HARALD BACHMANN
Die Landesregierung von Deutschböhmen und das verweigerte Selbstbestimmungsrecht 1918/19

I. Die Deutschböhmische Frage während der letzten Jahre der Monarchie

Die tschechoslowakische Emigrationspolitik - Die Dreikönigsdeklaration der tschechischen Abgeordneten 1918 - Die deutschböhmische Reaktion - Der 28. 10. 1918 - Die Ausrufung Deutschböhmens als eigenständige Provinz Deutschösterreichs

Nach der Niederlage bei Solferino vom Jahr 1859 begann eine neue Epoche der Monarchie. Das neoabsolutistische Herrschaftssystem hatte versagt, und der Umbau in einen konstitutionellen Staat wurde unvermeidbar. Langwierige Verhandlungen, begleitet von verschiedenartigen Verfassungsexperimenten, folgten. Der Kaiser war zu größerem Entgegenkommen bereit und erließ 1860 das Oktoberdiplom, das in den einzelnen Erbländern eine Beteiligung der Landtage an der Gesetzgebung und an dem Verfassungsleben vorsah. Das Februardiplom von 1861 schränkte zwar einige der zugestandenen Rechte wieder ein, doch eine Auflockerung des bisherigen Systems war erkennbar. Mit Ungarn führten die Verhandlungen schließlich zu einer dauerhaften Lösung, dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867. Diese Vereinbarung über das staatsrechtliche Verhältnis zwischen Zisleithanien und den Ländern der Stephanskrone sicherte diesen eine eigene Regierung mit eigenem Reichstag und eigenen Ministerien, somit eine größere Selbständigkeit, zu. Die Zugeständnisse Österreichs den Ungarn gegenüber hatten auch bei den Tschechen den Wunsch gefestigt, die gleichen Rechte für die Länder der böhmischen Krone zu erlangen. In der Deklaration vom 22. August 1868 forderten die tschechischen Landtagsvertreter auch ihrerseits eine Regelung, die auf die Anerkennung des böhmischen Staatsrechts hinauslief. Das bereits erwähnte Februarpatent gestand dem Königreich Böhmen die Landesautonomie zu. Der Wunsch der Alttschechischen Partei ging dahin, die Krönung

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Kaiser Franz Josephs zum König von Böhmen durchzusetzen. Das hätte bedeutet, daß sich die böhmischen Länder weitgehend aus dem Verband der österreichischen Erbländer gelöst und damit fast selbständig gemacht hätten. Diese Forderung der Tschechen beunruhigte die Deutschen in Böhmen, und ihr Wunsch nach verwaltungsmäßiger Abgrenzung der von Deutschen bewohnten Gebiete gegenüber dem tschechischen Siedlungsraum wurde nach l867/68 immer lauter vorgetragen. Die Sorge der Deutschen um die Erhaltung ihres Sprachraumes war in der sozialen und ethnischen Umschichtung begründet, die die Industrialisierung der deutschen Randgebiete mit sich brachte. Die deutschen Unternehmer holten immer mehr billigere tschechische Arbeitskräfte aus dem Inneren des Landes in diesen Siedlungsraum. Die Erweiterung des Wahlrechts auf die minderbemittelten Bevölkerungskreise (Wahlgesetz 1882 und 1896), die vor allem der Arbeiterbevölkerung zugute kam, brachte für die tschechischen Zuwanderer eine verstärkte Einflußnahme auch in den deutschen Gebieten. Aus dieser Situation heraus ist es verständlich, daß die deutsche Bevölkerung des Landes um die Erhaltung ihres nationalen Besitzstandes besorgt war und darauf drängte, ihr Gebiet abzugrenzen.

Die deutschbürgerlichen Abgeordneten 1 des böhmischen Landtags bemühten sich seit den achtziger Jahren um diese Abgrenzung, doch wurden sie grundsätzlich von der tschechischen Mehrheit abgewiesen. Abgesehen vom sogenannten Teilausgleich von 1890, der die Aufgliederung des Landesschulrates und des Landeskulturrates in eine tschechische und eine deutsche Sektion herbeiführte, kam es zu keiner weiteren Einigung. Keiner der mühevoll ausgearbeiteten Pläne deutscher Abgeordneter konnte verwirklicht werden. Ein »Böhmischer Ausgleich« - im Unterschied zum Mährischen Ausgleich von 1905, in dem sich beide Nationen hinsichtlich vieler Fragen, wie etwa Wahlkreiseinteilung, Schulautonomie, Amtssprache, verständigt hatten - kam leider bis 1914 und auch während des Krieges nie zustande. Und das, obwohl die Reichsratswahlordnung von 1907 als Gesetz in Böhmen eine Wahlkreiseinteilung nach Nationalitäten festgelegt hatte!

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war in der Tat ein »kosmisches Ereignis«, wie Graf Ottokar Czernin es bezeichnet hat. Er war der Beginn eines neuen Zeitalters und brachte schließlich das Ende der Donaumonarchie mit sich. Zunächst jedoch unterbrachen die Kriegsereignisse jäh die parlamentarischen Arbeiten, an denen seit 1911 auch Rudolf Lodgman von Auen als parteiloser Abgeordneter beteiligt war. Der Reichsrat wurde aufgelöst, Zisleithanien verfiel dem staatlich gelenkten Kriegsabsolutismus unter dem Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh. Einer seiner Nachfolger, Heinrich Graf Clam-Martinic, wollte durch ein Oktroi im wesentlichen den Wunsch der Deutschen in Böhmen nach einer Abgrenzung erfüllen, doch auch dieser Versuch scheiterte aus außenpolitischen Gründen (1917 Ausbruch der Russischen Revolution) und wegen des Widerstandes der Tschechen in Regie-

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rungskreisen. Vorher schon hatten die ständigen Streitigkeiten im böhmischen Landtag zu einer Aufhebung der Landesautonomie durch das sogenannte Annapatent vom 26. Juli 1913 geführt. Der böhmische Landtag wurde aufgelöst, und an seine Stelle trat eine Landesverwaltungskommission unter Vorsitz des Grafen Adalbert Schönborn, die die Verwaltung der landeseigenen Institutionen in die Hand nahm.

Die Streitpunkte, die jede Einigung und jedes Zustandekommen eines Landesgesetzes verhindert hatten, waren die (später so genannten) Belange der deutschböhmischen Parteien: Einrichtung rein deutscher Kreishauptmannschaften im deutschen Sprachgebiet, Schaffung von Bezirksgerichten mit deutscher Amtssprache, Bildung eines deutschen Kreisgerichts in Trautenau, Abgrenzung deutscher Steuerstrafbezirke und anderes mehr.

Die permanente Staatskrise Zisleithaniens zeigte deutlich, daß eine Staatsreform - in allerletzter Stunde - unumgänglich war. Auf diese setzten fortschrittliche Persönlichkeiten ihre Hoffnungen, von ihr erwarteten Parteien, ja ganze Nationen die Erfüllung ihrer lange verkündeten Forderungen.

1917 wurde deshalb der Reichsrat wieder einberufen, er sollte eine umfassende Verwaltungsreform durchführen (Änderung des Wahlsystems der Landtage und Gemeindevertretungen auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts; Schaffung nationaler territorialer Autonomie in den Kronländern, Pläne für eine allgemeine Sozialversicherung). Die bisherige Verfassung Zisleithaniens von 1867 (Dezemberverfassung) und die Verwaltungsorganisation der einzelnen Kronländer waren veraltet. Nicht ohne Grund wurde die Monarchie von dem schwedischen Geographen Rudolf Kjellen als Saurier unter den Großmächten bezeichnet.

In diese Zeit nach der Wiedereinberufung des österreichischen Reichrates fällt auch die zweite Epoche der parlamentarischen Tätigkeit Rudolf Lodgmans von Auen 2. Er entstammte einer englischen Adelsfamilie, die seit dem 16. Jahrhundert im Dienste des Hauses Habsburg in Böhmen ansässig war und dem deutschböhmischen Beamten- und Offiziersadel zugerechnet wurde. Lodgman war bereits 1911 in das Abgeordnetenhaus des Reichsrats gewählt worden und hatte 1912/1913 auch dem böhmischen Landtag bis zu seiner Sistierung angehört. 1914 bis 1917 leistete er Kriegsdienst als Artillerieoffizier. Seine Berufslaufbahn hatte ihn nach dem Rechtsstudium in den staatlichen Verwaltungsdienst geführt, doch übernahm er 1906 die Geschäftsleitung der Zentralstelle des Verbandes der deutschen Verwaltungsbezirke in Aussig. So war die Elbestadt auch Mittelpunkt seiner Arbeit als parteiloser Volksvertreter während der letzten Friedensjahre der Monarchie geworden.

1917 wurde Kaiser Karl auf Lodgman wegen dessen Reformpläne bezüglich der Nationalitätenfrage aufmerksam, und der Abgeordnete galt als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten. Es kam jedoch nicht zu seiner Berufung, da er als Parteiloser nicht die parlamentarische Mehrheit hinter sich hatte. In dieser schweren Kriegszeit mit den beginnenden Auflösungstendenzen und

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den Selbständigkeitsbestrebungen der slawischen Nationen war es für den jungen Kaiser Karl, der im Oktober 1916 nach dem Tode Franz Josephs die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, nicht leicht, einen Ministerpräsidenten zu finden. Die einzige Lösung war, einen Beamten zu berufen, den Sektionschef Professor Ernst Seidler. Zu Seidlers Amtszeit hatten auch die deutschnationalen Parteien 3 günstigere Aussichten, ihre Forderungen wenigstens teilweise durchzusetzen, denn sie unterstützten den Regierungschef. Es gelang ihnen, vom Ministerium Seidler in Anbetracht der vorübergehend für die Mittelmächte günstigeren Kriegslage Zugeständnisse hinsichtlich ihrer Abgrenzungswünsche zu erhalten. Seidlers späterer Nachfolger, Ministerpräsident Max Hussarek von Heiniein, hatte bereits als Unterrichtsminister in der Regierung Seidler im Mai 1918 den deutschen Abgeordneten Zusagen gemacht, die sich auf die bereits erwähnten Belange der Deutschböhmen bezogen. Zu den genannten Punkten kam nun auch die Forderung nach einer Teilung der Landesverwaltungskommission in eine deutsche und eine tschechische Sektion und der Wunsch nach einer Ablösung des Grafen Schönborn, des Leiters der Landesverwaltungskommission, der den Deutschen nicht genehm war. Die Forderungen der Deutschnationalen gingen in zwei Punkten über die erwähnten Belange hinaus:

1. Sofortige Abgrenzung der Gerichts- und Steuerstrafbezirke.

2. Teilung der Verwaltungs- und Ernährungsorganisationen, der Post- und Telegraphenämter, der Invaliden-, Waisen- und Krankenversicherungsanstalten und anderes mehr.

