HANS JOACHIM ARNDT
»Schuldig geboren?«

Väter und Söhne im Deutschland der Gegenwart*

Vor nun bald einhundertsiebzig Jahren, im September 1817, erhielt des damals im 68. Lebensjahr stehenden Goethes Landesherr, der Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (er war sechzig Jahre alt), einen Brief des Königlich Großbritannisch-Hannöverschen Kabinettsministeriums, und dieser Brief war eine schlichte und einfache Denunziation. Er verdächtigte das auf den 18. Oktober 1817 auf der Wartburg einberufene Fest unter Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang der Burschenschaft mit geheimen, von der Reaktion gefürchteten und verfolgten Gesellschaften und ermahnte die Weimarer Regierung, »der es schon in gewöhnlicher polizeylicher Hinsicht nicht gleichgültig sein dürfte, im voraus von der zu erwartenden, wahrscheinlich sehr zahlreichen Versammlung junger Leute aus allen Theilen Deutschlands Kenntnis zu erlangen«. 1

Großherzog Karl August war der fortschrittlichste unter den deutschen Fürsten; er hatte bis dahin als einziger unter ihnen nach den Befreiungskriegen sein Versprechen eingelöst und seinem Staate am 5. Mai 1816 eine Verfassung gegeben, enthaltend eine für damalige Begriffe sehr weit gehende Meinungs- und Pressefreiheit - freilich hatte er dadurch auch in nicht geringem Grade Metternichs Zorn erregt. - Karl August ließ sich ein Gutachten erstellen, das alle Bedenken gegen die Genehmigung des Festes zerstreute, da weder es einen politischen Zweck verfolge, noch in einem durch eine Verfassung beglückten Lande wie Weimar ähnliche Befürchtungen wie anderwärts zu

* Geringfügig geänderte Festansprache zum Wartburgfest nach 170 Jahren, gehalten auf Einladung der Deutschen Burschenschaft am 27. Juni 1987 in Graz. Das besondere historische Umfeld, nämlich der Teilnehmerkreis sowohl auf der Wartburg 1817 als auch in den Grazer Schloßkasematten 1987, erklärt und rechtfertigt die Einschränkung der Fragestellung auf Väter und Söhne; Mütter und Töchter waren und sind genau so betroffen.

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hegen seien. Ohne sich über die Angelegenheit weiter auszusprechen, antwortete daher das Großherzoglich-Sächsische Staatsministerium in einem nur wenige Zeilen umfassenden Danke ziemlich lakonisch dem Königlich Großbritannisch-Hannöverschen Kabinettsministerium, dies am 20. September 1817. Am selben Tage verfügte dann Großherzog Karl August in einem Kammererlaß, daß den Studenten die Säle und Zimmer der Wartburg zu öffnen und angemessene Mengen von Brennholz zu Freudenfeuern zu stellen seien. Am 27. September wies er die Einwohner Eisenachs an, sich rechtzeitig in Erwartung der Studenten mit Lebensmitteln zu versorgen und gutes Bier zu brauen. »Damit« - so berichtet eine kleine Schrift, die aus Anlaß des 100jährigen Jubiläums des Wartburgfestes im Kriegsjahr 1917 in Leipzig gedruckt wurde - »war die Möglichkeit und Durchführung dieses ersten in der Reihe der großen Allerdeutschenfeste des 19. Jahrhunderts völlig gesichert.«2

Von Jena, der gemeinsamen Universität Sächsisch-Ernestinischer Fürstentümer, wo Schiller und Fichte gelehrt hatten, war der Plan ausgegangen, am 18. Oktober 1817 auf der Wartburg das dreihundertjährige Reformationsjubiläum und den Jahrestag der Leipziger Schlacht (der Völkerschlacht von Leipzig, die 1813 Napoleons Herrschaft besiegelt hatte) »in vaterländischem Sinne« zu feiern. Das Erinnerungsfest sollte zugleich ein Verbrüderungsfest der deutschen akademischen Jugend zur Pflege vaterländischer Gesinnung und deutscher Frömmigkeit werden.

Am 11. August 1817 lud die 1815 zu Jena gegründete Burschenschaft die Studierenden der protestantischen Universitäten ein: Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen, Göttingen, Greifswald, Heidelberg, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, Rostock und Tübingen. Das Rundschreiben war von dem aus Jena gebürtigen stud. jur. Robert Wesselhöft, dessen Vater Goethe nahe stand, unterzeichnet.

Insgesamt sollen 468 Studenten an dem Feste teilgenommen haben -wenige also im Vergleich zu den bald willkürlich ins Ungemessene übertriebenen Zahlen. Die meisten Teilnehmer hatte Jena gestellt (etwa 200). Berlin war mit 30, Göttingen mit 70 bis 80, Heidelberg mit 20, Kiel mit 30, Leipzig mit 15, Marburg mit 20 bis 25, Rostock mit 9, Tübingen und Würzburg mit je 2 Burschen vertreten. »Aus bestimmten Gründen« war das Fest weder von Halle noch von Breslau beschickt worden. Ein gewählter Festausschuß von 8 Studenten beriet das von Jena aufgestellte Festprogramm; unter den Namen fällt der des später als Attentäter auf Kotzebue berüchtigt gewordenen Karl Sand aus Erlangen auf, der auch als »Fahnenschütze«, als Begleiter der Fahne der Jenaer Burschenschaft, in Erscheinung trat.

Diese Beteiligung Sands am Wartburgfest sowie einige Nebenerscheinungen des Festes - letztere später bezeichnet als »mehr ein unüberlegter Studentenulk als eine frevle politische Tat« -, nämlich das Verbrennen eines Ulanen-Schnürleibs, eines Zopfes und eines Korporalstocks sowie einiger als reaktionär unbeliebter Bücher, waren es, die sehr bald nach 1817 der reaktionären Presse

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genügend Handhaben boten, um das Wartburgfest zu einer Verschwörung deutscher Studenten gegen Europas Souveräne aufzubauschen. Deutsche Hochschulen wurden in Denkschriften als Quellen der Revolution und staatsbürgerlichen Unzufriedenheit gebrandmarkt, Weimar erschien als Herd der Revolution, und Metternich sprach 1819, im Jahr der Karlsbader Beschlüsse, von Karl August von Weimar wegwerfend als von »dem Altburschen, den man nicht mit Verachtung strafen könne«. Weimar mußte die Pressefreiheit stückweise zurücknehmen; Goethe, der das Wartburgfest warm unterstützt hatte, hat die Wartburgwanderer von 1817 in seinen Schutz genommen und nach seinen eigenen Worten »nichts als niederschlagende Pülverchen eingerührt, damit sie (gemeint waren Metternichs Gefolgsleute) seinen lieben jungen Leuten nichts täten, seinen lieben Brauseköpfen«. 3

Ohne jeglichen Mißton war das Wartburgfest am Abend des 19. Oktober ausgeklungen mit einer allgemeinen Versöhnung, mit hochsinnigen Reformgedanken, die in jeder Beziehung dem meist noch rohen und zügellosen akademischen Leben jener Tage zugute kommen mußten. »Noch ein solches Fest, was könnten Deutschlands Hochschulen werden!« so rief noch 1820 begeistert Karl v. Hase aus, der spätere namhafte Kirchenhistoriker. Wohl die meisten der scheidenden Studenten trugen in ihrem Herzen das erhebende Gefühl, daß sie an einem bedeutsamen und zukunftsreichen Feste teilgenommen hatten, in ihre Heimat oder ihre Bildungsstätten zurück, um dort begeistert für die Errungenschaften des Wartburgfestes zu wirken. Das Fest war eine nationale, eine deutsche Tat gewesen. Diesem Eindruck konnte sich unter den Zeitgenossen nicht einmal das Alter und sein ehrwürdigster Vertreter, Goethe, entziehen.

