ROLF KOSIEK
Zum Wert der Geschichte

1. Die Bewertung der Geschichte in der Vergangenheit

In früheren Zeiten war es eine Selbstverständlichkeit, daß ein politisch urteilender oder handelnder Mensch gute Geschichtskenntnisse auf weisen mußte. Geschichte des eigenen Volkes wie die seiner Nachbarn war ein wichtiges Ausbildungsfach für Staatsmänner und Diplomaten. Dichter und Denker unterstreichen die Bedeutung der Geschichte für Staats- und Volksbewußtsein. Für die Nation als die zu politischem Willen erwachte Kulturgemeinschaft war und ist die Geschichte neben der Sprache die wichtigste geistige Grundlage und Klammer. Goethes weises Wort, daß man sich von 3000 Jahren mindestens Rechenschaft geben müsse, drückt das deutlich aus. Friedrich Schiller befaßte sich ausführlich mit Geschichtsstudien und urteilte: »Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte; in ihrem Kreis liegt die ganze moralische Welt. . . Selbst in den alltäglichsten Verrichtungen des bürgerlichen Lebens können wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu werden. . . Aus der Geschichte erst werden sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gerne unsere Dankbarkeit rauben: kostbare Güter, an denen das Blut der Besten und Edelsten klebt, die durch die schwere Arbeit so vieler Generationen haben errungen werden müssen.«

Vor einem halben Jahrhundert erklärte der Philosoph Helmuth Plessner: »Es ist Gesetz, daß im letzten die Menschen nicht wissen, was sie tun, sondern es erst durch die Geschichte erfahren« 1, und der Göttinger Historiker Alfred Heuß hob die Richtigkeit dieser Aussage neuerdings noch einmal hervor 2.

»Vom Nutzen der Geschichte für die deutsche Gegenwart« wählte der Berliner Geschichtswissenschaftler Hagen Schulze als Untertitel seines Buches Wir sind, was wir geworden sind 3 und legte darin vor allem im ersten Kapitel die Bedeutung der Kenntnis von der Vergangenheit sowohl für den Einzelnen wie für das Volk dar. Denn mit der Geschichte »sagen wir nicht nur, wer jemand ist, sondern erklären zugleich, warum er so und nicht anders ist. Wenn wir uns

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unsere Geschichte als deutsche Nation vergegenwärtigen, wissen wir also, wer wir heute sind und was im einzelnen der Grund dafür ist, daß wir so und nicht anders sind. Und dieses Wissen hat in vieler Hinsicht erhebliche praktische Bedeutung«. 4 Jeder Versuch, aus der Geschichte auszusteigen oder ganz neu anzufangen, »scheitert mit Notwendigkeit. . . Niemand kann anfangen, sondern nur anknüpfen - was heißt, daß diejenigen, die glauben, völlig Neues zu tun, buchstäblich nicht wissen können, was sie tun«. 5

Zum richtigen Verstehen der Geschichte und zum Erkennen ihrer großen Linien gehört ausführliche Beschäftigung mit ihren Tatsachen, aber auch wesentlich eigene Lebenserfahrung. Geschichte ist mehr als ein Wissen von Daten. Bedeutende Zusammenhänge und tiefgründig wirkende Kräfte in ihr erschließen sich erst nach gehörigem Nachdenken und Durcharbeiten. Ein richtiges und umfassendes Geschichtsbild bildet sich somit erst im Laufe von vielen Jahren heraus, wenn die eigenen Lebenserfahrungen sich mit dem Überlieferten verbinden. Das ist sicher mit einer der Gründe dafür, daß es in den meisten alten Kulturen eine Art ›Rat der Weisen‹, der Alten, gab; darum durfte in Rom niemand unter 40 Jahren Konsul werden; darum schreiben viele heutige Verfassungen zwingend vor, daß ein Staatsoberhaupt mindestens 40 Jahre alt sein muß. Nicht von ungefähr lag das Durchschnittsalter der führenden und sehr lange Zeit erfolgreichen sowjetischen Politiker über 60 Jahre. Deshalb war die Herabsetzung des Wahlalters in Westdeutschland vor einigen Jahrzehnten auch nicht sinnvoll.

