CARSTEN KIESSWETTER
Martin Luther im Lichte Hellmut Diwalds

Dank an Hellmut Diwald

Mit der Person Martin Luthers habe ich mich noch nie anfreunden können, diesem »wütenden Mönch und barbarischen Schriftsteller«, wie ihn Friedrich der Große zu nennen pflegte. Hellmut Diwald konnte ihn mich auch nicht lieben lehren, konnte aus einem »Papisten« auch keinen Lutheranhänger machen, geschweige denn einen windelweichen und konturlosen Anhänger einer »Oneworldreligion« und »utopistischen Ökumenebetbruder« schaffen, dem es mit Leichtigkeit gelingt, auch zentralste Glaubensinhalte zwischen den Religionen zu überbrücken.

Die Bücher Diwalds über Luther haben mir jedoch einen Luther erschlossen, in dessen Person sich für mich die ganze Tragik meines Vaterlandes bis auf den heutigen Tag offenbart hat 1. Die Tragik der Person Luthers für das weitere Schicksal Deutschlands hat in jüngster Zeit wohl kaum einer so messerscharf erkannt und in klarer Form ausformuliert wie der viel zu früh verstorbene Erlanger Historiker Hellmut Diwald 2. Auch in seiner Lutherbiographie zeigt er sich als unbestechlicher und weitblickender Historiker, der sich wohltuend vom seichten Rest der deutschen Nachkriegsgeschichtsschreiberlinge absetzt. Neben den klaren analytischen Blick und eine wissenschaftliche Unbestechlichkeit tritt ein Bekennermut und das unbedingte objektive Bemühen um historische Gerechtigkeit, was Diwald schon zu Lebzeiten nicht nur Freunde eingebracht hat. Auch die Person und das Wirken Luthers erfahren diese Gerechtigkeit. Allein durch seine Werke wird Diwald vor der Geschichte gerechtfertigt werden, was anderen bundesdeutschen - vor allem auch Erlanger - Haus- und Hofhistorikern wohl nicht widerfahren wird.

Die Person und das Wirken Luthers im Lichte Diwalds

Diwald unterläßt platte und vordergründige Deutungsschritte, pseudo-psychologische Erklärungsversuche, weil man sich dadurch den Zugang zur

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Person Luthers, seiner zentralen Stellung in der europäischen und vor allem deutschen Geschichte verschüttet und nichts anderes gewinnt als ein verzerrtes Klischee vordergründiger und zeitgeistiger Modernität 3.

Diwald erschließt einen Luther, der über das ungefähre Wissen, daß sich mit dessen Namen das Ereignis der Reformation und die Entstehung des Protestantismus verbinden, daß er eine Mischung aus Reformator und Religionsstifter gewesen ist und für die Spaltung Deutschlands und Europas verantwortlich ist, hinausgeht. Diwald wagt den Sprung über die vergangenen fünf Jahrhunderte hinweg und zeigt einen Luther, der ein Revolutionär war, in der Radikalität des Fragens und des Infragestellens ausgebildet, einen Mann, der leidenschaftlich und fanatisch für die Wahrheit Partei nahm. Er zeigt einen Mann, der um des Glaubens und der Wahrheit willen erst einen Umsturz bewirkte und damit in letzter Konsequenz eine Revolution herbeiführte. Das nur recht unzulänglich als Reformation bezeichnete Geschehen, das vier volle Jahrzehnte überspannte, ist der einzige Umsturz der Weltgeschichte, der den berechtigten Anspruch auf die Bezeichnung »permanente Revolution« hat.

Das Geschehen setzte mit dem sogenannten »Turmerlebnis« Luthers um 1515 ein und endete mit dem Augsburger Religionsfrieden des Jahres 1555. Diwald kommt zu folgender Bewertung: »Die Etappen dieses Prozesses sind identisch mit den Etappen der tiefgreifendsten Revolution, von der Europa jemals erfaßt wurde. Kein Umsturz war so grundsätzlich und erfaßte breitere Fundamente. Luthers Revolution wurde allerdings verdeckt, diszipliniert und getarnt unter dem Etikett ›Reformation‹ und der Einrichtung der evangelischen Landeskirchen; ihr Feuer wurde damit nicht gelöscht. . . In Luther hat sich das entscheidende Doppelprinzip der christlichen Moderne und der politischen Neuzeit verkörpert: der Anspruch des Gewissens und des Glaubens, und die Rechtfertigung und das Recht des einzelnen - und darin eingeschlossen das Recht seines ganzen Volkes. . .« 4