Die Verordnungen von 27. Juli 1918 brachten nun endlich auf Hussareks Betreiben hin die Vorarbeiten zur Teilung der Landesverwaltungskommission. Der damalige Minister wollte damit seinen Verpflichtungen den deutschen Abgeordneten gegenüber nachkommen. Es war auch unter dem Eindruck der Kriegssituation in allerletzter Stunde der Versuch, verordnungsmäßig eine Abgrenzung als Vorbereitung zu einer Autonomie der deutschen Gebiete in Böhmen zu erlangen. Und gerade diese Belange waren es, auf die sich die deutschböhmische Landesregierung 1918/19 als Ausgangsbasis für den verwaltungsmäßigen Aufbau Deutschböhmens stützte.

Hussarek versuchte, auch mit den tschechischen Parteien zu einer Verständigung zu kommen. Er machte am 26. September 1918 den Vertretern der tschechischen Nation das Angebot völliger Autonomie. Doch sein Bemühen war vergebens, da der tschechische Nationalrat in Paris bereits die Loslösung der böhmischen Länder von Österreich vorbereitet hatte.

Die Verordnungen waren ein Kompromiß, der die Hoffnungen eines Teils der deutschen Abgeordneten, vor allem der Deutschradikalen, enttäuschte. Diese hatten die Bildung einer deutschböhmischen Provinz erwartet 4. Hussarek hatte gehofft, Vorarbeiten für eine Friedenskonferenz zu leisten, doch seine Bemühungen wurden von den politischen Ereignissen überholt.

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Inzwischen hatten sich hinter den Kulissen der Weltkriegspolitik Vorgänge abgespielt, die für die Geschichte der böhmischen Länder tiefgreifende Konsequenzen hatten 5. Die Aktivitäten der tschechoslowakischen Exilpolitiker künden - wenn man die archivalischen Akten der k. u. k. Vertretungen in den neutralen Ländern heranzieht - von einer sehr wirksamen publizistischen Einflußnahme. Sie bereiteten eine Weltrevolution gegen die monarchischen Ordnungen in Mitteleuropa, besonders gegen die Donaumonarchie, vor. Die Agitation tschechischer, slowakischer, polnischer und südslawischer Politiker und ihrer Gönner, mächtiger Finanziers und Publizisten, bedurfte nur noch einer zentralen Leitung. Am intensivsten schienen die Kontakte mit führenden Persönlichkeiten in Rußland gediehen zu sein, der Macht, die ganz besonders an der Förderung der neoslawischen Politik beteiligt war. Tomás Garrigue Masaryk, Professor der Philosophie an der tschechischen Universität Prag, seit 1914 im Exil, hatte andererseits den Plan einer Lösung der böhmischen Frage mit Hilfe der Westmächte entwickelt. Er war mit dem Slowaken Milan Stefanik, dem slawophilen französischen Historiker Ernest Denis und schließlich dem taktisch außergewöhnlich geschickten Dr. Edvard Benes, damals noch Dozent für Soziologie in Prag, intensiv an der Begründung der Geheimorganisation »Maffia« beteiligt. 1915 gelang es ihm, Osterreich zu verlassen und über Bayern in die Schweiz zu reisen. Von dort aus war seine Mitarbeit für Masaryk besonders wichtig. Im Dezember 1915 traf Benes in Paris ein, wo er die bedeutende Position eines Generalsekretärs des »Conseil National des Pays Tchèques« (Nationalrat der böhmischen Länder) übernahm. Ernest Denis und Louis Eisenmann vermittelten Benes wichtige Kontakte zu französischen Staatsmännern wie Raymond Poincaré, Georges Clémenceau und Stephen Pichon. Denis war auch an den ersten Demonstrationen gegen Österreich führend beteiligt, vor allem an den Aufrufen des Jahres 1915 in der Schweiz (Husfeier im Juli 1915). Von entscheidendem Einfluß wurde der Nationalrat der böhmischen Länder, als er 1916 von den westlichen Kriegsmächten offiziell anerkannt wurde.

Ein weiteres Faktum der nationalen Erhebung gegen Habsburg bildete die Aufstellung der tschechischen Legionen im alliierten Lager, und zwar in Rußland, Frankreich und Italien. Damit konnte Masaryk auf die aktive tschechische Mithilfe gegen den Kriegsgegner Österreich-Ungarn hinweisen.

Auch im Inneren Zisleithaniens war es der tschechischen Untergrundbewegung gelungen, die Staatsautorität zu untergraben. Die tschechische »Maffia« fand Wege, mit der Auslandsorganisation in Verbindung zu bleiben, obwohl nach 1915 der Druck des sogenannten Kriegsabsolutismus und die Verfolgung der Staatsfeinde in Österreich an Schärfe zugenommen hatten. Hochverratsprozesse gegen die führenden tschechischen Politiker Karel Kramár, Alois Rasin, Václav Klofác und andere endeten im Juli 1917 mit der Begnadigung der Verurteilten durch Kaiser Karl. Eine Versöhnung der tschechischen Nation mit Österreich war jedoch trotz einiger Loyalitätserklärungen führender tschechi-

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scher Politiker - man denke an das Treuebekenntnis für Habsburg vom 23. Januar 1917 - nicht zu erwarten. Am 6. Januar 1918 forderten die tschechischen Abgeordneten in einer Resolution, der sogenannten »Dreikönigsdeklaration«, die Loslösung von Österreich.

Bei den Westmächten war allerdings bis tief in das Jahr 1918 hinein der Gedanke an eine Vernichtung und Aufteilung der Monarchie noch nicht konkretes Ziel. Noch immer war nur von einer völligen Autonomie für alle Nationen Österreich-Ungarns die Rede. Selbst die 14 Punkte Präsident Wilsons sahen keineswegs eine Auflösung der Monarchie vor. Der Punkt 10 der 14 Punkte Wilsons aus seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 drückt aus, daß den Völkern »Österreich-Ungarns die erste Gelegenheit zu einer autonomen Entwicklung gegeben werden sollte«. 6

Nach dieser Deklaration des amerikanischen Präsidenten versuchten die österreichischen Regierungen den Fortbestand der Monarchie in irgendeiner Weise zu sichern. Ministerpräsident Hussarek machte, wie bereits erwähnt, selbst noch am 26. September den Tschechen das Angebot völliger Autonomie, er wurde jedoch abgewiesen. Inzwischen hatten am 3. Juni 1918 Großbritannien und am 29. Juni auch Frankreich den Nationalrat in Paris als »oberstes Organ der tschechoslowakischen Bewegung in den alliierten Ländern« anerkannt 7 und damit den Tschechen und Slowaken indirekt die Selbständigkeit zugesichert. Vom Januar 1918 bis zu den Ereignissen im Oktober, als die Lage der Mittelmächte aussichtslos geworden war, waren die Chancen der Tschechen bezüglich eines totalen Wandels im Innern der Monarchie ins Ungeahnte gewachsen. Vergeblich also der letzte Versuch Österreichs zu einer Verständigung! Das Manifest Kaiser Karls an seine »treuen österreichischen Völker« wurde vom Prager Nationalausschuß (národní výbor) abgelehnt.

Die krisenhafte Lage im Innern der Monarchie veranlaßte die deutschen bürgerlichen Parteien, nun endlich konkrete Ziele zur Verwirklichung ihrer Forderungen ins Auge zu fassen. Auf ihr Drängen kam es am 26. September 1918 zur nationalen Zweiteilung der Landesverwaltungskommission 8. Am selben Tag erklärten sich die sozialdemokratischen Abgeordneten, den Prinzipien des Brünner Nationalitätenprogramms von 1899 folgend, für das »Selbstbestimmungsrecht der slawischen und romanischen Nationen Österreichs«, betonten jedoch auch: ». . . wir lehnen aber unbedingt und für immer die Unterwerfung deutscher Gebiete unter diese Nationalstaaten ab. Wir verlangen, daß alle deutschen Gebiete Österreichs zu einem deutsch-österreichischen Staat vereinigt werden, der seine Beziehungen zu den anderen Nationen Österreichs und zum Deutschen Reich nach seinem eigenen Bedürfnis regeln solle.« 9

Bisher hatten sich alle Bemühungen um eine Annäherung der beiden Parteien, der Sozialdemokraten und der Bürgerlichen, als ergebnislos erwiesen. Der politische Gegensatz zwischen ihnen war schon während der Ära der Ausgleichsverhandlungen (vor 1914) zutage getreten. Versuche, eine prinzi-

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pielle Einigung über die politische Grundkonzeption zu erzielen, schlugen aus ideologischen Gründen fehl. Auch der aus außerparlamentarischer Provenienz erfolgte Einigungsversuch des Vorsitzenden des Deutschen Volksrates für Böhmen, des Dr. Josef Wenzel Titta (Trebnitz), wurde abgelehnt. 10 Diese Aufforderung, zu einem Einverständnis zu kommen, war am 30. Dezember 1917 erfolgt, sie wurde jedoch durch ein Antwortschreiben Seligers an Titta zurückgewiesen 11.