2. Moderne Wissenschaften zur Bedeutung der Geschichte

In wachsendem Maße haben die Ergebnisse der Naturwissenschaften auch auf die Geisteswissenschaften eingewirkt. Auch sie liefern heute Begründungen und ein vertieftes Verständnis für kulturelle Fragen. Kein geringerer als der Nobelpreisträger Konrad Lorenz bekannte sich zu der Auffassung, »daß menschliche Kultur und menschlicher Geist mit Fragestellung und Methodik der Naturwissenschaften untersucht werden können - und müssen«. 6 So liefern die modernen Naturwissenschaften auch wertvolle Beiträge für ein zeitgemäßes Verständnis der Bedeutung der Geschichte.

Die noch junge, aber schon mit großen Erfolgen verbundene Verhaltensforschung hat den Menschen als »historisches Wesen« erkannt 7. Sein ganzes Verhalten, seine bewußten und unbewußten Handlungen sind ohne die Kenntnis ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht zu begreifen. Der Mensch ist ohne seine Geschichte nicht zu verstehen, und er kann auch seine kennzeichnend menschliche Aufgabe, Kulturträger zu sein, ohne Geschichtskenntnisse und Geschichtsbewußtsein gar nicht erfüllen. Kulturen beruhen auf den geistigen Leistungen vieler Generationen. Deshalb ist der Traditionsverlust, das Abreißenlassen der geistigen Bindungen zur Vergangenheit, für Lorenz eine der »acht Todsünden der zivilisierten Menschheit«. 8 Wenn eine Genera-

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tion ihrer Aufgabe und Verpflichtung nicht nachkommt, die Traditionen ihrer Vorfahren zu erhalten und weiterzuentwickeln, muß die Gesellschaft praktisch wieder bei der Steinzeit anfangen. Andere moderne Anthropologen, vor allem Arnold Gehlen, weisen auf die Bedeutung der Institutionen hin, die auch nur aus ihrem geschichtlichen Wachstum und ihren geschichtlichen Hintergründen zu verstehen sind. Geschichtsloser Kritizismus kann ihren Wert nicht erkennen und bewirkt ihre Zerstörung, wie es die letzten Jahrzehnte in erschreckender Weise zeigen. In Gehlens Werk Moral und Hypermoral finden sich sarkastisch angeführte Beispiele dieser sogenannten fortschrittlichen Haltung, die Kultur und Leben eines Volkes zerstört 9. Zur Methode der Geschichtszerstörung urteilt Lorenz sehr treffend: »Zu den wichtigsten Methoden der wahrhaft diabolischen ›Gehirnwäsche‹ gehört es, den Opfern diese Sicherheit [aus der Tradition, R. K. ] zu rauben, indem man ihnen alles zweifelhaft macht, was sie sicher zu wissen glauben.« 10

In der modernen Biologie spielt der Entwicklungsgedanke, die Evolutionstheorie, und damit eine geschichtliche Dimension, eine wichtige Rolle. Alle biologischen Formen und Systeme bis hin zu den großen Ökosystemen unter Einbezug des Menschen sind nur aus ihrer geschichtlichen Entwicklung verständlich. Die Möglichkeiten sinnvoller Einflußnahme sind durch die in ihnen angelegten Anpassungsfähigkeiten beschränkt, die wieder nur aus der ganzen vorherigen Entwicklung erkennbar und ableitbar sind. Die ganze Anatomie im Pflanzen- und Tierbereich, alle sinnvollen Klassifikationen im Bereich des Lebendigen sind geschichtlich begründet. Ein moderner Biologe kommt ohne die Geschichte einfach nicht mehr aus. Und da der Mensch auch ein Teil dieser Natur ist, gilt dasselbe für ihn.

