ALFRED ARDELT
Anmerkungen zu Hellmut Diwalds Werken

Die Anerkennung - Bericht zur Klage der Nation Mut zur Geschichte und Geschichte macht Mut

Mit einem schmalen Band Die Anerkennung - Bericht zur Klage der Nation trat Hellmut Diwald im Jahre 1970 an die Öffentlichkeit. Bundeskanzler Willy Brandt und Ministerpräsident Willi Stoph hatten sich im März 1970 in Erfurt getroffen. Politik in Deutschland und bundesrepublikanische Deutschlandpolitik hatten damit eine andere Qualität bekommen. Darauf machte der Professor für Mittlere und Neuere Geschichte aufmerksam.

Voller Betroffenheit stellte er fest, daß entgegen allen gegenteiligen Beteuerungen bundesrepublikanische Politik nicht in der deutschen Einigung die Zielsetzung sah, sondern in den Westbindungen und damit in der Zementierung der deutschen Spaltung.

»Wir müssen den Konkurs einer Epoche anmelden, die am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Versailler Schlosses begann, und wir merken es nicht einmal. Oder wollen es nicht merken; das ist weit schlimmer. Wenn es der Politiker nicht kann, der Staatsmann nicht will, der Parteichef nicht sieht, dann muß es der Historiker tun.« 1

Damit nahm der in Fachkreisen bereits bekannte Professor zu einem aktuellen politischen Ereignis von großer Tragweite Stellung. Seine Veröffentlichungen Das historische Erkennen, 1955, Wilhelm Dilthey - Erkenntnistheorie und Philosophie der Geschichte, 1963, Wallenstein - Eine Biographie, 1969, Von der Revolution zum Norddeutschen Bund - Aus dem Nachlaß von Ernst Ludwig von Gerlach, 1970, um nur die wichtigsten zu nennen, hatten ihm einen Platz in der Fachwelt gesichert. Er war bereits ein angesehener Historiker in der Bundesrepublik. Das Fernsehen entdeckte ihn. Eine Serie, »Dokumente deutschen Daseins« mit Wolfgang Venohr und Sebastian Haffner, machte ihn Ende der siebziger Jahre einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Schon hier ist auch der mitreißende Redner zu erkennen, der geschichtliche Vorgänge darzustellen und zu bewältigen wußte.

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Diwald macht deutlich, Geschichte ist spannend, mit Leben erfüllt. Es lohnt sich, daß man sich mit ihr auseinandersetzt. In der Tageszeitung Die Welt hatte er eine Kolumne. Andere Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten gern seine Betrachtungen zu historischen und aktuellen Ereignissen. Von ihm durfte noch manches erwartet werden, zumal er sich nun dem aktuellen Geschehen im deutschen und mitteleuropäischen Bereich zuzuwenden beginnt. So findet Die Anerkennung Beachtung.

Wer einen knappen Leitfaden zur deutschen Geschichte sucht, hier findet er ihn. Es kann unter diesem Gesichtspunkt auch heute noch zu dem Band geraten werden. Schnell aber geht Diwald auf die Ereignisse nach 1945 ein. Offen, ohne etwas zu beschönigen oder zu verharmlosen, für Rechte und Linke, Liberale und Konservative gleichermaßen schockierend, ohne die in den damaligen Jahren übliche Betulichkeit, ohne Bückling nach dieser und Fußtritten nach der anderen Seite. »Worum es geht, ist nichts anderes als die unsentimentale, rücksichtslose Analyse der Situation.« 2 Er kommt 1970 zu dem Ergebnis: »Wir in der Bundesrepublik haben auf dem Altar des spätkapitalistischen Geschäftes das Herz und die Seele unseres Nationalbewußtseins ohne großes Bedauern in Rauch aufgehen lassen.« 3 Und weiter: »Man muß es kalt aussprechen: Der Bundesbürger besitzt heute nur noch Rudimente eines nationalen Empfindens, Gefühlsfetzen eines deutschen Einheitsbewußtseins. Hier liegt ein Traditionsschwund vor, eine innere Organverstümmelung, die durch keine anderen Richtmaße ausgeglichen worden sind. Zu Beginn der Ära Adenauer war der Begriff der ›deutschen Einheit‹ noch gefüllt mit Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung, Liebe, Qual, Trauer, er hätte zum Hauptbegriff eines Zielkatalogs entschlossener Politik werden können. Am Ende dieser Ära war daraus eine Floskel geworden, Bestandteil eines Parteikatalogs rhetorischer Windbeuteleien, die anhören zu müssen eine Beeinträchtigung menschlicher Grundrechte ist.« 4

Adenauers Politik bezeichnet er als Muster einer Politik des erfolgreichen Scheiterns. 5 »Die Regierung Brandt war so nüchtern und so mutig, die Existenz zweier deutscher Staaten offiziell zur Kenntnis zu nehmen.« 6 Für einen Hochschullehrer ungewöhnliche Aussagen in einer Zeit, in der alles recht geordnet schien, die Welt in Gute und Böse schön eingeteilt war.