Nun, in Anbetracht der Tatsache, daß im Verlauf des Jahres 1918 die deutschen Abgeordneten allen tschechischen Parteien, einschließlich der tschechischen Sozialdemokratie, gegenüberstanden, kam es Mitte Oktober zur Vereinbarung der Zusammenarbeit. Die entsprechende Koalitionsvereinbarung 12, die zwischen Pacher und Seliger ausgehandelt wurde (14. Oktober), war später die Grundlage für die Bildung der Landesregierung für Deutschböhmen.

Am 23. Oktober wurde der Beschluß zur Konstituierung Deutschböhmens und zur Schaffung eines zwölfgliedrigen Ausschusses gefaßt, der die vorbereitenden Arbeiten zu übernehmen hatte. Die Proklamation erfolgte aber erst einen Tag nach dem Prager Umsturz. Inzwischen hatten sich in Prag die Ereignisse zugespitzt. Der spätere Finanzminister Alois Rasin berief das Präsidium des Nationalausschusses ein, und unter dem Vorsitz Kramárs kam es am 26. Oktober 1918 zu dem Beschluß, im Einverständnis mit dem Statthaltereivizepräsidenten Gustav Kosina die Verwaltung des Landes in eigene Hände zu nehmen. Vorher schon waren Vertreter des Prager Nationalausschusses in Genf mit den Pariser Vertretern unter Benes' Führung zusammengetroffen. Die Proklamation der tschechoslowakischen Republik, die dann am 28. Oktober erfolgte, und die Übernahme der staatlichen Gewalt waren damit beschlossene Sache. Dem k. k. Statthalter Graf Max Coudenhove, der von einer Reise nach Wien (zur Berichterstattung) nach Prag zurückkehrte, um seine Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen, wurde vom tschechischen Militär und von Vertretern des Nationalausschusses in höflicher Form nahegelegt, nach Wien zurückzufahren. Man betrachtete sich nicht mehr unter der Souveränität der Monarchie stehend.

II. Das verweigerte Selbstbestimmungsrecht

1. Gliederung und Funktion der Landesregierung für Deutschböhmen

Die autonome Landesvertretung - Provisorische Landesversammlung (Landtag) - Landesrat (Landesausschuß) - Landeshauptmann - Stellvertreter - Landesräte - Bezirksnationalräte - Landesschulrat - Die Parteien und die Landesvertretung

Die staatliche Neugründung, die sich am 28. Oktober 1918 in Prag vollzogen hatte, war von Anbeginn durch die Tatsache belastet, daß rund 3,2 Millionen Deutsche in den böhmischen Ländern ansässig waren.

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Der neue Staat mit seiner Exekutive mußte sich mit dem von den Deutschen in Anspruch genommenen Selbstbestimmungsrecht - gemäß Wilsons Verheißungen - auseinandersetzen. Es bestand kaum Zweifel daran, daß die politischen Vertreter der Deutschen die Forderung nach dem Anschluß der überwiegend deutsch besiedelten Gebiete an eine sich konstituierende deutsch-österreichische Republik erheben würden.

So kam es im Zusammenhang mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich und dem Verzicht Kaiser Karls auf seine Herrschaftsrechte im niederösterreichischen Landhaus zu der Proklamation der Provinz Deutschböhmen des Staates Deutschösterreich. Der Deutschradikale Raphael Pacher wurde zum Landeshauptmann gewählt, er stand von Anbeginn an vor schweren Aufgaben. Ihm oblag es, die Übernahme und Vereidigung der Beamten auf den neuen Staat vorzunehmen, neue Ämter einzurichten, Versorgungsfragen zu regeln und die Eingliederung der Kriegsheimkehrer in den Arbeitsprozeß in die Wege zu leiten.

Die bereits erwähnte Koalitionsvereinbarung zwischen Pacher und Seliger vom 14. Oktober 1918 war die Grundlage für die Bildung der Landesregierung. Lange Verhandlungen waren vorausgegangen. Die Schwierigkeiten waren ideologisch bedingt und hatten sich vor allem aus der Tatsache ergeben, daß der böhmische Landtag bis zu seiner Sistierung im Juli 1913 nach dem Kurienwahlrecht gewählt wurde und die Sozialdemokraten in ihm - im Gegensatz zum Mährischen Landtag - nicht vertreten waren. Man vereinbarte nun den Ausschluß der deutschböhmischen Herrenhausmitglieder, der nicht nach demokratischen Prinzipien legitimierten Vertreter des Deutschen Volksrates unter Titta und der Vertreter der deutschen Bezirke sowie der deutschen Städtekanzlei aus der nun einzuberufenden deutschböhmischen Landesversammlung 13.

Das Einschwenken der bürgerlichen Parteien auf die demokratischen Prinzipien erfolgte unter Annahme von Bedingungen, die dem gesellschaftlichen Programm der Sozialdemokratie in Deutschböhmen voll entsprachen. Der nunmehr gebildete zwölfgliedrige Ausschuß, bestehend aus ehemaligen Reichstagsabgeordneten unter der Vorstandschaft Pachers, umfaßte folgende Mitglieder: Hans Hartl, Josef Herold, Oswald Hillebrand, Karl Iro, Hans Knirsch, Rudolf Lodgman, Wilhelm Maixner, Julius Roller, Anton Schäfer, Josef Seliger, Soukup und Karl Urban 14. Ihrer Parteirichtung nach gehörten dem Ausschuß drei Deutschnationale (darunter Raphael Pacher), drei Sozialdemokraten (unter ihnen Josef Seliger), zwei Agrarier, ein Abgeordneter der Arbeiterpartei und drei Parteilose (mit Rudolf Lodgman) an.

Die politische Organisation der Deutschen war entschlossen, die bisherige Tendenz einzuhalten: Einrichtung einer durch Abgrenzung zu schaffenden Provinz Deutschböhmen und einer Provinz Sudetenland (das ehemalige Österreichisch-Schlesien und Deutsch-Nordmähren) sowie die Berücksichtigung eines deutschmährischen Kreises (in Südmähren) und eines deutschen

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Böhmerwaldgaues. Darüber hinaus hoffte man, daß man auch etwas für die Sprachinseln im tschechischen Bereich tun könnte.

Bereits während der letzten Oktobertage kam es in Prag zu Besprechungen zwischen deutschen Parteivertretern und Mitgliedern der tschechoslowakischen Regierung. Lodgman vertrat bei diesen Verhandlungen als Privatmann die Auffassung, daß die Entscheidung über die deutschböhmischen Gebiete der Friedenskonferenz vorbehalten sei und also keine endgültige Regelung getroffen werden könne.

Schon in diesen Tagen tauchten große Bedenken auf hinsichtlich des Verhaltens der tschechoslowakischen Regierung gegenüber der Proklamation einer eigenberechtigten Provinz Deutschböhmen. Die ablehnende Haltung der Tschechen manifestierte sich besonders nach dem 28. Oktober 1918. Pacher hatte vorher schon auf der Basis der staatsrechtlichen Verhältnisse Zisleithaniens in einer Abhandlung mit dem Titel Deutschböhmen, wie es gesetzlich bereits besteht alle Vorarbeiten einer Abgrenzung zusammengefasst 15. Zwei beigegebene Karten sollten die geographische Konfiguration der zu proklamierenden Provinz auf der Grundlage der Reichsratswahlordnung von 1907 und die im Stadium des Aufbaus begriffene Kreiseinteilung darstellen. Aber seine Vorschläge blieben nicht ohne Einwände. Zu der grundsätzlichen Zurückweisung dieser Pläne durch die tschechischen Politiker gesellte sich nun auch die skeptische Einstellung des führenden Sozialdemokraten Josef Seliger. In einem Presseartikel vom November 1918 »Das selbständige Deutschböhmen« findet man seine grundlegenden Bedenken ausgesprochen. 16 So müßte daher seiner Meinung nach folgendes zu diesem Problem ausgesagt werden: Es ist nicht möglich, das in acht Siedlungsregionen zerteilte Gebiet zu einem einheitlichen Verwaltungsbereich zu vereinigen. Dies wäre nur für das große deutsche Sprachgebiet Nord-, Nordwest- und Westböhmens einigermaßen möglich. Im Gegensatz zu Fächers auf rein administrativer Abgrenzung und Loslösung (»Separatismus«) beruhender Konzipierung Deutschböhmens als einer Provinz der Republik Deutschösterreich, die ganz den bürokratischen Vorstellungen der »Verwaltungsbourgeoisie« Zisleithaniens entsprach, griff der Sozialdemokrat Seliger die wirtschaftlichen Grundprobleme auf. Er setzte sich auch mit den Folgen einer Teilung des geschlossenen traditionellen Wirtschaftsraumes Böhmens auseinander und mit der faktischen Unmöglichkeit der Angliederung dieser »Nordprovinz« an Deutschösterreich.

Inzwischen sollte jedoch die Kontinuität der Verwaltung und Versorgung der von Hungersnot bedrohten Bevölkerung garantiert werden. An den vorbereitenden Arbeiten wie auch bei der Bildung einer Landesregierung waren Raphael Pacher und sein späterer Nachfolger Rudolf Lodgman von Auen als führende Persönlichkeiten beteiligt.

Pacher (1857-1936) bekleidete das Amt des Landeshauptmannes nur einige Tage (bis zum 5. November), bevor er zum Staatssekretär für Unterricht in die Wiener Regierung Karl Renner berufen wurde. Er hatte seit der Jahrhundert-

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wende eine lange politische Laufbahn hinter sich 17. Neben Georg von Schönerer, Karl Hermann Wolf, Otto Steinwender und Arthur Stölzl sowie anderen zählte er zu den Männern, die die Phalanx der Deutschradikalen in der Monarchie bildeten.