Die in den letzten Jahrzehnten sich fachübergreifend entwickelnde Systemtheorie (Kybernetik) hat als einen ihrer wesentlichen Grundsätze erkannt, daß kein System allein aus der Kenntnis der Gegenwartsbedingungen heraus richtig beschrieben und in seinem Zukunftsschicksal vorherbestimmt werden kann. Die Kenntnis der Vergangenheit des Systems ist dazu unbedingt nötig. Geschichtskenntnisse sind daher systemtheoretisch eine unverzichtbare Informationsquelle, insbesondere auch für soziale menschliche Gruppen bilden sie die Voraussetzung einigermaßen vollständiger Beurteilung. Ohne Geschichtskenntnisse fehlt eine Erkenntnisebene für die vielfältig vernetzten Systeme menschlicher Wechselwirkung in Gemeinschaften.

Selbst die moderne Physik kann Beiträge zu unserem Thema liefern. In einem Vortrag über »Die Physik im Kampf um die Weltanschauung« erklärte Max Planck, als Begründer der Quantentheorie einer der Geistesheroen unseres Jahrhunderts: »Denn jeder Einzelne gehört zunächst einer Gemeinschaft an, seiner Familie, seiner Sippe und seinem Volke, einer Gemeinschaft, der er sich ein- und unterordnen muß und von der er sich niemals ungestraft loslösen kann. Daher ist auch jede Wissenschaft, ebenso wie jede Kunst und jede Religion, auf nationalem Boden erwachsen. Daß man dies eine Zeitlang

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vergessen konnte, hat sich an unserem Volke bitter genug gerächt.« 11 Und der Physiker-Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker stellte vor einiger Zeit, auf die Gefahr der heute drohenden Bewußtseinsverengung hinweisend, bei einer Diskussion fest: »Nicht eine glücksorientierte, nur eine wahrheitsorientierte Gesellschaft kann existieren.« 12 Ohne Geschichte gibt es aber keine Wahrheit. Die heute sich noch stolz fortschrittlich nennenden Geschichtsverächter sind daher nicht nur nicht modern, sondern ausgesprochen rückständig. Sie stehen nicht nur nicht auf der Höhe unserer Zeit, sondern noch auf der längst überholten Stufe des vorigen Jahrhunderts und huldigen der heute als falsch erwiesenen Auffassung der damaligen Physik, daß alles ohne Kenntnis der Vergangenheit aus den Gegenwartsbedingungen für die Zukunft berechenbar sei.

Daß moderne Historiker die Bedeutung der Geschichte zur Bewältigung unserer gegenwärtigen Krise hervorheben, ist nicht sehr verwunderlich, doch als Bestätigung zu erwähnen. So schreibt der Bonner F. Wagner: »Die moderne Krise des Menschen kann nur gesamthistorisch geklärt und beurteilt werden, d. h. durch Erschließung aller historischen Quellen seiner Geschicke und seiner Geschichte, seines Wesens und seines Unwesens, seiner Größe und seines Verfalls.« 13

3. Der Wert der Geschichte für ein besiegtes Volk

Sind Geschichtskenntnisse und Geschichtsbewußtsein im Grunde für jedes Volk und jeden Staat schon wichtig, so sind sie besonders unverzichtbar für ein besiegtes Volk, das eine neue geistige Grundlage sucht. Die Völkerbiologie weist darauf hin, daß verlorene Kriege nicht nur wegen ihrer Verluste an Menschen und Gütern schwer wiegen, sondern daß gerade moderne Kriege in erster Linie soziale und geistige Auseinandersetzungen sind, bei denen es entscheidend darauf ankommt, ob der Besiegte seine geistige Haltung, sein Selbstbewußtsein, seine Tradition und Sprache, kurz seine Identität sich erhält 14. Wenn in der Geschichte Völker starben und langsam verschwanden, lag es meist daran, daß sie sich geistig aufgaben und die Art des Siegers, seine Kultur und Sprache, seine Weltsicht, annahmen und sich dann mit ihm vermischten. Die Völkerbiologie spricht von einem psychogenen Völkertod 15.