Luthers Reformation wurde eine genuin deutsche Revolution

Luthers Revolution war von Anfang an ein elementar deutsches Ereignis. Die Revolution Lutherscher Prägung ist eine genuin deutsche Revolution gewesen. Ich bezweifele, ob sie jemals von einem anderen als von deutschem Geist erfaßt werden kann. Sie war »faustisch« im wahrsten Sinne des Wortes. Sie fand nicht nur in Deutschland statt, in ihr wurden auch die Klagen, Forderungen und Erwartungen, die sich aus der bedauerlichen Situation des Reiches zur Zeit der Regentschaft Karls V. ergaben, formuliert und manifestiert.

Auch wenn Luther anfangs in seiner evangelischen Lehre und in der revolutionären Bewegung des Protestantismus keine Bewegung sah, die sich gegen das Reich richtete, war und ist diese jedoch de facto bis auf den heutigen Tag vorhanden. Spätestens dem Junker Jörg mußten auf der Wartburg die wirkliche Natur und die Konsequenzen seiner Lehre klar geworden sein.

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Spätestens nachdem er von Papst und Kaiser als ein Zerstörer in Acht und Bann getan war, mußte er gewußt haben, daß er den Punkt überschritten hatte, von dem ab es schwer war, jemals umzukehren. Das Revolutionäre bestand darin, daß er aufgrund seines Schriftverständnisses die gesamte Kirche, die auf der Basis der Schrift genauso wie als Folge der historischen Voraussetzungen entstanden war, für null und nichtig erklärte.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt mußte ihm der revolutionäre Charakter seiner neuen Lehre bewußt sein. Was seit weit über hundert Jahren von allen einsichtigen Christen verlangt wurde, die »allgemeine Reformation der Kirche Gottes an Haupt und Gliedern«, war von Luther nicht mehr beabsichtigt 5. Im Unterschied zur Revolution lebt das Prinzip einer Reform von dem Willen, sämtliche geforderten Änderungen innerhalb des Rahmens des Bestehenden, also mit Rücksicht auf die nicht bestrittene Legalität der Ordnung, durchzuführen. Davon findet sich bei Luther spätestens nach dem Auftritt vor dem Reichstag in Worms am 18. April 1521 nichts mehr. Aber schon seine früheste Kritik zielte auf die Substanz der Kirche, auch wenn ihm das selbst nicht völlig bewußt war. Die großen Programmschriften der Jahre 1520 und folgende zeigen ebenfalls Seite für Seite, wie wenig es ihm lediglich um eine theologische Umwälzung ging, wie sehr es sich gleichermaßen um eine politische und gesellschaftliche und wirtschaftliche Revolution handelte.

Seine Revolution, die seit 1521 allmählich und folgerichtig zum Bett der landesfürstlichen Interessen wurde und sich unaufhaltsam verselbständigte, wurde erst sehr viel später, von seinen Jüngern und Apologeten evangelisch gemildert, zu einer relativ sanften Reformation gemacht 6.

Die Tragik Luthers liegt darin, daß der Mann, der uns Deutschen nicht nur die Bibel brachte, damit uns unsere Sprache erschloß, und so das deutsche Eigenbewußtsein erst erweckte - ähnlich wie es im 19. Jahrhundert durch die Schriften Herders bei den slawischen Völkerschaften geschah -, die Grundlagen der Spaltung des Glaubens und der Kirche in Deutschland und damit auch die Grundlagen einer Teilung des deutschsprachigen Raumes legte, an der wir heute noch leiden 7.

Die Spaltung des Glaubens schuf die Voraussetzungen für die permanente Möglichkeit der Durchsetzung des Prinzips des »divide et impera« der an Deutschland grenzenden Mächte. Der aus der Glaubensspaltung hervorgehende Dreißigjährige Krieg war nur der Anfang eines Prinzips, das sich auf die Formel bringen läßt: Mit deutschem Blut, auf deutschem Boden und auf Kosten Deutschlands entscheiden, wie die Welt aufgeteilt wird.

Das Turmerlebnis und die Folgen

Der Vorwurf, Luther hätte den Glauben und die Kirche gespalten, trifft nur insofern zu, als er die Ursachen für das »ewige Verhängnis für Deutschland« legte, wie Oswald Spengler es nannte 3. Dies war bereits - zumindest latent -

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dem jungen Luther bewußt. Bereits in jungen Jahren kam es bei Luther zu kaum zu zählenden Stunden und Augenblicken der abgrundtiefen Verzweiflung. Bereits in der Zeit des sogenannten »Turmerlebnisses« in der Stube des Wittenberger Klosterturms, in der der Augustinermönch Martin Luther zwischen Herbst 1513 und dem Frühjahr 1524 seine Bibelvorlesungen vorbereitete, wurde Luther die Tragik seiner Person und damit seiner noch im Entstehen begriffenen Lehre mehr als schmerzhaft klar.

