GERHARD PIESCHL
In gerechter Liebe zu unserem Volk und Vaterland*

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben! Liebe Landsleute!

»Sende aus Deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu!« beten wir Christen in den Pfingsttagen zu Gott. Und wirklich, die Erde wurde neu, als sich die Menschen damals am Pfingstfest zu Jerusalem trafen: Daß sich die Menschen wieder verstehen konnten, das war das Wunder von Pfingsten. Sie hatten sich an Größenwahnsinn überboten, einander übertroffen, dann verachtet und gehaßt und vernichten wollen; aber für Gott war diese Geschichte von Babel nicht das Ende, er ließ durch seinen Geist Pfingsten werden.

Daß die Menschen sich wieder verstehen lernen, ist auch unser aller Wunsch an diesem Pfingstfest 1993 in Nürnberg. Und es ist mehr als nur ein Wunsch, denn er hat seinen Grund darin, daß es das Wunder von Pfingsten schon gab - aber nur gab in der Vergangenheit, nicht auch gibt in der Gegenwart und geben wird in der Zukunft?

»Wir erleben ein Wunder«, sagte Präsident Václav Havel 1990 bei der Begrüßung des Papstes beim Besuch Johannes Pauls II. in der ehemaliger CSFR. »Ich weiß nicht, ob ich weiß, was ein Wunder ist, trotzdem wage ich es zu sagen, daß ich in diesem Augenblick ein Wunder erlebe. Ein Mann, der noch vor sechs Monaten als Feind des Staates verhaftet wurde, begrüßt heute als dessen Präsident den ersten Papst in der Geschichte der Katholischen Kirche, der den Boden dieses Staates betrat. Ich weiß nicht, ob ich weiß, was ein Wunder ist. Trotzdem wage ich zu sagen, daß ich heute nachmittag ein Wunder erleben werde. Auf dem gleichen Platz, wo vor fünf Monaten über die Zukunft unseres Landes entschieden wurde, wird das Oberhaupt der Kirche die Hl. Messe zelebrieren. Wahrscheinlich wird die jüngst heiliggesprochene

* Predigt von Weihbischof Gerhard Pieschl beim Pontifikalgottesdienst am Pfingstsonntag, 30. Mai 1993, 9. 30 Uhr in der Frankenhalle in Nürnberg aus Anlaß des 44. Sudetendeutschen Tages in Nürnberg, der unter dem Motto: »Menschenrechte achten - Vertreibung ächten!« stand.

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Agnes von Böhmen für ihre Fürbitte dem danken, der in seinen Händen den geheimnisvollen Lauf der Dinge hat. Ich weiß nicht, ob ich weiß, was ein Wunder ist. Trotzdem wage ich zu sagen, daß ich in diesem Augenblick ein Wunder erlebe. In unser durch die Ideologie des Hasses verwüstetes Land kommt ein Bote der Liebe. In das durch Regieren von Ungebildeten verwüstete Land kommt ein lebendiges Symbol der Bildung. In das Land, das vor kurzem durch die Idee der Konfrontation und der Verteilung der Welt vernichtet wurde, kommt ein Bote des Friedens, des Dialogs, der gegenseitigen Toleranz, der Ehrfurcht und des liebenswürdigen Verständnisses, der Verkünder der Einheit in der Verschiedenheit. Jahrzehntelang wurde in unserer Heimat der Geist ausgetrieben. Ich habe die Ehre, ein Zeuge des Augenblicks zu sein, in dem diesen Boden der Apostel des Geistes und der Seele küßt.«

Mit Recht also beten wir: »Sende aus Deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu!. .« Wer alles beim alten lassen will, sollte nicht zum Heiligen Geist beten. Wir aber beten zum Heiligen Geist um den richtigen Geist auch in unseren sudetendeutschen Anliegen; mit uns Priestern beten vor allem die Laien um richtiges Erkennen und Tun in den Fragen der weltlichen Ordnung.