Logdman (1877-1962) wurde als Parteiloser am 5 . November 1918 zum Landeshauptmann gewählt, obwohl er nicht unbedingt das äußerst radikale Programm Pachers, das eine Herauslösung der Provinz aus dem böhmischen Raum vorsah, vertreten hatte. Lodgman setzte sich eher für eine autonomistische Lösung ein und hatte in diesem Sinn während des Weltkrieges eine Abhandlung mit dem Titel Die Autonomie und ihre Bedeutung für Österreich-Ungarn 18 publiziert. In dieser Arbeit ging er von dem Plan eines Umbaus der Monarchie in einen Nationalitätenbundesstaat aus, dessen Einzelstaaten mit nationaler Souveränität ausgestattet sein sollten 19. Für das Sudetendeutschtum erhoffte er in gleicher Weise eine autonomistische Lösung, wobei er sogar Verluste im Bereich des Inseldeutschtums in Kauf nehmen wollte. Diesen Plan eines Verzichts auf Sprachinseln deutscher Zunge und einer »Abrundung« des deutschen Siedlungsgebietes, wie er sie verstand, hat Logdman im Herbst 1918 auch gegenüber dem Obmann des Deutschen Volksrates für Böhmen, Josef Wenzel Titta, vertreten. Titta bemühte sich in Verkennung der prekären Situation darum, in einem Maximalprogramm alle Sprachinseln und deutschen Minderheiten im Innern Böhmens für ein autonomes Deutschböhmen zu reklamieren. Lodgman betrachtete indes diese Planung als eine illusionäre Konstruktion und versuchte seinerseits, seinen Beitrag für eine kompaktere Konfiguration, die geographisch haltbarer gewesen wäre, zu leisten.

Am 5. November 1918 traten 18 deutsche Abgeordnete des böhmischen Landtags in Reichenberg unter dem Vorsitz Pachers zur konstituierenden Sitzung zusammen, als Stellvertreter des zu wählenden Lodgman fungierten die Abgeordneten Josef Seliger und Wilheln Maixner. Ihre vordringlichen Besprechungen und Maßnahmen galten wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Fragen. Von Wichtigkeit erschien die Errichtung einer provisorischen Eisenbahndirektion in Aussig. Große Bedeutung mußte auch den Verhandlungen beigemessen werden, die Seliger mit den Vertretern des tschechoslowakischen Nationalausschusses geführt hatte, und zwar mit Alois Rasin und Frantisek Soukup. Sie drehten sich um wirtschaftliche Versorgungsprobleme und verliefen, wie dieses 1. Protokoll des deutschböhmischen Landtags ausweist, ergebnislos 20. Festzuhalten wäre noch, daß Pacher erklärte, er habe die Landeshauptmannstelle nur provisorisch übernommen. Er brachte gleichzeitig zur Kenntnis, daß er sie niederlege.

Auf Vorschlag des Abgeordneten Schreiter wurde nun der Abgeordnete Lodgman einstimmig zum Landeshauptmann gewählt. Neben anderen Anträgen, die knapp erörtert wurden, erschien wichtig, daß Seliger als Bevollmächtigter die Vermittlung zwischen der Landesregierung und dem in Liquidierung befindlichen k. u. k. Militärkommando Leitmeritz übernehmen

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sollte 21. Außerdem gaben die verkehrstechnischen Verhältnisse der neuen Provinz zu bedenklichen Überlegungen Anlaß.

Josef Seliger, führender Sozialdemokrat, wirkte nach seiner Wahl als stellvertretender Landeshauptmann, er leitete die Verhandlungen, die zur Vorbereitung der Koalitionsregierung notwendig waren, mit den bürgerlichen Abgeordneten 22. Seine Bedeutung für die Einheitspolitik der Sozialdemokraten ist in der Literatur vielfach hervorgehoben worden. Als sich Seliger im Juni 1919 aus der Landesregierung zurückzog, bekleidete Philipp von Langenhan das Amt des stellvertretenden Landeshauptmannes (für den Zeitraum der Liquidierung bis 24. September 1919). Langenhan war im Jahre 1910 in den Reichsrat gewählt worden und übernahm 1919 nach dem Friedensschluß von Saint-Germain die Obmannschaft des Sudetendeutschen Heimatbundes in Wien.

Die neugeschaffene Landesregierung hatte trotz mancher Schwierigkeiten personeller Art die Amtsgeschäfte in Reichenberg aufgenommen. Zuvor hatten auch die Stadtvertretungen von Teplitz und Aussig versucht, Ansprüche auf den Sitz des Amtes vorzubringen, doch schließlich bewirkte die Unterstützung der Handels- und Gewerbekammer Reichenberg, daß die Landesregierung in deren Amtsräumen den nun endgültigen Sitz einnahm 23. Die Vorstände der Staatsämter und die gesamten deutschen Bezirksverwaltungen unterstellten sich der neuen Reichenberger Landesbehörde, und in den deutschsprachigen Bezirken wurden Nationalräte gebildet. Lediglich die deutschen Beamten der Zentralbehörden in Prag zeigten Bedenken, denn der 2. Runderlaß des Statthalterei-Vizepräsidenten Hofrat Kosina, der sich der neu gebildeten tschechoslowakischen Regierung zur Verfügung gestellt hatte (11. November 1918), wandte sich gegen die Anordnung der selbständigen Landesregierung für Deutschböhmen und forderte die Befolgung der Anweisungen der Prager Zentralbehörde und damit des Tschechoslowakischen Nationalrates 24. Die Vorarbeiten anläßlich der bereits erwähnten Einteilung der Reichsratswahlbezirke von 1907 wirkten sich auf die Abgrenzungsversuche der Provinz Deutschböhmen aus, die 38 Bezirkshauptmannschaften und das Gebiet der Stadtgemeinde Reichenberg umfaßte. Zwei Bezirkshauptmannschaften (Arnau und Niemes) wurden neu errichtet, einige tschechische Orte ausgegliedert. Neben den Bezirkshauptmannschaften traten auch die Bezirksnationalräte in Erscheinung, oft durch die Funktionäre des Volksrates aufgebaut. Die Basis der Neugliederung bildete - nach Anregung der Bezirksvertretungen - der Bezirksnationalrat. An seiner Entstehung waren vor allem die Volksräte beteiligt, und die Landesregierung suchte namentlich durch die Verbindung mit ihnen, die Ausführung der ihr gegebenen Weisung zu erreichen 25. Gelegentlich fiel den Bezirksnationalräten auch die Vollmacht zu eigenen Anordnungen zu, sie waren aber sonst prinzipiell von den Weisungen der deutschösterreichischen Staatsregierung und der Landesregierung für Deutschböhmen abhängig.

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Die Situation war jedoch schwierig, da es trotz vieler Versuche bis zum Ende des Krieges zu keiner konkreten Vorarbeit gekommen war, die die Selbständigkeit der Provinz ermöglicht hätte. Gustav Peters, 1918/19 Vertragsbediensteter der Landesregierung für Deutschböhmen, während der 20er und 30er Jahre Abgeordneter im Prager Parlament, charakterisierte rückblickend die Situation, die sich für die Repräsentanten Deutschböhmens ergeben hatte, folgendermaßen:

»Die geographischen und verkehrstechnischen Tatsachen gestatten noch immer keine straffe Zusammenfassung von Eger bis Braunau. Obgleich die sprachliche Zweiteilung Böhmens die Hauptforderung der Deutschen vor dem Kriege war, wurde von ihnen fast nichts unternommen, was die verwaltungs- und verkehrstechnischen Mängel und Schwierigkeiten des deutschen Gebietes überwunden hätte, insbesondere auch dann nicht, als das nahende Ende Österreichs die große Tat für die eigene Freiheit forderte und offensichtlich machte. Als 1918 die deutschböhmische Landesregierung in Reichenberg von dort aus die Verwaltung des deutschen nordböhmischen Gebietes aufbauen wollte, verfügte sie nur über eine einzige, aber auf Schnellzugsverkehr nicht eingerichtete Transversalbahn, über keine direkten Drahtlinien und über keine Verwaltungseinteilung, die es gestattet hätte, die einzelnen, geographisch so abgelegenen Teile zu einem Ganzen zu vereinen. Schon an dieser ungenügenden Bereitschaft, die in der Kriegszeit leicht hätte verbessert werden können, scheiterte der kurze Traum der Selbständigkeit.« 26

Eine der wichtigsten Entscheidungen bei der Errichtung der Provinz Deutschböhmen war die Aufhebung der bisherigen Trennung der Landesverwaltung in eine autonome und eine landesfürstliche. Dies geschah durch Beschluß des Abgeordnetenhauses vom 29. Oktober 1918 27.

Die Landesvertretung, die bisher die Kontrolle der Administration ausgeübt hatte, wurde nun alleiniger Träger dieser Aufgabe. Sie entstand nach der Bildung der (provisorischen) Volksvertretung für Deutschböhmen, deren Konstituierung aber mit den Parteiverhandlungen und den Änderungen der politisch-sozialen Strukturen verbunden war. Hierzu erwiesen sich vor allem die Koalitionsverhandlungen zwischen den bürgerlichen und den sozialdemokratischen Abgeordneten als maßgebend. Anläßlich der Proklamation der Provinz war davon die Rede 28.

Der wichtigste Schritt zur Konstituierung der Landes Vertretung in Form der Landesversammlung wurde bereits am 29. Oktober 1918 vollzogen. Die Schwierigkeiten entstanden im Zusammenhang mit der notwendigen Anpassung an die vollkommene Demokratisierung des Wahlsystems. Sie wurde in der 2. Sitzung des deutschböhmischen Landtags am 27. November 1918 in Reichenberg durchgeführt. Den Antrag hierzu stellte die sozialdemokratische Partei. Die Sozialdemokraten forderten mehr Mandate als ihnen durch die Stichwahlen des Jahres 1911 zugefallen waren. Die Forderung der Sozialdemokraten war zweifellos berechtigt.