Während dieses Ringens um die Wahrheit gab es Hunderte von Nächten des völligen Verlorenseins; ebenso gab es auch Momente des höchsten Glücks und des Erlösungsjubels, Augenblicke des religiösen Einklangs mit sich selbst, Tage, in denen Luther sich in der Hand Gottes ruhen fühlte. Nach einer Reihe von schlaflosen und durchgrübelten Nächten stößt er auf den 32. Psalm und liest im zweiten Vers die Stelle:»In deiner Gerechtigkeit erlöse mich.« Luther schreibt: »Da erst sah ich, von welcher Gerechtigkeit Paulus redet, und wurde meiner Sache gewiß. Ich lernte zwischen der Gerechtigkeit des Gesetzes und der Gerechtigkeit des Evangeliums zu unterscheiden.«

Es war für Luther, wie Diwald dies recht gut herausarbeitet, nur eine Ahnung des Begreifens, etwas Unscheinbares, was sich am Rand des Bewußtseins zu formen versuchte. »Dann aber spürte er plötzlich, wie die Mauer, die er um seine Gedanken errichtet hatte, zusammenstürzte. Es war eine jähe Erkenntnis, vielleicht die einzige seines Lebens, die wie ein Blitz kam (ähnlich dem Blitz vor Stotternheim bei Erfurt am Festtag der Heiligen Anna im Juli des Jahres 1505; C. K. ), ein heller kurzer Moment, und dann verschüttet von der Zeit, aber den Augenblick selbst würde er nie vergessen.« 9

Luther wurde in diesem Erlebnis zutiefst gewahr, daß er erkenntnismäßig den Schritt in eine andere Epoche getan hatte 10. Geistig dachte er, als noch in der Gotik stehend, das Zeitalter des Barocks an. Mit seiner Bibelauslegung - vor allem des 32. Psalms - hat er die faustische Persönlichkeit vollkommen befreit. Ab nun verschwindet zwischen dem faustischen Menschen und dem Unendlichen die vermittelnde Person des Priesters 11. Ein ebenso gewaltiger wie zweischneidiger und gefährlicher Schritt. Die Person ist nun ganz auf sich allein gestellt, jeder ist sein eigener Priester und Richter, dies mit allen unwägbaren subjektiven Irrungen und Verwirrungen. Das Volk fühlte den befreienden Zug dieser geistigen Tat sofort. Es konnte ihn jedoch nicht verstehen, geschweige denn damit umgehen. Das Volk hat mit Begeisterung das Zerbrechen - sicherlich überkommener - Zwänge begrüßt; daß Luther diese durch noch strengere, rein geistige Pflichten ersetzt wissen wollte, war für das Volk nicht mehr nachvollziehbar.

Die theologischen und geistigen Ausuferungen folgten diesem geistigen Schritt Luthers wie der Donner auf den Blitz vor Stotternheim. Es zieht sich eine unendliche Kette von den Bauernkriegen bis zu den abstrusen Aktivitäten und Bibelauslegungen mancher evangelischer Theologen in unserer Zeit. Denn indem Luther nicht nur die göttliche Stiftung des Papsttums bestritt, bestritt er

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grundsätzlich und kategorisch die dogmatische Verbindlichkeit der allgemeinen Konzilien, leugnete er folglich die kirchliche Lehrgewalt.

Damit vernichtete er den römischen Kirchenbegriff. Er mußte nun zwangsläufig an die Stelle der kirchlichen Autorität die private Erkenntnis des einzelnen bei der Bibellektüre setzen. In letzter Konsequenz bedeutet dies: Der subjektiven Beliebigkeit persönlicher Schriftdeutung - und sei sie noch so abstrus und vordergründig zweckgebunden - sind Tür und Tor geöffnet. Spengler brachte es auf den Nenner: »Franz von Assisi hat viel gegeben und wenig genommen, die städtischen Reformatoren nahmen viel und gaben den meisten zu wenig zurück.« 12