Das Buch schockierte, es paßte so gar nicht in die Landschaft. Betroffen legt man es schon aus der Hand. Das Ende der Nation wird festgestellt. Am bedrückendsten sagte er, sei »das ungeheuere Defizit an Zukunft, das mit unserer Lage verbunden ist. Es bleibt nur übrig, so nüchtern zu sein, daß es noch zur Trauer und Verzweiflung reicht«. 7 »Die Deutsche Nation ist schon lange zu Grabe getragen. Wir müssen so anständig sein, es auch denjenigen Hinterbliebenen mitzuteilen, die es bis jetzt noch nicht wissen. Es wird nie mehr einen Staat geben, der die deutsche Nation umfaßt und der Deutschland heißt. Trotzdem sollten wir diesen Toten so weiterlieben, wie wir ihn als Lebenden geliebt haben. Oder hätten lieben sollen.« 8

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Schockierende Aussagen, noch einmal sei es gesagt, die aber zum Nachdenken anregen und aufrütteln sollen: Die deutsche Frage ist nun nicht mehr eine Domäne von Institutionen und Berufspolitikern, sie ist zu einer Frage der Deutschen geworden. Gegenwärtig gibt es drei deutsche Staaten, BRD, DDR und Österreich. Sie sind alle drei verschiedenen politischen Systemen zugeordnet, dem westlichen, dem östlichen, Österreich schließlich neutral. Sie haben nur noch eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Geschichte. Das müssen wir einsehen. 9

Abschied von Deutschland, das war für ihn die Wirklichkeit des Jahres 1970, wenn in Sonntagsreden auch anderes verkündet wurde. Der Leser hätte ein Recht darauf, meint Diwald, daß ihm die Wirklichkeit auch mitgeteilt werde. Wir haben es also mit einem Bekenntnis zur Wahrheit zu tun.

Nur vordergründig ist es Resignation, die aus Diwalds Anerkennung herauszulesen ist. Er hat Inventur gemacht 10. Er wollte den Deutschen sagen, in welcher Lage sie sich befinden, um von hier aus neu und zukunftsgestaltend ansetzen zu können. Und er setzt neu an.

1978 kam dann seine Geschichte der Deutschen auf den Büchermarkt. Der seit der Anerkennung eher als »links« und als »neutralistisch« beurteilte Verfasser hatte einen großen Wurf gewagt. Die Zustimmung war zunächst allenthalben zu beobachten. Die Rezensenten zollten Anerkennung.

Im ganzen liegen die Ausführungen Diwalds in der Bandbreite des damals Üblichen. Bei eingehender Beschäftigung wird aber deutlich, daß hier nicht die eingefahrenen stereotypen eingeschliffenen Formulierungen vorkommen, daß es Diwald vielmehr um historisches Erkennen geht, was ja stets sein Anliegen war.

Diwald meinte, trotz einer nicht mehr zu übersehenden Fülle von Veröffentlichungen bleibe beim Kapitel »Die Endlösung« doch noch manches zu erforschen. 11 Damit aber war ein Tabu berührt, an der »Endlösung« durfte nicht gerüttelt werden, wie einstmals religiöse Dogmen nicht in Zweifel gezogen werden durften. Es sei angemerkt, Geschichte ist nie abgeschlossen. Dem forschenden Geist begegnen immer neue Quellen, es wachsen ihm ständig neue Erkenntnisse zu. Wer davon ausgeht, geschichtliche Vorgänge seien endgültig geklärt, da sei Neues nicht mehr zu erwarten, der verkündet Dogmen, mit Geschichte beschäftigt er sich nicht. Diwald hatte nur eine Binsenweisheit angesprochen. Die Reaktion zeigte, deutsche Geschichte der großen Verlage und der anerkannten Medien hatte, was die Zeitgeschichte anlangt, die vorgegebenen Pfade nicht zu verlassen.

Ein Blatt aus Hamburg begann sich der Sache anzunehmen, und Diwald wurde aufgefordert, Änderungen vorzunehmen. Er geriet unter Beschuß. Bis zu seinem Tode blieb er unter Beschuß, ja er wurde geradezu stigmatisiert.