Diese Gefahr ist noch größer geworden, seitdem systematisch und wissenschaftlich untermauert die psychologische Kriegführung sich in unserem Jahrhundert ausgebreitet hat und nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber Deutschland nicht etwa aufhörte, sondern, wie es der große Jurist Friedrich Grimm erschreckend schilderte 16, nach Kriegsende erst richtig anfing. In dieser Umerziehung spielte die Zerstörung des Geschichtsbewußtseins eine wichtige Rolle, und es ist deswegen um so mehr zu bedauern, daß auch deutsche Politiker sich voll in diesen Dienst stellten.

Schon 1919 hatte man versucht, eine Geschichtslüge im Versailler Diktat

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durchzusetzen: Deutschland mußte unter dem Druck der andauernden Hungerblockade in dem berüchtigten Artikel 231 die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg anerkennen und die Auslieferung Hunderter von sogenannten Kriegsverbrechern, darunter Kaiser Wilhelm II. und viele Heerführer und U-Boot-Kapitäne, unterschreiben. Doch nach dem Ersten Weltkrieg erreichten die Sieger ihr Ziel nicht. Denn die Reichsregierung gab einer unabhängigen Kommission den Auftrag, die Ursachen und die Schuldfrage des Krieges zu ergründen, und bald zeigte sich dann, daß die Behauptung der deutschen Allein- oder Hauptschuld eine Propagandalüge der Sieger gegenüber dem wehrlosen Deutschland war. Hollands standhafte Haltung verhinderte die Auslieferung des Kaisers, und der passive Widerstand deutscher Stellen ließ es nicht zu Kriegsverbrecherprozessen vor alliierten Gerichten nach dem Ersten Weltkrieg kommen.

Daß diese Methode der geistigen Vernichtung des Unterlegenen auch schon früher von Liberalen mit Erfolg angewandt wurde, zeigte unter anderen Joachim Fernau bei der Schilderung des amerikanischen Bürgerkrieges in seinem großartigen Buch Halleluja 17.

Der Ausstieg aus der Geschichte ist für das besiegte Deutschland auch aus anderen Gründen völlig sinnlos und widernatürlich. Einmal können gerade die Deutschen auf eine lange und reiche Geschichte zurückblicken. Fast ein Jahrtausend war das deutsche Kaiserreich eine prägende Kraft für ganz Europa und ein Ordnungsmoment für das ganze Abendland. Deutsche Denker, Dichter und Wissenschaftler haben zu allen Zeiten Wesentliches geschaffen, wovon auch andere Völker erheblichen Vorteil hatten. Dieser Anteil an der Entwicklung der Kulturvölker ist einfach nicht zu übersehen, sein Fehlen in der Zukunft würde eine schmerzliche Lücke aufreißen. Eine derartige Geschichte vergißt man einfach nicht, einer derartigen Verpflichtung entzieht man sich nicht.

Seit den Zeiten der alten Griechen hat es keine derartige Blüte der Geschichtsschreibung in irgendeinem Land gegeben wie im Deutschland des vorigen Jahrhunderts. Namen wie Treitschke, Ranke, Droysen, Mommsen sind Zeugen einer Klassik von Historikern, die wir heute schmerzlich unter den Lebenden vermissen, weil sich die heutige Geschichtswissenschaft fast durchweg ängstlich auf nichttabuisierte Spezialthemen beschränkt. Hellmut Diwald war hier die große Ausnahme unter den Hochschulhistorikern.

Das besondere Verhältnis der Deutschen zur Geschichte und Geschichtsschreibung ist wohl eine Eigenart ihrer germanischen Herkunft: die Suche nach der Wahrheit nach dem eigenen Ursprung, nach dem Erkennen der eigenen Eigenart im Vergangenen. Die Nähe zur Philosophie, auch weithin eine deutsche Hochburg im europäischen Konzert der Geister, ist sicher nicht zufällig, sondern hängt mit dieser Herkunft zusammen.