Die sichtbare Verbindung des im Einzeldasein verschlagenen Ich mit dem Unendlichen hat der Protestantismus zerstört. Dieses Verständnis des Römerbriefes durch Luther, des Unterschiedes zwischen Gesetz und Evangelium, und damit das Verständnis Gottes in seiner Offenbarung, ist für Luther das zutiefst neue, eine unheimlich brisante und in ihren Wirkungen und Folgen nicht mehr beherrschbare Erkenntnis. Die Bibel wird hier zum Anlaß allen Aufruhrs, auch allen politischen Aufruhrs. Ginge es nur um das Verständnis der Heiligen Schrift, so könnte Luthers Erkenntnisblitz als Auslöser für eine Reformation gesehen werden. Doch die Konsequenzen, die Luther daraus ableitet und die er auf die ganze christliche Überlieferung, die römische Kirche, ihre Traditionen und unverbrüchlichen Lehren bezieht, müssen unweigerlich in einer unerbittlichen Revolution enden 13.

Die Tragik, die sich aus der Erkenntnis Luthers in der Folgezeit zwangsläufig ergab, liegt darin, daß Luther sehr wohl an der Uneinigkeit und politischen Fremdbestimmung Deutschlands litt und auch derjenige ist, der das politische Bewußtsein der Deutschen und ihren Willen zur Freiheit wachgerüttelt hat. Das Leiden an Deutschland bricht häufig bei ihm durch: »Es mag der Türke herrschen oder die Unsern, mit Deutschland wird es übel stehn. Adel und Fürsten sinnen nur darauf, seine Freiheit zu vernichten. Ich will ausgesorgt haben für diese schändlichen Furien. Warum beten wir so ängstlich, daß der muhammedanische Türke nicht die christlichen Türken würgt, die schlimmer sind? Laßt laufen, wie es läuft! Freilich kann ich es noch nicht so völlig laufen lassen, denn meine Seele säuft aus allen Tiefen, Deutschland mein Vaterland zu retten, das vor meinen Augen untergeht.« 14

Die Schuldfrage der Spaltung Deutschlands

Luther eine Schuld an der weiteren Entwicklung in Deutschland zuzuweisen oder die Gegenreformation für die weitere Entwicklung verantwortlich zu machen trifft nicht den Kern 15. Kategorien der Morallehre oder des innerstaatlichen Strafrechtes in die Geschichtsbetrachtung zu transportieren verbaut den Blick für das Wesentliche und kann nur dazu dienen, eigene Zielsetzungen und Vorurteile zu untermauern. Auch Luther wollte mit seiner angestrebten

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Reformation die Religion zur Reinheit ihrer ursprünglichen Idee, so wie sie in der Frühzeit und in der Person Jesu zu Tage getreten war, zurückführen. Daß er mit diesem Versuch in der abendländischen Kultur eine Abspaltung neuer Religionen bewirkt hat, ist am besten mit dem Begriff Schicksal zu fassen. Daß seine Reformation zur Revolution ausartete, dies kann nicht mit dem Begriff Schuld erfaßt werden. So fehlte in der Zeit unter Karl V. nur wenig, und Luther wäre der Reformator der gesamten europäischen Kirche geworden.

Es war Schicksal für Deutschland und die europäische Kultur, daß Luther - im Gegensatz zu Calvin - kein Organisator war 16. Luther war wie alle Reformatoren in allen Kulturen nicht der erste, sondern der letzte einer mächtigen Reihe, auch wenn er und seine Zeitgenossen glaubten, sie stünden am Beginn einer neuen Epoche. Er, wie alle Reformatoren, die seit 1000 n. Chr. aufstanden, bekämpfte die Kirche nicht, weil sie zu anspruchsvoll, sondern, weil sie zu wenig war. Er wollte den Glauben, der sich allzuweit in die Welt - in die Zeitlichkeit - verirrt hatte, in die Welt des kausal beherrschten Raumes zurückführen. Die gewaltige Tat Luthers war eine rein geistige Entscheidung. Er war nicht umsonst auch der letzte große Scholastiker aus der Schule Occams 17.

Was Luther fehlte, war die Kraft der praktischen Organisation. Er hat weder seine Lehre in ein klares System gebracht, noch die große Bewegung geleitet und ihr ein bestimmtes Ziel gegeben. Ein fortwirkendes Schicksal und eine historische Tragik für die Lebenseinheit der Protestanten, der Deutschen und der abendländischen Menschheit überhaupt. Während Reformation und Gegenreformation in Mitteleuropa um eine kleine Reichsstadt oder eine zu vernachlässigende Provinz rangen, fielen in der neu entdeckten Welt - in Nordamerika, in Kanada oder in den späteren Kolonien - die Entscheidungen. Calvin leistete das, wozu Luther nicht in der Lage war. Calvin gab seiner Lehre ein klares System und ein bestimmtes Ziel. Für die Lebenseinheit der Protestanten hat sich das mangelnde Organisationsvermögen Luthers bis in unsere Tage schicksalhaft ausgewirkt.