Wir fragen: Ist es christlich, ist es katholisch, ist es sittlich vertretbar, daß wir weiterhin die Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat und freie Selbstbestimmung, die Erhaltung unserer Volksgruppe, die zumutbare Entschädigung oder Rückgewähr konfiszierten, durch Generationen rechtmäßig erworbenen Eigentums fordern? Ich sage mit gutem Gewissen - in der Achtung der Zehn Gebote: Ja! Ich berufe mich auf die Soziallehre der Kirche. Ich berufe mich auf die Lehre der Kirche.

Blicken wir auf die Katholische Soziallehre: Schon das 15. Jahrhundert, die Zeit der Entdeckungen und der Kolonisierung, warf brennende soziale Fragen auf: die Sklaverei und die Frage der »menschlichen Würde der Heiden«. Papst Eugen IV. verurteilt die Sklaverei und stellt sie unter die Strafe der Exkommunikation. Er verbietet die Aussiedlung der Eingeborenen und proklamiert damit erstmalig das Recht auf die Heimat. Sein Nachfolger erklärt, »daß die Indianer und alle übrigen Völker, die den Christen später noch bekannt werden, auch wenn sie außerhalb des Glaubens leben, ihrer Freiheit und der Verfügungsgewalt über ihre Güter nicht beraubt werden dürfen, daß sie im Gegenteil Freiheit und Besitz in rechtmäßiger Unangefochtenheit benutzen, erwerben und sich dessen erfreuen dürfen und daß sie nicht zu Sklaven gemacht werden dürfen und daß alles, was entgegen dem hier Gesagten geschehen mag, ungültig und nichtig ist«.

Was dann aber trotz aller beschwörenden Ermahnungen und Anordnungen der Kirche tatsächlich passiert ist, kann an Grausamkeit und Ungerechtigkeit kaum überboten werden. Fest aber steht: Unsere Kirche benennt zum ersten Mal das Recht auf Heimat, und bis heute gibt es Zeugnisse ihres Einsatzes für dieses Menschenrecht.

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Deraus Polen stammende Papst Johannes Paul II. hat für alle Menschen und Völker in seiner Enzyklika Laborem exercens am 14. September 1981 gesagt: »Jeder Mensch hat das Recht, in seine Heimat zurückzukehren und sich dort frei zu entfalten.«

Vor dem Diplomatischen Korps weist er am 16. Januar 1982 in Rom auf die Verarmung, die materielle und geistige jener Länder hin, die durch Gewaltmaßnahmen, durch Zwangsausweisung sich der für sie unbequemen Bürger entledigen. Und er wiederholt vor allen im Vatikan versammelten Diplomaten das Recht der Menschen, in die Heimat zurückzukehren.

Als katholischer und sudetendeutscher Bischof und als Beauftragter für die Vertriebenen wiederhole ich: Auch die Sudetendeutschen, die Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien, haben Recht und Anspruch auf Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat und freie Entfaltung in der Heimat als Einzelne und als Gruppe.

Unzählige Male hat der Bischof von Rom alle Völker gemahnt, daheim und fern von der Heimat den Werten dieser Heimat und dem eigenen Volk treu zu bleiben. Warum denn gilt nicht auch uns seine Aussage an seine Landsleute: »Laßt euch nicht trennen von euren Wurzeln!«? Bischof Bornewasser von Trier hat seinen Diözesanen 1946, als Volk und Vaterland verachtet und in größter Not waren, eingeschärft: »Der Christ ist verpflichtet, sein Volk und sein Vaterland zu lieben!« Kardinal Höffner von Köln hat ihn - bis zur letzten großen Ansprache am Neujahrstag 1985 - immer wieder zitiert.