Wenn daher ein Volk mit solcher Tradition der Geschichte und Geschichtsschreibung und solcher Fähigkeit dazu sich dieser entledigt, kommt das einer

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Selbstentmannung nahe und kann nur als Ausfluß einer Haltung verstanden werden, die dem Volke schaden will. Deutlich drückte das Friedrich Hebbel so aus: »Es gibt nur ein Sünde, die gegen die ganze Menschheit mit allen ihren Geschlechtern begangen werden kann: das ist die Verfälschung der Geschichte.« Das zu erkennen und die dahin wirkenden Kräfte zu entlarven, ist daher eine Aufgabe der Zeit.

Sodann kann gerade eine Geschichte wie die deutsche in Zeiten der Not und des Niederganges Kraft für einen neuen Aufstieg geben. Die nationale Erhebung 1813 wurde wesentlich mit gespeist von dem vaterländischen Geist der Romantik, die die deutsche Reichsgeschichte neu entdeckt hatte. Ohne diese geistige Erneuerung wäre es kaum zur Befreiung Deutschlands und Europas von der Herrschaft des Korsen durch das Volk gekommen. Das Nachfühlen der eigenen Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen erweckt unwillkürlich und ganz natürlich den Stolz auf sein Volk, den jeder Bürger haben sollte. Auch darum ist die Geschichte, wie zu Beginn unseres Jahrhunderts Gustav Kossin-na schon lehrte, »eine hervorragende nationale Wissenschaft«. In den dunklen Zeiten eines vielfach geteilten Volkes kann die Geschichte Hoffnung geben aus der Erkenntnis, daß es früher noch schlimmere Zeiten gegeben hat, etwa am Ende des Dreißigjährigen Krieges. Oft wurde das ›finis Germaniae‹, das Ende Deutschlands, vorausgesagt oder gar erwartet. Doch nie trat es ein. Nach tiefstem Sturz erstand meist in erstaunlich kurzer Zeit wieder eine neue kulturelle und auch staatliche Blüte, so daß manche großen Geister von einer besonderen Jugendlichkeit unseres Volkes gesprochen haben. So erklärte Gerhart Hauptmann 1932 an Bord der »Europa« bei seiner Überfahrt nach den USA: »Deutschland ist jung, wenn es sich für jung erklärt. Ich glaube an Deutschlands ewige Jugend.« Manches deutet darauf hin, daß auch heute in Deutschland Neues sich ankündigt und die Welt wieder einmal hierher blickt und von hier die rettenden Ideen erwartet, nachdem andere Völker die Welt an den Rand des Untergangs gebracht haben.

Nach 1945 übten die Deutschen weitgehend den Austritt aus der Geschichte 18. Das Jahr 1945 wurde als das Jahr Null betrachtet, das Vorhergehende wurde verdrängt, danach einseitig bewältigt. Man glaubte lange, durch reinen Pragmatismus aus der Gegenwart allein die Zukunft gestalten zu können, was nun einmal nicht geht.

Gefördert wurde diese Haltung dadurch, daß die Vernachlässigung und Verdrängung der Geschichte ein wichtiges Ziel der Umerzieher war. Sie wußten, daß die Zerstörung und Herabsetzung der Geschichte den geistigen Bestand eines Volkes im Kern trifft, besonders eines so moralisch empfindenden Volkes wie des deutschen, und das war gerade ihr Wollen. Deutsche Geschichte wurde so zu einer Folge von Verbrechenstaten, von Hermann-Armin dem Cherusker über Friedrich den Großen und Bismarck bis zum sogenannten größten Verbrecher unseres Jahrhunderts. Zutreffend beurteilt der Historiker Hellmut Diwald diese Methode: »Wer die Geschichte eines

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Volkes kriminalisiert, macht es krank.« 19 Ähnliches schrieb vor 170 Jahren Turnvater Jahn: »Ohne die Geschichte des Vaterlandes, ohne die Kenntnis seiner Vorteile kann der Bürger sein Vaterland nicht lieben; ohne die Tugenden seiner Väter zu wissen, kann er ihnen nicht nacheifern; kurz, ohne die Kenntnis der vaterländischen Geschichte ist der Bürger ein Spielball in der Hand eines schlauen Betrügers.« 20 Leider haben sehr viele Westdeutsche, vor allem Jugendliche, in den letzten Jahrzehnten dieses Schicksal erlitten.