Luther und die evangelische Kirche heute

Diwald stellte fest: »Ihnen (den Fehlinterpretationen, Legenden und evangelischen wie katholischen Vorurteilen; C. K. ) vor allem ist das ›Denkmal Luther‹ zu verdanken. Die einen haben ihn monumentalisiert, die anderen haben sein Dasein auf den erhöhenden Sockeln deshalb hingenommen, weil es ihnen die Möglichkeit gegeben hat, Luther herabzustürzen. Eine dritte Gruppe schließlich - in den letzten Jahren angewachsen - ist deshalb damit zufrieden, ihn als Denkmal hoch oben posiert zu wissen, weil das als eine Garantie dafür erscheint, daß er nicht herabsteigen und in die Kirche kommen kann - so wie er damals von der Wartburg herunter und nach Wittenberg gekommen ist, um Ordnung zu machen.«18

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Die traditionell verfestigten Irrtümer haben die Erinnerung an Luther, an die Reformation, die Entwicklung der protestantischen Kirchen und den evangelischen Glauben bis heute begleitet. Es scheint so, als sei im Unterholz der Geschichte resigniert worden, wie Hellmut Diwald dies befürchtete 19. Alexander Evertz stellte gar fest: »Die Wurzel vieler Nöte, an denen die evangelische Kirche heute kränkelt, ist die Abkehr von Martin Luther. Die Urenkel des Reformators gehen mancherlei Wege, die von Luther fortführen. Bei vielen Pfarrern ist eine schmerzliche Lutherfremdheit festzustellen. Das Interesse an Luther ist weithin erloschen. Die evangelische Kirche verläßt damit das Quellgebiet ihres Ursprungs.« 20

Kurt Ihlenfeld soll einmal festgestellt haben, daß es eine regelrechte Angst vor Luther gebe. Der Revolutionär ist nach wie vor ein loderndes Feuer, an dem sich auch die Urenkel die Finger verbrennen können. Diwald bemerkte seinerseits: »Ob Martin Luther noch immer ein Fall ist oder ob nicht die eindringlichen Fragen, die er so vehement und mit einem so gewaltigen Zorn an die Adresse Roms und an die Kirche seiner Zeit gerichtet hat, heute noch ebenso aktuell sind wie damals, und zwar für die Katholiken genauso wie für die Protestanten, und möglicherweise für die letzteren noch bedrängender als für die ersteren - ist nicht zweifelhaft. Luther besaß ein derartiges Format, daß er seine eigene Nachwirkung überlebte. Er war zu mächtig, als daß er selbst nach fünfhundert Jahren als Opfer seiner vielen Interpreten enden könnte.« 21

Das Grundübel, an dem die evangelische Kirche - die den Eindruck eines riesigen Augiasstalls macht, in den zusätzlich eine Handgranate geworfen wurde -, scheint in drei zeitgeistigen Fehlinterpretationen der Lehre Luthers zu liegen. Seine theologische und kirchliche Karriere begann mit dem Grauen vor Gott, das er selbst vielfach belegt. Von den Wochen zwischen dem Magister-Examen und dem Beginn seines juristischen Studiums hat Luther gesagt, er sei damals immer traurig und voll Furcht einhergegangen 22. Gegen diese Qualen versuchte Luther mit seinem elementaren Gespür für die geschichteten Bereiche und Reiche der Welt aus der Gewißheit heraus anzukämpfen, daß ihm hier nicht fragwürdige innere Wallungen zu schaffen machten, sondern niedere, böse Geister, die Abgesandten des Satans. So wie er auch später in einem Brief an Melanchthon charakterisierte: ». . . wenn ich das, was zwischen mir und dem Satan vorgeht, so nennen darf«.

Die Furcht und das Grauen vor Gott waren typisch für das Lebensgefühl der damaligen Zeit. Die düsteren Weissagungen der biblischen Offenbarungsschriften, der Apokalypsen, wurden nicht mit einem heimeligen Gefühl der unbetroffenen Neugier hingenommen. Ihre Wirklichkeit war allgegenwärtig und so massiv wie der eigene Sarg. Zum Grab und zum Untergang der Welt gehörte der Blick in den Abgrund, das bestimmte Wissen vom absehbaren Ende der Welt. Die Furcht vor dem Ende schließt - außer beim Materialisten und hemmungslosen Hedonisten unserer Zeit - die Angst vor dem Gericht des Herren ein.