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Die korrekte Durchführung einer solchen Umstellung erschien dem Vertreter der bürgerlichen Deutschnationalen, Hartl, rechtlich nicht realisierbar, und man entschloß sich einmütig, die Zahl der Mandate zu erhöhen, und zwar von 55 auf 84. Für ein Mandat wurden rund 5. 000 Stimmen zugrunde gelegt, so daß die Sozialdemokraten bei 165. 000 Stimmen auf 33 Mandate kamen, der Bürgerblock auf 45, die Christlichsozialen auf 4, die Deutsche Arbeiterpartei 29 auf 2. Die Verteilung der Mandate sollte auf ähnliche Weise wie in den anderen Provinzen Deutschösterreichs durchgeführt werden, und dabei hätten alle Parteileitungen die Ermächtigung zu erhalten, die einzelnen Mandatsträger selbst zu bestimmen. Hinzu kam noch, wie der Berichterstatter, Abgeordneter Hartl, ausführte, die Neubesetzung von acht Mandaten der seit 1911 verstorbenen Reichratsabgeordneten 30. Der Landesausschuß empfahl die Ergänzung durch die Parteileitungen. In der Debatte stellte weiterhin der sozialdemokratische Abgeordnete Hillebrand anhand von Beispielen dar, in welchem Ausmaß die Sozialdemokratie bei den Stichwahlen 1911 Stimmen verloren hatte. Dem Modus dieser Wahl zufolge waren bei den Stichwahlen im 2. Wahlgang viele Stimmen der Sozialdemokraten an die bürgerlichen Parteien gefallen. Dies bedeutete in Zahlen ausgedrückt: Auf die bürgerlichen Parteien kamen 59,1 % der Stimmen, sie erhielten indes 83,7 % der Mandate. Bei den Abgeordneten der (bürgerlichen) Agrarpartei zeigte sich das Mißverhältnis am deutlichsten. Hier entfielen auf den einzelnen Abgeordneten 4. 839 Stimmen, während bei den Sozialdemokraten für ein Mandat erheblich mehr Stimmen notwendig waren.

Für die Wahl zur Landes Versammlung wurde nun die Stimmenzahl, die für einen agrarischen Abgeordneten ausgereicht hatte (4. 839), für alle Parteien als ausreichend erklärt. Statt 9 sollten die Sozialdemokraten jetzt 34 Mandate erhalten.

Zu dieser Änderung äußerte sich auch der bürgerliche Abgeordnete Franz Schreiter. Er erklärte, daß eine dem demokratischen Prinzip entsprechende Abänderung der Mandatsverhältnisse nötig sei, wies aber die Auffassung der Sozialdemokraten zurück, in dem Modus der Wahlen von 1911 ein Unrecht zu sehen, zumal das allgemeine gleiche Wahlrecht von 1907, durch welches eben dieses Persönlichkeitswahlrecht mit Stichwahl im 2. Wahlgang eingeführt wurde, ein Postulat der Sozialdemokratie gewesen sei 31.

In einer Zusammenfassung stellte der Berichterstatter Hartl den Beschlußantrag: Zuwahl von 22 sozialdemokratischen Abgeordneten, so daß sich die Zahl der Mandate auf 77 erhöhte, und Besetzung der acht vakanten Mandate durch die Parteileitungen. Die Zahl der Landesausschußbeisitzer wäre auf 12 zu erhöhen. Der Antrag wurde angenommen.

Der Landeshauptmannstellvertreter Wilhelm Maixner behandelte gemäß Tagesordnung die Frage »Verlegung der Landesregierung«. Von den Abgeordneten Westböhmens war eine Verlegung der Landeshauptstadt nach dem Westen gefordert worden, in das Gebiet mit dem größten industriellen Leben,

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nach Aussig oder Teplitz, oder in einen Ort im durchwegs rein deutschen Sprachgebiet Westböhmens - ins Egerland. Die Abstimmung ergab jedoch nach längerer Debatte das Ergebnis 11:3 für den Verbleib der Regierung in Reichenberg. Als einer der wichtigsten Gründe für diese Entscheidung galt die Tatsache, daß sich die Stadt Reichenberg am intensivsten - historisch betrachtet - für die Selbstbestimmung Deutschböhmens und für die Loslösung von Prag eingesetzt hatte.

Als Mitglieder der Landesregierung wurden fünf Landesräte gewählt. Ihre Regierungsfunktionen waren durch die politischen Umstellungen dieser Übergangsära beeinflußt.

Im Rahmen der 2. Sitzung wurde auf Vorschlag des Landeshauptmanns als provisorische Geschäftsordnung der Landesregierung Deutschböhmens die Geschäftsordnung Deutschösterreichs angenommen. Sie wurde dem deutschösterreichischen Gesetz vom 14. November 1918 angepaßt. Die Trennung zwischen autonomer und staatlicher Verwaltung wurde daher für die Landesvertretung aufgehoben. Trotzdem sollte eine getrennte Geschäftsbehandlung in der Form geschehen, daß die staatliche von der Landesregierung wahrzunehmen sei, die autonome vom Landesrat, der an die Stelle des Landesausschusses treten werde.

Darüber hinaus wurde ein eigener Finanzreferent eingesetzt, der für den Geschäftsbereich des Staatsamtes für Finanzen zuständig war. Außerdem hielt man es für notwendig, einen Landesamtsdirektor zu ernennen, dem die Staats- und Landesbeamten zu unterstellen seien. Der Antrag wurde von mehr als zwei Dritteln der anwesenden Abgeordneten angenommen. In 2. und 3. Lesung erfolgte die Annahme des Gesetzes in allen Teilen. Der entsprechende Bericht sollte an den Staatsrat weitergeleitet werden.

Abschließend betonte der Landeshauptmann, daß die Landesregierung gegen die am 13. November begonnene Besetzung deutschböhmischen Gebietes durch tschechoslowakische Truppen Protest einlege. Die Übergriffe der Besatzungstruppen kennzeichnete er als Verletzung völkerrechtlicher Bestimmungen. Offensichtlich sei die Absicht dieses Vorhabens folgendermaßen zu charakterisieren: Noch vor Zusammentreten des Friedenskongresses sollte der Anschein erweckt werden, daß eine freiwillige Unterwerfung unter den tschechoslowakischen Staat erfolgt sei.

In der 3. Sitzung der Landesversammlung am 16. November 1918, der letzten, die in der provisorischen Landeshauptstadt stattfinden konnte, faßte das Plenum den Beschluß über die Annahme der Geschäftsordnung der Provisorischen deutschösterreichischen Nationalversammlung.

Die Landesregierung in Reichenberg stand nun vor der Entscheidung, wohin sie bei einer Besetzung der Stadt aus weichen sollte, um ihre Handlungsfähigkeit - in der Hoffnung auf eine günstige Entscheidung der Friedenskonferenz hinsichtlich der Frage des Selbstbestimmungsrechts - erhalten zu können.

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Die Landesregierung für das Sudetenland in Troppau vollzog unter Protest am 28. Dezember 1918 ihren Rücktritt. Die deutschböhmische Landesregierung hingegen hatte sich für eine Verlegung aus dem besetzten Gebiet entschieden.

Die Erinnerungen des späteren Abgeordneten Gustav Peters, eines Vertragsbediensteten der Landesregierung, werfen Streiflichter auf den Auszug aus Reichenberg am 14. Dezember 1918. Über Zittau gelangte die Landesregierung für Deutschböhmen nach Dresden, und es bestand die Absicht, sich hier in der Nähe der nordböhmischen Gebiete niederzulassen. Von Seiten der damaligen sächsischen Behörden fand die Regierung jedoch keine freundliche Aufnahme. Demnach war an ein Ausweichen nach Dresden infolge der Haltung der sächsischen Landesregierung nicht zu denken, und so wurde als Amtssitz das österreichische Abgeordnetenhaus in Wien gewählt. Hierzu gaben die Abgeordneten aller Parteirichtungen des Landes ihre Zustimmung. Wien bot die größtmögliche Bewegungsfreiheit für die Vertretung des Selbstbestimmungsrechtes .

Am 14. Dezember 1918 übersiedelte die Landesregierung ins »Exil«, und die 4. und 5. Sitzung der Provisorischen Landesversammlung wurden am 28. Dezember in Wien abgehalten. Im Parlament stellte man einige Räumlichkeiten für die Provinzregierung zur Verfügung. Es begann die Zeit, in der die Regierung außer Landes keinerlei Verwaltungsfunktion mehr ausüben konnte; hingegen hatte sie noch eine politische Funktion, die Vertretung des Selbstbestimmungsrechtes bis zur Entscheidung der Friedenskonferenz wahrzunehmen. Völkerrechtlich galt Deutschböhmen vom Standpunkt der deutschösterreichischen Regierung als ein während des Waffenstillstandes militärisch besetztes Gebiet, und als solches wurde es auch bis zum 10. September 1919, dem Tag der Unterzeichnung des Friedens Vertrages in St. Germain, behandelt.

Als besonders wichtiger Punkt der Tagesordnung für die 4. Sitzung am 28. Dezember 1918 erschien der Bericht über die Ergänzung der Landesversammlung, vorgetragen von dem Abgeordneten Hartl. Einzelne Wahlbezirke wurden in Südböhmen (Bildung des Böhmerwaldgaues) und in Ostböhmen (Zuteilung zur Provinz Sudetenland) abgetrennt, so daß sich die Zahl der Mandate von 55 auf 50 verringerte.

Durch die Erweiterung der Landes Versammlung kamen 24 Mandate für die sozialdemokratische Partei, drei für die Christlichsozialen, eines für die deutschnationale Arbeiterpartei und eines für die deutschvölkische Arbeiterpartei hinzu.

Zur Besetzung vakant gewordener Mandate hatten die deutsche Agrarpartei und die deutsche Fortschrittspartei noch keine Wahlvorschläge eingereicht.

Ein weiterer Gesichtspunkt bezog sich auf einen Beschlußantrag hinsichtlich der widerrechtlichen Besetzung deutschböhmischen Gebiets durch tschechoslowakische Truppen. In einer längeren Rede nahm hierzu Landeshauptmann Lodgman Stellung und vertrat die Auffassung, daß Deutschböhmens

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Schicksal noch nicht entschieden sei. Offensichtlich hoffte man noch auf die Friedenskonferenz, eine Hoffnung, die sich als trügerisch erweisen sollte. 33 u. 34

Nun folgte eine längere Diskussion, die lediglich die Uneinigkeit der Parteien deutlich machte und wenig Konkretes im Sinne einer einzuschlagenden Taktik erkennen ließ. Dann wurde noch - gemäß der Tagesordnung - die Wahl eines Landeshauptmannstellvertreters (anstelle von Abg. Wilhelm Maixner) zurückgestellt, die Konstituierung der drei Ausschüsse (Wahlprüfung, Haushalt und Verfassung) jedoch vollzogen.