Jedoch wurde der 1817 44jährige Professor Jakob Friedrich Fries wegen seiner Wartburgrede in eine Untersuchung verwickelt und bis 1824 seines Lehramts enthoben. Der Naturforscher Lorenz Oken, seit 1812 in Jena Professor der Medizin und Lehrer der Philosophie und Naturgeschichte, im Wartburgjahr 38 Jahre alt, wurde 1819 wegen des Wartburgfestes in eine Untersuchung gezogen und freigesprochen zwar, hatte aber gleichwohl zwischen Verzicht auf die von ihm herausgegebene Zeitung und seiner Lehrtätigkeit zu wählen und entsagte stolz seiner Professur.

Der Weg der 1815 gegründeten Deutschen Burschenschaft war der Weg, auf dem die studentische Jugend Deutschland suchte, die Einheit des deutschen Volkes in einem einigen deutschen Staat. Das Wartburgfest war eine Manifestation dieses Begehrens. Hundert Jahre später, im Kriegsjahr 1917, wurden die Teilnehmer und Redner der Wartburgfeier, darunter Fries und Oken, als »echte Söhne der deutschen Romantik« bezeichnet. Jedoch es hieß darüber hinaus: »Was die Burschenschafter aber von den Romantikern himmelweit schied, ist dies: Sie suchten nicht. . . das Glück des sein Leben als Kunstwerk betrachtenden Menschen. Aus ihnen redete vielmehr der feste Wille zur Tat, heilige Liebe zum Vaterland und die Tatkraft der im. . . Freiheitskriege

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Gehärteten. Was diese jungen Leute erfüllte, war kein schwächliches Aufflakkern schöner Gefühle: Es war der heilige Zorn der von ihrer Zeit Enttäuschten. Aus ihnen sprach das unbestechliche Gewissen der Gegenwart und das Pflichtgefühl gegen die Zukunft. Sie hatten Kant und Fichte nicht eindruckslos gelesen und studiert.«4

So die Beurteilung 1917. Und 1987?

Die deutsche Jugend kann sich heute weder erfolgreicher Schlachten erinnern - wie die von 1817 es mit der Völkerschlacht von Leipzig tat -, noch feuert sie das Beispiel einer eigenen, nationalen, erfolgreich vollzogenen Reformation oder Revolution an, wie es für die Burschen von 1817 die Erinnerung an Luthers Thesenanschlag an der Schloßkirche zu Wittenberg im Jahre 1517 tat. Die Siege und Befreiungen, die gegenwärtig unsere Gedenktage markieren, sind die Siege der anderen - etwa Stalingrad 1943 und die Invasion 1944 - und die Revolutionen der anderen: der 4. Juli 1776 und der 14. Juli 1789 - vom Oktober 1917 ganz zu schweigen. Kurz: den Deutschen ist das Feiern von kriegerischen und revolutionären Errungenschaften schlechthin uneinsichtig geworden.

Und wie steht es mit dem Zukunftspathos in Richtung auf Selbstbestimmung der Deutschen, das ja, stärker als die Rückschau auf Leipzig und Wittenberg, die Flamme des Wartburgfestes lodern ließ? Wir wissen heute, daß es einunddreißig Jahre dauerte, bis ein erster - erfolgloser - Versuch zur deutschen Verfassung unternommern wurde (1848), und daß insgesamt vierundfünfzig Jahre verstreichen mußten, bis 1871 die Stunde kleindeutscher »Einigkeit + Recht + Freiheit« schlug. Wir wissen aber auch inzwischen, daß diese Fügung eines zweiten Deutschen Kaiserreiches kein dreiviertel Jahrhundert währte. Welche Gedanken bewegen uns da, wenn wir uns auf diese einhundertsiebzig Jahre deutsches Schicksal zurückbesinnen? - Es scheint so, daß es heute einer vielmals ungeheureren Anstrengung bedarf, um in der schrecklichen Lage von 1987 Wartburggedanken zu hegen, also »Deutschland zu denken«.

Allein, daß man niemals zweimal in denselben Fluß steigen kann, scheint jede Vergleichbarkeit auszuschließen; Carl Schmitt hat das einmal drastischer ausgedrückt bei dem Versuch, die merkwürdige Verdrossenheit zu erklären, welche die Deutschen der endlich errungenen demokratischen Republik 1919 entgegenbrachten: Es sei, wie wenn ein Liebhaber mit zwanzig Jahren die begehrte Frau einem Konkurrenten überlassen mußte und sie dann, nach vielen Jahrzehnten, als Witwe erringe. 5 Wie erst, so müssen wir heute hinzufügen, wäre dann die Lage nach 1949 bildhaft zu umreißen; eine zweite Ehe mit dieser Witwe, eingegangen im hochbetagten Alter, nachdem dazwischen ein Versuch schrecklich gescheitert war, eine zweite Jugend mit einer Schönheit zu gewinnen, die sich dann als Furie entpuppte?

Immerhin - einiges erlaubt doch eine Parallele zwischen 1817 und 1987. Es bedarf dazu nur einer Voraussetzung, bei der wir einem so angesehenen

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Historiker wie Golo Mann folgen können, der gerade vor kurzem (März 1987) wieder einmal gesagt hat: »Ich würde auch die Österreicher noch zur Deutschen Nation zählen; man muß eben dann den Begriff ›Nation‹ etwas weiter greifen lassen.« 6 Man erkennt dann 1817 eine Vielzahl von »deutschen Staaten«, zu einem losen Bund zusammengefaßt unter dem Präsidium Österreichs, und 1987 erkennt man »drei deutsche Staaten«; und wenn wir die Forderung, daraus einen »gesamtdeutschen Einheitsstaat« zu bilden, für 1987 als ebenso utopisch wie für 1817 ausblenden, so verbleibt doch, den Umständen entsprechend in heute gemessener Form, der Wunsch nach stärkerer Einbindung dieser drei deutschen Teile, und sei es in eine »atomwaffenfreie« oder »blockfreie« oder »neutrale« Zone, manchmal steht hier auch der Begriff einer »Österreichischen Lösung für Mitteleuropa«.

Anerkennen wir also hier eine gewisse Ähnlichkeit der Ausgangslage, dann fallen uns bald weitere Vergleichbarkeiten ein:

0. Der Deutsche Bund von 1817 war Teil eines größeren Bündnisses ideologischer Art. Diese »Heilige Allianz« zerbrach aber schließlich, erst in einer Art »Kalten Krieges« (Französische Revolution 1830, März-Revolutionen 1848), dann sogar in »heißen Kriegen« (Krim-Krieg 1854, Deutsch-Dänischer Krieg 1864, Preußisch-Österreichischer Krieg 1866, endgültig im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71).

1. Es gibt Ähnlichkeiten im Umfang der »deutschen Gebilde« von 1817 und 1987: dem Deutschen Bund gehörte Preußen nämlich ohne seine aus den polnischen Teilungen errungenen Gebiete an, sogar ohne Westpreußen und ohne Ostpreußen, so daß von den preußischen Gebieten »östlich der Oder« lediglich verblieben Pommern und Schlesien; von der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie gehörten dem Deutschen Bund nicht an die ungarischen, die polnischen und die italienischen Gebiete - allerdings Böhmen und Mähren, als Kronländer der deutschen Habsburger.

2. Eben deshalb erschienen geopolitisch Berlin und Wien im Deutschen Bund an den östlichen Rand gerückt, das Gesamtgewicht war nach Westen zum Rhein zu verschoben, zusätzlich hatte Österreich sich von seinen rheinischen Gebieten (die Österreichischen Niederlande, die heutigen Niederlande und Belgien, und dem oberrheinischen Breisgau) gelöst und war nach Süden zurückgedrängt worden, während Preußen die »Wacht am Rhein« übernahm, Gneisenau und Clausewitz sich in Koblenz etablierten; obwohl kein »Rheinbund« mehr, lag das Gewicht des Deutschen Bundes von 1815 weniger auf Elbe und Donau als vielmehr auf jenem Flusse, von dessen Ufern später sowohl der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland (Adenauer, Köln) entstammte als auch sein »Enkel« (Kohl, Oggersheim bei Ludwigshafen am Rhein).