Es war bereits ein Geschichtsbild entwickelt worden, das nicht der Wahrheit verpflichtet war, sondern »volkspädagogischen« Vorgegebenheiten zu dienen hatte. Den Deutschen war ein neues Geschichtsbild aufgegeben; dieses zu

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bestätigen und zu befestigen, das war dem Historiker aufgetragen. Im Falle Diwald wurde das offenkundig. Er hatte an einer Stelle gegen das vorgegebene Dogma verstoßen. Der Historikerstreit des Jahres 1986 wirft seine Schatten voraus. Auch in den achtziger Jahren hatten einige Historiker doch nur die Fesseln, die ihnen auferlegt worden waren oder die sie sich selber auferlegt hatten, ein wenig zu lockern begonnen; um überhaupt weiter arbeiten zu können, war das unumgänglich. Was für Kampagnen wurden gegen sie eingeleitet!

Diwald hatte 1978 schon erfahren müssen, daß zur Beschäftigung mit Geschichte Mut gehört.

Der Titel eines 1983 erschienenen Buches lautet daher folgerichtig Mut zur Geschichte. Am Ende dieses Buches findet sich das Kapitel »Mut zur Geschichte - Mut zur Wahrheit«. Es handelt sich dabei im wesentlichen um Ausführungen, die er im Oktober 1979 bei einem Festvortrag anläßlich der Jahrestagung des Witikobundes in Gießen vorgetragen hatte. Einleitend heißt es: »Die doppelte Aussage: Mut zur Geschichte - Mut zur Wahrheit klingt nicht gerade anspruchslos, ja sie scheint dem Pathos der großen Worte ziemlich nahezustehen, dem gegenüber wir mit guten Gründen mißtrauisch geworden sind. Wir sollten dieses Mißtrauen auch nicht verkommen lassen, allerdings nur, wenn es wirklich mehr ist als die billige Bequemlichkeit, mit der heute und rasch jeder entschiedenen Stellungnahme zu unseren Grundfragen ausgewichen wird. Enthält das Wort: Mut zur Geschichte - Mut zur Wahrheit tatsächlich eine Doppelaussage? Oder ist nicht vielmehr damit gemeint, daß Geschichte und Wahrheit im wesentlichen übereinstimmen oder zumindest übereinstimmen sollen? Dann müßte man die Abfolge umstellen, es müßte heißen: Mut zur Wahrheit ist Mut zur Geschichte, oder anders gewendet: auch aus der Geschichte ergibt sich die Wahrheit, in erster Linie eine Wahrheit der politischen Handlungen, und zwar mit Rücksicht auf ihre innere Schlüssigkeit und ihre Substanz.« 12

Geschichte, vor einigen Jahrzehnten war das allgemeine Überzeugung, hatte es mit Wahrheit, mit Wahrheitsfindung zu tun, wenn diese Wahrheiten natürlich immer auch verschieden gedeutet werden können und gedeutet worden sind. Der Standpunkt des Darstellenden, seine Sicht der Dinge schwingt mit und wird immer deutlich hervortreten. Über unterschiedliche Ansichten und Auffassungen zu geschichtlichen Ereignissen konnte man sich auseinandersetzen, das wirkte sogar belebend und war unerläßlich für den Fortgang der Forschung.

Geschichte hatte es auch immer mit dem Politischen zu tun. Geschichte diente stets auch, zumindest soweit sie als Elementarunterricht auftrat, zur Stützung des gerade herrschenden politischen Systems. Vom Geschichtslehrer in den Schulen wurde immer verlangt, daß er systemstabilisierend wirkt.

Diese Systemstabilisierung hat sich zumeist jedoch im Einklang befunden mit den Interessen der eigenen Nation, des eigenen Volkes. Seit dem Ausgang

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der Religionskriege und dem Anspruch auf Mündigkeit (1975), wie der Titel des ersten Bandes der Propyläen-Geschichte von Hellmut Diwald heißt, standen die Historiker im Dienste ihrer Völker, förderten den Anspruch auf Mündigkeit, und das heißt Entfaltung ihres eigenen Seins, weil zur Freiheit der Person immer die Freiheit gehört, sich zu einer Nation bekennen zu können.

In dieser Hinsicht haben wir Deutschen seit 1945 eine völlig veränderte Situation vor uns.