Die Angst vor persönlichen Nachteilen ist auch ein wesentlicher Grund, warum im Nachkriegsdeutschland von den Historikern fast nur enge Spezialprobleme, meist mit soziologischem oder ökonomischem Hintergrund, behandelt wurden; große Würfe mit Wertungen, ganze Geschichtsbilder wurden in der Regel ängstlich vermieden, obwohl gerade das die Stärke und Tradition der großen deutschen Geschichtsschreibung war. Auch hierhin war Hellmut Diwald mit seiner Geschichte der Deutschen eine der seltenen Ausnahmen. Die ganze richtungslose Trostlosigkeit spiegelte sich auch auf den deutschen Historikertagen der letzten Jahrzehnte wider. Vor, bei und nach der Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland haben die deutschen Historiker ebenso beschämend versagt.

In den Schulen wurde der Geschichtsunterricht zusammengestrichen, umfunktioniert oder in ganz fortschrittlichere SPD-Ländern fast völlig abgeschafft. Statt eines zusammenhängenden Überblickes von den Anfängen kultureller Entwicklung bis zur Gegenwart wurden im Geschichtsunterricht meist einige Konfliktsituationen herausgegriffen und dann teilweise klassenkämpferisch in marxistischem Sinne gedeutet. Als Ergebnis ist die Tatsache festzuhalten, daß ein Historiker auf dem Hochschullehrertag 1979 erklärte, 18 von 20 Studienanfängern der Geschichte wüßten nicht, wer Napoleon sei. 21 Eine Kenntnis der deutschen Kaiser des Mittelalters und ihrer europäischen Ordnungsaufgabe darf man bei der jüngeren Generation überhaupt nicht mehr voraussetzen. Selbst ein betagter CDU-Landtagspräsident erklärte vor gut zwei Jahrzehnten ausgerechnet im Stauferland Baden-Württemberg, daß die Geschichte der Staufer uns nichts mehr zu sagen habe.

4. Rückbesinnung auf die Geschichte

Doch trotz Umerziehung und behördlicher Verdrängung der Geschichte bricht sie seit einiger Zeit wieder durch. Diese Erscheinung bildet einen Teil der ›Tendenzwende‹ seit Mitte der siebziger Jahre. Zunächst wurde versucht, diese Haltung als Nostalgiewelle zu belächeln und verächtlich zu machen. Doch sie gründet tiefer. Als 1977 Hunderttausende zur Staufer-Ausstellung nach Stuttgart strömten, ähnlich 1978 zur Parier-Ausstellung nach Köln, da zeigte sich der Unterschied zwischen veröffentlichter und wirklich öffentlicher Meinung: Geschichte war plötzlich wieder ›in‹. Die Abstimmung mit den Füßen hatte jahrelange Manipulationsversuche vom Tisch gewischt. Eine

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Umfrage von Professor Dr. Fippinger an der Pädagogischen Hochschule Rheinland-Pfalz ergab im Jahre 1977, daß 81 % der Jugendlichen der Meinung waren, Geschichte sei zum Verständnis der Gegenwart notwendig. 93 % hielten Geschichte für wichtig als Teil der Allgemeinbildung, obwohl Geschichte nur für 33 % zu den Lieblingsfächern gehörte. Als Untersuchungsleiter zog Fippinger daraus die Folgerung: »Auch in unserer Zeit bleibt die zweifache Aufgabe der Geschichte, nämlich das Verständnis der gesellschaftlich-geschichtlichen Welt und die Selbstauslegung des Menschen zu erarbeiten, ohne jede Einschränkung erhalten.« Und er schrieb warnend weiter: »Es bleibt festzustellen, daß das Geschichtsbild der jungen Generation in vielerlei Hinsicht Veränderungen zeigt, die für alle Verantwortlichen Signale zur Besinnung auf das existenziell notwendige Geschichtsbewußtsein eines Volkes sein sollten. Dies zu sehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, erscheint um so erforderlicher, als das Geschichtsbild der heutigen jungen Menschen, wie zu jeder Zeit, in hohem Maße mitgestaltet ist von uns allen, die wir deutsches Vaterland und deutsche Geschichte mitzutragen und mitzuverantworten haben.« 22