Über die Landesräte als Mitglieder der gewählten Landesregierung (Hans Hartl, Wilhelm Maixner, Franz Schreiter, Oswald Hillebrand, Josef Herold, Anton Schäfer, Peter Krützner, Vinzenz Kraus und Soukup) ist folgendes zu sagen: Die bedeutendste Rolle unter ihnen spielte der deutschnationale Politiker Hans Hartl. Er war Reichsratsabgeordneter 1911 bis 1918 und beteiligte sich führend an den Arbeiten der deutschböhmischen Landesversammlung 1918/19. Als Mitglied der Landesregierung war er dazu ausersehen, das k. u. k. Korpskommando in Leitmeritz für die Landesregierung zu übernehmen, doch selbst die meisten deutschen Offiziere und Mannschaften waren zu einem weiteren Verbleib im Dienst nicht bereit, und das Kommando löste sich auf. Nach der Besetzung arbeitete Hartl in der Dresdener Geschäftsstelle bis zu ihrer Liquidierung. 1920 und 1928 wurde er zum Senator der deutschen Nationalpartei im Prager Parlament gewählt.

Der Abgeordnete Wilhelm Maixner galt als einer der führenden Politiker der deutschen Agrarpartei, war Parlamentarier in Wien und Prag und Mitglied der deutschen Sektion des Landeskulturrates für Böhmen. Maixner gehörte zunächst - neben Lodgman und Seliger - dem Präsidium der Landesregierung an, was wohl mit der bedeutenden Rolle der Agrarpartei zusammenhing. Von Anfang November bis Ende 1918 fungierte Maixner als Landeshauptmannstellvertreter. Neben Franz Schreiter, der sich bald aus der Regierung zurückzog, nahm der Landesrat Oswald Hillebrand - seit 1911 im österreichischen Parlament - als Sozialdemokrat eine einflußreiche Position ein und war nach 1919 stellvertretender Parteivorsitzender der DSAP.

Aus den Verwaltungsressorts der Landesregierung sind vor allem die leitenden Präsidialbeamten zu erwähnen, unter ihnen in erster Linie Graf Leopold Hartig, Vizepräsident des Landesschulrates, sowie Landesverweser und Finanzlandesdirektor Gustav Rossa-Ottenfeld. Sie waren (neben den anderen Präsidialbeamten, wie etwa Paul Pilz und Richard Mischler) mit der Bildung der kurzlebigen Landesregierung beauftragt.

Über die Einrichtung der staatlichen Verwaltungsorganisationen hinaus wurde auch die Schaffung der Oberbehörden in Angriff genommen: Finanzlandesdirektion, Landeswirtschaftsamt und das Oberlandesgericht in Reichenberg sowie die Post- und Bahndirektion. Die Einrichtung einer Arbeiterversicherungsanstalt und einer Pensionsversicherungsanstalt für Privatbeamte wurde in die Wege geleitet 35.

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Hinsichtlich der Schulen war an eine Übernahme des gesamten deutschen Schulwesens durch die Landesregierung und den Landesschulrat für Deutschböhmen gedacht. Die Durchführung der dafür notwendigen Maßnahmen gelang jedoch nicht vollends und nicht auf allen Verwaltungsebenen. Die Zeit hierfür war zu knapp, und die militärische Besetzung des Grenzgebietes durch tschechoslowakische Truppen beendete die eingeleiteten Arbeiten. Interimistische Regelungen für das Schulwesen waren getroffen worden, doch sie kamen, ebenso wie die Weisungen anderer Verwaltungsorgane, erst, als bereits die Besetzung des deutschböhmischen Gebiets begonnen hatte. An die Spitze der Schulverwaltung, des Landesschulrates, war ein stellvertretender Landeshauptmann und später der Vizepräsident des Landesschulrates, Graf Hartig, getreten 36. Trotz der Einrichtung des Landesschulrates für Deutschböhmen arbeitete die deutsche Sektion des Landesschulrates in Prag weiter. Dies ist für die Unsicherheit der Gesamtsituation charakteristisch 37.

Den genannten Oberbehörden, die in ihrem Wirkungsbereich das gesamte Gebiet der Provinz Deutschböhmen mit Ausnahme des Böhmerwaldgaues umfaßten, war jedoch ebenso wie den Unterbehörden lediglich eine sechswöchige Amtstätigkeit in Deutschböhmen beschieden.

2. Die Besetzung der deutschböhmischen Gebiete durch tschechoslowakische Truppen (November-Dezember 1918)

Volkswehr - Proteste - Der 4. März 1919 - Diplomatische Interventionen der deutschösterreichischen Regierung - Propagandatätigkeit im neutralen Ausland - Das Berner Büro - St. Germain 10. 9. 1919 - Liquidation und Indemnitätserklärung - Amnestie durch den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Masaryk

Schon im November 1918 hatte, wie bereits erwähnt, die Besetzung der Provinz Deutschböhmen durch die nunmehr rasch mobilisierten tschechoslowakischen Truppen unter dem Befehl des Feldmarschalleutnants Jan Divis begonnen. Auf deutschböhmischer Seite wurden unter dem Landesbefehlshaber Feldmarschalleutnant Anton Goldbach Volkswehrabteilungen aufgestellt. Ihre Formierung war zumeist von den Bezirksnationalräten vorgenommen worden. Sie sollten für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch die katastrophale Situation bei Kriegsende, der Zusammenbruch, die Hungersnot im Grenzgebiete und die völlige Kriegsmüdigkeit der Heimkehrer, die zum Teil an der Grenze ihre Waffen abliefern mußten, brachten es mit sich, daß ein Verteidigungswille nicht vorhanden war. Die Offiziere und Mannschaften waren nicht bereit, weiter im Dienst zu verbleiben. Landesrat Hans Hartl war, wie erwähnt, dazu ausersehen gewesen, das k. u. k. Korpskommando in Leitmeritz zu übernehmen, doch die Aufstellung kam nicht zustande. Als Leitmeritz am 9. Dezember 1918 von tschechoslowakischen Truppen besetzt wurde, übergab Feldmarschalleutnant Goldbach das Militärkommando an die tschechoslowa-

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kische Armee. Major Kriegelstein von Sternfeld, einer Egerer Patrizierfamilie entstammend, und Gustav Peters waren mit der Abwicklung der Arbeit im Rahmen der Militärabteilung in Wien befaßt. Der letzte Korpskommandant in Leitmeritz, Feldzeugmeister Franz Daniel Edler von Drinamünde, hatte übrigens den Oberfehl bereits am 31. Oktober niedergelegt. Goldbachs Stabschef, Oberstleutnant Rudolf Kiszling, der spätere Direktor des Wiener Kriegsarchivs, hat Erinnerungen an die letzten Wochen der Provinz Deutschböhmen hinterlassen 38.

Hinsichtlich der beginnenden Besetzung erteilte die Landesregierung den nach und nach - zunächst längs der Hauptbahnlinien - okkupierten Gemeindeverwaltungen oder Bezirksnationalräten lediglich die Weisung, Protest gegen die Besetzung des Ortes zu erheben. Dazu muß betont werden, daß gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstands von Padua die Alliierten vor dem Friedensschluß das Recht hatten, sich strategisch wichtiger Punkte zu bemächtigen. Abgesehen von einigen Zusammenstößen im Brüxer Gebiet und im Böhmerwald (Kämpfe um die Besetzung von Kaplitz) war bis Mitte Dezember 1918 das gesamte Grenzland ohne Widerstand besetzt, wobei es in diesem Gebiet nicht immer gemäß der Haager Landkriegsordnung zuging 39. Tschechoslowakische Truppen bezeichneten sich gelegentlich selbst in den Proklamationen als Besatzungstruppe.

Am 28. Dezember 1918 ergriff Lodgman in der deutschböhmischen Landesversammlung in Wien das Wort und legte dar, wie er die Situation Deutschböhmens, eines besetzten Gebietes, einschätzte. Er erhob die Forderung, der deutschen Bevölkerung die Möglichkeit der Selbstbestimmung zu geben 40. Auch wenn sie dem tschechischen Staat angehören würde, müßte sie in diesem nach demokratischen Prinzipien ihre Vertretung und Mitwirkung finden können.

Im Rahmen der 5. Landesversammlung, die von der Landesregierung in Wien abgehalten werden konnte, wurde noch eine Anzahl von formalen parlamentarischen Punkten der Tagesordnung erledigt: Schriftführer, Ordner und die Wahl des 2. Landeshauptmannstellvertreters. Hinzu traten die Angelobung der Mitglieder der Landesregierung, des Landesrates und der neu eintretenden Mitglieder der Landes Versammlung und schließlich die Behandlung von Finanzfragen 41.

Nach den Wahlen zum deutschösterreichischen Nationalrat (16. 2. 1919) ereignete sich am 4. März 1919 in dem nun besetzten deutschen Grenzland ein tragischer Zwischenfall. Die tschechoslowakische Regierung betrachtete - noch vor dem Friedensvertrag - dieses vorwiegend von Deutschen bewohnte Gebiet als bereits ihrem Staat zugehörig und hatte der Bevölkerung verboten, an den Wahlen teilzunehmen. Als am 4. März 1919 die deutschösterreichische Nationalversammlung in Wien zusammentrat, rief die deutschböhmische Landesregierung zu Demonstrationen für die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts auf. In vielen Städten Böhmens, Mährens und Schlesiens ver-

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sammelten sich die Bürger aller Parteirichtungen zu zunächst friedlichen Kundgebungen, doch das tschechische Militär schoß in die Menge der Demonstranten. Die furchtbaren Tragödien in Kaaden, Eger, Karlsbad, Mies, Aussig, Sternberg und anderen Orten, bei denen 54 Tote zu beklagen waren, erregten in der Weltöffentlichkeit großes Aufsehen, wie die Dokumentationen in den Akten der Landesregierung beweisen 42.