Der in Südmähren geborene und in Prag aufgewachsene Diwald weist immer wieder darauf hin, wie sehr die tschechischen Historiker, allen voran Franz Palacky, unter dem Einfluß von Herder und der deutschen Romantik, zur Selbstfindung und zum nationalen Erwachen des tschechischen Volkes beigetrugen, ja doch die tschechische Identität begründet haben. Bei den Völkern des ost- und südeuropäischen Raumes ist es nicht anders. Historiker waren es, die den Völkern Selbstwert vermittelten und sie durch die Darstellung ihrer Vergangenheit zu nationaler Selbständigkeit führten. Dabei wurden manche Ereignisse überzeichnet und überbewertet, andere unterschlagen. Aber es ging doch vornehmlich darum, den Völkern zu zeigen: ihr habt eine Vergangenheit, die es lohnend erscheinen läßt, Stolz zu zeigen und eigenständiger Faktor zu werden im Konzert der europäischen Völker, mit Subjekt sein zu wollen, nicht nur Objekt, um schließlich im Meer eines anderen Volkes unterzugehen.

In einer ganz anderen Situation befinden sich die Deutschen seit 1945. Seit dem Verlust ihrer staatlichen Einheit sind die Deutschen einer stetigen Entnationalisierung unterworfen. Dieser Prozeß ist nachhaltiger und wirkungsvoller als jede gewaltsame Entnationalisierung ethnischer Minderheiten, weil es keine unmittelbaren Gegner gibt. »Es handelt sich um die bewußt geförderte Schrumpfung einer Dimension, die bis jetzt zu den prinzipiellen Bestimmungsmerkmalen eines Volkes gezählt hat. Wenn Muskeln längere Zeit lahmgelegt sind, atrophieren sie. Die große Mehrheit der Deutschen zeichnet sich heute durch eine Nationalatrophie aus. Wie wir das beurteilen, ist unsere Sache. Deshalb sollte es uns nicht irritieren, wenn diese Schwäche von bestimmten Mentoren im Ausland heute als eine unserer wesentlichsten Stärken gelobt wird: Einen ordentlichen Deutschen würde man daran erkennen, daß er keiner ist.« 13

Diwald begann in vielen Einzelbeiträgen und in Sammelwerken, sich mit dem Geschichtsbild, das 1945 verordnet worden war, auseinanderzusetzen. Er untersuchte und stellte immer wieder fest, daß es neben den Anordnungen der Besatzungsmächte auch Lehrstuhlinhaber, angesehene Historiker, waren, die das deutsche Geschichtsbild bisher geprägt hatten, jetzt aber daran gingen, es umzudeuten. Diese Revision wurde bis zur Zerstörung und Ablehnung dessen, was bisher gegolten hatte, vorangetrieben. Eine »Revision des herkömmlichen deutschen Geschichtsbildes« wurde nach Gerhard Ritter zur »Politischen Pflicht« erklärt. 14 An diesem Beispiel wird deutlich, wie dieser

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Historiker, der das deutsche Geschichtsbild vor 1945 maßgeblich gestaltet hatte, nun daran ging, es zu verwerfen. Die bisherige deutsche Geschichte wurde zu einem Irrweg erklärt, der beendet werden müsse. Die Deutschen seien zu spät zur Nation geworden, und sie hätten im Gegensatz zu den westlichen Nachbarn einen Sonderweg eingeschlagen. Es gelte nunmehr, sich ganz eng an die westlichen Vorstellungen zu binden. Irreversibel müßten diese Bindungen werden.

Als ob es einen Zeitplan gäbe, wann eine Nation ins Leben treten müsse, bemerkt Hellmut Diwald. Und ist nicht jeder Weg eines Volkes und einer Nation ein besonderer Weg, ein Weg, der einem Volke gemäß ist.

In Westdeutschland dauerte es einige Zeit, bis die Grundlagen dieses neuen Geschichtsbildes durchgesetzt waren. Viele Restbestände mußten abgetragen werden. Die ›Zeitgeschichte‹ hat es schließlich fertiggebracht, alles niederzustoßen, was nicht ins vorgefertigte Schema paßte. Aus der deutschen Geschichte wurde ein Verbrecheralbum entwickelt. Historiker vom Schlage eines Fritz Fischer, Imanuel Geiss und Hans-Ulrich Wehler leisteten ihren Beitrag. Die ›Zeitgeschichtler‹ gebärdeten sich als Staatsanwälte und Richter zugleich, Verteidiger und Entlastungszeugen wurden nicht zugelassen. Ganz nach dem Muster der Nürnberger Siegerjustiz.