Langsam erkennen nun auch die Politiker, daß das Blatt sich wendet, und versuchen jetzt im Gegensatz zu ihrer früheren Politik der Geschichtslosigkeit mit der neuen Richtung zu gehen und sie für sich in Anspruch zu nehmen. Mit guter Witterung für den Zeitgeist veranstaltete Ministerpräsident Filbinger 1977 die Stuttgarter Staufer-Ausstellung, wurde 1980 an die Wittelsbacher in Bayern erinnert, kam 1981 die Preußen-Ausstellung in Berlin, der sich in den folgenden Jahren weitere große Geschichtsausstellungen anschlossen, wurde dann an die Gründung repräsentativer Geschichtsmuseen gedacht. Es scheint so zu sein, daß das Geschichtsbewußtsein sich nicht mehr verdrängen läßt.

Aber eine Stärkung des Geschichtsbewußtseins allein genügt noch nicht, wenn es kein Volk gibt, auf das es sich beziehen kann. Darauf hat vor mehr als einem Jahrzehnt bereits Hans-Joachim Arndt warnend hingewiesen, als er im Schlußkapitel seines grundlegenden Werkes über die Nachkriegspolitologie in Westdeutschland zum Ruf nach »mehr Geschichtsbewußtsein« schrieb: »Aber wissen diese Rufer, daß solches Bewußtsein allein erwachsen kann auf der Grundlage geschehener und erzählter Ereignisse, die eine identisch bleibende Einheit, ein Kollektivsubjekt, betreffen - ja, daß dies Subjekt seine Identität überhaupt erst aus geschehener und erzählter Geschichte ableiten kann?« 23 Geschichte müsse »einigenden und damit identifizierenden Charakter« haben 24.

Die heute fast ausschließlich vorgenommene einseitige Schuldbekennung, vor allem des derzeitigen Bundespräsidenten, hat diesen Charakter nicht nur nicht, sondern bewirkt eher das genaue Gegenteil: eine weitere Auflösung und Zerstörung der noch vorhandenen Reste der Identität der Deutschen und damit auch des Volkes selbst. Statt der Brüche sollten mehr die Kontinuitäten und Gemeinsamkeiten betont werden, wie es vorbildlich für sein Volk der

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polnische Papst Johannes Paul II. bei seiner dritten Polenreise im Juli 1987 vor aller Öffentlichkeit zeigte: »In keiner der 30 Ansprachen und Predigten dieser Woche fehlte das Wort ›Vaterland‹« 25, doch niemals erwähnte der Papst die polnische Schuld an der Vertreibung der Deutschen und am Landraub Ostdeutschlands. Wann spricht ein westdeutscher Politiker oder Zeitgeschichtler die völkische Not der Deutschen in Südtirol oder im Elsaß an? 26

Im Historikerstreit nach 1986 ist mehrfach Anlaß dazu gegeben worden, Geschichte wieder in größerem Zusammenhang zu sehen und auch ihre Bedeutung für das geistige und kulturelle Überleben eines Volkes zu beachten. In den neueren Büchern von Stürmer 27, Nipperdey 28 oder Schulze 29 steht manches Richtige zu diesem Thema, vieles, was vor zwei Jahrzehnten kaum zu sagen gewagt wäre, obwohl es damals auch schon notwendig gewesen wäre, aber im Grunde noch viel zu wenig, um zur Normalität zurückzufinden.