P. Alfred Delp SJ hat mit gefesselten Händen vor der Hinrichtung seine Meditationen über seine katholische Treue zu Deutschland im Gefängnis geschrieben: Er werde verurteilt, weil man den katholischen Weg der Treue zu Volk und Vaterland leugne. Mit all diesen sage ich als euer Bischof:

»Haltet fest an Eurer Heimat, am Leben unserer Volksgruppe. Steht in gerechter Liebe zu unserem Volk und Vaterland!«

Aber kann man solches in Frieden und im Geiste Gottes verwirklichen? Ich antworte den Zweiflern, den Resignierten, den Hoffnungslosen, den Anpassern: »Ja, wenn nicht in Gottes Wahrheit, wie denn sonst?« Der Sekretär der Tschechischen Bischofskonferenz, Weihbischof Frantisek Radkowsky von Prag, hat uns die Antwort Ende Februar 1993 in einem ganz einfachen, klaren Leitsatz in Regensburg gegeben: »Menschen mit gemeinsamer Heimat und Geschichte gehören zusammen!«

Selbst die polnische Ministerpräsidentin Suchocka, die das in der Praxis bisher allerdings nicht durchsetzen kann, sagte den Polen in Oppeln im März: »Die Menschen, die nicht zur polnischen Nationalität gehören, sie sind eine wertvolle Vielfalt. Ohne sie klappt nicht unser Aufbau. Sie müssen ihre Identität frei entfalten, nur dann können wir Loyalität verlangen!« Braucht man in vielen Teilen unserer entvölkerten Heimat, in der oft zerstörten Natur, bei den vergrämten und verarmten Menschen in unseren Dörfern nicht den gemeinsamen Wiederaufbau Schulter an Schulter? Ja, man braucht ihn, er ist

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notwendig, und es ist Platz dafür da! Und man braucht das gemeinsame politische Planen und Handeln.

Freilich gibt es auch noch den Gegensatz von Pfingsten, den alten Ungeist. Oft stehen Haß, Angst, Überheblichkeit zwischen uns. Das ist der alte Geist von Babel, der Gegengeist von Pfingsten. Die Gegensätze sind tief. Ohne deren Aufarbeitung gibt es keine gemeinsame Heimat, keinen gemeinsamen Wiederaufbau, kein gemeinsames Europa. Niederlassungsfreiheit allein ist noch nicht die Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat. Dazu gehören heimatliches Leben, heimatliche Entfaltung, Schulen, deutsche Gottesdienste, lebendige Vereine, Bildungseinrichtungen. An diesem Pfingsttag sollten Deutsche und Tschechen, Slowaken, Polen und Rumänen zu Gott rufen: »Sende aus Deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!« Daß Gottes Geist von ihren Augen die Verblendung des Hasses, der Angst, der Überheblichkeit nehme, daß er die Tugenden der Klugheit, der Weisheit und der Tapferkeit, die sieben Gaben des Heiligen Geistes zum Wiederaufbau der gemeinsamen Heimat gebe - und daß er die notwendige Geduld und Zähigkeit schenke!

Wenn wir so beten, dann heißt das auch, daß wir zur konkreten Hilfe bereit sind. Die Deutsche Bischofskonferenz hat auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken die Aktion RENOVABIS ins Leben gerufen. Sie hat ihren Namen von dem Pfingsgebet »Renovabis«, das heißt: »Du wirst erneuern«.

»Gerade Heimatvertriebene müssen neben der materiellen Hilfe ihren Sachverstand und ihre Kenntnisse von der Situation dort einbringen, damit diese Hilfe gelingt. Über viele Jahre wurden die Kontakte in die alte Heimat gepflegt. Gesprochen werden durfte darüber nicht. Jetzt, da viel mehr möglich ist, werden die Heimatvertriebenen in der Aktion RENOVABIS als Fachkundige gebraucht. Es ist zu hoffen, daß ihr Rat auch gesucht wird.« Das schreiben die Verantwortlichen der Vertriebenenseelsorge in einem Pastoralbrief zu Pfingsten 1993.

Und nun zum abschließenden Amen: Was sagte doch Goethe? »Wer das Recht hat und die Geduld, für den kommt auch die Zeit.« Halten wir uns dankbar vor Augen, was in den vergangenen Jahren schon alles zum Guten hin verändert wurde, und vergessen wir im Hinblick auf das Pfingstfest nicht, daß die Zusage des Herrn an die Apostel: »Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird«, auch für unsere Zeit gilt.