In der DDR wurde ein neues ›fortschrittliches‹ Geschichtsbild, vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus geprägt, von vorneherein durchgesetzt. Immerhin waren die ›fortschrittlichen‹ Traditionen der deutschen Geschichte mit einbezogen. Untaten hatten nicht die Deutschen begangen, vielmehr die ›Faschisten‹. Auch dort war ursprünglich von einem Irrweg der deutschen Geschichte die Rede. Diese Ansicht wurde bald aufgegeben. So könne nämlich kein positives Geschichtsbild entwickelt werden. Das wurde in allen Ostblockstaaten so ähnlich gehandhabt. Das Volk in der DDR sei nun auf dem richtigen Weg, unwiderruflich an der Seite der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Bruderländern werde es in eine glückliche Zukunft gehen.

In Österreich schließlich, dem anderen deutschen Staatsgebilde, waren nach 1945 die offiziellen Repräsentanten ebenso eifrig, aber mit wenig Erfolg bemüht, eine eigene österreichische Nation mit einem eigenen Geschichtsbild zu entwickeln. Da wurde weit in die Vergangenheit gegriffen. Und in den fünfziger Jahren traf der damalige Bundeskanzler Leopold Figl die Feststellung: »Wir Österreicher sind ein Volk keltisch-hunnischer Abstammung, dem von seinen germanischen Eroberern eine fremde Sprache aufgezwungen worden ist.«15

Das ist so abenteuerlich wie das Bemühen eines Johannes Hoffmann vor 1955 in Saarbrücken, der sich auch nach Historikern umsah, die einen Beweis liefern sollten, daß dort in diesem kleinen Ländchen, von den Franzosen so 1945 aus ihrer Zone Deutschlands herausgeschnitten, mit mehrfach geänderten Grenzen, ein eigenständiges Volk existiere. Aber Hoffmann mit seinen Leuten hatte nur einige Jahre Zeit, dann machte das Volk diesem Treiben ein

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Ende. Diwald stellt zu diesen Bemühungen fest, daß ein Suchen nach Geschichte, die sich außerhalb der tausendjährigen Geschichte der Deutschen bewegen will, »auf nichts anderes hinauslief, als die Narrenkappe eines Selbstbetruges mit einer Königskrone zu verwechseln«. 16

Es ist schon so, für charakterlich besonders Elastische war 1945 eine Zeit angebrochen, die sich auszahlte, wenn der gegebene Auftrag nur erwartungsgemäß ausgeführt wurde. Auch materiell machte sich das bezahlt.

Die beamtete Zunft hat darüber hinaus das Kunststück fertiggebracht, die schrecklichste Niederlage 1945, die wir als Deutsche je in unserer Geschichte erlitten haben, zu »einer Landung an den Gefilden der Seligen« umzudeuten, im Boot der Sieger möglichst einen Platz zu bekommen, jedoch immer wieder von Schuld zu reden, neuerdings auch in Österreich. Ungeklärt bleibt nur, ob die so schuldredenden Herren und Damen sich selber auch zu den Schuldigen zählen.

Geschichtsschreibung und Geschichtsunterricht wurden zu einem Politikum. Sie sind es nicht von sich aus, ihrem Wesen nach. Die Geschichtsschreibung muß nicht unweigerlich in politischen Diensten stehen, obwohl gerade sie mit besonderer Vorliebe in ihren Dienst genommen wird. Keine wissenschaftliche Disziplin aber läßt sich leichter manipulieren und in Dienst nehmen als die Geschichtswissenschaft.

Erst im 18. und 19. Jahrhundert hat die Geschichte mit dem Werden der Völker, das eng mit der deutschen Romantik und dem Deutschen Idealismus verbunden ist, ein außerordentliches Gewicht erlangt. Bei Römern und Griechen von der Mythologie geprägte Geschichte wurde zum Garanten des eigenen Selbstwertes, der Eigenständigkeit, des eben Andersseins, des sich Unterscheidens von anderen. Wer eigenständig sein will, muß stolz auf seinen eigenen Weg sein können, der ist nicht zu spät gekommen, der kann allenfalls daran gehindert gewesen zu sein, ebenso früh wie andere eigenständig hervorgetreten zu sein. Geschichte wurde so zum Beweis des Selbstwertes und der Eigenständigkeit eines Volkes. Ein Volk muß auf Wurzeln zurückgehen können, dann vor allem, wenn es sich zur Nation entwickeln will.