3. Und schließlich, ganz entscheidend: damals hatte man die zurückliegenden Kämpfe als »Befreiungskriege« bezeichnet; heute gelten die drei deutschen Staaten als »befreit« (in allerdings jeweils verschiedenem Sinne); doch

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empfand sich das Volk nach 1815 bald als »enttäuscht«, und nach 1945 stellte sich ebenfalls beim Volk bald das Bewußtsein ein, statt oder neben »befreit« auch »besiegt« zu sein. Diese vergleichbare Grundstimmung hat sogar einen gemeinsamen Namen erhalten: Nannte man den nach 1815 entstehenden Stil in bildender Kunst, Literatur und auch in der Politik später (aufgrund von Veröffentlichungen in den Fliegenden Blättern 1855-57) »Biedermeier«, so kam in der Bundesrepublik bald der Ausdruck des »Neobiedermeier« (manchmal sogar: »Neon-Biedermeier«) auf - der kürzlich verstorbene Judaist Jacob Taubes weist in einem posthum erschienenen Werk ausdrücklich auf diese »Biedermeierei nach dem Zweiten Weltkrieg« hin 7; und wenn wir uns dazu einmal vom Großen Brockhaus belehren lassen (Ausgabe 1953; in der Ausgabe 1892 steht darüber noch nichts drin), so lesen wir über »Biedermeier«: »Zeit des Vormärz (1815-48), in der das Leben der gebildeten Kreise unter dem politischen Druck der Restaurationszeit, abgesperrt von der verantwortlichen Mitgestaltung des öffentlichen Lebens, tatenlos, nach innen gedrängt, dahinfloß.« Von Frankreich drang dazumal noch die Parole des Ministers Guizot herüber: »Enrichissez-vous« (übrigens gefolgt von: ». . . par l'épargne et le travail«); ganz ähnlich wurde die Bundesrepublik schon vor geraumer Zeit von der britischen Zeitschrift Economist charakterisiert: »An economy in search of a nation«.

Man sieht, es gibt doch etliche Ähnlichkeiten; der Hauptunterschied zwischen damals und heute würde allerdings deutlich, wenn die eine oder andere fiktive Verschiebung im historischen Datum oder Ort vorgenommen würde, nämlich:

- entweder hätte das Wartburgfest statt im neugegründeten Deutschen Bund nach dem Sieg über Napoleon stattfinden müssen im besiegten ehemaligen Deutschen Reich nach den Schlachten von Austerlitz (l805) und Jena und Auerstedt (1806) - also etwa im Winter 1807/08, als der Professor Fichte in Berlin seine Reden an die Deutsche Nation hielt, oder

- umgekehrt, statt eines Wartburgfestes der Deutschen im Gedenken an Luther und an die Völkerschlacht hätten die Franzosen ein solches feiern müssen, 42 Jahre nach ihren totalen Niederlagen von Leipzig und Waterloo, 1856 zur Erinnerung an die Jungfrau von Orleans (1456 war der Widerruf ihres Ketzerurteils durch den Papst erfolgt, und Luther hat für die protestantischen Deutschen eine ähnliche Funktion wie die Heilige Johanna für die Franzosen), sowie im Gedenken an die Revolution von 1848, oder das neue Kaisertum des Louis Napoléon, oder auch die Erstürmung von Sewastopol im Krimkrieg 1854.

Am Beispiel des fiktiven französischen »Orléans«-Festes würde eines sehr deutlich. Es ist undenkbar, daß die Franzosen, auch nach noch so schlimmer Niederlage in der Folge eines Revolutionskrieges, so über Jeanne d'Arc losgezogen wären wie die Deutschen seit 1945 über Luther, Friedrich den Großen und Bismarck, nämlich als Marksteine eines verwerflichen Sonder-

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und Irrweges »von Luther zu Hitler« oder »von Bismarck zu Auschwitz«; selbst der grauenhafte revolutionäre Terror eines Robespierre hätte die Erinnerung an die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte nicht verdrängt, ja selbst nicht die Leistungen der Großen Armee unter dem ersten Napoleon.

Der ostpreußische Dichter Ernst Wiechert hat wohl etwas geahnt von dem, was die Sieger des Zweiten Weltkrieges und dann auch die besiegten Deutschen ihren eigenen Vätern antun würden aus Wut, Scham und Hilflosigkeit über verratene Ideale, wenn er in einer Rede vor Münchener Studenten im November 1945 ausführte: »Wir hatten einmal ein Vaterland, das hieß Deutschland. . . Es ist leicht, den Stab zu brechen über ein ganzes Volk. . . Ihr sollt die Wahrheit wieder ausgraben und das Recht und die Freiheit und vor den Augen der Kinder die Bilder wieder aufrichten, zu denen die Besten aller Zeiten emporgeblickt haben aus dem Staub ihres schweren Weges«. 8

Ich darf an dieser Stelle ein persönliches Wort einbringen: Ich bin heute etwas älter, als Wiechert es damals war, jetzt gerade in einem Alter, das zwischen dem Goethes und Karl Augusts von Weimar im Jahre des Wartburgfestes liegt. Goethe und der Großherzog von Weimar, aber auch viele andere gleichaltrige »Alte Herren« der damaligen Zeit, hatten die Idee Deutschlands in die Gesinnungen und Herzen der damaligen Jugend eingepflanzt - von woher und von wem immer sollten denn sonst die Jungen damals auf die Idee einer deutschen Pflicht gebracht worden sein? Und da auch die Alten Herren von damals sich weder mit Normen noch mit universellen Geboten zur Errichtung Deutschlands rechtfertigen konnten, so ist auch ihnen damals letztlich nichts anderes verblieben als der Appell an gemeinsame Herkunft, gemeinsames Schicksal und gemeinsame Aufgabe.

Es ist mir in den vergangenen Jahren immer stärker zur Gewißheit geworden, daß zu viele der »Alten Herren« der Zeit nach dem Zweiten Weltkriege, soweit sie Deutsche waren, diese ihre Pflicht und Mission zur Weitergabe eines gemeinsamen deutschen Bewußtseins aus Herkunft und Schicksal sträflich vernachlässigt haben. Manches mag zur Entschuldigung angeführt werden, nicht zuletzt das Äußerste an Ohnmacht, in die Deutschland gestürzt war, und auch das Äußerste an Untaten, die im deutschen Namen begangen worden waren. Es ist jedoch für dieses Verschweigen des »Nationalen Imperativs« ein bitterer Preis zu zahlen, der immer manifester wird:

Ich verkenne nicht, daß das, was ich nun anrühren will, wohl am wenigsten auf die hier versammelten Burschen und ihre Alten Herren zutrifft. Die Deutsche Burschenschaft hat den Auftrag, Deutschland trotz allem weiter zu wollen, mit am tatkräftigsten wahrgenommen seit einigen Jahren, und deshalb ist sie wohl auch so tief in den Streit über die möglichen Antworten und Lösungen verstrickt worden. Aber die illusionslose Analyse der Lage Deutschlands ist doch zu jeglichem Tun die erste Voraussetzung, und bei einer solchen Lageanalyse darf nicht übersehen werden, daß wir hier eine verschwindend kleine Minderheit darstellen und daß die große Mehrheit der Deutschen in der

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Bundesrepublik wie in Österreich (und, wenn auch aus wohl anderen Gründen, in der DDR) sich taktisch vorsichtig verhält. Oder vielmehr: bisher verhielt; jetzt, wo die Vergangenheit überall Väter und Söhne einholt, müssen und dürfen wir die Dinge ganz offen ansprechen:

Sogar ein bisher so vorsichtiger Mann wie der Berater des Bundeskanzlers Kohl, der Historiker Michael Stürmer, spricht es jetzt unverhüllt aus, in seinem Beitrag für Joachim Fest zum Sechzigsten, unter der Überschrift »Die Schlüsselrolle Deutschlands im fortdauernden Weltkonflikt«: »Weil aber der Krieg nicht mehr führbar ist, liegt die Prämie des Siegers nicht, wie früher, auf Vernichtungsschlacht und Landgewinn, sondern auf konventioneller und nuklearer Machtprojektion, und dazu auf Zerstörung der Loyalitäten, auf Unterhöhlung der Legitimität, auf Diffamierung des Patriotismus, auf Orientierungsentzug, Identitätsverlust und Besetzung der Begriffe, in denen die Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschreiben. Es geht um die zuerst moralische und dann politische und physische Überwältigung des Gegners, ohne einen Schuß abzufeuern.« 9

