Gesellschaft: Diwalds Urteil traf den Westen insgesamt. Die moderne Welt, die Welt des Liberalismus sei, spricht der polnische Papst in seinem Brief an die

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Familien vom 22. Februar 1994, eine »kranke Zivilisation, eine Zivilisation des Todes«.

Daß ein Ernst Nolte von Pogrombanden einer antiintellektuellen und antinationalen »Antifa« in Berlin zusammengeschlagen wird, daß im bürgerkriegsähnlichen Feldzug zur Errichtung einer linken Gesinnungsdiktatur die 17. Gästewoche des Deutschen Kulturwerkes Österreich in Naumburg an der Saale regelrecht Spießrutenlaufen mußte, auf der Straße und in den Medien, daß in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 1994 ein Alexander Solschenizyn als »Ideologe und Herold« des »braunen Ostens« am Antifa-Pranger auftaucht - der Deutschlandverehrer und Deutschenbewunderer Alexander Solschenizyn kommt aus dem Staunen nicht heraus. Staunen und Entsetzen. Sein Alter ego im Romanzyklus Das Rote Rad, 6 Generalstabsoberst Georgij Worotynzew, sehnt ein deutsch-russisches Schicksalsbündnis herbei, und um diese Hoffnung kreisen Worotynzews Gedanken sogar am Vorabend der Schlacht von Tannenberg: »Natürlich, es wäre viel besser, in ›ewigem Bund‹ mit Deutschland zu leben, wie Dostojewskij gelehrt und wonach er gedürstet hatte. Es wäre viel besser, unserem Volk zu der gleichen Entfaltung und Festigkeit zu verhelfen wie Deutschland dem seinen.« So der Deutschenfreund Solschenizyn in August vierzehn. 7

Vor Nolte erfuhr Diwald den Haß und Vernichtungswillen der Deutschenfeinde im eigenen Land, nach der Veröffentlichung seiner Zeitungsbeiträge »Das Recht auf nationale Identität« und »Die Deutschen - ein Verbrechervolk?« im Jahre 1987. Deutschland existiere zwar noch, aber nicht mehr als souveräner Staat, schrieb Diwald. Doch sei dieser Zustand nur vorübergehend. Weil die staatliche Ordnung zertrümmert sei, komme es entscheidend darauf an, alle Momente zu stärken, die »uns zu einem Volk, zum deutschen Volk machen«, ungeachtet der »Entwertung unserer Geschichte durch die Geschichtsschreibung der Sieger«. Die Deutschen würden einen »krankhaften Prozeß« beschleunigen, »wenn sie ihn als unabänderlich ansehen«. Das »Ja zur Geschichte und ein geschultes, entwickeltes Geschichtsbewußtsein sind Garanten der Wurzeln unserer Existenz und unserer politischen Einheit«. Geschrieben zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, drei Jahre vor der staatlichen Neuvereinigung!

Auf dieses Bekenntnis Diwalds reagierte damals eine dogmatische Linke, verschworen der Dreiteilung Deutschlands und der Betonierung des Jalta-Diktats mit politischer wie persönlicher Diskriminierung, nachzulesen zur Schande der Verfasser in Rechtsdruck 8, herausgegeben von Professor Dr. Siegfried Jäger von der Universität-Gesamthochschule Duisburg, einer linksintellektuellen Kaderschmiede in der roten Grauzone zwischen Pahl-Rugenstein, Dietz, UZ, DKP und Stasi. Daß Geographie wichtiger ist als Ideologie, daß allein der Nationalstaat Identität stiftet, daß nationales Geschichtsbewußtsein auch das Fundament für das Sittengesetz der Republikanität bildet, Diwalds Verleumder wollten und wollen es nicht akzeptieren. Hellmut

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Diwald ist tot, aber sein Kampf geht weiter. Im Gegensatz zu den Deutschen sind die Russen in der glücklichen Lage, in Alexander Solschenizyn einen lebenden geistigen Führer zu besitzen, der den Liberalisten aller Couleur entgegenschleudert: Bekämpfen könnt ihr sie, auch unterdrücken und brandmarken, aber auslöschen könnt ihr sie nicht, die nationale Idee.

Solschenizyn spricht hier stellvertretend für Hellmut Diwald. Solschenizyns Rußland ist heute nicht Europas vorletzte Hoffnung, sondern Solschenizyns Rußland ist heute Europas allerletzte Hoffnung. Europas Ordnungskraft für das 21. Jahrhundert ist denkbar nur im Bündnis zwischen den Nationen Diwalds und Solschenizyns. Eine andere Alternative für die postkommunistische und postkapitalistische Neuordnungsepoche existiert nicht. Deutschland wird leben, weil das russische Rußland siegen muß.

Anmerkungen:

1. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Februar 1994.

2. Süddeutsche Zeitung vom 19. Februar 1994.

3. Zitiert nach der Zeitschrift Aula, Graz, September 1993.

4. Alexander Solschenizyn, Wie bauen wir Rußland neu?, München 1992.

5. Staatsbriefe, Januar 1994.

6. Alexander Solschenizyn, Das rote Rad, 3 Bde. , München 1987-1990.

7. Alexander Solschenizyn, Das rote Rad, aaO. Bd. l Erster Knoten: August vierzehn.

8. Siegfried Jäger (Hrsg. ), Rechtsdruck. Die Presse der Neuen Rechten, Berlin-Bonn 1988.

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