Kennzeichnend für Deutschland ist ein schneller Wechsel der politischen Verhältnisse in diesem und im vorigen Jahrhundert. Das Geschichtsbild der Deutschen wurde dadurch wenig berührt. Es hatte sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts herausgebildet und war seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr zu erschüttern, trotz regionaler, politischer und konfessioneller Gegensätzlichkeiten. Besondere Geschichtsbilder blieben Randerscheinungen. Damit war ein Auseinanderreißen der Deutschen von Flensburg bis zur Salurner Klause, von Memel bis Lörrach auch nach der Katastrophe von 1918 nicht mehr möglich, wenn auch Grenzen am grünen Tisch neu gezogen worden sind. Die Einheit der Deutschen blieb stabil, die Auslandsdeutschen sind davon nicht ausgenommen. Dieses Geschichtsbild hat auch die Härten des Zweiten Weltkrieges überdauert.

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Geht die Einheitlichkeit des Geschichtsbildes verloren, zerbricht auch die Einheit einer Nation. Dieses einheitliche Geschichtsbild zu zerbrechen, den Deutschen die Geschichte zu stehlen, daran wurde in den verbliebenen Teilstaaten des Reiches nach 1945 eifrig gearbeitet. Schlicht und einfach: Völkermord wird an den Deutschen begangen.

Dieses Volk war am Ende des Krieges ausgeblutet. Es hatte alles gegeben und war der Übermacht schließlich erlegen. Und dieser Krieg gegen dieses Volk ging ja mit anderen Mitteln weiter, verstärkt und grausamer. Dieser physischen und psychischen Anspannung erlagen die Deutschen zumeist, die Belastungen waren zu groß und zu anhaltend. So versank dieses Volk, innerlich ausgebrannt, in dumpfe Massenstupidität. Mit der Masse dieses Volkes ließ sich alles anstellen. So ließ es sich die eigene Identität und das eigene Geschichtsbild zerstören.

Schließlich hat der Wiederaufbau, die Schaffung materieller Güter, alle Kräfte absorbiert, da wurde noch einmal Großartiges geleistet. Geistig jedoch Leere, nichts als Leere. Die Studienräte, die wieder in Amt und Brot kamen, haben nach den ihnen vorgegebenen Maßstäben ihren Geschichtsunterricht erteilt. Sie wollten ihr Amt nicht gefährden, und sie warteten auf die nächste Beförderung. Jeder wollte seine materielle Situation verbessern. Das ist niemandem zu verargen. Schließlich haben diese Studienräte an das geglaubt, was sie unterrichtet haben. Das verordnete Geschichtsbild wurde ihr eigenes. Mit um so größerer Leidenschaft vermittelten sie es weiter. An den Universitäten war es ähnlich. Professoren begannen, sich ohne jeden Vorbehalt in den Dienst der Zerstörung deutscher Identität zu stellen.

So haben diese Historiker dazu beigetragen, daß Deutsche selber die deutsche Identität zerstören. Es sind Gläubige herangereift. Sie glauben an das einstmals von Besatzungsoffizieren, Wendehälsen, die stets dabei sein wollen, und Zynikern, Leuten, die mangels eigenen Rückgrats ausführten, was ihnen aufgetragen war, verbreitete das Negativ-Bild von diesen »bösen« Deutschen und an das verordnete Geschichtsbild wie an ein Dogma. Mit der Kraft des Glaubens gehen sie gegen jeden vor, der auch nur Zweifel hegt. Sie wollen die Beseitigung deutscher Identität, die Vernichtung der deutschen Kultur und der biologischen Substanz.

Dagegen lehnt sich Diwald nun auf. Er will den Deutschen die gestohlene Geschichte zurückgeben. Es sind nur wenige, die diesen Kampf aufnehmen. Von den beamteten Hochschullehrern genügen die Finger einer Hand, um sie aufzuzählen. Der hervorragendste Vertreter ist Hellmut Diwald.

Was er mit der Anerkennung 1970 begann, führt er nun konsequent fort. Die Deutschen können sich nicht mehr auf die Regierenden verlassen, sie müssen die Zukunft in die eigene Hand nehmen. So schreibt er nunmehr für das Volk und nicht für Intellektuelle. Deshalb müssen Einwände der Zunftgenossen, Diwald sei doch gar kein Historiker mehr, weil seinen Werken jeder wissenschaftliche Anspruch fehle, abprallen. Sie bekritteln, seht euch doch die Bücher

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an. Der wissenschaftliche Apparat fehlt, es finden sich keine Anmerkungen. Diwald beherrscht das alles, er hat bewiesen, daß er es kann. Ihm geht es jetzt darum, Geschichte so darzustellen, daß sie wahrgenommen und aufgenommen wird. Eben die Geschichte den Deutschen zurückgeben, damit sie eine Zukunft haben.