Deshalb bitte ich Euch: Haltet auch weiterhin an der Gemeinschaft fest, die vom Bekenntnis zu Glaube und Heimat getragen wird! Bleibt offen für die Sorgen und Nöte der Menschen unserer Zeit, seid großherzig in der Hilfe! Habt Vertrauen, daß wir unsere Wege nicht alleine gehen, denn der Sohn Gottes ist gekommen, damit wir »das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh. 10,10).

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Anmerkung: Am 14. 2. 1994 veröffentlichte Weihbischof Gerhard Pieschl, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlings- und Vertriebenenseelsorge, Limburg, einen Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), in dem er die Lebens- und Überlebensrechte auch des deutschen Volkes und Vaterlandes erneut hervorhob. Der Leserbrief trägt die Überschrift:»Wie der Papst das Recht auf Heimat sieht« und lautet wie folgt:

In dem Beitrag »Auf ewig tschechisch soll bleiben, was deutsch war« von Berthold Kohler (FAZ vom 27. Januar) wird Heimatrecht wieder einmal in Anführungszeichen geschrieben. Damit ist ein entscheidendes Problem unserer Tage benannt, denn es ist wohl kaum umstritten, daß Heimatrecht in Anführungszeichen, daß fehlender Minderheiten- und Volksgruppenschutz zu Bürgerkriegen, Gefährdung und Zerfall von Staaten und grausamen Verfolgungen von Menschen führt. Ohne rechtzeitigen Minderheiten- und Volksgruppenschutz, ohne Recht auf die Heimat gibt es keine dauerhafte Ordnung zwischen den Völkern und Staaten und keine tragfähige Friedensordnung. Der rechtzeitige wirksame Volksgruppenschutz, das Heimatrecht ist zu einem zentralen Friedensproblem geworden. Im Zusammenhang mit Jugoslawien und den Vorgängen in Bosnien wurden die »ethnischen Säuberungen« in Form brutaler Massen Vertreibungen immer mehr in der Diplomatie und von Diplomaten als Völkermord bezeichnet. Die Konvention gegen den Völkermord geht von einer engen Definition des Völkermords aus: die beabsichtigte Durchführung der völligen physischen Vernichtung einer Gruppe. Anträge bei der Beratung der Konvention, jede Massenvertreibung als Völkermord zu bestrafen, setzten sich nicht durch.

In der IV. Genfer Konvention wurde im Jahre 1949 durch positives Völkerrecht ausdrücklich die Massenvertreibung in kodifizierter Weise verurteilt. Positivisten gehen davon aus, daß sie erst seit 1949 im Völkerrecht verboten ist. Auf diesem Standpunkt steht zum Beispiel der ehemalige polnische Außenminister Skubiszewski (der zwar das Leid der Betroffenen bedauert), aber auch der katholische Theologe Sobanski (Ehrendoktor der katholischen Fakultät in Bonn). Gegenteiliger Ansicht sind viele deutsche Völkerrechtler, darunter Professor Kimminich (der die fehlende Kodifizierung des Verbots der Massenvertreibung darauf zurückführt, daß das Völkerrecht von der Seßhaftigkeit ausgegangen sei), Professor Blumenwitz, die Schule des großen österreichischen, naturrechtlich verankerten Völkerrechtlers Verdroß mit ihrem bedeutenden Vertreter Professor Ermacora und viele andere.

Thomas G. Masaryk leugnete die gemeinsame Geschichte mit den Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien und betonte, daß sie als Kolonisten dort lebten. Edvard Benes leitete davon die Berechtigung des »Abschubs« der Deutschen schon während des Zweiten Weltkrieges ab, der dann grausam 1945 und 1946 vollzogen wurde. Die polnische Londoner Exilregierung lehnte dies anfangs wegen Ostpolen ab. Mit der Zeit gelang es Benes und der

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englischen Regierung, die polnische Exilregierung zu einem schrittweisen Ja dafür zu gewinnen. Skubiszewski stellt das in seinem Werk über die Massenvertreibung der Deutschen von 1968 dar.