Im laufenden Jahr hat Elisabeth Noelle-Neumann, Professorin für Publizistik und Leiterin des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts, mit Mitarbeitern eine große, übernationale Studie veröffentlicht unter dem Titel Die verletzte Nation. Über den Versuch der Deutschen, ihren Charakter zu ändern. Sie schreibt darin: »Die verletzte Nation haben wir unser Buch genannt. ›Innere Verletzungen‹ war unser heimlicher Titel: von außen ist nichts zu sehen, alles ist heil, alles ist in Ordnung. Und auch wenn man sieht, daß mehr als die Hälfte der jungen Deutschen sagen, man brauche seine Eltern nur zu lieben und zu ehren, wenn sie es durch ihr Verhalten verdienten - auch dann denkt man noch, das sei doch wohl normal. Und erst der Blick auf die junge Generation anderer Länder macht stutzig. . . Unser Buch berichtet in Prozentzahlen über die deutsche Gegenwart. Beim Schreiben empfanden wir die Grenzen, den Mangel an Bildern, die Kälte der Zahlensprache. Wenn wir von Verletzungen sprechen, wie soll man Phantasie wecken, damit man sieht, daß es Verletzungen sind, und wie soll man zeigen, wie sie entstanden sind? Was sich zugetragen hat vor vierzig, fünfzig Jahren? Welche Erfahrungen denjenigen anhaften, die vor 1933 geboren sind und die, auch wenn sie gar nichts sagen, doch ihr Erleben an Kinder und Enkel weitergegeben haben? So entstand der Gedanke, zu den Dokumenten der Umfrageergebnisse der achtziger Jahre Dokumente aus den vierziger Jahren zu fügen, Berichte, die zwischen 1940 und 1945 veröffentlicht wurden. Ein Versuch, mit zweierlei Stiften zu zeichnen, über fast ein halbes Jahrhundert hinweg - Deutschland.« 10

Frau Noelle-Neumann hat dann den Mut, eigene Beiträge (und einen ihres späteren Mannes) aus der Wochenzeitung Das Reich abzudrucken in dem verzweifelten Versuch, die wirkliche Andersartigkeit ihres Daseins gegenüber dem der heutigen Jugendlichen darzulegen. Diese Andersartigkeit, dieser Graben zwischen den Generationen ist sogar theoretisch gefordert und gefei-

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ert und damit auch ein wenig mit hergestellt worden, etwa durch so berühmte Publikationen wie die von Alexander Mitscherlich 1963 Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie. Da wurde nämlich, in dem »Wunsch nach Emanzipation«, die vaterlose Gesellschaft nicht nur beschrieben, sondern ausdrücklich gefordert, und, man spürt es, mit »vaterlose Gesellschaft« war auch gemeint eine »vaterlandslose«. Den Abschnitt seines Buches Gehorsam-Autonomie-Anarchie unter der Überschrift »Gehorsam und Auflehnung« leitet Mitscherlich als Motto mit einem Satz aus Martin Luthers Tischreden ein (gegen den es sich aufzulehnen gälte): »Ich wolt lieber einen todten, denn einen ungezogenen Sohn haben.« 11

Das war 1963. Seitdem ist ununterbrochen Salz in diese Wunden gestreut worden. In den letzten Jahren und Monaten - die bedingungslose Kapitulation liegt jetzt vier Jahrzehnte zurück - intensiviert sich und eskaliert merkwürdigerweise dieser Prozeß. Peter Schneider hat über den KZ-Arzt Mengele eine Novelle veröffentlicht, und diese hat den Titel Vati. 12 - Inzwischen werden wir nun auch mit weiteren Untersuchungen versorgt, welche die Ergebnisse dieser systematischen Verteufelung der Eltern im Bewußtsein der Jugendlichen preisgeben.

Gerhard Kiersch veröffentlicht 1986 das Buch Die jungen Deutschen. Erben von Goethe und Auschwitz (man bedenke diesen Titel), und dort heißt es - neben vielen gleichartigen Äußerungen - von Jugendlichen und über Jugendliche: »Vor diesem Hintergrund kann die Gefahr bestehen, daß die Suche der meisten Jugendlichen nach einer neuen deutschen Identität in eine Art ›Protest-‹ oder ›Trotznationalismus‹ umschlägt. Solche Reaktionen können von außen hervorgerufen werden. Sie sind jedoch dem Wesen der großen Mehrheit deutscher Jugendlicher fremd. Diese Jugend sucht deutsche Identität jenseits der traditionellen nationalstaatlichen Denkfiguren. Sie knüpft in ihrem Denken an universalistisch-weltbürgerliche Traditionen deutscher Kultur- und Geistesgeschichte an, wie sie vor der Entstehung des deutschen Nationalstaates entwickelt wurden. Das ermöglicht den Jugendlichen eine unbefangenere Haltung zu den heiß diskutierten Problemen der sogenannten ›deutschen Frage‹. Deutschland in den Grenzen von 1937 ist für die Jugend der Bundesrepublik kein Thema mehr. Die Spaltung Deutschlands wird als Realität hingenommen. Engagement für die Wiedervereinigung Deutschlands ist nur bei einer konservativen Minderheit bundesdeutscher Jugendlicher anzutreffen. . . Der endgültige Verzicht auf Wiedervereinigung würde die Politik der Bundesrepublik von einer schweren Hypothek befreien.« Und ein Jugendlicher wird zitiert: »Niemals würde ich für das Vaterland sterben. Wenn Krieg wäre, ich würde wahrscheinlich desertieren. Ich würde lieber das Risiko auf mich nehmen, daß man mich fängt und abschießt. Sterben fürs Vaterland ist einfach lächerlich. Da könnte ich genausogut sagen: Sterben für das Telefonbuch.« 13

Schon 1979 waren unter dem Titel Das Echo - Widerhall auf Simon Wiesenthal

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Briefe veröffentlicht worden, von denen wir schon früher einmal folgenden zitierten: »Sehr geehrter Herr Wiesenthal!. . . Für meine eigene Einstellung, für meine Pflichten meiner Familie, besonders meinen Söhnen gegenüber und nicht zuletzt für mein konkretes Verhältnis gegenüber Ihrem Volk brauche ich Klarheit über meines Vaters Vergangenheit. Ich habe zwar keinen konkreten Verdacht, doch beunruhigt mich sein Einsatzort im Krieg. So bitte ich Sie um Auskunft über. . . Die obigen Angaben stammen aus den Unterlagen meines Vaters. Falls Sie irgendwelche Angaben über meinen Vater gesammelt haben, wollen Sie mir das Wichtigste mitteilen - ohne jede Schonung. Ich danke Ihnen im voraus und erlaube mir, Sie in Demut zu grüßen. G. O.« 14

Wenige Monate vor diesem Gedenktreffen in Graz druckte der Verlag Kiepenheuer &Witsch eine Sammlung von »Interviews« von Peter Sichrovsky unter dem bezeichnenden Titel Schuldig geboren. Kinder aus Nazifamilien. Auch dort finden wir - um gleich anzuschließen - in einem Interview folgende Ausführungen: »Auch Paul, mein Mann, zog sofort nach dem Abitur von zu Hause weg. Sein Vater war Richter gewesen während des Krieges. Wer weiß, was der für Sauereien begangen hat.« 15

Der Autor, Sichrovsky, hat die interviewten Kinder (und Enkel) aus Nazifamilien jeweils durch eine Überschrift charakterisiert; wir folgen ihm hier; das eben zitierte »Nazikind« hat die Markierung »Die Anständige«, heißt Anna und ist 39 Jahre alt. Es ist bedeutsam, daß unter der Überschrift »Kinder aus Nazifamilien« keinesfalls nur Kinder von einst Prominenten auftauchen; wir zitieren den Autor:

»Ich wollte von Anfang an eine Mischung aus Prominenten und sogenannten Mitläufern. Nur Kinder von bekannten Nazis hätten dem Buch einen Unterton der Mystifizierung gegeben, den ich nicht wollte. Das Dritte Reich bestand nicht nur aus einigen großen Führern, im Gegenteil. Es waren die Hunderttausende braver und anständiger Beamte, Polizisten, Offiziere, Bürgermeister, Bahnangestellte, Lehrer, usw. , die diese Diktatur funktionieren ließen. Und die interessierten mich. Die Kinder von ihnen, wie sie aufwuchsen, was sie wußten, was sie fragten und wie sie mit dem, was sie wußen, lebten.« 16

Bezeichnend scheint uns, daß als Grund für die tiefe Entfremdung zwischen den Generationen unter anderem auch der von uns hervorgehobene angemerkt wird; so heißt es z. B. in der Verlagsankündigung auf der letzten Umschlagseite des Buches:

»Ablehnung, Verständnis oder Bewunderung bauen sich meist auf Vermutungen oder zufälligen Entdeckungen auf. Wichtigste fehlende Erfahrung der Kinder ist die Weitergabe von Erlebnissen durch die Eltern selbst. Die Kinder haben ihre Eltern oft nur als Opfer erlebt - ausgebombt, vertrieben, geflüchtet, verhaftet oder verurteilt; hinter der biederen Familienfassade sind die einstigen Nazigrößen kaum vorstellbar. So wuchs in Deutschland und Österreich nach dem Krieg eine Generation auf, die die Geschichte der eigenen Eltern aus dem Geschichtsbuch erfuhr.« 17

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Im Vorwort des Verfassers wird am Ende ausdrücklich gesagt: »Die Generation der Täter war gegenüber den eigenen Kindern unehrlich, stumm und verlogen. Die Täter haben hier vor allem als Zeugen der Zeit versagt.« 18

Das Buch von Sichrovsky, dem ich hier noch einige Aufmerksamkeit widmen werde, hat breiteste Anerkennung in der Medienöffentlichkeit gefunden. Die Neue Zürcher Zeitung zum Beispiel läßt es in ihrer Ausgabe vom 26. / 27. April 1987 umfangreich rezensieren mit stärkstem positiven Unterton; die Rezension von Heinz Abosch schließt:

»Das Wandern durch deutsche Familien ist bestürzend. Überall herrschen die geheiligten Tugenden von Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, aber hinter der Fassade eröffnen sich Abgründe des Grauens. Dieses wichtige Buch gewährt einen Einblick in einen geheimen und sicher sehr großen Bereich. Wir werden guttun, uns seiner Existenz bewußt zu sein. Dem Autor gebührt Dank für seine Beharrlichkeit bei der Bewältigung der gewiß nicht leichten Aufgabe.« 19

Und zur Bedeutung des Buches sei hier gleich vermerkt, daß der Autor in einer kurz nach der Buchveröffentlichung zur besten Zeit übertragenen Fernsehsendung mitwirkte, die demselben Thema »Kinder von NS-Tätern« gewidmet war und möglicherweise vom Autor oder vom Buch inspiriert wurde. 20

Der Titel Schuldig geboren ist übrigens dem »Interview« entnommen, dem der Autor den Titel »Der Schuldige« (36 Jahre) gab; darin lesen wir:

»Die kommen noch, das sag' ich ihnen. Meine Eltern haben sie sich schon geholt. Die sind 1968 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Krach, bumm, aus war's. Verbrannt sind sie im Auto. Nicht einmal unterscheiden konnte man sie danach. Es war herrlich, wie ein Atomblitz. Leider hab' ich es nicht gesehen, aber ich hätte es gerne gesehen. Beide wurden sie in Argentinien begraben, obwohl im Testament meines Vaters stand, er möchte in Deutschland begraben werden. Ich tat's nicht. Ich hab' es verhindert. Nichts sollte mehr geschehen nach seinem Tod. Keine Befehle mehr, keine Anordnungen. In der Nacht nach dem Begräbnis bin ich zurück auf den Friedhof gegangen und hab' auf das Grab gepinkelt. Bin darauf herumgetrampelt, hab' getobt, geweint, es war schrecklich. Das war mein Abschiedsgruß. Ich war nie wieder dort.« 21

Eine ähnliche Verfluchung des Vaters vollzog übrigens in der Fernsehsendung, ohne Anonymitätsschutz, der Sohn des in Nürnberg hingerichteten Walter Frank mit einer Aussage vor der Kamera, die dem Sinne nach enthielt: Ich bin froh, daß sie den hingerichtet haben. Sonst hätte er mir noch sein Gift ins Gehirn träufeln können. 22

In fast eintöniger Manier wird dasselbe Thema der »schuldig Geborenen« immer wieder variiert 23: »Nichts kam von ihm. Nicht ein Wort. Und deshalb hasse ich ihn, vor allem, weil er neben seinem verpfuschten Leben auch noch die Chance versäumt hat, seine Erfahrungen weiterzugeben. Da wäre es fast besser gewesen, sie hätten ihn wie manch andere hingerichtet.« »Ja, ich führe einen Krieg gegen die deutsche Vergangenheit. Ich sehne mich nach dem Tag,

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an dem der letzte Überlebende des Dritten Reiches tot ist. Sie sollen endlich alle aussterben. Vielleicht haben wir dann eine Chance für ein neues Deutschland.« (»Die Zertrennlichen«, zwei Geschwister, 38 und 43 Jahre)

»Vater war für mich seit dem Besuch mit Dieter ein Lügner. Und ich wollte gar nicht daran denken, was er mir im Laufe meines Lebens alles für Lügen erzählt hatte. Nichts war mehr sicher, alles konnte vielleicht nur teilweise oder verdreht berichtet worden sein. . . Dieser alte Mann im Heim dort ist mir völlig fremd. Würde ein anderer im Rollstuhl sitzen, den ich durch den Garten fahre, es würde mir nicht auffallen.« (»Die Hoffnungsvolle«, 42)

»Bei all den Schweinereien war er angeblich durch Zufall nie dabei. Und die Entnazifizierung ging auch problemlos. Dabei hat er noch einige Monate vor Ende des Krieges, als er doch noch eingezogen werden sollte, an den ältesten Sohn - sozusagen als Vermächtnis - geschrieben. Einen Brief in der typischen Blut- und Bodensprache der damaligen Zeit. Wenn ich an diesen Brief denke, ist mir die Vorstellung unerträglich, mit dem Verfasser verwandt zu sein. Der Vater war ein Faschist bis zu seinem Lebensende. Dabei ist es egal, was er während des Krieges gemacht hat. . . Vater und Mutter waren immer - es tut mir leid, daß ich das sagen muß - beschränkt, uninteressiert und dumm. Das Teuflische an ihnen war auch ihre Manipulierbarkeit. . . Ich kann meinen Eltern die Entscheidung, die sie getroffen haben, nicht abnehmen. Ewiges Rätsel wird mir sein, warum sie sich auch noch vier Kinder angeschafft haben.« (»Die Ordnende«, 39)

Bei einigen »Interviews« hat man den Eindruck, daß entweder der Verfasser ergänzt hat oder daß aus dem Ausgeführten hervorgeht, daß die Kinder und Enkel selbst noch nicht einmal über ausreichende sachliche Information bei ihren Verwünschungen verfügten:

»Und auch heute noch, wenn es um die Vergangenheit des Vaters geht, geht da immer in mir ein Krampf los. Er war bei der Waffen-SS, und ich denk' mir, wäre er doch wenigstens nur bei der SA gewesen, die waren weniger schlimm. Mußte es denn ausgerechnet die Waffen-SS sein?. . . Das Wichtigste und Schwierigste für mich ist, daß ich im Grunde genommen nicht wirklich weiß, was er während des Krieges getan hat. . . Die größte Schwierigkeit für mich ist, trotz der Vergangenheit der Eltern, nicht so zu werden, wie sie waren. Ich erkenne ihren Anteil in mir. Aber diese Andere, diese Neue konnte ich erst werden, als ich aufhörte, in ihnen nur die Opfer zu sehen. Ich selbst hab mich als ein Opfer ihrer Erziehung und ihrer Vergangenheit betrachtet. Aber von dem Zeitpunkt an, als ich aufhörte, meine Eltern als Opfer zu sehen, war es mir möglich, mich von ihnen zu entfernen. Aufgrund der Geschichte, der Berichte aus Büchern und Filmen ist es mir klar, daß sie zu den Tätern gehören.« (»Die Gläubige«, 40. - Über die Waffen-SS gibt es Ehrenerklärungen von Adenauer und Schumacher bis zur Gegenwart; über die SA liegen solche nicht vor).