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Diese Angst hat Luther immer getrieben. Es war wohl diese Angst, die ihn in das Kloster trieb. Diwald stellt dazu fest: »Was nun letzten Endes wirklich, womöglich als einziger Anlaß, die Trauer und die Bedrückung Luthers bewirkt hat, ist auf jeden Fall weniger wichtig als die Tatsache, daß sein Stoßgebet im Gewitter bei Stotternheim zwar ein Zufall, ein reiner Affektentschluß gewesen sein könnte, daß aber die Bedingungslosigkeit, mit der er zu seinem Gelübde stand, kein Zufall war. Luther dürfte sich auch ohne sein Gewittererlebnis früher oder später vor der Klosterpforte eingefunden haben. . . . Acht Jahre später formulierte Luther es noch härter, daß er ›durch Gewalt Mönch geworden ist‹, durch die Gewalt Gottes, und sein Gelübde hätte er um seiner Seligkeit willen getan«. 23

Im verdünnten Christentum unserer Zeit hat die Gottesfurcht, das Grauen vor Gott eines Martin Luther, keinen Platz mehr. Man hat diese Seite Gottes als nicht menschlich völlig ausgeklammert. Gott wird verharmlost. Er ist allein der liebe Schöpfer, der dem hedonistischen Mitteleuropäer, der keine Tragödien mehr ertragen kann, ausschließlich Frieden und Freude zu spenden hat. Im Turmerlebnis erfuhr Luther, daß der Allerschreckende auch der Allerbarmer ist. Für den modernen Menschen der Friede-, Freude-, Eierkuchenideologie ist nur der Allerbarmer noch ertragbar. Gott wird aufgelöst im Zuckerbad der Pseudo-Humanität, die für den einzelnen ohne schmerzhafte Konsequenzen ist.

Die Christuserfahrung Luthers scheint ebenfalls aus dem Zentrum der Betrachtung geraten zu sein. Der späte, heute weithin verdrängte Martin Luther hat nüchtern und wahrhaftig die Wirklichkeit der Welt gesehen. Martin Luther sah in Jesus Christus den Retter aus dem Abgrund, den Erlöser von Sünde, den Bezwinger des Teufels. Christus wird heute zum Sozialrevolutionär uminterpretiert. Jesus von Nazareth wird allein und verkürzt gesehen als der Prediger der Mitmenschlichkeit, der Freund der Armen und als Kämpfer für irdische Gerechtigkeit.

Luther sah nüchtern und wahrhaftig die Wirklichkeit dieser irdischen Welt. Er entwarf keine Utopien und gab sich keinen irgendwie gearteten Befreiungstheologien hin. Luther lag der Gedanke, daß die Welt allein durch das Evangelium verbessert oder gar in sich hier und heute erneuert werden könnte, völlig fern. Gott selbst schafft erst am jüngsten Tag eine neue Erde und einen neuen Himmel. Dieser Grundirrtum hat bei sehr vielen protestantischen Würdenträgern dazu geführt, daß heute politisierende Pastoren die Kanzeln und vor allem seit 1990 in Mitteldeutschland die Parlamente besetzen und moralisierende Politiker die politische Bühne bevölkern.

Durch die Vermischung beider Reiche meinen erstere, man könne mit der Bergpredigt die Welt regieren. Sie übertragen innerstaatliche und innerfamiliäre Konfliktregelungsmechanismen in den außenpolitischen Bereich. Sie halten den Verzicht auf Gewaltanwendung für christliche Politik. Die evangelische Kirche scheint sich heute sehr weit von Luther entfernt zu haben. Die

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Lutherfremdheit, die Diwald befürchtete und feststellte, steht in voller Blüte. Die Lektüre von Diwalds Werken zu Luther könnte hier einen Schlüssel liefern. Für die evangelische Kirche wird es wohl eine Frage des Überlebens werden, ob sie zu Luther zurückfindet.