Gerade dies wollen seine Kritiker nicht. Diwald schreibt nicht für die entwurzelte Schickeria, die soll unter sich bleiben. Er schreibt für die noch gesunden Kräfte des Volkes. Nicht zufällig kommt im Luther-Jahr 1982 die Luther-Biographie heraus und schließlich 1987 Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches. Hellmut Diwald will die Menschen erreichen, und er erreicht sie.

In diesem Zusammenhang darf eines nicht übersehen werden: Diwald war ein begnadeter Redner. Wer ihn gehört hat, ist begeistert. Der Hinweis, bei ihm handele es sich um den Fichte unserer Tage, muß einmal bedacht werden. Er wendet sich mit dem, was er schrieb und aussagte, schon an die Deutsche Nation, so wie es Fichte 1807/08 im feindbesetzten Berlin unternommen hat.

Er wendet sich gegen den Bruderhaß in Deutschland, der während des 20. Jahrhunderts Formen angenommen hat, »die an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnern, und sie erinnern auch daran, daß der Bruderhaß von den Folgen zweier verlorener Kriege nicht zu trennen ist. Doch wir verschärfen nur unser Unglück, wenn wir die unvermeidliche Gewalt unserer inneren Kämpfe nicht freihalten von Willfährigkeiten gegenüber denjenigen, die unsere nationale Katastrophe nicht berührt, ob sie sich nun als Siegermächte bezeichnen oder als ›westliche Freunde‹, oder ob sie als Deutsche unter und mit uns leben«. 17

Wir dürfen uns auch nicht falsche Feindbilder aufoktroyieren lassen. Nicht die Grenzsoldaten der DDR sind unsere Feinde, mahnt uns Hellmut Diwald. Von diesen geht bestimmt manch einer mit einem Fluch auf den Lippen und mit geballten Fäusten in der Tasche seinen Streifengang. Die Feinde des deutschen Volkes sind diejenigen, die Deutschland geteilt haben, und alle, die sich in dieser Teilung eingerichtet haben, in Ost-Berlin ebenso wie in Bonn, denen westliche Wertegemeinschaft oder der sozialistische Bruderbund mehr bedeuten als die Einheit der Deutschen.

1989, als sein Buch Geschichte macht Mut herauskam, deuteten sich bereits Veränderungen im festgefügten Ordnungssystem von Jalta und Potsdam an. »Der Mut, den uns Geschichte macht, ist Zuversicht«, 18 heißt es bereits einleitend. Er geht mit denen hart ins Gericht, die mit der deutschen Geschichte auch die deutsche Identität zerstört haben. Dieses Buch kam schon in einer ganz neuen Situation heraus. Das verordnete Geschichtsbild hatte bereits Löcher. Die Frageverbote waren immer schwerer durchzuhalten, der Konformismus begann zu bröckeln.

»Wer mit sich selbst im Einklang ist, hat kaum Probleme mit der Vergangenheit. Ob es sich um Vorfahren seiner Familie handelt oder um diejenigen seines

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Volkes oder seiner Nation, ist unwichtig. Normalerweise sind die Völker der Welt auf ihre Geschichte stolz, sie mag aussehen, wie sie will«, 19 ist zu lesen. Er schreibt weiter: »Seit die Geschichte der Deutschen ins Helldunkel des Absolutismus der politisch moralischen Wertungen geraten ist, sind wir kaum noch in der Lage, diese Geschichte zuallererst sachgerecht unter dem Aspekt ihrer Bedingungen, Eigenarten und individuellen Züge zu betrachten. Wer sich nicht umgehend dem Vorwurf moralischer Korruptheit aussetzen will, sieht sich vielmehr genötigt, beständig nach ›gut‹ und ›böse‹, ›moralisch‹ oder ›verwerflich‹ zu fragen oder doch zumindest danach, ob dieses oder jenes Geschehen, jenes Ereignis, jene Person nicht dazu beigetragen hat, unsere Geschichte zu einem Irrweg entarten zu lassen.« 20

Wer zu den Quellen geht, »findet keine Stütze für eine historische Sicht, die in der Geschichte der Deutschen spätestens seit dem Thesenjahr 1517 nichts weiter entdecken läßt als einen deutschen Sonderweg, der sich - Abweg statt Weg - als zunehmend verbreiterndes moralisches Gefalle zwischen uns und unseren Nachbarvölkern äußert und den Deutschen im 20. Jahrhundert als einen kriminellen Fall der Sozialpathologie enden läßt«. 21

Als das kommunistische Regime im Oktober 1989 an den Rand des Abgrundes geriet, hieß es zunächst auf den Spruchbändern: »Wir sind das Volk.« Nach der Maueröffnung am 9. November 1989 jedoch bald: »Wir sind ein Volk« und »Deutschland einig Vaterland«. Das Volk hatte sich wirklich von den ursprünglichen Kräften der Wende und deren Zielsetzungen von einem besseren Sozialismus und der Eigenstaatlichkeit der DDR emanzipiert und deutlich werden lassen, daß es in den langen Jahren der Teilung die Einheit nicht aufgegeben hatte.