»So mit 17 oder 18 begann ich mich gegen ihn zu wehren. Es gab zwei Themen. Nazizeit und Juden. Ich wollte ihn immer dazu bringen, daß er die

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Zeit verurteilt oder von eigenen Fehlern spricht. Aber er reagierte immer nur mit Abwehr. Er war einfach nicht dazu bereit, die Zeit seiner Jugend schlechtzumachen.« (»Die Versöhnliche«, 41)

»Nur für uns, die Kinder der Nazis, ging er weiter. Das Schlachtfeld Familie entdeckten die Helden des Dritten Reiches, als ihr eigenes in Schutt und Asche fiel. Die züchteten mir einen Minderwertigkeitskomplex mit einer Konsequenz, das ist unvorstellbar. . . Die Brutalität meines Vaters hat sich sicherlich früher gegen die Juden gerichtet, aber nach dem Krieg waren doch keine mehr da. Da gab's nur noch mich. . . Wir sind die Opfer der Überlebenden. Niemand erkennt das so richtig. Als Hitler tot war, haben die meisten seiner Helfer überlebt und suchten sich neue Opfer.« (»Der Leidende«, 29)

Die das umfangreich zitierte Buch durchziehende Grundauffassung steht nicht allein. Als letzten in dieser Reihe gebe ich einen Hinweis auf die jüngst im FAZ-Magazin erfolgte Veröffentlichung eines Interviews mit der schwedischen Journalistin Cordelia Edvardson, laut vorangestellten Angaben zu ihren Lebensdaten 1929 als uneheliche Tochter eines jüdischen Vaters und der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer in München geboren:

»Soweit mir bekannt ist, hat nie ein Deutscher eine Analyse gemacht, weil er mit seiner Schuld nicht mehr leben konnte. Die Kinder, und die Kindeskinder, aber nicht die Täter. . . Man hat hier ja noch nicht einmal um die eigenen Toten getrauert. . . Eure Eltern hätten sagen sollen: ›So war das nun also, wir waren ein Volk von Verbrechern. Auch wenn wir nicht selbst Täter waren, haben viele von uns dabeigestanden. Aber so etwas ist nicht erblich, die Verantwortung ist erblich. Ihr seid eine neue Generation, Ihr seid unsere Hoffnung und Ihr seid auch unsere Richter, Ihr seid ein neuer Anfang. ‹ . . . Durch die Erfindung der Stunde Null hat man die Kinder und Kindeskinder um ihre nationale Identität betrogen. Man wollte sich von allem abschneiden und wollte Weltbürger werden. Im Großen, Guten, Ganzen aufgehen. Das geht aber nicht, denn die nationale Identität ist ein Teil der Identität jedes Menschen. Sie können ja auch nicht sagen, selbst wenn Ihre Eltern tatsächlich fürchterliche Leute sind, Sie seien das Resultat der unbefleckten Empfängnis. Genau das hat man der späteren deutschen Generation zugemutet, und ich spüre da eine eigenartige Identitätslosigkeit.« 24

Da der ganze Bereich nach wie vor mit einer dicken Tabu-Schicht überzogen ist, wissen wir nicht, wie dicht und wie tief die hier berichteten Auffassungen in den nachwachsenden Generationen sitzen. Sicher dürfen wir davon ausgehen, daß die Markierung der Elterngeneration als »Schuldige« breiter gestreut und prägender wurde, die »Trend-Gruppe der Vater-Bewältiger« (wie es jüngst eine große westdeutsche Tageszeitung ausdrückte 25) umfangreicher ist als etwa das Wirken und die Wirkung der Burschenschaften. Und noch immer akzeleriert's und eskaliert's; fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer letzten schlimmsten Niederlage werden die Deutschen (. . . und auch die Österreicher) mit Vorwürfen über die Taten oder Unterlassungen der Väter und

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Großväter überhäuft mit einer solchen Schärfe, daß noch heute Familien darüber zerbrechen und Enkel Tisch und Haus ihrer Familie verlassen, um im Ausland oder in Sekten, in Drogenszenen oder Subkulturen ein Leben ohne Politik, weil ohne Volk, zu fristen.

Der Soziologe Helmut Schoeck hat in einem erschütternden Buch Beweise dafür erhoben, daß die Schule in der Bundesrepublik seit den siebziger Jahren eine »Infektion mit Schwermut« betreibt, die inzwischen alarmierenden Umfang angenommen hat. Das Buch heißt Kinderverstörung. Die mißbrauchte Kindheit. Umschulung auf eine andere Republik, und man liest dort 26:

»Wie ein riesiger Staubsauger, der, einem Tintenfisch gleich, mit Dutzenden von Schläuchen aus der Seele des Kindes jeden Winkel absaugt, in dem noch ein Rest von Sinn verborgen sein könnte, sind die linken Lernziele und Schulbücher bzw. vom Lehrer selbst zusammengebauten Unterrichtseinheiten ein wohlüberlegtes Instrument zur Abtötung jedes Erlebnisses von Sinn. . . Wer sich an einem Stückchen ›heile Welt‹ freut, versäume sein Quentchen Dauersühne, sein Deputat an Buße für das, was Vorfahren von ihm irgendwelchen Menschen angetan haben sollen.«

Schoeck verfolgt die Sinnzerstörung, so wie ich es hier tat, bis zu ihrem Widerlager zurück in der Seele der Elterngeneration: »Nun steckt hinter dieser heutigen Erziehung zur Unfähigkeit, etwas in sich Abgeschlossenes überhaupt noch als sinnvoll zu empfinden, auch ein Erlebnis mancher älterer Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die vorwurfsvolle Frage, ob man nach diesen Greueltaten je noch ein Gedicht verfassen oder genießen darf, wurde ja schon vor Jahrzehnten zum geflügelten Wort. . . ›Sie wollen Ihr Kind schöne Gedichte lesen lassen? Nach Auschwitz kann man nicht mehr dichten. Sie sind also für Konzentrationslager!‹ So falsch diese Schlußfolgerung auch ist, sie wirkt. Viel zu viele Eltern haben sich mit diesem Trick von linken Pädagogen und Predigern bereits mundtot und kleinlaut machen lassen. Sie fürchten, sie könnten die Bußpflicht für Auschwitz gefährden oder gar ein künftiges Auschwitz mitverschulden, wenn sie ihren Kindern auch nur ein Stückchen ›heile Welt‹ ließen. Manche trauen sich offenbar nicht mehr, die wirkliche Gefahr zu erkennen: wenn die linke Manipulation unserer Kinder in großem Maßstab gelingen würde, dann wäre ihr Ergebnis ja gerade auch die Ausbildung der Handlanger einer neuen Diktatur.«

Und Schoeck empfiehlt: »Zwischen 1945 und 1955 war diese Frage, als Frage jedenfalls, noch berechtigt. Daraus folgt aber nicht, daß es heute ein Lernziel für die jetzt Elf- oder Vierzehnjährigen sein darf, diesen Lebensekel als Grundstimmung aufgezwungen zu bekommen. Hier wird eine vergangene geschichtliche Konstellation und ihre Tragik verwendet, um eine unverantwortliche, mit großer Wahrscheinlichkeit für unsere Kinder heute schädliche Manipulation scheinbar unkritisierbar zu machen.«