Im Mai 1919 begab sich die deutschösterreichische Friedensdelegation nach St. Germain. Lodman gehörte ihr mit weiteren Repräsentanten als Fachexperte für Deutschböhmen an. Doch die Hoffnungen, die die deutsche Bevölkerung an die Friedensverhandlungen, besonders an die Verheißungen Wilsons, geknüpft hatte, wurden enttäuscht. Die Leiter der Friedenskonferenz verweigerten der deutschösterreichischen Delegation den Zutritt zu den Verhandlungen und gestatteten ihr nur schriftliche Einwendungen. Doch auch diese blieben unberücksichtigt. Die Auffassungen der Prager Regierung, von Benes und den französischen Fachleuten Ernest Denis und Louis Eisenmann vertreten, wurden von den Alliierten anerkannt. Insbesondere wurden die damals noch geheimen fragwürdigen Memoranden, die das Vorhandensein eines zusammenhängenden deutschen Sprachgebiets abstritten, den Verhandlungen zugrunde gelegt. Innerhalb von fünf Minuten nach Sitzungsbeginn waren sich alle Delegierten der zuständigen Kommission in dieser Frage einig: »Le plus simple est de maintenir la frontière teile qu'elle était avant la guerre et de laisser à la Bohème et à l'Allemagne le soin de faire entre elles des échanges de territoires si elles le jugent bon.«43 (Das Einfachste wäre es, die Grenze so zu belassen, wie sie vor dem Krieg (zwischen Böhmen und dem Deutschen Reich) bestand, und Böhmen (der CSR) und dem Deutschen Reich die Aufgabe zu überlassen, untereinander einen territorialen Austausch vorzunehmen, sofern sie es für gut erachten. ) 44

Rüdiger Goldmann hat diese folgenschwere Entscheidung in der Viererratssitzung erwähnt und hervorgehoben: »Er (Wilson) nahm aber zur sudetendeutschen Frage und zur Frage der Grenzziehung zwischen Deutschland und Böhmen nicht mehr Stellung und trat nicht für eine Änderung des Beschlusses ein.« 45

Am 10. September 1919 erfolgte die Unterzeichnung des Friedens Vertrags in St. Germain-en-Laye, und kurz danach mußte die Landesregierung von Deutschböhmen aufgelöst werden.

Am 24. September 1919 entließ der Präsident der österreichischen Nationalversammlung, Karl Seitz, im Rahmen einer Festsitzung die Sudetendeutschen aus dem Staatsverband der Republik. Lodgman hatte es als seine Pflicht angesehen, bis zum letzten Tag für das Selbstbestimmungsrecht einzutreten. Der Landesrat bestellte ihn zum Liquidator der Geschäftsstellen in Deutschböhmen.

Der Historiker Paul Molisch hat diese Geschäftsstellen als eine Art »stellvertretende Landesregierung« bezeichnet. Die führende Position hatte die Propa-

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gandastelle in Teplitz inne, außerdem bestanden noch Kreisgeschäftsstellen in Asch, Karlsbad, Reichenberg, Trautenau und Warnsdorf. In Dresden wurde ein deutschböhmisches Hilfsbüro weitergeführt.

Lodgman vollzog die Abwicklung der Geschäfte in Wien und schließlich in Aussig (nach seiner Rückkehr in die Tschechoslowakei Anfang Oktober 1919). 46, 47 Inzwischen war nach Verhandlungen mit tschechoslowakischen Politikern eine Indemnitätserklärung für die Mitglieder der Landesregierung erfolgt. Außerdem erließ Präsident Masaryk am 10. August 1919 eine Amnestie für die einstigen Mitglieder der deutschböhmischen Landesregierung. Ferdinand Peroutka berichtet in seinem umfassenden und gründlichen Werk Budováni státu (Der Aufbau des Staates):

»Soweit den deutschen Führern eine strafrechtliche Verfolgung drohte, wurden sie der Amnestie teilhaftig, die nach der Entscheidung der Friedenskonferenz Präsident Masaryk aus der sicherlich richtigen Überlegung heraus erließ, daß derjenige, über dessen Staatszugehörigkeit noch nicht entschieden war, nicht Hochverrat im wörtlichen Sinne begehen konnte, auch wenn er dem Willen des Staats zuwiderhandelte, dessen Kompetenz er vorläufig anvertraut war.« 48

Es wurde stillschweigend anerkannt, daß die Deutschen berechtigt waren, für ihr Selbstbestimmungsrecht zu kämpfen.

Anmerkungen

1. Die Führer der Deutschbürgerlichen waren Franz Schmeykal, Ludwig Schlesinger und Karl Eppinger. Sozialdemokraten waren bis 1914 nicht im böhmischen Landtag vertreten.

2. Vgl. hierzu die Arbeit von Karl Albert Simon, »Rudolf Lodgman von Auen und das deutsch-tschechische Verhältnis«, in Beiträge zum deutsch-tschechischen Verhältnis im 19. und 20. Jahrhundert, München 1967, Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 19, S. 47-79, hier S. 49-59. Dort noch weitere Literatur, bes. : Lodgman von Auen, Reden und Aufsätze, hrsg. von Albert Karl Simon, München (o. J. ), und der Aufsatz Simons in Rudolf Lodgman von Auen. Ein Leben für Recht und Freiheit und die Selbstbestimmung der Sudetendeutschen, München 1984, S. 9-53. Außerdem hat Rudolf Hilf ebendort (S. 53-59) Lodgmans Persönlichkeit im Laufe seines langen politischen Lebensweges von der Monarchie über die Republik bis zur bitteren Zeit der Vertreibung und zum Aufbau der Sudetendeutschen Landsmannschaft nach 1945 näher charakterisiert.

3. Sie waren in den neunziger Jahren unter Georg Ritter von Schönerer und Karl Hermann Wolf aus der liberalen Partei hervorgegangen.

4. Vgl. Helmut Rumpier, Die nationalen Probleme Österreichs unter dem Ministerpräsidenten Max von Hussarek. Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie 4, Wien 1962, S. 73.

5. Vgl. die Darstellung Ernst Birkes in Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder, Bd. 3. , München 1968, S. 359-374.

6. Bruno Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4, Stuttgart 1959, S. 72 ff.

7. Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder, aaO. , S. 367.

8. Vgl. Birke, aaOv S. 391. Hierzu und zur Bezirksabgrenzung die Entwürfe des Deutschen Zweiteilungsausschusses, Trebnitz 1909, 55 S. , Verlag d. Dt. Volksrates.

9. Birke, aaO. , S. 391.

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10. Klaus Zeßner, Josef Seliger und die nationale Frage in Böhmen, Stuttgart 1976, S. 103. , Anm. 18.

11. Zeßner, aaO. , S. 103, Anm. 19 - Ein Verständigungsversuch des Abgeordneten Karl Urban (Deutsche Fortschrittspartei) erfolgte am 2. Mai 1916. Zeßner schreibt über die Unterredung Urbans mit Seliger: »Partiell, d. h. Böhmen allein betreffend, kamen diese Pläne sozialdemokratischen Vorstellungen entgegen, sie waren vom Gesamtkonzept her jedoch für die Sozialdemokratie unannehmbar.«

12. Über die Verhandlungen zur Bildung der Koalitionsregierung Lodgman-Seliger, vgl. Artikel in der Zeitung Freiheit, Teplitz, vom 14. Oktober 1918: »Die Sozialdemokratie und die Selbständigkeit Deutschböhmens. Konstituierung einer deutschböhmischen Nationalversammlung?« Vgl. auch Paul Molisch, Die sudetendeutsche Freiheitsbewegung in den Jahren 1918-1919, Wien-Leipzig 1932, S. 17,19,22

13. Molisch, aaO. , S. 22; Zeßner, aaO. , S. 188, Anm. 19: Briefwechsel Pacher-Seliger.

14. Vgl. Jaroslav César, u. Bohumil Cerný, Politika némeckých burzóazních stran v Ceskoslovensku v letech 1918-1938, Teil I, Prag 1962, S. 61, Anm. 78. (Die Politik der deutschen bürgerlichen Parteien in der CSR in den Jahren 1918-1938. )

15. Raphael Pacher, Deutschböhmen, wie es gesetzlich bereits besteht, Wien 1918.

16. Zeßner, aaO. , S. 219-223; der Artikel Seligers »Das selbständige Deutschböhmen« in Der Kampf. Sozialistische Monatsschrift, Wien November 1918, S. 719 f. ; vgl. Zeßner, aaO. , S. 219 ff.

17. Harald Bachmann, »Raphael Fächer und die deutschradikale Bewegung in den Sudetenländern«, in Bohemìa 5 (1964), S. 447-458.

18. Prag 1918.

19. Karl Albert Simon, aaO. (Anm. 2), S. 55 ff.

20. Vgl. Norbert Linz, Das Verhältnis der sudetendeutschen Parteien zum tschechoslowakischen Staat in der Zeit seiner Entstehung 1917-1920, MS. Zulassungsarbeit Erlangen 1966, S. 15. Der Unterhändler Rasin gebrauchte, wie offenbar glaubhaft berichtet wurde, den Ausdruck: »Das Selbstbestimmungsrecht ist eine schöne Phrase - jetzt aber, da die Entente gesiegt hat, entscheidet die Gewalt.« - Vgl. auchMolisch, aaO. , S. 27; Simon, aaO. , 62. Verhandlung am 4. 11. 1918 Seliger-Rasin.

21. Sitzung der Landtagsabgeordneten am 5. 11. 1918 in Reichenberg. (Mit dem in Bleistift geschriebenen Original gleichlautend. Wien, den 11. 2. 1919, Dr. Josef Fischer, Archiv-Konzipist). DBLR Karton 43. Vgl. ebenso Molisch, aaO. , S. 19, und César/Cerný, aaO. , S. 69, Anm. 95-97. Die beiden Autoren stützen sich auf die sicherlich wichtigen Meldungen der Tagespresse. Das Archiv der Landesregierung für Deutschböhmen (DBLR) im AVA Wien haben sie jedoch nicht benützt.