Die Geschichte kennt keine völlig neuen Anfänge - wie auch kein Ende übrigens. Eine Stunde Null gibt es nie. Immer entwickelt sich Neues aus schon Vorhandenem, oft allerdings schneller als vorher erwartet und manchmal sprunghaft erscheinend wie bei dem Umbruch im Osten und der deutschen Teilwiedervereinigung. Alle Änderungen brauchen treibende Kräfte, und diese werden von der Vergangenheit getragen, auch wenn sie auf die Zukunft ausgerichtet sind. Von nichts kommt nichts her. Auch kleine Kräfte können große Wirkungen erzeugen, und immer noch und sicher auch auf die Dauer sind geistige Kräfte die ausdauernderen Gewalten.

Es scheint so, als ob nach Jahren des scheinbar vollkommenen Erfolges der Umerziehung ein natürliches Erwachen sich wieder Bahn bricht und damit sich auch das Geschichtsbewußtsein neu entfaltet. Das Fragen der Jugend nimmt glücklicherweise wieder zu. Diese Kraft gilt es für unser Volk und seine Zukunft zu nutzen. Goethe hatte erkannt: »Ein Volk, das seine Geschichte nicht ehrt, hat keine Zukunft!« Für den politisch Handelnden und für den sich um sein Volk Sorgenden erwächst daraus die Verpflichtung, das Geschichtsbewußtsein und die Geschichtskenntnisse für eine bessere Zukunft unseres Volkes nach Möglichkeit zu fördern und dahin zu wirken, daß der geschichtlichen Wahrheit möglichst nahegekommen wird.

Anmerkungen

1. Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, 1928, S. 341.

2. Alfred Heuß, in Hans Georg Gadamer und Paul Vogler (Hg. ), Neue Anthropologie, Bd. 4, Thieme Verlag, Stuttgart, S. 192.

3. Hagen Schulze, Wir sind, was wir geworden sind, Piper Verlag, München 1987.

4. Ebenda, S. 12.

5. Ebenda, S. 13.

6. Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, Piper Verlag, München 31973, S. 30.

7. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Der vorprogrammierte Mensch, Molden Verlag, Wien-München-Zürich 1973.

8. Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, Piper Verlag, München 1973.

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9. Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Athenäum-Verlag, Frankfurt/M. -Bonn 1969.

10. Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels, aaO. , (Anm. 6), S. 269.

11. Max Planck, Vorträge und Erinnerungen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973, S. 298.

12. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. 11. 1978.

13. F. Wagner, in Hans Georg Gadamer und Paul Vogler (Hg. ), Neue Anthropologie, aaO. (Anm. 2), S. 220.

14. Ilse Schwidetzky, Grundzüge der Völkerbiologie, Enke-Verlag, Stuttgart 1950.

15. Ilse Schwidetzky, Das Problem des Völkertodes, Enke-Verlag, Stuttgart 1954.

16. Friedrich Grimm, Mit offenem Visier, Druffel-Verlag, Leoni 1961, S. 249.

17. Joachim Fernau, Halleluja, Herbig-Verlag, München 1977.

18. Alfred Heuß, Verlust der Geschichte, 1959.

19. Die Welt, Sonderdruck XII, 1978.

20. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. 5. 1979.

22. Zitiert von K. Rother in Deutschland Journal, Nr. 7, 1977.

23. Hans-Joachim Arndt, Die Besiegten von 1945, Duncker und Humblot, Berlin 1978, S. 423.

24. Ebenda.

25. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. 6. 1987.

26. Vgl. u. a. Rolf Kosiek, Jenseits der Grenzen, Grabert-Verlag, Tübingen 21987.

27. Michael Stürmer, Dissonanzen des Fortschritts, Piper Verlag, München 1986.

28. Thomas Nipperdey, Nachdenken über die deutsche Geschichte, Beck-Verlag, München 1986.

29. Hagen Schulze, Wir sind, was wir geworden sind, aaO. (Anm. 3).

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