Waren alle deutschen Eltern und Großeltern im Sinne des jetzt Zitierten »Täter«, die durch »Bußpflicht« erpreßbar gemacht werden können? - Es gibt

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Gegenauffassungen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Rudolf Pörtner »Ein deutsches Familienalbum« unter dem Titel Mein Elternhaus. Dort berichten prominente Bundesdeutsche, heute zwischen 40 und 80 Jahre alt, über ihre Familienherkunft. Karl Günther von Hase vermerkt in seinem Bericht:

»Elternhaus, Schule und Freunde sind nach meiner Rückerinnerung und Erfahrung die wichtigsten Faktoren, die in den prägenden Jahren auf ein heranwachsendes Kind einwirken. Auch die Umwelt und die begleitenden Zeitumstände spielen ihre Rolle.«

Der Herausgeber weist in seinem Vorwort auf folgendes hin: »Auch das dann beginnende tausendjährige Reich‹ hat sich in den Erinnerungen unserer Autoren vielfältig niedergeschlagen. Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend . Der Nazismus ist in der Mehrzahl der hier beschriebenen Elternhäuser nicht eingedrungen. Man leistete zwar keinen ausdrücklichen Widerstand, man erfüllte seine täglichen Pflichten wie zuvor, aber man hielt auf Distanz, man verweigerte sich den neuen Herren, zumindest geistig und moralisch. Man zog sich in seine vier Wände zurück, man blieb skeptisch, innerlich ablehnend, auch dann noch, als die halbe Welt vor den Erfolgen des braunen Diktators kapitulierte.« 27

Auch diese Sammlung von Erlebnisberichten ist wieder - der Herausgeber vermerkt es ausdrücklich zu Beginn - eine Auswahl, teilweise sogar eine Selbstauswahl (nicht alle Aufgeforderten wollten über ihre Elternhäuser schreiben). Mit der Eröffnung der geschichtlichen Wahrheit steht es also nach wie vor im argen.

Die meisten der hier inkriminierten Eltern und Großeltern deckt bereits der Rasen, und wenn sie es bisher nicht getan haben, so werden sie niemals ihre eigene Geschichte erzählen können. Das werden dann weiter andere besorgen, und wir dürfen froh sein, wenn dies mit so liebevoller und behutsamer Feder geschieht, wie Ludwig Hang es in seinem 1986 erschienenen Buche tut: Ordnung ist das ganze Leben. Roman meines Vaters, in dem es, voll Achtung vor einem gelebten Leben, heißt: »Nun, da Vater tot ist, muß ich ihn zum zweitenmal erfinden.« 28

Über das Verhältnis von Eltern zu Kindern, über die Kontinuität zwischen Vätern und Söhnen in Deutschland habe ich aus Anlaß des 170. Jahrestages des Wartburgfestes gesprochen. Die Lage des deutschen Bewußtseins heute ist in diesen Bereichen hochprekär, und man muß die Lage so auffassen, wie sie ist, Illusionen nutzen nichts, Optimismus ist Feigheit - hier trifft doch Oswald Spenglers Wort zu.

Das hat wohl auch Richard von Weizsäcker, der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, so empfunden. In seiner Rede zum Kapitulationstag 8. Mai 1985 führte er dazu aus: »Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne

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Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.« 29

Soweit von Weizsäcker 1985. Zwei Jahre später, im Juni 1987, anläßlich seiner Einladung an die Harvard-Universität zum Empfang des Ehrendoktors und als Gastredner zum 40. Jahrestag des Marshall-Plans holte ihn die Vergangenheit, als Sohn und als Vater, erneut ein: »Ein Sohn versucht die Sünden seines Nazi-Vaters wegzuerklären«, schrieb zum Empfang von Weizsäckers in den USA ein amerikanischer Geschichtsprofessor in einer Bostoner Zeitung; er fragte, »ob Harvard den Sohn eines verurteilten Nazi-Kriegsverbrechers ehren solle«, und er schloß: »Ein Mann, dem es so verdächtig an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit mangelt, mag zum Präsidenten der Bundesrepublik gewählt werden, so wie Dr. Waldheim vor kurzem zum Präsidenten von Österreich gewählt wurde. Er hat jedoch - als Zier oder als Schande -nichts bei der Abschlußfeier der Harvard-Universität von 1987 als Hauptredner verloren«. 30

Der Vater des deutschen Bundespräsidenten, Ernst von Weizsäcker, war bekanntlich im Dritten Reich Staatssekretär im Auswärtigen Amt; von 1943 bis 1945 Botschafter des Reiches beim Vatikan, wurde 1948 vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu sieben Jahren Haft verurteilt und nach Herabsetzung der Strafe im Oktober 1950 entlassen. Andere, ähnlich grobe Attacken auf den deutschen Bundespräsidenten folgten in den USA, aber es zeigte sich dann, daß nicht jeder Fall von »Vergangenheitsbewältigung« gleich ablaufen muß: die Angriffe verliefen bisher im Sande, der Rabbi von Cambridge (dem Ort der Harvard-Universität), polnischer Herkunft und überlebender Auschwitz-Häftling, sprang Weizsäcker bei, wandte sich gegen diese neue Variante von »Sippenhaft« und ließ verlauten: »Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen zu sein, mache einen nicht zum Kriegsverbrecher.« 31

Dem Urteilsbann des »Schuldig geboren« kann man sich also erfolgreich widersetzen, sogar wenn man, wie von Weizsäcker, zu denjenigen deutschen Soldaten gehört, die im Zweiten Weltkrieg bis fast zum Schluß kämpften - nicht »für Hitler«, aber »für Deutschland«: Der Hauptmann Richard von Weizsäcker, Regimentsadjutant des Potsdamer Infanterie-Regiments 9, wurde vom Regimentskommandeur am l. April 1945 für »Todesmutigen Einsatz« bei der Verteidigung Ostpreußens zu einer der höchsten Tapferkeits-Auszeichnungen vorgeschlagen, welche die deutsche Wehrmacht zu vergeben hatte, der Nennung im Ehrenblatt des Deutschen Heeres. 32

Diese Erwähnung der Kriegs-Ehrung des amtierenden deutschen Bundespräsidenten noch einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation geleitet uns zum Abschluß zu einem gerade eben berichteten Vorgang, bei dem es sich auch um den zu politischer Bedeutung gelangten Sohn eines »Täter-Vaters« von geschichtlichem Format aus dem Dritten Reich handelt. Manfred Rommel, Oberbürgermeister von Stuttgart und Sohn des über die Fronten hinweg geschätzten Generalfeldmarschalls Erwin Rommel, besuchte in den letzten

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Tagen den Oberbürgermeister von Jerusalem. Dort äußerte er: ». . . Es war besser, einen Krieg mit Hitler zu verlieren, als ihn zu gewinnen. . ,« 33

Solche Auffassungen waren bereits nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zu hören, etwa von dem Industriellen und Politiker Walther Rathenau und dem Literaten Erich Kästner. Man muß erkennen, was sie letztlich zum Ausdruck bringen: die endgültige und immerwährende Annahme des »sippenhaftenden« Vorwurfs »Schuldig geboren« gegen das deutsche Volk bis in alle Ewigkeit hinein. Denn: Es wird hier den Deutschen gleichsam »von Natur« oder »von Geschichte«, jedenfalls mit Notwendigkeit jegliche Fähigkeit und der Wille abgesprochen, Verirrungen ihrer Geschichte - ja, auch Schuld, sogar Verbrechen - selbst, aus eigenem Antrieb, eigenem Vermögen und eigener Verantwortung, zu verfolgen, zu verurteilen, zu ändern und zu sühnen, kurz: sich selbst »zu befreien«. Vielmehr wird unterstellt, daß jegliche Befreiung der Deutschen erst ihre Besiegung voraussetzt, daß sie nur im Zustand der Besiegten zur Völkergemeinschaft gehören können.