Die politische Klasse in der DDR und BRD hatte die Haltung der Deutschen falsch eingeschätzt. Die vorherrschende veröffentlichte Meinung hatte die Einstellung auch der Westdeutschen zur staatlichen Einheit falsch beurteilt. Sie hatten überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen, daß das von den Medien verbreitete Bild dem Fühlen und Denken der Deutschen zuwider war. Das Mühen um die Einheit war niemals verlorengegangen. Gut, daß es die von der Masse des Volkes abgeschirmt lebende politische Klasse nicht gemerkt hat, sie hätte sonst noch mehr Widerstand geleistet. In der Stunde der Wahrheit stand sie teils gelähmt da, teils wurde sie mitgerissen, oder sie mußte plötzlich zur Kenntnis nehmen, daß trotz geschaffener Feindbilder und Schwüren nach West und Ost das deutsche Volk Realität war und es die Forderung nach Einheit erfüllt sehen wollte.

Aber auch die anderen Völker sind erwacht. Wer hätte noch gedacht, daß sie nach mehr als 70 Jahren Kommunismus die Kraft haben würden, eigenständig hervorzutreten. Es ist eine intellektuelle Leistung, daß sie es vermochten, unter der Asche der übergestülpten Ideologie die Glut ihrer Identität zu wahren. Das muß uns Deutschen auch Mut machen. Die Völker Europas haben sich in die Geschichte zurückgemeldet, auch das russische. Zu den Menschenrechten

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muß nun auch das Recht der Völker auf ihr eigenständiges Sein kommen. Wenige waren es, die aktiv tätig sein konnten, die deutsche Teilung zu überwinden. Aber wenige können bald eine Mehrheit darstellen, weil sie die Schwankenden mitreißen. Hellmut Diwald stand in vorderster Reihe. Noch einmal soll er zu Wort kommen. »Von der Rücksichtslosigkeit des Glaubens an sich selbst und dem Nationalwillen ihres Volkes, der für die Tschechen vor 200 Jahren eine lächerliche Fiktion war, läßt sich noch heute einiges lernen. Sie kennen vielleicht die Anekdote von Palacky, der in den 30er Jahren seines Jahrhunderts während eines Waldspaziergangs in ein Gewitter kam, sich mühsam in eine Hütte flüchtete und in dem steigenden Toben, Donnern und Herabkrachen der Äste plötzlich seufzte: › Wenn jetzt ein Blitz einschlägt, ist die ganze böhmische Nation zum Teufel. ‹« 22

Das waren Worte, die Mut machen sollten, und sie haben Mut gemacht.

Als Deutsche sind wir noch nicht über den Berg, aber wir haben Ungeahntes erreicht. Die Kräfte des Beharrens halten zäh an ihren Vorstellungen fest. Es bleibt noch viel zu tun. Aber wir dürfen Mut zur Geschichte haben. Hellmut Diwald hat vielen Mut gemacht, dieser Mut, den Völkermord am deutschen Volk zu verhindern, muß uns weiter anspornen, das Rechte zu tun.

Anmerkungen:

1. Hellmut Diwald, Die Anerkennung -Bericht zur Klage der Nation, München-Eßlingen 1970, S. 11.

2. -10. Ebenda, S. 119, 99, 99, 81, 96, 135, 136, 131, 88 ff.

11. Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Ullstein, Frankfurt/M. -Berlin 1978, S. 163 ff.

12. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, Bergisch Gladbach 1983, S. 230.

13. »Das neue deutsche Geschichtsbild«, in Deutschland-Journal, Hg. Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft Hamburg, 1991, S. 15.

14. -16. Ebenda, S. 4, 5, 6.

17. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, aaO. , S. 247.

18. Hellmut Diwald, Geschichte macht Mut, Erlangen 1989, S. 7.

19. -21. Ebenda, S. 305 f. , 49, 305.

22. Hellmut Diwald, Mut zur Geschichte, aaO. , S. 250 f.

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