Anmerkungen:

1. Diwald, Hellmut, Luther, Eine Biographie, Bergisch Gladbach 1982, zitiert: Diwald, Luther, aaO. ; Diwald, Hellmut, u. Karl-Heinz Jürgens, Lebensbilder Martin Luthers, 1982, Bergisch Gladbach, zitiert: Diwald/Jürgens, Lebensbilder, aaO. ;

2. Diwald stellt hierzu fest: »Luther sah niemals in seiner evangelischen Lehre und im Protestantismus eine Bewegung, die gegen das Reich gerichtet war. . . Luther brachte den Deutschen nicht nur die Bibel, nicht nur ihre Sprache und damit ihr Eigenbewußtsein, er brachte ihnen auch mit seiner Lehre ihre Einheit, weckte auf der Grundlage des evangelisch-deutschen Glaubens und Gemeindelebens ihre selbstsichere Überzeugung, auch politisch zusammenzugehören. Die Spaltung des Reiches hat Luther weder beabsichtigt noch zu verantworten.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 429f.

3. Diwald betont dies extra: »In der unübersehbaren Literatur, die sich mit der Persönlichkeit Martin Luthers befaßt, finden sich über seine Jugend und die Entwicklung bis 1517, dem Jahr der berühmten Thesen, verblüffend wenig Mitteilungen, die auf haltbaren Tatsachen beruhen. Wegen dieses Mangels hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten mit besonders viel Energie um die Kindheit und die frühen Jahre des Reformators bemüht. Die Ergebnisse stehen in einem Mißverhältnis zum Aufwand. . . Selbstrechtfertigung und Selbsterklärung waren seitdem (seit Luthers Lehre im Gebiet des Öffentlichen und Politischen zu wirken begonnen hatte; C. K. ) nicht mehr voneinander zu trennen. . . Sein Urteilsvermögen allein, und sonst nichts, wurde die Grundlage der Urteilsfindung und der nachfolgenden Urteilsbildung. In dieser Form stellt sich für den Geschichtsschreiber, der sich nicht nur um Einsicht bemüht, sondern auch um Erkenntnis, eines der bemerkenswertesten Probleme dar, und es präsentiert zugleich die Schwierigkeiten, die sich mit der autobiographischen Zuverlässigkeit von Luthers Erinnerungen verbinden. . . Stilisierung um den Rang der Glaubensrevolution willen, die er ins Werk gesetzt hatte, und ständige Rechtfertigung derselben Revolution, die er niemals beabsichtigt hatte: Das sind die beiden Säulen der autobiographischen Mitteilungen Luthers.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 21 ff.

4. Diwald, Luther, aaO. , S. 11 f.

5. Auch Diwald hat dies erkannt: »Der Ruf nach einer solchen Reform war für ihn nur Vorwand und Hebel. Was er bestenfalls als ein Recht des Wortes reformatio hätte gelten lassen können, lief auf die Enthauptung der römischen Kirche und das Abschlagen ihrer Glieder hinaus, also auf die Vernichtung der bestehenden Ordnung.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 254.

6. Dazu Diwald: »Der Begriff Reformation als Benennung des Protestantismus liegt erst seit 1688 fest, als Veit Ludwig von Seckendorff in seinem Werk Commentarius historicus et apologeticus de Lutheranismo die Religion des Lutheranismus gleichsetzte mit der ›Reformatio religionis ductu D. Martini Lutheri‹.« Den Grund für die Gleichsetzung sieht Diwald in folgendem: »Der Eifer, mit der die evangelischen Kirchen die Tat Luthers als Reformation anstatt als Revolution charakterisieren, lebt im wesentlichen von dem Wunsch, die alte Kirche, die von Luther so sehr verabscheut wurde und von der sich die evangelischen Erzväter so mannhaft getrennt hatten, insgeheim behalten zu wollen - wenn schon nicht faktisch, so doch dem Anspruch nach, dessen Recht aus dem Schriftwort Gottes abgeleitet wurde. Tatsächlich aber ist die einzige Reformation, die im Christentum stattgefunden hat, vom Trienter Konzil 1545-1563 durchgeführt worden.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 254.

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7. Auch wenn es eine Binsenweisheit ist, soll Diwald zitiert werden, da er es klar benennt: »Mit der Bibel und ihrer Sprache schuf Luther die Einheit der Deutschen in einem weit fundamentaleren Sinn als nur dem vordergründig politischen. Die Lutherbibel wurde zu einem untrennbaren Bestandteil der deutschen Familien, ja des Deutschen überhaupt. Sie wurde zur Grundlage der inneren Vereinheitlichung Deutschlands. . . Wenn aus vielen und guten Gründen Luthers Bibelübersetzung als seine eigentliche und wirklich revolutionäre Tat gerühmt werden konnte und immer noch gerühmt wird, so heißt das nichts anderes, als daß Luther den Deutschen nicht nur die Bibel gegeben, sondern ihnen auch die Sprache vermittelt hat.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 260 f.

8. Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, München 1923, S. 927.

9. Diwald, Luther, aaO. , S. 90 f.

10. Diwald sieht dies folgendermaßen: »Jeder Revolutionär verbindet mit seinem Umsturz den Beginn einer neuen Ära. Auch Luther hat sich in einem neuen Horizont datiert und ist deshalb von Hans Sachs als ›Wittenbergisch Nachtigall‹ begrüßt worden, deren Gesang einen Weltenmorgen verkündet: ›Wacht auff, es nahet gen dem tag!‹« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 13.

11. Diwald: »Auch hier also wieder das Grundschema: Luther beruft sich hartnäckig auf das Neue Testament und führt seine Texte gegen die Lehren der Kirche in das Feld. Sein Schriftverständnis steht gegen das Schriftverständnis der Papstkirche. Ohne allzu komplizierte Interpretation erklärt Luther mit dem Pochen auf seinen Gehorsam gegenüber Gott, der wichtiger sei als der Gehorsam gegenüber den Menschen, die Papstkirche zu etwas Menschlichem: Dieser schroffe Gegensatz in der Auslegung ist der Eckstein der lutherischen Revolution.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 148.

12. Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, aaO. , S. 925.

13. Luther hatte seinen Freunden bereits in der Mitte des Jahres 1520 angekündigt, daß er beabsichtige, bald ein neues »Liedlein« von Rom zu singen, »um das Otterngezücht noch mehr zu reizen«. In der Schrift Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche greift er die katholische Kirche in ihrem Kern an, der Angriff geht auf die eigentliche Substanz. In ihr verwirft Luther die katholische Sakramentenlehre und zerstört damit die Basis der Sakramentskirche. Ausführlich in: Diwald, Luther, aaO. , S. 184 ff.

14. Diwald, Luther, aaO. , S. 12.

15. Hierzu Diwald: »Luther sah niemals in seiner evangelischen Lehre und im Protestantismus eine Bewegung, die gegen das Reich gerichtet war. Der Vorwurf, Luther hätte den Glauben und die Kirche gespalten, trifft nur unter römisch-katholischen Voraussetzungen zu. . . Die Spaltung des Reiches hat Luther weder beabsichtigt noch zu verantworten. Sie ist die politische Folge der vom Konzil von Trient und der katholischen Reform ausgelösten militanten Bewegung, die vom Protestantismus als Gegenreformation bezeichnet wurde. Den dramatischen Gegensatz zwischen dem römischen Katholizismus und dem deutschen Protestantismus - und dann dem dänischen, schwedischen, finnischen und allen übrigen nationalen - hat Luther nicht erfunden und in die Welt gesetzt, sondern die religiösen Bedingungen der Glaubensspaltung sind in der Verfassung und dem Zustand der Kirche zwischen dem Konstanzer Konzil (1414-1418) und dem Thesenpapier (1517) zu finden.« In: Diwald, Luther, aaO. , S. 429.

16. Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, aaO. , S. 181.

17. Siehe Diwald, Luther, aaO. , S. 50 ff.

18. Diwald, Luther, aaO. , S. 10.

19. Diwald, ebenda.

20. Evertz, Alexander, »Die Abkehr von Martin Luther«, in Erneuerung und Abwehr, Nr. 7/8. 1992, S. 3. Evertz schreibt weiter: »Als die Leiche Martin Luthers am 22. Februar 1546 in der Schloßkirche zu Wittenberg beigesetzt wurde, sagte der Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen in seiner Trauerpredigt: ›Die Person ist wohl in Christo verschieden, aber die gewaltige, selige, göttliche Lehre dieses teuern Mannes lebt noch aufs allerstärkste. . . ‹ Heute nach über 400 Jahren sieht es so aus, als sei Luther tot. Er ist weithin ein

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Unbekannter geworden. Das Interesse an ihm ist erloschen wie ein Kerzenlicht, das der Wind ausgepustet hat. Selbst unter den evangelischen Theologen herrscht eine schmerzliche Lutherfremdheit.« In: Evertz, Franz, »Martin Luther und die politische Welt«, in Erneuerung und Abwehr, Oktober 1993, S. 3.

21. Diwald, Luther, aaO. , S. 11.

22. Siehe ebenda, S. 24 f.

23. Ebenda, S. 27.

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