Mit der Forderung, die Deutschen hätten den Zweiten Weltkrieg niemals gewinnen dürfen, wird einem Manne wie dem Feldmarschall Erwin Rommel posthum sein Lebenssinn geraubt, ihm, der geschickt, gescheit und sauber für sein Land kämpfte (und dem übrigens einige Jahrgänge österreichischer Offiziere ihre Ausbildung am Theresianum verdanken), der sicherlich bis zuletzt den Sieg Deutschlands wollte, sich aber opferte - unter dem Druck Hitlers beging er Selbstmord - im Widerstand gegen eine Reichsführung, die selbst die Nation verraten hatte. Wenn es dann noch der eigene Sohn ist, der durch seine Beurteilung dem Vater den Lebenssinn entzieht, vermögen wir daraus zu erkennen, welch bitterer Preis zuweilen gefordert wird, so es darum geht, sich dem Urteilsbann des »Schuldig Geboren« erfolgreich zu widersetzen.

Nicht alle Söhne sind offenbar bereit und willens, solchen Preis zu bezahlen. Es mehren sich die Weigerungen, das Verdikt von den Deutschen als das Paria-Volk der Weltgeschichte weiterhinzunehmen, das nur durch Besiegung zur Befreiung gebracht werden kann. Ein solcher Maßstab, etwa an die Völker der ehemaligen Sowjetunion angelegt, würde die Reform-Bemühungen durch russische Politiker in den Augen der so Urteilenden von vornherein dem Unverständnis aussetzen, ihre Vergeblichkeit vorauswissen, ihr Scheitern vorhersagen: die Völker Rußlands wären, wie die Deutschen, als zur Selbstbefreiung unfähig abgestempelt.

So einfach und so schwierig ist das mit dem Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen im Deutschland der Gegenwart.

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Anmerkungen:

1. Dies und die folgenden Zitate aus Raimund Steinert (Hrsg. ), Das Wartburgfest am 18. Okt. 1817, Reclam, Leipzig 1917. In der Darstellung des Wartburgfestes lehne ich mich an diese Veröffentlichung an sowie an Klaus Wessel, Das Wartburgfest der deutschen Burschenschaft am 18. Okt. 1817, Röth-Verlag, Eisenach 1954.

2. -4. siehe Fußnote l

5. Carl Schmitt, »Der bürgerliche Rechtsstaat«, in Abendland, Heft 3, 1928, S. 201.

6. Interview mit Golo Mann, »Die Deutschen haben längst zum aufrechten Gang zurückgefunden. Mit de Gaulle glaube ich an das Europa der Vaterländer«, in Die Welt, Nr. 57 v. 9. 3. 1987.

7. Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung, Merve Verlag, Berlin 1987, S. 54.

8. Siehe dazu N. Matern, »Wo ist die Sprache mit so viel Tränen? Das einfache Leben in den schweigenden Wäldern: Erinnerung an den ostpreußischen Dichter Ernst Wiechert. Der Erinnerungsband Jahre und Zeiten ist bei Langen-Müller, München 1987 neu erschienen«, in Die Welt v. 18. 5. 1987.

9. M. Stürmer, »Der lange Schatten des Tyrannen: Westbindung und Geschichtsbild in Deutschland«, in Bracher, Eschenburg, Gross u. a. , Von Geschichte umgeben. Joachim Fest zum Sechzigsten, Siedler Verlag, Berlin 1986 , S. 255 ff. , hier S. 266 f.

10. Elisabeth Noelle-Neumann, Renate Köcher, Die verletzte Nation. Über den Versuch der Deutschen, ihren Charakter zu ändern, DVA, Stuttgart 1987, S. 358 f.

11. Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie, Piper, München 1970 01963), S. 209.

12. Siehe dazu Pankraz, »P. Schneider und die echte Literatur«, in Die Welt v. 25. 5. 1987.

13. Gerhard Kiersch, Die jungen Deutschen. Erben von Goethe und Auschwitz, Leske + Budrich, Opladen 1986, S. 224 f. u. 158.

14. Rolf Vogel, Das Echo - Widerhall auf Simon Wiesenthal, Stuttgart 1979, S. 72 f.

15. Peter Sichrovsky, Schuldig geboren. Kinder aus Nazi-Familien, Köln 1987, S. 39.

16. Ebenda, Vorwort, S. 15.

17. Ebenda, Verlagsnotiz auf der letzten Umschlagseite.

18. Ebenda, Vorwort, S. 24.

19. Heinz Abosch, »Die Kinder der Täter. Gebrochenes Schweigen über Mitverantwortung im Hitler-Reich«, in Neue Zürcher Zeitung, Fernausgabe Nr. 95, 26. /27. 4. 1987, S. 38.

20. »Zwischen Haß und Liebe. Kinder von NS-Tätern berichten.« ARD (Erstes Programm) des Deutschen Fernsehens. Donnerstag, 14. 5. 1987, 20. 15 bis 21. 00 Uhr.

21. Peter Sichrovsky, Schuldig geboren. Kinder aus Nazi-Familien, aaO. , S. 52 f.

22. »Zwischen Haß und Liebe. Kinder von NS-Tätern berichten.«, aaO.

23. Für die folgenden Zitate siehe Peter Sichrovsky, Schuldig geboren. Kinder aus Nazi-Familien, aaO. , S. 80, 73,93,94,108 111,112,113,117,121,145,152,153,159.

24. Gabriele von Arnim, »Warum reden Sie mit uns Deutschen, Frau Edvardson?«, Interview mit Cordelia Edvardson, in FAZ-Magazin, Heft 377 v. 21. u. 22. 5. 1987.

25. Armin Eichholz, »Ruth Rehmann wird 65. Schwermut über dem Schwaighof«, in Die Welt v. 1. 6. 1987.

26. Helmut Schoeck, Kinderverstörung. Die mißbrauchte Kindheit. Umschulung auf eine andere Republik, Mut-Verlag, Asendorf 1987, S. 133, 128, 124, 129, 130.

27. Rudolf Pörtner, Mein Elternhaus. Ein deutsches Familienalbum, Econ, Düsseldorf-Wien 1984, hier zitiert nach der 2. Auflage des DTV, München 1987, S. 202, 9.

28. Ludwig Harig, Ordnung ist das ganze Leben. Roman meines Vaters, Hanser Verlag, München-Wien 1986, S. 20.

29. Ulrich Gill u. Winfried Steffani (Hrsg. ), Eine Rede und ihre Wirkung. Die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985. Betroffene nehmen Stellung, R. Röll Verlag, Berlin 1986, S. 191.

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30. Vgl. »Weizsäcker die ›Sünden seines Vaters‹ vorgehalten. Scharfer Angriff des Boston Globe/ Vergleich mit Waldheim und Barbie/ ›Sohn eines Nazi-Kriegsverbrechers ‹«. Über den Presseangriff des Professors Francis Loewenheim, Professor an der Rice-Universität, in FAZ v. 10. 6. 1987.

31. Leo Wieland, »Weizsäcker, die Harvard-Universität und der unverantwortliche Unfug‹, Leserbrief des Rabbi von Cambridge«, in FAZ v. 11. 6. 1987.

32. Siehe dazu Wolfgang Paul, Das Potsdamer Infanterie-Regiment 9. 1918-1945. Dokumentenband, Biblio-Verlag, Osnabrück 1985. Daraus abgedruckt der Vorschlag des Regiments-Kommandeurs Oberstleutnant Trittel vom l. April 1945, in: Criticòn, Nr. 90, Juli/ August 1985, S. 148 (u. d. Titel: »Ohne Kommentar. . .«).

33. Vgl. »Rommel in Israel ausgezeichnet«, in Die Welt v. 15. 6. 1987, S. 4. - An der Verleihung des Preises »Wächter Jerusalems« durch Oberbürgermeister Teddy Kollek an Oberbürgermeister Manfred Rommel nahmen nur 6 (sechs) der 31 Stadträte des Jerusalemer Gemeinderats teil. »Mit der Abwesenheit, so heißt es, soll gegen die Ehrung des Sohnes von Generalfeldmarschall Erwin Rommel protestiert werden.« (So »Das böse Wort Sippenhaft« aus Stuttgarter Zeitung, abgedruckt in FAZ v. 19. 6. 1987).

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