Jan Amos Komensky (Comenius) verfaßte 1628 eine philosophische Schrift Über das Glück einer Nation. Er widmete sie dem »erlauchten Fürsten von Siebenbürgen«, Georg Rakoczy, von dem er erwartete, daß er seine Waffen gegen das kaiserliche Wien erheben und nicht nur das damalige »königliche Ungarn« befreien werde, das ist die Slowakei, sondern auch Mähren und vielleicht auch den Tschechen Freiheit bringen werde. Zu den aufgeführten achtzehn Bedingungen, die es zu erfüllen gilt »für die Erreichung des nationalen Wohles und Glückes der Nation«, heißt es an dritter Stelle, »daß die Nation nicht mit anderen Nationen durchmischt ist«.

Es gibt Behauptungen, daß angelsächsische Diplomaten schon in den ersten zwei Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts die »Entmischung« von neben- und miteinander siedelnden Volksgruppen als friedensstiftend ansahen. Allerdings wollte man zum Beispiel im Lausanner Vertrag endlich die Umsiedlung in erträgliche Bahnen leiten. Skubiszewski bejaht im Sinne von Benes noch 1968, daß zur Gestaltung der Friedensordnung in Europa alle Deutschen hinter die Linie Stettin-Triest verbracht werden müßten. Das hätte nach ihm viel schneller erfolgen müssen, auch wenn er die Opfer bedauert. Diese 1968 veröffentlichte Ansicht ist bis heute nicht zurückgenommen oder korrigiert worden.

Dagegen hat Johannes Paul II. in einer Rede am 31. Januar 1982 in Rom unter anderem ausgeführt: »Niemandem kann entgehen, daß die Verbannung eine schwere Verletzung der Normen des gesellschaftlichen Lebens darstellt, daß sie in offenkundigem Widerspruch zur allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und zum internationalen Recht selbst steht, und die Folgen einer solchen Bestrafung oder Vertreibung erweisen sich als dramatisch auf individueller wie auf sozialer und moralischer Ebene. Der Mensch darf nicht der Grundrechte beraubt werden, in dem Vaterland zu leben und zu atmen, in dem er das Licht der Welt erblickt hat, in dem er die teuersten Erinnerungen an seine Familie bewahrt, die Gräber seiner Vorfahren und die Tradition, die ihm Lebenskraft und Glück schenken.«

Am 11. Mai 1984 beklagte Papst Johannes Paul II. in Bangkok das Schicksal derjenigen, die gezwungenermaßen ihr Heimatland verlassen mußten. Es müsse langfristige Lösungen dafür geben. »Umsiedlung allein kann niemals die endgültige Antwort auf das Leid dieser Menschen sein. Sie haben ein Recht darauf, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, heimzukehren in ihr Geburtsland mit seiner nationalen Souveränität, seinem Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Sie haben ein Recht auf die kulturellen und geistigen Beziehungen, die sie in ihrem Menschsein nähren und aufrechterhalten.«

Am 12. Januar 1985 sagte er vor dem diplomatischen Korps: »Wie kann man innerhalb eines Landes die Rechte eines Teiles der Bevölkerung geltend

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machen, während man die anderen vom Recht, friedlich auf demselben Boden zu leben, ausschließt? Oder wie kann man einem ganzen Land ein Sondergesetz aufzwingen, das die bürgerlichen und religiösen Rechte der Minderheit beschneidet?« Den Juden gegenüber erklärte er am 11. September 1987 in Miami: »Sie haben ein Recht auf ein Heimatland, wie es jede Nation nach dem internationalen Recht hat.« Dieses Recht auf das Heimatland haben aber auch die Palästinenser, »von denen noch so viele heimatlos und Flüchtlinge sind«. Viele sehen die Wurzel des Rechtes auf die Heimat im Recht auf Selbstbestimmung. Das Recht auf die Heimat tangiert jedenfalls ein Bündel von Menschenrechten (Freiheit und Ungestörtheit des Wohnsitzes, Eigentum und andere). Deshalb führt in die Irre, wer Heimatrecht in Anführungszeichen setzt. Wer das Recht auf die Heimat für Deutsche so relativiert, relativiert auch die Heimatrechte aller.

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