22. Vgl. bes. Zeßner, aaO. , S. 17.

23. Molisch, aaO. , S. 23 f. Von einem Beschluß zur Übersiedlung der Regierung nach Teplitz ist aus den Akten der Landesregierung nichts zu entnehmen. (Der Beschluß kam wohl infolge der Besetzung des Landes nicht zur Durchführung. )

24. Molisch, ebenda - Runderlaß Nr. 35. 563, Prag, 11. 11. 1918.

25. Molisch, aaO. , S. 38 ff.

26. Gustav Peters, u. Alois Erben, Die Deutschen in der Tschechoslowakei, Berlin o. J. , S. 47.

27. Molisch, aaO. , S. 20.

28. Vgl. Cesar/Cerny, aaO. , S. 70, Anm. 100. Die Referatsverteilung der Landesregierung wird gemäß der Reichenberger Zeitung Nr. 260, 2. 11. 1918, wiedergegeben: 1. Präsidium (Lodgman, Seliger, Maixner), Personalangelegenheiten, Sicherheitsangelegenheiten, Verpflegungsangelegenheiten, besondere Angelegenheiten, Pressedienst, Finanzen; 2. Gemeinde- und Bezirksverwaltung (Dr. Herold); 3. Unterricht, Kunst, kirchliche Angelegenheiten (Schreiter); 4. Gesundheit (Hillebrand); 5. Handel, Handwerk, Industrie, Bergwesen (Kraus); 6. Landwirtschaft (Krützner); 7. Soziale Fürsorge (Schäfer); 8. Verkehr (Hartl); 9. Stiftungen und Unterstützungen (Soukup); 10. Öffentliche Arbeiten

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(Kraus); 11. Militärische Angelegenheiten (Hartl); 12. Verwaltete Wirtschaft (Schäfer).

29. Seit 5. 5. 1918 Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei, jedoch keine Beziehung zur Gründung der NSDAP in Deutschland.

30. Änderung in der Zusammensetzung des Landtags in Karton 42 DBLR (AVA Wien). Vgl. den hier vorliegenden Protest der sozialdemokratischen Delegation vom 15. 11. 1918. (Am 13. 11. 1918 hatte sich die Vertrauensmänner-Besprechung mit der Zusammensetzung des Landtags für Deutschböhmen befaßt und verlangt, daß »eine ihrem Stärkeverhältnis entsprechende Vertretung im deutsch-böhmischen Landtag zugebilligt werde«. )

31. Vgl. Karl Ucakar, Demokratie und Wahlrecht in Österreich. Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik 24, Wien 1985, S. 353-357.

32. Molisch, aaO. , S. 98; César/Cerný, aaO. , S. 115, Anm. 6. Molisch charakterisierte die Situation: Um dem Lande näher zu bleiben, erwog die Landesregierung, bevor sie nach Wien übersiedelte, sich in Dresden niederzulassen, doch wurde der Gedanke wegen der ablehnenden Haltung der sächsischen Behörden fallengelassen. Besonders der damalige sozialdemokratische Innenminister Lipinski stand der deutschböhmischen Frage völlig verständnislos gegenüber. Er beschwor Lodgman, wie dieser berichtete, die Bewegung aufzugeben, da durch sie die deutsche Revolution vor dem Ausland als annexionistisch kompromittiert werden müsse.

33. Auch die 6. und 7. Sitzung der Provisorischen Landesversammlung sind noch zu erwähnen. In der 7. (6. 2. 1919) wurde der Bericht des Wahlordnungsausschusses betr. den Entwurf eines Wahlgesetzes und einer Wahlordnung für die einstweilige Landesvertretung Deutschböhmens entgegengenommen. Wahlgesetz und Wahlordnung wurden nach einer Debatte in 2. und 3. Lesung angenommen. Das Protokoll der 6. Sitzung der Provisorischen Landesversammlung war mir leider nicht zugänglich.

34. In der zeitungswissenschaftlichen Dissertation von Paula Herrmann, Der sudetendeutsche Freiheitskampf in den Jahren 1918/19 im Spiegel des »Prager Tagblatts«, der »Bohemia« und der »Freiheit«, phil. Diss. , Prag 1934 (M. S. ), wurde die Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts als »flau und kompromißgeneigt« beurteilt. Die Deutsche Zeitung Bohemia forderte am 5. 11. 1918 ein deutschböhmisches Pressebüro. Es wurde am 7. November 1918 eingerichtet (Leitung: P. Lux, Reichenberg, C. Czermak,Teplitz).

35. Molisch, aaO. , S. 40-44. Die wichtigsten organisatorischen Arbeiten sind hier erwähnt.

36. Rudolf Fiedler, »Volks- und Bürgerschule - Sonderschulen«, in Die deutsche Schule in den Sudetenländern, München 1967, S. 82. Vgl. Vollzugsanweisung vom 23. 11. 1918 über die Schulaufsicht im Sudetenland und Deutschböhmen in Verordnungsblatt für den Dienstbereich des deutschösterreichischen Staatsamts für Unterricht. Zu diesem Zeitpunkt war schon ein großer Teil der Provinz besetzt.

37. Fiedler, aaO. , S. 82.

38. Rudolf Kiszling, »Wie die deutschen Sudetenländer 1918 unter tschechische Herrschaft kamen«, in Österreich in Geschichte und Literatur 3 (1959), S. 18-23.

39. Vgl. Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 11, Mannheim 1974, S. 237, Artikel »Haager Landkriegsordnung« (HLKO), 3. Abschnitt (militärische Gewalt auf besetztem feindlichen Gebiete): Garantie einiger Rechte zugunsten der Bevölkerung, u. a. Schutz des Privateigentums, kein Treueeid gegenüber der Besatzungsmacht.

40. Vgl. Lodgman von Auen, aaO. , 1984, S. 137-149: Rede des Landeshauptmanns von Deutschböhmen in der am 28. 12. 1918 tagenden deutschböhmischen Landesversammlung mit dem Titel »Für die Selbstbestimmung Deutschböhmens«. Vgl. hierzu Sophie A. Welisch, Die sudetendeutsche Frage 1918-1928, München 1980, 142S. (Veröffentlichung des Sudetendeutschen Archivs, Bd. 16), hier S. 31, Anm. 72.

41. Stenographisches Protokoll. 5. Sitzung der Provisorischen Landesversammlung für Deutschböhmen, Wien, 30. 12. 1918.

42. AVA Wien, DBLR, Karton 39-41.

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43. Rüdiger Goldmann, Die Sudetendeutsche Frage auf der Pariser Friedenskonferenz, Veröffentlichung des Sudetendeutschen Archivs 4, München 1970, S. 113-117 über das Memorandum der sudetendeutschen Vertreter (Lodgman, Seliger, Freißler, Klement und Oldofredi). Bereits bei Molisch, aaO. , S. 182 unter Bezugnahme auf S. 181, Anm. 4. Vgl. Fritz Fellner u. Heidrun Maschl, St. Germain im Sommer 1919. Die Briefe Franz Kleins aus der Zeit seiner Mitwirkung in der österreichischen Friedensdelegation Mai-August 1919, Salzburg 1977, S. 25.

44. Goldmann, aaO. , S. 105.

45. Ebenda, S. 107 - Vgl. auch James H. Wolfe, »Woodrow Wilson und das Selbstbestimmungsrecht. Das Problem der böhmischen Grenze«, in Bohemia (8)1967, S. 221. Am 19. Juni 1918 hatte Professor Thomas G. Masaryk den Präsidenten (Wilson) in Washington besucht und die Ansprüche der tschechischen Emigrantenpartei mit größter Dringlichkeit vorgebracht. An Bord der »George Washington« wurde auch über die Festlegung der Grenzen des tschechoslowakischen Staates diskutiert, und Wilson erfuhr zum ersten Mal, daß der von Masaryk geforderte »tschechische Nationalstaat« über drei Millionen deutsche Einwohner enthielt. Der erstaunte Präsident konnte nur entgegnen: »Aber Masaryk hat mir das nie gesagt.«

46. Molisch, aaO. , S. 134.

47. AVA Wien, DBLR. Akten zur Liquidation der Landesregierung. César/Cerný, aaO. , S. 187, Anm. l, der Hinweis auf das Privatarchiv (osobni archiv) R. Lodgmans im Staatsarchiv Leitmeritz (Litomerice). Differenzen zwischen Lodgman und Seliger hatten sich u. a. im Frühjahr 1919 im Zusammenhang mit den Gemeindewahlen im Juni 1919 in der CSR ergeben. Lodgman selbst trat für das Fortbestehen der Landesregierung für Deutschböhmen bis zur Unterschrift in St. Germain (10. 9. 1919) ein. - Die Sozialdemokraten hatten die Abgeordneten-Ernennungen für Deutschböhmen (auf Grund eines Notparagraphen) für den Wiener Nationalrat abgelehnt. (Vgl. Peter Burian, »Politische Probleme zwischen der Republik Österreich und den Nachfolgestaaten«, in R. -G. Plaschka u. K. Mach (Hg. ), Die Auflösung des Habsburgerreiches. Zusammenbruch und Neuordnung, München 1970, S. 456-462. ) - Nach Auflösung der Landesregierung wurden die pragmatisierten (planmäßigen) Beamten in andere Behörden versetzt. Einige Beamte, die noch keine neue amtliche Position erhalten hatten, wurden dem Sudetendienst des Auswärtigen Amts zugewiesen.

48. Ferdinand Peroutka, Budováni státu (Der Aufbau des Staates), Prag 1933-1937, Bd. 2, Teil 2, S. 1296. Für den Hinweis auf die Angaben Peroutkas danke ich Herrn Universitätsprofessor Dr. Helmut Slapnicka, Linz.

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